Trampen als Wissenschaft

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Menschen, die am Straßenrand stehen und den Daumen raushalten, um mitgenommen zu werden, haben so ein Image von planlosen Hippies, die es irgendwie verpeilt haben, den Zug zu erwischen. Oder von Jungs, die gerade aus dem Knast entlassen wurden und keinen Cent in der Tasche haben, um sich ein Busticket nach irgendwo zu leisten.

In Wirklichkeit sind viele Tramper Soziologen, Geographen, Psychologen, Schauspielerinnen, Linguisten, Ärztinnen oder Raumfahrtingenieure. Und Juristen, so wie ich selbst, wie man unschwer an meiner typischen Reisekluft erkennen kann.

Manche Tramper gehen diese Art des Reisens sogar richtig wissenschaftlich und mathematisch an. Sie notieren Wartezeiten, zurückgelegte Entfernungen, durchschnittliche Geschwindigkeiten und eine Menge anderer Parameter. Diese Informationen laden sie dann in einer Datenbank hoch, auf dass sich alle anderen daran bedienen können. Kostenlos natürlich.

Ábel Sulyok, ein Tramper aus Ungarn und Atomphysiker, hat aus den so gesammelten Daten über Wartezeiten in Europa eine interessante Landkarte erstellt. Diese zeigt die durchschnittlichen Wartezeiten von weniger als 30 Minuten (grün) bis zu mehr als 90 Minuten (dunkelrot). Die durchschnittliche Wartezeit ist einer der wichtigsten Faktoren, um zu beurteilen, ob sich ein Land oder eine Region gut zum Trampen eignet.

Natürlich tragen nicht alle Tramper Daten zu diesem Projekt bei. (Ich mache das auch nicht, muss ich zugeben. Zum einen reise ich oft ohne Uhr oder Mobiltelefon. Zum andere interessiere ich mich mehr für Geschichten als für Zahlen.) Dennoch, die Leute, die viel mehr Erfahrung als ich mit dem Trampen haben, sagen, dass die Karte die Wirklichkeit ganz gut widerspiegelt.

Ich finde diese Karte besonders hilfreich, wenn Ihr mal per Anhalter verreisen wollt, Euch aber eigentlich egal ist, wohin es geht. Für den Einstieg eignen sich wohl Irland, Belgien, die Niederlande, Dänemark, AlbanienMontenegroRumänien, Moldawien, Belarus, Litauen, Lettland und Estland ziemlich gut.

Ich habe selbst ganz gute Erfahrungen in Osteuropa, im Baltikum und auf dem Balkan gemacht. Auch in Belgien und in den Niederlanden funktionierte das Trampen ganz ordentlich. Mit Luxemburg habe ich noch keine Erfahrung, aber dort sind ja sowieso alle Züge, Busse und Straßenbahnen kostenlos.

Was ich auch aus eigener Erfahrung bestätigen kann: Auf Inseln kommt man per Anhalter leichter voran als auf dem Festland. Je kleiner die Insel, umso besser. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber auf kleinen Inseln sind die Leute irgendwie entspannter, offener und freundlicher. Und es fahren mehr Pick-Up-Trucks, so dass man mit etwas Glück an eine Panorama-Inselrundfahrt mit kühlender Brise kommt.

Überhaupt habe ich den Eindruck, dass der Unterschied zwischen verschiedenen Staaten weniger ausmacht als der zwischen den Regionen. Ländliche und vor allem bergige Gegenden sind fast immer besser zum Trampen als vielbefahrene Straßen, ganz zu schweigen von weitflächig zersiedelten und mit hunderten von Straßen durchzogenen Landschaften, wo niemand ahnen kann, wohin der verwirrte Tramper will. Ganz große Panik habe ich vor dem Ruhrgebiet, um das ich bisher immer einen großen Bogen gemacht habe.

In den Bergen hingegen sind die meisten Fahrer als Kinder und Jugendliche selbst getrampt. Und sie wissen, dass der Bus eher selten vorbeikommt. Nationalparks sind auch toll, weil die Besucher dort in entspannter Stimmung und alles andere als gehetzt oder gestresst sind.

In Deutschland, Österreich und der Schweiz habe ich überwiegend gute Erfahrungen gemacht. Keine Ahnung, warum der Süden Österreichs auf der Karte in so negativen Farben gemalt wird. Generell ist es natürlich einfacher, in Ländern zu trampen, in denen man die Sprache spricht. Dann ist man nicht zum passiven Rumstehen verdammt, sondern kann die Fahrer aktiv ansprechen, vor allem an Tankstellen und auf Rastplätzen. Wenn dazu noch die Nummernschilder angeben, aus welchem Kanton, Bundesland oder Landkreis der Fahrer kommt, kann man seine Initiativbewerbung maßschneidern. „Ich sehe, Sie fahren nach Passau? Das wäre absolut perfekt, denn ich muss nach Österreich, und dann könnten Sie mich an der letzten Raststätte vor der Grenze absetzen“ ist erfolgversprechender als die offene Frage „Fahren Sie vielleicht nach Bayern?“

Weltweit beliebt unter Trampern sind die deutschen Autobahnen, weil die Leute hier rasen wie verrückt, so dass man richtig Strecke machen kann. Und in Deutschland – beziehungsweise in den beiden Deutschlands, um exakt zu sein – gab es früher eine richtig gute Autostoppkultur, so dass man immer wieder an Fahrer gerät, die sich romantisch an die gute alte Zeit erinnern. Es ist schon öfter passiert, dass mich Fahrer und Fahrerinnen im fortgeschrittenen Alter aufgelesen haben, die ganz normal und unabenteuerlich aussahen, aber dann plötzlich erzählten, dass sie als Jugendliche einst nach Afghanistan getrampt sind.

Zu den Ländern mit längeren Wartezeiten habe ich ein paar Theorien. In Schweden sind die Leute generell nicht auf Kontakt mit anderen Menschen erpicht. (Wahrscheinlich erhöhen sich dort die Chancen, wenn man auf sein Schild schreibt „Keine Angst, ich will nicht reden.“) Im hohen Norden Skandinaviens gibt es einfach weniger Autos. Eine Wartezeit von 70 Minuten hört sich erst einmal schlecht an, aber vielleicht bedeutet das trotzdem, dass 100% der Autos anhalten. In Großbritannien ist oft einfach kein Platz am Straßenrand.

Keine Ahnung, warum Kroatien so negativ aus den ansonsten freundlichen Balkanländern hervorsticht.

Und Südeuropa erstaunt mich wirklich. Mit Ausnahme der Inseln, natürlich. Auf dem Festland bin ich dort noch nicht getrampt (außer in Südtirol, aber das zählt ja nicht richtig zu Südeuropa), aber ich habe schon von vielen erfahrenen Trampern gehört, dass Spanien und Italien der absolute Alptraum sind. Angeblich braucht man länger, um Spanien per Anhalter von den Pyrenäen bis nach Gibraltar zu durchqueren, als für eine Durchquerung Russlands von Europa bis nach Kamtschatka.

Weil ich ein bisschen Spanisch spreche, reizt es mich wirklich, das mal selbst zu probieren. Bleibt nur zu hoffen, dass ich dann nicht unter der sengenden Sonne irgendwo in der Wüste Andalusiens verende.

Aber eigentlich wollte ich diese Landkarte nur veröffentlichen, um nach Euren Erfahrungen zu fragen. Wo seid Ihr beim Trampen gut vorangekommen? Wo seid Ihr steckengeblieben? Was sind Eure Tricks? Was waren Eure schönsten Erfahrungen?

Bei mir geht es nächste Woche von Amberg nach Hagen. Ein freundlicher Leser dieses Blogs hat mir auf halber Strecke, in Mörfelden-Walldorf, eine Übernachtung angeboten. Nicht so spektakulär wie Afghanistan, aber mal sehen, was unterwegs alles passiert.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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12 Antworten zu Trampen als Wissenschaft

  1. Pingback: Hitchhiking as Science | The Happy Hermit

  2. inselleben schreibt:

    Ich habe einen heißen Tipp für „Hitchhiken“ in Neuseeland: Einfach eine große kanadische Flagge an den Rucksack nähen – dann nimmt dich jeder sofort mit! Das haben mir auf jeden Fall die zahlreichen kanadischen Tramper erzählt, die ich auf meiner Reise „eingesammelt“ habe. Aber auch skandinavische Flaggen sollen ein Erfolgsgarant sein! Ich bin in Neuseeland nicht selbst getrampt, habe aber viele Tramper in meinem Auto ein Stück auf ihren Weg mitgenommen und so viele interessante Menschen aus der ganzen Welt kennengelernt … Vor allem aber tatsächlich Kanadier, denn irgendwann habe auch ich bewusst oder unbewusst angefangen, nach dem Ahornblatt Ausschau zu halten! Insgesamt ist mein Eindruck, dass Trampen in Neuseeland sehr easy ist … sind ja aber auch zwei Inseln, sodass sich deine Theorie somit bestätigen würde.

    • Andreas Moser schreibt:

      Das ist supernett von dir, dass du so oft angehalten und geholfen hast!
      Als ich ein Auto hatte (lange her), habe ich auch immer gerne angehalten. Die Leute hatten interessante Geschichten, und es brachte ein bisschen Abwechslung in meine Fahrten.

      Kanada und Kanadier haben anscheinend einen sehr guten Ruf. Wer weiß, ob das überhaupt alles echte Kanadier waren? 😉

    • inselleben schreibt:

      Oh, ich glaube, dass ich hauptsächlich echte Kanadier erwischt habe 😉. Einige von ihnen habe ich dann sogar im darauffolgendem Jahr in Kanada besucht – die netten Begegnungen haben mich zu einer neuen Reise inspiriert. Und das ist ja eigentlich die Essenz des Reisens – die Begegnungen, der Austausch und die Inspiration. Und dafür ist Trampen ganz außerordentlich gut geeignet. Deswegen nehme ich auch immer noch gerne Tramper mit, obwohl hier oben in Schweden leider fast nie jemand an der Straße steht…

    • Andreas Moser schreibt:

      Genau das gefällt mir am Trampen!
      Und auch die Unplanbarkeit. Man hat echt keine Ahnung, wie schnell man wie weit vorankommt, und vor allem keine Ahnung, wer einen mitnimmt. Es kann ein schweigsamer Grummel sein oder jemand, mit dem man sich super versteht und in Kontakt bleibt.

      Das nächste Mal, wenn ich in Schweden bin, werde ich auf jeden Fall trampen!

    • inselleben schreibt:

      Lycka till! Viel Glück dabei…😉!

  3. tinderness schreibt:

    Meine Erlebnisse auf den Azoren, allerdings schon zwanzig Jahre her: Einfach jeder hielt unaufgefordert an und wollte uns mitnehmen. Das lag wahrscheinlich nicht nur an den freundlichen Leuten sondern auch am Dauerregen, der dort herrschte.

    • Andreas Moser schreibt:

      Ja, die Azoren waren super!
      Ein paar Minuten nach meiner Ankunft hielt das erste Auto. Zwei ältere Herren, die mich noch zum Supermarkt fuhren, dann direkt zur Jugendherberge, und die allerhand erzählten.
      In den Tagen danach wurde es dann spürbar zäher, aber das lag nur daran, dass im März 2020 gerade die Corona-Pandemie losging, und ich natürlich der gefährliche Ausländer war.
      Ab da wurde ich dann meist auf die Ladefläche verrachtet: https://andreas-moser.blog/2020/03/21/pick-up-pico/ 🙂

      Ich glaube, Inseln sind auch einfacher, weil sie von der Verkehrsführung relativ simpel sind. Eine Straße geht außenrum, von Stadt zu Stadt. Und wenn die Insel ein bisschen größer ist, gibt es noch ein, zwei Straßen, die quer über den Berg gehen. Wenn man sich richtig positioniert, ist da eigentlich immer klar, wo man hin will.

    • tinderness schreibt:

      Oh ja, die Strassenführung! Jetzt kann ich mich wieder erinnern! 🙂

  4. hlma schreibt:

    Ich kann die Inselthese nur stüzten. Auf Vancouver Island, kaum das wir in der richtigen Richtung stand an der Kreuzung standen, hielt nach 30s eine Frau an. Sie nahm uns zwei dreckige Männer mit riesigen Rucksäcken mit. Und natürlich war sie früher auch getrampt. Sie fuhr uns extra zu Fährenterminal ganz vorne hin und hat uns zum Abschied sehr herzlich umarmt.

    Ich denke zu richtigen Standort solltest du nochmal einen Artikel machen. Da wären Tipps für das Absetzen gut, wenn man als Fahrer Leute mitnimmt.

    • Andreas Moser schreibt:

      Das ist echt das beste, wenn man kaum an der Straße/Kreuzung/Kreisverkehr ankommt, und schon hält das erste Auto.

      Oder so wie gestern auf dem Rückweg von Hagen nach Amberg: Ein Fahrer lässt mich an der Raststätte raus, wir verabschieden uns, und vor uns stehen ein paar Leute um ihr Auto und beobachten uns. Ich gehe gleich auf sie zu und frage, ob sie mich weiter auf der A3 mitnehmen können. „Ja klar, wir können Sie bis Frankfurt mitnehmen.“

      Wenn es so flutscht, dann macht Trampen richtig Spaß.

      Was die Standorte anbetrifft, so will ich mich allerdings nicht zum Experten aufspielen. Im Vergleich zu all den oben Verlinkten bin ich ja ein absoluter Anfänger.
      Ich denke manchmal, dass ein Standort super ist, und es klappt nicht. Und dann gibt es Fahrer, die halten überall, egal ob sich hinter ihnen der Verkehr staut.

      Und dann gibt es noch das Problem, wenn sich weder Tramper noch Fahrer so richtig auskennen. 🙂 Gestern wurde ich von mehreren, allesamt sehr netten Fahrern etwa zwei Stunden um Hagen herum gefahren. Mal in die eine, dann in die andere Richtung. Mal auf die eine, dann auf die andere Autobahn.
      So große Autobahnkonglomerationen wie NRW oder Frankfurt sind für mich die Hölle.

  5. Pingback: Zweimal durch Deutschland – dank einem Dutzend hilfsbereiter Fremder (Teil 1/3) | Der reisende Reporter

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