Fotografiert in Chișinău, Moldawien.
-
Aktuelle Beiträge
-
Schließe dich 636 anderen Abonnenten an
Noch ist Oktober, aber das Novemberwetter hängt schon tief zwischen den Plattenbauten. So sehr ich Rumänien vermissen werde (der Rest des Landes ist schöner als der Blick aus meinem Fenster), an Tagen wie diesem habe ich keine Zweifel, dass es eine gute Entscheidung war, im November nach Südamerika zu ziehen.
Falls Ihr in Nürnberg, Würzburg oder Kitzingen mal wieder zu lange auf den Frankenbus warten müßt, kann das daran liegen, dass er sich ziemlich verfahren hat. Diesen habe ich in Chisinau in Moldawien erspäht:
Wenn seit dem Ende einer Diktatur genügen Jahre ins Land gezogen sind, werden manche Menschen nostalgisch. Sie überbetonen dann die positiven Aspekte der Diktatur und vergessen die Arbeitslager, die politischen Gefangenen, die Zensur. Sie nehmen ihren Lieblingsdiktator in Schutz, indem sie darauf hinweisen, dass er nicht so schlimm war wie andere Diktatoren, wie wenn das der Maßstab wäre. Oft vermengen sie die Erinnerung an die Zeit, in der sie noch jung und gesund waren, mit einer Verklärung der „guten alten Zeit“, ohne zu bemerken, dass sie in einer Demokratie mindestens genauso jung und gesund gewesen wären.
Ein Aspekt, den ich jedoch auf Reisen vom Iran bis zu den Nachfolgestaaten Jugoslawiens und der Sowjetunion gelernt habe, ist, dass Menschen echt sauer sind, wenn sie jetzt ein Visum benötigen, um in Länder zu reisen, die sie früher visumsfrei bereisen konnten. Teilweise liegt das daran, dass einige osteuropäische Staaten Schengen-Mitglied wurden, manchmal liegt es an einer generellen Verschärfung der Visumsregeln, vor allem in den USA, und teilweise ist es eine natürliche Folge des Auseinanderfallens alter Reiche.
Wie mir ein Mann in Transnistrien sagte: “Als wir die Sowjetunion noch hatten, konnte ich frei reisen. Ich konnte nach Lettland, Weissrussland, Kirgistan, Kasachstan, überall hin. Jetzt brauche ich für all diese Länder ein Visum.“ Trotz der gewonnenen politischen, wirtschaftlichen und persönlichen Freiheiten wiegt der Verlust eines bestimmten Aspekts der Reisefreiheit mehr. Dabei wird oft übersehen, dass es in jener Zeit oft die eigenen Staaten waren, die ihre Bürger nicht ziehen ließen.
Immer wenn ich diese Art der Nostalgie für Diktaturen oder unterdrückerische Regime, inklusive der DDR-Ostalgie, sehe, frage ich mich, was wohl diejenigen dabei empfinden, die Verfolgung, Gulag oder politische Haft überlebt haben.
Und wenn Jugoslawien, die DDR oder die Sowjetunion tatsächlich so großartig waren, warum sind sie dann kollabiert?
(Die Fotos habe ich in Cetinje, Montenegro gemacht. – To the English version of this article.)
Regelmäßigen Lesern meines Blogs wird mein Talent, wo immer ich bin, auf Spuren vergangener Kriege zu stoßen, schon aufgefallen sein, aber Belgrad macht es einem diesbezüglich wirklich leicht.
Es beginnt damit, dass der Kalemegdan, die Festung der Stadt, jetzt als Militärmuseum fungiert.
Zusätzlich zu der Dauerausstellung der militärischen Hardware fand ich bei meinem letzten Besuch in Belgrad im Oktober 2014 eine Ausstellung vor, die der Befreiung der Stadt am Ende des Zweiten Weltkriegs gedachte.
Leider hielt niemand inne, um sich die historischen Bilder von vor 70 Jahren anzusehen. Ich war der einzige, den es interessierte. Und plötzlich fiel mir ein, dass einer meiner Großväter einige Jahre in einem Kriegsgefangenenlager in Jugoslawien verbracht hatte. Ich weiß nicht einmal, ob er in Jugoslawien gekämpft hatte oder ob er woanders gefangen genommen und dann nach Jugoslawien verbracht wurde. (Ich muss diesbezüglich mal Nachforschungen anstellen. Wenn jemand von Euch Näheres über die Kriegsgefangenenlager in Jugoslawien weiß oder ähnliche Recherchen betrieben hat, könnt Ihr mich gerne kontaktieren!) Wie überall sonst in Europa, wo einst die Wehrmacht gewütet hatte, war die Erinnerung beklemmend, aber die Gegenwart befreiend. Nur zwei Generationen später stand ich in Belgrad, ein Krieg zwischen unseren beiden Ländern ist undenkbar, und Serbien befindet sich auf dem Weg in die EU.
Viel sichtbarer und frischer sind hingegen die Erinnerungen an das NATO-Bombardement von 1999. Die ausgebombten Gebäude des serbischen (früher des jugoslawischen) Verteidigungsministeriums sind einfach so belassen worden, mitten im Stadtzentrum von Belgrad.
Entweder ist nicht genug Geld für die Reparatur vorhanden, oder jemand hat sich gedacht, dass dies ein praktisches Denkmal für die angebliche internationale Verschwörung gegen das stets friedliche Serbien abgeben würde. In meinen Augen ist es eher ein Denkmal für die Präzision von Marschflugkörpern. Und weil der Rest des Gebäudes immer noch ausreicht, um das Verteidigungsministerium zu beherbergen, zeigt es, dass Staaten auch mit einem stark reduzierten Militärapparat ganz gut leben können.
Click here for the English version.
Den Tod an sich braucht man nicht zu fürchten. Wir wissen, dass er kommt, und wir wissen, dass er kommen muss, weil es sonst auf der Erde noch bedrängter zuginge. Die Zeit und die Art des Todes sind es, die wir fürchten.
Über Letzteres wird jeden Tag gelogen. „Er war sofort tot“, „es passierte so schnell, dass sie gar nicht mitbekam, was geschah“, „sie spürten keinerlei Schmerzen“ fehlinformieren die beiden Männer die Hinterbliebenen über die Türschwelle hinweg, bevor sie sich in ihren Mittelklassewagen setzen um die Liste mit den acht verbleibenden Namen und Adressen abzuarbeiten, die quer durch das Bundesland verstreut sind wie Kuhfladen auf einer Weide, um dazwischen zu diskutieren, wo am besten die Mittagspause einzuschieben wäre.
Am 17. Juli 2014 fiel eine auf dem Flug der Malaysia Airlines von Amsterdam nach Kuala Lumpur hart arbeitende Boeing 777 über der Ukraine aus allen Wolken. Niemand an Bord überlebte.
Das Flugzeug wurde abgeschossen, was nichtsahnenden Passagiermaschinen erstaunlich oft passiert. Es war gar nichts Persönliches gegen Malaysia Airlines oder irgendjemanden an Bord. Ganz im Gegentum war es einer dieser Unfälle, die passieren müssen, wenn ein Rudel separatistischer Rebellen ein neues Waffensystem zum Spielen bekommen hat und niemand sich bereit erklärt, das dicke Handbuch zu lesen. Also in etwa so als Ihr zum 14. Geburtstag ein Luftgewehr oder – für meine Leser in den USA – zum 8. Geburtstag ein AR-15-Schnellfeuergewehr bekommen habt.
Wieder einmal wird ein Angestellter der Fluglinie, der Leichenbeschauer oder ein Pfarrer den Familien erzählen, dass ihre Söhne und Mütter „überhaupt nichts gespürt“ hätten. Aber dieses Mal wissen wir, dass es nicht stimmt. Wenn ich mir diese Fotos vom Absturzort ansehe, sehe ich Gegenstände in besserem Zustand als in den meisten Kinderzimmern. Diese Bücher sind nicht zerfleddert oder verbrannt, diese Kleidungsstücke sind nicht verkohlt oder zerrissen.
Wenn Bücher nicht verbrennen und Teddybären nicht verbluten, dann muss auch zumindest ein Teil der Passagiere den Einschlag der Rakete überlebt haben. Genau das ist immer meine größte Angst beim Fliegen gewesen: ein Szenario, in dem das Flugzeug auseinanderbricht und ich, bei vollem Bewusstsein, mehrere Minuten lang dem sicheren und brutalen Tod entgegen falle, ohne dieses Leiden beenden oder verkürzen zu können. Dazu noch Hunderte von Menschen in der Luft, die alle in ihre Mobiltelefone schreien oder tippen während sie auf Autobahnen und Hochspannungsleitungen zurasen. Plop – plop – plop, dreihundert Mal.
Nachdem ich diese Fotos gesehen habe, weiß ich, dass meine Angst gerechtfertigt ist. Ich werde bei meinen zukünftigen Reisen noch mehr als bisher Züge und Schiffe präferieren. Alternativ könnte man Flugzeuge mit Sprengstoffladungen ausstatten, um einen schnellen und tatsächlich schmerzfreien Tod zu gewährleisten.
Zumindest war Deutsch noch eine Weltsprache, als Antal Szerb seinen Roman Reise im Mondlicht schrieb. Das war 1937, bevor Deutsch erst einmal zur Sprache des Terrors und des Krieges wurde, übrigens auch für ihn selbst, der in einem Konzentrationslager erschlagen wurde.
Mittlerweile passiert es häufig, dass mir Deutsche auf Englisch e-mailen und auch lieber beim Englischen bleiben, wenn ich ihnen die Auswahl zwischen den beiden Sprachen anbiete. Und selbst mir kommt nach nur sechs Jahren Abwesenheit aus Deutschland und trotz fortgesetzter deutscher Lektüre das Englische manchmal natürlicher über die Lippen.
Andererseits treffe ich in Osteuropa immer wieder auf Menschen, die Deutsch als Fremdsprache gelernt haben und es oft beeindruckend fließend sprechen. Ich habe schon Slowenen, Litauer, Letten und Rumänen getroffen, deren Deutsch so gut war, dass ich nach wenigen Minuten vergessen hatte, dass ich keinen Muttersprachler vor mir hatte. – Ganz tot ist Deutsch also noch nicht.
Nach einem ausgedehnten Rundgang durch Cetinje will ich die letzten Sonnenstrahlen, ein Buch und eine Zigarre auf dem Adlerfelsen genießen, der über der alten Hauptstadt Montenegros thront.
Der Aufstieg ist kein Problem, eher ein leichter Spaziergang nach den Bergerfahrungen der letzten Tage. Schon nach 20 Minuten eröffnet sich auf der einen Seite der Blick über die Weite des Lovćen-Nationalparks
und auf der anderen Seite der Blick hinab nach Cetinje. Und dieses kleine Dorf mit seinen paar hundert Häusern soll mal Hauptstadt eines Königreichs gewesen sein? Schwer zu glauben.
Auf den Stufen vor dem Sarkophag des Metropoliten Danilo lasse ich mich nieder und hole Die Akte H. von Ismail Kadare aus der Tasche. Der albanische Autor beschreibt darin die halb auf Tatsachen basierende Geschichte zweier amerikanischer Homer-Gelehrter, die während ihrer Nachforschungen in Albanien für Spione gehalten werden.
Gegenüber von mir, auf der anderen Seite des Plateaus, haben sich mittlerweile vier ältere Männer eingefunden, die nach mir den Berg heraufgeschnauft sind. Sie stehen im Kreis und genießen den Inhalt der Bierflaschen, die sie aus den Taschen ihrer Leder- und Jeansjacken geholt haben. Sie machen den Eindruck von Bauarbeitern, die sich nach der Arbeit ausruhen.
Ich bin gerade an der Stelle des Buches, an der Kadare den tiefsitzenden Konflikt zwischen Serben und Albanern erwähnt (ein nationalistischer serbischer Mönch will verhindern, dass die Quellen des antiken Homer in Albanien verortet werden), als einer der Männer – das Bier ist alle – zu mir herüberommt. Ich blinzle in die Abendsonne als wir uns begrüßen. Er fragt, ob ich Serbisch oder Russisch spräche. In diesem Städtchen könnte man wirklich alle europäischen Sprachen lernen.
Ich schlage mein Buch so zu, dass er den Titel nicht lesen kann. Man will einen Serben ja nicht unbedingt mit einem Buch des bekanntesten albanischen Autors provozieren, vor allem wenn ich vor dem Grab eines montenegrinischen Kirchenfürsten sitze. Ich hätte besser etwas von Ivo Andrić mitgebracht. Am Flughafen in Belgrad war noch immer eine ganze Wand zum 50. Jubiläum seines Nobelpreises verziert gewesen, obwohl auch dieses Jubiläum schon wieder ein paar Jahre her ist.
Aber der Glatzkopf ist literarisch interessiert und fragt nach. Natürlich kennt er Ismail Kadare, und erwartungsgemäß ist er nicht allzu begeistert. „Diese Albaner, die haben Geld, die werden immer veröffentlicht. Aber niemand veröffentlicht serbische Literatur“, baut er eine Weltverschwörungstheorie auf. Die Vermutung, dass Albaner im Allgemeinen reich wären, überrascht mich nach meiner Albanien-Reise doch etwas.
Sogleich folgt eine noch größere Überraschung: Der dicke Mann holt ein dickes Buch aus seiner Jackentasche. Einen Gedichtband, den er selbst verfasst hat, und von dem – er beklagt sich wiederholt – es leider keine Übersetzung gäbe. Auf der Titelseite prangt das Bild des Mausoleums Petars II. auf dem gegenüberliegenden Gipfel des Jezerski Vrh mit einem Adler. Vielleicht konnte das Königreich Montenegro nicht länger bestehen, weil alle Gipfel schon mit Mausoleen von Fürsten und Bischöfen belegt waren und kein Platz für weitere Grabstätten vorhanden war.
Obwohl wir uns nur mit Bruchstücken aus vier oder fünf verschiedenen Sprachen verständigen konnten, war es interessant, an diesem unerwarteten Ort mit einem Literaturliebhaber ins Gespräch zu kommen. Herr Vujović hat übrigens nur für das Foto so ernst geblickt, ansonsten war er ein ganz sympathischer und umgänglicher Mensch.
Dank diesem über die Grenzen Montenegros und Serbiens hinaus unbekannten Lyriker komme ich endlich auch mal zu einem Foto von mir selbst: