Jeden Tag laufe ich aufgeregt die Treppe zum Briefkasten hinunter, den ich mit freudiger Erwartung auf Postkarten aus aller Welt aufsperre.
Jeden Tag enthält er jedoch nichts außer einer neuen Enttäuschung. Ich kann mich nicht einmal erinnern, wann ich zum letzten Mal eine Postkarte erhalten habe. Wahrscheinlich irgendwann im letzten Jahrtausend.
Als ich in Montenegro war, unternahm ich deshalb das verzweifeltste Unterfangen, das ein Mensch eingehen kann: Ich schickte mir selbst eine Postkarte. Es war an meinem letzten Tag. Ich war gerade von der Festung von Kotor zurückgekommen und hatte eine Ausstellung über Jan Karski besucht, bevor ich mich zum Erwerb einer Postkarte durchrang, diese mit einer kurzen Nachricht an mich selbst verzierte, zum kleinen Postamt in Kotor ging und hoffte, dass das Mädchen am Schalter nichts Auffälliges bemerken würde.
Als nur wenige Tage danach die Postkarte in meinem Zuhause in Târgu Mureș (bzw. Neumarkt am Mieresch auf Deutsch) in Rumänien eintraf, war ich höchst erfreut und beglückt über die positiven und freundlichen Worte, die ich mir selbst und meiner Reise gegönnt hatte. Endlich hatte mal jemand an mich gedacht. – Zurückblickend bin ich allerdings verwirrt darüber, dass ein deutscher Muttersprachler sich sebst auf Englisch schreibt.
Ich übersah jedoch nicht, dass der Herr auf den Briefmarken sich zu fragen scheint: „Was macht dieser Verrückte da?“ Den Briefmarken könnt Ihr übrigens auch entnehmen, dass Montenegro – wie der Kosovo – den Euro als offizielles Zahlungsmittel verwendet, ohne Mitglied der EU oder der Eurozone zu sein. Hier kann sich Griechenland vielleicht mal Rat holen.
Die Weltgemeinschaft wird sich darüber mehr erregen als über die in Syrien täglich getöteten Zivilisten. Alte Steine erregen mehr Mitleid als syrische Kinder. Wenn es die römischen Säulen auf ein Boot nach Europa schaffen würden, wären sie wahrscheinlich herzlich willkommen.
Aber ich will die bevorstehende Plünderung dazu nützen, um von meinem Ausflug nach Palmyra zu erzählen.
Es war ein paar Jahre vor dem Krieg, ich glaube im Jahr 2006. Ich hatte gerade Weihnachten in Beirut verbracht, war mit dem Taxi durch einen Schneesturm über die Berge nach Damaskus gefahren und hatte mich dabei extrem erkältet, weil die drei Raucher im Taxi während der gesamten Fahrt alle Fenster offen ließen. Ich wollte noch ein paar Tage in Syrien verbringen, das damals – so ändern sich die Zeiten – ungefährlicher als der Libanon war. Jeder, der irgendwie kann, fährt, geht und flieht heute in die umgekehrte Richtung.
Von Damaskus aus wollte ich mit einem der bunten, aus den verschiedensten Teilen zusammengeschweissten Busse einen Tagesausflug nach Palmyra unternehmen. Circa 250 km einfache Strecke, man kann also am gleichen Tag hin und zurück. Bis auf die Ruinen gibt es dort sowieso nicht viel zu erleben, v.a. wenn man kein Arabisch spricht.
Dem Lonely-Planet-Reiseführer entnahm ich, dass es ein Reisebüro gab, das einmal am Tag einen Bus von Damaskus nach Palmyra entsandte, der um 10 Uhr losfuhr und am Nachmittag oder Abend nach Damaskus zurückkehrte. Perfekt. Am Tag vorher machte ich mich zu dem Reisebüro an einer der größeren von der Altstadt wegführenden Straßen auf. Den Namen habe ich nach so vielen Jahren natürlich vergessen.
Es war ein kleines Büro mit einem Schreibtisch, einer Menge Zettel, Kalender und Landkarten an der Wand. Zwei Männer saßen auf Korbstühlen, einer davon mit einem Teller Fleisch und Reis auf dem Schoß. Er aß gerade zu mittag, war also wohl der Eigentümer oder ein Mitarbeiter der Agentur. Auf Arabisch konnte ich nicht mehr als „salam aleikum“ sagen, also schob ich auf Französisch „bon appétit“ hinterher. Ein grimmiger Blick und ein Grummeln bedeuteten mir, dass ich zur Unzeit meine Aufwartung gemacht hatte.
Ich verzog mich also und trieb mich ein wenig auf der Straße herum. Nach einer halben Stunde kam ich zurück. Einer der jetzt satten Mitarbeiter saß hinter dem Schreibtisch. Auf Englisch fragte ich, ob er selbiges spräche. Auf Arabisch verneinte er. Komisch, dass man sich immer dann versteht, wenn man vorgibt, sich gegenseitig nicht zu verstehen. Ich stammelte also etwas mit den Wörtern „Ticket“, „Autobus“, „Palmyra“, erntete aber Unverständnis statt eines Fahrscheins. So ging es hin und her. Wortfetzen auf Englisch, Arabisch und Französisch flogen über den Tisch und wurden zurückgeschleudert wie Tennisbälle, bis es dem Syrer zu bunt wurde. Er stand auf, ging auf die Straße, rief in die Menge und kam mit einem adrett gekleideten Herren mittleren Alters zurück, der Englisch sprach. Er sah aus wie ein Anwalt oder ein Manager, aber für den Moment unterbrach er bereitwillig seine Geschäfte, um den Kauf eines Busfahrscheins zu dolmetschen. Sehr nett.
Dabei erfuhr ich endlich, dass Palmyra auf Arabisch Tadmur heißt. Daher also die Verständigungsschwierigkeiten. Es ging immer noch ziemlich langsam voran, bis klar war, dass ich am nächsten Morgen fahren wollte und am gleichen Abend zurückkommen wollte. Immer wieder wurde mir ein Kalender gezeigt, auf dem ich die Daten ankreuzen sollte. In der Grundschule in Deutschland wird uns ja weisgemacht, dass unsere Ziffern arabische Ziffern seien, anscheinend um den tristen Mathematikunterricht etwas aufzupolieren. Kompletter Unfug. Arabische Ziffern sind genauso seltsam wie arabische Buchstaben. Man erkennt allenfalls die 1 und die 9.
Mit der freundlichen Hilfe des unentgeltlich tätigen Dolmetschers bekamen wir es mühsam hin, ein Ticket in von mir nicht lesbaren Schriftzeichen auszufüllen. Den Preis weiß ich nicht mehr genau, aber es war irgendetwas zwischen einem und zwei Euro. Für insgesamt 500 km. Ich sollte mich am nächsten Morgen um 10 Uhr am Harasta-Busbahnhof einfinden.
Voller Vorfreude las ich mir den Abend über die Geschichte von Palmyra an: Karawanen, Oasen, Syrer, Babylonier, Römer, Seidenstraße, Religionen von denen ich vorher noch nie gehört hatte, Schlachten, Architektur.
Am nächsten Morgen verschlief ich.
So gesellte sich Palmyra zu der Reihe der Orte, die ich fast gesehen hätte. Jetzt ist es zu spät. Verdammte Terroristen! Verdammter Wecker!
Ausgeschlafen, erholt und nach einem prächtigen Frühstück kommt man ins Büro. Der Schreibtisch ist noch leer, die E-Mail-Inbox ebenfalls. Langsam und entspannt fängt man wieder bei Null an. Eine neue Woche, mit nur 37,5 Stunden Arbeit.
– – –
Nicht so für die Selbständigen und Freiberufler unter uns.
So sah mein Schreibtisch am heutigen Montagmorgen aus. Ein Wust an Unerledigtem. Eine kaum angegangenen To-Do-Liste vom letzten Wochenende. Notizen, deren Sinn sich erst nach längerem Lesen wieder erschließt. Tausende von unbeantworteten E-Mails. Erinnerungen an vergangene Reisen, über die zu schreiben ist, sowie an zukünftige, die zu planen sind. Und jeden Tag kommt mehr dazu.
(Wer einen langweiligen, nicht ausfüllenden Job bei einer Versicherung oder als Programmierer hat, kann das obige Bild gerne als Desktop-Hintergrund verwenden. – To the English version.)
Dieser kleine Vogel kam durch die Balkontür geflogen und machte es sich in meinem Büro breit, während ich in der Dusche war. Als ich an den Schreibtisch zurückkam, wollte er nicht weichen, sondern blieb einfach neben mir sitzen – bis ich schließlich ein Foto von ihm machte; wie wenn genau das der Zweck seines Besuchs gewesen war.
Bei meiner letzten Israel-Reise im März 2015 war ich mit Bus, Bahn, Fahrrad und einige Tage nur zu Fuß unterwegs. Eine der häufigsten Fragen, die ich bezüglich Israel-Reisen gestellt bekomme, ist aber die nach einer Rundreise mit dem Auto. Ist es möglich? Wieviel Zeit braucht man? Was sollte man sehen? Ja, natürlich ist das möglich, und auch so habe ich schon mehrfach Israel durchreist.
Ich erzähle einfach mal beispielhaft von meinem letzten Roadtrip durch Israel im Mai 2009, weil ich damals einen profesionellen Fotografen dabei hatte, dessen Fotos diesen Artikel hervorragend illustrieren können: meinen Vater. Wir hatten nur eine Woche Zeit, was aufgrund der relativ geringen geographischen Größe Israels genug Zeit ist, um die Highlights zu sehen, vor allem wenn man gut plant und jeden Morgen um 6 Uhr aufsteht. Wer es ein bisschen ruhiger angehen lassen möchte und auch mal gerne mehr als einen Tag in einer Stadt bleibt, sollte eher zwischen 10 und 14 Tagen einplanen.
Am frühen Morgen kamen wir in Tel Aviv an (mittlerweile gibt es auch eine Menge Billigflüge dorthin), holten den vorbestellten Mietwagen am Flughafen ab, und ich dachte mir: “Wenn ich mich noch irgendwie an den Weg erinnern kann, dann schaffen wir es bis zum Sonnenaufgang nach Jaffa.” Und es gelang tatsächlich, dank meines übernatürlichen Gedächtnisses und meines Orientierungssinnes. Natürlich kann man das Auto auch mit GPS mieten, aber die Beschilderung in Israel ist so gut, dass man sich das sparen kann. Außerdem ist fast jeder im Land extrem hilfsbereit, wenn man sich doch mal verfahren hat. Mein Vater kann den Tag nicht ohne sein traditionelles Frühstück beginnen, und er war mächtig beeindruckt, als er zum Kaffee sogar Schokoladenhörnchen bekam. (Für ihn war es die erste Reise in den Nahen Osten, und er hatte wahrscheinlich nur Sand und Kamele erwartet.)
Jaffa ist der älteste und schönste Stadteil von Tel Aviv. Immer wenn ich länger in Tel Aviv war und eine Pause vom Trubel und Lärm diese Stadt benötigte, joggte ich den Strand entlang nach Jaffa und verbrachte dort ein paar Stunden auf dem Grashügel, von dem aus man sowohl Tel Aviv als auch das Mittelmeer überblicken kann.
Und so sieht der Sonnenaufgang über Tel Aviv aus:
Uns beiden liegt weniger an modernen Großstädten und mehr an Städten mit Vergangenheit und an der Natur, also entschieden wir, keine Zeit in Tel Aviv zu verbringen, sondern stattdessen an der Mittelmeerküste entlang nach Norden bis nach Caesareazu fahren. In dieser von Herodes angelegten Hafenstadt sind in den vergangenen Jahrzehnten Ausgrabungen vorgenommen worden, die einen Großteil der alten Stadt freigelegt haben. Ich erinnerte mich an meinen ersten Besuch im Jahr 1992, und es war beeindruckend, wieviel mehr in der Zwischenzeit freigelegt, ausgegraben und restauriert worden war.
Immer entlang der Küste setzten wir unsere Fahrt nach Haifa fort. Die drittgrößte Stadt Israels beherbergt das Zentrum der Bahai-Religion. Nachdem sie aus Persien ins Exil vertrieben wurden, haben sich die Bahai hier einen hübschen kleinen Garten angelegt:
Das mag Euch schon nach einem erfüllten ersten Tag vorkommen, aber wir wollten noch weiter: nach Akko. Hier lag einst der wichtigste Hafen für die Kreuzfahrer. Schon vor tausend Jahren kamen hier also die Reisenden aus deutschsprachigen Landen an.
In Akko war es dann aber an der Zeit, eine Unterkunft für die Nacht zu finden. Da wir nicht wussten, in welcher Stadt wir jeweils die Nacht verbringen würden, hatten wir nie etwas vorab gebucht. Als der knausrige Reisende, der ich bin, suchte ich einfach nach der günstigsten Option im Lonely-Planet-Reiseführer: ein Hostel, das wirklich nicht mehr als blanke Betten im Angebot hatte. Ich kann mich nicht einmal an Duschen erinnern. Mein Vater war sichtlich geschockt und fragte, ob wir uns nach etwas anderem umsehen könnten. Na gut. Nur ein paar Meter entfernt fanden wir ein wunderschönes Hotel, das in die alten Festungsmauern integriert worden war. Im Nachhinein war es ganz gut für den alten Mann, am ersten Abend so verwöhnt zu werden, denn später auf der Reise würden wir noch in ein paar heruntergekommenen Unterkünften nächtigen.
Einer der faszinierendsten Aspekte von Akko ist die Stadt unter der Stadt. Die alte Kreuzfahrerstadt ist teilweise freigelegt worden, aber weil die Archäologen die jetzige Stadt nicht einreissen wollten (oder durften), erfolgten die Ausgrabungen unterirdisch. In Akko geht man also ein paar Treppen hinab und wandelt dann durch eine Stadt, wie sie vor fast 1.000 Jahren ausgesehen hat. Währenddessen leben, gehen und fahren die heutigen Bewohner Akkos über unseren Köpfen.
Als wir wieder ans Tageslicht kamen, wurden wir empfangen vom Geruch der Gewürze im Basar und dem Klang von Dudelsäcken.
Das war ein multikultureller Anblick: arabische Pfadfinder marschieren durch eine israelische Stadt und spielen schottische Musik.
Von Akko aus fuhren wir nach Osten, hielten am Berg Tabor für ein Picknick und setzten unsere Fahrt in nordöstlicher Richtung fort, immer an der israelisch-libanesischen Grenze entlang. Der Banias-Nationalpark bot mit seinen Wasserfällen Gegelegenheit für einen kurzen Spaziergang und für eine willkommene Abkühlung. Ganz in der Nähe liegt die Festung von Nimrod, die erbaut worden war, um zu verhindern, dass die Kreuzritter weiter nach Osten bis nach Damaskus vordrangen.
Und dann waren wir auch schon auf den Golan-Höhen und stießen immer wieder auf Zeugnisse einstiger Kriege zwischen Israel und Syrien.
Vom Golan fuhren wir hinab zum See Genezareth, wo Jesus einst seine Arbeit verrichtet hatte (wenn man das Arbeit nennen will). Es wurde schnell dunkel und wir fanden noch vor Tiberias eine Unterkunft in etwas, das wie ein verlassener Kibbutz aussah. Es lebte nur eine Familie dort, die das Areal bewachte, das früher ein quicklebendiger Ort gewesen sein mußte. Sie vermietete uns ein Zimmer; wir waren die einzigen Gäste.
Der den ganzen Tag über geäußerte Wunsch meines Vaters nach einem kühlen Bier war unerfüllt geblieben, weil alle Supermärkte im Norden Israels und auf dem Golan, die wir besucht hatten, von Muslimen betrieben wurden und deshalb keinerlei Alkohol verkauften. Während wir ein deprimierend karges Abendbrot aus Brot und Käse hinunterschlangen, bat mich mein Vater, vom Eigentümer/Manager ein Bier zu erbetteln. Er selbst hatte keines, forderte uns aber auf, ihm zu folgen. Er würde uns Bier besorgen, versprach er. Wir stiegen in das Auto des Kibbutzbewachers, der die ganze Fahrt am Telefon verbrachte. Als wir ankamen, sahen wir weshalb: Er hatte einen Freund angerufen, der ein Restaurant betrieb, das zwar schon geschlossen war, der sich aber auf den Weg zurück zum Restaurant gemacht und es wieder geeöffnet hatte, nur damit mein Vater zwei Flaschen Bier bekam. Überwältigende Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft.
Am nächsten Morgen besuchten wir einige der religiösen Stätten rund um Kapernaum.
Als es an der Zeit war, unsere Reise nach Jerusalem fortzusetzen, bot ich zwei Optionen an: (a) einen Umweg fahren, um in Israel zu bleiben, oder (b) schnurstracks das Jordantal entlang nach Süden fahren, was allerdings durch das palästinensische Westjordanland führte. Zu meiner Überraschung zögerte mein Vater keine Sekunde mit der Entscheidung für letztere Option. – Generell hat man als internationaler Reisender keine Probleme im Westjordanland. Man kommt zwar immer mal wieder an einen Checkpoint des israelischen Militärs, aber sobald man seinen Pass aus dem Autofenster hält, wird man weitergewunken. Wenn nicht gerade eine Intifada oder einer der regelmäßig abgehaltenen Gaza-Kriege stattfindet, gibt es keinen Grund, das Westjordanland nicht mit in die Reiseplanung aufzunehmen.
Und so kamen wir nach Jerusalem. Was soll ich darüber erzählen? Mehr Bücher sind über diese Stadt geschrieben worden, als irgendjemand lesen kann. Nur so viel: Ich bin schon weit in der Welt herumgekommen, aber Jerusalem ist die beeindruckendste Stadt der Welt. Regelmäßige Leser meines Blogs werden wissen, dass ich radikaler Atheist bin. Aber selbst ich bin fasziniert, wenn ich sehe, wie Pilger der verschiedensten Religionen und Glaubensrichtungen nach Jerusalem ziehen, wenn ich die Ansammlung an Kirchen, Moscheen, Synagogen, Tempeln und Schreinen sehe, und wenn ich Gebete und Gesänge auf Arabisch, Latein, Griechisch, Hebräisch und sogar Aramäisch höre.
Das folgende Foto zeigt den angeblichen Begräbnisort Jesu auf dem Berg Golgotha. Jetzt ist dort die Grabeskirche, die Ihr nicht vermissen solltet, selbst wenn Ihr Euch sonst nichts aus Religion macht. Sie besteht aus vielen kleineren Kapellen, von denen jede von einer anderen christlichen Glaubensrichtung betrieben wird. In den Fels sind enge Gänge gehauen, und man kann mehrere Stockwerke in den Keller hinabsteigen, wo man mit etwas Glück auf um Kerzen sitzende Mönche trifft und ihren Gesängen in ansonsten ausgestorbenen Sprachen lauschen kann.
Ihr mögt überrascht sein, weil ich so ein Durcheinander an Fotos von Orten der jüdischen, christlichen und islamischen Gottesverehrung darbiete, aber so ist Jerusalem. Die Klagemauer zum Beispiel ist eine der Mauern des Tempelbergs, der den Felsendom (das ist der mit der goldenen Kuppel) und die Al-Aksa-Moschee beherbergt. Ringsherum stehen katholische, protestantische, orthodoxe, armenische und Dutzende anderer Kirchen.
Und hier ein kleiner Vorgeschmack auf Jerusalem in der Nacht:
Am nächsten Tag besuchten wir Yad Vashem, die Holocaust-Gedenkstätte, die weit mehr als nur eine Gedenkstätte ist. Es gibt dort auch ein informatives Museum sowie Archive und Forschungseinrichtungen. Aber vor allem ist es ein Ort, der einen bezweifeln lässt, dass die Menschheit die Krone der Schöpfung ist.
In nachdenklicher Stimmung verließen wir Jerusalem und fuhren nach Süden, Richtung Totes Meer, mit 423 Metern unter dem Meeresspiegel der tiefstgelegene Punkt der Erde. Das Tote Meer ist leider tatsächlich am Sterben, und das ziemlich schnell. Jedes Mal, wenn ich dorthin komme, muss ich etliche Meter weiter laufen, um zum Wasser zu kommen. Wenn diese Entwicklung so weitergeht, werde ich es noch erleben, dass das Tote Meer komplett austrocknet.
Einer der imposantesten Anblicke rund um das Tote Mehr ist Masada, eine Festung auf einem Felsplateau, von dem aus man das Tote Meer und die Wüste überblicken kann. Hier baute Herodes einen Palast, und hier fand im Jahr 70 eine lange römische Belagerung statt, als sich Juden nach der Zerstörung des zweiten Tempels hier verschanzten.
Als ich noch Reisen für Jugendgruppen nach Israel organisierte, versuchte ich immer, die Existenz der Seilbahn zu verschweigen, bis wir den Berg zu Fuß erklommen hatten. Aber mit meinem Vater gönnte ich mir dann doch die Seilbahn. Dennoch dürfen bei einem Besuch von Masada ein paar Liter Wasser in keinem Rucksack fehlen, denn man ist der sengenden Sonne schutzlos ausgeliefert. Der perfekte Ort nach Masada ist deshalb das nahegelegene Ein Gedi, ein wunderschönes Naturreservat mit mehreren Wasserfällen und kleinen Tümpeln. Ja, man darf sogar schwimmen und baden in dieser Oase in der Wüste.
Südlich von hier begann dann auch schon die Negev-Wüste. Aus Mangel an Zeit fuhren wir nicht die ganze Strecke nach Eilat und ans Rote Meer. (Wenn die Zeit knapp wird, würde ich auch empfehlen, darauf zu verzichten. Eilat hat kaum Historisches zu bieten, es ist eher das Las Vegas Israels. Für Taucher hingegen ist das Rote Meer ein Paradies.) Mangels GPS war es mir zu meiner Schande unmöglich, den Timna-Nationalpark zu finden. Während unserer Irrfahrt durch die Wüste trafen wir stattdessen ein junges israelisches Paar, das gerade gegrillt hatte und uns all ihre Würste und Brote abgab, die noch übrig waren. Sehr freundlich und großzügig!
Unser Weg zurück aus der Negev-Wüste führte nach Nordwesten, entlang der Grenze zum Gaza-Streifen. Hier war es, wo mein Vater und ich die einzige Meinungsverschiedenheit während jener Reise hatten. Es war schon dunkel geworden, und ich wollte ihn zu einem Aussichtsturm direkt an der Grenze fahren, von wo aus man nach Gaza sehen könnte. Als es so aussah, dass ich den Weg zu diesem Aussichtsturm nicht mehr ganz genau in Erinnerung hatte, erklärte mein Vater, dass er es für eine dumme Idee hielt, sich in einer Gegend zu verfahren, wo regelmäßig Raketen niederprasseln. Also fuhren wir stattdessen nach Ashkelon, wo wir die Nacht in einem bemerkenswert heuntergekommenen Hotel verbrachten.
Am nächsten Tag waren wir zu einem Empfang in Modi’in eingeladen, einem Landkreis im Zentrum Israels, mit dem unser Heimatdorf Ammerthal eine seit Jahrzehnnten bestehende Partnerschaft unterhält. Im Rahmen dieser Partnerschaft kam ich mit 17 Jahren zum ersten Mal nach Israel und organisierte und betreute später selbst diese Austauschprogramme. Unter alten Freunden, Essen, Musik und ein paar Reden im Garten fühlte es sich so an, wie wenn ich nach Hause gekommen wäre.
Es hatte mich zwar Jahre gekostet, meinen Vater zu dieser Reise zu überreden, aber dann genoss er jede Minute und zehrt noch heute, Jahre später, von den Erinnerungen an ein einmaliges Land, an Natur und Sehenswürdigkeiten, die es in Europa nicht gibt, an unerwartete Herzlichkeit und Freundlichkeit, und an die neuen Eindrücke, Erfahrungen und Erkenntnisse, die einen zum Überdenken bisher festgefügter Meinungen zu Politik, Geschichte und Religion bringen. All diejenigen, die einer Reise nach Israel wegen Sicherheitsbedenken skeptisch gegenüberstehen, sollten sich fragen, ob sie wirklich ängstlicher sein wollen als ein 65-Jähriger aus einem Dorf in Bayern, der vorher noch nie im Nahen Osten gewesen war. Macht Euch keine Sorgen, bucht den Flug und genießt die Reise!
Praktische Tipps:
Alle internationalen Mietwagenfirmen sind am Flughafen in Tel Aviv vertreten. Die größte israelische Autovermietung ist Eldan, die Stützpunkte im ganzen Land hat. Die Vorabbuchung rentiert sich, schon weil man dann mehr Zeit zum Vergleichen der Preise und Konditionen hat.
Einen Geländewagen braucht man nicht, außer man will in der Negev-Wüste off-road fahren. Selbst dann ist es aber günstiger, dort für einen Tag einen Jeep zu mieten.
Wer viel in Tel Aviv und Jerusalem unterwegs ist, fährt und parkt mit einem möglichst kleinen Auto besser.
Theoretisch ist es möglich, das Auto woanders als am Flughafen in Tel Aviv abzuholen oder abzugeben, aber das macht wohl nur in Eilat Sinn, wenn Ihr von dort nach Ägypten oder Jordanien weiterreist.
Der Verkehr außerhalb der Städte ist ziemlich ruhig und gemütlich. Die Straßen sind gut ausgebaut, und alle Orte sind beschildert (auch in Englisch). In den Großstädten ist es etwas hektisch, aber auch nicht schlimmer als in Italien.
Das Benzin heißt nicht „normal“ und „super“, sondern wird mit der Oktanzahl angegeben. Alles ab 95 ist „super“. An den Tankstellen ist aber sowieso fast immer jemand, der für einen volltankt und auf den passenden Kraftstoff achtet.
Wer für einen oder mehrere Tage nach Jordanien oder auf den Sinai möchte, läßt das Auto in Israel, geht zu Fuß über die Grenze und mietet dann ein Auto in Akaba (Jordanien) oder Taba (Ägypten). Zwischen diesen drei Ländern sind die Grenzen offen. Der Landweg nach Libanon und Syrien hingegen ist gesperrt.
Mich hat noch nie jemand nach einem internationalen Führerschein gefragt, obwohl ich einen der alten deutschen Papierlappen habe.
Die Kosten für Auto und Benzin kann man amortisieren, wenn mach sich (z.B. bei AirBnB) günstige Unterkünfte etwas abseits von den größeren Orten sucht, die man ohne Auto schwer erreichen könnte. Dann fährt man vielleicht 15 Minuten Umweg, kann aber dafür bei netten Familien oder in einem Kibbutz oder Moshav wohnen.
Mit Englisch kommt man überall in Israel gut zurecht. Wer Russisch kann, wird sich auch damit oft verständigen können.
Vor allem im Westjordanland und in der Nähe des Atomreaktors Dimona in der Negev-Wüste gibt es immer mal wieder Straßensperren des Militärs. Fernlicht und Radio ausschalten, langsam heranfahren, kurz den Pass zeigen, und Ihr werdet durchgewunken.
Die israelische Nationalparkverwaltung. Hier findet Ihr auf einer Landkarte alle National- und Naturparks und könnt auch ein paar weniger bekannte in Eure Reise einbauen.
Die Schilder mit den Hinweisen auf die „Bärengefahr“ wirkten auf mich eher anziehend als warnend. Schon im Yosemite-Nationalpark in Kalifornien hatte ich vor Jahren vergeblich versucht, einen Bären in freier Wildbahn zu erspähen. Jetzt in Rumänien musste es doch endlich klappen!
So verbrachte ich in den vergangenen Tagen soviel Zeit wie möglich in den Wäldern rund um Bad Tuschnad in Transsilvanien. Den ganzen Freitag: Fehlanzeige. Samstag: Fehlanzeige. Die Enttäuschung stieg. Sonntag: Ohne besondere Hoffnungen wanderte ich vormittags zu einem Festungsturm, der oberhalb der Stadt im Wald liegt. Am Nachmittag würde ich abreisen müssen, viel Zeit blieb also nicht mehr.
Ich ging leise und vorsichtig, passte auf, keine Äste zu zertreten, und trug sicherheitshalber sogar meine Brille. Nur ein paar Minuten außerhalb der Ortschaft raschelte es links von mir im Wald. Es daurte ein wenig, bis ich es erkannte. Tatsächlich: ein Bär!
Das erste Foto zeigt die Entfernung zwischen dem Bären und mir (circa 50 Meter), das zweite zeigt die Umrisse des Bären ein wenig deutlicher.
Ich blieb wie angewurzelt stehen. Meine Beine zitterten. Mein Herz schlug rasend schnell. Sollte ich bleiben, weglaufen, langsam umkehren? Wie immer in solchen Situationen obsiegte die Neugier über die Angst, obwohl ich letztere nicht zu leugnen versuchen würde.
Also filmte ich, leider nur für ein paar Sekunden, weil der Bär dann im grünen Dickicht verschwand, ohne mich überhaupt bemerkt zu haben.
Trotz der Kürze der Begegnung war ich überwältigt. So ein schönes Tier, so gemütlich, aber gleichzeitig majestätisch. Löwe, Tiger und Elefant mögen sich darüber streiten, wer der König des Dschungels ist; der König der europäischen Wälder ist eindeutig der Bär.
Ich benötigte noch mehrere Minuten, bis sich meine Atmung und mein Puls normalisiert hatten. Wahrscheinlich stand ich da im Wald mit einem deutlich sichtbaren Glücksgefühl, wie wenn ich einen Schatz gefunden hätte. Ich begab mich weiter in die Richtung, in die der Bär spaziert war, immer noch ganz leise, die Kamera bereit. Leider traf ich aber weder auf diesen noch auf andere Bären.
Auf dem Rückweg kamen mir drei junge Rumänen entgegen, die mich nach dem Weg zum Apor-Turm fragten. Ich wies auf den Bären hin und zeigte ihnen das eben gedrehte Video. Sie schienen fast erfreut, auf jeden Fall nicht beunruhigt, und machten sich auf in Richtung des letzten bekannten Aufenthaltsortes des Braunbären. Angst vor Bären? Nicht hier in Transsilvanien. Zu dritt kann man allerdings auch leicht mutig sein.
Dieses Jahr bin ich schon einige hügelige und bergige Halbmarathons gelaufen: in Jerusalem, in Brasov, in Targu Mures. Vor allem in Rumänien scheint es fast gar keine normalen Laufveranstaltungen zu geben. Immer setzt irgendjemand ein Gebirge auf die Strecke.
Diesen Samstag wird es noch härter: Beim Halbmarathon in Bad Tusnad sind 900 Höhenmeter zu überwinden. Das sind mehr Höhenmeter in einem Lauf als manche Holländer in ihrem ganzen Leben machen.
Aber dafür locken schöne Ausblicke. Von Bad Tusnad geht es über die Berge und durch die Wälder bis zum St.Anna-See, der durch in einem Vulkankrater gesammeltes Regenwasser gebildet wird. Nach dem Lauf werde ich mich wahrscheinlich direkt in den See stürzen.
Und wo normale Halbmarathons sich mit 21 km begnügen, werde ich hier ganze 23 km zu bewältigen haben. Wie wenn die Berge nicht schon genug Herausforderung wären.
Der Bär im Logo ist auch kein Scherz, sondern ein Hinweis auf die große Bärendichte in den Wäldern um Bad Tusnad. Ich hoffe, dass ich endlich mal auf einen Bären in freier Wildbahn treffen werde, entweder beim Laufen oder beim Wandern in den Tagen vor und nach dem Lauf.
Mal sehen wie es am Samstag läuft. Wenn ich danach noch nicht genug von irrsinnigen Herausforderungen habe, kann ich im September die Transfagarasan-Straße bis auf über 2.000 Höhenmeter hochlaufen.