Als ich in Tallinn dieses Schild sah, wunderte ich mich, wieso um alles in der Welt jemand einen Hafen nach Saddam Hussein benennen will. Vor allem so weit weg vom Irak. Bis ich merkte, daß „sadam“ das estnische Wort für „Hafen“ ist.
Italien ist voll von Gedenktafeln und Statuen, viele davon im Zusammenhang mit dem Risorgimento, der Veinigung Italiens, und den Unabhängigkeitskriegen ab 1861. Es gibt Tafeln und Statuen, die an die Landung von Truppen, erfolgreiche Schlachten, erlittene Niederlagen und dergleichen erinnern.
Das ist aber nicht genug.
Jede Stadt, jeder Ort, jedes Dorf will etwas von dem Ruhm des Risorgimento abhaben und stellt daher Tafeln auf, wenn die Kämpfer für die italienische Vereinigung nur am Bahnhof den Zug gewechselt haben oder in einem Haus übernachtet haben. Jede Kleinigkeit wird mit stolzen Tafeln verkündet.
Der dabei am öftesten erwähnte Nationalheld ist Giuseppe Garibaldi. Jeder noch so kleine Ort hat eine Garibaldi-Straße oder einen Garibaldi-Platz oder -Park, oft auch alles davon.
Den vorläufigen Höhepunkt dieser Garibaldi-Verehrung habe ich auf der Piazza Bologni in Palermo in Sizilien gefunden: An einem zugegeben prächtigen Haus prangt über dem Torbogen eine fenstergroße Gedenktafel. Was mag hier wohl stattgefunden haben? Eine Versammlung der Freiheitskämpfer? Ein politischer Kongress? Oder diente die Villa als Lazarett für Verwundete?
Ich trat näher, um die Aufschrift zu entziffern, meinen Notizblock zur Aufzeichnung des historischen Ereignisses gezückt. Es dauerte ein paar Sekunden, bis ich mir sicher war, den in Stein gemeißelten italienischen Text richtig verstanden zu haben. Dann mußte ich lachen.
Die Inschrift lautet:
In diesem vornehmen Haus hat am 27. Mai 1860 für nur zwei Stunden seine müden Glieder ausgeruht:
GIUSEPPE GARIBALDI
So ein Nickerchen ist wahrhaft eine Leistung, die gewürdigt werden muss.
Den zweiten Teil der Inschrift konnte ich nicht ganz übersetzen, aber es geht irgendwie um die „einzigartige Tapferkeit des genialen Kämpfers gegen jegliche Tyrannei, zwischen der Explosion der tödlichen Waffen des Krieges ruhig schlafen zu können“.
Fast könnte man Mitleid haben mit Al-Qaida. Vor 10 Jahren konnten die Terroristen noch die Welt in Angst und Schrecken versetzen (was man ihnen, da dies immerhin die Aufgabe von Terroristen ist, nicht vorhalten sollte), gestandene Demokratien zum Über-Bord-Werfen ihrer Grundsätze bewegen (was man denen durchaus vorwerfen kann) und die NATO zu einem langjährigen Kampfeinsatz weit außerhalb ihres ursprünglich angedachten Wirkungsgebiets verleiten.
Schon in den Jahren nach ihren großen Anschlägen mit Flugzeugen zeigten sich jedoch die Schwächen von Al-Qaida. Wie so oft liegen diese darin, geeignetes Personal zu finden. („Haben wir doch schon immer gesagt,“ höre ich den Arbeitgeberverband rufen.) Vor einem „Schuhbomber“, der es auf dem Transatlantikflug nur schaffte, seine Schnürsenkel anzuzünden, hat genausowenig jemand Angst wie vor dem „Unterhosenbomber“, der nur sich selbst die peinlichsten Verbrennungen und gleichzeitig den peinlichsten Spitznamen des ganzen Abschlußjahrgangs der Terroristenschule zufügte. 2010 verspürte Al-Qaida solch einen Personalmangel, daß sie Pakete mit Bomben an jüdische Organisationen in den USA schickte, die diese dann anscheinend selbst zünden sollten. Taten sie natürlich nicht.
Spätestens damals hätten die Jungs mit den langen Bärten Lehren aus der Geschichte der Jungs mit den langen Haaren ziehen sollen und sich wie die RAF auflösen und als Autoren zu einem auflagenschwachen Verlag wechseln oder Sozialarbeiter werden sollen. Aber wie so viele andere Größenwahnsinnige vor ihnen hat Al-Qaida die Zeit für den richtigen Abgang verpaßt.
