Video-Blog: Protest in Santa Cruz in Bolivien

Es war Sonntagabend, ich saß im zentralen Park von Santa Cruz und ruhte mich von dem am Morgen gelaufenen Halbmarathon aus. Es war Valentinstag, und natürlich war ich alleine, als ich plötzlich die Geräusche vernahm, die ich so gerne höre, die meinen Puls schneller schlagen lassen, die mich zu meiner Kamera greifen und mich losrennen lassen, egal wie müde meine Beine von den vorher gelaufenen 21 km sein mögen. Der Sound, der diesen Effekt auf mich hat, ist die Geräuschkulisse von Demonstrationen.

Ich erwischte den Beginn eines Zuges der „NO“-Kampagne, der Kampagne gegen die Änderung der bolivianischen Verfassung, gegen die Möglichkeit der erneuten Wiederwahl Präsident Morales‘. Selbst wenn Ihr Euch nicht für Politik interessiert, gewinnt Ihr anhand der folgenden Videos hoffentlich einen Eindruck vom Zentrum von Santa Cruz.

Die Menschenmenge wurde von Minute zu Minute größer. Leute, die zuvor noch im Park gesessen und mit ihren Kindern gespielt, Eis gegessen oder auf ihre Telefone gestarrt hatten (der Unterschied zwischen Cochabamba und Santa Cruz: in Cochabamba essen die Leute im Park, in Santa Cruz spielen sie mit ihren Telefonen), waren aufgestanden, um den Protestzug zu verstärken.

No1No3No2

Ladenbesitzer kamen aus ihren Geschäften und klatschten. Keines der Autos, das zum Warten gezwungen war, hupte aus Verärgerung. Sogar dieses Kind zeigte seine Unterstützung.

NO kid.JPG

Und wie jeder gute Protestmarsch endete auch dieser mit dem Singen der Nationalhymne.

(Click here to read this article in English.)

Veröffentlicht unter Bolivien, Fotografie, Politik, Reisen | Verschlagwortet mit , | 4 Kommentare

Bitte nur im nüchternen Zustand wählen!

Read this article in English.

Als ich heute den Laden in der Avenida America in Cochabamba aufsuchte, sah es irgendwie anders aus als gewöhnlich. Ein ganzer Gang war mit schwarzen Tüchern verhängt. Es war die Alkoholabteilung.

no alcohol 1

“Was ist denn hier los?” fragte ich den Ladenbesitzer. “Sind Sie Mormone oder Adventist des Siebten Tages geworden?”

“Nein”, lächelte er, „das ist das Gesetz. Vor und während des Referendums dürfen wir keinen Alkohol verkaufen.“ Er bezog sich auf die Abstimmung am 21. Februar 2016 über die vorgeschlagene Verfassungsänderung, die die erneute Wiederwahl des Präsidenten nach seiner jetzigen dritten Amtsperiode erlauben würde.

Tatsächlich hat die bolivianische Wahlkommission eine Verordnung erlassen, die den Verkauf und den Verzehr von Alkohol für den Zeitraum von 48 Stunden vor bis zum Mittag nach einer Wahl oder einem Referendum verbietet. Sie verbietet auch das Tragen von spitzen, scharfen oder stumpfen Gegenständen, öffentliche Auftritte und Versammlungen und jeglichen motorisierten Verkehr am Wahltag.

no alcohol 2.JPG

Das Alkoholverbot soll sicherstellen, dass Wähler einen klaren Kopf haben, wenn sie am Sonntag ihre Entscheidung treffen. Als der kreative Topjurist, der ich bin, versuchte ich zu argumentieren, dass ich von dem Verbot ausgenommen sei, weil ich als Ausländer sowieso nicht wählen darf. Es wäre also egal, wie benebelt ich morgen sein werde. Das Gesetz sieht solch eine Ausnahme nicht vor, also argumentierte ich, dass eine “reducción teleológica” vorgenommen werden müsse, eine teleologische Reduktion, mittels derer der Anwendungsbereich einer Norm über den Wortlaut hinaus eingeschränkt wird, wenn Sinn und Zweck einer Vorschrift dies verlangen. Den Begriff auf Spanisch musste ich dabei erraten, aber glücklicherweise ist er dem deutschen ähnlich.

Ich muss wohl kaum gesondert erwähnen, dass meine Argumente nicht durchdrangen und ich keinen Whiskey bekam.

