Blogger schreiben nicht deshalb nicht, weil ihnen nichts einfällt. Wenn dem so wäre, wären sie nie auf die Idee verfallen, die nichtsahnend durchs Internet streunende Restbevölkerung mit ihren ungefragt geäußerten Gedanken zu behelligen. Sie schreiben deshalb nicht, weil sie keine Zeit, keine Ruhe oder kein Geld haben. Der Mangel an letzterem führt nämlich dazu, seine Zeit anderweitig verkaufen zu müssen und statt für den Bachmannpreis für querulatorische Mandanten schreiben zu müssen.
Wenn Schreibende der nicht fest bezahlten Art sich treffen, fällt früher oder später der Satz „Man müsste mal ein halbes Jahr im Gefängnis sitzen, um ungestört schreiben zu können.“ Als jemand, der tatsächlich schon in einer dieser Einrichtungen war – wenn auch nur eine Woche, in der ich außerhalb der Verhöre keinen Zugang zu Papier und Stift hatte, und die Zeit deshalb nicht dergestalt nutzen konnte -, fand ich das immer etwas unangemessen.
Aber Rumänien hat diesen Schriftstellertraum wahrgemacht und gibt sogar noch Anreize zu sich schriftlich äußernder Kreativität. Wer in rumänischen Gefängnissen einsitzt, kann seine Haftzeit verkürzen indem er schreibt und publiziert. 30 Tage Haftverschonung pro wissenschaftlicher Arbeit. Und die Gefangenen schreiben tatsächlich. Im Jahr 2014 wurden 76 Bücher von Inhaftierten veröffentlicht, oftmals mehrere vom gleichen Autor. Plötzlich werden die Betrüger, Geldwäscher, Bestecher und Bestochene also kreativ.
Wenn Betrüger kreativ werden, geht das aber erwartungsgemäß über das eigentliche Schreiben hinaus. Wie schon bei der Anfertigung ihrer Diplom- und Doktorarbeiten heuern sie Ghostwriter an, die Monat für Monat ein Buch raushauen. Auf Qualität kommt es dabei übrigens gar nicht an, denn es zählen nur Umfang und Anzahl der Veröffentlichungen. Der Inhalt wird nicht kontrolliert. So verwundert es nicht, dass hauptsächlich Politiker und Manager, die in Rumänien zuhauf – aber immer noch nicht ausreichend – im Gefängnis sitzen, von dieser Möglichkeit Gebrauch machen. Sie haben das Geld, um „wissenschaftliche Mitarbeiter“ zu beschäftigen. Ein Teil der anderen Gefangenen kann hingegen nicht einmal richtig lesen und schreiben.
Bei aller Kritik an diesem ungerechten System: Anders als unter Ceausescu wandern heute wenigstens nicht mehr die Schriftsteller ins Gefängnis, sondern Kriminelle kommen als Schriftsteller aus dem Gefängnis. Und vielleicht ist ja doch einmal ein gutes Buch dabei. Rumänien bringt nämlich literarische Talente aus den unerwartetsten Ecken hervor, wie der frühere Wirtschaftsminister Varujan Vosganian mit seinem Buch des Flüsterns bewiesen hat.
Ich schreibe diese Zeilen im Park in der Bolyai-Straße vor dem Gefängnis in Targu Mures, habe aber nicht genug Kreativität, um mir eine Straftat auszudenken, die ich spontan begehen könnte, die niemandem wirklich schadet, die bei meinem lausigen Vorstrafenregister schon zu einer Haft- anstatt einer Geld-, jedoch noch nicht zur Todesstrafe führt. Etwas Besonderes sollte es auch noch sein, denn genauso wenig wie man eine langweilige Schnulze hinrotzen will, möchte man eine Allerweltsstraftat begehen. In die Abendnachrichten oder das rumänische Äquivalent der NStZ sollte ich es schon schaffen. Zu Weihnachten wünsche ich mir ein rumänisches Strafgesetzbuch, um meine Kreativität anzuregen.
Keine Sorge: Wenn Ihr diesen Blog abonniert habt, müsst Ihr nichts umstellen. Wenn Ihr Links auf meine Seiten gesetzt oder gespeichert habt, müsst Ihr nichts ändern.
Aber dank einer kürzeren und prägnanteren Domain ist es jetzt einfacher, sich die Adresse meines Blogs zu merken – und sie Euren Freunden zur Lektüre zu empfehlen:
Falls Ihr den Blog noch nicht abonniert habt, kann ich das nur eindringlich empfehlen. Es ist kostenlos, und Ihr könnt das Abo jederzeit beenden. Anders als bei Facebook oder Twitter steht dann kein bösartiger Algorithmus mehr zwischen meinem Schreiben und Eurem Lesen. Benutzt dazu den RSS-Reader Eurer Wahl oder klickt hier
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Darüberhinaus gibt es noch meinen englischsprachigen Blog, ab jetzt unter www.andreasmoser.blog. Leicht zu merken: Deutsch mit Bindestrich, Englisch ohne Bindestrich. Die Themen dort sind im wesentlich die gleichen wie auf dem deutschen Blog, so dass sich die Doppellektüre nicht lohnt. Nur wenn z.B. in den USA Wahlen sind, schreibe ich dort mehr. Und Kurzgeschichten schreibe ich komischerweise lieber auf Englisch.
Wenn Ihr – wie ich – der Meinung seid, ich schreibe nicht genug und nicht schnell genug, dann nehmt Euch doch einfach mal die Hunderte von Beiträgen aus den vergangenen Jahren vor. Da gibt es genug Stoff für eine ganze Woche. Man wünscht sich fast ein gebrochenes Bein, um für die Lektüre eine Woche im Bett liegen zu können.
Falls hier noch ein Jurist mit Interesse an Rechtsgeschichte mitliest, die BBC offeriert einen Podcast über den Corpus Iuris Civilis.
Nachdem seit kurzem die abgehobenen Eliten an allem schuld sind, wählen wegen des vorangegangenen Hinweises zehn Sachsen mehr die AfD, einer davon allein weil ich nach „wegen“ den Genitiv setze.
Vor 100 Jahren starb Jack London. Bei allen Nachrufen fehlt mir der Hinweis auf sein bestes Buch, Martin Eden. Mich macht es immer fuchsteufelswild, wenn Jack London auf Abenteuerromane reduziert wird. Martin Eden ist ein Entwicklungsroman im besten Sinne, der den Aufstieg eines Matrosen zum Schriftsteller und damit einhergehend seine Entfremdung von der Arbeiterklasse sowie seinen schwindenden Respekt vor der Oberschicht beschreibt, bis er sich am Ende zwischen allen Stühlen befindet, missverstanden selbst von Freunden und Familie. „Ich verstehe Dich ganz genau, Martin“ wollte ich ihm bei der Lektüre immer wieder zurufen. Eines der wenigen Bücher, das ich mehrmals gelesen habe. Empfehlenswert insbesondere für Schreibende.
Interessant ist, dass Martin Eden in anderen Sprachräumen, insbesondere im russischen und im türkischen weit bekannter ist als im englischen oder deutschen. Als ich in einer Buchhandlung in Tirana in Albanien war, kaufte ein junges Paar vor mir Martin Iden, wie er auf albanisch heißt. Ich beglückwünschte die beiden herzlich zu der Entscheidung und sah sie später auf den Stufen vor dem Theater sitzen, gemeinsam in den Roman vertieft.
Ich selbst ging mit einem Arm voller Romane von Ismail Kadare aus der Buchhandlung. Die Akte H. war das beste Buch.
Albanien ist übrigens eines jener Länder, das touristisch und kulturell vollkommen unterschätzt wird. Ich würde gerne mal ein paar Monate dort verbringen.
Als ich am Abend mit Zeitung und Zigarre ebenfalls auf den Stufen vor dem Theater saß, wurde plötzlich die Straße und der ganze Platz abgesperrt. Weil ich mit khakifarbener Hose und blauem Hemd aber irgenwie offiziell aussah, bat mich keiner der Polizisten, aufzustehen und zu gehen. Dann düste eine gepanzerte Wagenkolonne mit US-Flagge vorbei. Es war aber nur Victoria Nuland, die stellvertretende amerikanische Außenministerin, nicht Präsident Obama.
Barack Obama habe ich allerdings auch zweimal gesehen, einmal in Berlin und einmal in Prag.
Mannomann, ich bin schlimmer als Peter Scholl-Latour mit seinen ganzen Anekdoten. Deshalb mache ich jetzt mal einen Punkt. Wenn ich etwas erzählen will, dann sollte ich mich hinsetzen und ein Buch schreiben. Jack London war in meinem Alter schon tot.
Mein Blog ist im Iran übrigens noch immer zensiert. Wenn man ihn aufruft, erscheint der hilfreiche Hinweis der Islamischen Republik auf angeblich interessantere und nützlichere Seiten. Zensur mit Service.
Buchbesprechungen auf YouTube sind meistens nervend langatmig.
Ich sag’s ja jedem, der es hören will oder nicht, wie schön Rumänien ist. Und jetzt lese ich, dass Rumänien das zweitbeliebteste Land bei Auswanderern aus Deutschland ist. Bei so Ausreißern in Statistiken bin ich allerdings immer skeptisch. Vielleicht bedeutet das nur, dass es den vorher nach Deutschland eingewanderten Rumänen nicht mehr gefällt und sie wieder zurückziehen.
Übrigens dürfte die Zahl der Auswanderer in deutschen Statistiken viel zu niedrig angesetzt sein. Allein ich kenne Dutzende von Auswanderern persönlich, die sich niemals abgemeldet haben, zum Teil aus Faulheit, zum Teil wegen Krankenversicherung, Gewerbeanmeldung u.s.w. Viele Deutsche glauben auch irrig, dass man irgendwo gemeldet sein müsse. Es ist komisch, wie sich ein einfaches Gesetz wie das Meldegesetz so ins nationale Bewusstsein einprägt, dass mir (immerhin Jurist) kaum jemand glaubt, dass es außerhalb Deutschlands nicht gilt.
Dass einem Leute nichts glauben, solange man ihnen keine saftige Rechnung präsentiert, ist allerdings ein generelles Problem.
Ich finde es nicht besonders nett von Germanwatch, einen peruanischen Bauern zu einer aussichtslosen Klage gegen RWE anzustiften. Im US-amerikanischen Recht gäbe es die Haftung nach Marktanteilen; ein interessantes Konzept. Umweltschäden wie der globale Klimawandel sind aber für jedes Zivilrechtssystem zu kompliziert.
Die Geschichte der aus Timbuktu geretten Manuskripte ist nicht neu, aber durch das Urteil des IStGH gegen Ahmad Al-Mahdi kam sie mir wieder in Erinnerung.
Zum Abschluss ein Foto des Schlosses Peleş, damit jeder versteht, warum ich mich selbst im Sommer auf der Südhalbkugel nach dem rumänischen Winter sehne.
Während meines Besuchs wurde die Osterinsel von der französischen Fregatte Prairial beschützt. Das bedeutete nicht nur, dass sich in jener Woche die Drogenschmuggler fern hielten (die Prairial hatte gerade erst einen Fang von 680 kg Kokain gemacht), sondern bot einen besonders idyllischen Anblick.
Die Osterinsel ist der perfekte Ort, wenn man schlank und fit werden will. Das Essen ist so teuer, dass man sich ganz automatisch auf Diät setzt. Mangels Bussen muss man überallhin gehen/laufen/radfahren (allerdings nie lange, denn meist hält ein Autofahrer an und nimmt einen mit).
Zudem gibt es diese Fitnessparks in der Nähe des Ortes Hanga Roa. Mit so einer Aussicht macht das Training Spaß.
Da ich jeden Tag von früh bis spät wanderte und radelte, hatte ich weder die Möglichkeit noch die Notwendigkeit, einen der Fitnessparks zu nutzen. Wenn ich auf der Osterinsel leben würde, könntet Ihr mich aber relativ oft dort antreffen.
Diesen Spielplatz habe ich aber für ein Nickerchen genutzt.
Jeder kennt das: Man sitzt gerade bei McDonald’s oder sucht in der Stadtbibliothek nach dem neuen Roman von Karl May. Man hastet dem Bus mit der Nummer 5B hinterher oder spaziert ein weiteres Mal langsam durch den Park, um den Gang zum Zahnarzt aufzuschieben.
Genau dann, wenn man es weder erwartet noch wirklich brauchen kann, ruft der Muezzin. Auf zum Gebet! Fünf Mal am Tag. Ganz schön anstrengend, dieser Religionszirkus.
Also schnell den Teppich ausrollen und beten. Aber immer Richtung Mekka, sonst kann Gott einen nicht hören. Er kann ja nicht überall sein, oder?
Jetzt fängt das Problem an: Wo liegt nochmal dieses Mekka? Hm, da war doch Wüste, oder nicht? Also südlich von hier. Aber wo ist Süden? Schon wieder den Kompass vergessen (nur Pfadfinder können aus dem Stand der Sonne und der Uhrzeit Süden bestimmen). Wenn andere auch beten, macht man es einfach denen nach. Dabei gibt es keine Garantie, daß sich der Vorbetende nicht vertan hat und die ganze Kongregation nichtsahnend Richtung Wladiwostok betet. Das erklärt, warum täglich Millionen von Gebeten ungehört und unbeantwortet bleiben.
Im Iran, schon immer ein Vorreiter der Technik (Schach, Postwesen, Weltraumprogramm für Tiere), entdeckte ich eine Lösung für dieses Problem: Im Hotelzimmer war an der Decke ein die nach Mekka einzuschlagende Richtung andeutender Pfeil.
Bitte dreht Euren Bildschirm in Richtung Mekka.
Da der Pfeil an der Decke anstatt auf dem Teppich angebracht war, konnte ich sogar beten, während ich entspannt auf dem Bett lag. Sehr praktisch!
Praktische Hinweise:
Das Foto enstand während meiner ersten Iran-Reise im Hotel Eram in Shiraz. Gutes Hotel, zentral gelegen.
In der Teestube ums Eck nach den „Spezialitäten“ fragen, dann wird man über einen sonst verschlossenen Aufgang in den zweiten Stock zu den zugekifften und vor der Eheschließung händchenhaltenden Gästen geführt. Eine zwischen 70 und 80 Jahre alte Frau schnorrte mich erfolgreich um eine Zigarre an, aber ihr Enkel brachte sie mit wortreichen Entschuldigungen zurück. Ich bestand auf der Spende. Taarof.
Dieses Buch ist mehr als ein Buch über den NSU. Es ist ein Buch über die politische Kultur in Deutschland, die Gewaltbereitschaft und die staatlichen Verbindungen zu Rechtsextremen. Wenn man so etwas über ein anderes Land lesen würde, gäbe es eine Reisewarnung des Auswärtigen Amtes.
Kein Verlag würde dieses Buch als Manuskript für einen Thriller annehmen. Die Geschichte ist einfach zu unglaublich. Selbst als Sachbuch ist es zum Teil schwer zu glauben. Immer wieder habe ich Aussagen anhand anderer Quellen überprüft, weil ich fassungslos war. Zum Glück gab es etliche Untersuchungsausschüsse, die insbesondere die staatliche Rolle bei den Morden der Rechtsterroristen untersuchten.
Gerade in Westdeutschland machen wir es uns manchmal zu einfach, den Rechtsextremismus mit der Wiedervereinigung 1990 und den Wendeverlierern im Osten zu erklären. Die erste Leistung von Stefan Aust und Dirk Laabs besteht darin, den NSU nicht im luftleeren Raum sondern auf lange fruchtbarem braunen Boden entstehen zu lassen. Auch vor 1990 gab es Rechtsextreme, schon vor 1990 mordeten sie, und zwar beiderseits der deutsch-deutschen Grenze. Wenn man liest, was sich schon seit den 1970ern (S. 83) an Rechtsterroristen in Deutschland tummelte, fragt man sich, wieso man in der Zeit immer nur RAF-Fahndungsplakate sah. Das Staatsversagen gegen Rechtsextreme hat Tradition.
Es wird ein Deutschland geschildert, das einen an den Roman Das Spinnennetz von Joseph Roth aus der Weimarer Republik erinnert: Politische Gewalt und Kriminalität gehen Hand in Hand. Bürger in Deutschland sammeln in ihrem Dorf offen Geld für einen Skinhead, um ein Asylbewerberheim abzubrennen. (S. 316). Allein zwischen August und Dezember 1980 bringen deutsche Neonazis 18 Menschen um (S. 87). Zwei Anschläge, auf dem Oktoberfest und an der Schweizer Grenze, waren Selbstmordattentate, die also beileibe keine Erfindung von Al-Qaida sind. Schon 1997 verwendeten Rechtsradikale den Begriff „als Märtyrer sterben“ (S. 218), lange vor den Dschihadisten. Der Spiegel betitelte ebenfalls 1997 einen Artikel über Neonazis mit „Lebende Zeitbomben“. Wer ihn heute liest, erkennt darin die Vorhersage des Entstehens des NSU, und zwar, wie tatsächlich eingetroffen, in Thüringen. Verbindungen in den Nahen Osten gab es allerdings auch: Einige Neonazis ließen sich bei der palästinensischen Fatah im Libanon ausbilden.
Der erste NSU-Mord findet erst auf Seite 450 statt. Bis dahin schildern die Autoren den sogenannten Thüringer Heimatschutz, aus dem der NSU hervorging, sie schildern den kriminellen und rechtsextremen Weg von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, die schon als Jugendliche Einbrüche, Raub, Erpressung, Diebstahl und Körperverletzung begehen und Bomben bauen. Immer wieder treten Verbindungen zu anderen Neonazis zutage. Das Buch macht klar, dass der NSU nicht aus dem Nichts enstand, dass er gut vernetzt war und dass er behördliche Unterstützung genoß. Schon in vorherigen Fällen verdächtigte das Bundeskriminalamt den Verfassungsschutz, seine Kontakte in der Szene über Ermittlungen zu informieren (S. 137). Wenn eine Behörde eine andere Behörde der Strafvereitelung bezichtigt, sollte das ein Weckruf sein. Passiert ist nichts.
Dabei weiß der Verfassungsschutz durchaus, was vor sich geht. 1996 observierte der Bundesverfassungsschutz Thomas Lemke, einen Neonazi, der in dieser Zeit drei Menschen tötete (S. 154). Selbst der NSU ist nicht unbekannt, er fiel schon durch den Bau von Bomben und durch rechtsextreme Straftaten auf. Im August 1999 – vor dem ersten Mordfall – benutzte der Verfassungsschutz intern bereits den Begriff „Rechtsterroristen“ (S. 398). Die Konsequenz des Verfassungsschutzes? Mehr Geld für die Nazis. Der Verfassungsschutz wollte immer mehr V-Leute und finanzierte damit die Neonazis. Ganze Auflagen von rechtsradikalen Musik-CDs wurden mit Geldern des Verfassungsschutzes finanziert. Der Neonazi-Szene war das nicht unbekannt. Sie wußten, dass einige von ihnen mit dem Staat kooperieren müssen. Dafür bekamen sie immer wieder Warnungen vor Hausdurchsuchungen, wobei die Frage offen bleibt, woher der Verfassungsschutz von den von der Polizei geplanten Durchsuchungen erfährt. Ich stelle mir auch die Frage, was das Endziel des Verfassungsschutzes war. Was nützen all die Informationen, wenn man nie handeln will? Das ist eine fast schon psychopathische Sammelwut.
Die Polizei hatte ihre eigenen Probleme. Einige Polizisten, darunter Kollegen der später vom NSU ermordeten Michèle Kiesewetter, waren beim Ku-Klux-Klan (angeworben von einem KKK-Mitglied beim baden-württembergischen Verfassungsschutz). Die Garage, in der der NSU Bomben baute, gehörte einem Kripo-Beamten (S. 257). Uwe Böhnhardt war bei der Durchsuchung zuerst anwesend, fuhr aber im Beisein der Polizei seelenruhig weg (S. 267). Der Fahndungsaufruf wurde gelöscht. Zwei weitere Tage später, als Böhnhardt schon 60 Stunden Vorsprung hatte, erging dann doch ein Haftbefehl. Er wurde die nächsten 13 Jahre nicht gefaßt, obwohl die V-Leute des Verfassungsschutzes wussten, wer mit dem NSU-Trio Kontakt hatte, und obwohl der Kreis ihrer Unterstützer vom Untersuchungsausschuss des Bundestages auf mindestens 100 Personen, viele von ihnen vom Verfassungsschutz überwacht oder bezahlt, geschätzt wurde. Treffend nennen Aust und Laabs das Kapitel über die Flucht „Unter staatlicher Aufsicht“.
Die Flüchtigen kommen bei bekannten, vorbestraften Neonazis unter. Die Polizei findet Adresslisten, darauf die Namen von V-Leuten, inklusive Telefonnummern, die nicht einmal der Polizei bekannt waren (S. 287). Ein BKA-Beamter regt die Überprüfung an. Nichts geschieht. Von Tino Brandt erfährt der Verfassungsschutz, dass sich das NSU-Trio nach einem Wohnmobil umsieht. Bekanntlich ein zutreffender Hinweis. Nichts geschieht. Doch, etwas geschieht: Der Verfassungsschutz warnt die Eltern von Mundlos, mit ihrem Sohn nicht am Telefon zu sprechen, weil dies von der Polizei abgehört würde. Auch mit Familie Böhnhardt trifft sich der Verfassungsschutz regelmäßig (S. 483). Man hat den Eindruck, dass der Verfassungsschutz so gierig nach immer mehr Quellen ist, dass er selbst flüchtige Straftäter noch als V-Leute anwerben möchte.
Im Monat nach der Flucht läßt die Staatsanwaltschaft 50 Aktenordner aus dem Verfahren über den „Thüringer Heimatschutz“, aus dem die NSU-Terroristen hervorgegangen waren, schreddern, obwohl es bald zum Prozess kommen könnte. Die Staatsanwaltschaft begeht den Fehler, immer wieder Einzeltäter zu verfolgen, anstatt die Verfahren zu bündeln, um so die Strukturen und Verflechtungen offenzulegen.
So entspannt sehen Serienmörder auf der Flucht aus.
Auch andere Behörden wußten Bescheid. Jürgen Helbig gesteht gegenüber dem Militärischen Abschirmdienst, dass er als Kurier für den NSU agiert hat, dass er es wieder machen würde und dass er sich an einer gewaltsamen Revolution gegen den Staat beteiligen würde (S. 401). Er gesteht also den Straftatbestand der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. Was passiert? Nichts. Der MAD behält die Informationen für sich, informiert das Landeskriminalamt trotz dessen Anfrage nicht. Helbig bleibt bis zum Ende seines Wehrdienstes bei der Bundeswehr. Die Affinität der Rechtsextremen zur Bundeswehr ist nichts Neues. Ein MAD-Offizier war selbst rechtsextrem. Ein KSK-Soldat plante Anschläge auf deutsche Politiker (S. 446).
Als der NSU im September 2000 in Nürnberg den ersten bekannten Mord begeht, fällt der Verdacht grundlos auf die Familie des Opfers. Ein Fehler, der sich durch die ganze Mordserie ziehen wird. Auch die Medien haben sich in den folgenden Jahren durch die Begriffswahl „Döner-Morde“ blamiert. Nur der damalige bayerische Innenminister Günther Beckstein hielt schon früh einen ausländerfeindlichen Hintergrund für möglich. Die Polizei, ihrerseits nicht immun gegen institutionellen Rassismus (S. 612 und 694), betreibt im Rahmen der Ermittlungen sogar zwei Dönerstände in der Hoffnung, von imaginären aber natürlich ausländischen Kriminellen bedroht zu werden. Die einzige Bedrohung ist eine ausländerfeindliche, zynischerweise mit Verweis auf die Česká -Mordserie (alle Morde der NSU wurden mit der gleichen Pistole der Marke Česká begangen). Währenddessen feiern Neonazi-Bands die „Dönerkiller“ (S. 759), ein weiterer Beleg dafür, dass die Taten des NSU in der Szene durchaus bekannt waren. Eine Fallanalyse der bayerischen Polizei aus dem Jahr 2006 ging endlich von rechtsextremen Tätern aus. Das BKA hielt dies für abwegig und forderte ein Gegengutachten an.
Im Verhältnis zwischen Verfassungsschutzämtern und Polizei ist unbestritten, dass die Aufklärung der Morde Aufgabe der Polizei gewesen wäre und dass sich diese nicht immer ruhmreich angestellt hat. So weist ein LKA-Präsident einen Polizisten an, „ein bisschen zu ermitteln aber nichts zu finden“, nachdem der flüchtige Böhnhardt gesichtet wurde. Aber es war eindeutig der Verfassungsschutz, der das größere Wissen und den direkten Zugriff auf das Netzwerk der NSU-Unterstützer hatte (S. 416), dieses Wissen nicht mit der Polizei teilte und im Gegenteil die Neonazis weiter beschützte. Dass der Verfassungsschutz deshalb die größte Kritik abbekommt, ist absolut gerechtfertigt. Er war nicht nur nicht kooperativ, sondern behinderte die Ermittlungen aktiv. Der Verfassungschutz verbrachte V-Leute ins Ausland, bezahlte Anwälte für Neonazis, vernichtete 310 Aktenordner, darunter Abhörprotokolle von Beschuldigten im NSU-Verfahren. Um Spuren zu verwischen, wurde die Vernichtung sogar zurückdatiert.
Symptomatisch für die verdächtigen Verwicklungen des Verfassungsschutzes ist Andreas Temme. Der Beamte des hessischen Verfassungsschutzes war am 6. April 2006 in Kassel im Internetcafé von Halit Yozgat, und zwar genau zu dem Zeitpunkt als Yozgat von Mundlos und Böhnhardt erschossen wurde. Temme hatte Büro und Wohnung in Kassel, hatte also eigentlich keine Notwendigkeit, ein Internetcafé aufzusuchen. Temme war nur 11 Minuten in dem Internetcafé, und genau in dieser Zeit geschieht der Mord. Sekunden nach dem Mord verläßt Temme den Laden. Temme behauptet, nichts davon mitbekommen zu haben, dass der Inhaber erschossen wurde. Merkt man nichts, wenn man für die Internetnutzung zahlen will und der Inhaber des Cafés in einer Blutlache liegt? Und wieso störte es die NSU-Mörder nicht, dass ein Zeuge im Internetcafé saß? Kurz vor und nach dem Mord telefonierte Temme mit dem Neonazi Benjamin Gärtner.
Er telefonierte auch mit einem Vorgesetzten beim hessischen Verfassungsschutz. Aus diesem abgehörten Gespräch (das in der ursprünglichen Niederschrift der Polizei um die brisanten Aussagen gekürzt wurde) geht hervor, dass Temme vorab von dem Mord wusste. Zitat des Geheimdienstbeauftragten Gerald-Hasso Hess zu Temme: „Ich sage ja jedem: Wenn er weiß, dass irgendwo so etwas passiert, dann bitte nicht vorbeifahren.“ Das Problem war also nicht der geplante Mord, nicht die Verstrickung des Verfassungsschutzes, nicht die Vertuschung, sondern das Problem war, dass sich ein Beamter den Mord selbst live ansehen wollte. Die Aussage von Hess läßt darauf schließen, dass dies keine einmalige Angelegenheit war.
Die Hausdurchsuchung bei Temme förderte vier Waffen, Drogen, Bücher über Serienmorde und originäre NS-Literatur zutage. Letztere wird während der Ermittlungen ohne Anfertigung von Kopien vernichtet. Als die Polizei die von Temme geführten V-Leute in der Neonazi-Szene befragen will, lehnt der hessische Verfassungsschutz dies ab. Es handle sich „nur um ein Tötungsdelikt“ (S. 655), das rechtfertige nicht die Aufhebung der Geheimhaltung. Der Generalstaatsanwalt und der damalige Innenminister Volker Bouffier decken den Verfassungsschutz.
Wer mehr über nur diesen einen Morfall aus der Serie erfahren – und dabei den Glauben an den Rechtsstaat verlieren – will, kann diesen Artikel lesen. Andreas Temme ist noch immer Beamter im Dienste des Landes Hessen. Ach, noch etwas Unglaubliches: Im rechtsmedizinischen Institut entwendete ein Assistent das Mobiltelefon des toten Yozgat und tauschte die SIM-Karte aus. Wieso? Und warum zum Teufel nimmt die Polizei das Mobiltelefon eines Mordopfers nicht an sich, um es zu überprüfen, sondern schickt es ins Leichenschauhaus?
Andreas Temme: „Nein, dass ich als ‚Klein-Adolf‘ bekannt war, hat meiner Karriere nicht geschadet.“
Selbst die Untersuchung des Mordes an der Polizistin Kiesewetter wurde schlampig geführt (S. 703), wobei ein verunreinigtes Wattestäbchen (S. 724) zur nachlässigen Verfolgung anderer Spuren führt, obwohl ihr Onkel Mike Wenzel – ebenfalls Polizist – schon früh einen Zusammenhang zu den „Türkenmorden“ vermutete. Die Verbindungen zwischen Kiesewetter und dem NSU (Opfer und Täter aus Thüringen, Kollegen beim Ku-Klux-Klan, Wenzel bearbeitete als Polizist den Thüringer Heimatschutz, Freundin des Opfers ist Polizistin in Thüringen und unterstützt den NSU, u.s.w.) lassen einen daran zweifeln, dass das Opfer zufällig ausgewählt wurde.
Die Aufklärungsquote bei Mord beträgt in Deutschland um die 95%.Nach der Lektüre dieses Buches liegt der Verdacht nahe, dass an den verbleibenden 5% allesamt Verfassungsschützer beteiligt sind. Auch dem NSU wurde schließlich nicht einer seiner Morde, sondern ein Banküberfall (bei der bevorzugten Geldbeschaffungsmethode waren sich RAF und NSU einig) im November 2011 zum Verhängnis.
Nach 882 spannenden aber beunruhigenden Seiten schreiben Aust und Laabs: „Dieses Buch soll ein Anfang sein.“ Mehr kann es nicht sein, denn noch immer werden weitere erschütternde Details über den NSU und die Verstrickung staatlicher Behörden bekannt.
Auch wenn ein Buch mit Redaktionsschluss April 2014 aufgrund neuer, zusätzlicher Erkenntnisse mittlerweile eine Neuauflage verdient hätte und trotz einiger Flüchtigkeitsfehler lohnt die Lektüre. Man bekommt hier einen Einblick in die gefährliche Parallelgesellschaft der Rechtsextremen, man lernt, wie weit verzweigt und auch international vernetzt die Neonazis sind, wie sie sich finanzieren und – am deprimierendsten – wie stark staatliche Behörden ihre schützende Hand über das alles halten. Geht der Verfassungsschutz mit Islamisten eigentlich genauso um?
Für diejenigen, die keine Zeit zum Lesen haben, hier ein Dokumentarfilm der gleichen Autoren. Natürlich mit weit weniger Details als das Buch, aber dafür bekommt man einen direkteren Eindruck der schrecklichen Gestalten.
Immer wenn ich jemanden sagen höre „ohne Musik kann ich nicht leben“, will ich die Stöpsel aus den Ohren dieser Menschen ziehen und zusehen, wie sie implodieren und verbrennen.
Lieber im Stimmbruch als im Steinbruch.
Eine neue Idee zur Terrorismusbekämpfung: Wieso schnappen wir uns nicht die Hintermänner? Alle Terroristen geben doch zu, dass sie für einen gewissen Herrn Gott arbeiten.
Das stolz vermeldete „ich habe gar keinen Fernseher“ hat keine Bedeutung, wenn man den ganzen Tag im Internet herumhängt.
Wenn Leute Hunger haben und ein Tier schlachten, stört das niemanden. Wenn ich schlafen will und deshalb den kläffenden Hund des Nachbarn töte, werde ich für ein Monster gehalten.
Was ist das beste Buch über die Weimarer Republik? Ich frage für einen amerikanischen Freund.
Für die älteren Leser, die schon über ihren Tod spekulieren, ein hoffnungsvolles Zitat von Alfred Kerr: „Man stirbt einen Tod und weiß nicht welchen, vielleicht ein schmuckes Schlaganfällchen.“
Man kann in Deutschland also Bundespräsident werden, obwohl man Unschuldige in Guantanamo schmoren läßt.
Kaum habe ich mit der Lektüre von Leonardo Sciascias Der Tag der Eule begonnen, schon sehe ich mich nach Sizilien.
Auf die Geschichte über den Obdachlosen haben mir einige Leser geschrieben, dass ich ihnen damit Tränen in die Augen getrieben habe. Das war das beste Kompliment, das ich je für einen meiner Artikel bekommen habe.
Wenn all Deine Träume wahr werden, hast Du nicht groß genug geträumt.
In letzter Zeit hört man vermehrt die Sorge um die angeblich bedrohte „westliche Kultur“. Zum Glück für die ängstlichen Abendländler hat das spanische Verfassungsgericht entschieden, dass unser traditionelles, kulturelles Erbe geschützt ist. Im konkreten Fall ging es um die christlich-abendländische Tradition des Stierkampfes. – Dazu das heutige Video: