„Vorsicht, Lebensgefahr“ warnt das Schild – anscheinend ohne viel Beachtung zu finden, wie die Hunderte von Gräbern nebenan belegen.
(Gesehen auf dem Friedhof von Bari in Italien.)
Na gut, nicht ganz im Dschungel, sondern im beeindruckenden Botanischen Garten von Palermo auf Sizilien.
Der Name des Picknickplatzes – Musolino – erinnerte mich zu sehr an den einstigen Diktator Italiens, aber gerade hatten wir die Nebelzone verlassen, und nach dem Reinfall auf dem Gipfel des Dinnammare waren wir froh um jede Möglichkeit, uns im Wald die Beine zu vertreten.
Wir stellten das Auto ab und schlugen den erstbesten Pfad ein. Ohne Ziel. Dichter Wald, Vögel, ein wolkenverhangener Tag, nicht gerade warm, umgefallene Bäume, ein bißchen Wildnis, und das nur ein paar Minuten von der Großstadt Messina entfernt. Ein Glück, dass der Berg so steil ist, sonst wäre er wahrscheinlich schon lange bebaut.
Aber dann sehe ich etwas durch das Gebüsch. Was ist das, mitten im Dickicht?
Ein Haus, allerdings verlassen. Es ist kein Weg zu dem Haus erkennbar, also muss es schon seit ein paar Jahren verlassen sein. Die Fenster und Türen stehen offen. Die Neugier packt mich, aber ich versuche gar nicht, meine Mutter und meine Schwester davon zu überzeugen, dass eine nähere Untersuchung des mysteriösen Heims eine gute Idee ist.
Zum Glück, wie sich bald herausstellen wird.
Nach 15 Minuten weiteren Fußmarsches finden wir nämlich noch mehr Relikte einer vergangenen Zivilisation. Diese sind nicht nur leichter zugänglich, ja sie liegen direkt am Wegesrand, sie sind auch wesentlich interessanter als ein simples Wohngebäude.
Eine Kapelle. Nicht mehr viel übrig von der Innenausstattung. Nur mehr ein einfaches Holzkreuz und zwei Rahmen, die einstmals wertvolle Ikonen geschmückt hatten. Wie ein Signal an die Nachwelt stehen sie symmetrisch hinter dem Altar.
Wir werden neugierig. Was hier wohl mal war? Wieso es nicht mehr ist? Was wir noch finden werden? Es gibt keine Schilder, keine Tafeln, keine Hinweise, nichts. Auf der Landkarte ist nichts verzeichnet.
Dann taucht das hier auf.
Nun muss ich niemanden mehr überreden. Wir sind alle Feuer und Flamme. Da müssen wir hin! Wir finden ein sehr großes, gar nicht mal sehr altes, mit Burgzinnen und klassischen Bögen verziertes Gebäude, das mir mit seinen Terrassen, seinen großen Fenstern und dem Teich wie ein einstiges Restaurant vorkommt.
Aber jetzt ist alles leer, kaputt und verlassen.
Wenn Fenster und Türen so weit offen stehen, ist man fast gezwungen, die derart ausgesprochene Einladung anzunehmen. Sicherheitshalber hören wir uns um. Nichts. Keine Stimmen, keine anderen Laute, keine Kettensägen.
Also treten wir ein. Vorsichtig bewegen wir uns durch die langen Korridore und über die brüchigen Treppen nach oben, Stockwerk für Stockwerk.
Bis auf ein paar Graffiti, die offensichtlich erst nachträglich angebracht wurden, finden wir keine schriftlichen oder anderen Hinweise auf die einstige Nutzung, auf das Baujahr und erst recht nicht auf die Geschichte hinter diesem Dorf, das hauptsächlich aus einer alten Kapelle und diesem prachtvollen Bau bestand.
Das Internet gibt mir allerdings die Hoffnung, dass sich jemand aus Messina meldet, der die Geschichte hinter diesen Gemäuern erzählen kann. – UPDATE – Und schon hat sich mein allwissender Vermieter aus Sizilien gemeldet und Folgendes erklärt:
Bei dem großen Gebäude handelt es sich um die Villa Rodriquez, die im ersten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts erbaut wurde. Sie gehörte der Rodriquez-Familie gehörte, einer der reichten Familien in Messina, Gründer einer Schiffswerft, die noch immer ihren Namen trrägt, und die das erste Tragflügelboot für die Verbindung von Sizilien nach Kalabrien bauten.
Das Anwesen besteht aus der Villa, der Kapelle, einem Haus für die Angestellten, einem Stall und einem Pool (oder einem künstlichen See), letzterer angeblich in der Form des Kiels eines Tragflügelboots, was man aber schwer überprüfen kann, weil er immer voller Blätter ist. So war es übrigens auch, als wir dort waren. Hier gibt es noch mehr Fotos.
Leopoldo Rodriquez wollte eine Residenz in den Bergen beziehen, um dem Trubel von Messina zu entfliehen (wobei Alessio sich fragt, ob Messina zu Beginn des 20. Jahrhunderts tatsächlich so geschäftig war).
Für die, die Ruinen selbst besuchen möchten, hier die genau Position auf der Landkarte.
Vom 8. bis 22. März 2015 bin ich in Israel.
„… bin ich mal wieder in Israel“, sollte ich sagen, denn das wird so etwa das fünfzehnte oder zwanzigste Mal sein, dass ich Israel besuche. Die letzte Reise liegt jetzt aber schon wieder sechs Jahre zurück.
Warum so oft in das gleiche Land? Weil Israel nicht nur schön, sondern vor allem interessant, vielseitig und facettenreich ist, weil ich jedes Mal etwas Neues erfahre und lerne. Und weil Diskussionen um Krieg und Frieden, um die Zukunft und Identität einer Nation interessanter sind als langjährige Diskussionen über Dosenpfand oder Autobahnmaut.
Hier die vorläufige Planung dieser Reise:
Die ersten paar Tage werde ich in Haifa verbringen. Nach Jerusalem und Tel Aviv gerät Haifa immer ein bißchen ins Hintertreffen. Bisher war ich noch nie länger als ein paar Stunden dort, was mir unangemessen kurz erscheint. Deshalb beginnt diesmal mein Israel-Aufenthalt dort.
Dann geht es weiter nach Jerusalem, wo ich am 13. März 2015 den Halbmarathon laufen werde. Kein leichtes Unterfangen in dieser hügligen Stadt, aber hoffentlich eine ganz besondere Erfahrung.
Danach gehe ich auf Wanderschaft im Norden Israels. Ich werde (als Atheist) den Jesus-Weg und einen Teil des Israel National Trail gehen. Hier sind Zeitplan und Route:
13. März 2015: Fahrt nach Nazareth
14. März 2015: Wandern nach Kanaa
15. März 2015: Wandern über Ilaniya nach Arbel
16. März 2015: Wandern nach Tabgha und Kapernaum
17./18. März 2015: Wahlabend und Ausruhen in Tiberias (Alternative zum Ausruhen: mit dem fahrrad um den See Genezareth)
19. März 2015: Wandern zum Kibbuz Kinneret und Kibbuz Degania (der erste Kibbuz überhaupt)
20./21. März 2015: Wandern über den Berg Tabor zurück nach Nazareth
Den ursprünglichen Plan, ein paar Tage nach Jordanien zu reisen, mußte ich fallen lassen. Für den Grenzübergang bei der Allenby/König-Hussein-Brücke bräuchte ich vorab ein Visum, die jordanische Botschaft in Bukarest hat nie auf meine diesbezüglichen E-Mails reagiert, und zu den anderen Grenzübergängen säße ich einen ganzen Tag im Bus. Schade, vor allem weil meine Visumsgebühr den Kampf gegen ISIS mitfinanziert hätte.
Falls jemand in Israel lebt: Hier ist mein Couchsurfing-Profil mit einer Menge an Bewertungen, so dass Ihr Euch sicher sein könnt, dass ich ein angenehmer und unkomplizierter Gast bin.
Auf 1130 Metern thront der Berg Dinnammare über der Hafenstadt Messina und bietet einen famosen Ausblick über die Meerenge von Skylla und Charybdis, nach Kalabrien, über die Berge Siziliens und gleichzeitig auf das Ionische und das Tyrrhenische Meer. Wer gerade erst vom italienischen Festland übergesetzt ist, kann sich hier nach etwa halbstündiger serpentinenreicher Fahrt durch verschiedene Vegetationszonen einen ersten Überblick von der Vielfalt der größten Insel des Mittelmeers verschaffen.
Solche Blicke hat man von hier:
Als ich das erste Mal auf dem Dinnammare war, sah ich übrigens Radfahrer, die gerade die gesamten 1130 Höhenmeter überwunden hatten. Sie waren nicht einmal besonders erschöpft.
Auf dem Gipfel befindet sich eine kleine Wallfahrtskirche.
Als mich meine Mutter und meine Schwester in Sizilien besuchten, wollte ich sie natürlich an diesen fantastischen Ort bringen. Da die beiden meinen Fahrkünsten nicht vertrauten, war es meine Schwester, die den Fiat die Serpentinen hochjagte. Es war frühmorgens, die Bergspitzen lagen noch im Nebel, aber wir dachten uns, dass sich das schon verziehen würde. Stattdessen wurde der Nebel immer dichter, grauer, feuchter, kälter und dunkler.
Die Wallfahrtskirche sah an jenem Tag im März so aus:
Das war natürlich enttäuschend. Die angestrebte Wanderung fiel nicht ins sprichwörtliche Wasser, sondern wurde vom Nebel verschluckt. Wir hingen noch nasskalte 15 Minuten herum, in der Hoffnung, dass sich der Nebel lichten würde. Tat er aber nicht.
Also kehrten wir um und fuhren mangels Sicht im Schritttempo den Berg hinab. Unterhalb der Nebelzone hielten wir an, um unsere ausgefallene Wanderung an anderer, unbekannter Stelle nachzuholen.
Mitten im Wald entdeckten wir etwas, was wir nicht zu entdecken gehofft hatten, weil wir gar nicht wussten, dass es existiert. Aus der Enttäuschung wurde eine Überraschung.
(Hier findet Ihr Teil 2. – To the English version of this story.)
An der in Messina parallel zum Hafen verlaufenden Via Giuseppe Garibaldi könnte man auf den ersten Blick glauben, dass sich hinter den Häusern, an denen man vorbeifährt, eine weitere mehrstöckige Gebäudereihe emporhebt. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass es sich bei diesen enormen Konstruktionen, die doppelt so hoch wie die Gebäude sind, um Kreuzfahrtschiffe handelt.
Dieses Schiff fährt gerade in den Hafen ein und überragt dabei alle Gebäude in der Umgebung.
Wenn man weiß, dass der Turm der Kathedrale etwa 60 Meter hoch ist, bekommt man eine Ahnung von den Ausmaßen des Bootes. Es ist riesig.
Diese Schiffe sind nicht nur enorm, sie beherbergen auch Tausende von Passagiere, die sie auf jedem ihrer Stopps im Mittelmeer für Tagesausflüge entlassen. An jenem Tag in Messina traf ich zwei dieser Passagiere, ein freundliches Paar aus Kanada, das mir von ihrer Kreuzfahrt durchs Mittelmeer erzählte und diese Idee ganz schmackhaft darstellte, insbesondere als ich hörte, dass es viel weniger kostet als ich immer gedacht hatte. Außerdem geht mir seither der Gedanke an die Wasserrutsche an Deck nicht mehr aus dem Kopf.
(Fotografiert in Messina, Sizilien, Italien.)
Die meisten Besucher kommen wohl nur in das kleine Dorf Medininkai, um die beiden höchsten Berge Litauens zu besteigen. Auch ich verweilte nach meiner Bergtour nicht mehr lange, schaute aber noch bei der Holzkirche und der Burg vorbei.
Die Kirche war ge- und verschlossen. Den Bekanntmachungen neben dem Eingang konnte ich entnehmen, dass die Gemeinde überwiegend polnischsprachig ist.
Die Burg war ebenfalls geschlossen, was in diesem Fall aber bedeutete, dass das Tor offen aber niemand zum Ticketverkauf oder für Erklärungen zur Verfügung stand.
Diese quadratisch angelegte Burg wurde im 13. oder 14. Jahrhundert erbaut und diente dem Schutz vor den Rittern des Deutschen Ordens. Diese Nachfolger der Kreuzritter führten einen mehr als 100 Jahre dauernden Krieg gegen Litauen, das letzte nicht christianisierte Land in Europa. In Wirklichkeit ging es natürlich nicht um Religion, sondern um Territorium.
Zuletzt erhielt Medininkai am 31. Juli 1991 traurige Bekanntheit, als sowjetische Truppen den litauischen Grenzposten überfielen und sieben litauische Polizisten erschossen. Kein Wunder, dass Litauen in die NATO strebte.
Vielleicht hast Du Großartiges in Deinem Leben geleistet. Vielleicht bist Du ein Held. Vielleicht bist Du berühmt. Möglicherweise gibt es sogar ein Denkmal für Dich in Edinburgh.
Dann kommt ein Vogel angeflogen und scheißt Dir auf den Kopf. Dem Vogel ist es egal, wer Du bist oder was Du geleistet hast. Für den Vogel bist Du wie jeder andere Mensch, eigentlich auch wie jedes andere Tier oder gar ein Stein oder ein Stück Holz.
To the English version of this article.
Der Grūtas-Park ist ein Park mit sowjetischen Denkmälern sowie ein Museum über die sowjetische Besatzung Litauens. Ich spazierte von Druskininkai im Süden Litauens los, um die 8 km zu dem Park durch den schneebedeckten Wald und über zugefrorene Seen zurückzulegen, wobei ich mich nur ein bisschen verlief.
Beim Grūtas-Park angekommen entdeckte ich, dass es sich weniger um ein organisiertes Museum als vielmehr um ein Sammelsurium von Relikten aus der Zeit der Sowjetunion handelt, von den großen Statuen, die den Park dominieren, bis zu Büchern und Postern. Mit der Stacheldrahtumzäunung und den Gulag-ähnlichen Wachtürmen soll wohl das Gefühl eines sowjetischen Arbeitslagers nachempfunden werden, aber mit Kinderspielplätzen und Souvenirläden auf dem Areal klappt das nicht so ganz.
Beim Spaziergang durch den Park trifft man auf die bekannten Gesichter des Kommunismus: Karl Marx, Friedrich Engels, Wladimir Lenin, Josef Stalin plus einige mir bis dahin unbekannte litauische Kommunisten sowie natürlich die obligatorischen Pioniere und stolze und starke Arbeiterbrigaden.
Als ich die Beschreibungen und Zusammenfassungen vor den jeweiligen Ausstellungsstücken studierte, begann ich zu bemerken, dass ich ohne vorheriges Wissen von der Geschichte des 20. Jahrhunderts den Eindruck gewinnen würde, wie wenn Litauen immer eine unabhängige Nation gewesen sei, die von der Sowjetunion 1940 hinterrücks überfallen wurde, dass zwischen 1941 und 1944 gar nichts geschah und dass die Sowjetunion 1944 komischerweise erneut Litauen überfiel und das gesamte Volk versklavte. Unter den Litauern gab es keine Kommunisten. Diejenigen, die doch Kommunisten waren, waren Verräter. Oder Juden, was anscheinend inkompatibel mit dem Litauersein ist.
Die Tafel über die “Sowjetischen Partisanen im Untergrund” erklärt zum Beispiel wie diese von Moskau kontrolliert wurden, wie brutal sie waren und dass diese Gruppen aus “sowjetischen Aktivisten, Rotarmisten, entflohenen Kriegsgefangenen und einzelnen Bewohnern Litauens (überwiegend jüdischer Nationalität)” bestanden – wie wenn Juden in Litauen nicht auch litauische Bürger gewesen wären und unter Verkennung des Unterschieds zwischen Religion und Nationalität. Die Partisanen werden als „Saboteure“ beschrieben – aber nirgendwo in dem längeren Text wird auch nur einmal erwähnt, gegen wen sie eigentlich kämpften. Ihre Gegner waren natürlich Nazi-Deutschland, die Wehrmacht und die SS. Die wenigen Juden, die den Ghettos und Konzentrationslagern lebend entkommen konnten und dann zu den Waffen griffen, um die Nazis in Osteuropa zu bekämpfen, sind in meinen Augen Helden, aber von den Machern von Grūtas-Park werden sie zu bedrohlichen Monstern stilisiert. (Jedem der mehr über die sowjetischen Partisanen erfahren möchte, empfehle ich das Buch “Wann, wenn nicht jetzt?” von Primo Levi.) Kein Wort über die eigentlichen jüdischen Widerstandsgruppen wie die „Fareinikte Partisaner Organisatzije“.
Eine sehr merkwürdige Wiedergabe der Geschichte. Ich fand es bemerkenswert, dass die Zeit zwischen 1941 und 1944 fast immer ganz unerwähnt blieb oder nur kurz gestreift wurde, wie wenn zwischen den beiden sowjetischen Vormärschen auf Litauen nichts Wichtiges passiert wäre. Aber genau in diesen Jahren tobte hier der Zweite Weltkrieg.
Der wahre Ablauf der Ereignisse war der, dass sich im beginnenden 20. Jahrhundert wie überall in Europa auch in Litauen manche Menschen mit der Idee des Sozialismus identifizierten. Von 1918 bis 1919 war Litauen sogar kurzzeitig eine Sozialistische Sowjetrepublik. 1920 erkannte die Sowjetunion unter Lenin dann die litauische Unabhängigkeit an. Um Vilnius wurde jedoch noch immer zwischen der Sowjetunion, Litauen und Polen gestritten und gekämpft. Von 1926 an herrschte in Litauen ein autoritäres, nationalistisches Regime, das sich an die Macht geputscht hatte. Die Sowjetunion und Deutschland vereinbarten durch den Hitler-Stalin-Pakt bekanntermaßen die Aufteilung Osteuropas, wobei der Großteil Litauens, mit Ausnahme der Küstenregion um Klaipeda, an die Sowjetunion fiel, die Litauen dann 1940 militärisch annektierte.
1941 brach Deutschland den Pakt, griff die Sowjetunion an und besetzte Litauen. Sofort wurde auch im Baltikum der Holocaust durchgeführt, wobei 90% der Juden, die vor dem Krieg in Litauen gelebt hatten, ermordet wurden, oft mit Hilfe der örtlichen litauischen Bevölkerung (etwas, worüber man im Grūtas-Park kein Wort liest). Es folgte der Krieg zwischen Deutschland und der Sowjetunion. Als die Rote Armee 1944 auf das heutige litauische Gebiet vorrückte, griff sie nicht Litauen an, weil Litauen als Staat nicht mehr existierte. Die Sowjetunion führte Krieg gegen Nazi-Deutschland, das diesen Krieg vom Zaun gebrochen hatte und einen Völkermord verübte. Nach den Informationen auf der oben erwähnten Tafel, dass „die einheimische Bevölkerung die sowjetischen Partisanen nicht unterstützte“, zogen die Litauer in den 1940er Jahren die Nazis also der Sowjetunion vor, was wesentlich mehr über die Bevölkerung Litauens in jener Zeit als über die Partisanen aussagt.
Eines der bekanntesten litauischen Bücher ist “Der Wald der Götter” (Dievų miškas) von Balys Sruoga, der nach der deutschen Besetzung Litauens zwei Jahre im KZ Stutthof verbringen mußte. Auf den letzten Seiten des Buches wird er auf einem der Todesmärsche, mit denen die Nazis die Konzentrationslager vor der nahenden Sowjetarmee evakuierten, zurückgelassen, um an körperlicher Schwäche, Hunger und Kälte zu sterben. Balys Sruoga erkennt erst, dass er überleben wird, als er das Rollen der Panzer hört. Sowjetischer Panzer.
Ich habe keine Absicht, die Brutalität und die Unterdrückung der Sowjetunion herunterzuspielen, aber um das Entstehen von nationalen Mythen zu verhindern, müssen Ereignisse schon in den Kontext gesetzt werden. Falls man natürlich überhaupt Interesse hat, solche nationalen Mythen zu verhindern. Osteuropa hat im 20. Jahrhundert entsetzlich an seiner geographischen Lage zwischen Deutschland und der Sowjetunion gelitten. Das will niemand bestreiten. Aber sich selbst als Opfer der sowjetischen Besatzung zu sehen, dafür in Gänze anderen Nationalitäten und Religionen die Schuld zu geben und sich gleichzeitig zu weigern, die Mitwirkung der eigenen Nation an Nationalismus, Antisemitismus und am Holocaust anzuerkennen, stellt keinen fruchtbaren Umgang mit der eigenen Geschichte dar. Es ist nicht einmal die Wahrheit.
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