Wie versprochen halte ich Euch über die Waldbrände im brasilianischen Nationalpark Chapada Diamantina auf dem Laufenden.
Während ich gestern Wandern war, sah ich aus der Ferne diese Brände. Natürlich schlug ich sofort die Richtung ein, aus der der Rauch kam. Wer könnte der Neugier auf so ein Spektakel schon widerstehen?
Hier ein Video mit ein paar Erklärungen, allerdings nur auf Englisch.
Zwei Aussages muss ich allerdings korrigieren:
Es war gar nichts abgesperrt. Am Eingang des Nationalparks hatte ich zwei Militärpolizisten gesehen und hatte daraus diesen falschen Schluss gezogen. Später sah ich jedoch etliche andere Wanderer, die in die gleiche Richtung wie ich gingen.
Die Information, dass die Feuerwehrleute nur tagsüber arbeiten, war eine Fehlinformation. Ich war mittlerweile mit den Freiwilligen selbst unterwegs, die mir erklärt haben, dass rund um die Uhr gearbeitet wird.
Ich wanderte also immer weiter diese Schlucht hinauf, dem Flussbett entlang, um dem Feuer näher zu kommen.
Geographisch war ich dem Waldbrand dann tatsächlich ziemlich nah, aber das Problem war, dass as Feuer über mir, auf der südlichen Seite der Schlucht war. Steile Klippen trennten das Feuer von mir, und ich hätte fast senkrecht ein paar hundert Meter hochklettern müssen.
Ich versuchte tatsächlich, die nördliche Seite der Schlucht hochzuklettern, weil ich mir dachte, dass ich von dort einen besseren Ausblick auf die Brände haben würde. Aber nach circa 50 Metern musste ich aufhören, weil die Vegetation zu dicht wurde. Außerdem waren die Felsen hier gefährlich rutschig wegen der Wasserfälle. Aber so bekommt Ihr wenigstens ein Video, dass einen Waldbrand und einen Wasserfall zeigt:
Auf dem Rückweg, als es schon dunkel wurde, sah ich dann zum ersten Mal die eigentlichen Feuer anstatt nur die Rauchwolken.
Diese Brände machten einen sehr aktiven Eindruck, und sie loderten immer wieder auf. Aber trotz des Windes schienen sie sich während des ganzen Tages nicht weit ausgebreitet zu haben. Die Brände waren relativ stationär. Aber dann sah ich am Horizont Rauchsäulen aus vielen anderen Teilen der Chapada Diamantina aufsteigen.
Ab Januar 2016 werde ich für mindestens drei Monate einen Stützpunkt in Bolivien aufschlagen.
Wozu eine Basis, wenn ich doch eigentlich reisen will?
Ich fühle mich zwar bekanntermaßen überall sofort zuhause und lebe mich schnell ein, aber zum Arbeiten und vor allem zum Schreiben benötige ich doch die Ruhe, die erst einkehrt, wenn ich nicht mehr aus dem Rucksack lebe und meinen Schreibtisch nicht alle drei Tage räumen muss.
Da ich die nächsten Jahre in Lateinamerika verbringen möchte, sollte ich Spanisch lernen. Um die dafür notwendige Struktur in meinen Tagesablauf zu bringen, ist ein etwas festerer Wohnsitz hilfreich.
Auch finanziell ist es wesentlich günstiger, für ein paar Monate eine Wohnung zu mieten als jeweils nur Zimmer auf Tages- oder Wochenbasis.
So eine Basis erleichtert sogar das Reisen, weil ich nicht mehr ständig all meine Bücher, den Laptop und den ganzen Kram rumschleppen muss (sagt der, dessen gesamter Besitz in zwei Taschen paßt), sondern alles zuhause lasse und jeweils nur mit einem leichten Rucksack für ein paar Wochen auf Tour gehe.
Warum Bolivien?
Im Zentrum Südamerikas gelegen, bietet sich Bolivien schon geographisch an.
Aber viel wichtiger: Ich glaube, dass Bolivien ein Land ist, das mir liegt und das zu mir passt. Die Berge, die geringe Bevölkerungsdichte, das relativ milde Klima (im nicht-tropischen Teil des Landes). Es ist natürlich gefährlich, sich vorab ein Bild von einem Land zu machen, aber ich stelle mir Bolivien genauso vor wie ich selbst bin: ruhig, entspannt, naturnah, freundlich, eher politisch interessiert als ein Partymensch, eher an Substanz als an Oberflächlichkeit interessiert, zivilisiert, aber mit Understatement. Einfach liebenswürdig. Aber dennoch voller Abenteuer.
Insbesondere nach dem ständig feiernden oder am Strand liegenden Brasilien, das für meinen Geschmack ein bißchen zu laut und hedonistisch ist – obwohl ich natürlich auch das andere Brasilien kennengelernt habe -, freue ich mich auf einen Rückzugsort in den Bergen.
Und wo genau in Bolivien?
Mein Traumziel war Sucre, die außerhalb Boliviens weitgehend unbekannte konstituionelle Hauptstadt und Sitz des Verfassungsgerichts. Mit 240.000 Einwohnern und einer durchgehenden Höchsttemperatur von 20 Grad – in Brasilien erleide ich das doppelte davon – scheint diese Stadt auf 2.800 m Höhe genau in das Raster zu passen, dass sich nach meinen verschiedenen Erfahrungen langsam herausbildet. Allerdings habe ich hier auf die Schnelle keine Wohnung gefunden.
Also ziehe ich erst einmal nach Cochabamba, mit 630.000 Einwohnern zwar größer als ich es benötige, doch viele Leute von dort haben mir versichert, dass es sich in der viertgrößten Stadt Boliviens wie in einer Kleinstadt lebt. Mal sehen. Das Klima ist jedenfalls perfekt: Mit Höchsttemperaturen von 25 Grad das ganze Jahr über wird Cochabamba die Stadt des ewigen Frühlings genannt. Und als ich dann noch sah, dass in dieser Stadt in den bolivianischen Bergen nächstes Jahr schon zum 27. Mal das Bertolt-Brecht-Theaterfestival stattfindet, sagte mein Herz schneller „ja“ als meinem Gehirn noch irgendwelche Fragen einfallen hätten können.
Für die Entscheidung, in welches Land und in welche Stadt ich ziehe und welche Wohnung ich miete, habe ich übrigens zwei Tage benötigt. Weniger Zeit, als manche Menschen über den Kauf eines Telefons oder einer Waschmaschine grübeln.
Einen Papagei habe ich in Brasilien bisher noch nicht gesehen. Aber als ich heute im Chapada-Diamantina-Nationalpark auf einem hohen Felsen saß, um den Ausblick und die Ruhe zu genießen, setzte sich dieser ungewöhnlich kolorierte Vogel neben mich und ließ sich in Ruhe fotografieren.
Der klimatisierte Reisebus hält in der Mittagshitze. Fünf Männer mit schweren Stiefeln, in orangen Overalls und mit hinter Fetzen von Stoff, Plastikschutzbrillen und Mützen verborgenen Gesichtern stürmen auf den Bus zu. Zwei der ebenso athletisch wie hungrig und erschöpft aussehenden Kerle haben lange Macheten in den Händen. In einem alten, roten Pritschenwagen wartet ihr Komplize, als einziger nicht vermummt, mit laufendem Motor.
Hinter den saftig-grünen Hügeln steigen mehrere Rauchsäulen auf. Sieben oder acht Brandherde müssen das sein, allein in der näheren Umgebung. Als ich aus dem Bus trete, treffen mich sowohl die Hitze (37 Grad) und der Geruch von Feuer und Rauch wie ein Schlag. Es ist nicht der angenehme Geruch eines Grillabends, sondern der Gestank von Gefahr, Zerstörung und Tod.
Das Städtchen Lençois macht keinen hektischen Eindruck, aber die fünf Männer haben es eilig. Einer von ihnen spricht nur kurz mit dem Busfahrer und öffnet das Gepäckfach. Sie nehmen einige Pakete mit Trinkwasserflaschen heraus, springen auf ihren Pritschenwagen und düsen davon.
Wenn in anderen Ländern ein Nationalpark brennt, mobilisiert die Regierung die Nationalgarde, stellt Flugzeuge und Helikopter zur Verfügung, und die Feuerwehren der benachbarten Bundesländer kommen zur Hilfe. In Brasilien liegt es – obwohl die Waldbrände im Chapada-Diamantina-Nationalpark schon Wochen andauern – an den Freiwilligen aus der Kleinstadt Lençois in ihrem Ford-Pritschenwagen aus den 1950ern, die wütenden Feuer zu bekämpfen. Neben den Macheten sah ich eine Schaufel und eine Spitzhacke. Das ist alles, was die Männer haben. Und jetzt das Wasser, das ihnen jemand aus dem 425 km entfernten Salvador als Spende geschickt hat.
Der Sonnenuntergang sieht gespenstisch aus, wie wenn sich das Feuer auf die Stadt zubewegt.
Beim Rückweg nach Hause sehe ich, dass es auch auf der gegenüberliegenden Seite der Stadt brennt.
So gehen wir in Lençois zu Bett, ohne zu wissen, wie nah die Feuer in der Nacht kommen. Aber im Angesicht der Gefahr ruhig zu schlafen ist vielleicht genau das, was wir von den inaktiven Regierungsvertretern und Behörden lernen können.
Ich bleibe die nächsten drei Wochen in Lençois, so dass ich regelmäßig für Euch berichten kann. Morgen werde ich versuchen, in die Nähe eines der Brandherde zu wandern, um mir die Feuer mal aus der Nähe anzusehen. Aber die wirklich interessante Frage ist natürlich, wer diese Feuer gelegt hat, denn an eine natürliche Ursache glaubt kaum jemand von meinen bisherigen Gesprächspartnern. Es gab keine Gewitter, und außerdem gibt es zu viele Brandherde.
Je mehr ich reise, umso mehr fällt mir auf, dass ich gar nicht unbedingt eine Vorliebe für bestimmte Länder oder Kontinent habe. Vielmehr gibt es bestimmte Arten von Umgebungen, in denen ich mich wohlfühle, egal in welchem Land sie liegen. Ich bin einfach kein Fan von Großstädten, sondern bevorzuge die Natur oder kleinere bis mittelgroße Städte.
Deswegen ziehe ich nach zwei Wochen in Salvador (3,3 Millionen Einwohner) nach Lençóis (11.500 Einwohner) und werde bis Ende Dezember dort bleiben.
Bevor Ihr einwerft, dass es in einer kleinen Stadt wohl kaum genug zu sehen und zu tun gäbe, um solch einen langen Aufenthalt zu rechtfertigen, sollte ich erwähnen, dass Lençóis gleich neben dem Chapada-Diamantina-Nationalpark liegt. Außerhalb Brasiliens hat kaum jemand von diesem Nationalpark gehört, wie überhaupt das Brasilien-Bild sehr beschränt ist. Das größte Land Südamerikas hat so viel mehr zu bieten als Rio de Janeiro und Strände.
Die nächsten drei Wochen werde ich also durch Landschaften wie diese wandern. Allerdings tobten hier in den vergangenen Wochen Waldbrände, so dass es jetzt vielleicht ein bißchen anders aussieht.
Ein Freund aus dem Iran hat mir dieses Foto vom Gefängnis in Schuschtar geschickt. Man beachte sowohl das freiheitszelebrierende Graffiti an der Außenmauer als auch die Wandmalerei des letzten und des jetzigen Obersten Führers, Ruholla Chomeini und Ali Chamenei. Das Gefängnis wäre genau der richtige Ort für diese Schergen.
Die meisten Touristen, die es nach Salvador, die Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaats Bahia, verschlägt, besuchen nur Pelourinho, das restaurierte und herausgeputzte historische Zentrum. Dort haben die meisten der alten portugiesischen Häuser einen neuen Anstrich verpasst bekommen, die Straßen wurden ausgebessert, und zur Erbauung des Sicherheitsgefühls der Touristen tummelt sich eine Menge Polizei. Ausländer, die länge hier bleiben, lassen sich meist im Bezirk Barra nieder, in der Gegend um den Leuchtturm und entlang der Strandpromenade.
Ich habe mir hingegen das Viertel Nazaré ausgesucht, das gleich neben der Altstadt liegt. Es verfügt über eine ähnliche Architektur wie Pelourinho, aber viele der Häuser sehen so aus, wie wenn nichts mehr repariert wurde seit die Portugiesen abgezogen sind.
Dies ist der Blick von meinem Balkon.
Das ist im Zentrum Salvadors, einer Stadt mit 3,3 Millionen Einwohnern, aber viele der Häuser in der Nachbarschaft sind verlassen oder verfallen. Sogar die Vegetation holt sich diesen Teil der Stadt schon wieder zurück. Und das ist nur wenige Minuten entfernt vom Zentrum des Tourismus, dort wo Ihr die Kirchtürme seht. Tolle Aussicht, aber leider bedeutet das auch, dass ich mir die ganzen Konzerte, Samba-Festivals und Trommeln anhören muss, und zwar jeden Tag und jede Nacht.
Aber jetzt kommt doch einfach mal mit auf eine Tour durch das Viertel. Dabei bleiben wir möglicherweise nicht immer ganz streng in den administrativen Grenzen von Nazaré, sondern geraten auch ein wenig in angrenzende Stadtteile.
Das ist die Rua da Poeira, die Straße, in der ich wohne.
Das ist das Nachbarhaus.
Ich muss an dieser Stelle wahrscheinlich erwähnen, dass dies keine favela oder ein Elendsviertel ist. Dies ist ein zentral gelegenes Stadtviertel mit vielen Läden, in dem Menschen mit einfachen Jobs leben. Meine Vermieterin ist zum Beispiel Lehrerin. Es kommt mir nicht besonders gefährlich vor, obwohl sich in manchen der verlassenen Häuser vielleicht manchmal Drogenhändler aufhalten. Bei dem Haus oben erkennt Ihr die behelfsmäßige Tür aus Holzplatten. Manchmal steht sie offen, und junge Männer verbringen dann ihre Zeit in dem Haus oder sitzen auf bequemen Bürostühlen davor.
In der Straße, in der Auto parkt, kann man manchmal junge Friseure sehen. Die Kunden setzen sich auf einen Betonblock, wie man ihn für Straßensperren verwendet, und dann wird unter freiem Himmel das Haar geschnitten. Vielleicht kann ich mir dort mal meinen Bart abrasieren lassen, der sich bei der Hitze nämlich als unangenehm herausstellt.
Viele der Häuser hier stehen zum Verkauf.
Noch mehr Häuser könnte man sich einfach so unter den Nagel reissen.
Nur eine Straße weiter findet man dann schon interessante Kombinationen von alt und modern.
Um Euch zu zeigen, dass das hier wirklich kein dubioses Elendsviertel ist, hier eines der wichtigsten Gerichtsgebäude, das nur ein paar Gehminuten von meiner Wohnung entfernt liegt. Meinen Juristenkollegen habe ich natürlich schon einen Besuch abgestattet, und jeder ist hilfsbereit und freundlich. Wenn ich denn mal jemanden treffe, der Englisch spricht, bekomme ich hier alle Fragen beantwortet, aber dazu mehr in einem späteren Bericht.
Und das schöne Zentrum für portugiesische Literatur. Der Park gleich daneben dient eher als Schlafplatz für Obdachlose, vor allem so ab 18 Uhr.
Natürlich gibt es auch eine Reihe an Kirchen der verschiedensten Epochen, Stile, Glaubensrichtungen und baulichen Zustände.
Auch die Historische Gesellschaft hat einen schönen Turm.
Diese Kino scheint jedoch derzeit leider geschlossen zu sein.
Auf meinen Fotos sieht die Stadt leerer aus als sie ist, weil ich meist darauf achte, Menschen nicht ohne ihre Zustimmung zu fotografieren, aber in Wirklichkeit ist es sehr geschäftig und lebhaft. Und laut! Viele der Markthändler schreien ihre Angebote in die Menge, und einige Läden stellen in der Annahme, dass Lärm Kunden anlockt, riesige Lautsprecher auf.
Und zwischen dem Markttrubel und den Geschäften, die Kleidung verkaufen, die man kaum Kleidung nennen kann, findet sich dann plötzlich wieder ein Gebäude wie ein Palast. Das Eisentor ist verrostet und mit einer Kette verschlossen, die Treppe sieht nicht danach aus, dass irgendjemand sie in den letzten Jahrzehnten beschritten hat. Erst später am Abend konnte ich in zwei der Fenster im obersten Stockwerk Licht erkennen. Die Inschrift besagt, dass dies ein von Franziskanern betriebenes Heim für Arme sei, aber ich weiß nicht, ob das der derzeitigen Nutzung entspricht. Auf jeden Fall müssen diese religiösen Orden ziemlich heftiges Fundraising betrieben haben, wenn sie sich solche Paläste bauen konnten.
Lassen wir den Rundgang ausklingen mit ein paar zufällig zuammengewürfelten Eindrücken, die ich auf Spaziergängen in meiner Nachbarschaft eingefangen habe.
Oh, und Ihr müsst Euch auf jeden Fall noch die Feuerwache ansehen, die genausogut als Schloss in Disneyland herhalten könnte.
Manche meiner Leser haben geschrieben, dass sie die Fotos an Havanna in Kuba erinnern. Nachdem ich ein paar Tage zu allen Tages- und Nachtzeiten herumspaziert bin, fiel mir endlich ein, woran mich dieses Viertel in Salvador erinnert: an Mogadischu in Somalia, vor allem die kleinen Straßen wie meine, die alten Prachtbauten im Kolonialstil, der Lärm und die Gerüche.
In Cetinje in Montenegro stehen auf dem König-Nikola-Platz diese zu Kunstmuseen in aller Welt weisenden Schilder. Neben dem Vatikan, dem MOMA und der Eremitage darf sich Dahlem über eine gesonderte Erwähnung freuen.
Erst so habe ich herausgefunden, dass es in Berlin-Dahlem durchaus einige interessante Museen gibt. Manchmal muss man in die Ferne reisen, um etwas Neues über das eigene Land zu erfahren.
Im Vergleich zu den Bewohnern dieser Häuser, die ich vom Zug in die montenegrinischen Berge aus fotografiert habe, lebte Henry David Thoreau geradezu im Zentrum der Zivilisation.
Um die Häuser überhaupt zu erkennen, müsst Ihr eventuell auf die Fotos klicken, um sie zu vergrößern.