Ist das nicht ironisch? (# 4)

Die ARD-Sondersendung zu dem Feuer in der Behindertenwerkstatt in Titisee-Neustadt, bei dem 14 Menschen starben, wurde in der Reihe „Brennpunkt“ gesendet.

Das paßte wie die Faust auf’s Auge.

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Ist das nicht ironisch? (# 3)

Als ich meine neue Ironie-Reihe startete, hatte ich schon den auf Erfahrung gründenden Verdacht, daß allein die Kommentare der Leser genug Material für das regelmäßige Erscheinen dieser elektronischen Kolumne beisteuern würden. Und tatsächlich, nur einen Tag nach dem Beginn der Serie ist es schon so weit. Die Blogosphäre enttäuscht nicht.

Mein Beitrag über Rassismus in der Bundespolizei wurde, dankenswerterweise sogar mit einem Verweis auf meinen Blog, von Alis Afrika-Blog aufgegriffen. Der dortige Autor stimmt mit meiner Kritik am Bundespolizeipräsidenten, am racial profiling und an der pauschalen Vorverurteilung von Asylbewerbern überein.

Aber dann holt der Autor aus zum nicht minder vorurteilsbehafteten und pauschalen Rundumschlag wie der vorher noch (zurecht) kritisierte Präsident der Bundespolizei:

Man kann also im gleichen Artikel rassistische Vorurteile gegen Schwarze verurteilen und dann, ohne Luft zu holen, Vorurteile gegen vermutete Weiße drucken. Hier ist nur die Ironie köstlich, alles andere nicht. Komisch übrigens, daß ich selbst ziemlich weiß bin und mir trotzdem erkennbar Gedanken gemacht habe.

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Leicht zu verwechseln (6) Urwahl

Urwahl bei den Demokraten in den USA:

Urwahl bei den Grünen in Deutschland:

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Rassismus bei der Bundespolizei

In einem Interview mit dem dieswöchigen Spiegel wurde der neue Präsident der Bundespolizei, Dieter Romann, anläßlich des Gerichtsverfahrens in Koblenz, bei dem offen an der Hautfarbe ausgerichtete Fahndungsmethoden zu Tage traten, zum Rassismus in der Bundespolizei befragt.

SPIEGEL: Hinter dem Verhalten der Beamten steckt kein Rassismus?

Romann: Selbstverständlich nicht. Die Rechtslage und die internen Vorschriften sind eindeutig. Rassismus findet bei der Bundespolizei nicht statt.

Schön ausgedrückt. „Rassismus findet nicht statt.“ Das hört sich danach an, wie wenn zwar eine ganze Menge Rassismus(potential) vorhanden ist, sich aber wegen der „internen Vorschriften“ nicht richtig ausleben kann.

Wenige Absätze weiter im gleichen Interview kommt Bundespolizeipräsident Romann dann auf Zuwanderer aus Serbien und Mazedonien zu sprechen.

Romann: Das ist ein weiteres großes Problem. Allein im September stellten fast 1400 serbische Staatsangehörige und über 1000 mazedonische Staatsangehörige Asylanträge. Die Anerkennungsquote liegt aber nur bei unter einem Prozent. Es handelt sich um einen Asylmissbrauch zur Teilhabe am deutschen Sozialleistungssystem.

So so, „Rassismus findet nicht statt“, aber Asylbewerber kann man nur drei Fragen weiter als Betrüger und Sozialschmarotzer über einen Kamm scheren. Die Asylanerkennungsquote (vor Gerichtsentscheidungen) lag übrigens 2011 für alle Asylbewerber bei 1.5%, also nicht wesentlich höher als für Serben und Mazedonier. (Weiterer Schutz erfolgte über die Genfer Flüchtlingskonvention [15%] und Abschiebeverbote [6%].) Wieso das Stellen eines im Grundgesetz vorgesehenen Antrages per se einen „Missbrauch“ darstellt, kann ich nicht erkennen. Ebensowenig glaube ich, daß alle Antragsteller auf Sozialhilfe hoffen. Es ist nicht deren Schuld, daß Deutschland Asylbewerbern das Ausüben einer Erwerbstätigkeit verbietet.

Alles klar, Herr Romann. Bei so offen zur Schau gestelltem Rassismus benötigen Sie gar keine „internen Vorschriften“ zum Rassismus. Ihre Beamten bekommen auch so ganz gut mit, welche Linie gefahren wird.

