Ein böses Omen

„Nehmen Sie sich die Zigarren selbst aus dem Regal,“ sagt die schon am frühen Morgen qualmende Frau im Tabakladen, „ich habe ein kaputtes Bein.“

„Oh“, sage ich und erinnere mich vage, auf den Warnhinweisen, die Tabakwaren aufgrund der EU-Tabakawerberichtlinie aufzuführen haben, etwas von Raucherbeinen gelesen zu haben.

Da sind ja immerzu ganz schreckliche Warnungen vor Krebs und Blindheit und Dummheit drauf, mit fürchterlichen Fotos von Löchern im Bauch und kaputten Zähnen. Wie diese Fotos von Kriegsversehrten aus dem Ersten Weltkrieg, die irgendwie auch niemanden vor dem Zweiten Weltkrieg abgehalten haben.

Aber vielleicht setzen sie deshalb jetzt Frauen mit Raucherbeinen in die Tabakhandlungen? Um die Warnungen prägnanter zu machen. Das wäre mal eine sinnvolle Gesetzesänderung, die Arbeitsplätze für diejenigen schaffen würde, die es im Leben am schwersten haben. Bei McDonald’s arbeiten ja auch eher Leute, die nicht so richtig gesund aussehen, sondern so wie wenn sie eben ihren kleinen Bruder frittiert und gefressen haben. Und die Menschen bei Banken und Bausparkassen sind auch immer so langweilig, dass es eine ausreichende Warnung vor einem spießigen Einfamilienhausleben sein sollte.

Ich denke an all die Pläne, die ich noch vorhabe. Wanderungen über die Alpen, durch die Pyrenäen, durch Liechtenstein und die Bretagne, auf den Illimani und den Damavand. Dazu brauche ich eigentlich beide Beine.

Ich knete die mühsam angesparten 7 € in der Hand und bin kurz davor, diese mit dem guten Vorsatz, den man sonst nur in den allerersten Stunden des neuen Jahres oder des neuen Semesters verspürt, in Äpfel, Apfelsinen oder sonstiges Vitamingelumpe zu investieren. Als Kind haben mir meine Eltern noch mehr Angst gemacht als die Tabakfolgenschockbilder, indem sie erzählt haben, dass man ohne Vitamine Skorbut bekäme. So wie Wickie und die einbeinigen Piraten. Ich habe jahrelang mehr Chips als Kartoffeln und mehr Nutella als Nüsse gegessen und weder Skorbut noch Wikingerhörner bekommen, also waren diese Warnungen wohl übertrieben. Außerdem, was soll man Eltern schon abnehmen, die an so einen Hokuspokus wie Homöopathie glauben? Wenn es mir richtig schlecht ging, musste ich immer heimlich zu Freunden gehen, um echte Medizin zu bekommen. Wie Tara Westover in „Befreit“.

„Ich bin in der Dusche ausgerutscht“, erklärt die Tabakverkäuferin ungefragt und beendet meine Grübelei.

Erleichtert nehme ich drei dicke Zigarren aus dem Regal.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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4 Antworten zu Ein böses Omen

  1. Dirk Festerling schreibt:

    Wikingerhörner sind eine ziemlich neumodische Erfindung. Alles, was Schläge näher an den Helm lenkt, ist generell eine unpraktische Idee.

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