Auf 1130 Metern thront der Berg Dinnammare über der Hafenstadt Messina und bietet einen famosen Ausblick über die Meerenge von Skylla und Charybdis, nach Kalabrien, über die Berge Siziliens und gleichzeitig auf das Ionische und das Tyrrhenische Meer. Wer gerade erst vom italienischen Festland übergesetzt ist, kann sich hier nach etwa halbstündiger serpentinenreicher Fahrt durch verschiedene Vegetationszonen einen ersten Überblick von der Vielfalt der größten Insel des Mittelmeers verschaffen.
Solche Blicke hat man von hier:
Als ich das erste Mal auf dem Dinnammare war, sah ich übrigens Radfahrer, die gerade die gesamten 1130 Höhenmeter überwunden hatten. Sie waren nicht einmal besonders erschöpft.
Auf dem Gipfel befindet sich eine kleine Wallfahrtskirche.
Als mich meine Mutter und meine Schwester in Sizilien besuchten, wollte ich sie natürlich an diesen fantastischen Ort bringen. Da die beiden meinen Fahrkünsten nicht vertrauten, war es meine Schwester, die den Fiat die Serpentinen hochjagte. Es war frühmorgens, die Bergspitzen lagen noch im Nebel, aber wir dachten uns, dass sich das schon verziehen würde. Stattdessen wurde der Nebel immer dichter, grauer, feuchter, kälter und dunkler.
Die Wallfahrtskirche sah an jenem Tag im März so aus:
Das war natürlich enttäuschend. Die angestrebte Wanderung fiel nicht ins sprichwörtliche Wasser, sondern wurde vom Nebel verschluckt. Wir hingen noch nasskalte 15 Minuten herum, in der Hoffnung, dass sich der Nebel lichten würde. Tat er aber nicht.
Also kehrten wir um und fuhren mangels Sicht im Schritttempo den Berg hinab. Unterhalb der Nebelzone hielten wir an, um unsere ausgefallene Wanderung an anderer, unbekannter Stelle nachzuholen.
Mitten im Wald entdeckten wir etwas, was wir nicht zu entdecken gehofft hatten, weil wir gar nicht wussten, dass es existiert. Aus der Enttäuschung wurde eine Überraschung.
An der in Messina parallel zum Hafen verlaufenden Via Giuseppe Garibaldi könnte man auf den ersten Blick glauben, dass sich hinter den Häusern, an denen man vorbeifährt, eine weitere mehrstöckige Gebäudereihe emporhebt. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass es sich bei diesen enormen Konstruktionen, die doppelt so hoch wie die Gebäude sind, um Kreuzfahrtschiffe handelt.
Dieses Schiff fährt gerade in den Hafen ein und überragt dabei alle Gebäude in der Umgebung.
Wenn man weiß, dass der Turm der Kathedrale etwa 60 Meter hoch ist, bekommt man eine Ahnung von den Ausmaßen des Bootes. Es ist riesig.
Diese Schiffe sind nicht nur enorm, sie beherbergen auch Tausende von Passagiere, die sie auf jedem ihrer Stopps im Mittelmeer für Tagesausflüge entlassen. An jenem Tag in Messina traf ich zwei dieser Passagiere, ein freundliches Paar aus Kanada, das mir von ihrer Kreuzfahrt durchs Mittelmeer erzählte und diese Idee ganz schmackhaft darstellte, insbesondere als ich hörte, dass es viel weniger kostet als ich immer gedacht hatte. Außerdem geht mir seither der Gedanke an die Wasserrutsche an Deck nicht mehr aus dem Kopf.
Die meisten Besucher kommen wohl nur in das kleine Dorf Medininkai, um die beiden höchsten Berge Litauens zu besteigen. Auch ich verweilte nach meiner Bergtour nicht mehr lange, schaute aber noch bei der Holzkirche und der Burg vorbei.
Die Kirche war ge- und verschlossen. Den Bekanntmachungen neben dem Eingang konnte ich entnehmen, dass die Gemeinde überwiegend polnischsprachig ist.
Die Burg war ebenfalls geschlossen, was in diesem Fall aber bedeutete, dass das Tor offen aber niemand zum Ticketverkauf oder für Erklärungen zur Verfügung stand.
Diese quadratisch angelegte Burg wurde im 13. oder 14. Jahrhundert erbaut und diente dem Schutz vor den Rittern des Deutschen Ordens. Diese Nachfolger der Kreuzritter führten einen mehr als 100 Jahre dauernden Krieg gegen Litauen, das letzte nicht christianisierte Land in Europa. In Wirklichkeit ging es natürlich nicht um Religion, sondern um Territorium.
Zuletzt erhielt Medininkai am 31. Juli 1991 traurige Bekanntheit, als sowjetische Truppen den litauischen Grenzposten überfielen und sieben litauische Polizisten erschossen. Kein Wunder, dass Litauen in die NATO strebte.
Vielleicht hast Du Großartiges in Deinem Leben geleistet. Vielleicht bist Du ein Held. Vielleicht bist Du berühmt. Möglicherweise gibt es sogar ein Denkmal für Dich in Edinburgh.
Dann kommt ein Vogel angeflogen und scheißt Dir auf den Kopf. Dem Vogel ist es egal, wer Du bist oder was Du geleistet hast. Für den Vogel bist Du wie jeder andere Mensch, eigentlich auch wie jedes andere Tier oder gar ein Stein oder ein Stück Holz.
Der Grūtas-Park ist ein Park mit sowjetischen Denkmälern sowie ein Museum über die sowjetische Besatzung Litauens. Ich spazierte von Druskininkai im Süden Litauens los, um die 8 km zu dem Park durch den schneebedeckten Wald und über zugefrorene Seen zurückzulegen, wobei ich mich nur ein bisschen verlief.
Beim Grūtas-Park angekommenentdeckte ich, dass es sich weniger um ein organisiertes Museum als vielmehr um ein Sammelsurium von Relikten aus der Zeit der Sowjetunion handelt, von den großen Statuen, die den Park dominieren, bis zu Büchern und Postern. Mit der Stacheldrahtumzäunung und den Gulag-ähnlichen Wachtürmen soll wohl das Gefühl eines sowjetischen Arbeitslagers nachempfunden werden, aber mit Kinderspielplätzen und Souvenirläden auf dem Areal klappt das nicht so ganz.
Beim Spaziergang durch den Park trifft man auf die bekannten Gesichter des Kommunismus: Karl Marx, Friedrich Engels, Wladimir Lenin, Josef Stalin plus einige mir bis dahin unbekannte litauische Kommunisten sowie natürlich die obligatorischen Pioniere und stolze und starke Arbeiterbrigaden.
Als ich die Beschreibungen und Zusammenfassungen vor den jeweiligen Ausstellungsstücken studierte, begann ich zu bemerken, dass ich ohne vorheriges Wissen von der Geschichte des 20. Jahrhunderts den Eindruck gewinnen würde, wie wenn Litauen immer eine unabhängige Nation gewesen sei, die von der Sowjetunion 1940 hinterrücks überfallen wurde, dass zwischen 1941 und 1944 gar nichts geschah und dass die Sowjetunion 1944 komischerweise erneut Litauen überfiel und das gesamte Volk versklavte. Unter den Litauern gab es keine Kommunisten. Diejenigen, die doch Kommunisten waren, waren Verräter. Oder Juden, was anscheinend inkompatibel mit dem Litauersein ist.
Die Tafel über die “Sowjetischen Partisanen im Untergrund” erklärt zum Beispiel wie diese von Moskau kontrolliert wurden, wie brutal sie waren und dass diese Gruppen aus “sowjetischen Aktivisten, Rotarmisten, entflohenen Kriegsgefangenen und einzelnen Bewohnern Litauens (überwiegend jüdischer Nationalität)” bestanden – wie wenn Juden in Litauen nicht auch litauische Bürger gewesen wären und unter Verkennung des Unterschieds zwischen Religion und Nationalität. Die Partisanen werden als „Saboteure“ beschrieben – aber nirgendwo in dem längeren Text wird auch nur einmal erwähnt, gegen wen sie eigentlich kämpften. Ihre Gegner waren natürlich Nazi-Deutschland, die Wehrmacht und die SS. Die wenigen Juden, die den Ghettos und Konzentrationslagern lebend entkommen konnten und dann zu den Waffen griffen, um die Nazis in Osteuropa zu bekämpfen, sind in meinen Augen Helden, aber von den Machern von Grūtas-Park werden sie zu bedrohlichen Monstern stilisiert. (Jedem der mehr über die sowjetischen Partisanen erfahren möchte, empfehle ich das Buch “Wann, wenn nicht jetzt?” von Primo Levi.) Kein Wort über die eigentlichen jüdischen Widerstandsgruppen wie die „Fareinikte Partisaner Organisatzije“.
Eine sehr merkwürdige Wiedergabe der Geschichte. Ich fand es bemerkenswert, dass die Zeit zwischen 1941 und 1944 fast immer ganz unerwähnt blieb oder nur kurz gestreift wurde, wie wenn zwischen den beiden sowjetischen Vormärschen auf Litauen nichts Wichtiges passiert wäre. Aber genau in diesen Jahren tobte hier der Zweite Weltkrieg.
Der wahre Ablauf der Ereignisse war der, dass sich im beginnenden 20. Jahrhundert wie überall in Europa auch in Litauen manche Menschen mit der Idee des Sozialismus identifizierten. Von 1918 bis 1919 war Litauen sogar kurzzeitig eine Sozialistische Sowjetrepublik. 1920 erkannte die Sowjetunion unter Lenin dann die litauische Unabhängigkeit an. Um Vilnius wurde jedoch noch immer zwischen der Sowjetunion, Litauen und Polen gestritten und gekämpft. Von 1926 an herrschte in Litauen ein autoritäres, nationalistisches Regime, das sich an die Macht geputscht hatte. Die Sowjetunion und Deutschland vereinbarten durch den Hitler-Stalin-Pakt bekanntermaßen die Aufteilung Osteuropas, wobei der Großteil Litauens, mit Ausnahme der Küstenregion um Klaipeda, an die Sowjetunion fiel, die Litauen dann 1940 militärisch annektierte.
1941 brach Deutschland den Pakt, griff die Sowjetunion an und besetzte Litauen. Sofort wurde auch im Baltikum der Holocaust durchgeführt, wobei 90% der Juden, die vor dem Krieg in Litauen gelebt hatten, ermordet wurden, oft mit Hilfe der örtlichen litauischen Bevölkerung (etwas, worüber man im Grūtas-Park kein Wort liest). Es folgte der Krieg zwischen Deutschland und der Sowjetunion. Als die Rote Armee 1944 auf das heutige litauische Gebiet vorrückte, griff sie nicht Litauen an, weil Litauen als Staat nicht mehr existierte. Die Sowjetunion führte Krieg gegen Nazi-Deutschland, das diesen Krieg vom Zaun gebrochen hatte und einen Völkermord verübte. Nach den Informationen auf der oben erwähnten Tafel, dass „die einheimische Bevölkerung die sowjetischen Partisanen nicht unterstützte“, zogen die Litauer in den 1940er Jahren die Nazis also der Sowjetunion vor, was wesentlich mehr über die Bevölkerung Litauens in jener Zeit als über die Partisanen aussagt.
Eines der bekanntesten litauischen Bücher ist “Der Wald der Götter” (Dievų miškas) von Balys Sruoga, der nach der deutschen Besetzung Litauens zwei Jahre im KZ Stutthof verbringen mußte. Auf den letzten Seiten des Buches wird er auf einem der Todesmärsche, mit denen die Nazis die Konzentrationslager vor der nahenden Sowjetarmee evakuierten, zurückgelassen, um an körperlicher Schwäche, Hunger und Kälte zu sterben. Balys Sruoga erkennt erst, dass er überleben wird, als er das Rollen der Panzer hört. Sowjetischer Panzer.
