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Ed Miliband präsentiert neuen Labour-Vorsitzenden
Veröffentlicht unter Großbritannien, Politik
Verschlagwortet mit Ed Miliband, Labour
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Zwei Jungs wandern 60 km für eine Suppe.
Ein Bekannter aus Târgu Mureș (deutscher Name des Ortes: Neumarkt am Mieresch) fragte mich letzten Sonntag, ob ich Lust auf eine „kleine Wanderung zu den Hügeln außerhalb der Stadt“ habe. Hatte ich natürlich. Er wollte nach Miercurea Nirajului (Sereda) wandern. Ich hatte keine Ahnung, wo das liegt.
Deshalb sagte ich zu. Dann klärte er mich auf, dass das Ziel 25 km entfernt liege und dass er noch am gleichen Tag zurückwandern möchte. Insgesamt also 50 km (die sich am Ende des Tages mit den ganzen Umwegen als 60 km herausstellen sollten), weswegen wir uns am Montagmorgen schon um 7 Uhr treffen. Ich frage Yaniv, ob er schon einmal so eine Strecke gewandert sei. „In den letzten Jahren nicht, aber früher mal bei der Armee“ ist die beruhigende Antwort.
Schon auf dem Berg zum Zoo in Târgu Mureș kommen wir ins Schwitzen und schnappen nach Luft. Zum Glück haben wir jeweils eine Dose Cola dabei, die wir auf den ersten 500 Metern leeren, und zum andauernden Glück bleibt es den ganzen Tag bewölkt. Schlecht für Fotos, gut fürs Wandern. Das pralle Grün, die durch den Regen gereinigte Luft und die Ruhe des Waldes geben uns Energie (fast so wirksam wie die Cola) und Motivation. Arbeit und Studium, Termine und Prüfungen sind schon vergessen.
Wir wandeln auf alten Pfaden aus der Zeit der Römer, als deren legitime Nachfahren sich manche Rumänen betrachten.
Trotz Wolken kann man in der Ferne die Berge im Szeklerland erkennen. Irgendwo dahinten liegt unser Ziel, noch einige Stunden entfernt.
Aber zuerst kommen wir in Dörfer, die uns mehrere Jahrzehnte zurückversetzen. Keine geteerten Straßen, manchmal kein einziges Auto im ganzen Dorf. Hölzerne Toilettenhäuschen im Garten. Windschiefe Häuser, die oft unbewohnt aussehen, aus denen aber immer just in dem Moment jemand heraustritt, in dem ich ein Foto machen will.
Die öffentlichen Brunnen bieten reichlich Wasser für Wanderer, von denen wir übrigens den ganzen Tag die einzig sichtbaren bleiben werden.
Was jedoch selbst in den ärmsten Dörfern reichlich vorhanden ist, sind Kirchen. Hier stehen gleich drei nebeneinander: katholisch, reformiert und orthodox.
Die Kirchen sind, anders als Wohnhäuser oder Schulen, auch immer frisch verputzt und gepflegt. Da sieht man, wer Geld und Einfluss im Land hat. Selbst Jesus kann diese verfehlte Prioritätensetzung nicht mehr mit ansehen.
Schön sind jedoch die Holzkirchen, so wie hier in Sânișor.
Außerhalb dieser Ortschaft sehen wir endlich Bärenspuren, was wir mit einem Picknick auf dem nahegelegenen Hügel feiern. Mit Schinken- und Hackfleischduft versuchen wir den Bären anzulocken, vertilgen unser Proviant aber schneller als der Braunbär uns erschnuppern kann.
Wir sind jetzt schon vier Stunden unterwegs und der Zeitplan gerät ins Wanken. Aber die Ausblicke sind zu schön, um sich nicht ins Gras zu setzen, zu verweilen und die Ruhe zu genießen.
Während er eine Flasche Wein leert, rückt Yaniv mit dem Grund für seine plötzliche Wanderbegeisterung heraus: Er hatte zwei Tage zuvor Geburtstag, fühlt sich deshalb extrem alt und schon auf dem absteigenden Lebensast. Aus dieser Krise erwuchs der Wunsch, den Grad seiner physischen Leistungsfähigkeit fernwandernd zu überprüfen.
In manchen der von uns durchquerten Dörfer stehen Neubauten, die als Versammlungssäle der Zeugen Jehovas, der Adventisten vom Siebten Tage oder anderer obskurer Religionen dienen. Genau das, was den Rumänen noch gefehlt hat nach einem langen, entbehrungsreichen, Weltkriege und den Kommunismus überstanden habenden Leben in einem Dorf, in dem es nicht einmal einen Tante-Emma-Laden gibt. Ich bin froh, dass wir querfeldein durch Wälder und Wiesen laufen und so kaum jemandem begegnen, denn zwei freundliche junge Männer, die miteinander auf Englisch parlieren, entsprechen dem Stereotyp christlicher Missionare, die seit dem Fall des Eisernen Vorhangs nach Osteuropa expandieren. Wir wollen jedoch keine Angst vor Kreuzzügen und Exorzismen verbreiten.
Weiter geht es, vorbei an Einsiedlerhöfen mit Schafen, Pferden, Kühen und Hunden. So langsam entwickle ich ein Gespür dafür, welche Hunde aggressiv und welche eher behäbig sind. Statt der erhofften Bären sehen wir nur Rehe.
Gegen 14 Uhr, eineinhalb Stunden später als geplant, erreichen wir endlich Miercurea Nirajului. Noch nie hat sich jemand über so ein kleines Nest gefreut wie unsere erschöpften Beine. Wir schleppen uns noch bis zur Stadtmitte und lassen uns im dortigen Park nieder. Halbzeit.
Den Stolz über das bereits Geschaffte sieht man uns an. Etwa 30 km haben wir zurückgelegt, und eines haben wir schon entschieden: Auch zurück geht es zu Fuß. Auf den Bus, der von hier aus halbstündig nach Târgu Mureș düst, verzichten wir dankend. Früher gab es zwischen den beiden Städten übrigens eine Eisenbahn. Warum die Strecke eingestellt wurde? Wahrscheinlich war man zu Fuß schneller unterwegs. Die rumänische Eisenbahn ist selbst heute noch so langsam, dass man sie auf dem Fahrrad überholen kann.
Miercurea Nirajului war früher übrigens mal wichtig. Bis zum 18. Jahrhundert war es Sitz eines der Szeklerstühle, bis es in dieser Rolle von Târgu Mureș abgelöst wurde. Heute dümpelt die Kleinstadt mit 5,500 Einwohnern so vor sich hin. Direkt am Marktplatz finden wir ein Gasthaus, aber kein Gulasch auf der Karte, weswegen wir nachfragen. Die Bedienung missversteht unsere Frage nach der Verfügbarkeit von Gulasch und zählt uns zur Antwort auf, woraus Gulasch zubereitet wird. Mir läuft immer mehr das Wasser im Munde zusammen. Wir bestellen zwei Portionen, werden aber kurz darauf von der aus der Küche übermittelten Meldung schockiert, dass das Gulasch für heute aus sei. Es ist auch schon 14:30 Uhr. Wir waren zu langsam. Dann nehmen wir eben eine Suppe.
Während wir auf unsere Suppe warten, kann ich endlich ein paar Worte loswerden über die Gegend, durch die wir gewandert sind: das Szeklerland. Als Teil Transsilvaniens/Siebenbürgens und damit Rumäniens ist es mehrheitlich von ungarischsprachigen Szeklern besiedelt. Das Gebiet gehörte immer mal wieder zu Österreich-Ungarn, zu Rumänien, zu Ungarn, wieder zu Rumänien und so weiter. Ich könnte hier ewig weiterpolitisieren, aber zur Erleichterung der Leser wird gerade ein Topf Suppe auf den Tisch gestellt. Dafür sind wir also 30 km gewandert und werden 30 km zurück wandern: einen Topf Suppe. Und dann vergessen wir auch noch, ein Foto davon zu machen. Aber gut war sie, die Suppe!
Bei der Diskussion über den einzuschlagenden Rückweg bilden sich zwei Fraktionen: Ich bin für querfeldein, Yaniv will der Straße folgen. Wahrscheinlich hat er Angst vor Bären oder zumindest vor der Kombination von hereinbrechender Dunkelheit und Bären. Bei Patt gilt die Regel „auf Nummer sicher“, also gebe ich nach. Besonders befahren sind die Straßen hier sowieso nicht, es wird also keinen großen Unterschied machen.
Das ist übrigens die Szeklerflagge mit Sonne und Mond (der Weltraumpionier Hermann Oberth stammt aus Siebenbürgen, was aber absolut nichts miteinander zu tun hat),
und das ist der übertrieben nationalistische rumänische Nachbar, der selbst den Leiterwagen und den Hühnerstall trikoloriert hat.
So provozieren sich die Leute gegenseitig, aufgestachelt von Reden über Geschichte, Nation, Flaggen, Sprachen und Hymnen, und darben doch alle gleichermaßen unter Arbeitslosigkeit, schlechter Infrastruktur und der Vernachlässigung des ländlichen Raums, um die sich zu kümmern sie vor lauter Nationalismus keine Zeit finden. (Zugegebenermaßen entsprechen in beiden Volksgruppen die meisten Menschen überhaupt nicht dieser Beschreibung, sondern sind sehr freundlich und sprechen oft beide Sprachen.)
Noch mehr darben jedoch die, die gar keine Flagge oder Hymne haben: die Roma. Meine Leser in Salzburg oder Schwabing werden schon angesichts der in den oben photographisch wiedergegebenen dörflichen Idyllen nicht zu verbergenden Armut zusammengezuckt sein. Das waren jedoch noch die wohlhabenden Dörfer. Bei den Roma, vernachlässigt vom Staat, ignoriert bis verachtet von den Mitmenschen (und hier sind sich Rumänen und Szekler/Ungarn wieder einig), sieht es noch ärger aus. Ich muss den Lesern die schlimmsten Anblicke vorenthalten, weil sich vor den Häusern überall materiell arme aber kinderreiche Familien tummelten, die ich nicht ohne vorheriges Gespräch (für das uns Zeit und Sprachkenntnis fehlten) ablichten wollte.
Ja, so – und noch viel schlimmer – leben Menschen im Jahr 2015 in der Europäischen Union. Aber die Milliarden fließen zu den steuerverweigernden Zweitwohnungsbesitzern in Griechenland. Geholfen wird eben nicht da, wo Hilfe am nötigsten ist, sondern wo am lautesten gejammert wird. Und Jammern ist nicht die Sache der Osteuropäer.
Jammern ist auch nicht unsere Sache, während wie Kilometer für Kilometer weitertrotten.
Die letzte richtige Pause machen wir oberhalb des Dorfes Maiad. Nach ca. 45 km Wanderung sind wir noch immer gut gelaunt und frohen Mutes. Es ist erstaunlich, was so ein Tag in der Natur mit dem Gemüt macht. Probiert es aus, Leute!
Jetzt bleiben uns noch zweieinhalb Stunden bis zum Sonnenuntergang. Immer öfter müssen wir stehenbleiben, weil meinem Kollegen die Puste ausgeht. Immer wieder dränge ich zur Eile, weil die Sonne nur für uns Landstreicher keine Extraschicht einlegen wird. Noch 15 km. „Wenn ich mal in Deinem Alter bin, will ich so fit sein wie Du“ gibt Yaniv schließlich zu. Ich bin 39. Er ist gerade 24 Jahre alt geworden.
Tatsächlich wird es auf den letzten Kilometern zuerst düster und dann dunkel, gerade als wir die Stadtgrenze von Târgu Mureș erreichen.
Ich bin überrascht, wie relativ leicht uns die 60 km gefallen sind und wie schnell wir streckenweise vorangekommen sind. Meine Beine sind ein bißchen müde, aber ich bin noch nicht wirklich erschöpft. Wir sind beide voll vom Wanderfieber gepackt und sprechen schon darüber, demnächst nach Sighișoara (Schäßburg) oder Cluj-Napoca (Klausenburg) zu laufen. Als wir uns an der Bushaltestelle verabschieden, habe ich keine Geduld, auf den Bus zu warten. Ich jogge die restlichen 5 km nach Hause.
Veröffentlicht unter Fotografie, Geschichte, Politik, Reisen, Religion, Rumänien, Sport
Verschlagwortet mit Miercurea Nirajului, Targu Mures, Wandern
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Preiserhöhung beim SPIEGEL
Der SPIEGEL wird auch immer teurer: Am Flughafen in Tel Aviv habe ich 75 Schekel dafür hinblättern müssen. Das sind mehr als 17 Euro.
Wenn ich bedenke, dass der Flug von Rumänien nach Israel nur 50 Euro gekostet hat, ist das irgendwie unverhältnismäßig. Ungleich unverhältnismäßiger ist allerdings meine Dummheit, im Jahr 2015 noch auf gedruckten Zeitungen, Magazinen und Büchern zu bestehen. Dieser altmodische Spleen wird immer mehr zum Luxusgut.
Neues aus dem Vogelnest (3)
Anscheinend füttere ich das Vögelchen zu gut. Es ist ziemlich mollig geworden.
Morgen fahre ich für ein paar Tage nach Budapest. Ich bin gespannt, ob der Vogel noch da sein wird, wenn ich nächste Woche zurückkomme. Es wäre schön, ihn noch einmal zu sehen, bevor er in die weite Welt hinausfliegt.
Charlie Hebdo
„Je suis Charlie“ – „Ich bin Charlie“ – stand nach dem Anschlag auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift auf vielen Facebook- und Twitter-Profilen. Das war billig und vielleicht auch ein bißchen anmaßend, selbst wenn es unterstützend gemeint war.
Aber allein von drei Wörtern auf Twitter können die überlebenden Zeichner und Texter die Zeitschrift nicht weiterbetreiben. Ich belasse es nicht bei leeren Worten, sondern kaufe mir Charlie Hebdo, auch wenn der Preis von 29 rumänischen Lei = 6,50 Euro etwas happig ist.
Wenn mehr Menschen die Zeitschrift gekauft hätten, wäre vielleicht genug Geld für ein paar zusätzliche Wachmänner vorhanden gewesen.
Langfristig mag die Feder mächtiger sein als das Schwert, aber in der Zwischenzeit sollten diejenigen von uns, die im Besitz eines Schwertes sind, unsere federschwingenden Genossen beschützen. In Gesellschaften mit einem staatlichen Gewaltmonopol trifft diese Aufgabe auch den Staat. Das bedeutet nicht, dass jeder Journalist oder Künstler einen Leibwächter bekommen muss, aber es wäre schön, wenn sich unsere Politiker wenigstens der Dummheiten enthielten, die sie in den Wochen nach dem Attentat an den Tag gelegt haben:
- In Paris spazierten die Repräsentanten freier europäischer Demokratien Arm in Arm mit Vertretern von Staaten, die Journalisten und Künstler verfolgen, einsperren, foltern und hinrichten. Beim Abendessen wurde wahrscheinlich über neue Panzerlieferungen an Diktaturen verhandelt.
- Die Särge der Ermordeten waren noch nicht unter der Erde, da war der Ruf nach der Vorratsdatenspeicherung schon wieder da. Das würde zwar überhaupt nichts nützen (in Frankreich war die Vorratsdatenspeicherung schon Gesetz), aber es wäre ja schade, wenn zwölf Menschen für nichts gestorben wären.
- Gar nichts kapiert hatte die CSU. Sie forderte am Tag nach dem Attentat, in Zukunft Gotteslästerung stärker zu bestrafen. Die „christlich-soziale“ Regionalpartei macht sich damit die Forderungen von Al-Kaida und ISIS zu eigen. Ich habe noch nie verstanden, wieso der Glaube an etwas, das nicht existiert, aber angeblich genauso allmächtig wie gütig und verzeihend ist, strafrechtlich geschützt werden muss. Nach allen mir bekannten Gottesbildern ergibt das keinen Sinn.
- Papst Franziskus, der bis dahin auch Atheisten positiv überrascht hatte, zeigte sein wahres Gesicht als Oberhaupt eines illiberalen Gottesstaats, indem er Verständnis für die Mörder zum Ausdruck brachte: „Wenn mich jemand provoziert, haue ich ihm auch eine rein.“ Vielleicht gibt es dafür bald einen Friedensnobelpreis.
An dieser Stelle muss klargestellt werden, dass Charlie Hebdo keine „islamkritische“ Zeitschrift ist, wie so oft falsch berichtet wurde. Das Satiremagazin macht sich über alles und jeden lustig, von aktuellen und früheren französischen Präsidenten über Schauspieler, den Front National, alle möglichen Religionen, den IWF, das Militär, Unternehmen bis hin zu anderen Journalisten und sogar sich selbst.
Manchmal scheint die Diskussion von der empfindlichsten Heulsuse dominiert zu werden, die man auftreiben konnte. Betrachten wir zum Beispiel das Titelblatt der Ausgabe nach dem Attentat, mit einem weinenden Propheten Mohammed, der unter der Überschrift „Alles ist vergeben“ ein „Je suis Charlie“-Schild hochhält.
Dass nach so einem Blutbad überhaupt eine Zeitung zusammengestellt wurde, ist schon beeindruckend. (Die meisten von uns nähmen sich ein paar Tage frei, nur weil der Kanarienvogel oder der Hamster gestorben ist.) Und dann trifft der Titel genau den richtigen Ton: Trauer und Versöhnung.
Dennoch demonstrierten rund um die Welt Menschen gegen das angeblich anstößige, beleidigende und verletzende Titelbild. Was ist beleidigend an einer Darstellung des Propheten Mohammeds, die Mitgefühl und Menschlichkeit zeigt? Welches Bild des Propheten und der Religion liegt solchen Protesten zugrunde? Ein Verständis der Zeitung, ihrer Karikaturen oder überhaupt von Kunst oder Pressefreiheit jedenfalls nicht.
Noch mehr verwundert haben mich dann die vielen „Je suis Mohamed“-Poster, die plötzlich (hauptsächlich bei meinen muslimischen Freunden) aufgetaucht sind. Sich selbst als Propheten und als Sohn Gottes (oder verwechsle ich da einige der voneinander abgeschrieben habenden Religionen?) hinzustellen, erscheint mir als ultimative Gotteslästerung.
Das ist nur ein Beispiel, das zeigt, das „Anstößigkeit“ kein tauglicher Maßstab für die Einschränkung jeglicher Äußerungsfreiheiten ist. Ich sehe den ganzen Tag eine Menge Dinge, die ich „anstößig“ finde: mehr als die Hälfte des Fernsehprogramms, die Auslage in der Metzgerei, verhunzte Grammatik, Karneval, Verstöße gegen die Gesetze der Logik, Babyfotos im Internet, manche der Kommentare auf diesem Blog, u.s.w. Darüber kann ich mich aufregen, soviel ich will, aber niemals würde ich auf die Idee kommen, etwas davon zu verbieten.
Es erscheint so banal, aber anscheinend muss doch mal daran erinnert werden, dass niemand gezwungen wird, Charlie Hebdo zu kaufen, zu lesen oder darüber zu lachen.
Veröffentlicht unter Christentum, Frankreich, Islam, Politik, Presserecht, Religion, Terrorismus
Verschlagwortet mit Charlie Hebdo, Frankreich
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Neues aus dem Vogelnest (2)
Danke der Nachfrage nach dem Wohlergehen des kleinen Vogels. Es geht ihm gut, nicht zuletzt dank meiner liebevollen Pflege.
Am Tag 2 sieht das Wesen schon ein bißchen mehr nach Vogel aus als vorher:
Hier ein paar seltene Aufnahmen von Mutter und Kind zusammen (normalerweise fliegt die Muttertaube aufgeschreckt weg, sobald ich auf den Balkon trete):
Ich habe die beiden mit Körnern gefüttert und ihnen frisches Wasser hingestellt. Die Vogelfamilie nimmt beides dankbar an. Ich liefere nur einmal am Tag Nachschub, um sie so wenig wie möglich zu stören. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass die Taube verstanden hat, dass ich keine Gefahr darstelle. Sie ist weit weniger scheu geworden. Ich bin neugierig, wie meine Unterstützung die Meinung des Vögelchens zu Menschen formen wird. Es könnte verwirrend für das Küken werden, die unter Vögeln vorherrschende traditionelle Lehre mit seinen positiven Erfahrungen auf meinem Balkon in Einklang zu bringen.
Das letzte Foto zeigt Tag 5 im Leben des kleinen Vogels:
Wenn ich mal Biologie oder Zoologie studieren werde, sollte ich für diese Projekt ein paar Punkte angerechnet bekommen.
Achtung, Sonnenuntergang!
Ich arbeite am Schreibtisch und ärgere mich, dass ein weiterer Tag schon wieder fast vergangen ist, ohne dass ich auch nur die Hälfte der auf meiner To-Do-Liste aufgeführten Projekte erledigt habe. Da erspähe ich durch das Fenster etwas Glänzendes.
Was ist das?
Ein Feuer in der Wohnung der Nachbarn? Eine kleiner Atomwaffenversuch in der Küche?
Nein. Es ist eine Spiegelung, bemerke ich. Eine Spiegelung des Sonnenuntergangs. Ich erhebe mich vom Schreibtisch und eile zum Schlafzimmer am anderen Ende meiner großzügigen Plattenbauwohnung, von wo aus ich diesen Anblick bestaunen kann:


Es ist Euch wahrscheinlich schon aufgefallen, dass ich regelmäßig Sonnenuntergangsbilder aus Targu Mures poste. Ich weiß nicht, was in dieser Stadt los ist, aber ich habe noch nirgendwo mit solcher Regelmäßigkeit so viele spektakuläre Sonnenuntergänge gesehen. Die Sonne zieht hier fast jeden Abend eine große Show ab. Vielleicht hängt es mit den grenzwertüberschreitenden Mengen an Ammoniak zusammen, die die Azomures-Chemiefabrik in die Luft bläst. Wir sterben hier ein wenig früher als im Rest des Landes, aber bis dahin genießen wir die besseren Sonnenuntergänge. Es ist alles eine Frage der Priorität.
Veröffentlicht unter Fotografie, Reisen, Rumänien
Verschlagwortet mit Sonnenuntergang, Targu Mures
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Schnee, Eis, Matsch und Berge – Halbmarathon in Brasov
Dass der Halbmarathon in Brașov (Kronstadt) in Rumänien ein bißchen bergig sein würde, hatte ich der Streckenkarte entnommen. Sie glich einer alpinen Wanderkarte. Der zu überwindende Höhenunterschied war mit 650 m angegeben.
Am Vorabend in Brașov angekommen, blickte ich auf den die Stadt überschattenden Berg, an dem wie in Hollywood der Schriftzug „BRASOV“ angebracht ist (zwar kitschig, aber besser als das „STALIN“, das hier in den 1950ern prangte). Erschreckt stelle ich fest, dass der Berg nicht nur hoch, sondern vor allem sehr steil ist. Eine Bestzeit werde ich bei diesem Lauf nicht aufstellen können. Überall liegt Schnee.
Am nächsten Morgen pfeift ein eiskalter Wind über den Platz der Einheit, so dass einige Athleten in der nahen Sankt-Nikolaus-Kirche auf den Start um 12 Uhr warten. Das ist selbst mir als Hardcore-Atheisten zu blasphemisch. Manche der Läufer tragen Skimasken, Mützen, Handschuhe und Schals. Wenigstens habe ich meinen Kapuzenpullover. Ich bin nicht der einzige, der sich die Hände reibt, um sich warm zu halten. Auf dem Nummernschild, das jeder Teilnehmer während des Laufs tragen muss, steht: „Im Falle eines Unfalls bitte die Bergrettung anrufen.“
Der Startschuss ist eine Erlösung. Endlich kommt Bewegung in den Körper, das Blut zirkuliert schneller und wärmt die schon fast abgefrorenen Glieder. Zügig geht es durch die engen Gassen der Altstadt und schon nach 2 km auf einen stetig ansteigenden Wanderweg. Eine wunderschöne Waldlandschaft mit tiefen Tälern. Es beginnt zu schneien. Dichte Flocken kommen mir entgegen und bedecken bald den Boden. Die ersten Läufer werden zu Spaziergängern, aber ich bin noch fit.
Aber bald wird der Weg so schmal, dass ich niemanden mehr überholen kann. Mit meinen langen Schritten bin ich im Gehen schneller als andere im Laufen.
Und dann kommt das Eis. Der steile Pfad zwischen den Bäumen ist spiegelglatt. Jetzt geht es nicht mehr um Geschwindigkeit, sondern darum, sich keine Knochen zu brechen. An Bäumen und Ästen halte ich mich fest, wenn es bergauf geht. In der Hocke und auf dem Hosenboden rutsche ich, wenn es bergab geht. Immer wieder rutsche ich seitlich ein paar Meter in den Schnee hinab. Die professionelleren unter den Läufern ziehen sich Spikes auf ihre Schuhe.
Auf dem Eis bewege ich mich so vorsichtig, dass es mehr ein Winterspaziergang als ein Halbmarathon ist. Alle 5 km gibt es Getränke und Essen, und zwar in reichlicher Auswahl: Äpfel, Bananen, Schokolade, Käse, Zitronen. Da kann man leicht einige Minuten an der im Wald aufgebauten Theke verweilen.
Der steile Weg zurück in die Stadt ist noch schlimmer: anstatt Schnee und Eis sind es jetzt Schlamm und Matsch, die für einen Ausrutscher nach dem anderen sorgen. Schuhe, Hose, Pullover und Hände sind bald voller Dreck. (Meine Hose habe ich seither schon zweimal vergeblich gewaschen.)
Manche Läufer stürzen sich in einem Höllentempo den Abhang hinab, wie wenn jede Sekunde zählt. Mir ist das zu jenem Zeitpunkt schon egal geworden. Die Strecke ist ideal für einen Spaziergang mit schönen Ausblicken auf Brașov hinab, aber zum Laufen ist sie zumindest an jenem Tag nur bedingt geeignet.
Als ich nach zweieinhalb Stunden durchs Ziel sprinte, bin ich kein bißchen erschöpft und habe noch genug Energie, um einige Kilometer weiter zu meiner Unterkunft zu laufen.
Für einen Läufer ist es unbefriedigend, wenn die Streckenführung nicht das Tempo zulässt, das die Kondition gestatten würde. Obwohl es als besonders herausfordernd gedacht ist, fehlt für mich dabei die sportliche Herausforderung. Noch viel deprimierender ist es, nachträglich zu lesen, dass die besten Läufer halb so lange wie ich für die Strecke benötigten. Ich habe keine Ahnung, wie man auf vereisten und matschigen Hängen genauso schnell laufen kann wie auf trockenem Waldboden.
Die nächsten Halbmarathons werde ich am 19. April in Budapest in Ungarn, am 24. Mai in Târgu Mureș in Rumänien und am 6. Juni in Tusnad in Rumänien laufen. Die beiden letzteren werden auch ziemlich bergig, was mir an sich nichts ausmacht (immerhin bin ich im März in Jerusalem gelaufen), aber hoffentlich fallen die Wettkämpfe nicht in die Regenzeit. Ausgewiesene Schlammrennen wie „Tough Mudder“ brauche ich nach dieser Erfahrung auf keinen Fall mehr. Schließlich bin ich kein Kind, das in jede ihm hingehaltene Pfütze springt.
(Mehr Fotos vom Halbmarathon in Brașov gibt es hier und hier. – Click here for the English version.)
Warzenschweine über Rumänien
Das Geräusch von Düsenjägern, Kampfflugzeugen und Bombern führt bei manchen Menschen zu Angst und Schrecken, bei mir jedoch zu Verzückung. Wenn der Überschall aus der Ferne dröhnt, lasse ich alles stehen und liegen und wende mein sich mit Begeisterung erhelltes Gesicht dem Himmel zu, um sowohl das Meisterwerk der Ingenieurskunst als auch das fliegerische Können zu bestaunen.
In den 80er Jahren in Westdeutschland aufgewachsen, konnte ich fast wöchentlich die Düsenjäger und Jagdbomber der amerikanischen und deutschen Luftwaffe beobachten. Als Kind pazifistischer Eltern mußte ich meine Begeisterung jedoch verbergen und mir stattdessen bei jedem Überflug der Verteidiger unserer Freiheit anhören, wie viele Lebensmittel oder Medikamente für die Dritte Welt mit dem Verteidigungshaushalt erworben werden könnten. (Im Keller baute ich dennoch ein Modell eines Apache-Kampfhubschraubers zusammen.) Als ich alt genug war, meine eigene Meinung energisch zu vertreten, war der Kalte Krieg zu Ende und der Himmel leer, leise und langweilig.
Vor einer Woche hörte ich in Rumänien wieder das altbekannte Geräusch. Ich war am Bahnhof in Razboieni und gerade im Begriff, den Zug nach Brașov (Kronstadt) zu besteigen, weswegen ich nicht ausharren konnte, um die dem Geräusch folgenden Flugzeuge zu erspähen.
Erst aus dem Zug sah ich sie: einige A-10 Thunderbolts, auch „Warzenschwein“ genannt. Mein Lieblingsflugzeug! Es dient der Bekämpfung von Panzern und anderen Zielen am Boden und fliegt tief und majestätisch langsam, auch vergleichsweise leise, aber dennoch enorm wendig. Diesen Flugzeugen bei ihren Manövern zuzusehen bereitet mehr Freude als spielende Katzen zu beobachten.
Aus dem Zug konnte ich ein paar Fotos von den über die Hügel Transsilvaniens gleitenden Thunderbolts machen:
Dabei handelt es sich um einige der 12 Thunderbolts, die die US-Luftwaffe nach Rumänien verlegt hat. Wenn man mit dem Zug nach Cluj-Napoca (Klausenburg) fährt, kommt man übrigens direkt am Luftwaffenstützpunkt in Câmpia Turzii vorbei und sieht das formidable Arsenal aufgereiht.
Diese Verlegung ist Teil der Operation Atlantic Resolve, mit der die westlichen NATO-Staaten ihren osteuropäischen Partnern zeigen (wollen), dass letztere mit der Unterstützung der ersteren rechnen können falls Russlands Expansionsdrang nicht in der Ukraine Halt macht. Russland hingegen nannte die Verlegung eine „Konfrontation in der Nähe der russischen Grenze“, wobei ich mich frage, welche Landkarte der Sprecher des russischen Aussenministeriums dabei zu Rate zog. Rumänien grenzt nicht an Russland.
Weil es so schön ist, hier noch ein Video von der Manövrierfähigkeit der A-10:
Veröffentlicht unter Fotografie, Militär, Politik, Reisen, Rumänien
Verschlagwortet mit Atlantic Resolve, NATO
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