Es ist immer wieder amüsant und aufschlussreich, Egon Erwin Kischs Bücher aus längst vergangenen Zeiten zu lesen. In der Reportage Schwarzer Gottesdienst bei den Negerjuden von New York aus dem Jahr 1940 schreibt er:
Auf Schritt und Tritt von Lenox Avenue stellt sich „das große Problem Amerikas“ zur Schau: die Negerkinder. Sie werden mit größerer Geschwindigkeit und in größeren Quantitäten erzeugt als die weißen, und das ist die einzige Produktionssteigerung, auf welche die Patentpatrioten in den USA nicht stolz sind. „Gefahr ist im Verzuge“, rufen die Faschisten im zweiten Punkt ihres Programms, „in wenigen Jahren wird es mehr Neger als Weiße im Lande geben, das Weiße Haus wird zum Schwarzen Haus werden.“
Diesen Vorwürfen, die man jetzt wieder gegenüber Einwanderern oder in Osteuropa gegenüber den Roma hört, liegt der Trugschluss zugrunde, dass die Kinderzahl von Hautfarbe oder Religion abhänge. Sie geht aber ganz überwiegend mit der wirtschaftlichen Entwicklung einher. Je ärmer Menschen sind, desto mehr Kinder bekommen sie. Auch in Afrika und im Mittleren Osten sind die Geburtenraten in den Ländern mit positiver wirtschaftlicher Entwicklung in den letzten Jahrzehnten dramatisch zurückgegangen. Ganz abgesehen davon stellt sich natürlich die Frage, wieso dunkle Kinder etwas Schlechtes sein sollen, helle Kinder aber gefördert werden müssen.
„Ist es nicht Schmach und Schande“, alarmiert ein faschistischer Senator aus den Südstaaten den Kongress, „dass ein Neger amerikanischer Boxmeister ist? Morgen kann der Präsident der USA ein Neger sein.„
Ganz so schnell ging es dann nicht, und auch die vorhergesagte dramatische Bevölkerungsentwicklung trat nicht ein. Von 1940 bis 2008 erhöhte sich der Anteil der Afroamerikaner an der US-Bevölkerung gerade mal von 10% auf 13%. Demographische Prognosen liegen fast immer daneben, und die sture Fortschreibung von aktuellen Zahlen oder kurzfristigen Trends führt immer in die Irre. Am besten läßt man diese Prognosen ganz sein.
Nur durch die umliegenden Berge wirkt die Stadt weniger deprimierend als sie sonst wäre. Das war mein erster Gedanke beim Anblick Podgoricas. Ob Länder ohne Berge wohl eine höhere Selbstmordate haben, obwohl die Berge den Suizid eigentlich vereinfachen?
Düstere Gedanken in einer düsteren, grauen Stadt ohne besonderen Charme. Vor einer Apotheke hält mir jemand ein Arzneimittelrezept vor die Nase und will so ein paar Euro erbetteln. Ich widerstehe.
Ich war mit Marko zu einem Treffen verabredet, denn ich über Couchsurfing kennengelernt hatte und der mir eine Stadtführung angeboten hatte. Er schlug ein Treffen „am Platz im Zentrum, neben der Transformer-Statue“ vor. Samstag um 13 Uhr. Damit wir uns erkennen würden und weil ich kein Telefon hatte, zählte ich haargenau auf, welche Kleidung ich tragen würde und dass ich als Erkennungsmerkmal ein Notizbuch in der Hand halten würde. Samstag Nachmittag am zentralen Platz einer europäischen Hauptstadt schien mir genau die Kombination von Ort und Zeit zu sein, zu der man sich leicht verpaßt oder gezwungen wäre, wildfremde Menschen anzusprechen, um sie nach ihrer Identität zu fragen.
Durch einen kleinen Park spaziere ich Richtung Zentrum. Ein Obdachloser beginnt, mich anzusprechen, erblickt dann meine durchlöcherten Schuhe und entschuldigt sich mitleidsvoll. Ich beginne, die ersten positiven Seiten Podgoricas zu sehen: nette, sehr freundliche Menschen, attraktive Mädchen.
Am Platz der Republik angekommen, merke ich, wie übertrieben Marko die Detailtreue meiner Selbstbeschreibung vorgekommen sein muss. Der Platz im Zentrum der Hauptstadt ist menschenleer. Und windig. Und grau.
Jetzt verstehe ich auch, wer der Transformer ist. Ich dachte, es wäre jemand, der Montenegro transformiert hätte. Ein Held, ein Partisan, ein Stadtplaner, ein König, ein Mönch. So etwas wie die Jesus-Statue in Rio de Janeiro habe ich erwartet. Stattdessen ist es ein aus Altmetall und Autoreifen zusammengeschraubtes und mit einer übergroßen Tarnjacke überzogenes Abbild einer Figur aus dem „Transformer“-Film, circa 12 Meter hoch, mit bedrohlichen Klauen. Vielleicht traut sich deshalb niemand mehr auf den Platz.
Nach ein paar Minuten kommt Marko mit schnellen Schritten auf mich zu, wir begrüßen uns, und dann – „let’s go!“ – beginnt schon die Stadtführung. Marko ist so alt wie ich, seine Haare schon etwas grauer, er ist einen Kopf größer und einer der wenigen Menschen, die noch schneller gehen als ich. Durch die Fußgängerzone hastend erklärt er, dass es bis vor ein paar Jahren einen McDonalds in Podgorica gegeben habe, aber dass Montenegro jetzt das einzige Land in Europa ohne diese Fast-Food-Kette sei. „Ich nehme an, dass den Leuten hier das Essen nicht geschmeckt hat und dass McDonalds deshalb wieder abgezogen ist.“ Oder die Kinder hier sind weniger quengelig und beeinflussen die Restaurantwahl ihrer Eltern nicht so stark.
„Hier ist das Parlament.“ Ich will ein Foto machen, aber Marko eilt schon über die Straße, zur Brücke über die Morača. Er zeigt mir die Brücken, erwähnt die Namen, deutet die Stadtviertel auf der anderen Seite des Flusses an. Es ist offensichtlich, dass er diese Stadtführung schon oft gegeben hat.
Dann gehen wir auf einem kleinen Trampelpfad ins Gebüsch. Der Gedanke, sich mit einem fremden Mann, den ich nur übers Internet flüchtig kannte und erst vor fünf Minuten kennengelernt hatte, in einer fremden Stadt in einem fremden Land in die Büsche zu schlagen, kommt mir erst jetzt bei der Niederschrift komisch vor. Aber keine Sorge, liebe Leser. Erstens ist auf meine Menschenkenntnis Verlass, zweitens kannte Marko den Weg zur schönsten Stelle in Podgorica, den ich allein nie gefunden hätte: zum Zusammenfluss von Ribnica und Morača.
Eine alte Steinbrücke, die man nur über steile Treppen erreichen kann, geht über die Ribnica, die hier wie ein Gebirgsbach aus einem kleinen Wald herunterfließt.
„Wie in einem Nationalpark!“ entfährt es mir erstaunt, schließlich waren wir vor ein paar Minuten noch im Stadtzentrum.
Meine Versöhnung mit Podgorica hat begonnen. Aber ruckzuck geht es weiter, über die Brücke in das muslimische Viertel von Podgorica. Man fühlt sich hier wie in einem beliebigen Balkandorf mit Einfamilienhäusern, Hunden und Hühnern, Nachbarschaftsplausch über den hohen Zaun.
Der Turm des Minaretts hilft bei der Orientierung durch die engen Gassen. Auch der freistehende Uhrturm stammt aus der osmanischen Zeit.
Wenn ich hier nur mehr Erinnerungsbruchstücke abreisse, dann um das Tempo dieses Spaziergangs aufzuzeigen, und weil ich mich angesichts desselben zwischen Fotografieren und Schreiben entscheiden mußte und das Visuelle die Oberhand gewann. Ich wäre an vielen Orten gerne länger verweilt, hätte mir Notizen gemacht, aber Marko schien bald zu einem Termin zu müssen und ich war der sich dem unterzuordnen habende Gast.
Über die Brücke ans andere Ufer der Morača, dort durch einen großzügigen Park zum Winterpalast auf dem Kruševac-Hügel. Irgendetwas mit Königsfamilie, österreichische Besatzung im Ersten Weltkrieg, Krankenhaus, Museum für Tito-Bilder habe ich mir gemerkt, aber vielleicht bringe ich das durcheinander.
Weiter zum Denkmal des Metropoliten Petar I., der bis 1830 Bischof und Fürst von Montenegro war.
„Montenegro war mal eine Theokratie“, erklärt Marko, und nach 40 Minuten legt er zum ersten Mal eine kleine Pause ein, so dass ich ihn endlich fragen kann, was er eigentlich beruflich macht. Aufgrund der Detailtiefe seiner Erzählungen tippe ich auf Tourismusbranche, Stadtplaner oder Historiker. Tatsächlich ist er Mathematiklehrer, hat aber mangels familiärer Beziehungen keine Stelle gefunden oder die alte verloren und gibt jetzt Privatunterricht.
Zwischen einer Unterhaltung über das Verhältnis von Montenegrinisch und Serbisch sowie zwischen Montenegro und Serbien („Ich fühle mich als montenegrinischer Serbe, aber mein Bruder fühlt sich als serbischer Montenegriner.“) fragt mich Marko plötzlich freudig: „Willst Du Dir das Krankenhaus ansehen? Es ist gleich hier in dieser Straße.“ Die ängstlichen unter den Lesern denken jetzt an Organentnahmen und -handel, aber bis zu dieser Niederschrift kam mir dieser Gedanke nicht einmal in den Sinn.
Unter dem Eindruck, dass Marko wohl jemanden im Krankenhaus kennt, mit dem er mich bekannt machen will, stimme ich zu. Er spaziert aber einfach zur Notaufnahme und erklärt, dass er einen Besucher aus Deutschland mitgebracht habe, der sich mal umsehen wolle. Nun bin ich aber überhaupt kein Mediziner, so dass mir nur die scherzhafte Bemerkung einfällt, dass ich am morgigen Halbmarathon teilnehme und mir mal ansehen wollte, wo ich denn im Bedarfsfall eingeliefert würde.
Das bricht das Eis und die mittlerweile vier oder fünf Ärzte, Krankenschwestern oder Krankenpfleger (wie hält man das auseinander, wenn jeder weiße Kittel trägt?) erzählen von den Vorbereitungen auf den Halbmarathon, von den Fällen, die sie sonst so bekommen und fragen dann aber mehr, wie es mir in Montenegro gefällt, wie lange ich bleibe, was ich mir alles ansehen will. Eine ältere Krankenschwester versucht ihre jüngeren Kolleginnen zu verkuppeln, verwirrenderweise gleich mehrere auf einmal. Es geht locker, entspannt und humorvoll zu, aber – immerhin sind wir in der Notaufnahme – jede halbe Minute schaut jemand mit einem geschwollenen Auge, einem humpelnden Bein, einem schmerzverzerrten Gesicht durch die Tür. Jedes Mal zischen die Mediziner die Patienten an, dass sie auf dem Flur warten sollen. Ich komme mir fast so vor wie einer jener nervigen Politiker, die mit ihren Besuchen in öffentlichen Einrichtungen alles lahmlegen. Jetzt muss nur noch der alte Mann vorbeikommen, dem ich vor ein paar Stunden den Zuschuss zum lebensrettenden Medikament versagt habe. Schließlich ziehen wir weiter, aber nicht bevor mir jeder „good luck!“ für den morgigen Lauf gewünscht hat. Hoffentlich ist zwischenzeitlich keiner der wartenden Patienten verstorben.
In der Nähe der Klinik steht eine kleine Kirche, wie in einem Garten, umgeben von Bäumen, die sie überragen. Die schlichte Sankt-Georgs-Kirche (crkva svetog Đorđa) ist etwa tausend Jahre alt und eines der ältesten erhaltenen Bauwerke in Podgorica. Die Fresken stammen aus dem 16. Jahrhundert.
Von hier aus geht es auf den Gorica, den namensgebenden Hügel, der mitten in der Stadt thront. Eine grüne Oase, groß, ruhig, aber auch sehr steil. Marko wird nicht langsamer, ich bekomme hier ein ausgiebiges Training für den morgigen Halbmarathon. Auf all den Waldwegen verlaufen wir uns zum ersten Mal ein bißchen, aber da wir ganz nach oben wollen, verlieren wir das Ziel nicht aus den Augen. Nur vereinzelte Spaziergänger, Jogger und jugendliche Paare haben den weiten Weg bis hier hoch gefunden.
Es wäre ein schöner Ort, um den Sonnenuntergang zu beobachten, aber wir müssen weiter. Zuerst zum Partisanendenkmal, typisch jugoslawisch, typischer sozialistischer Brutalstil, aber in einer Stadt, die bis 1992 Titograd hieß, natürlich obligatorisch. Jetzt sieht es so aus, wie wenn es vefällt und kaum noch jemand der Partisanen gedenkt. Schade.
Mein Stadtführer eilt schon wieder voraus.
Zurück in der Stadt laufen wir zur Auferstehungskathedrale, eine jener großen, neuen Kirchen, die in allen orthodoxen Ländern Osteuropas aus dem Boden sprießen. Busse mit Wallfahrern stehen auf dem einkaufszentrumsgroßen Parkplatz.
Marko stellt sich als ziemlich religiös heraus, er zündet Kerzen an, küsst Ikonen, verbeugt sich vor Altären. Mit viel Weihrauch und Gesang ist gerade eine Taufe im Gange.
Mit all dem Herumrennen sind sowohl Zeit für als auch Appetit auf ein spätes Mittag- oder frühes Abendessen gekommen. „Let’s eat at the church“, schlägt Marko vor. Na gut, ich bin zwar Atheist, aber die meisten Priester sehen wohlgenährt aus, also kann das Essen nicht schlecht sein. Verwirrenderweise gehen wir dann doch in die Fußgängerzone, wo sich das Rätsel auflöst, als wir in ein Restaurant mit dem Namen „The Church“ eintreten.
Holzgetäfelt-rustikal mit einer niederen Decke, Ikonen und Bildern von Klöstern an den Wänden. Aus den Lautsprechern dringen sanfte Choräle.
Das Restaurant wird tatsächlich von der orthodoxen Kirche betrieben, womit das Geld laut Marko „einem guten Zweck“ zugute kommt. Speisekarte gibt es keine, der Kellner erklärt einfach was heute gekocht wurde (Huhn mit Reis), und der Gast sagt ja oder nein. Wir ordern mit einem doppelten Ja.
Ein mit Büchern über Montenegro, seine Geschichte und natürlich die Religion gut bestücktes Bücherregal steht neben der Eingangstür. Wir blättern gemeinsam durch die Bildbände und stellen meine Route für die nächste Woche zusammen. Wenn ich eines der Bücher mitnehmen möchte, sei das kein Problem, ich könne es einfach nach ein paar Tagen wieder zurückbringen.
Mir wird volles Vertrauen entgegengebracht, weil es keinen Grund gibt, mir nicht zu vertrauen. Genauso gibt es keinen Grund, anderen Menschen nicht zu vertrauen. Wer davor zurückschreckt, verzichtet auf so vieles und schränkt seine Erfahrungen ein. Deshalb nütze ich zum Beispiel Couchsurfing, um mich mit vorher Fremden zu verabreden, wenn ich reise. So wurde aus dem anfänglich tristen und grauen Podgorica innerhalb eines Nachmittags eine interessante und lebendige Stadt.
Ein weiterer Aspekt für die Migrationsdebatte: Auswander sind mutiger, risikobereiter, aktiver, freiheitsliebender als die Zurückbleibenden.
Das wußte schon General Patton.
Aus seiner Botschaft an die alliierten Truppen, als diese am 10. Juli 1943 mit der Landung auf Sizilien zum ersten Mal europäischen Boden betraten:
„Wenn wir gelandet sind, so werden wir auf deutsche und italienische Soldaten treffen, die anzugreifen und zu vernichten unsere Ehre und unser Vorrecht ist.
Viele unter Euch haben deutsches und italienisches Blut in den Adern; denkt jedoch daran, dass diese Eure Vorfahren so sehr die Freiheit liebten, dass sie Heim und Heimat aufgaben, um jenseits des Weltmeers Freiheit zu suchen. Die Vorfahren der Menschen, die uns zu töten obliegt, ermangelten des Mutes, um ein solches Opfer zu bringen, und blieben daher Knechte.“
Dass man aus der Provinz stammt, merkt man daran, dass man jedes Mal erfreut hochschnellt, wenn der Heimatort in einem Buch oder auch nur in einer überregionalen Zeitung erwähnt wird. Bei der Lektüre der Gesammelten Werke von Egon Erwin Kisch (sehr empfehlenswert!) stieß ich in der kurzen Erzählung Die Reisen des Samuel Kiechel doch tatsächlich auf Amberg, die damalige Hauptstadt der Oberpfalz in Bayern.
Viel interessanter ist die weitere Reise des damals 22-Jährigen aus Ulm, der „- man bedenke, dass es im sechzehnten Jahrhundet war! – ganz Deutschland, Holland, England und Schweden, Dänemark, Russland, Polen, Mähren, Wien, ganz Kärnten, Italien, Syrien, Damaskus, Jerusalem, Arabien, Sinai, Ägypten, Konstantinopel und Candia [heute Heraklion auf Kreta]“ erkundete. Aber den Lokalpatrioten unter meinen Lesern wird die farblich markierte Passage über Amberg das Herz mehr erwärmen als es Reiseberichte aus dem Nahen Osten, ob von Kiechel, Kisch oder mir, vermögen.
Die Reiseberichte von 1585 wurden im Jahr 1866 transkribiert und veröffentlicht, ohne allerdings aus dem spätmittelalterlichen ins aktuellere Deutsch übertragen worden zu sein. Hier die relevante Passage im Original:
Jetzt bin ich gespannt, ob sich ein Heimatkundler meldet, der weiß, was es mit der außerhalb Ambergs gelegenen Schindhütte auf sich hat und ob ein Nachfolger existiert. Und überhaupt wäre es doch mal ein interesantes Projekt, die Reiseberichte Kiechels ins aktuelle Deutsch zu übertragen und die Route nachzuwandern.
Nach vier krankenversicherungslosen Jahren (dieser ganze bürokratische Kram ist mir als Jurist zuwider) habe ich mich vor meinem Umzug in das mit Malaria, Gelb- und Denguefieber nur so strotzende Südamerika kurzzeitig mit dem Gedanken getragen, doch mal wieder mit einer Assekuranz zu kontrahieren. Schließlich schmerzt bürokratischer Kram bei aller Abneigung weniger als die immunisierenden Spritzen, die einem frustriert-sadistische Ärztinnen in den sportlich wohlgeformten Popo jagen wollen.
Dabei bin ich auf ein lustiges Angebot gestoßen: eine Versicherung für die Rückführung im Todesfall. Veträge zu verkaufen, die einzulösen man für die Zeit nach dem Tod des Vertragspartners verspricht, ist grundsätzlich ein profitables Geschäftsmodell. Wer solche Versicherungspolicen abschließt, möge mich bitte kontaktieren, um mir ein langfristiges Darlehen zu gewähren.
Auch der Öko in mir kann diese Idee nicht gutheißen. Wenn diese Unsitte überhand nimmt, ist der Himmel bald voll mit Flugzeugen, die Leichen, Leichenteile, Särge, Urnen und Seelen von einem Kontinent zum anderen fliegen. Einige dieser Flugzeuge werden kollidieren, ihre Insassen dabei kollabieren, und man benötigt noch mehr Flugzeuge und wagemutige Piloten, die noch mehr Leichen herumfliegen. Und so weiter. Deutsche Au-Pair-Mädchen werden aus Australien, indische Gastarbeiter aus Südafrika, der Botschafter eines obskuren Zwergstaats in die Karibik zurückgeflogen. Ein weltweites Leichenkarussell.
Es ist zwar schon 2015, aber vielleicht muss ich das nochmal erklären: tot ist tot. Es kommt wirklich nichts mehr danach. Und selbst die meisten Menschen, die dem gegenteiligen Irrglauben verhaftet sind, glauben nicht, dass dieses „etwas“ von ihrer Körperlichkeit abhinge, sonst würden sie sich doch nicht in einem letzten pyromanischen Akt einäschern lassen.
Wo auf dieser weiten Welt man vor sich hingammelt und zu Kompost wird, sollte also wirklich egal sein. Ich gehe noch einen Schritt weiter: Ich verbiete hiermit ausdrücklich meine Rückführung im Todesfall!Ich halte esnämlich für eine geradezu romantische Vorstellung, dass meine letzte Ruhestätte durch den Zufall eines Zugunglücks in Bangladesch, das Erfrieren beim Besteigen des Huayna Potosí in Bolivien oder das erschöpfte Vom-Fahrrad-Fallen in der Steppe Kirgistans bestimmt wird. Noch romantischer wäre eigentlich das Verschollengehen, aber in Deutschland gibt es natürlich auch hierfür ein Gesetz, dessen Lektüre jegliche Livingstone-Mallory-Earhart-Romantik zunichte macht.
Dabei geht es mir gar nicht um mich selbst, an dessen fortgesetzte Existenz nach dem Versagen der Herzpumpe ich bekanntermaßen nicht glaube. Ich hege vielmehr die Hoffnung, dass meine Verwandten, Freunde und Leser dieses Blogs, wenn sie eine Blume oder einen Stein niederlegen wollen, in ein Land reisen müssen, in das sie sonst nie gekommen wären. Die, die sonst nie ihre Kleinstadt verlassen, werden plötzlich zu Entdeckern und Abenteurern. In ein sonst ruhiges Bergdorf in Bhutan, auf eine Farm in Sambia oder zum Markierungsstein für Kilometer 2.300 auf der Ruta Nacional 40 in Argentinien kommen die Pilger aus allen Richtungen.
Während der langen Anreise lesen sie meine Bücher, und wenn sie die freundlichen Fremden kennenlernen, merken sie, wie sie ihr Leben vergeudet haben, indem sie jahrein, jahraus ins Büro rennen, anstatt sich die Welt anzusehen. Sie kabeln die Kündigung ihres Arbeitsvertrags, ihrer Wohnung, vielleicht Ihrer Ehe nach Hause und beginnen ein neues Leben, genau dort wo meines geendet hat.
In Wirklichkeit wird natürlich niemand vorbeischauen, wenn man als Toter nicht zufällig auf dem Weg zum Supermarkt liegt und wenn kein kostenloser und bitteschön schattiger Parkplatz vor dem Friedhof bereitsteht.
Ach ja, das mit der Krankenversicherung habe ich dann übrigens sein gelassen. Zu teuer.
Die Fähre wird sich in der Adria wahrscheinlich in 7 kleinere Boote aufteilen, die sich dann für ein paar Jahre bekriegen, bevor sie alle einen EU-Hafen anlaufen.
Geographie war anscheinend nicht die starke Seite des von mir vor Urzeiten besuchten Gregor-Mendel-Gymnasiums in Amberg. Denn von Suriname habe ich erst jetzt bei der Vorbereitung meiner Südamerikareise Näheres erfahren, und von seiner Hauptstadt Paramaribo habe ich gar zum ersten Mal gehört. Aber als ich das Foto einer Moschee neben einer Synagoge sah (dazu gibt es noch Kirchen und einen Hindu-Tempel in der Stadt), bekam ich eine Vorahnung davon, dass Suriname eines der interessantesten Länder auf meiner Reise werden könnte. Die Straße, in der die beiden Gotteshäuser friedlich nebeneinander stehen, heißt, und das machte meine Begeisterung über diesen Kulturmix komplett, Keizerstraat (Kaiserstraße).
Kann es sein, dass dieses Land im südamerikanischen Dschungel mit seiner indischen, kreolischen, indonesischen, maroonischen, chinesischen und niederländischen Bevölkerung, unter der Christen, Hindus, Muslime, Buddhisten, Juden und hoffentlich auch ein paar Atheisten sind, in Zeiten verstärkter Einwanderung und Vielfalt in Europa ein paar Lektionen für uns bereithält? Die Geschichte Surinams hört sich danach an, dass Multi-Kulti nichts Neues ist und dass die „Ströme“ von Einwanderern nach Europa gering sind im Vergleich zu dem, was andere Kontinente zu anderen Zeiten aufgenommen haben, inklusive der Auswanderer aus Europa. Wenn kleine südamerikanische Länder das schaffen, warum sollte dann nicht auch Europa von einem Mix aus verschiedenen Kulturen, Sprachen und Religionen profitieren?
Nächstes Jahr werde ich das hoffentlich herausfinden!
Als Student an der Universität Belgrad folgt man dieser Aufforderung gerne, führt sie einen doch in eines der schönsten Gebäude der Stadt.
Und nach der überraschenden Nachricht über das bewilligte Stipendium kann man sich gegenüber im Studentski Park entspannen. In unmittelbarer Nachbarschaft zur philosophischen und philologischen Fakultät trifft man hier nicht nur hüsche, sondern auch intelligente Mädchen. Mich selbst haben allerdings nur ein Junge und ein älteres Ehepaar angesprochen, mit denen ich mich dann aber den ganzen Nachmittag bestens unterhalten habe.
Im Januar oder Februar 2016 werde ich irgendwo auf dem Amazonas treiben, auf einem flussaufwärts segelnden Boot, und von Tag zu Tag tiefer in den Dschungel eintauchen. Auf dem Weg zu einem der vielen Zuflüsse des Amazonas kann es gut sein, dass letztlich der Zufall entscheidet, wo ich landen werde.
Es gibt im Wesentlichen drei Möglichkeiten:
Ein Boot nach Iquitos in Peru und von dort aus wiederum weiter mit dem Boot ins Landesinnere von Peru (die Fitzcarraldo-Route).
Mit etwas Glück und viel Geduld finde ich vielleicht ein Boot nach Cobija in Bolivien, wobei auf dieser Route kein regelmäßiger Schiffsverkehr zu laufen scheint und Cobija während der Regenzeit vom Rest des Landes abgeschnitten ist.
Ich kann in Tabatinga (Brasilien) von Bord gehen und über die Grenze nach Leticia in Kolumbien spazieren. Das hat auch seine Tücken, weil kein Fluss existiert, der Leticia mit dem Rest Kolumbiens verbindet, und weil die nächste Fernstraße 800 km weit weg liegt. Ich müsste also durch den Dschungel marschieren, was an sich schon beängstigend ist, aber in Kolumbien dadurch noch furchterregender wird, dass genau dort seit mehr als 50 Jahren der Bürgerkrieg zwischen der kolumbianischen Regierung und den FARC-Rebellen tobt. Die FARC hat die lästige Angewohnheit, Touristen zu ermorden, weil sie diese für Spione halten, sobald sie eine Kamera oder ein GPS-Gerät bei sich tragen.
Die Linien sind Flüsse und Grenzen, keine Straßen. Es gibt dort keine Straßen.
Gerade rechtzeitig für meinen Ausflug nach Südamerika scheint sich das letztgenannte Problem zu lösen. Zumindest machen die kolumbianische Regierung und die FARC große Fortschritte zur Beilegung des am längsten andauernden Konflikts der westlichen Hemisphäre. Sie befinden sich auf der Zielgeraden zu einem Friedensabkommen. Das sind gute Nachrichten, auch wenn die Frist für die endgültige Einigung im März 2016 bedeutet, dass ich den undurchdringlichen und hochgefährlichen Dschungel noch während des Bürgerkrieges, bestenfalls während eines Waffenstillstands, durchqueren werde. Ich hoffe einfach darauf, dass alle Beteiligten des Kämpfens schon müde sind und die Rebellen emsig mit dem Erstellen ihrer Lebensläufe und dem Aushandeln von Buchverträgen anstatt mit Geiselnahmen beschäftigt sind.
Nun da dieses Problem aus dem Weg geschafft wird, hoffe ich, dass jemand einen Friedensvertrag mit den Piranhas und den Anacondas aushandelt.
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War von Euch schon mal jemand in dem oben angesprochenen Eck des Regenwaldes und hat Erfahrungen mit einer oder mehrerer der angedachten Routen? Danke! ¡Gracias!
“Cabin crew, prepare for landing” kam das Kommando durch die Lautsprecher und füllte die leise Kabine des frühmorgendlichen Flugs von Belgrad nach Podgorica. „Wo kann man hier landen?“ fragte ich mich etwas besorgt, denn ich hatte nur dramatische Berge, teilweise mit Schnee bedeckt, und dazwischen ein paar Seen erblickt.
Der kurze Flug von der serbischen in die montenegrinische Hauptstadt war mir eher wie ein landschaftlich reizvoller Rundflug als wie eine Personenbeförderung von A nach B vorgekommen. Die Sonne brach nur sporadisch durch die Wolken und hellte das dunkle, schaurige Licht der Berge etwas auf. Aber immer wenn die Sonne sich durchgesetzt hatte, benötigten die Berge nicht lange, um ihre wolkige Decke mit Nachdruck zurückzuziehen, wie wenn sie um 30 weitere Minuten Schlaf rangen. Jetzt verstand ich, woher der Name kam: Montenegro, die schwarzen Berge.
Sogar der kleine Flughafen kam mir eher wie ein Gebirgskurort vor. In solch einem Land muss es einfach gewesen sein, den genauen Ort für den Flughafen zu bestimmen. Man nimmt das einzige einigermaßen flache Stück Land, das man finden kann, und enteignet den Landwirt, dem es gehört. Das Fughafen-Kürzel TGD deutet noch auf die jugoslawische Vergangenheit hin: Titograd.
Zu Eurer großen Enttäuschung gebe ich beim Fliegen mein gesamtes Gepäck auf, einschließlich der Kamera, weil ich gerne mit nichts weiter als einem Buch an Bord gehe. So konnte ich erst vom Flughafen aus ein Foto machen, was ich zutiefst bedauerte.
Beim Rückflug von Tivat nach Belgrad wollte ich diesen Fehler wettmachen, aber an jenem Tag war die Wolkendecke zu dicht.