Aber welches ist mein Schiff?

Wie der treue Leser weiß, steche ich morgen in See. Schon seit einigen Tagen bin ich auf Gran Canaria, von wo aus ich nach Brasilien schippern werde.

Im Hafen von Las Palmas wollte ich schon mal nach meinem Boot sehen. Das war nicht so leicht wie gedacht, denn Schiffe gibt es hier mehr als Autos.

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Wie soll man hier das richtige Boot finden?

Nach einigem Durchfragen in den Hafenkneipen erbarmte sich ein alter Skipper, ging mit mir auf eines der Piers und zeigte auf das rostigste, heruntergekommenste Schiff im ganzen Hafen: „Das da, mein Junge, wird Dich nach Brasilien bringen. Wenn Du viel Glück hast.“

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Vielleicht meinte er aber auch eines der Kreuzfahrtschiffe im Hintergrund.

(In English.)

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Jetzt hängt alles auf Halbmast

Nach den Terroranschlägen in Paris wehen die Flaggen selbst in weit entfernten Orten wie Las Palmas auf Gran Canaria auf Halbmast.

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Aber wenn man die Kommentare liest und sich die Diskussionen anhört, die jedem Terroranschlag folgen, bekommt man den Eindruck, dass Einige auch ihre Hirne auf Halbmast gehängt haben.

(In English.)

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Die Brücken von Venedig

Die Rialto-Brücke, im Jahr 1524 erbaut, war bis 1854 die einzige Brücke über den Großen Kanal. Bereits seit dem 12. Jahrhundert gab es an dieser Stelle jedoch zuerst eine Ponton- und später eine Holzbrücke. Hinter den Metalltüren auf beiden Seiten der Brücke verstecken sich kleine Läden, die tagsüber geöffnet sind.

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Die Graffiti sind jüngeren Datums, glaube ich.

In den vergangenen 150 Jahren sind ein paar weitere Brücken über den Großen Kanal gebaut worden, aber noch immer muss man ziemlich weit laufen, um die nächste Brücke zu finden: die Accademia-Brücke.

Accademia BridgeIn den Stadtvierteln gibt es dagegen etliche kleine Brücken, die einen tiefer in das venezianische Labyrinth und nur mit viel Glück wieder heraus führen.

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Die Seufzerbrücke (Ponte dei Sospiri) hat ihren Namen nicht aus romantischen Gründen, sondern weil sie die letzte Brücke ist, die Verurteilte auf dem Weg ins Gefängnis passier(t)en.

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Als die Unterwelt anklopfte

Es war ungeheuerlich und furchteinflössend: Im Kalemegdan-Park in Belgrad ging ich gerade über eine Brücke, als sich der Boden unter meinen Füßen hob, mit heftigen Stößen und ächzend und stöhnend. Ich konnte nur ein Foto machen, dann rannte ich um mein Leben.

alien Kalemegdan

Ich habe mich seither noch immer nicht zurückgetraut.

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Massengräber in Europa

Drei Jahre nach dem Friedensnobelpreis an die EU haben wir wieder Massengräber in Europa. Diesmal können wir sie aber leichter ignorieren, weil sie tief auf dem Meeresgrund ruhen.

In einem Labor der Universität Milan versuchen Wissenschaftler, die Identität der Opfer festzustellen – Szenen, wie wir sie zuletzt nach den Jugoslawien-Kriegen gesehen haben.

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Belgrad in der Abenddämmerung

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Ich könnte die Namen und Funktionen der Gebäude anhand des Stadtplans rekonstruieren, aber ich hoffe jetzt einfach mal auf Belgrad-Kenner unter den Lesern, die uns erklären, was ich da alles fotografiert habe. 🙂

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„Wie kannst Du Dir all diese Reisen leisten?“

Diese Frage wird mir so oft gestellt, dass ich am liebsten erst einmal erklären würde, dass Reisen gar nicht viel kosten muss. In meinem Fall spare ich durch das Reisen sogar Geld, weil ich in den meisten Ländern billiger lebe als in Deutschland. Natürlich muss auch ich ein bißchen arbeiten, aber wer sagt, dass man dafür immer im gleichen Land leben muss?

Ich habe schon ausführlicher zu diesem Thema geschrieben und könnte stundenlang darüber reden. Aber manchmal, wenn mir wieder jemand klagt, wie gerne er auch um die Welt reisen würde, wenn er es sich nur leisten könnte, frage ich meinen Gesprächspartner nach seinem Telefon. Er holt dann ein neues Samsung/Apple/sonstwas-Telefon mit Touchscreen, Kamera, Internet, GPS, Taschenlampe und so weiter heraus, das etwa 500 € gekostet hat.

Dann krame ich mein Telefon aus der Hosentasche, knalle es auf den Tisch und erkläre: „Das ist der Grund, warum ich in diesem Jahr in 10 Ländern war, ohne allzu viel arbeiten zu müssen.“

Nokia old phone

“Wie hängt das denn zusammen?” fragt Ihr Euch. Das erkläre ich gerne: Dieses Telefon hat mich 6 € gekostet und tut seit 2009 zuverlässig seinen Dienst. Wenn Ihr Euch nur alle zwei Jahre ein neues iPhone kauft, habt Ihr in der gleichen Zeit mindestens 1.000 € ausgegeben. Mit den gesparten 994 € bekomme ich genug Flüge, um einmal um den Erdball zu reisen.

Vielleicht habt Ihr einen monatlichen Handyvertrag über 50 €, ich hingegen lade mein Mobiltelefon jeden Monat mit 5 € auf. Dadurch spare ich jeden Monat genug Geld für einen günstigen Flug oder ein Zugticket ans andere Ende des Landes. Diesen März flog ich z.B. für 70 € von Europa nach Israel und zurück. Sogar meine Kreuzfahrt über den Atlantik kostet weniger als Euer Telefon.

Das ist natürlich nur ein Beispiel von vielen. Auch für Kleidung gebe ich weniger als 100 € im Jahr aus –  und dabei ist der fesche Gabor-Hut, den ich in Rumänien erstand, schon mit eingerechnet. Alles andere kaufe ich im Second-Hand-Laden oder auf einem billigen Markt. Wie diejenigen von Euch, die mich schon getroffen haben, bezeugen können, sehe ich trotzdem tip-top aus. 😉

Nur mit meinen Schuhen gehe ich ein bißchen zu weit, und zwar im wörtlichen Sinn. Bald werden sie wohl auseinanderfallen.

shoes kaputt

Meine Laufschuhe haben noch viel mehr Löcher, aber trotzdem bin ich damit allein in diesem Jahr fünf Halbmarathons gelaufen. Glaubt mir, es liegt wirklich nicht an den Schuhen oder an der Ausrüstung, wie fit man ist.

Aber das war alles noch Pipifax im Vergleich zu dem, womit Ihr wirklich Geld verschwendet. Auf keinen Fall solltet Ihr Euch eine Freundin zulegen! Ok, jetzt ernsthaft: Hände weg von Immobilien und Autos.

Das ist mein Haus

kleines Haus

und das ist mein Auto.

Andreas Moser mit Auto

Nur ein Scherz! Natürlich würde ich niemals ein Haus oder ein Auto kaufen. Beides sind Fässer ohne Boden, in die Menschen ihr Geld werfen. Autos sind am schlimmsten. Als ich noch eins hatte, benutzte ich es vielleicht 5% der Zeit. Die verbleibenden 95% nahm es Platz weg, kostete Versicherung, Steuern und verlor an Wert. Wenn Ihr nicht gerade den ganzen Tag Pizzas damit ausfährt, ist ein Auto die schlechteste Investition, die Ihr machen könnt.

Ich höre jetzt auf mit den Beispielen, denn in diesem Artikel geht es nicht um Kleidung oder Telefone oder Autos. Es geht um Prioritäten und um Opportunitätskosten. Beschwert Euch nicht, dass Ihr nicht genug Geld für A habt, wenn Ihr es lieber für B ausgebt/verschwendet! Etwas ähnliches gilt übrigens auch für Zeit.

Und damit kommen wir zum wirklichen Luxus: Dadurch, dass ich weniger Geld benötige, habe ich umso mehr Freizeit, weil ich nicht so viel arbeiten muss. Eine echte Win-win situation, vor allem wenn man zeitintensive Hobbies hat, denen man relativ kostengünstig nachgehen kann, wie in meinem Fall das Reisen und Lesen.

Wenn ich Menschen sehe, die sich abschuften oder in einem Büro versauern, um etwas für eine spätere Reise anzusparen, frage ich mich, wieso sie nicht ihre Arbeit kündigen oder zumindest weniger arbeiten, um jetzt zu reisen. Die meisten sparen doch gar nicht wirklich für eine Weltreise, sondern arbeiten sich den Arsch ab, um ihre Vermieter, den Autohändler und die Bank noch reicher zu machen. Wenn Ihr für einen großen Traum sparen wollt, müsst Ihr Eure Prioritäten überdenken. Im Zug von Serbien nach Rumänien traf ich einen jungen Mann aus Tennessee, der sich auf einer mehrjährigen Weltreise befand. Er hatte nur ein Jahr gespart, aber in dem einen Jahr hatte er seine Wohnung aufgegeben, war wieder zu seinen Eltern gezogen, ging jeden Tag arbeiten statt auf Parties, betrank sich nicht und kaufte sich kein neues Telefon. „Manche 26-Jährige würden sagen, dass es schwer ist, wieder zu den Eltern zurückzuziehen. Aber das war es nicht, weil ich jeden Tag an meine Weltreise dachte. Ich wusste, wofür ich es tat.“ Nach meiner Erfahrung ist es wichtig, sich einen festen Zeitpunkt zu setzen, an dem man seinen Rucksack schultert und sich aufmacht. Wer schon den Job und die Wohnung küdigt, kann nicht so leicht zurück. Mit diesem selbst erzeugten Druck geht vieles.

Dabei behaupte ich nicht, dass es für jeden so einfach ist. Millionen von Menschen wissen nicht, wo sie heute ihr Essen herbekommen werden. Für die hört sich das alles wie ein Hohn an. Aber mal ehrlich, wenn Du Zeit hast, um meinen Blog zu lesen, gehörst Du zum glücklicheren Teil der Bevölkerung. Und dann kannst Du es genauso schaffen!

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Mit dem Boot durch Venedig

Eine der besten Eigenschaften von Venedig ist, dass es keine Autos gibt. Kein einziges. Null. Der gesamte Verkehr erfolgt auf dem Wasser, mit Booten. Das macht Venedig so einzigartig. Es ist ruhiger und entspannter als in anderen Städten mit ihren Autos, den verstopften Straßen, dem Lärm, den Abgasen und Unfällen. – Ich wünsche mir, dass mehr der Millionen von Venedig-Besuchern diese Lektion mit nach Hause nähmen und auf Ihr Auto verzichteten.

Die Post kommt mit dem Boot:

Die DHL- und UPS-Boote waren unter den ersten Booten, die ich nach meiner Ankunft in Venedig erspähte. Zuerst fand ich es amüsant, dass die Paketdienste anstatt der Lieferwagen, die man sonst überall auf der Welt sieht, Boote mit hren Logos verzieren. Aber schon nach einem kurzen Spaziergang durch die Stadt wird einem klar, dass dies selbstverständlich die einzige Transportmöglichkeit ist, die in Venedig praktikabel ist. –  In Venedig wurden sogar schon James Bond und Superman mit Booten gesehen.

Natürlich erfolgt auch der Transport von Personen mit dem Boot. Ich hatte den Eindruck, dass der Anteil des öffentlichen Nahverkehrs höher liegt als in Städten mit Straßen und Autos. Das Foto zeigt ein vaporetto, gewissermaßen einen Wasserbus. Es gibt 19 feste Routen, (Wasser-)Bushaltestellen und maschinenlesbare Karten, wie man sie aus London oder anderen modernen ÖPNV-Systemen kennt.

Manche der Linien werden auch nachts befahren.

Die Preise für die vaporetti für Touristen sind happig: 7 € für eine Fahrt. Anwohner bekommen es jedoch viel günstiger. Der Preis für den Wasserbus ist allerdings noch nichts im Vergleich zur Fahrt mit einer Gondel, die deshalb nur von Touristen gemietet werden. (Ich reiste ohne weibliche Begleitung, so dass ich mir diesen angeblich romantischen Schnickschnack ersparen konnte.)

Man muss sich keine Sorgen machen, wenn man mal aus Versehen ins Wasser fällt. Der „Krankenwagen“ kommt sofort, natürlich auch mit dem Boot.

Zuerst dachte ich, dass Venedig aufgrund der Boote gar keines der autobezogenen Probleme wie Staus oder Umweltverschmutzung hat. Es stellte sich aber heraus, dass es auch für Venezianer schwierig sein kann, einen Parkplatz zu finden.

Wenn man in Venedig umzieht, sieht das übrigens so aus:

Und auch die letzte Reise erfolgt mit dem Boot.

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Die Grabeskirche in Jerusalem

To the English version of this article.

Versteckt im Labyrinth der Altstadt Jerusalems sieht sie von außen recht unscheinbar aus. Fast könnte man vorbeilaufen an der Kirche, die die Kreuzigungstelle und das Grab Jesu beherbergt. In den Dutzenden von Kirchen, Kapellen und Schreinen die man im Inneren der Grabeskirche findet, kann man dann jedoch selbst als Atheist gut und gerne einige Stunden verbringen.

Hof Eingang

Hier sind Gottesdienste noch Geheimniskrämerei. Gesungen wird auf Latein, Altgriechisch oder Aramäisch. Die Mönche und Diakone sprechen aber auch Englisch, wenn sie die Besucherströme umzuleiten versuchen: “Move!” “It’s closed!” “This way!” Wie Türsteher vor einem beliebten Club. Die Tauben, die durch das Tor in die Kirche fliegen, stört das nicht.

Dem Sprachgewirr der Besucher könnte man entnehmen, dass die meisten Christen Russen sind. Genauer gesagt Russinnen, denn die Männer laufen ihren bekopftuchten Frauen eher gelangweilt hinterher. Die Frauen hingegen gucken so verzückt drein, wie wenn sie frisch verliebt wären. Nur Nigerianerinnen sind noch mehr in Trance als ihre russischen Glaubensschwestern. Viele von ihnen zünden gleich zwanzig Kerzen an. Nach wenigen Minuten räumt eine Nonne die eben erst gestifteten Kerzen wieder weg.

Nonne entfernt Kerzen

Bei den deutschen Besuchergruppen überwiegt das Abhaken von Listen. “Das ist die Helena-Kapelle.” “Aha, dann fehlt jetzt nur noch der Altar von Maria Magdalena.”

Gang

In der Grabeskirche kann man sich fühlen wie Indiana Jones auf Entdeckungstour. Auf einer Empore findet man den Kreuzigungsaltar.

Kreuzigungsaltar 2

Im Keller und im darunterliegenden zweiten Keller erkunde ich Kapellen, Grüfte und Krypten.

Keller
Grabmal

Und hinter dem Schrein für das eigentliche Jesusgrab, an dem lange Schlangen anstehen, ist eine unscheinbare Öffnung in der Wand, die durch immer niedriger und dunkler werdende Gänge zum Grabmal des Josef von Arimathäa führt.

Gruft1

Das elektrische Licht wurde hier noch nicht verlegt. Kerzen weisen den Weg. Ein Bild an der Wand ist bis zur Unkenntlichkeit verrußt.

Gruft2

Wenn man einen deutschen protestantischen Gottesdienst besucht, könnte man das Christentum für aufgeklärt halten, aber wenn man hier reihenweise Christen vor einem Stein knien sieht, den sie minutenlang küssen und über den sie Kerzen, Ikonen und Tischdecken drüberwischen, merkt man dass der Aberglaube lebt und fleißig Kirchensteuern zahlt.

Steinplatte
Steinplatte 2

Manche Pilger streichen dreimal über eine Ikone und verbeugen sich dabei jedes Mal. Eine Frau hat im Katholikon, der größten Kirche innerhalb der Grabeskirche, schon so lange ihren Kopf auf einen Steinsockel gelegt, dass ich glaube, sie ist eingeschlafen.

kniend

Weihrauch liegt in der Luft, wie um die geistige Benebelung durch medikamentöse zu ergänzen.

Weihrauch

Bei allem Unverständnis muss ich doch etwas Positives erwähnen: Hier sitzen, beten und singen Europäer, Inder, Asiaten (von denen übrigens alle Männer Sakko tragen), Afrikaner und Araber zusammen.

Eine Nonne ruft mir zu und ermahnt mich, dass ich meine Beine nicht übereinander schlagen darf. Sehr böse und ernsthaft guckt sie dabei aus ihrem Tschador. Wer denkt sich solche Regeln aus? In 13 Jahren Schulzeit wurde ich weniger ermahnt als während dieses einen Besuchs in der Kirche: hier nicht stehen, hier nicht fotografieren, hier nicht sitzen und – da hört mein Verständnis wirklich auf – wieso ich mich nicht hinknie. Ich bin hier zwar Gast, aber so weit lasse ich mich von den Gralshütern dann doch nicht herumschikanieren.

schlafender Äthiopier

Nicht viele Besucher verirren sich in den kleinen, nicht markierten Seiteneingang rechts vom Hof vor der Kirche. Aber die Tür steht offen. Der Wächter schläft, was in dem dunklen Raum kein Wunder ist. Vielleicht ist er auch schon tot.Wer weiß, wie oft hier aufgeräumt wird. Ausgeräumt werden könnte jederzeit bei so einem Bewacher. Trotzdem liegen ein paar Dollarnoten auf einem silbernen Teller.

Die Bilder in dieser Kirche sind farbenfroh, die Schrift kann ich nicht entziffern. Eine sehr enge, aus dem Stein gehauene Treppe führt mich nach oben. Auch hier der gleiche fremdartige Stil, nur etwas heller. Erst anhand der anderen Besucher erkenne ich, dass ich in einer äthiopischen Kirche bin. Das äthiopische ist eines der ältesten Christentümer der Welt und behielt durch seine Isolation vom Restchristentum einen ganz eigenen Charakter bei.

Bild Äthiopien

Mittlerweile bin ich auf dem Dach der Grabeskirche angelangt, von wo aus ich fünf Kirchtürme gleichzeitig sehe. Über dieses Dach gelangt man zu den orthodoxen Kopten. Bisher wusste ich nicht einmal, dass es verschiedene Kopten gibt. Das Christentum wird mit jedem weiteren Raum dieses Gebäudes komplizierter.

Tür1

Gerade will ich den Fuß über die Schwelle setzen, da sehe ich die Poster an der Tür und kann gerade noch entsetzt zurückweichen. Mir stockt der Atem. Was sucht das hier in einer Kirche? Fotos von im Sand knienden Männern in orangen Overalls, mit ihren Mördern dahinter. Jede Sekunde werden Haut, Adern, Fleisch durchtrennt.

Tür2

Natürlich handelt es sich um die ägyptischen Kopten, die im Februar 2015 in Libyen ermordet wurden, aber muss diese Grausamkeit an Kirchentüren ausgestellt werden? Soll hier der Märtyrergedanke wiederbelebt werden? Ist diese Propaganda nicht genau das, was ISIS will?

Als ich aus der Grabeskirche trete, erklingt von der nur 30 Meter entfernten Omar-Moschee der Ruf des Muezzin. Das gefällt mir an der Altstadt von Jerusalem, dass die drei abrahamischen Religionen auf engem Raum mal koexistieren, mal konkurrieren. Moscheen, Kirchen und Synagogen sind hier so eng neben-, über- und untereinander verschachtelt, dass eine Teilung der Stadt entlang von Religionsgrenzen unmöglich wäre.

Jerusalem roofs

All die in der Grabeskirche vertretenen christlichen Konfessionen sind sich übrigens untereinander nicht ganz grün. Seit 800 Jahren sind es deshalb die muslimischen Familien Joudeh und Nusseibeh, die die einzigen Schlüssel zu dieser heiligen Stätte des Christentums im Gewahrsam haben und allmorgendlich auf- und allabendlich zusperren.

Ausgang

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Bekehrungsversuche in Jerusalem

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Vor dem Tor zum Hof der Grabeskirche in Jerusalem warten zwei Muslime. Einer in weißer Dschallabija, dem langen untaillierten Gewand, und mit dem Bart, den Salafisten in Verruf gebracht haben. Der andere leger, aber auch mit Bart und Gebetskappe.

Freundlich sprechen sie mich an. Natürlich ist mir schon klar, worauf sie hinauswollen, aber interessehalber lasse ich mich darauf ein. „Do you hear this sound?“ fragt er, mit dem Finger nach oben zeigend, und bevor ich antworten kann: „This is the call of God. God is calling for you, my brother, to follow him.“ Ich weise darauf hin, dass es eher der Muezzin oder vielleicht eine Bandaufnahme ist, die durch die Altstadt dröhnt.

Er lacht, streckt mir seine Hand entgegen und stellt sich als Musa vor, der arabische Name für Moses und meinem nicht unähnlich. Ich verschweige dies lieber, nicht dass ich noch für einen Propheten gehalten und eingeladen werde, diesen Freitag die Predigt zu halten.

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Es folgt ein Hin und Her von religiösen und atheistischen Argumenten bzw. atheistischen Gegenfragen. Das habe ich schon dutzendfach mit den Zeugen Jehovas durchgemacht. Intellektuell besonders gefordert werde ich hier nicht. Das Gespräch verläuft so ähnlich, dass in mir der Verdacht keimt, dass sowohl Zeugen Jehovas als auch Muslimbrüder den gleichen Fernkurs im Bekehren von Ungläubigen absolviert haben. Sie sollten beide ihr Geld zurück verlangen.

Musas Kollege schenkt mir ein paar wohlschmeckende Erdbeeren, die er eben am Markt gekauft hat, sichtlich begeistert darüber, dass sich ein bärtiger Bruder auf ein längeres Gespräch eingelassen hat. Nach etwa zehn Minuten – der Muezzin ruft noch immer – werden die beiden aber ungeduldig. Sie schenken mir noch einen Koran in englischer Übersetzung, entschuldigen sich für die überhastete Beendigung der Diskussion – „It’s the call for prayer.“ – und eilen dann im Laufschritt davon, Richtung Tempelberg.

Die Visitenkarte, die sie mir übergeben haben, fragt auf der einen Seite „What is the religion of Jesus?“ und auf der Rückseite „?מהי דת הנביא משה“ („Was ist die Religion des Propheten Moses?“). Dass zwei Muslime vor einem christlichen Heiligtum in der Hauptstadt des Jüdischen Staates versuchen, Juden und Christen zum Islam zu bekehren, macht für mich gerade den Reiz Jerusalems aus. Als ich den Koran am Abend in der Bibliothek des Abraham-Hostels deponiere, stehen dort schon einige identische Exemplare.

Am nächsten Morgen will mich Jessy aus Tennessee schon beim Frühstück zum Christentum konvertieren und behauptet, im Roten Meer sei jetzt der Streitwagen von Moses gefunden worden, was die Geschichte mit der Teilung des Meeres beweise. Er entschuldigt sich jedesmal bei mir und bei Gott, wenn ihm ein „damn“, „bloody“ oder gar ein „fuck“ über die Lippen fährt. Dabei nerven mich seine Bibelzitate viel mehr.

Nach einigen Tagen Jerusalem wird es mir immer zu viel mit den ganzen Religionsfritzen. Ich packe meinen Rucksack und fahre in den Norden, um ein paar Tage zu wandern. Von Nazareth zum See Genezareth, der Wanderweg heißt Jesuspfad. Ganz entkommt man der Religion in Israel halt nie.

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