Google, die kleine und sympathische Firma, die sich ihren Platz in unseren Herzen gerade erst durch die Ankündigung, den Google Reader abzuschalten, erneut gesichert hat, wird zum Ende des Jahres ein neues Spielzeug auf den Markt bringen: Google Glass. Das ist eine Brille mit Foto-, Video- und Scanning-Zusatzfunktionen. Sie wird auf Sprachkommandos hören (allerdings vermutlich nicht in Bayern und Sachsen) und sie wird zusätzliche Informationen über die Objekte und Personen liefern, die einem vor die Linse laufen. Google Glass wird also die Funktionen haben, die jedes Telefon heutzutage hat, nur daß Sie es sich ins Gesicht klatschen müssen. Vielleicht glaubt Google, daß weniger Menschen die Brille zuhause vergessen als ihr Telefon, wobei meine persönliche Erfahrung für das Gegenteil dieser Vermutung spricht.
Der Preis für dieses möglicherweise irgendwann mal theoretisch nützliche Gerät wird etwa 1.200 € betragen.
Falls Ihnen das zu viel Geld ist, habe ich ein viel besseres Angebot für Sie:Für nur 200 € sende ich Ihnen dieses moderne Teil, mit dem Sie genauso doof wie mit Google Glass aussehen, wenn Sie es tragen.
Wenn Sie jedoch den Kauf eines Google Glass nicht erwägen, um wie ein kompletter Idiot auszusehen, sondern weil Ihnen der Gedanke behagt, für einen Weltkonzern kostenlos Daten über all die Orte, die Sie besuchen, und all die Personen, denen Sie begegnen, zu liefern und wie eine Rund-um-die-Uhr-Datensammeldrohne durch die Gegend zu schwirren, dann müssen Sie auf das Original setzen.
Ich bin weder fett noch dünn. Meine Statur bezeichne ich einfach als „normal“. Über mein Gewicht habe ich mir nie besondere Gedanken gemacht, weil ich den Grad der Gesundheit eines Menschen immer daran gemessen habe, ob er/sie in der Lage ist, lange Distanzen zu gehen oder zu laufen. Nach meinen Regeln ist man, egal ob man dick oder dünn ist, in Bestform wenn man ein paar Stunden ohne Pause laufen kann. Ich kann das.
Bisher haben mich keine der Standardargumente fürs Abnehmen überzeugt. Ich würde dadurch angeblich attraktiver aussehen. Na und? Das brauche ich nicht, ich bin mit mir selbst zufrieden. Es würde das Risiko von Gefäßkrankheiten und Krebs mindern. Das mag schon sein, aber wenn ich keine Torten und keine Currywurst mehr esse, wäre mein Leben miserabel und unglücklich. Zufriedenheit ist mir wichtiger als Langlebigkeit.
Das alles änderte sich gestern.
Sehen Sie sich diese Spuren an:
Das Foto entstand auf dem Abstieg vom höchsten Berg Litauens, auf dem Weg nach Medininkai. Die Spuren auf der linken Hälfte des Fotos sind die meinigen, die Spuren auf der rechten Seite sind die eines Freundes, mit dem ich diese Wanderung unternahm (er ist dabei, die höchsten Punkte aller europäischen Länder zu erklimmen). Während er feengleich über den Schnee glitt, keinen Deut langsamer als auf einem soliden Untergrund, sank ich mit jedem Schritt in den Schnee. Mit jedem Schritt wurden meine Füße kälter, die Schuhe füllten sich mit Schnee und Eis. Bis zum Knie sank ich oft ein. Es hielt mich zurück, es machte mich müde und erschöpft. Und es war deprimierend.
Ich trug keinen schweren Rucksack, dem ich die Schuld dafür geben könnte. Der einzige Unterschied zwischen uns bestand darin, daß ich etwa 80 kg wiege und mein Wanderbruder nur 55 kg auf die Waage bringt.
Auf dieser Wanderung fand ich ihn schließlich: Den einzig wirklich guten Grund, um abzunehmen. Als Alternative dazu bietet sich aber auch der Umzug in ein Land ohne Schnee an.
Bei der CDU ist ist Sache klar: Angela Merkel als Bundeskanzlerin, die dieses Amt aus mir noch nicht klar gewordenen Gründen weiter ausführen möchte, ist die Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl 2013. Diesmal ist sie sogar in der CSU unangefochten, die deshalb gar keinen Spitzenkandidaten braucht. Dafür hat die CSU aber fast zeitgleich eine eigene Wahl in Bayern. Ganz für sich alleine, ohne CDU. Wenn es nach der CSU ginge, auch ohne all die anderen Parteien. Aber das ging nicht wegen Grundgesetz, Verfassung, Demokratie und so.
Bei der FDP ist bei Redaktionsschluss Rainer Brüderle der Spitzenkandidat. Aber das wird sich bis zur Wahl im September noch einige Male ändern.
Die SPD, bei der das Wort Kandidatur fast immer mit der Vorsilbe „Kampf-“ versehen und damit in das verpöhnte Terrain zwischen Markt- und Wettbewerbsradikalität und Afghanistan-Einsatz gestellt wird, konnte sich auf überraschend undemokratische Weise auf einen Spitzenkandidaten einigen: Peer Steinbrück. Die SPD wäre nicht die SPD, wenn sie dies nicht schon wieder bereute, so dass sich vielleicht noch ein Spitzen-Duo oder -Trio bilden wird. In der SPD muß nämlich immer jeder „eingebunden“ werden, damit ja niemand beleidigt ist und/oder eine neue Partei gründet.
Die Grünen blieben dreien ihrer Traditionen treu und kürten zwei Spitzenkandidaten zweier unterschiedlicher Geschlechter und das noch dazu durch Urwahl: Jürgen Trittin und Katrin Göring-Eckardt.
Und dann kam die Linkspartei. Nicht wie eine bescheidene Regional- oder ständige Oppositionspartei, sondern wie eine einstmals zwei Kontinente umspannende Großmacht mit ihren Panzerdivisionen: Acht Spitzenkandidaten!
Das sind mehr Spitzenkandidaten als bei allen anderen im Bundestag vertretenen Parteien zusammen. Da regiert das Kollektiv, oder eben der Sowjet, wie wir Weltbürger das nennen. Bisher ist nicht bekannt, daß jemand, der Spitzenkandidat bei der Linken werden wollte, abgewiesen wurde. Scheinbar wurde jeder Vorschlag dankend auf- und angenommen. Wenn die Linke mehr Mitglieder hätte, die sich nicht vor der Offenlegung ihrer Vergangenheit als Stasi-Spion fürchteten, hätten es also durchaus auch 80 oder 800 Spitzenkandidaten sein können.
Was sind die Gründe für diesen massiven Einsatz an Humankapital?
Die Linke hat einen Spitzenkandidaten für jeden Tag der Woche, plus einen für Schalttage. Letzteres würde ich Klaus Ernst machen lassen, aber wahrscheinlich bleibt es wie die undankbaren Auftritte an Wahlabenden an Dietmar Bartsch hängen.
Es ist ein Arbeitsbeschaffungsprogramm für Journalisten. Acht Spitzenkandidaten bedeuten achtmal so viele Termine, Reisen, Reden und Interviews. Der Arbeitsmarkt für politische Journalisten wird leergefegt sein. (Hallo Redaktionen: Ich habe übrigens noch nichts vor für diesen Sommer.)
Die Größe des Teams zeigt die Ausstrahlung und Stärke von Gregor Gysi. Natürlich weiß jeder, daß er der eigentliche Spitzenkandidat ist. Aber um den Eindruck einer unsozialistischen Ein-Mann-Show zu beseitigen und Gysi aufzuwiegen (und zu bespitzeln und unter Kontrolle zu halten) braucht die Linke sieben Leute, IMs noch nicht mitgerechnet.
Eine Partei, die aus der Tradition der Einheit von Partei und Regierung kommt, verwechselt möglicherweise den Wahlkampf mit der Regierungsbildung. Bitte erschrecken Sie nicht, wenn manche der Linken das Wahlkampfteam als Politbüro bezeichnen werden. Niemand hat die Absicht, …
Warten Sie auf das TV-Duell. Dann werden Sie den Vorteil von acht (gleichzeitig anwesenden) Kandidaten erkennen.
Wenn ich in der Ferne manchmal an mein Heimatdorf Ammerthal denke, kommt mir der Satz aus Gottfried Kellers Roman „Der grüne Heinrich“ in den Sinn: “Das Dorf zählt kaum zweitausend Bewohner, von welchen je ein paar hundert den gleichen Namen führen; aber höchstens zwanzig bis dreißig von diesen pflegen sich Vetter zu nennen, weil die Erinnerungen selten bis zum Urgroßvater hinaufsteigen.”
Seit ich 2009 ausgewandert bin, war ich nur zweimal zu einem jeweils kurzen Familienbesuch in Ammerthal. Nur wenig hatte sich verändert. Jeder wohnte noch da, wo er schon immer gewohnt hatte. Jeder tat noch das, was er schon immer getan hatte. Das meiste sah so aus, wie es vor Jahren ausgesehen hatte. Lediglich die gewohnt häßlichen Gewerbegebiete und die charakterlosen Neubaugebiete hatten sich noch weiter in die Landschaft vorgefressen, wie wenn man von einer Immobilienblase noch nie gehört hatte.
Durch einen Anruf meines Vaters wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass Ammerthal es jetzt immerhin in die Satiresendung “Quer” im Bayerischen Fernsehen geschafft hatte. Nachdem ich mir die Sendung im fernen Vilnius zugeführt hatte, wusste ich, dass noch etwas so geblieben war wie immer: In Ammerthal wird noch immer so gestritten wie vor 15 oder 20 Jahren. Aktuell geht es um die Trinkwasserversorgung sowie um die Nichtbeachtung eines Bürgerentscheides durch die Mehrheit des Gemeinderates.
In der Pubertät interessieren sich Jugendliche für gewaltsame Auseinandersetzungen oder zumindest deren passiven Konsum. Kriegsfilme, Ballerspiele und amerikanische Wrestling-Shows waren in Mode, als ich in den 80er Jahren heranwuchs. Einige Freunde aus Ammerthal und ich gingen stattdessen monatlich in die öffentliche Gemeinderatssitzung. Im Gegensatz zu den spätabendlichen Wrestling-Übertragungen war hier alles echt: echte Hitzköpfe, echte Beleidigungen, echte Handgreiflichkeiten, echte, tiefsitzende gegenseitige Verachtung zwischen den verschiedenen Fraktionen.
Die Missachtung von Recht und Gesetz scheint ebenso eine Ammerthaler Tradition zu sein wie die Vetternwirtschaft. Diese hat ein Ausmaß erreicht, das, wenn es bei einem afrikanischen Staat vorläge, zum Entzug aller Weltbank-Kredite führen würde. Schon damals wurden die Gemeinderatssitzungen oft vor Gericht weitergeführt. Als ich Jahre später meine Anwaltskanzlei eröffnete, hätte ich mich allein von den Mandatsanfragen aus Ammerthal ernähren können, so wie andere Rechtsanwälte von der Rockerbande “Hells Angels” leben. Da ich meist beide Seiten der an mich herangetragen Streitigkeiten persönlich kannte, konnte ich den Wunsch nach professioneller Einmischung dankend aber abschlägig bescheiden.
Um die Gedanken an den Ort, den meine Eltern vor 38 Jahren für mein Aufwachsen auserkoren hatten, nicht so ausklingen zu lassen, wie wenn es dort gar nichts Positives gäbe, verweise ich auf das Beste an diesem Ort, auf das ich durchaus stolz bin: Seit mittlerweile 24 Jahren hat die Gemeinde Ammerthal eine Partnerschaft mit dem Landkreis Modi’in in Israel. Jährlich findet ein Jugendaustausch statt, mit dessen Hilfe ich selbst etliche Male in Israel war, mein Interesse am Nahen Osten und am Reisen ermutigt wurde und so der Grundstein für meine spätere Weltenbummlerei gelegt wurde. Dass die politische Situation in Ammerthal mindestens genauso verfahren ist wie im Nahen Osten ist aber vermutlich reiner Zufall.