Was isst man in Peru?

Meerschweinchen und Katzen. Ehrlich.

Als ich in Peru zum ersten Mal „guinea pig“ angepriesen sah, dachte ich noch, es wäre einer jener lustigen Übersetzungsfehler, die bei Speisekarten immer mal wieder passieren. Aber nein, liebe Kinder, das was Ihr zuhause streichelt und von dem Ihr nicht merkt, wenn es Eure Eltern durch ein neues ersetzt haben nachdem das alte verstorben ist, kommt hier auf den Teller.

Und zwar nicht in irgendeiner bereinigten oder beschönigenden Form, sondern mit Kopf und Klauen.

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Wie Ihr an den Fotos seht, ist das keine Bergbauernmahlzeit für Notfälle. Es sind teure Restaurants, die diese Barbarei anbieten.

Wenn die Meerschweinchen ausgehen, schnappt sich der Koch eine Katze. „Warum nicht eine Kuh?“ fragt Ihr Euch, aber die braucht man in spanischsprachigen Ländern bekanntlich für Stierkämpfe.

Da Katzen eine größere Lobby haben, zerhackt man sie wenigstens bis zur Unkenntlichkeit und macht eine Art Gulasch daraus. Gegrillte Katze gibt es aber angeblich auch.

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Zugegeben, das mit den Katzen ist örtlich und zeitlich begrenzt. Jedes Jahr im September wird das „Festival Comegato“ in Cañete abgehalten. Natürlich, wie alles in Lateinamerika, zu Ehren irgendeiner heiligen Jungfrau.

Aber die Meerschweinchen gibt es immer und überall.

Jetzt aber mal etwas Positives: Rocoto relleno ist, wie ich dachte, gefüllter Paprika, der mit Käse überbacken wird und so ziemlich das schärfste ist, was ich je gegessen habe. Scharf, aber gut. Extrem gut. Das ist zwar auch mit Fleisch gefüllt, aber wenigstens erkennt man keine putzigen Füßchen oder unschuldigen Äuglein.

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Meine Annahme, dass es sich dabei um normale Paprika handelte, wurde durch die gleiche Größe, Farbe und Textur bestätigt. Die Schärfe müsse also von Gewürzen kommen, mutmaßte ich. So kaufte ich am Markt ein Kilo rocoto und bereitete daraus einen Salat zu, den ich reichlich mit Zwiebeln und Pfeffer schärfte. Nur Paprika wäre zwar gesund, aber fad.

Mein Mund explodierte! Das war wie Feuerschlucken. Zuerst dachte ich, dass die Zwiebeln verdammt scharf wären, aber es war der Paprika. Beziehungsweise das paprikaähnliche Gewächs, dessen deutscher Name treffenderweise Baumchili ist, den ich als Europäer natürlich nicht kannte. Bei der Recherche habe ich wieder etwas Neues gelernt. Ihr kennt den Streit darum, was schärfer ist, der unter subjektiven Empfindungen leidet? Die Rettung liegt in der Scoville-Skala, die die Schärfe von Paprikafrüchten mißt. Eine Peperoni liegt zwischen 100 und 500 Scoville-Punkten. Ein Jalapeño, für die meisten Menschen das Limit des Erträglichen, hat schon zwischen 2500 und 8000 Punkte. Und der rocoto, den ich lustig in meinen Salat schnippelte? Zwischen 30.000 und 100.000.

Wenn Ihr in Europa an so ein Gemüse kommt, probiert es mal. Oder, noch besser, bringt es jemandem als Geschenk für die Zubereitung von Salat mit. Das wird ein lustiger Abend! Und wenn peruanische Freunde zu Besuch kommen, versteckt besser das Meerschweinchen.

(To the English version.)

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„Du kannst im Garten parken.“

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Fotografiert in Chisinau, Moldawien.

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Timișoara: Europäische Kulturhauptstadt 2021

Und damit habt Ihr den 371. Grund, endlich mal Rumänien zu besuchen: Timișoara wird eine der Europäischen Kulturhauptstädte 2021. Wie alles im multilingualen Rumänien hat auch Timișoara einen deutschen Namen: Temeschwar, Temeswar oder Temeschburg.

Obwohl ich ein Jahr in Rumänien gewohnt habe, habe ich keine eigene Fotos von Timișoara, wie ich gerade feststelle. Ich habe die Stadt im äußersten Westen Rumäniens nur zweimal auf dem Weg nach und von Belgrad kurz besucht, wollte immer wieder zurückkommen, und habe es dann – hauptsächlich weil Rumänien viel größer ist als ich es mir vorstellte – nie geschafft. Also auch für mich ein Grund, mal wieder nach Rumänien zu fahren.

Das erste Mal kam ich an einem kalten Oktobertag nach einer langen und quälend engen Busfahrt in Timișoara an. Es regnete in Strömen. Ich musste den Nachmittag totschlagen, bis ich abends bei Elena unterkommen konnte, die mir über Couchsurfing eine Übernachtung angeboten hatte. Die Straßen in der ganzen Innenstadt waren aufgerissen für irgendwelche Kanalarbeiten, und im Regen watete ich durch den Schlamm, während mir von Stunde zu Stunde kälter wurde.

Und dennoch gefiel mir die Stadt. Timișoara war mal ungarisch, mal osmanisch, mal österreichisch, für kurze Zeit serbisch gewesen und jetzt natürlich rumänisch. Die Stadtviertel heißen noch immer Josefstadt, Elisabethstadt oder Freidorf. Die Innenstadt ist eine typische Stadt im Habsburgerstil, und lange vor der Krönung als Kulturhauptstadt konnte ich mich an eine Menge Buchläden, Gallerien und ein umfangreiches Theaterprogramm in rumänischer, ungarischer und deutscher Sprache erinnern.

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Der Siegesplatz hingegen wird von rumänischer Architektur, insbesondere der rumänisch-orthodoxen Kathedrale der heiligen drei Hierarchien mit den märchenschlosshaften Türmen, der Handelskammer und dem Nationaltheater dominiert.

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Couchsurfing-Gastgeber sind meist sehr freundlich und hilfsbereit, aber das umfangreiche Essenspaket, das mir Elena am nächsten Morgen mitgab, hatte ich wirklich nicht erwartet. Sie packte mir genug Sandwiches, Obst und Kohlrouladen ein, um während der gesamten Zugfahrt nach Belgrad zu essen, mich dort in einen Park zu setzen um weiterzuessen, und den Rest, den ich in jener Woche unmöglich noch verschlingen konnte, mit einem Obdachlosen zu teilen.

Zwei Wochen später, auf dem Rückweg von Belgrad nach Timișoara traf ich im Zug auf Tyler, einen jungen Mann aus Tennessee in den USA. Er hatte ein Jahr lang wie wild geschuftet, war wieder bei seinen Eltern eingezogen, ging nicht mehr aus, weil er alles für eine einjährige Weltreise sparen wollte. Er wollte über Rumänien und Bulgarien nach Istanbul und war von Europa höchst angetan. „Wenn das so weitergeht wie bisher, kann ich sogar drei Jahre lang reisen. Ich gebe viel weniger Geld aus als geplant, weil ich ständig von Mädchen eingeladen werde, ein paar Wochen in ihrem Strandhaus zu wohnen“, wunderte er sich über kontinentale Gastfreundschaft, und ich brachte es nicht übers Herz, ihm zu sagen, dass das hauptsächlich daran lag, dass er aussah wie Brad Pitt.

Tyler hatte allerdings zuviel Vertrauen in die Pünktlichkeit der rumänischen Bahn, und dachte deshalb, dass einige Minuten Aufenthalt in Timișoara genug wären, um den Nachtzug nach Bukarest zu erwischen. Die rumänische Staatsbahn CFR garantiert jedoch bei jeder Fahrt eine Mindestverspätung von 30% oder 2 Stunden, je nachdem was länger ist. Da ich ihn nicht auf dem Bahnhof erfrieren lassen wollte und da ich zufällig ein Hotelzimmer mit zwei Betten gebucht hatte, nahm ich ihn einfach mit und ließ mir dafür ein Abendessen (wieder Krautrouladen) spendieren. Die ganze Nacht lag ich dann wach und bereute meine Gastfreundschaft, weil Tyler schnarchte wie ein Bär. Aber ich gleite ab in persönliche Anekdoten, wenn ich doch eigentlich über Timișoara schreiben will.

Ich finde die Wahl vor allem deshalb verdient, weil Timișoara in der Geschichte des Falls des Ostblocks eine Rolle spielt, die nur deshalb vergessen wurde, weil 1989 überall auf der Welt so viel passierte, dass niemand den Überblick behielt. Dass die rumänische Revolution im Dezember 1989 in Timișoara begannen, war vielleicht kein Zufall. Dort, an der Westgrenze des Landes, konnte das jugoslawische und ungarische Fernsehen empfangen und von den Angehörigen der serbischen und ungarischen Volksgruppen im Banat verstanden werden. Die Banater Schwaben waren über familiäre Kontakte über das Ende der DDR unterrichtet. Die Berliner Mauer war zu dem Zeitpunkt schon offen, ebenso der Eiserne Vorhang zwischen Ungarn und Österreich. So fügte sich ein Gesamtbild von den Umwälzungen in Osteuropa, das die Rumänen motivierte, mit dem verhassten Diktatorenehepaar Ceaușescu Schluß zu machen. Das wurde dann allerdings blutiger als in allen anderen europäischen Staaten. Zehn Tage lang tobten die Kämpfe.

Vielleicht wie keine andere Stadt ist Timișoara deshalb dazu geeignet, sich der Fortschritte bei der Einigung zwischen Ost und West in Europa bewußt zu werden. Vor 27 Jahren Bürgerkrieg und Massaker, seit 9 Jahren EU-Mitgliedschaft und jetzt eine der Städte Europas mit der niedrigsten Arbeitslosenquote. Hier gedeiht nicht nur die Kultur, sondern auch Unternehmen aus aller Welt siedeln sich an. Der Boom zeigt auch dergestalt Wirkung, dass ich 2014 keine erschwingliche Wohnung in Timișoara fand und stattdessen nach Târgu Mureș ziehen musste.

Die weiteren Kulturhauptstädte 2021 werden noch zu bestimmende Städte in Griechenland und in Montenegro sein (ich hoffe auf Cetinje), so dass sich eine große Balkantour anbietet. Es gibt jedoch keinen Grund, damit noch fünf Jahre zu warten.

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Auf der Suche nach einem großen rumänischen Abenteurer fand ich einen großen rumänischen Abenteurer. Aber einen anderen.

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Als ich nach Rumänien zog, wusste ich, dass das Land einen der größten Reisenden aller Zeiten hervorgebracht hatte. Diese Geschichte handelt davon, wie ich gleichzeitig falsch und richtig lag. (Wenn Ihr die Einleitung überspringen wollt, lest im fünften Absatz weiter.)

Jeder andere Ausländer, der nach Rumänien und insbesondere nach Transsilvanien kommt, nervt die Einheimischen mit Fragen nach Dracula. Ich selbst mache mir nichts aus Vampiren, aber ich war wahrscheinlich genauso nervig mit meinen Fragen an jeden Rumänen, ob er schon einmal von Dumitru Dan, dem rumänischen Globetrotter, gehört habe. Ich war auf den Namen gestoßen als ich einmal für eine kurze Zeit mit der Idee gespielt hatte, die Welt zu Fuß zu umrunden, denn Dumitru Dan galt als der erste Mensch, der diese heroische Meisterleistung zwischen 1910 und 1923 vollbracht hatte. (Erst später las ich von Friedrich Gustav Kögel, der diesen Spaziergang angeblich schon von 1894 bis 1896 gemacht hatte.)

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Aber außer einem kurzen Eintrag bei Wikipedia gab es keine Literatur über Dumitru Dan auf Englisch oder Deutsch. Also suchte ich nach Artikeln auf Rumänisch (ich fand einige) und attraktiven Übersetzerinnen (ich fand einige), die bereit wären, bei der Recherche zu helfen („ich bin zu beschäftigt“ winkten sie alle ab und widerstanden sogar der als Entlohnung in Aussicht gestellten Schokoladentorte). Ich machte mich selbst ans Übersetzen und verstand immerhin den Kern der Geschichte von Dumitru Dan und seinen drei Kollegen, ihrer Wanderschaft um die Welt, der Unterbrechung aufgrund des Ersten Weltkriegs, dem dramatischen Tod von Dans Wanderbrüdern in Indien, China und nach der Durchquerung Alaskas. Ich erfuhr, dass das Museum in Buzau eine Sammlung von Souvenirs und Tonbandaufnahmen hat, und machte mich schon daran, die Reise nach Buzau zu planen, als ich auf einen weiteren Artikel stieß, der alles verändern sollte.

Auf dem Blog von Timotei Rad, einem rumänischen Kartographen und Reisenden, fand ich den einzigen Artikel, der die Glaubwürdigkeit der Geschichte Dumitru Dans in Zweifel zog. „Das ist wahrscheinlich einer von diesen Verschwörungstheoretikern, der auch die Mondlandung bezweifelt“, dachte ich. Es gibt ja zu viele Leute mit zu viel Zeit und Internetanschluss. Aber als ich weiterlas, merkte ich, dass Timotei Rad nach Dokumenten gesucht und keine Belege für die angebliche Wanderung durch Asien und Afrika gefunden, ernsthafte Berechnungen angestellt und erhebliche Ungereimtheiten in den Erzählungen von Dumitru Dan entdeckt hatte. Ich musste eingestehen, dass es komisch war, dass die Geschichte einer angeblich 1923 abgeschlossenen Weltumrundung zum ersten Mal 1962 in einer rumämischen Zeitung erschien, zu einer Zeit als das kommunistische Rumänien froh war um jeden Nationalhelden. Ein Erdkundelehrer, der seinen Schülern gerne wilde Geschichten erzählte, war besser als nichts.

Ich war schockiert und enttäuscht, aber das hielt nicht lange an, denn schon begann ich über Timoteis eigene Reisen zu lesen. Er bereist die Welt ausschließlich per Anhalter, und will so ebenfalls eine Erdumrundung schaffen. Als er zum ersten Mal Europa verließ, trampte er mit nur 70 € in der Tasche nach Sibirien, wo ihm das Geld schließlich ausgehen würde. Ich war fasziniert von seinen Geschichten über Sibirien, Irak, Iran, Afghanistan, Südamerika und viele andere Orte. Nicht nur wegen der Abenteuer, sondern auch wegen des humorvollen Schreibstils, der einen offenen und überwiegend optimistischen Charakter offenbarte.

Und so war ich freudig überrascht, als Timo, wie er genannt zu werden vorzieht, mir mitteilte, dass er gerade ein paar Monate in Rumänien weilte und vorschlug, dass wir uns treffen. Mit Schande gestehe ich, dass ich nicht einmal von Târgu Mureș nach Florești, einem Vorort von Cluj (Klausenburg), per Anhalter fuhr, sondern ein paar Stunden im Bus verbrachte. Timo hätte die 118 km ruckzuck per Anhalter überwunden. Ich selbst nehme sehr gerne Anhalter mit, wenn ich mal ein Auto habe, aber selbst bin ich meist zu schüchtern oder unflexibel, um so zu reisen. Ausnahmen mache ich eigentlich nur in Notfällen, wie dem nahenden Einbruch der Dunkelheit (vielen Dank an die lettische Familie, die mich auf dem Rückweg vom Gaiziņkalns mitnahm und mich damit vor menschenfressenden Hunden rettete, sowie an Milivoje, der mich in Montenegro nicht nur in die nächste Stadt fuhr, sondern mich nach Hause zu Tee und Rakija einlud) oder plötzlichem Wolkenbruch.

Als ich in Timos geräumige und untermöblierte sowie schnickschnackfreie Wohnung – die typische Unterkunft von Leuten, für die das Zuhause nur eine temporäre Basis zwischen langen Reisen ist – eintrete, fallen mir die Reihen von Büchern auf: Atlanten, Bände von National Geographic, die Werke von Jules Verne, Jack London und vielen anderen Reise- und Abenteuerschriftstellern. Der Rucksack liegt noch auf dem Sofa im Flur, wie wenn Timo jeden Moment nach Spitzbergen aufbrechen würde.

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Wie fühlt es sich an, wieder in Rumänien zu sein? An einem Ort anstatt ständig auf Achse? „Ich habe diese Pause wirklich gebraucht. Zuletzt war ich ganz ruhelos und aufgekratzt. Ich musste mich wieder beruhigen, das Gehirn braucht Zeit, um sich zu regenerieren. In Südamerika verlor ich 10 kg, mein Körper war total erschöpft. Jetzt, wo ich zuhause bin, schlafe ich viel mehr.“ Timo sieht tatsächlich ausgeruht aus, aber er spricht so schnell, dass ich ihn von Zeit zu Zeit unterbrechen muss, um mit dem Stenographieren mitzukommen. Und selbst dann hält er nur für ein paar Sekunden inne. Die Geschichten sprudeln aus ihm heraus, und wieder ist er mehr begeistert als ausgeruht, begeistert von der Welt, ihrer Vielfalt, den Menschen die ihm auf seinen Reisen geholfen haben, den Abenteuern und dem weiten Weg von dem Jungen, der in Valea lui Mihai die Schafe seiner Eltern hütete, zum Weltreisenden. Damals bekam er durch Abenteuerromane einen ersten Geschmack von der Welt – ähnlich meiner Erfahrung während ich in einem kleinen Dorf in Bayern aufwuchs – , und mit nur 30 Jahren hat er schon mehr von unserem Planeten gesehen als die Autoren der Bücher, die ihn inspiriert haben.

Wie auf seinem Blog hat Timo auch im persönlichen Gespräch ein Talent zum Erzählen. Die richtige Mischung aus Informationen, Offenheit über emotionale Höhen und Tiefen und sein Humor geben einem das Gefühl, wie wenn seine Reisen das größte vorstellbare Abenteuer aber ebenso eine ganz natürliche Art des Weltumrundung sind. Als Zuhörer kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus, aber denkt gleichzeitig „vielleicht könnte ich so etwas auch mal machen“.

Timo tut nicht so, wie wenn er schon immer ein mutiger Draufgänger gewesen wäre, der dafür bestimmt gewesen wäre, per Anhalter um die Welt zu reisen und dabei allen Gefahren und Risiken zu trotzen. „Ich würde nicht so reisen, wenn ich Geld hätte. Etwas anderes zu behaupten wäre geheuchelt. Aber ich bin froh, dass ich kein Geld hatte, denn auf diese Weise habe ich so viel gelernt, was ich sonst niemals gelernt hätte.“ Auf die Frage, was sich nach 223.230 km auf der Straße geändert habe, sagt er: „Ich bin zu einer Person gereift, ich habe eine Haltung zum Leben. Die Erfahrung hat mich abgehärtet.“

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Er erzählt jetzt von Sibirien, wo er einmal 40 Stunden ohne Essen auskam. „Hattest Du jemals richtig Angst oder hast Dir Sorgen gemacht?“ frage ich ihn. „Wenn Du Dir unterwegs Sorge machst, dann bist Du schon so gut wie tot“, sagt er und erklärt, dass einem im Durchschnitt jeder fünfte Autofahrer, der einen mitnimmt, Essen gibt, oftmals ungefragt. „Manche Leute merken, wenn Du längere Zeit nichts gegessen hast und sie bieten Dir etwas an. Ich persönlich frage ungern selbst nach Essen. Das mache ich nur, wenn ich wirklich verzweifelt bin.“ Insbesondere in Russland luden ihn die Menschen immer wieder für eine Nacht in ihr Haus ein. Wenn Timo merkte, dass ein Fahrer eine ähnliche Größe und Statur wie er hatte, fragte er von Zeit zu Zeit nach einem T-Shirt.

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Die meisten Reiseblogs leiden darunter, dass nicht offenbart wird, wie sich deren Verfasser das Reisen leisten können. (Ich bin da etwas offener.) Solche Blogs sind für die meisten Leser von keinem großen praktischen Nutzen, denn es ist natürlich leicht, um die Welt zu reisen, wenn man gerade die Villa in Wiesbaden verkauft hat, die man von den Eltern geerbt hat. Es spricht nichts dagegen, seine Reisen so zu finanzieren, aber solche Leute sollen bitteschön nicht so tun, wie wenn sie wahnsinnig gewiefte Reiseexperten wären. Timo ist auch in dieser Hinsicht erfrischend offen: Auf seiner Website bittet er um Spenden. Und sie trudeln in Beträgen zwischen 5 $ bis zu einer erstaunlichen einmaligen Spende von 500 $ ein. („Warum habe ich nicht solche Leser?“ frage ich mich, bevor mir klar wird, dass ich regelmäßiger und lustiger schreiben – und vielleicht mal meinen Arsch in Afghanistan riskieren – müsste, um solch einen Fanclub zu haben.)

Aber diese Art von Einkommen ist natürlich nicht beständig. „Was war die längste Zeit, die Du ohne Geld ausgekommen bist?“ „61 Tage“ antwortet er, präzise wie immer, wenn es um Zahlen geht. „Einundsechzig Tage ohne Geld??“ staune ich, und bei dem Gedanken daran wird mir selbst ganz Angst und Bange. „Wo warst Du denn, als das passierte?“ „In Sibirien“ antwortet Timo nüchtern wie jemand, der erzählt, dass er nach der Arbeit durch den Tiergarten nach Hause laufen musste weil er kein Geld für den Bus hatte. „Ok, wenn ich sage, dass ich kein Geld hatte, sollte ich erwähnen, dass ich noch 4 € übrig hatte. Das war mein Notgroschen, den ich für einen besonderen Anlass aufbewahrte. Nachdem ich einen Monat ohne Geld überlebt hatte, kaufte ich mir eine 2-Literflasche Bier, um zu feiern. Außerdem hatte Barcelona an jenem Tag gewonnen.“ Russland ist eines von Timos Lieblingsländern. Andere Länder, von denen er enthusiastisch erzählt, sind Irland („vollkommen anders als der Rest Europas“), Kolumbien und der Iran. Da ich selbst zweimal im Iran war, kann ich auch als weniger abenteuerlustiger Reisender unterschreiben, was Timo erzählt: „In einem Monat im Iran habe ich keinen Cent ausgegeben. Nicht etwa weil ich kein Geld gehabt hätte, sondern weil mich niemand für irgend etwas bezahlen ließ. Ich wurde so oft eingeladen, dass ich 3-4 kg zulegte. Manchmal musste ich Einladungen ablehnen, weil ich einfach nicht mehr essen konnte.“

Aber es gab auch härtere Zeiten. In der Wüste in der Mongolei wartete er einmal 31 Stunden, bis ihn jemand mitnahm. Nicht weil niemand anhielt, sondern weil das erste Auto erst nach 31 Stunden vorbeikam. Der Fahrer nahm ihn zu seiner Jurte, wiederum mitten in der Wüste und weit von der Straße, zu der er zurücklaufen mußte. In Aserbaidschan musste er in sein Hemd scheißen, weil ihn agressive Hunde die ganze Nacht am Verlassen des Zelts hinderten. Timo schläft die meiste Zeit im Freien. Nur selten geht er in eine Jugendherberge oder nützt Couchsurfing.

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Die längste Zeit, in der er sich nicht duschen konnte, waren 16 Tage in Argentinien. „Wenn ich mich ein paar Tage nicht wasche, mache ich mir Sorgen, dass ich stinke. Das letzte was man will, ist dass ein netter Autofahrer nach ein paar Minuten bereut, einen mitgenommen zu haben. Wenn ich mich mit einem Fahrer gut verstehe, bitte ich ihn manchmal, ehrlich zu sein und mir zu sagen, ob ich streng rieche.“ Aber bisher gab es keine Probleme. Ich kann mir vorstellen, dass Timo generell keine Probleme hat, mitgenommen zu werden. Er ist das absolute Gegenteil des dubiosen, übelriechenden, langhaarigen, ungekämmten Anhalterstereotyps, das viele Menschen im Kopf haben, wenn sie an Autostopp denken, das Gegenteil des Anhalters, der sobald er eingestiegen ist, seine Schuhe auszieht, sich einen Joint rollt und Deine Tochter anmacht. Mit seiner Brille sieht Timo aus wie ein Junge, der nach der Chorprobe den letzten Bus verpasst hat und auf dem Weg zum Haus seiner Großmutter ist, um ihr bei der Zubereitung von Apfelstrudel zu helfen. Wer würde nicht für ihn anhalten?

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Der Streberlook ist tatsächlich nicht ganz unangebracht. Timo hat nicht nur Internationale Beziehungen und Kartographie studiert, er hat auch einen Computer oder zumindest einen Taschenrechner im Kopf. Wenn er über seine Abenteuer als Anhalter spricht, rattert er Zahlen herunter wie ein Leichtathlet bei Olympia: „Die längste Strecke, die ich im gleichen Auto zurücklegte, war 3.300 km.“ „Mein Rekord für die längste innerhalb von 24 Stunden zurückgelegte Strecke war 1.955 km in Argentinien.“ „In einem Jahr habe ich 80.050 km geschafft.“ „61 Tage ohne Geld“, „40 Stunden ohne Essen“, „16 Tage ohne Dusche“ u.s.w. Sogar wenn wir über Frauen sprechen: „Ich war dreimal verliebt.“

„Ja, das ganze hat einen sportlichen Apsekt für mich“ gibt er unumwunden zu. „Es gibt nur zwei Menschen weltweit, die per Anhalter mehr Länder als ich gesehen haben.“ Auf seiner Website hat er eine Rangliste (wer hätte gedacht, dass es zwischen Anhaltern einen Wettbewerb gibt?), und ich kann mir nicht vorstellen, dass er aufgibt bevor er ganz oben steht. „Es ist schon etwas, das mich motiviert.“

Aber mir scheint, dass die Geschwindigkeit, mit der er reist, nicht (nur) von dem Wunsch beseelt ist, einen Rekord zu setzen. Timo ist wirklich ein unruhiger Bursche. „Ich muss in Bewegung sein. Wie ein Haifisch, der sich bewegen muss um zu atmen.“ Und, sagt er, „es ist günstiger zu reisen, wenn man ständig unterwegs ist.“ Ich hingegen bin ein langsamer Reisender, der mehrere Monate an einem Ort verbringen kann. „Das könnte ich nicht“, ruft er aus. „Es müsste schon verdammt nochmal London oder Paris sein, dass ich drei Tage bliebe.“ Er durchreiste ganz Südamerika in vier Monaten; für mich wären vier Jahre nicht genug. Timo ist ständig auf Achse, wie der Jason Bourne unter den Reisenden.

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Der Vergleich mit einem Actionfilm ist ebenfalls nicht ganz unberechtigt. Als er per Anhalter (!) in Afghanistan (!) unterwegs war, fragte Timo ein paar Polizisten in Kabul nach der Straße nach Tadschikistan. Diese fanden das verdächtig genug, um ihn mitzunehmen und den rumänischen Botschafter anzurufen, der eine Militäreskorte schickte. Nachdem er die Nacht auf dem Stützpunkt verbrachte, legte ihm die rumänische Botschaft mit Nachdruck nahe, das Land auf dem Luftweg zu verlassen. So fand sein Versuch, alle Länder in Asien zu bereisen, ein jähes Ende. Aber ich bin mir sicher, dass er es noch einmal versuchen wird.

Timotei Rad trip to AFG

„Und was steht als nächstes an?“ frage ich, wohl wissend, dass es ihn nicht viel länger in Rumänien halten wird. „Ich würde gerne ein Schiff finden, das mich nach Färöer, Island, Grönland und Kanada mitnimmt und dann durch Nordamerika trampen.“ Aber zuerst will er seine Reiseaufzeichnungen („1.300 Seiten“) auf Englisch und Spanisch übersetzen lassen. Ich habe schon Hunderte von Reisebüchern gelesen, und ich sage gewöhnlich, dass die Welt wirklich keine weiteren braucht. Aber hier mache ich eine Ausnahme. Es wäre schade, wenn Timos Geschichten und seine ansteckende Energie nicht einem breiteren Publikum zugänglich gemacht würden.

Mittlerweile ist es dunkel geworden. Wir sprechen schon seit mehr als sechs Stunden, aber mir ist als ob wir uns noch ein paar Tage unterhalten könnten, ohne dass es langweilig würde. Als echter Couchsurfer bietet Timo mir an, dass ich bei ihm übernachten kann. Aber ich muss nach Cluj, um ein Mädchen zum Abendessen zu treffen. Wenn sie nur halb so interessant ist, wird es ein großartiger Abend.

„Ich bin wirklich baff“ mache ich Timo ein Kompliment für sein bisheriges Leben als wir uns an der Bushaltestelle verabschieden. „Manchmal bin ich selbst baff“ antwortet er und erzählt mir eine letzte Geschichte von den zwei Gangstern, die ihn in Venezuela ausrauben wollten, aber die er mit Flüchen auf Rumänisch in die Flucht schlug. Dumitru Dan war vielleicht ein Aufschneider, aber ich habe tatsächlich einen großen rumänischen Abenteurer kennengelernt. – Wenn Ihr ihn jemals mit ausgestrecktem Daumen am Straßenrand seht, nehmt ihn bitte mit!

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Nächste Reise: Osterinsel

Nachdem sich Peru als das lärmendste Land der Welt herausstellt, brauche ich dringend eine Auszeit. Ich will einfach nur eine Woche durch grüne Wiesen wandern, am Meer sitzen und ein paar Artefakte fremder Kulturen ausgraben.

Genau dafür bietet sich die Osterinsel in Chile an. Wobei „in Chile“ nicht ganz der richtige Ausdruck ist, denn zuerst muss ich 3.512 km über den Pazifik fliegen. Das ist zwar weder gut für die Umwelt, noch für meine sich damit vollständig auflösenden Ersparnisse. Aber wenn mir schon die Kohle ausgeht, ist eine Insel mitten im Pazifik der beste Ort, um dieses Schicksal über sich hereinbrechen zu lassen.

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So abgeschieden wie noch nie werde ich also die erste Oktoberwoche wandernd und staunend verbringen. Ihr wollt sicher eine Postkarte?

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„Der Gottesdienst war heute wieder langweilig.“

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Auf den Stufen der Kathedrale in Puno, Peru.

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Boliviens vermisste Kinder

Im kombinierten Eisenbahn- und Busbahnhof von Santa Cruz  sticht ein Büro neben den Dutzenden von Busgesellschaften dadurch hervor, dass dort niemand laut und ständig die Namen der Städte ausruft, in die im nächsten Bus noch Plätze zu haben sind: „Sucre, Sucre, Sucre!“ „Beni, Beni, Beni!““Quijarro, Quijarro, Quijarro!“

Dennoch zieht das Schaufenster der Verkehrspolizei mein Interesse auf sich. Es ist voll mit Fahndungsplakaten, wie ich zuerst denke. „Mal sehen, was hier die typischen Straftaten sind“ nähere ich mich neugierig. Damit läßt sich die Wartezeit auf den Orient-Express vielleicht interessanter überbrücken als mit einer weiteren Portion Huhn mit Reis.

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Auf dem ersten Plakat steht DESAPARECIDO. Vermisst. Na gut, das kann mal vorkommen. Das nächste Plakat: DESAPARECIDO. Das übernächste: DESAPARECIDO. Und so weiter. Von den insgesamt 60 Plakaten ist genau eines ein Fahndungsaufruf, wegen eines Autodiebstahls. 59 betreffen vermisste Personen.

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In einem großen Land wie Bolivien kann man sich schon mal verlaufen und in der Wüste verdursten oder im Dschungel von einem Jaguar gefressen werden. Aber so viele Menschen? Nein, das ist mehr als der normale Schwund.

Noch erschreckender ist die Zusammensetzung der Opfer. Es sind weniger die verwirrten Greise, die sonstwo leicht mal abgehen, sondern hauptsächlich Kinder und Jugendliche. Ich notiere mir einige der Namen mit Alter: Yandira, 18. Estefany, 14. José Luis, 6. Milan Jailany, 2. Yamine, 14. Ayelen, 17. Maria Andrea, 17. Jhon Azariel, 5. Karla Andrea, 15. Ana Maria, 14. Misael Paco, 1 ½. Chico, hört auch auf den Namen Tiko Tiko (das ist ein vermisster Hund, der zwischen all den Kindern hängt). Die Brüder José Enrique und Mauricio Dennis, 10 und 13. Nayely, 12. José Maria, 9. Elio, 12. Carla, 14. Airon Daniel, 13. Ich denke, das genügt, um Euch einen Eindruck von der betroffenen Altersgruppe zu geben. Für den Hund hingen übrigens drei Plakate an der Wand, von jedem Kind nur eins.

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Obwohl die Plakate schon vergilbt und teilweise angerissen sind, datiert kein Suchaufruf vor September 2015. Etliche sind aus dem noch jungen Jahr 2016. (Die Fotos und Notizen habe ich am 15. Februar 2016 gemacht.) Und das sind allein die Verschwundenen von Santa Cruz.

Als ich das Terminal verlasse, erblicke ich am Eingang weitere Vermisstenanzeigen. Das sind die ganz neuen Fälle. Ana Paola, 15, und Devora Natalia, 16.

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Wenn ich mich diesbezüglich in der Stadt umhöre, stoße ich auf Anekdoten von Menschenhandel, Prostitution, Zwangsarbeit bis hin zu grausamen Vermutungen von Organhandel. Boliviens Grenzen zu Brasilien, Peru, Chile, Argentinien und Paraguay verlaufen weitgehend im Regenwald oder in anderen dünn besiedelten und nur mit unverhältnismäßigem Aufwand zu kontrollierenden Gebieten. Wer Menschen, Drogen oder raubkopierte DVDs über die Grenze schmuggeln will, dem stehen hier kaum Hürden im Weg.

Die Menschen müssen oft nicht einmal geschmuggelt werden, weil sie von selbst gehen. Viele Geschichten von Zwangsarbeit und (Zwangs-)Prostitution beginnen mit Versprechungen von besser bezahlter Arbeit in den Fabriken oder auf den Farmen der Nachbarländer. Wenn die bolivianischen Kinder erst einmal in Sao Paulo oder Santiago sind, nehmen ihnen die „Arbeitgeber“ die Dokumente ab, zahlen den Lohn nicht aus, sperren sie in den Keller und misshandeln sie.

Zu oft wird von Aktivisten gegen Zwangsarbeit der Begriff „Sklaverei“ verwendet. Ich bin diesbezüglich zurückhaltend. Zum einen weil ich es für eine Verharmlosung wirklicher Sklaverei halte, zum anderen weil auch ein ausbeuterisches und unter Druck aufrecht erhaltenes Arbeitsverhältnis noch etwas anderes ist als der Handel von Menschen wie Eigentum. Genau das findet an den Grenzen Boliviens aber statt, 128 Jahre nachdem in Brasilien als letztem Land Amerikas die Sklaverei abgeschafft wurde. In La Quiaca in Argentinien kann man bolivianische Kinder für ca. 300 Euro kaufen. Eine Reportage aus dem ZEIT-Magazin schildert anschaulich, wie Menschen in solche Verhältnisse geraten, und basiert auf einer Meldung, nach der zwei jugendliche Bolivianer in Brasilien für je 500 Euro verkauft wurden.

Die verschwundenen Babies und Kleinkinder erklärt das allerdings nicht. Die tauchen vielleicht bei einer Familie in Europa auf, die sich schon immer ein putziges Adoptivkind gewünscht hat.

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Wie weit kommt man eigentlich mit dem Zug?

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Einer meiner Leser schrieb, dass ihn die Frage umtreibe, wie weit er eigentlich käme, wenn er bei sich zuhause in die Bahn einstiege und keine anderen Transportmittel außer Zügen verwendete. Als Eisenbahnfreund ließ mich dieser Gedanke nicht mehr los. Da jener Leser in Lauf an der Pegnitz und damit nur ein paar Haltestellen entfernt von meiner Heimatstadt Amberg lebt, wäre das auch etwas für meine von Flugangst gepeinigten Verwandten, die deshalb bis jetzt dachten, für immer in der bayerischen Provinz versauern zu müssen.

Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Man kommt weiter als man denkt.

Meine weiteste Bahnfahrt von Deutschland aus war von Amberg über Regensburg und München nach Ljubljana (Laibach) in Slowenien. Eine sehr schöne Fahrt über die Alpen, die man wegen der Aussicht auf jeden Fall tagsüber antreten sollte. Im Speisewagen der österreichischen Bahn genießt man eine Sachertorte, während sich die Autofahrer kilometer- und stundenlang an den Grenzposten stauen, die unsere Freunde von AfD, FPÖ und CSU wieder errichten wollen.

Aber in dieser Richtung käme man noch viel weiter: Zagreb, Belgrad und von dort entweder nach Montenegro oder nach Timisoara (Temeschwar) in Rumänien. Wenn man schon einmal auf dem Balkan ist, denkt man unweigerlich an den Orient-Express. Kommt man auch heute noch mit dem Zug von Mitteleuropa nach Istanbul? Aber klar doch.

Seat61 zeigt einige der möglichen Verbindungen auf, wobei noch wesentlich mehr Querverbindungen bestehen, z.B. von Belgrad nach Timisoara (Temeschwar) und von dort nach Bukarest. Wer Zeit hat, kann den Umweg über Targu Mures (Neumarkt am Mieresch), Gheorgeni (Niklasmarkt), Baile Tusnad und Brasov (Kronstadt) nehmen und wird sich aufgrund der romantischen Landschaft mit klaren Flüssen und freilaufenden Pferden neben den Gleisen sowie der etwas antiquierten rumänischen Eisenbahn wie in einem Westernfilm vorkommen.

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Wenn man erst einmal in Istanbul angelangt ist, fällt einem aus früheren Tages- oder Wochenschauen vielleicht wieder ein, dass deutsche Regierungen der Bagdadbahn einstmals Priorität im Bundesverkehrswegeplan eingeräumt hatten. Wie beim Flughafen BER dauerte auch dieses Projekt vom Baubeginn 1903 bis zur Fertigstellung 1940 länger als die ursprünglich veranschlagten 10 Jahre, aber wenigstens war 1915 schon die Strecke in die syrische Wüste fertig, die man für den Völkermord an den Armeniern nutzen konnte.

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Diese Verbindung in den Irak leidet derzeit streckenweise ein wenig unter dem Krieg in Syrien und der Besetzung von Mosul durch ISIS. In Richtung Südosten ist in der Türkei also Schluss.

Wem das nicht genügt oder zu gefährlich ist, der kann sich mit dem Zug in die anderen Extremitäten Europas begeben.

Im Süden geht es bis nach Villa San Giovanni in Kalabrien, von wo aus man mit der Fähre die 3 km nach Messina in Sizilien übersetzt. Ich denke, wir können dies noch als Zugfahrt durchgehen lassen, weil man während der kurzen Überfahrt im Zug sitzen bleiben kann und dann von Messina aus entweder Richtung Palermo oder Richtung Syrakus weiterfährt. Beide Strecken verlaufen oft nur wenige Meter neben dem Mittelmeer und bieten hervorragende Ausblicke.

Im Südwesten kommt man über Frankreich und Spanien bis nach Lagos in Portugal.

Im Nordwesten erreicht man mit dem Zug dank Eurotunnel ohne Probleme Großbritannien und kann ohne andere Verkehrsmittel bis nach Thurso in Schottland fahren.

Im Norden überwindet die Öresundbrücke die Meerenge zwischen Dänemark und Schweden, so dass man mit dem Zug nach Skandinavien gelangt. Der nördlichste Bahnhof ist Narvik in Norwegen.

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Aber wie schon unsere Großväter wussten: Der größte Reiseraum liegt im Osten. Allein die längste Strecke, die man in Russland mit dem Zug bewältigen kann ohne um- oder aussteigen zu müssen, die Transsibirische Eisenbahn zwischen Moskau und Wladiwostok, beläuft sich auf 9.288 km. Das ist doppelt so weit wie von Syrakus nach Narvik und damit eine Entfernung, die man sich als Europäer gar nicht vorstellen kann. Die Fahrt dauert eine Woche, was Fernbeziehungen ziemlich schwierig gestaltet. „Tut mir leid Nadjeschda, als ich schon in Krasnojarsk war, fiel mir ein, dass ich nächste Woche wieder arbeiten und deshalb sofort umkehren musste.“

Anschluss an dieses Wunderwerk der Ingenieurskunst findet man aus Mitteleuropa über Warschau und Minsk oder über Kiev. Wer Glück hat, erwischt in Moskau den Schlafwagenzug nach Pjöngjang in Nordkorea, mit 10.267 km die längste umsteigefreie Bahnverbindung der Welt. Aber wer will das eigentlich, nicht auszusteigen? Ok, vielleicht im sibirischen Winter und wenn man eine Kiste guter russischer Literatur dabei hat. Wenn ich aus dem Fenster den Baikalsee und Birkenwälder sehe, will ich aber aussteigen. Wann kommt man schon mal nach Nischni Nowgorod, Jekaterinburg oder Irkutsk?

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So wie ich mich kenne, würde ich an den unmöglichsten Orten hängenbleiben und der Schienenstrang wäre weniger Fortbewegungsmodalität als Handlungsstrang, an dem ich mich neugierig nach Osten entlanghangle. Im fernen Osten Russlands muss dabei noch lange nicht Schluss sein. Durch die Mongolei oder die Mandschurei geht ein Zug nach Peking.

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Dort könnte man in den Zug nach Lhasa umsteigen und auf teilweise über 5.000 m Höhe nach Tibet schweben. Hier ist vorerst Endstation. An Erweiterungen der Strecke nach Nepal und nach Indien wird schon geplant, aber selbst in China wird das noch ein paar Jahre dauern. Aber wer in Lauf an der Pegnitz oder in Lübeck eingestiegen und bis nach Lhasa gekommen ist, hat mit dem Zug immerhin die halbe Welt umrundet.

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Wer noch mehr Kilometer machen will, durchquert mal schnell China und nimmt den Zug nach Vietnam. Die letzten 1.600 km von Hanoi nach Ho-Chi-Minh-Stadt werden einem nach diesem Abenteuer wie ein Katzensprung vorkommen. Und man wird merken, wie klein Deutschland eigentlich ist.

Also, wenn Ihr mal ein paar Wochen übrig habt, geht einfach zum Bahnhof und seht, wie weit Ihr auf diese gemütlichste Art des Reisens kommt.

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Ich ziehe an den Pazifik

Jeder macht mal Fehler.

Es war ein Fehler, zu glauben dass Arequipa wie Cochabamba wäre nur weil es ein ähnlich perfektes Klima und spekatuläre Berge aufweist und ähnlich groß ist. Vielleicht ist unfair, einen anderen Ort mit Cochabamba in Bolivien zu vergleichen, denn das war die freundlichste Stadt und die Stadt mit der höchsten Lebensqualität, in der ich je gewohnt habe. Arequipa in Peru hingegen ist eine der lautesten, verstopftesten und nervigsten Städte, die ich bisher ertragen mußte. Die Hauptverkehrszeit hier ist so stressig, dass ich froh bin, keine Schusswaffe dabeizuhaben, denn sonst würde ich Amok laufen wie Michael Douglas in Falling Down. Und die ständig kläffenden Hunde müssten als erste dran glauben. Eines abends wollte ich den Verkehr in der Avenida Ejército filmen, aber mein Telefon zeigte nur die Warnung: „Der Lärmpegel in Ihrer Umgebung läßt vermuten, dass Sie in einem aktiven Kriegsgebiet sind. Verlassen Sie die Gegend unverzüglich!“ Aber dieser Filmausschnitt gibt die Fahrt von der Innenstadt zu meiner Wohnung in Arequipa ziemlich realistisch wieder:

Und wie wenn das noch nicht schlimm genug wäre, schickt die Stadt zusätzliche Fahrzeuge mit Lautsprechern auf die Straßen. Ein weiteres Problem liegt darin, dass sich die peruanische Verkehrspolizei ausschließlich aus attraktiven Frauen rekrutiert, so dass viele männliche Autofahrer absichtlich wie die Henker fahren, um angehalten zu werden.

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Es war ein Fehler, denjenigen zu glauben, die Arequipa als ruhige und gemütliche Stadt anpriesen. Mittlerweile weiß ich, dass alle Peruaner für die nationale Tourismusbehörde arbeiten und zu jeder Zeit nur Positives über ihr Land sagen. Von jedem hört man die gleiche Liste der Plätze, „die Du unbedingt sehen musst“, und alles in Peru ist „das Beste“ und „das Schönste“. Wie in Nordkorea. Auch wenn ich darauf hinweise, dass ich eigentlich mehr an Politik oder Soziologie interessiert bin, erhalte ich als Antwort: „Du musst Machu Picchu besuchen.“ Für ein Land, das jährlich Milliarden an Touristen empfängt, scheint es undenkbar zu sein, dass ein Ausländer andere Interessen haben kann, als sich selbst vor Inka-Ruinen zu fotografieren, die bereits auf 22% aller Facebook-Profile weltweit abgebildet sind. Komischerweise geben die gleichen Leute, die Arequipa als „die Stadt mit der besten Lebensquaität“ angepriesen hatten, jetzt unumwunden zu, dass es chaotisch, hektisch und laut ist und dass es natürlich keinerlei Parks oder Natur zum Laufen gibt.

Es war ein Fehler, all den freundlichen Nachrichten in der Art von „Mach Dir keine Sorgen. Wenn Du erst einmal in Arequipa bist, werde ich Dir helfen, eine Wohnung zu finden“ zu glauben. Auf wundersame Weise verschwanden oder starben 90% dieser Leute, oder waren plötzlich sehr beschäftigt oder zogen genau in dem Moment weg als ich in Arequipa ankam. Der Rest wollte weniger mir als vielmehr sich selbst helfen, indem er Apartments anbot, die teurer als in Tokio waren. Nun ja, immerhin haben wir hier ebenfalls regelmäßig Erdbeben. Eine meiner Leserinnen bot mir ein „gemütliches Haus im Grünen“ an. Mehrmals mußte ich auf Fotos bestehen, und das Objekt stellte sich als Garage in einem Dorf heraus. Sie wollte 350 US-Dollar pro Monat dafür. Die meisten Vermieter in Peru haben die schreckliche und ansonsten nur in Deutschland verbreitete Unsitte, dass sie versuchen, einem Wohnungen ohne Möbel anzudrehen. „Du hast kein eigenes Bett, Tisch, Bücherregal, Kühlschrank, Ofen u.s.w.?“ „Ähm, nein. Ich erwähnte doch, dass ich um die Welt ziehe und nur für ein paar Monate hier bin.“ „Oh.“

Viele Vermieter diskriminieren auch offen. „Ich vermiete am liebsten an Ausländer.“ „Oh, tut mir leid, ich miete ungern von Rassisten.“ Eine andere Taktik ist Einschüchterung: „Dies ist das sicherste Viertel der Stadt. Zieh auf keinen Fall irgendwo anders hin! Der Rest der Stadt ist viel zu gefährlich“, wie wenn Arequipa auf der Liste der kriminellsten Städte der Welt zwischen Bagdad und Caracas läge. Wobei es hinsichtlich des Lärmpegels tatsächlich wie Bagdad am Abend des 21. März 2003 wirkt.

Es war ein Fehler, nichtschreibenden Menschen zu glauben, die versprochen hatten, dass Arequipa ein „ruhiger Ort zum Schreiben“ sei. Ich hätte stattdessen auf Mario Vargas Llosa hören sollen, der in Arequipa geboren wurde und wegzog sobald er konnte. Ratet mal wohin? Nach Cochabamba. Jetzt verstehe ich, woher der magische Realismus kommt. Er war nie eine beabsichtigte Kunstform, sondern das Ergebnis verzweifelter Schriftsteller, die inmitten all der schlagenden Türen, hupenden Autos, Feuerwerke, schreienden Nachbarn und kläffenden Hunde ihre Gedanken einfach nicht mehr sortieren konnten. Deshalb ergibt Die Stadt und die Hunde keinen Sinn und die Reihenfolge der Kapitel in Rayuela ist ein komplettes Kuddelmuddel. Kein Wunder, dass in Russland mehr und bessere Literatur entsteht. Auch ich vermisse meine gemütliche sowjetische Plattenbauwohnung, vor allem mit einem kalten Winter, während dessen man nicht viel mehr machen kann, als zuhause zu sitzen und zu schreiben. Selbst das eine Mal als ich auf einer Insel im Pazifik gestrandet war, auf der Atombombentests durchgeführt wurden, war ruhiger als in Arequipa.

Beim Träumen über den Pazifik kam mir eine Idee. Glücklicherweise bin ich nicht nur gut darin, Fehler zu machen, sondern auch darin, sie zu analysieren und zügig zu korrigieren. Arequipa liegt nur 100 km vom Pazifischen Ozean. Auf der Südhalbkugel ist gerade Winter, so dass derzeit neben dem leeren Strand genügend Häuser leerstehen sollten. Dank meines genialen Verhandlunsgeschicks bekam ich tatsächlich eine große Wohnung in Mollendo zu einem guten Preis. Sie ist großzügig, hell, gemütlich, mit Bücherregalen und Schreibtischen ausgestattet, und bietet einen Blick über das Meer.

Mollendo Haus am Strand

Perfekt zum Schreiben. Und zum Joggen am Strand sowie zum Beobachten von Sonnenuntergängen. Mit etwas Glück werde ich sogar einen Tsunami erleben.

Abr von alledem werdet Ihr nichts erfahren, denn natürlich gibt es kein Internet in alten Piratenvillen auf steilen Felsen direkt am Ozean. Wenn Ihr in Kontakt bleiben wollt, müsst Ihr also einen altmodischen Brief schreiben oder ein gern gesehenes Buchpaket schicken. Vielen Dank!

Arequipa ist übrigens dennoch einen Besuch wert. Die Altstadt verfügt über schöne Architektur, ein enormes Kloster und viele Museen. Aber immer mehr entdecke ich, dass es Städte gibt, die gut zum Besuchen sind, und solche, die gut zum Leben sind. Die zwei Gruppen überschneiden sich nur selten.

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Big Brother an Bord

Selbst auf einem Schiff mitten im Atlantik steht man unter Beobachtung.

CCTV

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