Anthony Bourdain, 1956-2018

Essen ist ein wichtiger Bestandteil des Reisens. Für manche ist es sogar der wichtigste und interessanteste Teil.

Für mich persönlich ist die Nahrungsaufnahme leider der Teil des Lebens, in dem ich am wenigsten abenteuerlustig bin. Ich wünsche, ich wäre offen genug, um alles einmal zu kosten, aber wenn etwas komisch aussieht (Meeresfrüchte), wenn es aus komischen Teiles eines Tieres zubereitet wird (gekochte Schafsköpfe) oder wenn es sich um ein Tier handelt, das ich niemals mit Essen in Verbindung gebracht habe (Meerschweinchen), dann probiere ich es nicht einmal. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand diesem Blog wegen der Artikel über Essen folgt.

Aber es gab zwei kulinarische Fernsehsendungen, die ich mir gerne ansah: No Reservations und Parts Unknown, beide mit Anthony Bourdain.

Was die Nahrung angeht, gefiel mir sein Fokus auf einfache Gerichte und auf Imbissbuden am Straßenrand.

Weil ich weder zu viel Zeit noch zu viel Geld für Essen ausgeben möchte, setze ich mich auch oft an den Straßenrand und bestelle einen Teller von was auch immer in einem großen Kochtopf blubbert oder auf dem Grill schmort. So entdeckte ich Falafel in Israel, Arancini in Sizilien und Trancapechos in Bolivien. Alles Gerichte, die besser sind als das meiste, was man in schnieken Restaurants bekommt.

Aber was mir wirklich an den Sendungen von Anthony Bourdain gefiel, ist dass sie übers Essen hinausgingen und im Grunde viel ernsthafter waren als die meisten Reisesendungen. Niemals belästigte er die Zuschauer mit der hundertsten Fahrt durch die Lagune von Venedig oder einen Besuch des Eiffelturms, sondern er spazierte in die Seitenstraßen, kam mit Leuten ins Gespräch und hoffte immer, dass sie ihn nach Hause einladen würden.

Und dennoch konnte er dabei auch ernste Themen behandeln und sie einem Pulikum zugänglich machen, das anfänglich nur an exotischen Speisen interessiert war. Ein bisschen wie dieser Blog, der auch mehr als ein Reiseblog sein will.

Mit aller Kraft versuchte Anthony Bourdain den Menschen zu zeigen, dass die Welt erst einmal nicht gefährlich, sondern interessant ist, auch die Länder, die eine Konnotation der Gefahr mit sich tragen. Hoffentlich geht diese Botschaft nicht verloren, jetzt wo Anthony Bourdain nicht mehr unter uns weilt.

Weil jeder davon auszugehen scheint, dass sein Tod ein Suizid war (oder war es Russland?), sollte ich auch dazu ein paar Gedanken äußern.

Mich überrascht die Zahl der Leute, die überrascht reagieren. „Er war doch immer so lebenslustig.“ Ich hatte hingegen immer jemanden gesehen, der eher nachdenklich und etwas bedrückt war. Aber selbst wenn jemand nach außen immer lustig und voller Energie ist, was erwarten die Leute denn? Denken die, dass jeder, den das Leben ankotzt oder einfach nur langweilt, weinend in der Ecke sitzt?

Eine weitere Reaktion, die mich stört, ist dass sofort „psychische Probleme“ vermutet werden, oft in Verbindung mit dem Wunsch, dass er sich doch „professionelle Hilfe“ hätte holen sollen, dann wäre er noch am Leben. Es geht niemanden etwas an, ob jemand anders leben will oder nicht. Es ist die Entscheidung des Betroffenen und seine Entscheidung allein. Der Grund muss nicht einmal eine schwerwiegende pyschologische Angelegenheit sein. Die Entscheidung, sein Leben zu der selbstgewählten Zeit und in einer selbstgewählten Art zu beenden, kann vollkommen rational sein. Ich habe ehrlich gesagt Respekt für Menschen, die den Mut für diese ultimative Entscheidung aufbringen.

Wie immer in solchen Fällen suchen die Menschen nach Anzeichen. „Wie hätten wir das früher bemerken können?“, anscheinend in dem Glauben, dass es ein entscheidendes Merkmal gibt, das alle Menschen teilen, die sich mit dem Gedanken an einen Suizid befassen. Das gibt es nicht, und bis Menschen verstehen, dass nicht jeder wie sie denkt, werden sie diese Anzeichen nie erkennen. Falls man es überhaupt kann. Denn wo der eine ein erfülltes Leben sieht, erkennt der andere, dass es nicht so ist. Wo jemand einen Grund sieht, am Leben zu bleiben, ist der andere nur gelangweilt. Wo einer Angst vor dem Tod hat, weiß der andere, dass ein erfolgreicher Selbstmord die eine Entscheidung im Leben ist, die man sicher niemals bereuen wird.

Und lasst Euch niemals täuschen von der „Abenteuerlust“ oder sonstigen scheinbar lebensbejahenden Einstellung. Schließlich ist die Suche nach Abenteuern (und das Essen von komisch aussehenden Tieren) auch eine Art, jeden Tag und jeden Teller mit dem Tod zu spielen. Mir scheint sogar, dass Selbstmord durch Abenteuer die einzige gesellschaftlich akzeptierte Form des Suizids ist.

(Read this article in English.)

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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Eine Antwort zu Anthony Bourdain, 1956-2018

  1. Ich habe mir Anthony Bourdains – No Reservations vor vielen Jahren regelrecht verschlungen und seitdem hatte er immer einen kleinen Platz in meinem Herzen, auch wenn Parts Unknown mir irgendwie entschlüpft ist. Die Nachricht von seinem Tod hat mich deshalb sehr betroffen gemacht. Deinen Ausführungen zu seiner besonderen Herangehensweise an andere Kulturen kann ich nur zustimmen und auch dem, was du zu seinem Tod geschrieben hast.

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