Ihr habt Euch wahrscheinlich schon gewundert, warum seit mehr als einem Monat kein neuer Artikel auf diesem Blog erschien. (Ehrlich gesagt haben sich weit weniger Leute gewundert als ich gehofft hatte. Von den Tausenden von Abonnenten haben sich nur zwei gemeldet und gefragt, ob alles in Ordnung sei. Ein sehr deprimierendes Ergebnis dieses kleinen Experiments.)
Nun, zuerst hatte ich ein paar Wochen kein Internet zuhause – das jetzt im wunderbar gemütlichen Cochabamba in Bolivien liegt -, dann hatte ich Arbeit nachzuholen, und schließlich habe ich eine Menge Zeit draußen und weit weg vom Computer verbracht, denn das Klima hier ist perfekt. Wirklich absolut perfekt.

im Zentrum von Cochabamba
Die Weltreisenden unter Euch kennen das Gefühl vielleicht: Manchmal kommt man in ein Land, in dem man nie zuvor war, aber man merkt sofort „Dieses Land und ich passen zueinander“. So ging es mir in Bolivien. Die wunderschöne und abwechslungsreiche Natur, die ausserordentlich interessante Geschichte von den Inkas zu den deutschsprachigen Mennonitenkolonien, von den Revolutionen zu den Wasserkriegen, die farbenfrohen indigenen Kulturen, und natürlich die Bolivianer selbst. Vielleicht habe ich einfach extremes Glück, aber ich habe hier fast ausschließlich sehr freundliche, humorvolle, höfliche, gebildete, warmherzige, offene, interessante und hilfsbereite Menschen kennengelernt. Schon am ersten Tag fühlte ich mich wie zuhause. Ich war überwältigt von der Gastfreundschaft der Bolivianer, die mich einluden, mir ihre Stadt zeigten, mich mit ihren Freunden bekannt machten und jegliche erdenkliche Hilfestellung anboten.

Cochabamba mit dem Tunari (5.020 m) im Hintergrund
Es scheint sich zu einem sich wiederholenden Merkmal meiner Reisen herauszubilden, dass ich mich am meisten für Länder erwärme und begeistere, die von vielen anderen Reisenden übersehen oder links liegen gelassen werden. Es tut mir richtig weh, wenn südamerikareisende Europäer fragen „Lohnt sich ein Abstecher nach Bolivien?“ Man müsste sich doch nur die Landkarte ansehen, um zu erkennen, dass Bolivien alle Klima-, geologischen und Vegetationszonen umspannt, von den Anden zum Amazonas, von Salzseen bis zur Savanne, vom tiefliegenden Pantanal bis zum Gipfel des Sajama mit 6,520 m. Sogar andere Südamerikaner tun Bolivien oft als „das ärmste Land des Kontinents“ ab, ohne irgend etwas anderes über Bolivien zu wissen oder auch nur erfahren zu wollen. Zugegeben, Flüge nach Bolivien sind teuer, selbst aus den Nachbarländern, was manche Besuchswillige wieder abschreckt. Aber es gibt ja auch Busse und romantische Zugverbindungen.

Blick von El Fuerte bei Samaipata
Nun, Ihr habt in der Vergangenheit schon bemerkt, dass ich lieber in Ländern lebe und über Länder schreibe, die nicht jedes Jahr 100 Millionen Touristen durchschleusen. Also habe ich mich entschlossen, ein bißchen länger in Bolivien zu bleiben, das Land gründlich zu erkunden, und seine Geschichte, seine Kultur und die gegenwärtigen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Fragen zu studieren. Mal sehen, ob ich ein paar von Euch zu einem Besuch bewegen kann.
Glücklicherweise habe ich entdeckt, dass ich in Bolivien sogar mit meinen sonst unnützen Talenten Arbeit finden kann: Letztes Wochenende war ich in Quillacollo, als ich diese Menschenmenge einem Redner im Park lauschen sah. Weil gegenwärtig in Bolivien eine hitzige Debatte über ein Verfassungsreferendum am 21. Februar 2016 geführt wird, weil im Hintergrund Simón Bolívar stand und weil das am meisten meinem frommen Wunsch entsprochen hätte, nahm ich an, dass eine politische Diskussion im Gange war. Beeindruckt von der Anzahl der Menschen, die an solch einem Ereignis Interesse zeigten, näherte ich mich der Versammlung – und bemerkte, dass es sich in Wirklichkeit um einen Geschichtenerzähler handelte.

ein Geschichtenerzähler mit seinem gespannten Publikum in Quillacollo
Ja, in Bolivien ist es ein anerkannter Beruf, im Park zu stehen und Witze oder Geschichten zu erzählen. Mein Spanisch war noch zu beschränkt, als dass ich verstanden hätte, worum es ging, aber der Erzähler legte eine starke Darstellung vor. Die Zuhörer waren sichtlich ergriffen. Mehr und mehr Menschen stießen hinzu. Als der Protagonist fertig war, wanderte ein Hut herum und wurde mit Gold- und Silbermünzen gefüllt.
Das ist die Lösung meiner ständigen finanziellen Bedrängnis! Ohne Zweifel habe ich eine Menge Geschichten zu erzählen. Ich rede gerne. Wer mich schon persönlich kennengelernt hat, wird bestätigen, dass ich stundenlang reden kann. Und ich habe einen schneidigen Hut, der darauf wartet, mit Münzen der Anerkennung gefüllt zu werden. – Jetzt muss ich nur meine Spanischstudien beschleunigen, und bald findet Ihr mich in einem Park in Eurer Stadt. Hasta luego!
(Read this article in English.)