
Er wurde auf der Insel Taquile im Titicaca-See in Peru gesichtet.

Er wurde auf der Insel Taquile im Titicaca-See in Peru gesichtet.
Alle paar Tage werde ich ausnahmsweise nicht von kläffenden Hunden, hämmernden Nachbarn, hupenden Autos oder lärmenden Kindern geweckt, sondern von Beethovens Für Elise.
Zuerst dachte ich, dass einer der Nachbarn einen monotonen Musikgeschmack hat und das Lied in einer Endlosschleife spielt. Als der Musikterror mal direkt vor der Tür tobte, dachte ich, einer meiner Mitbewohner habe einen kitschigen Klingelton auf seinem Handy. Erst meine ebenfalls bloggende Mitbewohnerin klärte mich auf, dass sich mit diesem Lied die Müllabfuhr ankündigt.
Das ist eigentlich ein ganz netter Service für Leute, die sich nicht merken können, dass dienstags, donnerstags und samstags die viel zu zahlreichen Plastiktüten vors Haus gestellt werden.
Als ich mal einem Müllauto im Zentrum begegnete, fiel mir auf, dass dort eine andere Musik gespielt wurde. In Arequipa hat anscheinend jeder Stadtteil seine eigene Müllabfuhrmusik, und mit Vergnügen stelle ich mir die Debatten in der Stadtratssitzung vor, auf der über die Lieder abgestimmt wird. Vielleicht war jemand besonders findig und merkte an, dass das Urheberrecht auf Für Elise schon abgelaufen ist.
Unter uns: Der Kühlschrank tut’s auch.

Das habe ich von dem Laden in Cochabamba abgeguckt, wo ich regelmäßig sehr günstige weil wahrscheinlich gefälschte Cohibas kaufte. Die Kiste lagerte dort im Kühlschrank auf den Bierdosen. Die Zigarren waren vorzüglich frisch, wie eben mit der Tupolev aus Havanna eingetroffen.
In Bolivien gibt es den passenden Beruf für Leute wie mich, die lesen und schreiben gelernt haben, aber trotzdem an der frischen Luft arbeiten wollen.


In Cochabamba in Bolivien.

In Puno am Titicaca-See in Peru.
Lencois in Brasilien ist typisch für eine Stadt, die einst einen Boom erlebte (in diesem Fall verursacht durch Diamantenfunde) und dann zugrunde ging. In den letzten Jahren sorgt der Tourismus wieder für einen kleinen Aufschwung. Aber während sich die Minenarbeiter noch für Musik, Oper und Theater interessierten, haben die Touristen daran keinerlei Interesse. Und so bleibt das örtliche Theater tot.



Nur zwei Hunde geben ihre Vorstellung von Shakespeares Julius Cäsar.


„Warum hört niemand auf mich?“ denkt sich das Überholverbotsschild auf der Straße von Puno nach Arequipa.
Eine anfängliche Schwierigkeit beim Spanischsprechen in Bolivien und Peru ergibt sich daraus, dass an Substantive oft ein Suffix angehängt wird. Wenn man casita, cebollita oder besito hört, weiß man als absoluter Anfänger nicht immer, was gemeint ist. Im Wörterbuch sind diese Formen meist nicht aufgeführt. Durch verschiedene Endungen wird eine Verkleinerung oder Verniedlichung ausgedrückt, ähnlich -chen und -lein im Deutschen, die jedoch jenseits des Häuschens im Grünen nicht mehr oft verwendet zu werden scheinen.
Mit der Zeit merkt man, dass einige Wörter fast nur in Verkleinerungsform zirkulieren. Anstatt momento oder rato für Moment hört man immer momentito oder ratito, was sich natürlich viel niedlicher anhört, wenn man zum Warten eben eines solchen Momentchens aufgefordert wird. Manche dieser Formen sind auch im Deutschen bekannt. Zum Beispiel ist guerrilla die Verkleinerungsform von guerra (Krieg).
Überhaupt dient die Verkleinerungsform weniger der Aussage, dass etwas tatsächlich kleiner ist, sondern bringt zusätzliche Höflichkeit in die Konversation. Wenn man jemand Fremden etwas fragen will, äußert man keine pregunta sondern eine preguntita. Aus der Bitte por favor wird por favorcito. Und wer am Gehsteig an einem vorbeigehen will, bittet um permisito. Letzteres findet allerdings nur in Bolivien Anwendung, denn andere Länder Südamerikas sind – gelinde gesagt – etwas weniger höflich.
So erstreckt sich die Verniedlichungsform auch auf Wörter, bei denen sie keinen Sinn ergibt. Im Lebensmittelladen in der Avenida Zamudio in Cochabamba betrug die Rechnung manchmal solo cinco bolivianitos, also nur fünf Bolivianchen anstatt fünf Bolivianos. Eine Währungseinheit ist aber nun mal eine Währungseinheit. Durch keine sprachliche Verrenkung der Welt wird sie kleiner. Vielleicht wird einem hier im Krankenhaus auch gesagt, man habe cancerito anstatt cáncer, und schon fühlt man sich nicht ganz so schlimm.
Noch lustiger wird die Verkleinerungsform, wenn sie Wörter betrifft, die das Gegenteil von klein ausdrücken. Das geht über Substantive hinaus. Zum Beispiel werde ich manchmal gordito genannt, was das Diminutiv von gordo (fett) ist. Man will damit nicht ausdrücken, dass ich klein und fett bin, sondern dass ich trotz übermäßigem Tortengenuß eben nur ein Bäuchlein anstatt einen Bauch habe. Oder crecidito, die Verniedlichungsform von crecido. Letzteres bedeutet erwachsen, und jeder mag selbst kreativ werden, um eine deutsche Verniedlichungsform für dieses Wort zu erfinden.
Aber Vorsicht! Manchmal wird das Diminutiv nicht verniedlichend, sondern verächtlichmachend verwendet. So ist ein intelectualillo kein besonders putziger, sondern ein Pseudointellektueller.
Wie komme ich nun darauf? Ach ja, gestern Abend bebte in Arequipa die Erde. Das kommt hier regelmäßig vor, und in meinem Bett und Büro im dritten Stock spüre ich auch leichtere Erdstöße, die man auf einer vielbefahrenen Straße gar nicht mitbekäme. Aber gestern Abend wackelte das ganze Haus. Stärker und länger als gewöhnlich. So sehr, dass ich zum ersten Mal Angst bekam und – viel zu lange – überlegte, ob ich unter dem Bett, im Türrahmen oder auf der Terrasse am sichersten wäre, wenn das Haus zusammenfällt. Zum Glück war nach etwa 20 heftigen Sekunden Schluß. Die Decke und die Wände zeigten lange Risse, aber das Haus stand noch. Ebenso die Nachbarhäuser.
Noch stundenlang konnte ich nicht einschlafen, nicht nur wegen der Nachbeben, die das Haus immer wieder ins Schwanken brachten. Ich war gleichzeitig nervös, aber auch positiv aufgeregt. Mein Herz schlug den verbleibenden Abend schneller, wie wenn ich einen Halbmarathon absolvierte. Ich erfuhr, dass das Epizentrum nahe der Stadt Arequipa lag und die Stärke des Bebens mit 5,2 gemessen wurde. Das ist nicht dramatisch, aber es war genug für einige eingestürzte Häuser, blockierte Fernstraßen und mindestens 9 Tote.
Heute Morgen fragte mich eine Nachbarin, ob ich auch das temblorcito, das Erdstößchen, gespürt hätte. Ich finde es sympathisch, solche Ereignisse sprachlich nicht auch noch aufzubauschen.
Links:
Wie immer waren es die unschuldig aussehenden Mädchen:

Das erste Mädchen ist eine der Uros, die auf den schwimmenden Inseln im Titicaca-See in Peru leben. Das zweite Mädchen ist eine der Mojenos aus dem abgelegenen Dorf Buen Pastor im Tipnis-Nationalpark in Bolivien.