Ein weiterer Aspekt für die Migrationsdebatte: Auswander sind mutiger, risikobereiter, aktiver, freiheitsliebender als die Zurückbleibenden.
Das wußte schon General Patton.
Aus seiner Botschaft an die alliierten Truppen, als diese am 10. Juli 1943 mit der Landung auf Sizilien zum ersten Mal europäischen Boden betraten:
„Wenn wir gelandet sind, so werden wir auf deutsche und italienische Soldaten treffen, die anzugreifen und zu vernichten unsere Ehre und unser Vorrecht ist.
Viele unter Euch haben deutsches und italienisches Blut in den Adern; denkt jedoch daran, dass diese Eure Vorfahren so sehr die Freiheit liebten, dass sie Heim und Heimat aufgaben, um jenseits des Weltmeers Freiheit zu suchen. Die Vorfahren der Menschen, die uns zu töten obliegt, ermangelten des Mutes, um ein solches Opfer zu bringen, und blieben daher Knechte.“
Dass man aus der Provinz stammt, merkt man daran, dass man jedes Mal erfreut hochschnellt, wenn der Heimatort in einem Buch oder auch nur in einer überregionalen Zeitung erwähnt wird. Bei der Lektüre der Gesammelten Werke von Egon Erwin Kisch (sehr empfehlenswert!) stieß ich in der kurzen Erzählung Die Reisen des Samuel Kiechel doch tatsächlich auf Amberg, die damalige Hauptstadt der Oberpfalz in Bayern.
Viel interessanter ist die weitere Reise des damals 22-Jährigen aus Ulm, der „- man bedenke, dass es im sechzehnten Jahrhundet war! – ganz Deutschland, Holland, England und Schweden, Dänemark, Russland, Polen, Mähren, Wien, ganz Kärnten, Italien, Syrien, Damaskus, Jerusalem, Arabien, Sinai, Ägypten, Konstantinopel und Candia [heute Heraklion auf Kreta]“ erkundete. Aber den Lokalpatrioten unter meinen Lesern wird die farblich markierte Passage über Amberg das Herz mehr erwärmen als es Reiseberichte aus dem Nahen Osten, ob von Kiechel, Kisch oder mir, vermögen.
Die Reiseberichte von 1585 wurden im Jahr 1866 transkribiert und veröffentlicht, ohne allerdings aus dem spätmittelalterlichen ins aktuellere Deutsch übertragen worden zu sein. Hier die relevante Passage im Original:
Jetzt bin ich gespannt, ob sich ein Heimatkundler meldet, der weiß, was es mit der außerhalb Ambergs gelegenen Schindhütte auf sich hat und ob ein Nachfolger existiert. Und überhaupt wäre es doch mal ein interesantes Projekt, die Reiseberichte Kiechels ins aktuelle Deutsch zu übertragen und die Route nachzuwandern.
Nach vier krankenversicherungslosen Jahren (dieser ganze bürokratische Kram ist mir als Jurist zuwider) habe ich mich vor meinem Umzug in das mit Malaria, Gelb- und Denguefieber nur so strotzende Südamerika kurzzeitig mit dem Gedanken getragen, doch mal wieder mit einer Assekuranz zu kontrahieren. Schließlich schmerzt bürokratischer Kram bei aller Abneigung weniger als die immunisierenden Spritzen, die einem frustriert-sadistische Ärztinnen in den sportlich wohlgeformten Popo jagen wollen.
Dabei bin ich auf ein lustiges Angebot gestoßen: eine Versicherung für die Rückführung im Todesfall. Veträge zu verkaufen, die einzulösen man für die Zeit nach dem Tod des Vertragspartners verspricht, ist grundsätzlich ein profitables Geschäftsmodell. Wer solche Versicherungspolicen abschließt, möge mich bitte kontaktieren, um mir ein langfristiges Darlehen zu gewähren.
Auch der Öko in mir kann diese Idee nicht gutheißen. Wenn diese Unsitte überhand nimmt, ist der Himmel bald voll mit Flugzeugen, die Leichen, Leichenteile, Särge, Urnen und Seelen von einem Kontinent zum anderen fliegen. Einige dieser Flugzeuge werden kollidieren, ihre Insassen dabei kollabieren, und man benötigt noch mehr Flugzeuge und wagemutige Piloten, die noch mehr Leichen herumfliegen. Und so weiter. Deutsche Au-Pair-Mädchen werden aus Australien, indische Gastarbeiter aus Südafrika, der Botschafter eines obskuren Zwergstaats in die Karibik zurückgeflogen. Ein weltweites Leichenkarussell.
Es ist zwar schon 2015, aber vielleicht muss ich das nochmal erklären: tot ist tot. Es kommt wirklich nichts mehr danach. Und selbst die meisten Menschen, die dem gegenteiligen Irrglauben verhaftet sind, glauben nicht, dass dieses „etwas“ von ihrer Körperlichkeit abhinge, sonst würden sie sich doch nicht in einem letzten pyromanischen Akt einäschern lassen.
Wo auf dieser weiten Welt man vor sich hingammelt und zu Kompost wird, sollte also wirklich egal sein. Ich gehe noch einen Schritt weiter: Ich verbiete hiermit ausdrücklich meine Rückführung im Todesfall!Ich halte esnämlich für eine geradezu romantische Vorstellung, dass meine letzte Ruhestätte durch den Zufall eines Zugunglücks in Bangladesch, das Erfrieren beim Besteigen des Huayna Potosí in Bolivien oder das erschöpfte Vom-Fahrrad-Fallen in der Steppe Kirgistans bestimmt wird. Noch romantischer wäre eigentlich das Verschollengehen, aber in Deutschland gibt es natürlich auch hierfür ein Gesetz, dessen Lektüre jegliche Livingstone-Mallory-Earhart-Romantik zunichte macht.
Dabei geht es mir gar nicht um mich selbst, an dessen fortgesetzte Existenz nach dem Versagen der Herzpumpe ich bekanntermaßen nicht glaube. Ich hege vielmehr die Hoffnung, dass meine Verwandten, Freunde und Leser dieses Blogs, wenn sie eine Blume oder einen Stein niederlegen wollen, in ein Land reisen müssen, in das sie sonst nie gekommen wären. Die, die sonst nie ihre Kleinstadt verlassen, werden plötzlich zu Entdeckern und Abenteurern. In ein sonst ruhiges Bergdorf in Bhutan, auf eine Farm in Sambia oder zum Markierungsstein für Kilometer 2.300 auf der Ruta Nacional 40 in Argentinien kommen die Pilger aus allen Richtungen.
Während der langen Anreise lesen sie meine Bücher, und wenn sie die freundlichen Fremden kennenlernen, merken sie, wie sie ihr Leben vergeudet haben, indem sie jahrein, jahraus ins Büro rennen, anstatt sich die Welt anzusehen. Sie kabeln die Kündigung ihres Arbeitsvertrags, ihrer Wohnung, vielleicht Ihrer Ehe nach Hause und beginnen ein neues Leben, genau dort wo meines geendet hat.
In Wirklichkeit wird natürlich niemand vorbeischauen, wenn man als Toter nicht zufällig auf dem Weg zum Supermarkt liegt und wenn kein kostenloser und bitteschön schattiger Parkplatz vor dem Friedhof bereitsteht.
Ach ja, das mit der Krankenversicherung habe ich dann übrigens sein gelassen. Zu teuer.
Die Fähre wird sich in der Adria wahrscheinlich in 7 kleinere Boote aufteilen, die sich dann für ein paar Jahre bekriegen, bevor sie alle einen EU-Hafen anlaufen.
Geographie war anscheinend nicht die starke Seite des von mir vor Urzeiten besuchten Gregor-Mendel-Gymnasiums in Amberg. Denn von Suriname habe ich erst jetzt bei der Vorbereitung meiner Südamerikareise Näheres erfahren, und von seiner Hauptstadt Paramaribo habe ich gar zum ersten Mal gehört. Aber als ich das Foto einer Moschee neben einer Synagoge sah (dazu gibt es noch Kirchen und einen Hindu-Tempel in der Stadt), bekam ich eine Vorahnung davon, dass Suriname eines der interessantesten Länder auf meiner Reise werden könnte. Die Straße, in der die beiden Gotteshäuser friedlich nebeneinander stehen, heißt, und das machte meine Begeisterung über diesen Kulturmix komplett, Keizerstraat (Kaiserstraße).
Kann es sein, dass dieses Land im südamerikanischen Dschungel mit seiner indischen, kreolischen, indonesischen, maroonischen, chinesischen und niederländischen Bevölkerung, unter der Christen, Hindus, Muslime, Buddhisten, Juden und hoffentlich auch ein paar Atheisten sind, in Zeiten verstärkter Einwanderung und Vielfalt in Europa ein paar Lektionen für uns bereithält? Die Geschichte Surinams hört sich danach an, dass Multi-Kulti nichts Neues ist und dass die „Ströme“ von Einwanderern nach Europa gering sind im Vergleich zu dem, was andere Kontinente zu anderen Zeiten aufgenommen haben, inklusive der Auswanderer aus Europa. Wenn kleine südamerikanische Länder das schaffen, warum sollte dann nicht auch Europa von einem Mix aus verschiedenen Kulturen, Sprachen und Religionen profitieren?
Nächstes Jahr werde ich das hoffentlich herausfinden!
Als Student an der Universität Belgrad folgt man dieser Aufforderung gerne, führt sie einen doch in eines der schönsten Gebäude der Stadt.
Und nach der überraschenden Nachricht über das bewilligte Stipendium kann man sich gegenüber im Studentski Park entspannen. In unmittelbarer Nachbarschaft zur philosophischen und philologischen Fakultät trifft man hier nicht nur hüsche, sondern auch intelligente Mädchen. Mich selbst haben allerdings nur ein Junge und ein älteres Ehepaar angesprochen, mit denen ich mich dann aber den ganzen Nachmittag bestens unterhalten habe.
Im Januar oder Februar 2016 werde ich irgendwo auf dem Amazonas treiben, auf einem flussaufwärts segelnden Boot, und von Tag zu Tag tiefer in den Dschungel eintauchen. Auf dem Weg zu einem der vielen Zuflüsse des Amazonas kann es gut sein, dass letztlich der Zufall entscheidet, wo ich landen werde.
Es gibt im Wesentlichen drei Möglichkeiten:
Ein Boot nach Iquitos in Peru und von dort aus wiederum weiter mit dem Boot ins Landesinnere von Peru (die Fitzcarraldo-Route).
Mit etwas Glück und viel Geduld finde ich vielleicht ein Boot nach Cobija in Bolivien, wobei auf dieser Route kein regelmäßiger Schiffsverkehr zu laufen scheint und Cobija während der Regenzeit vom Rest des Landes abgeschnitten ist.
Ich kann in Tabatinga (Brasilien) von Bord gehen und über die Grenze nach Leticia in Kolumbien spazieren. Das hat auch seine Tücken, weil kein Fluss existiert, der Leticia mit dem Rest Kolumbiens verbindet, und weil die nächste Fernstraße 800 km weit weg liegt. Ich müsste also durch den Dschungel marschieren, was an sich schon beängstigend ist, aber in Kolumbien dadurch noch furchterregender wird, dass genau dort seit mehr als 50 Jahren der Bürgerkrieg zwischen der kolumbianischen Regierung und den FARC-Rebellen tobt. Die FARC hat die lästige Angewohnheit, Touristen zu ermorden, weil sie diese für Spione halten, sobald sie eine Kamera oder ein GPS-Gerät bei sich tragen.
Die Linien sind Flüsse und Grenzen, keine Straßen. Es gibt dort keine Straßen.
Gerade rechtzeitig für meinen Ausflug nach Südamerika scheint sich das letztgenannte Problem zu lösen. Zumindest machen die kolumbianische Regierung und die FARC große Fortschritte zur Beilegung des am längsten andauernden Konflikts der westlichen Hemisphäre. Sie befinden sich auf der Zielgeraden zu einem Friedensabkommen. Das sind gute Nachrichten, auch wenn die Frist für die endgültige Einigung im März 2016 bedeutet, dass ich den undurchdringlichen und hochgefährlichen Dschungel noch während des Bürgerkrieges, bestenfalls während eines Waffenstillstands, durchqueren werde. Ich hoffe einfach darauf, dass alle Beteiligten des Kämpfens schon müde sind und die Rebellen emsig mit dem Erstellen ihrer Lebensläufe und dem Aushandeln von Buchverträgen anstatt mit Geiselnahmen beschäftigt sind.
Nun da dieses Problem aus dem Weg geschafft wird, hoffe ich, dass jemand einen Friedensvertrag mit den Piranhas und den Anacondas aushandelt.
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War von Euch schon mal jemand in dem oben angesprochenen Eck des Regenwaldes und hat Erfahrungen mit einer oder mehrerer der angedachten Routen? Danke! ¡Gracias!
“Cabin crew, prepare for landing” kam das Kommando durch die Lautsprecher und füllte die leise Kabine des frühmorgendlichen Flugs von Belgrad nach Podgorica. „Wo kann man hier landen?“ fragte ich mich etwas besorgt, denn ich hatte nur dramatische Berge, teilweise mit Schnee bedeckt, und dazwischen ein paar Seen erblickt.
Der kurze Flug von der serbischen in die montenegrinische Hauptstadt war mir eher wie ein landschaftlich reizvoller Rundflug als wie eine Personenbeförderung von A nach B vorgekommen. Die Sonne brach nur sporadisch durch die Wolken und hellte das dunkle, schaurige Licht der Berge etwas auf. Aber immer wenn die Sonne sich durchgesetzt hatte, benötigten die Berge nicht lange, um ihre wolkige Decke mit Nachdruck zurückzuziehen, wie wenn sie um 30 weitere Minuten Schlaf rangen. Jetzt verstand ich, woher der Name kam: Montenegro, die schwarzen Berge.
Sogar der kleine Flughafen kam mir eher wie ein Gebirgskurort vor. In solch einem Land muss es einfach gewesen sein, den genauen Ort für den Flughafen zu bestimmen. Man nimmt das einzige einigermaßen flache Stück Land, das man finden kann, und enteignet den Landwirt, dem es gehört. Das Fughafen-Kürzel TGD deutet noch auf die jugoslawische Vergangenheit hin: Titograd.
Zu Eurer großen Enttäuschung gebe ich beim Fliegen mein gesamtes Gepäck auf, einschließlich der Kamera, weil ich gerne mit nichts weiter als einem Buch an Bord gehe. So konnte ich erst vom Flughafen aus ein Foto machen, was ich zutiefst bedauerte.
Beim Rückflug von Tivat nach Belgrad wollte ich diesen Fehler wettmachen, aber an jenem Tag war die Wolkendecke zu dicht.
Das Opernhaus La Fenice in Venedig hat seinen Namen (die italienische Version von Phönix) wahrlich verdient. Mehrfach abgebrannt, immer wieder aufgebaut.
Zuletzt wurde es 1996 von einem der am Bau beteiligten Elektroingenieure in Brand gesteckt. Enrico Carella befand sich mit seinen Arbeiten im Verzug und wollte eine Vertragsstrafe von 7.500 € umgehen. Das Gebäude brannte vollkommen nieder. Eine klassische Überreaktion. Wenn der Ingenieur stattdessen um Spenden gebeten hätte, wären die 7.500 € wahrscheinlich schnell zusammen gekommen.
Seit 2003 ist das Opernhaus wieder geöffnet.
Delikat fand ich angesichts der Geschichte des Hauses die Wahl des Sponsors: die Kaffeemarke Hausbrandt. Wenn das mal kein schlechtes Omen ist.