Giraffen

giraffesFotografiert in Edinburgh, Schottland.

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Frühstückstisch

Jeden Tag wird das Internet verstopft weil Millionen Menschen Fotos ihres Frühstücks hochladen: frischgepresster Orangensaft oder Kaffee, in dem das Schokoladenpulver ein satanistisches Zeichen bildet. Ein gesundes Müsli oder ein Schwertfischfilet. Eier und Speck. Bier und Weißwürste.

breakfast photos

Ich erkenne fünf mögliche Motive hinter dieser überhandnehmenden Angewohnheit:

  • Manche Menschen haben kein spannendes oder erfülltes Leben, und das Frühstück bildet tatsächlich den Höhepunkt ihres Daseins. Traurig, aber nachvollziehbar.
  • Manche wollen angeben, wie gesund oder wie wenig (Diät) sie essen. Das gesündeste Frühstück nützt aber nichts, wenn man nachher ins Auto anstatt aufs Fahrrad steigt, um in die Arbeit zu gelangen.
  • Andere, insbesondere erst vor kurzem in der Mittelschicht Angekommene, wollen damit angeben, wieviel Essen sie zur Verfügung haben. Nach entbehrungsreichen Jahren im Slum oder im Flüchtlingslager durchaus verständlich.
  • Alleinstehende Frauen, die einen übervollen Frühstückstisch ablichten, signalisieren damit: „Seht her Jungs, ich hätte genug Essen, um einen Mann durchzufüttern.“ Verzweifelt und traurig, das böse Ende ist absehbar (kurze Affäre, ungewollte Schwangerschaft, u.s.w.).
  • Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene (bis zum zweiten Universitätsabschluss) machen solche Fotos, damit Mama nicht ständig anruft und fragt: „Hast Du auch anständig gegessen?“

Angesichts dieser Fotos muss ich immer entsetzt ausrufen „Aber wo ist die Zeitung?“ Seit ich denken kann, war für mich die Süddeutsche Zeitung oder das TIME Magazine am Frühstückstisch wichtiger als die Haferflocken. Ihr Frühstücksfotografen, lest Ihr denn nichts am Morgen? Was ist das für ein uninformierter Start in den Tag? Die Lektüre von Gedrucktem ist es schließlich, die den Menschen vom Tier unterscheidet.

So sah z.B. mein gestriger Frühstückstisch aus:

Frühstückstisch1 Frühstückstisch2

Vitaminreich (Peperoni im Wurstbrot), erfrischend (Cola), aber auch geistig anregend. Mit ein paar Stunden Lektüre zum Frühstück ist gewährleistet, dass man den Tag viel kreativer und ideenreicher angeht.

Guten Appetit!

(To the English version.)

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Schwertfisch

swordfish(Fotografiert an der Ecke des Corso dei Mille und der Via Rocco Pirri in Palermo, Sizilien.)

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Ungarische Runen

Wie wenn Rumänisch und Ungarisch nicht schon schwierig genug wären, bin ich im Szeklerland in Rumänien auf Straßenschilder gestoßen, die neben den beiden vorgenannten Sprachen noch ein drittes mir bisher unbekanntes Alphabet aufführen.

DSCN4825Bei den Zeichen direkt über dem Pfeil handelt es sich um die altungarische Schrift, auch bezeichnet als ungarische Runen oder Szekler Kerbschrift.

Diese aus 45 Zeichen bestehende Schrift wird von rechts nach links gelesen. Der Ursprung wird in türkischen oder sibirischen Runen vermutet und geht etwa auf das 8. Jahrhundert zurück. Da diese Runenschrift für jeden der für den Rest der Welt unaussprechlichen ungarischen Laute ein Zeichen hat, ist sie für Ungarisch eigentlich besser geeignet als das lateinische Alphabet, weswegen es durchaus Forderungen nach der Wiedereinführung dieser Kerbschrift gibt. Die Übersetzer bei der Europäischen Union werden sich freuen.

Hier das vollständige Alphabet, rechtzeitig für die nächste Ungarn-Reise:

660px-Szekely_Hungarian_Rovas_alphabet_Szekely_magyar_rovas_ABC.svg(Das Foto entstand in Gheorgheni in Rumänien. – Click here for the English version of this article.)

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Wie soll man sich da nicht verlaufen?

Mit Wegweisern wie diesem war es kein Wunder, dass ich mich auf meinem Marsch von Druskininkai nach Grutas (beide Orte liegen in Litauen) etwas im Wald verlief.

sign post broken snowZum Glück hatte ich noch auf eine Wanderkarte gespäht, bevor ich mich auf den Weg machte, so dass ich zumindest die ungefähre Richtung einhalten konnte. Es war ein wunderschöner, wenn auch anstrengender, etwa 8 km langer Spaziergang durch den einsamen, tief verschneiten Wald und über zugefrorene Seen.

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Frühling mit Katze

Das Internet verlangt nach Katzenfotos. Katzen sollt Ihr haben.

Der Schnee schmilzt. Es ist sonnig und schon warm genug, zumindest den mit- und nachmittäglichen Teils des Tages draußen zu sitzen und zu lesen. Das Gleiche, minus das mit der Lektüre, dachte sich diese Katze und machte es sich unterhalb meines Balkons bequem.

cat balcony 1

Als die Katze bemerkte, dass ich sie fotografierte, sah sie minutenlang nicht mehr weg.

cat balcony 2(To the English version.)

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Nekropolis – die Stadt der Toten

Die Städte in Europa werden sich immer ähnlicher. Die gleichen Geschäfte, die gleiche Mode, die gleichen Filme in den Kinos, die gleichen Restaurants, die gleiche Musik, das gleiche Essen.

Um diesem Einheitsbrei zu entkommen, gehe ich gerne auf Friedhöfe, wo die Zeit 50 oder 100 Jahre hinterherhinkt und jedes Land noch seine eigenen Traditionen pflegt. In Bari entdeckte ich einen Friedhof, der größer war als manche Orte, in denen ich schon gewohnt hatte. Eine richtige Stadt der Toten. So steht es auch auf dem Schild neben dem prunkvollen Eingang: Necropoli.

entrance

Necropoli

Und tatsächlich ist der Friedhof wie eine Stadt aufgeteilt. Rechtwinklig zueinander angelegte Alleen und Boulevards führen unter schattenspendenden Bäumen durch das Reich des längst Vergangenen.

Im Zentrum stehen die Prachtbauten und Paläste mit Gräbern, die schöner und größer sind als die Wohnungen mancher lebendiger Zeitgenossen.

Zentrum1 Zentrum2 Zentrum3

Den Kontrast dazu bilden die Plattenbausiedlungen. Hier liegen die Toten auf fünf Reihen gestapelt, jeder in einem exakt gleich groß bemessenem Steingrab. Vermutlich ein durch die sozialistische oder kommunistische Partei angeregtes Projekt.

Plattenbau

Selbst die Treppe muss man sich in diesen Vierteln mit der ganzen Nachbarschaft teilen.

TreppeMittlerweile wird der Platz knapp, so dass auch in der Totenstadt mehrstöckig gebaut werden muss. Von außen sehen diese Häuser aus wie normale Wohnblocks, aber wenn man einen Blick durch das Fenster wagt, sieht man auch hier auf bis zu vier Stockwerken die Leichen gestapelt.

Wohnblock

Praktischerweise gleich mit Stühlen für die Besucher, die darauf warten dass eine der Wohnungen bezugsfertig wird.

StühleSelbst im Keller findet man hier keine Fahrräder oder Schallplattensammlungen, sondern – man ahnt es (Achtung Wortspiel!) – die von uns gegangenen Ahnen.

KellerBei denen, die es sich leisten können, geht der Trend jedoch wieder zum Einzelgrab. Im Hintergrund sieht man den Baukran als Beweis der andauernden Expansion.

Neubau

Die auf den Gräber aufgestellten Fotos, die man in diesem Neubaugebiet sieht, sind übrigens keine neue Mode. Schon vor 100 Jahren gab es in Italien diesen Brauch, wobei die älteren Bilder stilvoller und vorteilhafter gegenüber den Toten gehalten sind. Man merkt, dass man früher noch zum Fotografen ging, während heute jeder seine eigenen Fotos mit dem Mobiltelefon anfertigt.

Fotos Auch die Bildhauer hatten früher mehr zu tun.

Denkender

Badewanne

Paar

Wie in jeder Stadt gibt es auch in der Nekropolis den einen oder anderen Nachbarn, der mit Geschmacksverirrungen für Gesprächsstoff aber auch für leichtere Wegbeschreibungen sorgt. („Nach dem häßlichen rosa Glashaus rechts.“)

rosa

Apropos Wegbeschreibung: Alles ist bestens organisiert. Tafeln zeigen an, in welcher Sektion und in welchem Sektor man sich befindet und welche Hausnummern man im Häuserblock vor sich finden kann. Städte mit durchnummerierten Straßen wie Manhattan und Mannheim haben diese Idee wahrscheinlich von diesem Friedhof in Bari.

