Ukrainische Tränen

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Vor zwei Jahren hatte ich sie noch in Odessa besucht, meine Freunde Yaniv und Nastya. Wegen Corona sah ich sie dann lange nicht, aber dieses Frühjahr sollte es so weit sein. Im April oder Mai, ab wann es eben warm genug sein würde, in die Ukraine zu trampen.

Aber dann kam alles anders.

Gestern [ich schrieb diese Geschichte am 12. März] sind sie in Nürnberg angekommen. Nastya hat hier Verwandte, hier können sie erst einmal unterkommen.

“Es ist ja nur für ein paar Wochen”, sagen sie.

Ich denke an den Ersten Weltkrieg, die Jugoslawien-Kriege, den Krieg in Syrien, den Dreißigjährigen Krieg und sage nichts.

Um 10:30 Uhr hatten wir uns vor der Frauenkirche verabredet. Sie kommen etwas später, weil sie sich mit der U-Bahn vertan haben. In Odessa gibt es keine U-Bahn, weil die Stadt untertunnelt ist von Katakomben, in denen sich die Menschen vor den angreifenden deutschen und rumänischen Truppen versteckten. 80 Jahre später sind meine Freunde in genau die Richtung geflohen, aus der beim letzten Krieg der Feind kam: nach Rumänien und dann über eine zehntägige Odyssee der Irrungen und Wirrungen nach Deutschland.

“Wir hatten sowieso vor, dieses Jahr mehr zu reisen”, versuchen sie zu scherzen, als wir uns umarmen. Aber man sieht ihnen an, dass sie müde und erschöpft sind.

Um 11 Uhr beginnt vor der Frauenkirche anscheinend eine Stadtführung durch Nürnberg. Weil wir im Weg stehen und weil Yaniv und Nastya sowieso die Stadt kennenlernen müssen, schließen wir uns an.

Auf der Fleischbrücke zeigt die Fremdenführerin ein Foto der 1945 zerstörten Altstadt.

Yaniv und Nastya denken bei solchen Bildern nicht an Nürnberg, nicht an den Zweiten Weltkrieg. Ich sehe die Angst in ihren Augen. Nicht nur die Angst um ihre Stadt und um ihre Katze, die sie zurücklassen mussten, sondern vor allem um Freunde und Angehörige, die in der Ukraine geblieben sind. Nastyas Eltern zum Beispiel. Die Mutter näht Tarnnetze für die ukrainische Armee. Der Vater geht jeden Tag zum Strand und füllt Sandsäcke, mit denen Gebäude, aber auch Denkmäler der Stadt geschützt werden sollen.

Und ihr Großvater erlebt zum zweiten Mal in seinem Leben die Belagerung von Odessa. Damals schloss er sich als 14-Jähriger den Partisanen an und stahl die Batterien aus den Fahrzeugen der rumänischen und deutschen Besatzer. Wie er sich dieses Mal nützlich machen wird, weiß er noch nicht. Aber er hebt jetzt die leeren Bierflaschen auf, falls er sie noch für Molotow-Cocktails benötigt. Nastya verkneift sich die Tränen, als sie von ihm erzählt.

Die Stadtführung ist mittlerweile beim Kunstbunker angelangt, unterhalb der Kaiserburg: “Hier wurden während des Zweiten Weltkriegs die wichtigsten Kunstschätze eingelagert, um sie vor den Bomben zu schützen. Aber auch die Menschen fanden in den Kellern Zuflucht, die einst gegraben worden waren, um Bier zu kühlen.”

Yaniv und Nastya denken an ihre Freunde überall in der Ukraine, die jede Nacht im Bunker oder in den U-Bahn-Schächten ausharren. Sie beklagen sich übrigens nie, sondern sprechen immer von den Menschen in Kharkiv oder Mariupol, die es viel schlimmer erwischt. Und Yaniv sagt einmal: “Es könnte schlimmer sein. Wir könnten in Afghanistan oder Syrien leben.”

Später gehen wir zum Planetarium am Plärrer, direkt neben dem Haus der Städtischen Werke, das in jedem DDR-Film mitspielen könnte. Hier soll es kostenlose SIM-Karten für Ukrainer geben, hat Nastya am Bahnhof gehört. Etwa 50 Menschen stehen schon an, die meisten erschöpft, mit leeren Blicken, keine Tränen zum Weinen mehr.

Die Menschen fragen sich gegenseitig, wo sie herkommen und nicken dann verständnisvoll. Die Ukraine ist ein großes Land, fast doppelt so groß wie Deutschland, und Yaniv und Nastya hören von vielen Städten jetzt zum ersten Mal. Ansonsten wird nicht viel gesprochen. Keiner will die anderen mit seinem persönlichen Leid belasten.

Es ist ein warmer Tag, also schlage ich einen Spaziergang durch den Volkspark am Dutzendteich vor. Nastya fragt, ob man die Enten füttern dürfe, denn dann würde sie etwas Brot kaufen. Aber sie hat gehört, dass in Deutschland vieles verboten sei. Aus dem selben Grund folgen mir meine Freunde nicht, als ich den Weg verlasse und eine Abkürzung durch die Wiese gehe. Sie gehen lieber den langen Umweg, wollen nichts falsch machen.

Als wir beim Fritten-Kalle im Park jeweils eine Currywurst essen, fragt Yaniv, auf die Kongresshalle zeigend: “Was ist das für ein Kolosseum dort?”

Ich erkläre, dass wir hier auf dem Gelände stehen, auf dem die Nazis ihre Parteitage abgehalten haben. Hier waren die Aufmärsche. Hier wurden die Propagandafilme gedreht. Hier wurde ein Volk auf den Krieg eingeschworen.

Yaniv sagt: “Dass ich als Jude hier stehen und ganz laut und frei sagen kann, dass Hitler ein Arschloch war, das reicht mir eigentlich schon als Genugtuung.”

Seine Großeltern und Urgroßeltern, die einst vor den Nazis aus Odessa fliehen mussten, hätten es nie für möglich gehalten, dass ihr (Ur-)Enkel einst nach Deutschland fliehen wird, noch dazu ausgerechnet nach Nürnberg, und dass er ein paar Meter neben der Aufmarsch- und Exerzierstraße mit einem Deutschen plaudern und ihm, weil der so in seine historischen Ausführungen vertieft ist, die Pommes vom Pappteller klauen wird.

Ach verdammt, diese Currysauce ist so scharf, das treibt einem richtig das Wasser in die Augen.

Gegen Abend schauen wir noch beim Willkommenszentrum für ukrainische Flüchtlinge am Hans-Sachs-Platz vorbei. Etwa dreißig Menschen stehen zur Registrierung an, sie sind gerade erst vom Bahnhof gekommen. Ein oder zwei Taschen haben sie dabei für ihr neues Leben. Weniger als die meisten von uns für den Urlaub packen.

Es gibt Informationen für Menschen, die Medikamente oder einen Arzt brauchen. Es gibt Essensgutscheine. Man kann sich impfen lassen. Die ukrainische Diaspora scheint unermesslich zu sein, denn überall helfen zwei-, drei-, viersprachige Menschen.

Wieder draußen vor dem Willkommenszentrum erkläre ich meinen Freunden die rechtlichen Feinheiten ihres Aufenthaltsstatus. Als Jurist kämpft man ständig gegen Fehlinformationen von Nichtjuristen, die sich blitzschnell im Internet verbreiten. Da gibt es keinen Unterschied zwischen Friedens- und Kriegszeiten, das ist eine immerwährende Geißel der Menschheit. Nein, Ihr werdet nicht nach drei Monaten abgeschoben. Nein, Eure Verwandten müssen keine höheren Steuern bezahlen, wenn Sie Euch aufnehmen. Nein, Ihr müsst nicht an dem Ort bleiben, wo Ihr Euch als erstes registriert.

Eine Frau mit Kind kommt näher, hört schüchtern zu. Sie will uns nicht unterbrechen. Aber ich merke, dass sie etwas auf dem Herzen hat, also wende ich mich ihr zu.

“Entschuldigen Sie, dass ich störe,” sagt sie mit sanfter Stimme, “aber ich hätte eine Wohnung für eine Frau aus der Ukraine mit Kind. Kostenlos natürlich. Für ein Jahr. Kennen Sie vielleicht jemanden?”

Sie hat keinerlei Bezug zur Ukraine, kennt niemanden von dort, aber will unbedingt helfen. Wir kennen persönlich auch niemanden, die aktuell eine Wohnung in Nürnberg benötigt, aber wir besprechen die verschiedenen Möglichkeiten der Vernetzung mit Hilfsbedürftigen. Als die Frau, ihr Kind noch immer an der Hand, beiläufig erwähnt, dass sie bereits den ganzen Tag vor dem Willkommenszentrum steht, um ihr Angebot zu unterbreiten, kann sich Nastya nicht mehr zurückhalten.

Jetzt bricht sie in Tränen aus, nicht wegen des Horrors, nicht wegen des Krieges, nicht wegen der Bomben, nicht wegen der Flucht, sondern wegen der unerwarteten Hilfsbereitschaft völlig Fremder. “Ich kann gar nicht glauben, was es für gute Menschen gibt”, murmelt sie immer wieder, und entschuldigt sich dafür, dass sie in der Öffentlichkeit weint. Sie weiß ja nicht, ob das in Deutschland überhaupt erlaubt ist.

Links:

  • Mehr Berichte aus der Ukraine.
  • Mehr über Flüchtlinge.
  • Die offizielle deutsche Willkommens-Website mit Informationen für Geflüchtete aus der Ukraine.
  • Um die Angelegenheit ein bisschen zu verkomplizieren, ist Deutschland jedoch ein föderaler Staat, so dass jedes Bundesland, jeder Bezirk, jede Stadt und jeder Verkehrsverbund seine eigenen zusätzlichen Regeln hat. Ehrlich, das ist noch undurchschaubarer als in diesen dubiosen „Volksrepubliken“ im Donbass. – Aber trotzdem: Holt Euch bitte keinen juristischen Rat von der Großmutter in Kamjanez-Podilskyj, die in einem Internet-Forum etwas von jemandem in Krasnokutsk gelesen hat, dessen Nichte mal einen Anwaltsfilm gesehen hat.

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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24 Antworten zu Ukrainische Tränen

  1. Pingback: Ukrainian Tears | The Happy Hermit

  2. Ingwer schreibt:

    Diese Grippe, die ich hab, treibt mir auch gerade Tränen in die Augen.

    • Andreas Moser schreibt:

      Mein Beileid von jemandem, der auch schon seit fünf Tagen mit Erkältung oder (Para-)Grippe rumhängt.

      Gute Besserung! Und ich verspreche: Der nächste Artikel wird wieder lustiger.

    • Ingwer schreibt:

      Oooch! Der Beitrag hat schon gepasst! Nein, er war sehr interessant!

  3. Irene schreibt:

    Mein Kaffee muss auch sehr scharf sein…

  4. Anke schreibt:

    Das Rad der Geschichte, leider dreht es sich immer im Kreis, nur die Protagonisten wechseln die Seiten. Ein sehr berührender und gelungener Beitrag, danke.

    • Andreas Moser schreibt:

      Vielen Dank! 😊
      Dabei hatte ich gar nicht geplant, darüber zu schreiben. Wahrscheinlich trifft sich jetzt niemand von meinen Freunden mehr mit mir, aus Angst, in einem Artikel verwurstet zu werden.

  5. Ludwig schreibt:

    Ich sollte auch keine Chillis mehr beim Lesen deiner Artikel schreiben. Hervorragender Beitrag, Andreas, danke dafür.

  6. Kasia schreibt:

    Na heute hast du es echt geschafft. Und ich sehe, es geht auch anderen so. Irgendwie ist man die letzten Wochen nur dabei, sich das Weinen zu verkneifen.
    Wer weiß, vielleicht werden mal Ukrainer im Kreml rumspazieren, der dann nichts weiter als ein Museum ist…?

    • Andreas Moser schreibt:

      Dabei wollte ich das Schicksal meiner Freunde wirklich nicht für einen Artikel ausnutzen. Ich hatte nicht einmal Block und Stift mitgenommen.
      Aber als mir die Begegnung den ganzen Abend und die ganze Nacht durch den Kopf ging, da musste ich zu meiner bewährten Therapie greifen: Schreiben. (Na gut, Trinken wäre auch gegangen.)

    • Kasia schreibt:

      Das hat mit „Ausnutzen“ nichts zu tun. Solche Schicksale müssen beschrieben und gelesen werden. Das ist wichtig. Du hast es in schlichten Worten beschrieben, das war das Packende daran.
      Zum Verständnis: wie verständigt ihr euch, sprichst du ukrainisch oder russisch oder unterhaltet ihr euch auf englisch?

    • Andreas Moser schreibt:

      Die beiden sprechen fließend Englisch.
      Und sogar einigermaßen Deutsch. Nastya hat es in der Schule gelernt, und Yaniv lernt neben dem Medizinstudium Deutsch. (Er ist sowieso ein Sprachgenie. Wir hatten uns in Rumänien kennengelernt, wo wir ein Jahr lang in der gleichen Stadt, in Targu Mures, wohnten. Weil dort sowohl Rumänen als auch Ungarn leben, hat Yaniv einfach Rumänisch und Ungarisch gelernt. Ich persönlich finde ja Leute, die Ungarisch lernen können, äußerst verdächtig.)

    • Kasia schreibt:

      Auf die Idee, Ungarisch zu lernen, wäre ich gar nicht erst gekommen 😉 ich mache noch mit Spanisch und Französisch rum (nein, da könnte ich noch keine Unterhaltung führen)

      Deinen Freunden unbekannterweise alles Gute.

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich müsste auch mal wieder an meinem Spanisch arbeiten, sonst geht es Tag für Tag mehr verschütt.
      Bei Französisch ist das schon lange passiert. 😦

  7. Anna schreibt:

    Bewegender Einblick. Danke. Alles Gute für deine Freunde.

    • Andreas Moser schreibt:

      Vielen Dank!
      Den beiden geht es vergleichsweise okay, auch weil in Odessa bisher kaum etwas zerstört wurde.
      Sie machen sich echt mehr Sorgen um andere.

  8. danysobeida schreibt:

    [image: imagen.png]

    No entiendo porque siempre pasa esto.

    Atte. Dany S. Serrano Ortega.

  9. Pingback: Ukrainische Tränen | -=daMax=-

  10. Paul schreibt:

    Obwohl ich selbst dank Hartz IV kaum noch weiss welche Sorgen mich
    am meisten beschäftigen, möchte ich ihren Bekannten aus der
    Ukraine eine kleine Geldspende zukommen lassen, bitte kontaktieren sie mich
    wegen der IBAN.

    • Andreas Moser schreibt:

      Hallo Paul,
      das ist wirklich sehr lieb!!
      Aber das ist nicht notwendig. Es fehlt den beiden an nichts Materiellem. Nastya ist bei ihren Verwandten untergekommen und kann einen Teil ihrr Arbeit online weiterführen, und Yaniv ist zur Zeit bei seinen Eltern, die in Israel wohnen.

      Und ich weiß aus eigener Erfahrung, wie knapp man mit ALG2 knausern muss. :/

  11. elsakaspar schreibt:

    Ein schlichter, klarer Bericht über die Ankunft ukrainischer Flüchtlinge, der unter die Haut geht. Sachlich und persönlich, einfühlsam und dennoch mit gesunder Distanz mitgeteilt.
    Danke!

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