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Ist das nicht ironisch? (# 2)

Ausgerechnet vor der personenkulthaftig überdimensionierten Statue von Willy „wir wollen mehr Demokratie wagen“ Brandt stellte die in dieser Zusammensetzung so von niemandem demokratisch legitimierte und eher selbsternannte SPD-Troika den von ihr nach den typischen Hinterzimmergesprächen ernannten Kanzlerkandidaten vor, während andere Parteien dazu eine Urwahl durchführen.

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Ist das nicht ironisch? (# 1)

Die Sächsische Landesärztekammer hat gefordert, daß in Deutschland tätige Ärzte aus dem Ausland noch besser Deutsch sprechen können müssen, als sie es bisher schon nachweisen müssen, um überhaupt in Deutschland arbeiten zu dürfen.

Das finde ich gleich in zweifacher Hinsicht ironisch.

  1. Zum einen amüsiert mich, daß diese Forderung aus dem Ärzteverband des Bundeslandes kommt, dessen Einwohner im Rest des Bundesgebietes am wenigsten verstanden werden.
  2. Zum anderen finde ich diese Forderung aus dem Berufsstand der Ärzte ironisch, die sich doch meist wie folgt oder ähnlich äußern: „Sonorer KS, vesikuläres AG, 6 OK, 7 fehlt. Keine RGs, keine KS-Dämpfung. Medikamentöse Behandlung gg. Psoriasis. T2-gewichtete Sequenz zum MRT.“

Meine Forderung hingegen: Mehr Ausländer, weniger Ärzte.

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Nachtbus

Letzte Woche machte ich mich von meinem gegenwärtigen Wohnort in Vilnius (für die geographisch bisher Uninteressierten: das ist in Litauen, genau genommen ist es sogar dessen Hauptstadt) auf die Reise nach Tallinn (dort gilt das Gleiche für Estland). Vor der Reise stand die Wahl des Reisemittels und dadurch bedingt der Reiseroute.

Die Reise mit dem Zug wäre vermutlich romantisch, aber wie häufig bei romantischen Unterfangen nicht sehr zielführend gewesen. Mit dem Zug hätte ich von Vilnius nach Daugavpils (in Lettland), von Daugavpils nach Riga (Lettland), von Riga nach Valka (Lettland) fahren und in den jeweils genannten Orten umsteigen müssen, dort über die Grenze nach Valga (der estnischen Hälfte des letztgenannten Stopps) gehen müssen und dort schließlich den Zug nach Tallinn besteigen können. Selbst dem überzeugtesten Eisenbahnromantiker verflöge bei solch einer Routengestaltung die Lust am Zugfahren wie die Rauchwolken einer Dampflok bei voller Fahrt.

Ein Sitzplatz im Flugzeug war zu teuer und bedarf daher keiner so eingehenden und für den Leser ermüdenden Erläuterung wie die schienengestützte Option. Ein Auto habe ich nicht. Für das Fahrrad waren mir 530 km zu weit.

Somit verblieb der Bus, genauer gesagt der Langstreckenbus, dieses in Deutschland eher unbekannte und überwiegend von bulgarischen Gastarbeitern bei der Heimreise verwendete und mit der von allen anderen Reisenden mit entsprechendem Naserümpfen betrachtete Verkehrsmittel, das jedoch im übrigen Europa täglich und zuverlässig Studenten, Rucksackreisende und andere Reisende, für die manch ältere Menschen den unangebrachten Sammelbegriff „Zigeuner“ verwenden würden, von A nach B beziehungsweise von Š nach Č befördert.

Die einfache Fahrt von Vilnius nach Tallinn dauert vertretbare 9 Stunden. Täglich gibt es zwei Verbindungen, eine fährt von 10 Uhr bis 19 Uhr und eine von 22:30 Uhr bis 7 Uhr am darauffolgenden Morgen. Einen schönen, sonnigen Tag im Bus zu verbummeln erschien mir eine Vergeudung von Lebenszeit. Die Terminierung des Nachtbusses war aufgrund der vollständigen Kongruenz von Reise- und Schlafenszeit ideal, um keinen Tag zu verlieren, und die Ankunft in Tallinn um 7 Uhr morgens hörte sich nach dem perfekten Einstieg in einen erkundungsreichen Tag an. In der Hoffnung auf fast 9 Stunden geruhsamen Schlafes entschied ich mich also für den Nachtbus.

Und tatsächlich schliefen bald fast alle Mitfahrer. Der von mir vor Fahrtantritt angesichts des Anblicks der Mitreisenden befürchtete Lärm blieb aus; die überwiegend jugendlichen Passagiere schienen sich in Vilnius bereits vollkommen verausgabt zu haben und mussten ihre Energiereserven aufladen. Das anfängliche Piepen und Fiepen der Handys verstummte bald. Vielleicht bedurften sie ebenso des Aufladens ihrer Energie wie die jeweiligen Besitzer und Besitzerinnen. Die wenigen aktivierten Leselampen, die die guten Vorsätze der Lektüre eines schon auf der ganzen Reise mitgeschleppten Romans (vermutlich von Jonathan Franzen) verrieten, erloschen nach geschätzten eineinhalb Kapiteln.

Nur ich konnte nicht schlafen. Dabei war ich müde und hatte seit Mittag nichts Koffeinhaltiges mehr zu mir genommen. Ich hatte sogar den Vorteil, und das sollte bis zum Zwischenstopp in Riga so bleiben, dass der Sitz neben mir freibeglieben war, so dass mein Körper sich auf der Suche nach der optimalen Schlafposition ausbreiten konnte wie flüchtiges Gas unter optimalen Bedingungen. Es nützte nichts. Ich drehte und wendete mich. Ich reckte und streckte mich. Trotz allen Biegens und Schmiegens wollte die Nachtruhe nicht erlösend über mich kommen. Vor 20 Jahren hätte ich diese Unfähigkeit zum Einschlafen auf meine damals schon erreichte Körpergröße von 1,83 Metern geschoben und mich beklagt, dass Busse und Flugzeuge für solch ein Gardemaß eben nicht gemacht sind. Aber habt Ihr schon einmal den eigenen Nachwuchs oder dessen Generationsgenossen der Länge nach betrachtet? Jeder Dreizehnjährige weist heutzutage eine Körperlänge auf, mit der man es vor zwei Generationen allein deshalb in das von der irischen Brauerei gesponsorte Rekordbuch geschafft hätte.

Trotz gemächlichen Dahinrumpelns über das, was eine Autobahn sein will, wurde ich nicht ausreichend müde, um mit dem Denken aufzuhören und mit dem Schlummern zu beginnen. Wut auf meine Einschlafunfähigkeit und Neid auf die im Schlaf Seligen stiegen in mir hoch, beides keine Gefühle von der friedvollen Sorte, wie ich sie in jener Situation gebraucht hätte. Zufällig blickte ich gerade aus dem Fenster als das Schild „Republik Lettland“ vorbeihuschte, das seit 2007 ganz nackt ohne dazugehöriges Grenzhäuschen, Schlagbaum, Nagelbrett (nicht das aus Indien, sondern das gegen die RAF, das auf der rechten Seite keine Nägel hatte) und den diese Utensilien bedienenden Grenzpolizisten versorgenden Kaffeeautomaten auskommen muss. Ja, ich weiß natürlich, dass das Schild überhaupt nicht, sondern nur der Bus und mit ihm irgendwie ich selbst huschte, aber wartet mal, bis Ihr wieder das streng genommen vollkommen falsche „heute scheint keine Sonne“ äußert, dann werdet Ihr die Haarspalterei doppelt und dreifach zurückbekommen. Die während jener Fahrt sehr nervende fette, rote Digitaluhr an der vorderen Innenseite des Busses zeigte 00:45 an. Es waren also erst zweieinviertel Stunden vergangen. Aber immerhin war ich ab da zum ersten Mal in meinem Leben in Lettland. Der erste Unterschied zu Litauen, der mir in jedem von uns durchfahrenen Ort durch meilenweit sichtbare Leuchtreklame eingehämmrt wurde, ist dass eine Apotheke jetzt nicht mehr „Vaistiné“ sondern „Aptieka“ heisst. Sprachenlernen nicht im, sondern ohne Schlaf.

Riga, Hauptstadt Lettlands. Zwischenstopp. Noch immer kein Schlaf. Der Busbahnhof von Riga wirkte überdimensioniert, aber vielleicht brummt er ja tagsüber tatsächlich mit ein-, aus- und umherfahrenden Massentransportmitteln. Selbst unter Vorstellung eines geschäftigen Betriebs konnte ich allerdings nicht verstehen, wieso ein Fluss mitten durch einen Busbahnhof gehen muss.  Vermutlich löst sich diese Frage, wenn ich mal Zeit haben werde, der zeitlichen Reihenfolge der jeweiligen Ansiedlung von Fluss und Busbahnhof nachzugehen. Um 3 Uhr 25 war Riga menschenleer und sah aus wie eine Hollywoodkulisse während eines Komparsenstreiks; um 3 Uhr 25 an einem Freitagmorgen im Oktober bei Regen, wie ich zur Vermeidung des Eurerseitigen Beibringens von Gegenbeispielen konkretisieren sollte.

In Riga erhielt ich eine Sitznachbarin, die nicht nur mich nicht grüßte, sondern nicht mal dem Mann zu(rück)winkte, der sie zum Bus gebracht hatte, obwohl dieser viel freundlicher aussah als dass er eine solche Behandlung verdient hätte. Da fiel es schon gar nicht mehr ins Gewicht, dass ich nur mehr die Hälfte der bisherigen zwei Sitze okkupieren konnte. Zu allem Überfluss (was übrigens – wie auch hier – meist eine überflüssige Floskel ist) begann mit dem Erscheinen meiner neuen Nachbarin das Piepen und Fiepen des von ihr mitgebrachten Mobiltelefons. Ich fragte mich, wer um 4 Uhr morgens wach ist, um sich SMS zu schicken, denn die Prognose, dass ihr telekommunikatives Gegenüber nicht in Japan lebt, wo es jetzt Zeit für den Gang ins Büro oder in irgendeinen vergangenheitsglorifizierenden Schrein wäre, traute ich mir zu. Der Sinn von SMS war doch eigentlich, dass man auch später antworten und deshalb durchschlafen kann.

Apropos Schlafen: Das klappte weiterhin nicht. Ich bereute schon, für die Rückreise in der kommenden Woche effizienterweise identische Gedanken wie für die Hinreise angestellt und ebenfalls den Nachtbus gebucht zu haben. Die romantische Bahnreise gewann wieder an Anziehungskraft, insbesondere in Verbindung mit der Aussicht auf Zeit und Muße zur Lektüre eines langen Romans. „Joseph und seine Brüder“ von Thomas Mann steht noch ungelesen im Regal und böte sich dafür an, insbesondere da Thomas Mann an dieser Tetralogie auch während seines Aufenthalts an der litauischen Küste schrieb und somit ein geographischer Zusammenhang konstruiert werden kann.

In der letzten Stunde vor der Ankunft in Tallinn kam dann jedoch die Entschädigung für die Strapazen des Nichtstuns und Stillsitzens, und zwar wie so vieles Gute, von oben. Die an sich schon schöne Landschaft aus Kiefernwäldern und Holzhäusern wurde durch starken Schneefall bedeckt und verschönert. Ein romantischer Auftakt für meine Reise innerhalb Estlands, die mich – aber das sei einem späteren Bericht vorbehalten – auf die Insel Hiiumaa, an schöne Strände, auf im Wald versteckte verlassene Friedhöfe, zu verfallenen Kirchen und in sowjetische Bunkeranlagen führte.

Dass am gleichen Morgen auf gleicher Strecke ein anderer Bus wegen des von mir mit Kinderaugen und -lächeln bewunderten Schnees verunglückte und dabei ein Todesopfer forderte, ist erstens wahr und tragisch, erfuhr ich aber zweitens erst am Abend jenes Tages und kam deshalb drittens als Information zu spät, als dass sie diesen Bericht noch in irgendeiner Weise hätte beeinflussen können.

Links:

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Wo immer man hinfährt, die Wehrmacht war schon da

Am kommenden Wochenende werde ich eine mehrtägige Exkursion auf die estnische Insel Hiiumaa unternehmen.

Bei der Vorbereitung der Reise auf diese dünn besiedelte, naturbelassene Insel am nordöstlichen Rand Europas bin ich auf das folgende Video gestoßen, das den Angriff und die Besetzung der Insel (dort mit ihrem schwedischen Namen „Dagö“ bezeichnet) durch das Deutsche Reich im Jahr 1941 zeigt.

Egal wie weit man sich in Europa (und selbst in Nordafrika) geographisch von Deutschland weg begibt, unsere Großväter waren schon erobernd, plündernd und mordend da gewesen. Wenn man als Deutscher Urlaub machen möchte, ohne auf die Opfer der Expansions- und Völkermordpolitik der eigenen Vorfahren zu stoßen, muss man schon um die halbe Welt fliegen.

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Leicht zu verwechseln (Folge 5)

Reisebüro:

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Leicht zu verwechseln (Folge 4, mit Video)

Werbung:

Wirklichkeit:

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