AdresseUnd wer sich doch verläuft, fragt nach der Polizeistation, wo einem gerne weitergeholfen wird (obwohl jeder tot war, als ich vorbeischaute).

police

Die alte (nicht nur) italienische Tradition, Juden in ein Ghetto zu zwingen, wird auch nach deren Ableben konsequent umgesetzt.

Ghetto

Die Grabsteine fallen hier – zur Enttäuschung der Weltfinanzjudentumverschwörungstheoretiker – deutlich bescheidener aus,

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Auch ein Pharao ist übrigens in Bari begraben.

PyramideDas Schild, das den Weg zum Ausgang weist, mögen manche der immobilen Bewohner dieser Stadt als zynisch empfinden, doch mir wies es nach Stunden des Wandelns in dieser für Italien eigenartig ruhigen und verkehrsarmen Stadt den Weg durch eines der Stadttore.

uscita

StadttorDie Stadt der Toten schien alles zu haben, bis mir mein Magen meldete, was fehlte: eine Pizzeria.

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Die Spannung in Minsk steigt

Gestern Abend in den Tagesthemen, live aus Minsk. Udo Lielischkies tat mir leid, weil sich die Verhandlungen der Kriegsparteien natürlich nicht nach dem Zeitplan von Tagesschau, Tagesthemen und Morgenmagazin richten, so dass es ehrlicherweise nichts Neues zu berichten gab. Er muss zum hundersten Mal erklären, worum es geht. Krieg und Frieden, Zukunft des Kontinents, ganz großes Drama, letzte Chance für den Frieden.

Und im Hintergrund spielt jemand am Computer Solitär (links unten).

Tagesthemen SolitärDa war die ganze Dramatik dahin.

Ein weiterer Vorteil des Print-Journalismus. Niemand sieht, was in der Redaktion passiert, wer in der Jogginghose arbeitet und wer während des Schreibens eine Currywurst verschlingt.

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Handgeschriebene Fahrpläne

Frage: Woran erkennt man, dass eine Zugfahrt besonders idyllisch sein wird?

Antwort: Am handgeschriebenen Fahrplan im etwas heruntergekommenen Bahnhof.

Beispiele: (für die Reisebeschreibungen bitte auf den Namen des Bahnhofs oder das jeweilige Foto klicken)

Prilep, Mazedonien

Ticketpreise

Podgorica, Montenegro

timetable

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Stromboli – ein Abend auf dem Vulkan

To the English version of this report.

Vier Tage lang hatte ich jeden Vormittag bei Magmatrek angerufen, um zu erfragen, ob am jeweils nächsten Tag eine Exkursion auf den Stromboli stattfinden würde. Drei Tage lang wurde ich vertröstet. Es war März, das Wetter in Sizilien zu stürmisch und zu unstet. Jedes Mal fragte mich Beatrice, die Mitarbeiterin des Reiseveranstalters, ob mein Vater auch wirklich fit genug sei, wie alt er sei, und erwähnte, dass die Besteigung des Stromboli eine anstrengende Wanderung darstelle und dass sich das Unternehmen das Recht vorbehalte, unfit erscheinende Personen vor Ort abzuweisen.

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Als sie, nachdem die rauhe See sich für einen Tag beruhigt hatte und die Überfahrt nach Stromboli möglich war, meinen Vater und mich durch die Tür des kleinen, aber bis oben hin mit Wander- und Bergsteigerausrüstung vollgestopften Büros treten sieht, muss Beatrice lachen: „Ok, jetzt sehe ich, dass meine Sorgen unberechtigt waren!“ Mein Vater ist zwar fast 70, aber die Bergerfahrung steht ihm ins gebräunte Gesicht geschrieben. Der ungezähmte Bart, die Bergschuhe und die Fleece-Jacke tun ihr übriges, um alle Bedenken auszuräumen.

Nach der Zusammensetzung der Reisenden zu urteilen, die sich um die Aufnahme in die abendliche Besteigung des aktiven Vulkans bewerben, sind Deutsche und Franzosen die Outdoor-Nationen Europas. Kurz vor dem Abmarsch wird noch ein japanisches Paar auftauchen, dessen eine Hälfte schwanger ist und dessen beide Hälften wirklich unzureichend ausgerüstet sind. Bergstiefel, Wanderstöcke und Taschenlampen kann man natürlich mieten, aber wer nicht mal einen Pullover hat, bleibt besser am Strand.

Die Exkursion geht erst um 15:30 Uhr los, wir haben also noch ein paar Stunden, um uns den Ort Stromboli anzusehen. Nur am kleinen Hafen herrscht der für Häfen von nur mit dem Boot erreichbaren Inseln typische Trubel von auf ihre Kinder wartenden Angehörigen, auf Kisten mit Konservendosen wartenden Wirten und auf Zeitungen wartenden Rentnern. Nach Entgegennahme der Pakete düsen die Inselbewohner dann auf ihren Vespas, Dreirädern und Golfcarts davon. Die engen, steilen Gassen lassen keine größeren Fahrzeuge zu.

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Etwa 600 Menschen leben auf Stromboli, trotz des immer wieder eruptierenden Vulkans. Es gibt viele Inseln mit Vulkanen, aber Stromboli ist der Vulkan. Die 924 Meter über dem Meeresspiegel sind nur die Spitze des Vulkans, der sich fast 3 Kilometer tiefer vom Meeresboden abhebt. Daher die charakteristische Kegelform der Insel.

Der Vulkan bestimmt Leben und Wirtschaft auf Stromboli. Gebaut wird nur nah am Wasser, von wo aus man notfalls schnell mit dem Boot fliehen kann, die steilen Hänge sind unberührt. Gelebt wird von den Besuchern. Viele der schmucken weißen Häuser mit blau bemalten Türen und Fensterrahmen sind Pensionen, Gaststätten, Hotels. Bunte Schilder bieten Bergführungen, Inselumrundungen mit dem Boot und frischen Fisch. Die Straßennamen sind auf kunstvollen Keramikschildern angegeben, wie in einem Künstlerdorf. Es ist sehr ruhig, fast verschlafen, zumindest jetzt im März.

Der Strand ist schwarz. Die unteren zwei Drittel des Vulkans sind bewachsen mit Büschen, kleinen Bäumen und Gras. Im oberen Drittel liegen nur schwarze Asche und schwarzes Gestein. Dort gibt es kein Leben mehr. Rauch steigt aus dem Krater, weiß wie Wolken vor dem blauen Himmel. Das ist also der Vulkan, durch den die Protagonisten in Jules Vernes Reise zum Mittelpunkt der Erde zurück auf die Erdoberfläche katapultiert wurden.

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Zaza

Um 15:30 Uhr versammeln sich 12 Leute und zahlen jeweils 35 Euro. Zwei junge Südkoreaner sind zu den noch immer die Mehrheit stellenden Deutschen und Franzosen gestoßen. Jeder wird mit Helm und Schutzbrille ausgestattet. Bis auf eine Höhe von 400 Metern darf man den Stromboli ohne Bergführer besteigen, aber wer schon mal hier ist, will natürlich ganz hinauf. Die heutige Expedition wird geleitet von Zazà, einem nicht mehr ganz jungen Mann, dem man seine Fitness aber ansieht. Mit eiligen Schritten läuft er voran, sein jüngerer Kollege bildet die Nachhut.

Das Tempo ist schnell, wie wenn die Vulkanvorstellung zu einer bestimmten Uhrzeit dicht machen würde. Zwei- oder dreimal gibt es eine kurze Verschnaufpause. Alle trinken Wasser, nur die beiden Koreaner trinken Milch. Nach ein paar Minuten geht es weiter. Manche Teilnehmer werden merklich langsamer. Es wird kälter und windiger.

Auf dem Gipfel herrscht ein orkanartiger Wind, der dramatischerweise in Richtung der Seite des Grates bläst, auf der sich fünf aktive Krater befinden. Der Stromboli ist ständig aktiv. Wir sollten jetzt das Feuer sehen, das die Erde an wenigen ausgewählten Stellen nach oben schleudert, um uns Menschen zu unterhalten. Aber es ist zu diesig. Sind es Wolken? Ist es Nebel? Oder doch Rauch? Die Lunge fungiert als Sensor, schon nach wenigen Sekunden schmerzt sie. Ich muss husten und verspüre einen stechenden Schmerz wie bei einer Bronchitis. Die Nase rinnt.

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Jetzt werden Atemschutzmasken verteilt. Einer der Südkoreaner hat seine eigene dabei, um das Stereotyp vom europareisenden Asiaten zu erfüllen.

Zwölf Leute sehen gespannt in den Dunst, durch den man nichts erkennen kann. Zwölf Augenpaare starren in den Abgrund wie auf einen Kinofilm, dessen Beginn sich verzögert. Zwölf Gesichter husten und rotzen vor Kälte, Wind und Schwefel. Diejenigen, und das ist die Mehrheit der Gruppe, die ihre Kameras auf den Berg geschleppt haben, sind enttäuscht über den Mangel an film- und fotografierbarem Material, obwohl alle 20 Minuten eine Explosion wie ein Donner grollt. Nur einer aus der Gruppe nimmt die Atemmaske ab und zündet sich eine Zigarette an. Das muss ein Bergarbeiter sein, so dass er das gewohnt ist.

Neben all den Fotografen stehe ich mit meinem Schreibblock zwar etwas altmodisch da. Aber jetzt sind meine Utensilien aus dem vergangenen Jahrhundert besser geeignet, die Situation zu beschreiben als all das nutzlos 900 Meter heraufgeschleppte Gerät.

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Mehr Nebel zieht vom Meer herauf und vermischt sich mit der schnell herabsinkenden Dunkelheit. Hinter uns scheint der Mond, es ist zwei Tage vor Vollmond. Ob das genug Licht geben wird für den Abstieg in der Nacht? Ich erkenne schon nicht mehr die anderen Mitglieder der Gruppe, wenn ich nicht direkt neben ihnen stehe. Bald werde ich meinen Notizblock nicht mehr erkennen und das Schreiben einstellen müssen.

Die Krater liegen auf 700 Metern, die Fontänen aus Lava werden bis zu 350 Meter hoch in die Luft geschleudert, erklärt Zazà, der sich mehrfach dafür entschuldigt, dass es heute nichts zu sehen gibt. Mir macht das gar nichts aus, ich finde die Geräuschkulisse und die Dämpfe beeindruckend genug.

Die Bergführer raten jetzt zum Abstieg. Der Vulkan meldet sich noch einmal mit einer Explosion. Diesmal ist das Grollen deutlich lauter und vor allem länger. Wie Donner und Explosion und ein entgleisender Zug in einem.

Wir steigen auf einer anderen Route ab, gleiten rasch und mit langen Schritten durch die feine, schwarze Asche. Wie am Monte Kaolino in Hirschau, nur in groß und in schwarz. Während des Abstiegs frage ich Zazà, wie oft er auf den Stromboli steige. Etwa 200 bis 230 Tage im Jahr. „Aber wieviele Tage im Jahr arbeiten Sie denn?“ entgegnet er mit der Routine von jemandem, der diese Frage schon oft beantwortet hat und nicht ahnen kann, dass er an einen Faulenzer geraten ist, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, so wenig wie möglich zu arbeiten. Er gibt aber gerne zu, dass er schon Glück gehabt hat mit diesem Job.

Zurück im kykladischen Stromboli erhellt der Mondschein die weiß getünchten Häuser. Eine Katze bleibt seelenruhig sitzen, als wir im Gänsemarsch an ihr vorbeilaufen. Ein motorisiertes Dreirad drängt sich uns in der engen Gasse entgegen und verströmt den Duft von Diesel.

Jeder ist hungrig und durstig, die Teilnehmer streben in verschiedene Richtungen, um ein Wirtshaus oder ein Restaurant oder eine Bar zu finden. Nach und nach trudeln sie alle in der selben Kneipe ein, der einzigen, die geöffnet ist. Während des Aufstiegs hatten wir nicht die Puste, uns kennenzulernen. Während des Abstiegs mussten wir auf jeden Schritt achten. Jetzt, beim Bier und einer einfachen und überteuerten Nudelmahlzeit, stellen wir uns endlich vor.

Da wir die spektakulären Lavafontänen wegen des Dunstes nicht gesehen haben, bieten uns die Veranstalter an, es morgen nochmals zu versuchen. Aber jeder hat schon andere Pläne. Alle werden wir morgen auf der Fähre sein, um weiter nach Lipari oder Milazzo zu fahren. Stromboli ist eine Insel mit nur einer Attraktion und kaum jemand bleibt mehr als eine Nacht. Nur Ingrid Bergman und Roberto Rossellini blieben etwas länger, als sie 1949 den Film Stromboli drehten. So wenig gab es auf dieser Insel zu unternehmen, dass Frau Bergman davon schwanger wurde.

Dieser Film zeigt, was Ihr an klaren Tagen auf Stromboli sehen könnt:

Links:

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