Ich habe keine Absicht, die Brutalität und die Unterdrückung der Sowjetunion herunterzuspielen, aber um das Entstehen von nationalen Mythen zu verhindern, müssen Ereignisse schon in den Kontext gesetzt werden. Falls man natürlich überhaupt Interesse hat, solche nationalen Mythen zu verhindern. Osteuropa hat im 20. Jahrhundert entsetzlich an seiner geographischen Lage zwischen Deutschland und der Sowjetunion gelitten. Das will niemand bestreiten. Aber sich selbst als Opfer der sowjetischen Besatzung zu sehen, dafür in Gänze anderen Nationalitäten und Religionen die Schuld zu geben und sich gleichzeitig zu weigern, die Mitwirkung der eigenen Nation an Nationalismus, Antisemitismus und am Holocaust anzuerkennen, stellt keinen fruchtbaren Umgang mit der eigenen Geschichte dar. Es ist nicht einmal die Wahrheit.
Jeden Tag wird das Internet verstopft weil Millionen Menschen Fotos ihres Frühstücks hochladen: frischgepresster Orangensaft oder Kaffee, in dem das Schokoladenpulver ein satanistisches Zeichen bildet. Ein gesundes Müsli oder ein Schwertfischfilet. Eier und Speck. Bier und Weißwürste.
Ich erkenne fünf mögliche Motive hinter dieser überhandnehmenden Angewohnheit:
Manche Menschen haben kein spannendes oder erfülltes Leben, und das Frühstück bildet tatsächlich den Höhepunkt ihres Daseins. Traurig, aber nachvollziehbar.
Manche wollen angeben, wie gesund oder wie wenig (Diät) sie essen. Das gesündeste Frühstück nützt aber nichts, wenn man nachher ins Auto anstatt aufs Fahrrad steigt, um in die Arbeit zu gelangen.
Andere, insbesondere erst vor kurzem in der Mittelschicht Angekommene, wollen damit angeben, wieviel Essen sie zur Verfügung haben. Nach entbehrungsreichen Jahren im Slum oder im Flüchtlingslager durchaus verständlich.
Alleinstehende Frauen, die einen übervollen Frühstückstisch ablichten, signalisieren damit: „Seht her Jungs, ich hätte genug Essen, um einen Mann durchzufüttern.“ Verzweifelt und traurig, das böse Ende ist absehbar (kurze Affäre, ungewollte Schwangerschaft, u.s.w.).
Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene (bis zum zweiten Universitätsabschluss) machen solche Fotos, damit Mama nicht ständig anruft und fragt: „Hast Du auch anständig gegessen?“
Angesichts dieser Fotos muss ich immer entsetzt ausrufen „Aber wo ist die Zeitung?“ Seit ich denken kann, war für mich die Süddeutsche Zeitung oder das TIME Magazine am Frühstückstisch wichtiger als die Haferflocken. Ihr Frühstücksfotografen, lest Ihr denn nichts am Morgen? Was ist das für ein uninformierter Start in den Tag? Die Lektüre von Gedrucktem ist es schließlich, die den Menschen vom Tier unterscheidet.
So sah z.B. mein gestriger Frühstückstisch aus:
Vitaminreich (Peperoni im Wurstbrot), erfrischend (Cola), aber auch geistig anregend. Mit ein paar Stunden Lektüre zum Frühstück ist gewährleistet, dass man den Tag viel kreativer und ideenreicher angeht.
Wie wenn Rumänisch und Ungarisch nicht schon schwierig genug wären, bin ich im Szeklerland in Rumänien auf Straßenschilder gestoßen, die neben den beiden vorgenannten Sprachen noch ein drittes mir bisher unbekanntes Alphabet aufführen.
Bei den Zeichen direkt über dem Pfeil handelt es sich um die altungarische Schrift, auch bezeichnet als ungarische Runen oder Szekler Kerbschrift.
Diese aus 45 Zeichen bestehende Schrift wird von rechts nach links gelesen. Der Ursprung wird in türkischen oder sibirischen Runen vermutet und geht etwa auf das 8. Jahrhundert zurück. Da diese Runenschrift für jeden der für den Rest der Welt unaussprechlichen ungarischen Laute ein Zeichen hat, ist sie für Ungarisch eigentlich besser geeignet als das lateinische Alphabet, weswegen es durchaus Forderungen nach der Wiedereinführung dieser Kerbschrift gibt. Die Übersetzer bei der Europäischen Union werden sich freuen.
Hier das vollständige Alphabet, rechtzeitig für die nächste Ungarn-Reise: