„Deutsch ist eine Weltsprache.“

Zumindest war Deutsch noch eine Weltsprache, als Antal Szerb seinen Roman Reise im Mondlicht schrieb. Das war 1937, bevor Deutsch erst einmal zur Sprache des Terrors und des Krieges wurde, übrigens auch für ihn selbst, der in einem Konzentrationslager erschlagen wurde.Deutsch Weltsprache

Mittlerweile passiert es häufig, dass mir Deutsche auf Englisch e-mailen und auch lieber beim Englischen bleiben, wenn ich ihnen die Auswahl zwischen den beiden Sprachen anbiete. Und selbst mir kommt nach nur sechs Jahren Abwesenheit aus Deutschland und trotz fortgesetzter deutscher Lektüre das Englische manchmal natürlicher über die Lippen.

Andererseits treffe ich in Osteuropa immer wieder auf Menschen, die Deutsch als Fremdsprache gelernt haben und es oft beeindruckend fließend sprechen. Ich habe schon Slowenen, Litauer, Letten und Rumänen getroffen, deren Deutsch so gut war, dass ich nach wenigen Minuten vergessen hatte, dass ich keinen Muttersprachler vor mir hatte. – Ganz tot ist Deutsch also noch nicht.

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Der Dichter auf seinem Berg

Nach einem ausgedehnten Rundgang durch Cetinje will ich die letzten Sonnenstrahlen, ein Buch und eine Zigarre auf dem Adlerfelsen genießen, der über der alten Hauptstadt Montenegros thront.

Adlerfelsen

Der Aufstieg ist kein Problem, eher ein leichter Spaziergang nach den Bergerfahrungen der letzten Tage. Schon nach 20 Minuten eröffnet sich auf der einen Seite der Blick über die Weite des Lovćen-Nationalparks

Adlerfelsen Ausblick 1

und auf der anderen Seite der Blick hinab nach Cetinje. Und dieses kleine Dorf mit seinen paar hundert Häusern soll mal Hauptstadt eines Königreichs gewesen sein? Schwer zu glauben.

Adlerfelsen Ausblick 2

Auf den Stufen vor dem Sarkophag des Metropoliten Danilo lasse ich mich nieder und hole Die Akte H. von Ismail Kadare aus der Tasche. Der albanische Autor beschreibt darin die halb auf Tatsachen basierende Geschichte zweier amerikanischer Homer-Gelehrter, die während ihrer Nachforschungen in Albanien für Spione gehalten werden.

Sarkophag

Gegenüber von mir, auf der anderen Seite des Plateaus, haben sich mittlerweile vier ältere Männer eingefunden, die nach mir den Berg heraufgeschnauft sind. Sie stehen im Kreis und genießen den Inhalt der Bierflaschen, die sie aus den Taschen ihrer Leder- und Jeansjacken geholt haben. Sie machen den Eindruck von Bauarbeitern, die sich nach der Arbeit ausruhen.

File on H

Ich bin gerade an der Stelle des Buches, an der Kadare den tiefsitzenden Konflikt zwischen Serben und Albanern erwähnt (ein nationalistischer serbischer Mönch will verhindern, dass die Quellen des antiken Homer in Albanien verortet werden), als einer der Männer – das Bier ist alle – zu mir herüberommt. Ich blinzle in die Abendsonne als wir uns begrüßen. Er fragt, ob ich Serbisch oder Russisch spräche. In diesem Städtchen könnte man wirklich alle europäischen Sprachen lernen.

Ich schlage mein Buch so zu, dass er den Titel nicht lesen kann. Man will einen Serben ja nicht unbedingt mit einem Buch des bekanntesten albanischen Autors provozieren, vor allem wenn ich vor dem Grab eines montenegrinischen Kirchenfürsten sitze. Ich hätte besser etwas von Ivo Andrić mitgebracht. Am Flughafen in Belgrad war noch immer eine ganze Wand zum 50. Jubiläum seines Nobelpreises verziert gewesen, obwohl auch dieses Jubiläum schon wieder ein paar Jahre her ist.

Aber der Glatzkopf ist literarisch interessiert und fragt nach. Natürlich kennt er Ismail Kadare, und erwartungsgemäß ist er nicht allzu begeistert. „Diese Albaner, die haben Geld, die werden immer veröffentlicht. Aber niemand veröffentlicht serbische Literatur“, baut er eine Weltverschwörungstheorie auf. Die Vermutung, dass Albaner im Allgemeinen reich wären, überrascht mich nach meiner Albanien-Reise doch etwas.

Sogleich folgt eine noch größere Überraschung: Der dicke Mann holt ein dickes Buch aus seiner Jackentasche. Einen Gedichtband, den er selbst verfasst hat, und von dem – er beklagt sich wiederholt – es leider keine Übersetzung gäbe. Auf der Titelseite prangt das Bild des Mausoleums Petars II. auf dem gegenüberliegenden Gipfel des Jezerski Vrh mit einem Adler. Vielleicht konnte das Königreich Montenegro nicht länger bestehen, weil alle Gipfel schon mit Mausoleen von Fürsten und Bischöfen belegt waren und kein Platz für weitere Grabstätten vorhanden war.

Obwohl wir uns nur mit Bruchstücken aus vier oder fünf verschiedenen Sprachen verständigen konnten, war es interessant, an diesem unerwarteten Ort mit einem Literaturliebhaber ins Gespräch zu kommen. Herr Vujović hat übrigens nur für das Foto so ernst geblickt, ansonsten war er ein ganz sympathischer und umgänglicher Mensch.

Veselin Vujovic

Dank diesem über die Grenzen Montenegros und Serbiens hinaus unbekannten Lyriker komme ich endlich auch mal zu einem Foto von mir selbst:

Andreas Moser Adlerfelsen
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Wie schreibt man Computer?

– „Wie schreibt man ‚Computer‘?“

– „Wie man es spricht.“

Kompiuter

(Fotografiert in Vlora in Albanien.)

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Journalistische Ethik

Lernen vom Altmeister: Egon Erwin Kisch im Gespräch mit Georg Suter.

„Mein erstes Interview hatte ich mit Thomas Alva Edison, als er in Prag war. Ich war damals achtzehn Jahre alt und nahm einen ‚Assistenten‘ mit, der siebzehn war. Edison empfing uns an der Tür und sagte: ‚Meine Herren, ich werde Ihre Zeitung doch nie zu Gesicht bekommen, außerdem kann ich nicht Tschechisch, also schreiben Sie was Sie wollen, good bye.‘ Ich ging nach Hause und schrieb einen Artikel von drei Seiten. Mein ‚Assistent‘ staunte und zog sich vom Journalismus zurück. Er ist heute Rechtsanwalt in Prag.“

Ohne Titel

(Foto von Beate Heinze.)

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Bertolt Brecht

Das Publikum war so begeistert, dass es nach der Vorführung der Opera za tri groša die Brecht-Fahne vor dem Königlichen Theater Zetski Dom herunterzureissen versuchte. Jeder wollte ein Stück davon für sein Schlafzimmer.

Bertolt Brecht

zetski dom theater

(Fotografiert in Cetinje, Montenegro.)

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Cetinje, einstmals Hauptstadt des Königreichs Montenegro

Die ehemalige britische Botschaft beherbergt die Musikschule. Ein Streichquartett tönt aus den offenen Fenstern der Vorderseite. Die umliegenden Straßencafés verzichten auf eigene Musik.

British embassy

Von der rückwärtigen Seite höre ich auf dem Weg in den Dvorski-Park ein Blasinstrument. Bei der Entscheidung, wer zur Fußgängerzone hin spielen darf, hat die Musikschule die richtige Wahl getroffen.

Dvorski Park Cetinje

Am König-Nikola-Platz ertönt laute Rockmusik, nicht aus dem Straßencafé, sondern vom Schmied nebenan. Auf seinen Amboss schlägt er im Takt zu „I can’t get no satisfaction“. Mit seinem üppigen Bart könnte er bei ZZ Top anheuern (falls es die noch gibt).

Ich bin in Cetinje, einer Kleinstadt (17.000 Einwohner) in den Bergen Montenegros. Cetinje war jedoch viel wichtiger, als es noch kleiner war. Seit dem 15. Jahrhundert war es Hauptstadt, und mit der internationalen Anerkennung zuerst des Fürstentums 1878 und dann des Königreichs Montenegro 1910 siedelten sich die Botschaften der damaligen europäischen Großmächte an. So gibt es Botschaften des Deutschen Reichs, Russlands, Italiens, Frankreichs, Serbiens, Bulgariens, Österreich-Ungarns, die erwähnte britische Botschaft u.s.w. Dabei hatte die Stadt damals nur 2.500 Einwohner.

Mit dem Ende der Unabhängigkeit Montenegros nach dem Ersten Weltkrieg war es dann vorbei mit der Bedeutung der Stadt in den Bergen. Der Präsident residiert zwar seit 1992 wieder hier, aber das allein bringt kein Hauptstadtflair. Sein Palast wird von zwei Wachen geschützt, die den örtlichen Spaziergängern Grüße zuwerfen, wenn diese im Gradski-Park spazierengehen. Hier kennt man sich.

palace president Montenegro

Als ich in der Fußgängerzone, die man eigentlich nicht bräuchte, weil in der ganzen Stadt kaum Verkehr herrscht,

Fussgängerzone 3

ein kleines, altes Haus mit einer schönen Holztüre fotografiere,

altes Haus Fussgängerzone

kommt eine Dame auf mich zu und fragt, ob ich Italienisch spräche. Ja, tue ich, zumindest ein bißchen. Sie erzählt mir die Geschichte des Hauses (ein Adeliger, der überall in Europa war, erwählte Cetinje zum Ort für seinen Lebensabend), zählt die in der Stadt noch verbleibenden Botschaftsgebäude auf (das russische sei am fotogensten, empfiehlt sie), gibt mir Tips für die weitere Reise (wie jeder Montenegriner viel zu viele für eine Woche), erklärt dass sie hier im Kulturministerium arbeite und beklagt sich dann über die knappen Mittel, sowohl für ihr Ministerium als auch für sich selbst. Wird mich die Kulturministerin noch um eine Spende anhauen?

Sicherheitshalber ziehe ich weiter zur ältesten Kirche am Ort, der Vlaška-Kirche.

Vlaska1

Die herbstlichen Farben und die Mittagssonne laden fast zu einem Picknick zwischen den Grabsteinen und -kreuzen ein.

Vlaska2

Ein alter Mann steht im Eingang der kleinen Kirche und ruft mich freundlich heran. Sein Gesicht ist von einem Unfall schrecklich entstellt, aber die Freundlichkeit ist dennoch nicht zu übersehen. Er begrüßt mich mit Handschlag und fragt, ob ich Französisch spräche. Wahrlich ein polyglotter Ort, dieser entlegene Ort. Er berechnet 3 Euro dafür, dass er das Licht in der Kirche anschaltet, was ich eigentlich nicht benötigt hätte. Dafür gibt er mir zum Abschied ein Mentholbonbon.

Vlaska3

Ich laufe durch das, was in anderen Hauptstädten Diplomatenviertel hieße, aber hier die gesamte Altstadt ausmacht. Die österreichisch-ungarische Botschaft sieht aus wie eine Burg,

Austrian embassy

die italienische hat einen Garten, der größer ist als alle Parks der Stadt zusammen,

Italian embassy garden

und die französische Botschaft zeigt sich im Jugendstil.

French embassy door

Die russische Botschaft, das einzige der Gebäude, das so verwaist aussieht, dass ich es betrete und von innen erkunde, hat einen eigenen Artikel verdient. Hundert Jahre ist es her, aber in dem vermodernden Ballsaal wird die Geschichte lebendig.

Russian embassy top floor 2

Auf dem Rückweg treffe ich wieder die Frau vom Kulturministerium, die von ihrer Mittagspause zurückkommt. Groß ist die Stadt wirklich nicht.

Selbst der königliche Palast sieht sympathisch bescheiden aus. Da kenne ich unter meinen Anwalts-, Arzt- und Architektenfreunden durchaus einige Nichtkönige mit protzigeren Häusern.

Königspalast

Vielleicht ahnte König Nikola auch schon, dass sein Königreich nur acht Jahre bestehen würde, davon die letzten beiden unter österreichisch-ungarischer Besatzung von 1916 bis 1918. Dafür rentiert sich kein Neuschwanstein oder Versailles. Das relativ unspektakuläre Schloss mag dazu beitragen, dass die Familie Petrović, die jetzt in Paris lebt, keinerlei politische oder auch nur kompensatorische Ansprüche erhebt.

Aber auch das Gegenteil von Bescheidenheit gab es in der bewegten Geschichte Cetinjes. Von 1767 bis zu seiner Ermordung 1773 regierte hier der Zar, der keiner war. Dem auch als Stefan der Kleine bekannten Kräutersammler war im Kloster in Maine ein Gemälde des russischen Zaren Peter III. und seine eigene Ähnlichkeit mit diesem aufgefallen. Dies und die Tatsache, dass die Stelle gerade frei war, nutzte er, um sich bei den Montenegrinern als Zar Peter III. vorzustellen und den Thron zu besteigen.

Diese Geschichte ist umso dreister, als Zar Peter III. zum Zeitpunkt dieser Imitation und Usurpation schon fünf Jahre lang tot war. In Cetinje stand die erste Druckerei im südslawischen Raum (ab 1485), so dass man erwartet hätte, dass die Nachrichten aus Russland auch in Montenegro verbreitet worden wären. Vielleicht war es Unzufriedenheit mit der damaligen Tageszeitung, weshalb die ursprüngliche Druckerei nicht überlebt hat und an deren Stelle heute die Kirche der jungfräulichen Gebirt steht. In dieser kleinen Kirche, die unter den herbstlich bemalten Bäumen besonders liebenswürdig aussieht, ruhen König Nikola I. und seine Frau.

Grabkirche1
Grabkirche2
Grabkirche3

Noch scheint die Sonne, aber es ist November und Cetinje ist von Bergen umgeben, hinter denen die Sonne noch eher als anderswo untergehen wird. Ich muss mich entscheiden, ob ich die verbleibenden zwei Stunden im Kloster verbringe, das den lebenden Metropoliten und die tote Hand Johannes des Täufers beherbergt,

Kloster

oder ob ich auf den Adlerfelsen mit dem Mausoleum des Metropoliten Danilo steige.

Adlerfelsen

Wer mich kennt, weiß dass der Berg gewinnt. Eine unerwartete und interessante Begegnung auf dem Gipfel wird mir Recht geben.

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Das Hochsicherheitsgefängnis von Montenegro

Na gut, das mit der „Hochsicherheit“ muss ich zurücknehmen. In der Mauer des Gefängnisses in Podgorica klafft nämlich ein ziemlich großes Loch. So groß, dass sich darin ein Kiosk mit einer kleinen Kneipe angesiedelt hat.

prison Podgorica

Ob hier die ehemaligen Häftlinge manchmal auf ein Bier vorbeischauen?

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Make-Up für ein Haus

„Sie hat sich ganz schön rausgeputzt für den neuen Mieter.“

„Ja, und ich glaube, ihre Fenster sind nicht einmal echt.“

„Und dann gleich fünf davon!“

fake windows

(Fotografiert in Podgorica, Montenegro.)

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Friedhofsinsel

San Michele, die Friedhofsinsel von Venedig:

San Michele 1

San Michele 2

Und so gelangt man dorthin:

funeral boat Venice

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Ein Sturm zieht auf

storm brooding

Fotografiert in Targu Mures, Rumänien.

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