Den endgültigen Beweis des Niedergangs liefert die Terrororganisation in ihrem eigenen englischsprachigen Magazin Inspire. Waren hier früher Anleitungen zum Sprengen von Hochhäusern zu finden, so schlägt die Ausgabe vom Frühjahr 2013 eine ganz andere Art des Dschihads vor: Muslime werden dazu aufgefordert, Öl auf Autobahnen zu verschütten, um Unfälle zu provozieren, geparkte Autos anzuzünden und Nagelbretter auf die Straße zu legen.
Der Abschnitt über das Abfackeln von geparkten Autos erklärt, wie ein Streichholz zu einer Waffe des Dschihad wird: „Während die Ungläubigen der irrigen Annahme sind, daß ihre überlegene Technologie uns besiegen wird, werden wir zeigen, daß wie sie sogar mit einem Streichholz besiegen können.“ Die Nachwuchsterroristen werden ausdrücklich darauf hingewiesen, vorher sicherzustellen, keine Autos von Muslimen anzuzünden (eine Vorsichtsmaßnahme, die die meisten Selbstmordattentäter außer Acht lassen). Vielleicht findet sich so endlich Verwendung für die einstmals kostenlos verteilten Korane, die auf der Hutablage als Anti-Terror-Schutz dienen können, wirksamer als jede Vorratsdatenspeicherung.
Die Anleitung zum Bau von Nagelbrettern liest sich wie eine IKEA-Bauanleitung. Daß die jüngste Generation der Terrorkrieger nicht ganz hell im Kopf ist, haben auch die Redakteure von Inspire berücksichtigt, wenn sie darauf hinweisen, am Tatort keinesfalls belastendes Material wie z.B. Personalausweise oder Schulbücher zurückzulassen.
Das Beste an der ganzen Ausgabe ist die Begründung für den Kampf gegen den Straßenverkehr: „So Gott will und wenn genug Muslime ihre Pflicht zum Heiligen Krieg erfüllen, dann werden die Ungläubigen und ihre Versicherungsgesellschaften den Terror und ihre Verluste so satt haben, daß sie ihre Regierungen dazu drängen werden, die Tyrannei gegen Muslime zu beenden.“
Vor diesem Hintergrund liest sich der Bericht über den kürzlichen Verkehrsunfall von Angela Merkel schon viel bedrohlicher. Diese erhöhte Gefährdungslage müßte nun auch den Bundesinnenminister zur Unterstützung eines Tempolimits auf Autobahnen bewegen.
Als ich vor grauer Vorzeit – noch im letzten Jahrhundert, ja gar im letzten Jahrtausend – in Regensburg Jura studierte, gab es leider noch keine Vorlesung „Recht und Literatur“. Mittlerweile ist die „Law and Literature“-Welle aus den USA nach Europa geschwappt, und Universitäten oder zumindest einige Professoren versuchen, das Studium der Rechtswissenschaft, dem der Ruf der Trockenheit vollkommen zu Unrecht anhaftet, aufzulockern oder sich dadurch auch nur in dem übersättigten akademischen Markt eine interessantere Nische als das Recht der Windkraftanlagen zu schaffen. Selbst die NJW bringt einmal im Jahr eine Ausgabe zum Themenkomplex „Recht, Kunst und Literatur“. In den meisten Anwaltskanzleien wahrscheinlich direkt ins Archiv verbannt, war mir diese immer eine der liebsten Ausgaben.
Fühlte ich mich als literaturaffiner Jurist bisher immer genauso als Exot wie sich ein Literaturstudent mit einem Faible für den Besuch von Gerichtsverhandlungen fühlen muss, so bin ich jetzt durch eine Initiative der drei empfehlenswerten Blogs Buchguerilla,54booksund Texte und Bildereines Besseren belehrt worden. Auch andere Juristen schreiben nicht nur gerne seitenweise, sondern lesen auch genauso gerne schöne, erbauliche, anspruchsvolle, anregende und alle anderen Arten von Literatur.
Die beiden haben ein „Recht und Literatur“-Projekt ins Leben gerufen, das sie zwar untypisch für Leser von Schiller, Kleist und Goethe, dafür jedoch umso typischer für Juristen sogleich mit einer Abkürzung versehen haben, die noch dazu die Twitter-Raute im Namen trägt: #LawAndLit. Aber vielleicht muß das ja heute so sein, damit überhaupt jemand darauf aufmerksam wird.
Da das Projekt von Juristen ausgeht, ist es natürlich bestens organisiert, strukturiert und mit einer Frist versehen. Bis zum 1. Februar 2014 (was nach § 188 I BGB bis zum Ablauf des 1. Februars 2014 bedeutet) haben die Teilnehmer mindestens eines der vorgeschlagenen oder alternativ ein selbstgewähltes literarisches Werk mit juristischem Bezug zu lesen und zu rezensieren.
Das führt zu dem, was jeder Leser kennt: die Qual der Wahl (Leser von Moby Dick kennen dazu noch die Qual des Wals). Meine Auswahl ist durch äußere Umstände begrenzt, da ich derzeit am südlichen Ende unseres Kontinents, in Sizilien, und damit weit weg von deutschsprachigen Gefilden und Bibliotheken weile. Ich bat also meinen in Deutschland verbliebenen Vater, seine Bibliothek auf passendes Lesematerial zu durchstöbern und das Gefundene auf den Spuren Johann Wolfang von Goethes und Johann Gottfried Seumes nach Sizilien zu versenden (der zeitgenössische Autor Harald Grill fehlt in dieser Aufzählung nur, weil er den umgekehrten Weg von Syrakus nach Regensburg gegangen ist).
Folgendes Foto zeigt das Ergebnis dieses literarischen CARE-Pakets, rechtzeitig zu dem von mir ansonsten ignorierten Weihnachten eingetroffen und gleichzeitig einen Überblick über die Wandlung der Titelseitengestaltung über die letzten Jahrzehnte gebend:
Mein Auswahlprozess ging so vonstatten:
Den Prozess von Kafka habe ich schon gelesen. Die anderen drei noch nicht.
Außerdem wurden zu Kafkas Prozess schon ganze Dissertationen geschrieben, denen ich nun wirklich nichts Sinnvolles hinzufügen könnte.
Von den verbleibenden drei Büchern sind Der Richter und sein Henker und Die verlorene Ehre der Katharina Blum auf der #LawAndLit-Vorschlagsliste.
Bleak House wäre also mein eigener rebellischer Vorschlag. Charles Dickens beschreibt darin einen sich über Generationen hinziehenden Erbrechtsstreit.
Bleak House ist mit Abstand am umfangreichsten. Die Taschenbuchausgabe hat über 1000 Seiten. Was dagegen sprechen könnte, sich dies aufzuhalsen, spricht in meinen Augen dafür, das Buch zuerst anzugehen. Wenn ich zügig bin, kann ich danach immer noch Der Richter und sein Henker oder Die verlorene Ehre der Katharina Blum lesenund rezensieren.
Außerdem habe ich schon lange nichts mehr von Charles Dickens gelesen, habe aber sehr schöne Erinnerungen daran. Diese fetten Schmöker sind für mich Wohlfühlbücher: stark ausgeprägte Charaktere, verwickelte Geschichten mit mehreren Handlungssträngen, die sich am Ende zu einem Happy End zusammenraufen. Obwohl ich diesen Winter nicht vor dem Kamin verbringe, sondern auf der warmen Terrasse, paßt Charles Dickens hervorragend zu dieser Jahreszeit und zu dem damit einhergehenden gesteigerten Zigarrenkonsum.
Die Entscheidung für Bleak House ist also gefallen, und nachdem ich jetzt nach nur wenigen Tagen schon über 200 Seiten gelesen habe, bin ich froh über die Wahl. Die 1000 Seiten Bleak House werden sich auf jeden Fall leichter lesen lassen als der vielleicht ein Fünftel des Umfangs ausmachende Prozess.
Ich wache und stehe gerne zeitig auf, aber an einem kühlen Morgen Ende Dezember ist 5 Uhr 20 doch arg früh. Selbst nach dem rigiden Regiment meines Weckers hätte ich noch 70 Minuten zu schlafen gehabt; die Zugabe, die ich ihm an guten Tagen abtrotzen kann, noch gar nicht eingerechnet.
Aber am 23. Dezember 2013 werde ich zu ebendieser Zeit auf eine Art geweckt wie nie zuvor. Es fühlt sich an, wie wenn jemand mein schweres Bett mit Leichtigkeit mehrmals um ein paar Zentimeter nach links und rechts schiebt. Von einer Sekunde zur nächsten bin ich wach und merke, daß nicht nur das Bett mobil geworden ist. Auch das Schlafzimmer, ja das ganze Haus wird in einem gleichmäßigen Rhythmus hin- und hergeschoben, begleitet von einem leichten Rumoren. Nach wenigen Sekunden ist es vorbei. Vollständige Stille. Obwohl ich bisher noch keinerlei Erfahrung damit gemacht habe, kann es keinen Zweifel geben: Das eben war ein Erdbeben.
Sofort stehe ich auf und gehe auf den rückwärtigen Balkon, in der Erwartung, das Dorf in Flammen und die Straßen voller Menschen in Panik zu sehen. Nichts. Es ist schon hell, aber vollkommen ruhig. Kein Ton von dem sonst meinen Wecker ergänzenden Hahn. Keine Katze quengelt. Nicht einmal einen einzigen Autoalarm höre ich, wo die doch sonst schon losgehen, wenn nur ein Eichhörnchen übers Auto huscht oder eine überreife Orange vom Baum fällt.
Ich werde unsicher: Vielleicht habe ich zu schnell auf ein Erdbeben getippt? Schnell gehe ich die anderen Möglichkeiten für ein so arg vibrierendes Haus durch, muß aber eine nach der anderen verwerfen: Eine Explosion wäre viel lauter gewesen und würde nicht zu diesem Rütteln im gleichmäßigen Takt führen. Ebenso ein Beschuß mit schweren Waffen. Angesichts der Lage des Hauses in der Straße ist es unwahrscheinlich, daß ein LKW das Haus gerammt hat. Bei einem Panzer müßte ich den Motor hören, bei einem Helikopter die Rotoren. Ohne jegliche Vorwarnung ist es unwahrscheinlich, daß der Gerichtsvollzieher am Tag vor Weihnachten frühmorgens kommt, um das Haus einzupacken und abzuschleppen. Nein, es bleibt nur ein Erdbeben.
Zur Verifizierung meiner laienhaften Analyse schalte ich den italienischen Nachrichtenkanal Rai News 24 ein. Es läuft die Presseschau, dann ein Bericht über die Meinung von Angela Merkel über irgendetwas mit Italien-Bezug. Die Nachrichten in Italien bringen zu fast allem Kommentare von Angela Merkel, so daß man glauben könnte, sie wäre die Präsidentin von Europa. Dann natürlich Fußball. Von einem Erdbeben im eigenen Land findet sich auch 15 Minuten nach dem Beben keine Spur auf dem Nachrichtensender.
Also schlage ich im Wörterbuch das italienische Wort für Erdbeben nach: terremoto, und gebe es bei Twitter ein. Tatsächlich gibt es ein paar Meldungen von einem Erdbeben, mit dem Epizentrum wahlweise in Reggio Calabria (der Stiefelspitze Italiens), in Messina (die dem italienischen Festland am nächsten liegende Stadt in Sizilien) oder in der Meerenge zwischen beiden. Ich wohne etwa 20 Kilometer westlich von Messina. In die Richter-Skala wird dieses Erdbeben mit der Stärke 4 eingehen.
Mit dieser Bestätigung gehe ich auf die Straße, um nach sichtbaren Schäden am Haus und der Umgebung zu suchen. Außer einem zu Bruch gegangenen Blumentopf, der in der Mitte der Straße liegt, kann ich keine Anzeichen einer Naturkatastrophe erkennen. Und so etwas hat mich aufgeweckt.
Tagsüber spricht jeder, den ich in diesem sizilianischen Dorf treffe, erst einmal über Weihnachten und dann über das Erdbeben. Dabei geht es meist nicht einmal um das heutige, sondern um das Beben von 1908. Damals gab es in Messina ein wesentlich stärkeres Erdbeben (7,2 auf der Richter-Skala), das einen Tsunami auslöste, der fast die gesamte Stadt zerstörte und ca. 70.000 Menschen in Messina allein tötete. Es war eine der verheerendsten Naturkatastrophen in der Geschichte Europas. Schaurig ist, daß dieses Erdbeben auch um Weihnachten, nämlich am 28. Dezember 1908, stattfand. Noch schauriger ist dessen Uhrzeit: Es war ebenfalls genau 5 Uhr 20. Immer wenn ich heute in diesem Zusammenhang das Wort coincidenza (Zufall) in den Mund nehme, werde ich angesehen, wie wenn ich eine neue und vollkommen absurde Theorie vertrete.
Abends rangiert selbst auf den Internetseiten sizilianischer Zeitungen das Erdbeben ganz unten. Der Aufmacher ist jetzt die Warnung vor einer Kältefront in den nächsten Tagen. Die Aussicht auf Schneefall an Weihnachten hat schon wieder mehr Nachrichtenwert als ein Erdbeben.
Lipari, Salina, Vulcano, Alicudi, Filicudi, Panarea. Grämen Sie sich nicht, wenn Sie diese Namen nicht sofort auf der Landkarte verorten können. Bis vor zwei Monaten konnte ich es auch nicht. Dann zog ich nach Sizilien. Wenn ich jetzt noch den Namen der siebten und bekanntesten Insel – Stromboli – nachschiebe, dann kommt Ihnen zumindest der bekannt vor. Diese sieben und einige weitere unbewohnte Inseln bilden die Äolischen Inseln (auch Liparische Inseln genannt) nördlich von Sizilien.
Mein Versuch, zumindest einige dieser Inseln zu erkunden, begann mit einem Fehlschlag. Mitte November wollte ich nach Salina gelangen, aber wegen stürmischer See (in Sardinien waren tags zuvor 16 Menschen durch ein Unwetter umgekommen) verließen weder Fähren noch die wetteranfälligeren Tragflügelboote den Hafen von Milazzo.
Zwei Tage später kann ich mich jedoch auf der Fähre nach Lipari, der größten der sieben Inseln, einschiffen. Auf der großen Fähre wirke ich ganz verloren neben den nur drei weiteren Passagieren. Im Bauch der Fähre werden nur ein Auto und ein kleiner Lieferwagen festgezurrt. So ein weniger als halbvoller Bauch wird die Fährgesellschaft nicht satt machen, aber zum Glück für sie gibt es die Touristenströme im Sommer, die die Inseln überschwemmen und die Preise hochtreiben. Ich reise gerne antizyklisch. Keynes würde sich freuen.
Die Fähre dampft langsam aus dem Hafen von Milazzo, vorbei an dem langen, grünen Kap, das sich hier nach Norden ins Tyrrhenische Meer schiebt. Hinter der Stadt baut sich eine imposante und zu dieser Jahreszeit grüne Hügelkette auf, und nach einigen Meilen Fahrt wird auch die Krone Siziliens sichtbar: der Ätna. Der Himmel ist blau, das Meer ist noch blauer und so ruhig, daß man sich nicht vorstellen kann, wie es noch vor zwei Tagen getost hat. Die Schiffsbar hat für die wenigen Passagiere gar nicht erst geöffnet. Mit einem hungrigen Magen, der nicht voller als der Bauch der Fähre ist, döse ich ein.
Ich wache auf, als sich das rhythmische Auf und Ab des großen Schiffes verlangsamt. Zur Linken sehe ich einen grünen Berg, der sich aus dem Meer schiebt, vorbeigleiten. Er ist viel grüner, als ich von einer vulkanischen Insel erwartet hätte. Das ist Vulcano, ein kurzer Zwischenstop auf dem Weg nach Lipari. In einigen Tagen werde ich auch diese Insel besuchen, und was ich sehe, steigert meine Vorfreude: Rauch steigt aus dem aktiven Krater des Vulkans auf, der Hafen wird umrahmt von zackigen Felsformationen, die höher als alle Gebäude auf der Insel sind, Palmen säumen das wenige Flachland. Ein Bild, wie ich es zum letzten Mal in Australien gesehen habe. Aber schon geht es weiter nach Lipari.
Angekommen im Hafen von Lipari, stürzen sich die ihr Auskommen im Tourismus Findenden auf die vier Neuankömmlinge: Insel-Rundfahrten, Vespa-Verleih, Zimmer zu vermieten. Im November ist hier eindeutig mehr Angebot als Nachfrage. Da mir diese Aufdringlichkeit nicht behagt, lehne ich selbst die verlockendsten Angebote ab.
Lipari ist mit rund 5.000 Einwohnern der einzige Ort der Äolischen Inseln, der die Bezeichnung Stadt verdient. Hier gibt es ein Krankenhaus, eine Schule und alles an Geschäften, was Touristen und Insulaner (auch die Bewohner der anderen Inseln, die hier zum Groß- oder Spezialeinkauf herkommen) so benötigen. Die Haupteinkaufsstraße ist dennoch so leer, daß Hunde ihre Wettrennen dort veranstalten, an die die wohlgenährten Katzen sich schon so gewöhnt haben, daß sie sich nicht von der Stelle bewegen, wenn Mensch oder Hund vorbeiläuft. Ruhe und Stille durchziehen die steilen und engen Gassen. Ein Zeitschriftenladen offeriert im Aushang vom Wind mitgenommene Zeitungen, die fünf Tage alt sind.
Ich gehe in den Friedhof, und zwar wegen dessen die Stadt überblickender Lage an einem Hang gleich außerhalb des Stadtzentrums, nicht weit vom Hafen entfernt, aber auch wegen eines generellen Interesses an diesen Gärten letzter Ruhestätten. Dieser ist allerdings kein Garten, sondern besteht fast durchweg aus Stein und Mauerwerk. Interessant ist er trotzdem: Anscheinend aus Platzmangel werden mehrere Gräber übereinander gestapelt. Sie sehen wie große Regale aus, die gemauerten oder betonierten Wände, in die die Särge hineingeschoben werden. Bis zu sechs Ebenen zählen diese Mauergräber. Mit Rollen versehene Leitern stehen davor, auf die man hochzuklettern hat, um am Grab des Angehörigen ein paar Blumen anzubringen. Manche der Grabfächer sind noch frei, einstweilen werden sie von Vögeln belegt. Eidechsen huschen über die warmen Steine.
Aber jetzt ist es an der Zeit, mich in die Natur zu begeben, auf den Weg zum Geophysikalischen Observatorium an der Südspitze der Insel. Ein Fehler im Reiseführer, ein kleines „rechts“ wo „links“ hätte stehen sollen, führt mich auf immer schmaleren und steileren Pfaden in die Wildnis. Meine Bewunderung für diesen abgeschiedenen Wandervorschlag wird noch übertroffen von der grünen Natur und dem wunderbaren Blick zurück auf die Bucht von Lipari sowie die von dem Burgberg dominierte Stadt. Das Meer ist so dunkelblau, wie man es als Kind gemalt hat und wie an Nord- oder Ostsee lebende Menschen sich dies nie vorstellen könnten. Mein Spaziergang nimmt erst ein vorläufiges Ende als ich mir an einer mit Kakteen bewachsenen, unüberwindbaren Felswand endgültig eingestehen muß, nicht auf dem rechten Weg zu sein. Zum Glück steht gerade hier ein verlassenes und verfallendes Bauernhaus, auf dessen Terrasse ich zwei zuvor erworbene Arancini, eine mit Reis, Erbsen und Hackfleisch gefüllte und dann frittierte, sattmachende sizilianische Köstlichkeit, verspeise. Ich verweile und genieße die Abgeschiedenheit, aber schließlich muß ich doch den Weg zurück einschlagen. Nun nehme ich sicherheitshalber den Weg über die Straße zum Observatorium. Weniger schön, aber dafür zielführend.
Das Observatorium liegt zwar nur auf maximal 400 Meter Höhe, aber von Meereshöhe aus sind das eben auch 400 zu überwindende Höhenmeter. Als ich endlich ankomme, bin ich kaputt, erschöpft und durstig. Die Straße endet am Observatorium, aber ein Weg geht weiter durchs Gestrüpp bis ganz an die Küste. Der Ausblick ist fantastisch! Von hoch oben blickt man auf die Nachbarinsel Vulcano sowie auf deren Halbinsel Vulcanello, beide geformt von deutlich erkennbaren Kratern. Aus dem größeren Krater tritt Rauch aus, nicht nur aus dem Kraterschlund, sondern auch aus Spalten im Berg. Bis auf den großen Krater selbst ist Vulcano jedoch erstaunlich grün. Mit seiner steilen Küste, den zerklüfteten vom Vulkan aufgeworfenen und im Meer erstarrten Felsformationen sieht die Insel aus wie gemacht für Abenteuerfilme.
Eigentlich wollte ich hier nur so lange verweilen, daß ich noch vor der Dunkelheit in Lipari zurück bin. Ich schätze den Rückweg auf zwei Stunden, sollte also bald los. Aber es ist zu schön. Ein paradiesischer Ort. Ich bleibe also und klettere auf den Klippen herum, aufgeputscht und energiegeladen von Landschaft und Ausblick. Erst eine im Fels eingelassene Steintafel, die an drei im Sommer hier verunglückte Kletterer erinnert, bringt mich wieder zur Besinnung.
Das Problem mit dem Rückweg nach Lipari-Stadt löst sich von selbst. Beim Observatorium steht mittlerweile ein Auto mit drei Jugendlichen, die hier anscheinend auch den Sonnenuntergang (und vielleicht noch etwas anderes) genießen wollen. Obwohl sie mit all ihren Musikinstrumenten eigentlich keinen Platz mehr in ihrem Wagen haben, nehmen sie mich mit und fahren mich bis zum Hafen von Lipari.
Zu einem der Häfen von Lipari sollte ich schreiben, denn obwohl die Stadt klein ist, hat sie derer gleich drei. Marina Corta ist der südlichste und der hübscheste von ihnen, nicht ausgelegt für die großen Fährschiffe, sondern für die jetzt im Winter eingemotteten Ausflugsboote und ein paar Fischerboote. Den pittoresken Hafen schmücken eine Brücke, die Statue des Inselpatrons San Bartolomeo, auf den mich mehrere Inselbewohner stolz hinweisen, und gleich zwei Kirchen, eine davon in der Mitte des Hafens auf einer der Kaimauern. Man kann also direkt vom Boot in die Kirche steigen, was entweder praktisch für Fischer oder romantisch für Brautpaare ist. Durch die Beleuchtung des Hafens und die kleine Brücke fühle ich mich an Venedig erinnert.
Als ich noch eine BahnCard 100 hatte, war ich viel im Zug unterwegs. In ganz Deutschland. Es war die beste Möglichkeit, zu all den Gerichtsterminen und Vorträgen in Städte zu gelangen, von denen ich vorher nie gehört hatte, die ich ohne berufliche Notwendigkeit nie besucht hätte und die ich mittlerweile meist wieder vergessen habe. Auf diesen Reisen habe ich viel über Deutschland gelernt, sowohl im direkten Dialog mit redseligen Rentnern und wissbegierigen Studenten als auch beim Belauschen der Unterhaltungen von Fußballfans und Soldaten, die an jedem Wochenende quer durch die Republik düsen (müssen).
Besonders viel gelernt habe ich dabei leider auch über den Rassismus in Deutschland, vor allem den von staatlicher Seite. Sowohl in den Zügen als auch auf den Bahnhöfen patrouilliert die Bundespolizei und erschreckt nichtsahnende Reisende mit dem Ruf „Personenkontrolle!“, der nur nach einem fragenden Blick des Betroffenen um die Aufforderung „Ausweispapiere bitte“ ergänzt wird.
Mir selbst ist das natürlich nie passiert, denn ich bin weiß, trug meist einen Anzug und las die Süddeutsche Zeitung, Die Zeit oder die NJW. Kontrolliert wurden immer Menschen mit dunklerer Hautfarbe oder mit Rastahaaren, mit Bart oder mit Kopftuch. Bei einer dieser Gelegenheiten saß ich im ICE gegenüber einem iranischen Ingenieur, der mir freundliche Tips für meine bevorstehende Iran-Reise gab. Als wir von der Bundespolizei rüde unterbrochen wurden, zückte auch ich meinen Reisepass, um den Polizisten die Möglichkeit zu geben, die Personenkontrolle weniger diskriminierend erscheinen zu lassen als sie war. Daran zeigten die Vertreter der Exekutive jedoch genauso wenig Interesse wie an anderen Grundregeln der Höflichkeit. Ich schämte mich; zuerst über die Beamten und nachträglich darüber, daß ich mich nicht getraut hatte, etwas zu sagen.
Einzelfälle? Bei weitem nicht! Obwohl das OVG Koblenz schon im Oktober 2012 diese als „Racial Profiling“ bezeichnete Praxis als verfassungswidrig, weil gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz verstoßend, gebrandmarkt hatte, konzentrieren sich deutsche Polizisten weiterhin auf die gleichen Phänotypen, die die Aufmerksamkeit von Neonazis und anderen einer diffusen Idee von Ariertum Verhafteten auf sich ziehen. Jetzt sind erneut zwei Klagen gegen diese diskriminierende Behandlung anhängig, beim VG Köln und beim VG Stuttgart.
Die allein auf der äußeren Erscheinung basierende Personenkontrolle wird nicht nur von den meisten Menschenrechtsorganisationen, der EU-Grundrechteagentur, dem UN-Menschenrechtsausschuss und den Verfassungsgerichten vieler Staaten für menschenrechtswidrig gehalten, sondern sie ist dazu auch noch ziemlich dumm. Dem „Racial Profiling“ liegt das gleiche Stereotyp zugrunde wie dem Polizeiversagen bei den NSU-Morden. Dort war es die Annahme, daß nur Türken andere Türken töten; hier ist es die Annahme, daß Menschen mit dunklerer Haut keine Deutschen oder keine EU-Bürger sein können und daß Weiße nie gegen das Aufenthaltsgesetz verstoßen. Dabei kann der Schwarze ein Deutscher oder Franzose sein und der Weiße ein Australier oder ein Russe, dessen Visum längst abgelaufen ist. So etwas sollte man im Jahr 2013 niemandem mehr erklären müssen. Sehen die Polizisten denn keine Fussballspiele unserer Nationalmannschaft?
Als Jurist könnte ich mich zurücklehnen und einfach abwarten, bis in ein paar Jahren das Bundesverfassungsgericht entscheiden wird. Als Bürger wünsche ich mir aber Polizisten, Innenminister und Abgeordnete, die auch ohne Hinweise aus Karlsruhe darauf kommen, daß es keine gute Politik ist, einen Teil der Bevölkerung öffentlich zu stigmatisieren und ohne Anlass wie Kriminelle zu behandeln. Spätestens wenn man eine deutsche Übersetzung für den Begriff „Racial Profiling“ sucht, muss jedem klar werden, daß die „rassenbezogene Selektion“ eine Schande für Deutschland ist.
Die Medien sind voll mit Geschichten über eine chinesische Mondlandung.
Ich kann jedoch exklusiv vermelden, daß diese Nachrichten reiner Schwindel und Humbug sind. Letzte Nacht, als der Mond hell und groß im Himmel über Italien stand, schlich ich mich raus und machte das folgende Foto (zum Vergrößern zweimal klicken), während ich mich vor chinesischen Agenten verstecken mußte, die mich an der Aufdeckung der Wahrheit zu hindern versuchten.
Sehen Sie ein Raumschiff? Ein Mondfahrzeug? Eine chinesische Flagge? Nein. Ich auch nicht. Gehen sie heute Nacht raus und sehen Sie selbst, ob Sie Anzeichen einer Mondlandung finden. Ich wette, Sie werden keine erkennen können. Aber wenigstens werden Sie mal einen Blick auf unseren wunderschönen Erdtrabanten werfen.
(Das Foto wurde mit einer Nikon Coolpix L120 aufgenommen und zwar ohne Stativ, dafür aber mit der ruhigen Hand eines Scharfschützen. – This exclusive scoop is of course also available in English.)
Seit gestern ist der Ätna in Sizilien wieder aktiv. Der Vulkan speit so viel Lava und Asche, daß der Flughafen in Catania seinen Betrieb suspendieren mußte.
(Fotografiert am 15. Dezember 2013 auf dem Weg nach Caltagirone.)
Die bis dahin außerhalb von Fachkreisen unbekannte Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) bekommt den Friedensnobelpreis verliehen, freut sich über die kostenlose Publicity, die alle bisherigen Imagekampagnen an Wirksamkeit übersteigt, und ist angesichts des Preisgeldes von 900.000 Euro erleichtert, endlich die noch offenen Rechnungen für die vorgenannten Kampagnen bezahlen zu können.
Der Generaldirektor der OPCW, Ahmet Üzümcü, ist sich bei der Entgegennahme des Preises nicht der Ironie dahinter bewußt, daß seine Organisation gerade dieses Jahr für den Nobelpreis auserkoren wurde, weil in Syrien ein Diktator unbehelligt vom Rest der Welt einen Teil seiner Bevölkerung vergast. Mit eben jenen chemischen Waffen, deren Verbot und Vernichtung sich die OPCW zur Aufgabe gesetzt hat. Selbst Üzümcü kann jedoch eine gewisse Überraschung darüber nicht verhehlen, daß nach Europäischer Union, dem Weltklimarat IPCC, der IAEO und der UNO schon wieder eine finanziell gut ausgestattete internationale Organisation dafür belohnt wird, daß sie und ihre gut bezahlten Mitarbeiter ihrer Arbeit nachgehen – noch dazu oft ohne Erfolg. In diesem Moment ist Üzümcü aber nur froh darüber, daß die Preisverleihung an einem Dienstag stattfindet, so daß er kein Wochenende dafür opfern muß.
10. Dezember 2013, Birmingham, Großbritannien:
„Was muß man eigentlich noch machen, außer sich von den Taliban in den Kopf schießen zu lassen?“ fragt sich ein 16-jähriges Mädchen in Birmingham, das sein Unverständnis und seine Enttäuschung nur hinter ihrem ewigen Lächeln verbergen kann. Das Verbergen ihrer Gefühle gelingt nicht gegenüber ihrem Vater, der ihre Hand nimmt und tröstend sagt: „Vielleicht klappt es nächstes Jahr.“
„Bullshit! Die finden auch dann wieder eine Organisation von Sesselfurzern,“ denkt sich Malala Yousafzai, sagt aber nur: „Ja, vielleicht im nächsten Jahr.“ Wenigstens verkauft sich ihr Buch gut.
10. Dezember 2013, Tschernogolovka, Russland:
Seit Wochen ist das Thermometer nicht mehr spürbar über den Gefrierpunkt gekrochen. Ein Wohnblock sieht aus wie der andere: grau, groß, häßlich. Es ist gut, außerhalb von Moskau zu sein, aber 40 Kilometer sind nicht genug, um diesem Moloch von Stadt zu entkommen. Vielleicht kann man sich an all dies gewöhnen, aber für jemanden, der den letzten Winter in Hawaii verbracht hat, ist das die Hölle in kalt.
Er hat durch seine Enthüllungen nicht nur einer, sondern unzähliger Spionageaffären seine Freiheit, sein bisheriges Leben und seine Freundin verloren. Er sitzt in Russland fest. In den Abendnachrichten sieht er bei der Nobelpreisverleihung die Repräsentanten all der Staaten, die seine Asylgesuche abgelehnt, ja zumeist einfach nur ignoriert haben. Da sitzen sie und klatschen und feiern, während er friert und verzweifelt. „Ja, das war es wert,“ wird Edward Snowden weiterhin sagen, wenn er gefragt werden wird, aber so sicher ist er sich nicht mehr.
10. Dezember 2013, Jinzhou, China:
Der Friedensnobelpreisträger von 2010 sitzt in einer Zelle im Gefängnis von Jinzhou und bekommt von alledem nichts mit. Niemand kümmert sich um ihn, weder das Nobelpreiskomitee, das damit den Preis zur Farce verkommen läßt, noch die vorhergehenden oder nachfolgenden Preisträger.
„Jeder Besuch meiner Frau wäre mir lieber als dieser verdammte Preis,“ denkt sich Liu Xiaobo und befürchtet, daß ihn das gleiche Schicksal wie Carl von Ossietzky ereilen wird, der auch nach seinem Friedensnobelpreis von 1935 von den Nazis bis zu seinem Tod in Haft gehalten wurde. Liu versucht nachzudenken, wann dieser Preis zuletzt wirklich etwas bewirkt hat, aber der Schlaf übermannt seinen geschwächten Körper.