Zu höflich für Halloween

Samstagabend, 19:35 Uhr, in Ammerthal, einem kleinen Dorf in Bayern. Das Klingeln an der Haustür kommt unerwartet zu so später, dunkler Stunde. Und wer stört bitteschön während der Sportschau, gerade jetzt wo Dortmund wieder etwas Spannung in den Kampf um die Tabellenspitze bringt?

Drei kleine Mädchen sind es die, nein, man kann nicht sagen „stören“, so niedlich und friedlich stehen sie da, eng aneinander geschmiegt, mit dicken Jacken, denen man das mahnende „Zieht Euch ja warm an!“ der  Mütter ansieht.

Halloween Ammerthal

„Guten Abend“, sagen sie höflich, als mein Vater die Tür öffnet.

„Na, was macht’s Ihr denn?“ fragt dieser amüsiert.

„Halloween“ rufen die drei Mädchen im Chor aus, wie wenn dieser Brauch auch in der bayerischen Provinz schon so bekannt wäre, dass er bald die Heiligen Drei Könige ablösen würde. Was übrigens schade wäre, weil die drei Weisen aus dem Orient gerade jetzt in der Flüchtlingsdiskussion ein schönes Symbol sind.

Mein Vater holt bereitwillig Schokolade und Lebkuchen aus der Küche (wenn ich nicht bemerkt hätte, dass er noch eine Packung für uns zurückgehalten hat, würde ich jetzt einschreiten) und stopft sie in die vom Erfolg des abendlichen Raubzugs schon schwer herabhängenden Säcke.

„Vielen Dank! Einen schönen Abend noch!“ verabschieden sich die freundlichen und höflichen Mädchen mit Piepsstimme.

Dass die Kinder den Heimgesuchten an Halloween ein bißchen Angst und Schrecken einjagen sollen, um durch die Drohung mit noch Schlimmeren ungesunde Lebensmittel zu erpressen, ging beim Herüberschwappen dieses Brauchs über den Atlantik in die Alte Welt wohl verloren wie ein auf einem Piratenschiff ertappter blinder Passagier. In den USA schmieren sich die Kinder Kunstblut ins Gesicht und tun so, wie wenn ihnen eine Axt im Kopf steckt. In diesem Fall sind es eher die drei Mädchen, die ängstlich und erschrocken aussehen, nachdem sie sich durch unseren dunklen Garten und vorbei an holzgeschnitzten Fratzen gemacht hatten und dann von zwei bärtigen Männern im Waldschratlook empfangen wurden. „Wahrscheinlich haben vorne am Gartentor ihre Eltern gewartet“, vermutet mein Vater.

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Das Ghetto von Venedig

Venedig hat die zweifelhafte Auszeichnung, über das älteste Ghetto der Welt zu verfügen. 1516 wurden die Juden der Stadt gezwungen, in dieses Viertel zu ziehen. Dazu kamen weitere wirtschaftliche und soziale Einschränkungen, wobei die Unterdrückung weniger schlimm war als in anderen Teilen Europas. Und ironischerweise war das finstere Mittelalter nicht ganz so finster wie das angeblich aufgeklärte 20. Jahrhundert.

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Die Juden von Venedig erhielten erst mit der Vereinigung mit Italien im Jahr 1866 die gleichen bürgerlichen Rechte. Die folgende Tafel ehrt die venezianischen Juden, die im Ersten Weltkrieg für Italien kämpften und starben,

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wobei dies ihre Gemeinschaft, wie in anderen faschistischen Staaten in Europa in jener Zeit, ein paar Jahrzehnte später nicht vor dem Holocaust bewahrte. Das Mahnmal Der letzte Zug gedenkt der Juden, die aus Venedig in die Konzentrationslager verschleppt wurden.

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Im Ghetto gibt es ein Jüdisches Museum, aber es soll hier nicht der falsche Eindruck erweckt werden, wie wenn das gesamte Viertel nur in der Vergangenheit lebt. Jetzt wohnen Menschen aller Glaubensrichtungen hier und laben sich an den Köstlichkeiten der Bäckereien.

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(Read this post in English.)

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Ein kommunistischer Baumarkt

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Fotografiert in Chișinău, Moldawien.

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Noch ein Monat bis Brasilien

Noch ist Oktober, aber das Novemberwetter hängt schon tief zwischen den Plattenbauten. So sehr ich Rumänien vermissen werde (der Rest des Landes ist schöner als der Blick aus meinem Fenster), an Tagen wie diesem habe ich keine Zweifel, dass es eine gute Entscheidung war, im November nach Südamerika zu ziehen.

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Frankenbus

Falls Ihr in Nürnberg, Würzburg oder Kitzingen mal wieder zu lange auf den Frankenbus warten müßt, kann das daran liegen, dass er sich ziemlich verfahren hat. Diesen habe ich in Chisinau in Moldawien erspäht:

Frankenbus

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„Die Venedighaftigkeit Venedigs“

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Turm über Wasser

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Natural History Museum Venice

Der Titel ist ein Zitat aus Antal Szerbs Buch Reise im Mondlicht.

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Markusplatz in Venedig

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Jugonostalgie

Wenn seit dem Ende einer Diktatur genügen Jahre ins Land gezogen sind, werden manche Menschen nostalgisch. Sie überbetonen dann die positiven Aspekte der Diktatur und vergessen die Arbeitslager, die politischen Gefangenen, die Zensur. Sie nehmen ihren Lieblingsdiktator in Schutz, indem sie darauf hinweisen, dass er nicht so schlimm war wie andere Diktatoren, wie wenn das der Maßstab wäre. Oft vermengen sie die Erinnerung an die Zeit, in der sie noch jung und gesund waren, mit einer Verklärung der „guten alten Zeit“, ohne zu bemerken, dass sie in einer Demokratie mindestens genauso jung und gesund gewesen wären.

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Ein Aspekt, den ich jedoch auf Reisen vom Iran bis zu den Nachfolgestaaten Jugoslawiens und der Sowjetunion gelernt habe, ist, dass Menschen echt sauer sind, wenn sie jetzt ein Visum benötigen, um in Länder zu reisen, die sie früher visumsfrei bereisen konnten. Teilweise liegt das daran, dass einige osteuropäische Staaten Schengen-Mitglied wurden, manchmal liegt es an einer generellen Verschärfung der Visumsregeln, vor allem in den USA, und teilweise ist es eine natürliche Folge des Auseinanderfallens alter Reiche.

Wie mir ein Mann in Transnistrien sagte: “Als wir die Sowjetunion noch hatten, konnte ich frei reisen. Ich konnte nach Lettland, Weissrussland, Kirgistan, Kasachstan, überall hin. Jetzt brauche ich für all diese Länder ein Visum.“ Trotz der gewonnenen politischen, wirtschaftlichen und persönlichen Freiheiten wiegt der Verlust eines bestimmten Aspekts der Reisefreiheit mehr. Dabei wird oft übersehen, dass es in jener Zeit oft die eigenen Staaten waren, die ihre Bürger nicht ziehen ließen.

Immer wenn ich diese Art der Nostalgie für Diktaturen oder unterdrückerische Regime, inklusive der DDR-Ostalgie, sehe, frage ich mich, was wohl diejenigen dabei empfinden, die Verfolgung, Gulag oder politische Haft überlebt haben.

Und wenn Jugoslawien, die DDR oder die Sowjetunion tatsächlich so großartig waren, warum sind sie dann kollabiert?

(Die Fotos habe ich in Cetinje, Montenegro gemacht. – To the English version of this article.)

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Belgrad im Zeichen der Kriege

Regelmäßigen Lesern meines Blogs wird mein Talent, wo immer ich bin, auf Spuren vergangener Kriege zu stoßen, schon aufgefallen sein, aber Belgrad macht es einem diesbezüglich wirklich leicht.

Es beginnt damit, dass der Kalemegdan, die Festung der Stadt, jetzt als Militärmuseum fungiert.

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Zusätzlich zu der Dauerausstellung der militärischen Hardware fand ich bei meinem letzten Besuch in Belgrad im Oktober 2014 eine Ausstellung vor, die der Befreiung der Stadt am Ende des Zweiten Weltkriegs gedachte.

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Leider hielt niemand inne, um sich die historischen Bilder von vor 70 Jahren anzusehen. Ich war der einzige, den es interessierte. Und plötzlich fiel mir ein, dass einer meiner Großväter einige Jahre in einem Kriegsgefangenenlager in Jugoslawien verbracht hatte. Ich weiß nicht einmal, ob er in Jugoslawien gekämpft hatte oder ob er woanders gefangen genommen und dann nach Jugoslawien verbracht wurde. (Ich muss diesbezüglich mal Nachforschungen anstellen. Wenn jemand von Euch Näheres über die Kriegsgefangenenlager in Jugoslawien weiß oder ähnliche Recherchen betrieben hat, könnt Ihr mich gerne kontaktieren!) Wie überall sonst in Europa, wo einst die Wehrmacht gewütet hatte, war die Erinnerung beklemmend, aber die Gegenwart befreiend. Nur zwei Generationen später stand ich in Belgrad, ein Krieg zwischen unseren beiden Ländern ist undenkbar, und Serbien befindet sich auf dem Weg in die EU.

Viel sichtbarer und frischer sind hingegen die Erinnerungen an das NATO-Bombardement von 1999. Die ausgebombten Gebäude des serbischen (früher des jugoslawischen) Verteidigungsministeriums sind einfach so belassen worden, mitten im Stadtzentrum von Belgrad.

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Entweder ist nicht genug Geld für die Reparatur vorhanden, oder jemand hat sich gedacht, dass dies ein praktisches Denkmal für die angebliche internationale Verschwörung gegen das stets friedliche Serbien abgeben würde. In meinen Augen ist es eher ein Denkmal für die Präzision von Marschflugkörpern. Und weil der Rest des Gebäudes immer noch ausreicht, um das Verteidigungsministerium zu beherbergen, zeigt es, dass Staaten auch mit einem stark reduzierten Militärapparat ganz gut leben können.

(To the English version of this article.)

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MH17: kein schöner Tod

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Den Tod an sich braucht man nicht zu fürchten. Wir wissen, dass er kommt, und wir wissen, dass er kommen muss, weil es sonst auf der Erde noch bedrängter zuginge. Die Zeit und die Art des Todes sind es, die wir fürchten.

Über Letzteres wird jeden Tag gelogen. „Er war sofort tot“, „es passierte so schnell, dass sie gar nicht mitbekam, was geschah“, „sie spürten keinerlei Schmerzen“ fehlinformieren die beiden Männer die Hinterbliebenen über die Türschwelle hinweg, bevor sie sich in ihren Mittelklassewagen setzen um die Liste mit den acht verbleibenden Namen und Adressen abzuarbeiten, die quer durch das Bundesland verstreut sind wie Kuhfladen auf einer Weide, um dazwischen zu diskutieren, wo am besten die Mittagspause einzuschieben wäre.

Am 17. Juli 2014 fiel eine auf dem Flug der Malaysia Airlines von Amsterdam nach Kuala Lumpur hart arbeitende Boeing 777 über der Ukraine aus allen Wolken. Niemand an Bord überlebte.

Das Flugzeug wurde abgeschossen, was nichtsahnenden Passagiermaschinen erstaunlich oft passiert. Es war gar nichts Persönliches gegen Malaysia Airlines oder irgendjemanden an Bord. Ganz im Gegentum war es einer dieser Unfälle, die passieren müssen, wenn ein Rudel separatistischer Rebellen ein neues Waffensystem zum Spielen bekommen hat und niemand sich bereit erklärt, das dicke Handbuch zu lesen. Also in etwa so als Ihr zum 14. Geburtstag ein Luftgewehr oder – für meine Leser in den USA – zum 8. Geburtstag ein AR-15-Schnellfeuergewehr bekommen habt.

Wieder einmal wird ein Angestellter der Fluglinie, der Leichenbeschauer oder ein Pfarrer den Familien erzählen, dass ihre Söhne und Mütter „überhaupt nichts gespürt“ hätten. Aber dieses Mal wissen wir, dass es nicht stimmt. Wenn ich mir diese Fotos vom Absturzort ansehe, sehe ich Gegenstände in besserem Zustand als in den meisten Kinderzimmern. Diese Bücher sind nicht zerfleddert oder verbrannt, diese Kleidungsstücke sind nicht verkohlt oder zerrissen.

MH17 teddy
MH17 t-shirt Amsterdam
MH17 LP Bali

Wenn Bücher nicht verbrennen und Teddybären nicht verbluten, dann muss auch zumindest ein Teil der Passagiere den Einschlag der Rakete überlebt haben. Genau das ist immer meine größte Angst beim Fliegen gewesen: ein Szenario, in dem das Flugzeug auseinanderbricht und ich, bei vollem Bewusstsein, mehrere Minuten lang dem sicheren und brutalen Tod entgegen falle, ohne dieses Leiden beenden oder verkürzen zu können. Dazu noch Hunderte von Menschen in der Luft, die alle in ihre Mobiltelefone schreien oder tippen während sie auf Autobahnen und Hochspannungsleitungen zurasen. Plop – plop – plop, dreihundert Mal.

Nachdem ich diese Fotos gesehen habe, weiß ich, dass meine Angst gerechtfertigt ist. Ich werde bei meinen zukünftigen Reisen noch mehr als bisher Züge und Schiffe präferieren. Alternativ könnte man Flugzeuge mit Sprengstoffladungen ausstatten, um einen schnellen und tatsächlich schmerzfreien Tod zu gewährleisten.

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