Wahrscheinlich hatte der Mann hinter der Theke sogar Recht mit seiner Ablehnung, denn ein weiterer Zweck des Alkoholverbots liegt womöglich darin, den Ärger und die Gewaltbereitschaft zu vermeiden, die aus der Kombination von Abstimmungsniederlage und Alkohol entstehen können. Und in solche Auseinandersetzungen kann auch ich als Ausländer mit hineingezogen werden, was basierend auf meiner Neigung, mich in die Politik anderer Länder einzumischen, gar nicht so weit hergeholt ist. 

Obwohl Bolivien seit Mitte der 1980er Jahre eine relativ stabile Demokratie ist, wird hier angesichts der vorangegangenen turbulenten Geschichte mit Dutzenden von Revolutionen, Putschen und Gegenputschen vielleicht lieber auf Nummer Sicher gegangen. Andererseits macht das Verbot von öffentlichen Versammlungen und des öffentlichen Nahverkehrs einen Militärputsch noch einfacher, weil sich die Opposition schwerer organisieren könnte. Aber wir wollen jetzt nicht den Teufel an die Wand malen, sondern uns vertragen, egal ob wir morgen mit SI oder mit NO stimmen. Dann können wir Montag Abend auch wieder etwas trinken.

Ich konnte nicht herausfinden, ob während des Alkoholverbots der Verkauf der Kokablätter ansteigt.

Dieses Wochenende sollte auch interessante Daten darüber liefern, ob es weniger oder mehr Unfälle (den autofreien Wahlsonntag natürlich ausgenommen), weniger oder mehr Straftaten, weniger oder mehr Krankenhauseinweisungen als an vergleichbaren Wochenenden gibt.

Links:

Veröffentlicht unter Bolivien, Fotografie, Politik, Recht, Reisen | Verschlagwortet mit , , | 3 Kommentare

Video-Blog: Cochabamba in Bolivien

Das ist Cochabamba, die Stadt in Bolivien, in der ich derzeit lebe.

Und ja, die Tiere bei Minute 3:22 sind Lama-Föten. Die werden hier auf dem „Hexenmarkt“ verkauft, damit man sie beim Neubau eines Hauses ins Fundament eingräbt. Das soll das Haus vor Unheil beschützen. Wenn Du demnächst baust, kann ich Dir gerne eins zusenden.

Trotz dieser etwas spukigen Ecke auf dem Markt „La Cancha“ ist die Stadt sehr freundlich, mit vielen Parks und einer angenehmen Mischung aus Tradition und Moderne. Keine Museumsstadt für Touristen, sondern eine Stadt, in der wirklich gelebt wird. Aber trotz ihrer Größe (650.000 Einwohner) habe ich hier nie das Gefühl, in einer zu großen oder hektischen Stadt zu sein.

panorama snow lady with hat.JPG

(To the English version.)

Veröffentlicht unter Bolivien, Fotografie, Reisen, Video-Blog | Verschlagwortet mit | 1 Kommentar

Video-Blog: So wird man in Santa Cruz geweckt

Santa Cruz in Bolivien am Morgen. Obwohl man hier wegen der Hitze eigentlich schon um 5 Uhr aufstehen und zur Arbeit gehen sollte, ist es noch um 8:30 Uhr fast menschenleer auf dem Platz des 24. Septembers, benannt nach einer Revolte an jenem Tag im Jahr 1810. Nur die Schuhputzer und ein paar Rentner sind schon da.

Und die Kapelle, die mich aufgeweckt hat. Trotz der Zeit, die ich zum Duschen und Anziehen benötigt habe, spielt sie noch immer mit ganzer Kraft, als ich endlich zu dem weitgehend zuschauer- und zuhörerlosen Spektakel hinzustoße.

Kapelle1.JPG

Aber hört und seht selbst:

Und so ging das noch etwa eine halbe Stunde weiter. Mir schien es, wie wenn die Länge des Konzerts genau auf die Zeit abgestimmt war, die man für die vollständige Lektüre einer Ausgabe von El Deber, der örtlichen Zeitung, eine Tasse Kaffee und eine Zigarre benötigt.

Kapelle2.JPG

Die Wohnungen mit Balkon zum Platz des 24. Septembers müssen begehrt sein.

(Read this article in English.)

Veröffentlicht unter Bolivien, Fotografie, Musik, Reisen, Video-Blog | Verschlagwortet mit | 3 Kommentare

Der deutschen Geschichte entkommt man auch in Bolivien nicht

Read this article in English.

Heute morgen in Santa Cruz de la Sierra, im Osten Boliviens:

Der Orient-Express aus San José de Chiquitos, noch weiter im Osten Boliviens, hatte eine Stunde Verspätung, so dass ich mich beeilen musste, zum Flughafen zu kommen, um zurück nach Cochabamba zu fliegen. In der Innenstadt suchte und fragte ich vergebens nach der Haltestelle der Buslinie 135. Die Zeit rannte, und ich musste in den sauren Apfel beißen und ein teures Taxi heranwinken.

Eine der ersten Fragen des Fahrers ist natürlich, woher ich komme.

„Aus Deutschland“, sage ich noch immer, obwohl ich schon seit sieben Jahren nicht mehr dort gewohnt habe. Aber bei ersten oder flüchtigen Gesprächen hat Einfachkeit Trumpf.

„Oh, mein Vater war auch aus Deutschland“, ruft der Chauffeur, ebenso begeistert über den Zufall wie ich. „Aber kein Nazi!!“ fügt er hinzu, wedelt dabei mit dem Zeigefinger der rechten Hand und sieht mich im Rückspiegel an, um zu überprüfen, ob diese für ihn sehr wichtige Klarstellung angekommen ist.

Ich gebe meine nachträgliche Zustimmung zum Widerstand des Vaters des Taxifahrers gegen das NS-Regime zum Ausdruck, da erzählt er schon weiter, dass sein Vater ein deutscher Jude, irgendwo aus der Gegend von Frankfurt, in verschiedenen Konzentrationslagern war, dort seine gesamte Familie verlor, als einziger knapp überlebte, nach Bolivien auswanderte, eine Bolivianerin heiratete und eine Familie gründete.

„Das war ein verdammtes Massaker, das dieser Hitler angestellt hat“, bemerkt der Taxifahrer, sichtlich noch immer erregt über das Schicksal seines Vaters. So gut das in der Kürze der Zeit, im morgendlichen Berufsverkehr und mit meinen begrenzten Spanischkenntnissen möglich ist, versuche ich zu erklären, dass man den Zehntausenden von Mittätern und den Millionen von Mitläufern Unrecht tut, wenn man ihren Beitrag am Holocaust kleinredet und so tut, wie wenn ein Mann im Alleingang zwölf Jahre lang im industriellen Ausmaß völkermorden kann.

Obwohl ich schon mehr als genug Arbeit dieser Art habe, starte ich spontan zu meiner persönlichen Wiedergutmachungsoffensive: „War Ihr Vater noch Deutscher als Sie geboren wurden? Dann hätten Sie nämlich auch die deutsche Staatsbürgerschaft.“ Das ist schließlich eines meiner juristischen Spezialgebiete. Und selbst wenn der Vater die deutsche Staatsbürgerschaft verloren hatte, so hätte sein Sohn jetzt einen Anspruch nach § 15 StAG. Aber ich will es jetzt nicht zu kompliziert machen.

Carlos, so heißt der potentielle Deutsche, will eigentlich gar nicht nach Deutschland, freut sich aber trotzdem über die Aussicht auf einen deutschen Pass: „Dann kann ich endlich meine Kinder in den USA besuchen, ohne ein Visum beantragen zu müssen.“ Wir vereinbaren, dass wir in Kontakt bleiben, dass er mir mehr Details zu seiner Familiengeschichte e-mailt und dass ich den Fall prüfen werde. Vom Fahrpreis von 70 Bolivianos lässt er mir trotzdem nichts nach.

jüdische Einwanderer in Bolivien
jüdische Emigranten in Bolivien

Die Informationsstelle Lateinamerika bietet einen guten Überblick über die jüdische Emigration nach Bolivien. Auch das Buch Hotel Bolivia von Leo Spitzer ist zu empfehlen.

Ganz besonders interessant ist die Geschichte des Ortes Chulumani, der versteckt in den fast unzugänglichen Yungas-Wäldern liegt. Hieher flohen einige der Juden aus Deutschland, weil sie sich in der abgeschiedenen Bergwelt Schutz erhofften. Aus dem gleichen Grund floh nach dem Zweiten Weltkrieg eine andere Gruppe Deutscher nach Chulumani: Hochrangige Nazis versteckten sich hier vor der Strafverfolgung. Zeitweise lebten Klaus Barbie (der bolivianische aber ebenfalls deutschstämmige Diktatoren beriet und währenddessen für den BND arbeitete) und angeblich auch Adolf Eichmann und Josef Mengele im gleichen Ort wie die Juden, die vor ihnen geflohen waren. Für die Bolivianer war es unerklärlich, dass sich diese Einwanderer untereinander nicht vertrugen, waren sie doch aus deren Sicht alle Deutsche.

Chulumani
Veröffentlicht unter Bolivien, Deutschland, Geschichte, Holocaust, Judentum, Recht, Reisen | Verschlagwortet mit , , , | 7 Kommentare

Personenkult in Bolivien

Es ist nicht so schlimm wie in Diktaturen, aber für eine Demokratie ist der Personenkult um Präsident Evo Morales doch etwas stark ausgeprägt. Am Flughafen in Cochabamba sieht man schon vom Rollfeld aus ein riesiges Poster des Präsidenten, und überall im Land hört, sieht und liest man „Evo“. Das ist zum Teil aufrichtige Bewunderung und Sympathie für den ersten indigenen Präsidenten, der auch nach Meinung einiger, die ihn niemals wählen würden, Boliviens Wirtschaft voran gebracht und lange vernachlässigte soziale Probleme angegangen hat. Zum anderen kommt es mir aber manchmal wie ein Ersatz für ein politisches Programm vor. „Er ist einer von uns“ anstatt Diskussionen über Bildung, ungleiche Vermögensverteilung, die Abhängigkeit von Rohstoffexporten u.s.w.

Nicht nur wegen dieses Personenkults stehe ich der geplanten Verfassungsänderung skeptisch gegenüber, mit der Präsident Morales die Möglichkeit der erneuten Wiederwahl des Präsidenten, also ganz konrekt seiner eigenen dritten Wiederwahl, einführen will. Hierüber findet am 21. Februar 2016 ein Referendum statt, dessen Ausgang ich als knapp erwarte, wobei die NO-Kampagne in den letzten Wochen durch einige Skandale Morales‘ Aufwind bekommen haben dürfte.

Darüber in den nächsten Tagen mehr (weil ich gerade auf Reisen im Osten Boliviens bin), aber um auf den Personenkult zurückzukommen, möchte ich Euch dieses Beispiel nicht vorenthalten, das ich heute Mittag im Bahnhof von Santa Cruz fotografiert habe.

Evo Morales dios.JPG

„Der Herr Präsident, möge Gott ihn auf ewig erleuchten.“ Etwas zwiespältig ist allerdings das kitschige Bild mit dem Baby auf dem Arm, denn einer der kürzlich aufgedeckten Skandale dreht sich um ein (weiteres) nichteheliches Kind des Präsidenten.

(Read this in English.)

Veröffentlicht unter Bolivien, Fotografie, Politik, Reisen | Verschlagwortet mit , | 6 Kommentare

Hier gibt es noch Guillotinen zu kaufen

Heute gesehen in Santa Cruz de la Sierra in Bolivien: Ein Laden, der Guillotinen anbietet.

guillotina

Vielleicht ist das noch ein Überbleibsel aus der Zeit, als es in Bolivien pro Jahr mindestens eine Revolution und einen Militärputsch gab.

Veröffentlicht unter Bolivien, Geschichte, Reisen, Sprache | Verschlagwortet mit | 2 Kommentare

In Bolivien habe ich meine Berufung gefunden

Ihr habt Euch wahrscheinlich schon gewundert, warum seit mehr als einem Monat kein neuer Artikel auf diesem Blog erschien. (Ehrlich gesagt haben sich weit weniger Leute gewundert als ich gehofft hatte. Von den Tausenden von Abonnenten haben sich nur zwei gemeldet und gefragt, ob alles in Ordnung sei. Ein sehr deprimierendes Ergebnis dieses kleinen Experiments.)

Nun, zuerst hatte ich ein paar Wochen kein Internet zuhause – das jetzt im wunderbar gemütlichen Cochabamba in Bolivien liegt -, dann hatte ich Arbeit nachzuholen, und schließlich habe ich eine Menge Zeit draußen und weit weg vom Computer verbracht, denn das Klima hier ist perfekt. Wirklich absolut perfekt.

Farmacia Boliviana

im Zentrum von Cochabamba

Die Weltreisenden unter Euch kennen das Gefühl vielleicht: Manchmal kommt man in ein Land, in dem man nie zuvor war, aber man merkt sofort „Dieses Land und ich passen zueinander“. So ging es mir in Bolivien. Die wunderschöne und abwechslungsreiche Natur, die ausserordentlich interessante Geschichte von den Inkas zu den deutschsprachigen Mennonitenkolonien, von den Revolutionen zu den Wasserkriegen, die farbenfrohen indigenen Kulturen, und natürlich die Bolivianer selbst. Vielleicht habe ich einfach extremes Glück, aber ich habe hier fast ausschließlich sehr freundliche, humorvolle, höfliche, gebildete, warmherzige, offene, interessante und hilfsbereite Menschen kennengelernt. Schon am ersten Tag fühlte ich mich wie zuhause. Ich war überwältigt von der Gastfreundschaft der Bolivianer, die mich einluden, mir ihre Stadt zeigten, mich mit ihren Freunden bekannt machten und jegliche erdenkliche Hilfestellung anboten.

panorama snow lady with hat

Cochabamba mit dem Tunari (5.020 m) im Hintergrund

Es scheint sich zu einem sich wiederholenden Merkmal meiner Reisen herauszubilden, dass ich mich am meisten für Länder erwärme und begeistere, die von vielen anderen Reisenden übersehen oder links liegen gelassen werden. Es tut mir richtig weh, wenn südamerikareisende Europäer fragen „Lohnt sich ein Abstecher nach Bolivien?“ Man müsste sich doch nur die Landkarte ansehen, um zu erkennen, dass Bolivien alle Klima-, geologischen und Vegetationszonen umspannt, von den Anden zum Amazonas, von Salzseen bis zur Savanne, vom tiefliegenden Pantanal bis zum Gipfel des Sajama mit 6,520 m. Sogar andere Südamerikaner tun Bolivien oft als „das ärmste Land des Kontinents“ ab, ohne irgend etwas anderes über Bolivien zu wissen oder auch nur erfahren zu wollen. Zugegeben, Flüge nach Bolivien sind teuer, selbst aus den Nachbarländern, was manche Besuchswillige wieder abschreckt. Aber es gibt ja auch Busse und romantische Zugverbindungen.

view from El Fuerte

Blick von El Fuerte bei Samaipata

Nun, Ihr habt in der Vergangenheit schon bemerkt, dass ich lieber in Ländern lebe und über Länder schreibe, die nicht jedes Jahr 100 Millionen Touristen durchschleusen. Also habe ich mich entschlossen, ein bißchen länger in Bolivien zu bleiben, das Land gründlich zu erkunden, und seine Geschichte, seine Kultur und die gegenwärtigen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Fragen zu studieren. Mal sehen, ob ich ein paar von Euch zu einem Besuch bewegen kann.

Glücklicherweise habe ich entdeckt, dass ich in Bolivien sogar mit meinen sonst unnützen Talenten Arbeit finden kann: Letztes Wochenende war ich in Quillacollo, als ich diese Menschenmenge einem Redner im Park lauschen sah. Weil gegenwärtig in Bolivien eine hitzige Debatte über ein Verfassungsreferendum am 21. Februar 2016 geführt wird, weil im Hintergrund Simón Bolívar stand und weil das am meisten meinem frommen Wunsch entsprochen hätte, nahm ich an, dass eine politische Diskussion im Gange war. Beeindruckt von der Anzahl der Menschen, die an solch einem Ereignis Interesse zeigten, näherte ich mich der Versammlung – und bemerkte, dass es sich in Wirklichkeit um einen Geschichtenerzähler handelte.

joke teller Quillacollo

ein Geschichtenerzähler mit seinem gespannten Publikum in Quillacollo

Ja, in Bolivien ist es ein anerkannter Beruf, im Park zu stehen und Witze oder Geschichten zu erzählen. Mein Spanisch war noch zu beschränkt, als dass ich verstanden hätte, worum es ging, aber der Erzähler legte eine starke Darstellung vor. Die Zuhörer waren sichtlich ergriffen. Mehr und mehr Menschen stießen hinzu. Als der Protagonist fertig war, wanderte ein Hut herum und wurde mit Gold- und Silbermünzen gefüllt.

Das ist die Lösung meiner ständigen finanziellen Bedrängnis! Ohne Zweifel habe ich eine Menge Geschichten zu erzählen. Ich rede gerne. Wer mich schon persönlich kennengelernt hat, wird bestätigen, dass ich stundenlang reden kann. Und ich habe einen schneidigen Hut, der darauf wartet, mit Münzen der Anerkennung gefüllt zu werden. – Jetzt muss ich nur meine Spanischstudien beschleunigen, und bald findet Ihr mich in einem Park in Eurer Stadt. Hasta luego!

(Read this article in English.)

Veröffentlicht unter Bolivien, Fotografie, Reisen | Verschlagwortet mit , | 24 Kommentare

Rallye Dakar in Argentinien und Bolivien

Mein Timing ist schlecht: Ich ziehe nach Bolivien, um Ruhe und Entspannung zu finden, und schon brummt und dröhnt die Rallye Dakar vorbei.

Die bekannte Wüstenrallye, die Paris aus dem Namen gestrichen hat, nennt sich noch immer Rallye Dakar, obwohl sie 2007 zum letzten Mal die Hauptstadt Senegals anfuhr. 2009 zog die Rallye nach Südamerika um.

In diesen Tagen düsen die Autos, Motorräder, Lastwagen und Quads durch Argentinien. Ab dem 7. Januar 2016 sind sie für ein paar Tage in Bolivien, um den Salzsee von Uyuni zu (zer)stören.

Dakar 2016 map

Ein paar Wochen, nachdem sich die Welt in Paris auf den weitgehenden Ausstieg aus fossilen Brennstoffen geeinigt hat, werden hier aus Jux und Tollerei Benzin und Diesel verbrannt und die Luft verpestet. Jeglicher Optimismus, den man nach der Vereinbarung von Paris haben hätte können (ich hatte keinen), verflüchtigt sich in den Staubwolken, die die PS-Boliden aufwirbeln.

Die direkten Auswirkungen auf die Umwelt und auf archäologische Schätze sind nicht besser. Aber Evo Morales, der sonst im ganzen Land Poster mit dem Motto „Im Einklang mit der Natur zu leben bedeutet ein gutes Leben“ aufhängt, findet dass die Rallye eine gute Werbung für Bolivien sei. Abgesehen davon, dass der Salzsee von Uyuni der letzte Ort in Bolivien ist, der noch der Reklame bedürfte, wäre das Geld besser angelegt, wenn man damit einem Reiseblogger ein Jahr lang den Aufenthalt in Bolivien finanziert, und dieser regelmäßig über Land und Leute berichtet. Zufällig stehe ich zur Verfügung.

Stattdessen läßt sich Bolivien von dem Sportunternehmen ASO das Geld aus der Tasche ziehen und setzt sogar das Militär für Logistik und die Sicherung der Strecke ein. Praktischerweise erstickt die Anwesenheit der Armee auch gleich jegliche Proteste, die sich sonst vielleicht gezeigt hätten, im Keim.

Mein größter Kritikpunkt an der Rallye Dakar ist, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes ein Mordsspektakel ist. Den Tod der Fahrer kann man noch als deren eigenes Risiko verbuchen. Aber in den 37 Jahren ihres Bestehens hat die Rallye insgesamt 65 Todesopfer gefordert. Darunter waren mehr Journalisten als auf das Konto so einiger Terrororganisationen gehen, und etliche Kinder, die halt mal über die Straße laufen, vielleicht weil sie gar niemand gewarnt hatte, dass dieser tödliche Zirkus durch ihr Dorf zieht.

Nani Roma of Spain and co-pilot celebrate winning the car title of the South American edition of the Dakar Rally 2014 in Valparaiso

„Tut uns leid wegen all der Toten. Aber es war ein Riesenspaß!“

Auch das diesjährige Rennen begann traditionsgemäß mit einer Fahrerin, die ein Dutzend Zuschauer niedermähte.

Wenn ich so fahren würde, käme ich (hoffentlich) vor Gericht. Nicht so bei der Rallye Dakar, deren Teilnehmer anscheinend rechtliche Immunität genießen.

(To the English version.)

Veröffentlicht unter Argentinien, Bolivien, Politik, Reisen, Sport, Technik | Verschlagwortet mit , , , | 2 Kommentare

Meine Abenteuer in Brasilien

Jetzt, wo ich an Bord eines Flugzeuges von Brasilien nach Bolivien und damit in Sicherheit bin, kann ich ein bißchen mehr über meine Abenteuer in Brasilien preisgeben.

Zum Glück gibt es bereits einen Film darüber. „OSS 117 – Er selbst ist sich genug“ ist auch auf Deutsch erhältlich, aber den Trailer habe ich bisher nur auf Französisch mit englischen Untertiteln auftreiben können.

Hier noch zwei Szenen aus der deutschsprachigen Fassung:

oss-117-lencois

Mein harter Arbeitsalltag.

Veröffentlicht unter Brasilien, Israel, Kino, Reisen | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar