Wie schreibt man Computer?

– „Wie schreibt man ‚Computer‘?“

– „Wie man es spricht.“

Kompiuter

(Fotografiert in Vlora in Albanien.)

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Journalistische Ethik

Lernen vom Altmeister: Egon Erwin Kisch im Gespräch mit Georg Suter.

„Mein erstes Interview hatte ich mit Thomas Alva Edison, als er in Prag war. Ich war damals achtzehn Jahre alt und nahm einen ‚Assistenten‘ mit, der siebzehn war. Edison empfing uns an der Tür und sagte: ‚Meine Herren, ich werde Ihre Zeitung doch nie zu Gesicht bekommen, außerdem kann ich nicht Tschechisch, also schreiben Sie was Sie wollen, good bye.‘ Ich ging nach Hause und schrieb einen Artikel von drei Seiten. Mein ‚Assistent‘ staunte und zog sich vom Journalismus zurück. Er ist heute Rechtsanwalt in Prag.“

Ohne Titel

(Foto von Beate Heinze.)

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Bertolt Brecht

Das Publikum war so begeistert, dass es nach der Vorführung der Opera za tri groša die Brecht-Fahne vor dem Königlichen Theater Zetski Dom herunterzureissen versuchte. Jeder wollte ein Stück davon für sein Schlafzimmer.

Bertolt Brecht

zetski dom theater

(Fotografiert in Cetinje, Montenegro.)

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Cetinje, einstmals Hauptstadt des Königreichs Montenegro

Die ehemalige britische Botschaft beherbergt die Musikschule. Ein Streichquartett tönt aus den offenen Fenstern der Vorderseite. Die umliegenden Straßencafés verzichten auf eigene Musik.

British embassy

Von der rückwärtigen Seite höre ich auf dem Weg in den Dvorski-Park ein Blasinstrument. Bei der Entscheidung, wer zur Fußgängerzone hin spielen darf, hat die Musikschule die richtige Wahl getroffen.

Dvorski Park Cetinje

Am König-Nikola-Platz ertönt laute Rockmusik, nicht aus dem Straßencafé, sondern vom Schmied nebenan. Auf seinen Amboss schlägt er im Takt zu „I can’t get no satisfaction“. Mit seinem üppigen Bart könnte er bei ZZ Top anheuern (falls es die noch gibt).

Ich bin in Cetinje, einer Kleinstadt (17.000 Einwohner) in den Bergen Montenegros. Cetinje war jedoch viel wichtiger, als es noch kleiner war. Seit dem 15. Jahrhundert war es Hauptstadt, und mit der internationalen Anerkennung zuerst des Fürstentums 1878 und dann des Königreichs Montenegro 1910 siedelten sich die Botschaften der damaligen europäischen Großmächte an. So gibt es Botschaften des Deutschen Reichs, Russlands, Italiens, Frankreichs, Serbiens, Bulgariens, Österreich-Ungarns, die erwähnte britische Botschaft u.s.w. Dabei hatte die Stadt damals nur 2.500 Einwohner.

Mit dem Ende der Unabhängigkeit Montenegros nach dem Ersten Weltkrieg war es dann vorbei mit der Bedeutung der Stadt in den Bergen. Der Präsident residiert zwar seit 1992 wieder hier, aber das allein bringt kein Hauptstadtflair. Sein Palast wird von zwei Wachen geschützt, die den örtlichen Spaziergängern Grüße zuwerfen, wenn diese im Gradski-Park spazierengehen. Hier kennt man sich.

palace president Montenegro

Als ich in der Fußgängerzone, die man eigentlich nicht bräuchte, weil in der ganzen Stadt kaum Verkehr herrscht,

Fussgängerzone 3

ein kleines, altes Haus mit einer schönen Holztüre fotografiere,

altes Haus Fussgängerzone

kommt eine Dame auf mich zu und fragt, ob ich Italienisch spräche. Ja, tue ich, zumindest ein bißchen. Sie erzählt mir die Geschichte des Hauses (ein Adeliger, der überall in Europa war, erwählte Cetinje zum Ort für seinen Lebensabend), zählt die in der Stadt noch verbleibenden Botschaftsgebäude auf (das russische sei am fotogensten, empfiehlt sie), gibt mir Tips für die weitere Reise (wie jeder Montenegriner viel zu viele für eine Woche), erklärt dass sie hier im Kulturministerium arbeite und beklagt sich dann über die knappen Mittel, sowohl für ihr Ministerium als auch für sich selbst. Wird mich die Kulturministerin noch um eine Spende anhauen?

Sicherheitshalber ziehe ich weiter zur ältesten Kirche am Ort, der Vlaška-Kirche.

Vlaska1

Die herbstlichen Farben und die Mittagssonne laden fast zu einem Picknick zwischen den Grabsteinen und -kreuzen ein.

Vlaska2

Ein alter Mann steht im Eingang der kleinen Kirche und ruft mich freundlich heran. Sein Gesicht ist von einem Unfall schrecklich entstellt, aber die Freundlichkeit ist dennoch nicht zu übersehen. Er begrüßt mich mit Handschlag und fragt, ob ich Französisch spräche. Wahrlich ein polyglotter Ort, dieser entlegene Ort. Er berechnet 3 Euro dafür, dass er das Licht in der Kirche anschaltet, was ich eigentlich nicht benötigt hätte. Dafür gibt er mir zum Abschied ein Mentholbonbon.

Vlaska3

Ich laufe durch das, was in anderen Hauptstädten Diplomatenviertel hieße, aber hier die gesamte Altstadt ausmacht. Die österreichisch-ungarische Botschaft sieht aus wie eine Burg,

Austrian embassy

die italienische hat einen Garten, der größer ist als alle Parks der Stadt zusammen,

Italian embassy garden

und die französische Botschaft zeigt sich im Jugendstil.

French embassy door

Die russische Botschaft, das einzige der Gebäude, das so verwaist aussieht, dass ich es betrete und von innen erkunde, hat einen eigenen Artikel verdient. Hundert Jahre ist es her, aber in dem vermodernden Ballsaal wird die Geschichte lebendig.

Russian embassy top floor 2

Auf dem Rückweg treffe ich wieder die Frau vom Kulturministerium, die von ihrer Mittagspause zurückkommt. Groß ist die Stadt wirklich nicht.

Selbst der königliche Palast sieht sympathisch bescheiden aus. Da kenne ich unter meinen Anwalts-, Arzt- und Architektenfreunden durchaus einige Nichtkönige mit protzigeren Häusern.

Königspalast

Vielleicht ahnte König Nikola auch schon, dass sein Königreich nur acht Jahre bestehen würde, davon die letzten beiden unter österreichisch-ungarischer Besatzung von 1916 bis 1918. Dafür rentiert sich kein Neuschwanstein oder Versailles. Das relativ unspektakuläre Schloss mag dazu beitragen, dass die Familie Petrović, die jetzt in Paris lebt, keinerlei politische oder auch nur kompensatorische Ansprüche erhebt.

Aber auch das Gegenteil von Bescheidenheit gab es in der bewegten Geschichte Cetinjes. Von 1767 bis zu seiner Ermordung 1773 regierte hier der Zar, der keiner war. Dem auch als Stefan der Kleine bekannten Kräutersammler war im Kloster in Maine ein Gemälde des russischen Zaren Peter III. und seine eigene Ähnlichkeit mit diesem aufgefallen. Dies und die Tatsache, dass die Stelle gerade frei war, nutzte er, um sich bei den Montenegrinern als Zar Peter III. vorzustellen und den Thron zu besteigen.

Diese Geschichte ist umso dreister, als Zar Peter III. zum Zeitpunkt dieser Imitation und Usurpation schon fünf Jahre lang tot war. In Cetinje stand die erste Druckerei im südslawischen Raum (ab 1485), so dass man erwartet hätte, dass die Nachrichten aus Russland auch in Montenegro verbreitet worden wären. Vielleicht war es Unzufriedenheit mit der damaligen Tageszeitung, weshalb die ursprüngliche Druckerei nicht überlebt hat und an deren Stelle heute die Kirche der jungfräulichen Gebirt steht. In dieser kleinen Kirche, die unter den herbstlich bemalten Bäumen besonders liebenswürdig aussieht, ruhen König Nikola I. und seine Frau.

Grabkirche1
Grabkirche2
Grabkirche3

Noch scheint die Sonne, aber es ist November und Cetinje ist von Bergen umgeben, hinter denen die Sonne noch eher als anderswo untergehen wird. Ich muss mich entscheiden, ob ich die verbleibenden zwei Stunden im Kloster verbringe, das den lebenden Metropoliten und die tote Hand Johannes des Täufers beherbergt,

Kloster

oder ob ich auf den Adlerfelsen mit dem Mausoleum des Metropoliten Danilo steige.

Adlerfelsen

Wer mich kennt, weiß dass der Berg gewinnt. Eine unerwartete und interessante Begegnung auf dem Gipfel wird mir Recht geben.

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Das Hochsicherheitsgefängnis von Montenegro

Na gut, das mit der „Hochsicherheit“ muss ich zurücknehmen. In der Mauer des Gefängnisses in Podgorica klafft nämlich ein ziemlich großes Loch. So groß, dass sich darin ein Kiosk mit einer kleinen Kneipe angesiedelt hat.

prison Podgorica

Ob hier die ehemaligen Häftlinge manchmal auf ein Bier vorbeischauen?

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Make-Up für ein Haus

„Sie hat sich ganz schön rausgeputzt für den neuen Mieter.“

„Ja, und ich glaube, ihre Fenster sind nicht einmal echt.“

„Und dann gleich fünf davon!“

fake windows

(Fotografiert in Podgorica, Montenegro.)

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Friedhofsinsel

San Michele, die Friedhofsinsel von Venedig:

San Michele 1

San Michele 2

Und so gelangt man dorthin:

funeral boat Venice

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Ein Sturm zieht auf

storm brooding

Fotografiert in Targu Mures, Rumänien.

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Egon Erwin Kisch über Präsident Obama

Es ist immer wieder amüsant und aufschlussreich, Egon Erwin Kischs Bücher aus längst vergangenen Zeiten zu lesen. In der Reportage Schwarzer Gottesdienst bei den Negerjuden von New York aus dem Jahr 1940 schreibt er:

Auf Schritt und Tritt von Lenox Avenue stellt sich „das große Problem Amerikas“ zur Schau: die Negerkinder. Sie werden mit größerer Geschwindigkeit und in größeren Quantitäten erzeugt als die weißen, und das ist die einzige Produktionssteigerung, auf welche die Patentpatrioten in den USA nicht stolz sind. „Gefahr ist im Verzuge“, rufen die Faschisten im zweiten Punkt ihres Programms, „in wenigen Jahren wird es mehr Neger als Weiße im Lande geben, das Weiße Haus wird zum Schwarzen Haus werden.“

Diesen Vorwürfen, die man jetzt wieder gegenüber Einwanderern oder in Osteuropa gegenüber den Roma hört, liegt der Trugschluss zugrunde, dass die Kinderzahl von Hautfarbe oder Religion abhänge. Sie geht aber ganz überwiegend mit der wirtschaftlichen Entwicklung einher. Je ärmer Menschen sind, desto mehr Kinder bekommen sie. Auch in Afrika und im Mittleren Osten sind die Geburtenraten in den Ländern mit positiver wirtschaftlicher Entwicklung in den letzten Jahrzehnten dramatisch zurückgegangen. Ganz abgesehen davon stellt sich natürlich die Frage, wieso dunkle Kinder etwas Schlechtes sein sollen, helle Kinder aber gefördert werden müssen.

„Ist es nicht Schmach und Schande“, alarmiert ein faschistischer Senator aus den Südstaaten den Kongress, „dass ein Neger amerikanischer Boxmeister ist? Morgen kann der Präsident der USA ein Neger sein.

Ganz so schnell ging es dann nicht, und auch die vorhergesagte dramatische Bevölkerungsentwicklung trat nicht ein. Von 1940 bis 2008 erhöhte sich der Anteil der Afroamerikaner an der US-Bevölkerung gerade mal von 10% auf 13%. Demographische Prognosen liegen fast immer daneben, und die sture Fortschreibung von aktuellen Zahlen oder kurzfristigen Trends führt immer in die Irre. Am besten läßt man diese Prognosen ganz sein.

Obama family

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Podgorica – einen zweiten Blick wert

Nur durch die umliegenden Berge wirkt die Stadt weniger deprimierend als sie sonst wäre. Das war mein erster Gedanke beim Anblick Podgoricas. Ob Länder ohne Berge wohl eine höhere Selbstmordate haben, obwohl die Berge den Suizid eigentlich vereinfachen?

mountains train station

Düstere Gedanken in einer düsteren, grauen Stadt ohne besonderen Charme. Vor einer Apotheke hält mir jemand ein Arzneimittelrezept vor die Nase und will so ein paar Euro erbetteln. Ich widerstehe.

grey Podgorica

Ich war mit Marko zu einem Treffen verabredet, denn ich über Couchsurfing kennengelernt hatte und der mir eine Stadtführung angeboten hatte. Er schlug ein Treffen „am Platz im Zentrum, neben der Transformer-Statue“ vor. Samstag um 13 Uhr. Damit wir uns erkennen würden und weil ich kein Telefon hatte, zählte ich haargenau auf, welche Kleidung ich tragen würde und dass ich als Erkennungsmerkmal ein Notizbuch in der Hand halten würde. Samstag Nachmittag am zentralen Platz einer europäischen Hauptstadt schien mir genau die Kombination von Ort und Zeit zu sein, zu der man sich leicht verpaßt oder gezwungen wäre, wildfremde Menschen anzusprechen, um sie nach ihrer Identität zu fragen.

Durch einen kleinen Park spaziere ich Richtung Zentrum. Ein Obdachloser beginnt, mich anzusprechen, erblickt dann meine durchlöcherten Schuhe und entschuldigt sich mitleidsvoll. Ich beginne, die ersten positiven Seiten Podgoricas zu sehen: nette, sehr freundliche Menschen, attraktive Mädchen.

Am Platz der Republik angekommen, merke ich, wie übertrieben Marko die Detailtreue meiner Selbstbeschreibung vorgekommen sein muss. Der Platz im Zentrum der Hauptstadt ist menschenleer. Und windig. Und grau.

Platz der Republik

Jetzt verstehe ich auch, wer der Transformer ist. Ich dachte, es wäre jemand, der Montenegro transformiert hätte. Ein Held, ein Partisan, ein Stadtplaner, ein König, ein Mönch. So etwas wie die Jesus-Statue in Rio de Janeiro habe ich erwartet. Stattdessen ist es ein aus Altmetall und Autoreifen zusammengeschraubtes und mit einer übergroßen Tarnjacke überzogenes Abbild einer Figur aus dem „Transformer“-Film, circa 12 Meter hoch, mit bedrohlichen Klauen. Vielleicht traut sich deshalb niemand mehr auf den Platz.

Transformer Platz der Republik

Nach ein paar Minuten kommt Marko mit schnellen Schritten auf mich zu, wir begrüßen uns, und dann – „let’s go!“ – beginnt schon die Stadtführung. Marko ist so alt wie ich, seine Haare schon etwas grauer, er ist einen Kopf größer und einer der wenigen Menschen, die noch schneller gehen als ich. Durch die Fußgängerzone hastend erklärt er, dass es bis vor ein paar Jahren einen McDonalds in Podgorica gegeben habe, aber dass Montenegro jetzt das einzige Land in Europa ohne diese Fast-Food-Kette sei. „Ich nehme an, dass den Leuten hier das Essen nicht geschmeckt hat und dass McDonalds deshalb wieder abgezogen ist.“ Oder die Kinder hier sind weniger quengelig und beeinflussen die Restaurantwahl ihrer Eltern nicht so stark.

„Hier ist das Parlament.“ Ich will ein Foto machen, aber Marko eilt schon über die Straße, zur Brücke über die Morača. Er zeigt mir die Brücken, erwähnt die Namen, deutet die Stadtviertel auf der anderen Seite des Flusses an. Es ist offensichtlich, dass er diese Stadtführung schon oft gegeben hat.

Dann gehen wir auf einem kleinen Trampelpfad ins Gebüsch. Der Gedanke, sich mit einem fremden Mann, den ich nur übers Internet flüchtig kannte und erst vor fünf Minuten kennengelernt hatte, in einer fremden Stadt in einem fremden Land in die Büsche zu schlagen, kommt mir erst jetzt bei der Niederschrift komisch vor. Aber keine Sorge, liebe Leser. Erstens ist auf meine Menschenkenntnis Verlass, zweitens kannte Marko den Weg zur schönsten Stelle in Podgorica, den ich allein nie gefunden hätte: zum Zusammenfluss von Ribnica und Morača.

Brücke Ribnica

Eine alte Steinbrücke, die man nur über steile Treppen erreichen kann, geht über die Ribnica, die hier wie ein Gebirgsbach aus einem kleinen Wald herunterfließt.

Ribnica

„Wie in einem Nationalpark!“ entfährt es mir erstaunt, schließlich waren wir vor ein paar Minuten noch im Stadtzentrum.

Meine Versöhnung mit Podgorica hat begonnen. Aber ruckzuck geht es weiter, über die Brücke in das muslimische Viertel von Podgorica. Man fühlt sich hier wie in einem beliebigen Balkandorf mit Einfamilienhäusern, Hunden und Hühnern, Nachbarschaftsplausch über den hohen Zaun.

turkish Podgorica

Der Turm des Minaretts hilft bei der Orientierung durch die engen Gassen. Auch der freistehende Uhrturm stammt aus der osmanischen Zeit.

Uhrturm

Wenn ich hier nur mehr Erinnerungsbruchstücke abreisse, dann um das Tempo dieses Spaziergangs aufzuzeigen, und weil ich mich angesichts desselben zwischen Fotografieren und Schreiben entscheiden mußte und das Visuelle die Oberhand gewann. Ich wäre an vielen Orten gerne länger verweilt, hätte mir Notizen gemacht, aber Marko schien bald zu einem Termin zu müssen und ich war der sich dem unterzuordnen habende Gast.

Über die Brücke ans andere Ufer der Morača, dort durch einen großzügigen Park zum Winterpalast auf dem Kruševac-Hügel. Irgendetwas mit Königsfamilie, österreichische Besatzung im Ersten Weltkrieg, Krankenhaus, Museum für Tito-Bilder habe ich mir gemerkt, aber vielleicht bringe ich das durcheinander.

Winterpalast

Weiter zum Denkmal des Metropoliten Petar I., der bis 1830 Bischof und Fürst von Montenegro war.

Petar I

„Montenegro war mal eine Theokratie“, erklärt Marko, und nach 40 Minuten legt er zum ersten Mal eine kleine Pause ein, so dass ich ihn endlich fragen kann, was er eigentlich beruflich macht. Aufgrund der Detailtiefe seiner Erzählungen tippe ich auf Tourismusbranche, Stadtplaner oder Historiker. Tatsächlich ist er Mathematiklehrer, hat aber mangels familiärer Beziehungen keine Stelle gefunden oder die alte verloren und gibt jetzt Privatunterricht.

Zwischen einer Unterhaltung über das Verhältnis von Montenegrinisch und Serbisch sowie zwischen Montenegro und Serbien („Ich fühle mich als montenegrinischer Serbe, aber mein Bruder fühlt sich als serbischer Montenegriner.“) fragt mich Marko plötzlich freudig: „Willst Du Dir das Krankenhaus ansehen? Es ist gleich hier in dieser Straße.“ Die ängstlichen unter den Lesern denken jetzt an Organentnahmen und -handel, aber bis zu dieser Niederschrift kam mir dieser Gedanke nicht einmal in den Sinn.

Unter dem Eindruck, dass Marko wohl jemanden im Krankenhaus kennt, mit dem er mich bekannt machen will, stimme ich zu. Er spaziert aber einfach zur Notaufnahme und erklärt, dass er einen Besucher aus Deutschland mitgebracht habe, der sich mal umsehen wolle. Nun bin ich aber überhaupt kein Mediziner, so dass mir nur die scherzhafte Bemerkung einfällt, dass ich am morgigen Halbmarathon teilnehme und mir mal ansehen wollte, wo ich denn im Bedarfsfall eingeliefert würde.

Das bricht das Eis und die mittlerweile vier oder fünf Ärzte, Krankenschwestern oder Krankenpfleger (wie hält man das auseinander, wenn jeder weiße Kittel trägt?) erzählen von den Vorbereitungen auf den Halbmarathon, von den Fällen, die sie sonst so bekommen und fragen dann aber mehr, wie es mir in Montenegro gefällt, wie lange ich bleibe, was ich mir alles ansehen will. Eine ältere Krankenschwester versucht ihre jüngeren Kolleginnen zu verkuppeln, verwirrenderweise gleich mehrere auf einmal. Es geht locker, entspannt und humorvoll zu, aber – immerhin sind wir in der Notaufnahme – jede halbe Minute schaut jemand mit einem geschwollenen Auge, einem humpelnden Bein, einem schmerzverzerrten Gesicht durch die Tür. Jedes Mal zischen die Mediziner die Patienten an, dass sie auf dem Flur warten sollen. Ich komme mir fast so vor wie einer jener nervigen Politiker, die mit ihren Besuchen in öffentlichen Einrichtungen alles lahmlegen. Jetzt muss nur noch der alte Mann vorbeikommen, dem ich vor ein paar Stunden den Zuschuss zum lebensrettenden Medikament versagt habe. Schließlich ziehen wir weiter, aber nicht bevor mir jeder „good luck!“ für den morgigen Lauf gewünscht hat. Hoffentlich ist zwischenzeitlich keiner der wartenden Patienten verstorben.

In der Nähe der Klinik steht eine kleine Kirche, wie in einem Garten, umgeben von Bäumen, die sie überragen. Die schlichte Sankt-Georgs-Kirche (crkva svetog Đorđa) ist etwa tausend Jahre alt und eines der ältesten erhaltenen Bauwerke in Podgorica. Die Fresken stammen aus dem 16. Jahrhundert.

Dorda church 1
Dorda church 2

Von hier aus geht es auf den Gorica, den namensgebenden Hügel, der mitten in der Stadt thront. Eine grüne Oase, groß, ruhig, aber auch sehr steil. Marko wird nicht langsamer, ich bekomme hier ein ausgiebiges Training für den morgigen Halbmarathon. Auf all den Waldwegen verlaufen wir uns zum ersten Mal ein bißchen, aber da wir ganz nach oben wollen, verlieren wir das Ziel nicht aus den Augen. Nur vereinzelte Spaziergänger, Jogger und jugendliche Paare haben den weiten Weg bis hier hoch gefunden.

Gorica 1
Gorica 2

Es wäre ein schöner Ort, um den Sonnenuntergang zu beobachten, aber wir müssen weiter. Zuerst zum Partisanendenkmal, typisch jugoslawisch, typischer sozialistischer Brutalstil, aber in einer Stadt, die bis 1992 Titograd hieß, natürlich obligatorisch. Jetzt sieht es so aus, wie wenn es vefällt und kaum noch jemand der Partisanen gedenkt. Schade.

Partisanen 1
Mein Stadtführer eilt schon wieder voraus.
Partisanen 2

Zurück in der Stadt laufen wir zur Auferstehungskathedrale, eine jener großen, neuen Kirchen, die in allen orthodoxen Ländern Osteuropas aus dem Boden sprießen. Busse mit Wallfahrern stehen auf dem einkaufszentrumsgroßen Parkplatz.

Auferstehungskathedrale Busse

Marko stellt sich als ziemlich religiös heraus, er zündet Kerzen an, küsst Ikonen, verbeugt sich vor Altären. Mit viel Weihrauch und Gesang ist gerade eine Taufe im Gange.

Auferstehungskathedrale Taufe

Mit all dem Herumrennen sind sowohl Zeit für als auch Appetit auf ein spätes Mittag- oder frühes Abendessen gekommen. „Let’s eat at the church“, schlägt Marko vor. Na gut, ich bin zwar Atheist, aber die meisten Priester sehen wohlgenährt aus, also kann das Essen nicht schlecht sein. Verwirrenderweise gehen wir dann doch in die Fußgängerzone, wo sich das Rätsel auflöst, als wir in ein Restaurant mit dem Namen „The Church“ eintreten.

Holzgetäfelt-rustikal mit einer niederen Decke, Ikonen und Bildern von Klöstern an den Wänden. Aus den Lautsprechern dringen sanfte Choräle.

The Church

Das Restaurant wird tatsächlich von der orthodoxen Kirche betrieben, womit das Geld laut Marko „einem guten Zweck“ zugute kommt. Speisekarte gibt es keine, der Kellner erklärt einfach was heute gekocht wurde (Huhn mit Reis), und der Gast sagt ja oder nein. Wir ordern mit einem doppelten Ja.

Ein mit Büchern über Montenegro, seine Geschichte und natürlich die Religion gut bestücktes Bücherregal steht neben der Eingangstür. Wir blättern gemeinsam durch die Bildbände und stellen meine Route für die nächste Woche zusammen. Wenn ich eines der Bücher mitnehmen möchte, sei das kein Problem, ich könne es einfach nach ein paar Tagen wieder zurückbringen.

Mir wird volles Vertrauen entgegengebracht, weil es keinen Grund gibt, mir nicht zu vertrauen. Genauso gibt es keinen Grund, anderen Menschen nicht zu vertrauen. Wer davor zurückschreckt, verzichtet auf so vieles und schränkt seine Erfahrungen ein. Deshalb nütze ich zum Beispiel Couchsurfing, um mich mit vorher Fremden zu verabreden, wenn ich reise. So wurde aus dem anfänglich tristen und grauen Podgorica innerhalb eines Nachmittags eine interessante und lebendige Stadt.

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