Bolivien: Verfassungsrecht auf Drogen

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Das Hotel, in dem ich in San José de Chiquitos übernachtete (ich hatte leider keinen Couchsurfing-Gastgeber gefunden) verbot nicht nur Hunde, Katzen und Zigaretten, sondern auch Cocablätter.

no coca

Diese Prohibition überraschte mich, da Cocablätter in Bolivien speziellen verfassungsrechtlichen Schutz genießen (Art. 384). Zusätzlich zu den allgemeinen Umweltschutzartikeln in Art. 33, 34 und 380-392 ist das nicht einmal die einzige Pflanze, die besonders erwähnt wird. Art. 392 Abs. 2 gewährt dem Gummibaum und der Kastanie Schutz. (Wenn ich das richtig übersetzt habe. Ich bin schließlich Jurist, kein Botaniker.)

Coca art 384

Es liest sich ein bisschen deplatziert für eine Verfassung, wie Satz 2 versucht, eine wissenschaftliche Tatsache (von der ich nicht weiß, wie unbestritten sie ist) mit unangreifbarem Verfassungsrang auszustatten. In Satz 3 kommt dann die Wahrheit ans Licht: Es geht gar nicht um den Schutz der Pflanze, sondern um das Geschäft und die Arbeitsplätze, die mit deren Kultivierung und Ernte zusammenhängen. Vielleicht wurde die Verfassung, wie so viele andere Dinge in Bolivien, von Coca Cola gesponsort.

Ich bin generell skeptisch, wenn das Gründungs- oder Organisationsdokument eines Staates mit zu vielen Details überfrachtet wird. Oft ist dies der Versuch einer großen parlamentarischen Mehrheit (im Normallfall 2/3), in der Verfassung das zu verankern, was eigentlich in gewöhnliche Gesetze gehört, so dass es, wenn die Supermehrheit mal wieder verloren geht, nicht mehr so einfach geändert werden kann. In anderen Worten, es ist der Versuch, über die eigene Legislaturperiode hinaus zu regieren.

Nicht nur in Verfassungen, auch in einfachen Gesetzen und in Verträgen halte ich nichts von blumiger Sprache, deren Inhalt sich einem nicht gleich erschließt. Wenn meine Kunden irgendwelche hochtrabenden Prinzipien in ihre Verträge aufgenommen haben möchten, frage ich immer: „Und wie wollt Ihr das durchsetzen?“

Die bolivianische Verfassung mit ihren 411 Artikeln ist ein besonders krasses Beispiel solch einer schwafelnden Verfassung, deren Inhalt niemandem hilft, außer Jurastudenten auf der Suche nach einem Thema für die ebenso schwafelige Doktorarbeit. Nehmen wir z.B. Art. 8 Abs. 1:

art 8 lazy

Bedeutet dies, dass ich kein Recht habe, faul zu sein? Oder bindet das nur den Staat? Was passiert, wenn entgegen dieser Verpflichtung/diesem Appell höchste Repräsentanten des Staates als Lügner enttarnt werden? In der Realität passiert natürlich gar nichts. Auf Verfassungen sollten die gleichen Regeln Anwendung finden wie auf Kurzgeschichten: Wenn ein Satz nichts Wesentliches beiträgt, kann man ihn streichen.

Wenn man weiter in der Verfassung herumliest, bekommt man tatsächlich den Eindruck, dass Bolivien etwas gegen Faulheit hat. Ich persönlich bin ein großer Verfechter der Faulheit und bin deshalb froh, dass Art. 108 Nr. 5 nur für bolivianische Staatsbürger gilt.

art 108 duties
art 108 work

Es ist schon schlimm genug, dass Arbeit eine Pflicht ist, aber der Zusatz „im Einklang mit der jeweiligen körperlichen und geistigen Fähigkeit“ stellt eine enorme Belastung für Menschen mit meiner Bandbreite an Talenten und Fähigkeiten dar. Bedeutet „im Einklang mit meinen körperlichen Fähigkeiten“ dass ich Bergsteiger werden muss? Oder ein fallschirmspringender Scharfschütze? Nein, denn Art. 108 Nr. 4 sagt aus, dass ich „eine Kultur des Friedens fördern“ muss. Aber halt, nach Art. 108 Nr. 12 müssen Jungs Wehrdienst in den Streitkräften leisten, obwohl Art. 10 Abs. 1 aussagt: „Bolivien ist ein pazifistischer Staat.“

Mannomann, diese Verfassung ist ein Tohuwabohu. Die Autoren müssen weit mehr als nur ein paar Cocablätter intus gehabt haben. Und dabei sind wir noch nicht einmal bei meinen „geistigen Fähigkeiten“ angelangt, die offensichtlich das Verfassungsrecht aber auch eine Million anderer Interessen umfassen. Was, wenn ich Jurist bin, aber lieber eine amüsante wöchentliche Zeitungskolumne schreibe? Oder Kartoffeln anpflanzen will? Würde ich dann unterhalb meiner „geistigen Fähigkeiten“ arbeiten? Wer entscheidet das? Was wären die Konsequenzen? Wie könnte man mich zwingen, „produktiv“ zu sein? Wer entscheidet, was „gesellschaftlich nützlich“ ist?

Dieser Abschnitt der Verfassung ist noch furchterregender, wenn man sich der Ähnlichkeit mit Art. 12 der Verfassung der Sowjetunion von 1936 bewußt wird: „Die Arbeit ist in der UdSSR Pflicht und eine Sache der Ehre eines jeden arbeitsfähigen Bürgers nach dem Grundsatz: ‚Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.‘ In der UdSSR gilt der Grundsatz des Sozialismus: ‚Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seiner Leistung.‘ “ Zufall?

Art. 108 Nr. 6, den ich oben mit abgedruckt habe, ist auch putzig: Eine Pflicht zum Universitätsbesuch und zum Erreichen mindestens eines Bachelorabschusses. Das ist die perfekte Ausrede für all die Landarbeiter- und Minenkinder, die von ihren Eltern zum Broterwerb eingespannt werden: „Tut mir leid, Papi, ich weiß, wir brauchen was zum Essen, aber es ist meine Pflicht, vier Jahre lang Literaturwissenschaften zu studieren.“

Wie dem auch sei, jetzt seht Ihr wieso ich keine Freunde habe: Ich fange an, über Drogen zu reden, was Euer Interesse erweckt, und am Ende doziere ich über politische Philosophie und Verfassungsrecht. Ich gehe jetzt besser zum La Cancha-Markt und kaufe mir ein Säckchen mit Cocablättern. – Aber wir wissen alle, dass ich mich stattdessen in der Bibliothek wiederfinden werde.

coca Morales
„Esst euer Gemüse!“ (Wie konnte ich nur vergessen, das in die Verfassung aufzunehmen? Schnell, ein neues Referendum!)

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Bergsteigen in Bolivien

Wenn Ihr schon immer mal einen Sechstausender besteigen wolltet, aber bisher den Arsch noch nicht hochbekommen habt, motiviert Euch vielleicht diese Geschichte.

Diese elf Frauen im Alter zwischen 20 und 50 Jahren bestiegen im Dezember 2015 den Huayna Potosí (6.088 m).

Es sind die Ehefrauen von Bergführern, die schon als Trägerinnen und Köchinnen bis zu einer Höhe von 5.130 m, wo sich ein Basislager befindet, gearbeitet haben. Als immer mehr Bergsteiger die Damen fragten, wie es denn auf dem Gipfel aussähe, dachten sie sich “hmm, vielleicht sollten wir uns das tatsächlich mal selbst ansehen“, überzeugten ihre Männer zu einer Zweitagestour und gingen in ihren traditionellen Röcken los. Am besten gefallen mir die einfachen, farbenfrohen Rucksäcke, die aus einem Stück Stoff bestehen, das am Rücken einmal umgeschlagen und vor der Brust verknotet wird. So gehen die Cholitas in Bolivien zum Markt, darin tragen sie ihre feilzubietende Handelsware und sogar ihre Kinder. Was gut genug für ein Baby ist, taugt auch für eine Gletscherüberquerung. Es gibt keinen Grund, sich irgendwelche teure Ausrüstung zu kaufen. Nur schade, dass der Wind die Frauen dazu zwang, auf dem Gipfel ihre traditionellen Hüte abzunehmen.

cholitas mountain 1cholitas mountain 2cholitas mountain 3cholitas mountain 4

(Fotos von Juan Karita.)

Und auch wenn Ihr selbst keine Bergtour vorhabt, offeriert diese Geschichte eine nützliche Antwort, wenn einer Eurer Freunde mal wieder damit angibt, die Zugspitze (2.962 m) oder das Matterhorn (4.478 m) bestiegen zu haben: “Ja? Ich habe ein paar alte, rundliche, bolivianische Frauen gesehen, die über 6.000 m gestiegen sind. Die haben da keine so ne große Sache draus gemacht.”

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Der Weg ins Abenteuer

road jungle

Fotografiert in der Nähe von San José de Chiquitos in Bolivien.

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Der Orient-Express in Bolivien

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Langjährige Leser werden es wissen: Mein bevorzugtes Fortbewegungsmittel ist die Eisenbahn.

So war ich ganz begeistert als ich las, dass es in Bolivien einen Orient-Express gibt: den Expreso Oriental von Santa Cruz nach Quijarro an der brasilianischen Grenze. Noch begeisterter war ich, als ich las, dass es die Klasse Super-Pullman gibt. Normalerweise reise ich ja so günstig wie möglich, aber als Eisenbahnfanatiker wollte ich mir diesen einmaligen Luxus leisten.

Ganz langsam schleppt sich die Lok aus dem Bahnhof, so langsam dass man Porträts der Leute malen könnte, die an den Bahnschranken stehen und dem Wunderwerk der Technik nachblicken. Die Landschaft ist nicht besonders spektakulär, sondern besticht eher durch ihre zunehmende Menschenleere. Mal staubig und trocken, mal grün und überwuchert, aber immer glüht die Sonne und es sieht so sengend heiß aus, dass man selbst im klimatisierten Zug den Hut als Sonnenschutz aufbehalten will. Zudem hätte ich gerne einen Schutz gegen den Fernseher, der in meinem Waggon Konzerte mit brasilianischer Popmusik zeigt. Es gibt keine schlimmere Musik auf der Welt. Nach einer Stunde beginnt dann die Filmvorführung: nicht ganz aktuelle Hollywoodfilme mit spanischen Untertiteln, sehr praktisch für Sprachenlernende wie mich. Das Klingeln eines Mobiltelefons wird mit triiin triiin triiin untertitelt, die Turbine eines Düsenflugzeugs mit fuuiiiii!

Ich konzentriere mich lieber auf die Landschaft.

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Wir fahren durch die Ausläufer des Gran-Chaco-Nationalparks, einer der letzten großen unberührten Busch- und Trockenwaldregionen der Welt. Auf einer geschützen Fläche von der Größe Nordrhein-Westfalens (und in Deutschland regen sich Landwirte auf, wenn mal 20 Quadratkilometer unter Naturschutz gestellt werden sollen) leben hier Jaguare, Pumas, Tapire, Pekaris, Ozelote und eine Menge mehr Tiere, die man als Europäer ohne Biologiestudium nicht kennt. Vom Zug aus sehe ich nur Graureiher mit Fischen in den Schnäbeln.

Im Nationalpark leben die Izoceño, Chiquitano und Ayorea, aber vom Zug aus erheische ich nur Blicke auf eine andere interessante Volksgruppe: die ursprünglich aus Deutschland ausgewanderten Mennoniten, die allesamt die gleichen Landwirtslatzhosen tragen und noch immer Deutsch sprechen. Allerdings – wie ich ein paar Tage später feststellen werde – Plattdeutsch, das ich so wenig verstehe wie Niederländisch oder Afrikaans. Man bemerkt die gemeinsamen Wurzeln, aber man versteht nicht mehr als 5%. Wenn ich als Deutscher in Bolivien also auf einen großgewachsenen, blonden Mann mit blauen Augen treffe, der Giesbrecht oder Schellenberg heißt, dann radebreche ich mit ihm zur Belustigung der umstehenden Bolivianer auf Spanisch. Und ich erwähne absichtlich nur die Männer, den mit den Mennonitenfrauen und -fräulein ist es unmöglich, ins Gespräch zu kommen. Integrationsweltmeister sind die deutschen Auswanderer in Südamerika nicht gerade.

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Aber darum soll es ein andermal gehen, wenn es mir gelingt, mich in diese Gemeinschaft einzuschleichen. Ihr wolltet schließlich etwas über den famosen Orient-Express hören. Also, die Hinfahrt war ganz schön. Für die Rückfahrt ein paar Tage später wähle ich den Nachtzug, wobei der Begriff „wählen“ eine nicht existierende Auswahlmöglichkeit vorgaukelt. Für die 640 km von Santa Cruz nach Quijarro benötigt der Zug nämlich 17 Stunden (womit die Durchschnittsgeschwindigkeit zwar über der in Rumänien liegt, für eine kerzengerade und ebene Strecke aber ziemlich langsam ist). Da es nur einen Zug gibt, ist es mathematisch zwingend, dass der Zug nicht jeden Tag in jeder Stadt vorbeikommen kann. Rückfahrtmöglichkeiten von San José de Chiquitos nach Santa Cruz bestehen dienstags, donnerstags und am Sonntag, und zwar jeweils um 23:04 Uhr. Ich freue mich auf eine geruhsame, gemütliche Nacht in einem Pullman-Schlafwagen.

Allerdings muss irgendjemand ein essentielles Teil des Zuges entfernt haben. Der Waggon schwankt gleichzeitig stärker von links nach rechts als das Schiff, mit dem ich den Atlantik nach Südamerika überquert hatte, ruckelt vor und zurück, so dass mein Kopf immer wieder gegen den Sitz des Vordermanns prallt, und dazu hebt und senkt sich der Wagen wie bei einem Erdbeben. Und das bei nicht mehr als 30 km/h. Ich zerbreche mir den immer schwerer werdenden Kopf darüber, wie man bei so geringem Tempo auf einer geraden Strecke so ein Geruckel und Gerumpel verursachen kann.

Beim Aufnehmen dieses Videos habe ich mich wirklich bemüht, die Kamera still zu halten:

Und der Lärm! Die Untertiel würden in etwa kkkrrrhhhhccchzz kkkkrrrccchhhzzz gghhhrrrtttt lauten. Die bolivianischen und mennonitischen Passagiere tun übrigens so, wie wenn sie in diesem Weltuntergang auf Schienen schlafen können.

Was tun? Na, zum Glück bin ich ich Orient-Express. Da wird es wohl einen Speisewagen geben, wo ich mir jetzt ein Steak grillen lassen, einen Whiskey trinken und eine Zigarre rauchen kann. Ich mache mich also auf die Suche nach dem Waggon, den ich mir in etwa so vorstelle:

Orientexpress Speisewagen

Zwischen den Waggons gibt es hier diese alten Übergänge mit zwei übereinanderliegenden Metallplatten, allerdings ohne jede Sicherung nach links oder rechts. Weiterhin wackelt der Zug so, dass ich fast unter die Räder komme.

Und tatsächlich, in der Mitte des Zuges finde ich den Speisewagen. Der Anblick ist allerdings ernüchternd für Herz und Magen.

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Das Restaurant ist leer. Die Bar ist leer. Die Küche ist leer bis auf eine Pastikflasche mit gelbem Geschirrspülmittel. Einen Kühlschrank gibt es nicht. Die Seitentüren machen den Eindruck, wie wenn dies mal der Postwagen war, der notdürftig umgebaut wurde. Ich bleibe ein wenig an der Bar sitzen und warte auf Hercule Poirot, Dr. Constantine oder Prinzessin Dragomiroff. Aber die haben anscheinend alle den Zug verpasst.

Wenn Ihr Euch jetzt fragt, wie man so eine lange Zugfahrt ohne Speis und Trank überleben kann, so sage ich: Keine Bange! Bolivien ist ein Serviceparadies und an das Wohl der Gäste wird immer und überall gedacht. Bei der tagsüber erfolgten Hinfahrt verkaufte ein Mitarbeiter der Bahn im Zug Getränke und Essen. Nachts übernahmen Kinder diese Arbeit, die allerdings keinen Fahrschein hatten und nach ein paar Stationen aus dem Zug geworfen wurden. Ich weiß nicht, ob sie dort zwei Tage auf den nächsten Zug warten oder durch die jaguar- und pumaverseuchten Sümpfe nach Hause gehen. (Im Bahnhof von Santa Cruz hängen circa 60 Plakate mit den Fotos von Vermissten, hauptsächlich von Kindern und Jugendlichen, und das sind nur die, die in den letzten drei Monaten verloren gegangen sind.)

Praktische Hinweise:

  • Nachdem die Hinfahrt einwandfrei verlief, hoffe ich, dass die unruhige Fahrt eine Ausnahme war. Trotzdem würde ich nicht empfehlen, die ganzen 640 km auf ein Stück zu fahren. San José de Chiquitos und Roboré sind die Städte mit der besten Infrastruktur auf der Strecke.
  • Hier findet Ihr den Fahrplan und die Preise. Es gibt noch weitere Stops an kleinen Haltestellen zwischendurch, von denen ich aber nirgendwo eine Liste gefunden habe.
  • Neben dem Expreso Oriental verkehrt auf der gleichen Strecke ein Ferrobus. Da sich Eisenbus nicht so gut anhörte wie Orient-Express, traf ich die oben dargestellte Wahl. Weil der Ferrobus aber mehr als doppelt so teuer ist, ist er vielleicht (noch) gemütlicher. Vielleicht ist es aber auch nur ein Marketing-Gag, auf den hereinzufallen ich zu gewieft und zu knickrig bin.
  • Mit dem Expreso Oriental kostet die Fahrt über die gesamte Strecke von 640 km nur 100 Bolivianos, das sind etwa 13 Euro.
  • Fahrkarten kann man übers Internet vorbestellen, aber ich habe meine am jeweiligen Tag am Bahnhof gekauft und es waren noch ausreichend Plätze frei. Also kein Grund zum Stress. Wenn der Zug an einem Bahnhof zu nachtschlafener Zeit ankommt, wird etwa eine Stunde vorher der Fahrkartenschalter geöffnet. (Ein nachahmenswerter Service!)
  • Wenn Ihr in Santa Cruz losfährt, benötigt Ihr zusätzlich zum Fahrschein eine Bahnsteigkarte für 3 Bolivianos. Die muss man natürlich an einem anderen Schalter kaufen. Ebenso natürlich sagt einem das beim Erwerb der Fahrkarte niemand.
  • Komischerweise werden bei der Abfahrt in Santa Cruz der Pass und das Gepäck kontrolliert und von einem Drogenspürhund beschnüffelt. Bei der Rückfahrt nach Santa Cruz kontrolliert niemand. Anders als überall sonst werden hier die Drogen anscheinend in der Stadt angebaut und zu den Bauern aufs Land geschmuggelt. Oder kein Polizist will auf dem Dorf arbeiten.
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Der Vizepräsident erklärt die Telenovela

In den meisten Ländern beschränkt sich die Aufgabe des Vizepräsidenten darauf, herumzusitzen bis der Präsident stirbt.

In Bolivien übernimmt der Vizepräsident zusätzlich die Aufgabe, die Rollen und Charaktere der führenden Seifenoper (telenovela) des Landes zu erklären. Das ist kein leichter Job, denn jeden Tag erscheint eine neue Folge.

Vicepresidente telenovela

Ich wollte schon länger über die Geschichte von Evo Morales und seiner Familie, die sich als größer herausstellt als bisher angenommen, schreiben, aber da jeden Tag etwas Neues passiert, habe ich bisher noch nicht die Zeit gefunden. Kurz zusammengefasst geht es um Liebesaffären, Korruption, ein Kind das für tot erklärt wurde aber nach 8 Jahren wieder auftaucht, die wundersame Karriere einer jungen Frau, die als 18-Jährige ein Kind mit dem Präsidenten hatte, bolivianisch-chinesische Milliardengeschäfte, einen Präsidenten der seine (Ex-)Freundin angeblich nicht erkannte als sie für ein Foto mit ihm posierte, Familienfehden und noch vieles mehr. In typisch südamerikaischer Art macht Präsident Morales für all dies eine ausländische Verschwörung verantwortlich (ist aber bis jetzt davor zurückgeschreckt, mich persönlich zu beschuldigen).

Nicht wegschalten! Nur selten kann man live zusehen, wie sich ein Präsident selbst demontiert und sein Vermächtnis verspielt. Tag für Tag wird es peinlicher und schlimmer.

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Fotostudio in Bolivien

Rund um die Behörde in Cochabamba, bei der ich jeden Monat mein bolivianisches Visum verlängern lassen muss, sind eine Menge von Händlern und Dienstleistern vertreten: Essen, Getränke, Kopien, Devisen, Stifte, Flugtickets, alles ist zu haben.

Und für die, die noch schnell ein Passfoto benötigen, gibt es ein Fotostudio:

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Ein Spiegel, eine Leinwand, ein Stuhl, was braucht man mehr?

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Video-Blog: Feiern nach Referendum in Bolivien

Während eines Spaziergangs durch Cochabamba gestern Abend nach Schließung der Wahllokale kam ich an der Plaza de las Banderas vorbei, wo sich eine Handvoll Anhänger der NO-Kampagne versammelt hatten. Sie hatten gegen die geplante Verfassungsänderung gestimmt, mit der dem bolivianischen Präsidenten Evo Morales die Möglichkeit zur erneuten Wiederwahl gewährt würde. Es war nur ein kleines Grüppchen, und besonders glücklich blickten sie nicht drein. Den ganzen Tag über hatte es Berichte über und Hinweise auf Wahlbetrug gegeben. Der Optimismus aus dem Wahlkampf war verflogen. Jeder wußte schon die ganze Zeit, dass das Ergebnis knapp ausfallen würde, aber jetzt war die Anspannung enorm.

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Ich hatte Hunger auf etwas Ungesundes und ging weiter die Avenida Ballivian entlang, bis ich ein Hähnchenrestaurant fand. Im Fernsehen liefen die Nachrichten, und gerade als ich eintrat, wurde die erste Prognose gezeigt: Die NO-Kampagne würde mit 51% gewinnen. Die Augen der Gäste klebten am Fernseher, aber sie zeigten keine Freude. Entweder waren dies hauptsächlich SI-Wähler oder sie konnten es noch nicht glauben.

Für mich war das jedoch ausreichend, das Abendessen ausfallen zu lassen und zurück zur Plaza de las Banderas zu eilen. Allmählich trafen mehr und mehr Menschen mit NO-Fahnen und roten T-Shirts ein, obwohl die Gruppe noch immer nicht sehr stark war.

Die vorbeifahrenden Autos hupten zum Glückwunsch, die Fahrer reckten die Fäuste aus den Fenstern. Und dann war es so, wie wenn jeder, der mit NO gestimmt hatte, die guten Nachrichten vernommen hatte und zu dem Platz im Norden Cochabambas ströhmte. Die Straßen, die den ganzen Tag über wohltuend leer waren (in Bolivien ist an Wahltagen jeder motorisierte Verkehr verboten), füllten sich von einer Minute zur nächsten mit Motorrädern, Autos und Lastwägen. Von überall her wehten rote Fahnen und erklang Musik. Es war wie ein zweiter Karneval.

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Die anfänglich kleine Gruppe war zu einer jubelnden Menge angeschwollen, und ich war natürlich mitten drin.

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Essen in Cochabamba

Manche von Euch haben gefragt, was man hier in Bolivien so isst. Ziemlich viel und ziemlich ungesund, habe ich immer geantwortet.

Jetzt gibt es ein Video, das zeigt, was ich damit gemeint habe. Cochabamba ist als die gastronomische und kulinarische Metropole in Bolivien bekannt, aber vielleicht ist es auch die Hauptstadt des Diabetes.

Ein Mittagsmenü in einem bolivianischen Restaurant (2-3 Gänge mit einer Flasche Cola) kostet übrigens um die 3 Euro. Kein Wunder, dass ich kaum selbst koche. In den Restaurants, die auf Touristen (oder Snobs) abzielen, sind die Preise natürlich höher, aber ich bevorzuge die kleinen Gaststätten, die mittags plötzlich überall aufmachen. Manchmal ist es nur der Garten oder die Garage eines Haues mit ein paar Tischen und Plastikstühlen. Auf der Straße steht dann ein Schild, das das Menü des Tages anpreist. Etwas anderes gibt es nicht, auf jedem Tisch steht das gleiche Essen.

Abends tauchen an jeder Straßenecke Köchinnen auf, die einen Grill oder einen Gaskocher aufstellen oder einen Riesentopf Suppe auf vier Rädern hinter sich herziehen. Auch dabei hat jeder Anbieter nur eine Spezialität, die er zum Teil seit Jahren an der selben Straßenecke zubereitet und verkauft. Ganz in der Nähe meiner Wohnung, an der Kreuzung America/Bolivar, gibt es z.B. trancapechos (siehe ab Minute 2:45) solange der Vorrat reicht, manchmal bis nach Mitternacht. Da nichts anderes im Angebot ist, bestellt man einfach mit der Anzahl der gewünschten Riesenburger, wobei uno vollkommen ausreicht, um für 1,50 € satt zu werden. Nach dem abendlichen Joggen im Abraham-Lincoln-Park schaue ich da oft vorbei.

Trancapecho street

Der Renner bei Getränken ist übrigens Paulaner-Bier. Es gibt in Cochabamba sogar einen Paulaner Fan-Shop, in dem man die passenden Bierkrüge kaufen kann, und für die Norddeutschen ein Bierhaus Dortmund.

Zwischen all dem Ungesunden habe ich nach ein paar Monaten immerhin ein paar vegetarische Restaurants gefunden, das beste davon betrieben von Hare Krishna.

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Wer hat den Ausgang des Referendums in Bolivien richtig vorausgesagt?

Genau, das war ich:

prediction Twitter

Und hier das Ergebnis:

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Mein Schatten ist ein Cowboy

Das Tolle an einem Hut ist, dass der eigene Schatten plötzlich viel cooler aussieht.

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(Fotografiert auf dem Spaziergang von San José de Chiquitos nach Santa Cruz la Vieja in Bolivien. Aber das ist bei diesem Bild eigentlich egal, oder?)

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