Die Argumente gegen die Gleichberechtigung Homosexueller

Zum heutigen Internationalen Tag gegen Homophobie versuche ich, mich den Argumenten derer zuzuwenden, die gegen die Gleichberechtigung Homosexueller streiten. Kein leichtes Unterfangen, denn stichhaltige Argumente gegen diese Gleichberechtigung oder das Recht auf gleichgeschlechtliche Ehe sind schwer aufzutreiben. Ich habe noch nie verstanden, was Heterosexuelle beispielsweise einbüßen, wenn Homosexuelle ebenfalls heiraten dürfen.

Aber dann nahm ich 2013 an der Baltic-Pride-Parade in Litauen teil und hatte Gelegenheit, den Argumenten der Gegendemonstranten zu lauschen. Die Gegner der Gleichberechtigung Homosexueller hatten Monate Zeit, um sich auf dieses jährliche Ereignis vorzubereiten, sie waren untereinander koordiniert und traten mit einheitlichen Plakaten auf, sie entschieden sich zur öffentlichen Darbietung ihrer Argumente, und sie wussten, dass sie es damit ins Fernsehen, in die Zeitungen und in diesen Blog schaffen würden. Also nehme ich an, dass sie alles daran gesetzt hatten, ihre allerbesten, durchdachtesten und überzeugendsten Argumente zu präsentieren.

Dieser Mann hatte – wie viele andere auch – gar kein grundsätzliches Problem mit der Gleichberechtigung Homosexueller, er war nur gegen den öffentlichen Aufzug durch die Stadt. Die Inschrift auf seinem Plakat lautet „Homo-Parade Nein Nein Nein Nein“.

Baltic Pride no no no noMan könnte geneigt sein, das Schreien von „Nein Nein Nein Nein“ als einen kindischen Ersatz für ein gutes Argument abzutun, aber das Argument liegt in dem gewählten Symbol: Etliche Gegendemonstranten waren offensichtlich besorgt über die Sicherheit derer, die an dem Marsch teilnahmen, wie das gewählte Symbol zeigt. Es illustriert, wie ein Teilnehmer sich zwecks Binden seiner Schnürsenkel bückt und der hinter ihm Marschierende dabei aus Versehen gegen ihn stößt. Dieses Symbol fand sich auf vielen der Protestplakate, und ich bin aufrichtig dankbar für diesen Hinweis, unsere Augen offen zu halten und auf unsere Füße zu achten, um Unfälle zu vermeiden. Vielen Dank!

Die Männer von der Gesundheitsberatung warnten uns auch, während des Umzuges vorsichtig zu sein, um uns nicht mit Krankheiten zu infizieren.

Stop AIDS Baltic PrideEs muss hier jedoch angemerkt werden, dass das Risiko einer AIDS-Infektion während eines öffentlichen Umzuges sehr gering ist, solange man keinen der anderen Teilnehmer um eine Bluttransfusion bittet. Komischerweise ist die AIDS-Rate gerade in den Ländern am höchsten, die sich als besonders homophob hervortun, was nahelegt, dass gesellschaftliche und medizinische Rückständigkeit gerne Hand in Hand Richtung Mittelalter marschieren.

Dann gab es diejenigen, die gegen die Europäische Union waren, womit sie wahrscheinlich ihren Widerstand gegen EU-Zahlungen an Litauen zur Verbesserung der dortigen Infrastruktur und gegen die Freiheit der Litauer, überall in Europa zu reisen, zu arbeiten, zu studieren und zu leben ausdrücken wollten. Oder sie sind vielmehr ereifert über andere Europäer, die – wie ich – nach Litauen ziehen.

against EU Baltic Pride

Was das mit gleichen Rechten für alle sexuellen Orientierungen zu tun hat? Keine Ahnung.

Andere Gegendemonstranten hingegen waren sehr europäisch und gaben mit ihren Spanischkenntnissen, ihrer Buntstiftsammlung und ihrer Obsession mit Penissen an.

No pasaran Baltic prideDas Plakat links auf dem nächsten Foto warnt vor den Gefahren der Überbevölkerung, die von heterosexuellen Paaren ausgeht, die immer und automatisch zwei Kinder produzieren, und zwar immer einen Jungen und ein Mädchen. Nur komisch, dass die Bevölkerung Litauens dennoch rapide abnimmt.

animal poster Baltic PrideDas Plakat rechts bringt den Themenkomplex Tiere zur Sprache, ein von den Gegendemonstranten immer wieder bemühtes Motiv. Ein Herr brachte sogar eine Ziege mit.

goat Baltic Pride

Soweit ich das verstand, waren die Landwirte besorgt, dass Aktivisten für Schwulenrechte ihre Tiere zum Schwulwerden überreden und diese sich dann nicht mehr fortpflanzen würden. Allerdings war es angesichts dieser Befürchtung unlogisch, dass die Bauern ihre Tiere zum Beobachten der Parade mit in die Stadt brachten. Derartige Ängste sind übrigens vollkommen unbegründet, denn solange Schwulen und Lesben grundlegende Menschen- und Bürgerrechte verweigert werden und sie sich über Ausgrenzung und körperliche Gewalt sorgen müssen, haben sie wirklich Wichtigeres zu tun als sich mit Nutztieren zu unterhalten.

Diese beiden Jungs waren niedlich mit ihrem Aufruf, „überzulaufen“, wie wenn es um die Rivalität zwischen zwei Fußballvereinen ging. Ich bezweifle aber, dass der Appell erfolgreich war. Mit fortschreitender Dauer der Veranstaltung schien es mir eher so, dass immer mehr Menschen zur Baltic Pride überliefen, nachdem sie merkten, dass wir Aktivisten für die Gleichberechtigung ganz normale Menschen und nicht die Freaks sind, als die uns unsere Gegner zu porträtieren versuchten.

Defect Baltic Pride

In Litauen ist keine Demonstration vollständig, wenn nicht auch die Nationalisten auftreten. Warum benutzen Nationalisten und Nazis nur überall die gleichen rot-weiß-schwarzen Farben für ihre Flaggen?

nationalist protesters Baltic Pride

Und dann waren da noch diese zwei Mädchen, eine von ihnen (rechts im Bild) in traditioneller christlicher Tracht, die vorgaben, dass Litauen ein christliches Land sei. Abgesehen von der Tatsache, dass Litauen das letzte Land in Europa war, das christianisiert wurde und dass dort auch eine Menge Nicht-Christen leben, hört es sich eher nach den Taliban an, die eigene Religion zum Maßstab staatlicher Politik machen zu wollen. Und wenn selbst der Papst toleranter gegenüber Homosexuellen ist als man selbst, dann steht man definitiv auf der falschen Seite der Geschichte.

Lithuania Christian Land Baltic PrideDiese beiden Jungs schienen zu wissen, wovon sie sprechen, während sie ihr Poster „Sodomie führt in die Hölle“ hochhielten.

Sodom Baltic Pride

Ob dem “Rettet die Familie”-Herren wohl auffiel, wie gut sein rosafarbener Regenschirm zu einem Protest gegen eine Veranstaltung für Schwulenrechte passte?

pink umbrella Baltic Pride

„Traditionelle Familienwerte“ wurden jedoch von diesem Vater repräsentiert, der seinem Sohn vorführte, wie man ein aufrichtiger, toleranter, friedlicher und mitfühlender Bürger wird.

father and son Baltic Pride

father and son 2 Baltic PrideJawohl, das ist genau die Art guter, traditioneller Elternkunst, die verteidigt werden muss gegen diese „Homosexuellen, die den Rest der Gesellschaft mit ihrer Propaganda indoktrinieren wollen“.

Ich fand es äußerst verwunderlich, dass keiner der „traditionelle Familienwerte“ predigenden Menschen tatsächlich als Familie anwesend war. Es waren entweder alleinstehende Männer, die von ihren Frauen verlassen worden waren, oder Gruppen von mehreren Jungs oder Gruppen von mehreren Mädchen. Oder eben mit Tieren. Sehr verdächtig.

Also, habt Ihr irgendwelche überzeugenden Argumente gegen Gleichberechtigung für Homosexuelle gefunden? Nein, ich auch nicht.

(To the English version of this article. – Dort finden sich in den Kommentaren noch weitere „Argumente“.)

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Eine harmlose Kirche

So gefallen mir Kirchen:

Kirche kaputtHier wird niemand mehr indoktriniert. Hier wir niemandem mehr Mumpitz gepredigt. Hier versucht keine mittelalterliche Organisation, Einfluss auf das Leben und die Politik zu nehmen. Hier wird niemandem mehr all-sonntäglich die Zeit gestohlen und das Geld aus der Hosentasche gezogen.

Das ist allerdings die Ausnahme in Rumänien. Überall im Land werden prächtige und meist orthodoxe Kirchen gebaut. Selbst in den kleinsten Dörfern, in denen Schulen, Ärzte, Straßen und manchmal sogar Läden fehlen, werden Kirchen in der Größe von Kathedralen gebaut. Angeblich wird alle drei Tage eine neue Kirche fertig. Das Geld kommt u.a. von den Steuerzahlern, auch den anders- oder nichtreligiösen, und fehlt natürlich an anderer Stelle. – Wenn es nach mir ginge, würde das Geld stattdessen für den Ausbau der rumänischen Eisenbahn verwendet.

(Das Foto entstand während der Wanderung von Targu Mures nach Miercurea Nirajului in Rumänien. – To the English version of this article.)

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Leicht zu verwechseln (32) Spültag

Schwer zu spielen:

rachmaninow

Schwer zu spülen:

dirty-dishes-1

(Die Idee entstammt der Erzählung Okay, Mutter, ich nehme die Mittagsmaschine von Max Goldt.)

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Aber was sollen wir anbeten?

Während einer Wanderung durch das Szeklerland in Rumänien traf ich in dem Dorf Tâmpa auf eine schmucke Kirche. Das Interessanteste war neben der erfrischenden, kräftigen blauen Farbe die Abwesenheit jeglicher Kreuze, Jesus- oder Marienstatuen, Heiligen- und anderer Bilder.

Tampa churchMit dem Kachelofen, den Teppichen und dem Blumengesteck hatte die Kirche eher die gemütliche Atmosphäre eines Wohnzimmers.

UPDATE: Mehrere Leser haben geschrieben, um mitzuteilen dass dieser Stil typisch für die Reformierte Kirche in Rumänien sei. Danke an Alle, die sich gemeldet haben!

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Flug in die Sonne

Sonnenflug

Fotografiert in Targu Mures, Rumänien, am Vorabend der Flugschau.

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Muttertag

Zum Muttertag gibt es ein paar Fotos von meiner Mutter anläßlich ihres Besuchs in Rumänien im Dezember 2014. Die Fotos stammen allesamt von meinem Bruder.

In Turda erklärte ich 18 Stockwerke unter der Erde wie ein Salzbergwerk funktioniert.

Mutter Treppe

Mutter Turda

Im Tiefschnee jagte ich sie auf den Gipfel des Harghita Mădăraș.

Mutter Harghita Madaras 1 Mutter Harghita Madaras 2

Trotz arktischer Wetterbedingungen ließ ich nicht locker, bis wir den Gipfel erreicht hatten. In 1.800 Metern Höhe konnten wir im eisigen Wind und dichten Nebel aber nur kurz verharren.

Mutter Harghita Madaras 3

Auf dem Rückweg klärte das Wetter dann doch noch auf.

Mutter Harghita Madaras 4 Mutter Harghita Madaras 5 Mutter Harghita Madaras 6

Wir waren durchfroren und klatschnass vom Schnee, deshalb ging ich es am nächsten Tag eher langsam an. Es war Zeit für einen Spaziergang durch Târgu Mureș (Neumarkt am Mieresch), meinen derzeitigen Wohnort.

Hier zeige ich die orthodoxe Kathedrale. (Wie die meisten Westeuropäer war meine Mutter noch nie in einer orthodoxen Kirche gewesen.)

Mutter orthoxe Kathedrale

Und natürlich den famosen Kulturpalast.

Mutter Kulturpalast 1 Mutter Kulturpalast 2

Auf der Fahrt nach Brașov (Kronstadt) fanden wir mehr oder weniger zufällig die beeindruckende Burgruine in Saschiz.

Mutter Burgruine Saschiz 1 Mutter Burgruine Saschiz 2

Und dann wurde es richtig hart. Ich hatte mir vorgenommen, den Piatra Mică zu besteigen. Mit 1.816 Metern zwar nicht allzu hoch, aber die von uns gewählte Route erforderte doch einiges an Kletterei. Im Dezember. Im Schnee. Ohne besondere Ausrüstung. Ohne dass irgendjemand von uns den Weg schon einmal gegangen war.

Relativ locker ging es los, aber nach einigen Stunden war Mama schon erschöpft.

Mutter Piatra Mica 1 Mutter Piatra Mica 2 Mutter Piatra Mica 3 Mutter Piatra Mica 4Der Ausblick auf die umliegenden Berge war aber Entschädigung genug für die Strapazen.

Mutter Piatra Mica 5Aber dann begann erst der eigentliche Klettersteig. Der Weg war als gefährlich markiert, aber da meine Mutter und mein Bruder kein Rumänisch sprechen, konnte ich diese Information vor ihnen verbergen.

Mutter Klettern 1 Mutter Klettern 2 Mutter Klettern 3

Ab einem gewissen Punkt gab es kein Zurück mehr, weil der Rückweg genauso weit und gefährlich gewesen wäre.

Mutter Klettern 4Unter Mühen (ich), Fluchen (meine Mutter) und Lachen (mein Bruder) erreichten wir den Gipfel. Grandiose Ausblicke in alle Richtungen!

Mutter Gipfel 1 Mutter Gipfel 2

Wir wären gerne noch länger verweilt, aber die größte Gefahr für uns war die gnadenlos nahende Dunkelheit. Alle anderen Bergsteiger, denen wir begegneten, befanden sich schon auf dem Abstieg. Sie sagten uns auch, dass der Piatra Mică zwar nicht der höchste, aber der steilste Berg Rumäniens sei.

Für unsere 65-jährige Mutter, die schon seit Jahrzehnten auf keinen Berg mehr gestiegen ist, war das eine beeindruckende Leistung. Mich bestätigt das in meiner Überzeugung, dass jeder körperlich weit mehr kann, als er zu können glaubt.

Mutter Zigarre 1 Mutter Zigarre 2

Während des Abstiegs konnte ich dann endlich eine der Zigarren rauchen, die mir meine Mutter zu Weihnachten mitgebracht hatte. Der Weg war allerdings tatsächlich beschwerlich, glatt (wir alle rutschten mehrfach aus und prellten uns etliche Knochen), und die letzte Stunde geisterten wir in der Dunkelheit durch den bärenbewohnten Wald. Wenigstens mein Bruder hatte an eine Taschenlampe gedacht.

Am nächsten Tag fuhren wir mit der Seilbahn auf den Bâlea-See, der auf 2.034 Metern liegt und komplett zugefroren war. Ich hatte eine weitere Extremwanderung geplant, aber die Sicht war wirklich zu eingeschränkt. Als dann noch eine Unwetterwarnung kam, eilten wir stattdessen so schnell wie möglich zurück ins Tal.

Mutter Lac BaleaIch werde oft gefragt, ob meine Eltern und Geschwister mich nicht vermissen, weil ich schon seit sechs Jahren nicht mehr in Deutschland lebe. Natürlich nicht! Es ist doch viel besser, dass sie mich jedes Jahr in einem anderen Land besuchen können.

Ihr Kinder, die Ihr ein ganzes Leben lang nur am gleichen Ort bleibt, bringt Eure Eltern um den größten Spaß! Ist das Eure Art, danke zu sagen? Rabenkinder!

(To the English version.)

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Zigarren sind so gesund wie Äpfel

In Budapest sah ich diesen Gesundheitshinweis auf einer Zigarre, die ich mir gekauft hatte, um mich selbst für mein bisher bestes Ergebnis bei einem Halbmarathon zu belohnen:

cigar appleNun spreche ich kein Ungarisch, aber das Bild eines Apfels verdeutlicht mir, dass diese Zigarre extrem gesund ist, eine Menge Vitamine hat und für ein längeres und erfüllteres Leben sorgen wird. Ich wusste, dass Zigarren gut für meine Gesundheit sind!

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Flugschau

Ich hatte gestern zu viel Arbeit, um zur Flugschau in Targu Mures (Rumänien) zu gehen, aber zum Glück konnte ich einen Teil der Vorführung von meiner Wohnung aus beobachten.

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Ja, das gegenüberliegende Haus muss vielleicht mal wieder gestrichen werden.

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Liebe liegt in der Luft

Heute bei der Flugschau in Targu Mures, Rumänien:

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Eine Kleinstadt wird (vielleicht) Meister

„Warum gerade Targu Mures?“ werde ich gefragt, seit ich hierher gezogen bin. Jetzt kann ich mit Zuversicht antworten: „Weil wir die rumänische Fußballmeisterschaft gewinnen werden.“

Dabei ist das örtliche Team, ASA Tirgu Mures, erst in dieser Saison von der zweiten in die erste rumänische Liga aufgestiegen. Nach einem Überraschungssieg gegen Steaua Bukarest in der letzten Woche steht ASA jetzt auf Platz 1, mit zwei Punkten Vorsprung vor eben jenem Bukarest, das bereits 25 Mal die rumänische Meisterschaft gewann. Ein Kleinstadtverein besiegt den rumänischen FC Bayern und steht fünf Spieltage vor Saisonende vor einer Sensation.

Also gehe ich zum ersten Mal in meinem Leben zu einem Erstligaspiel. Am Tag vor dem Spiel öffnet der Ticketschalter um 17 Uhr. Es seien noch 2.500 Karten erhältlich, hatte der Verein verlautbart. Das Stadion hat 8.200 Plätze. Angesichts des erwarteten Ansturms bin ich Punkt 17 Uhr vor dem Stadion und reihe mich eine lange Schlange. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite verrottet das alte Stadion. Der „Fan-Shop“ ist eine kleine Holzbude, windschief und geschlossen. Alles etwas sympathischer als bei den großkotzigen Millionärsvereinen. „Das ist ja wie unter Ceaușescu“ kommentiert ein Mann vor mir die Länge der Warteschlange, in der ich einige Sportjacken mit den Namen von von einstmaligen Regional- und Kreisligisten aus Deutschland erspähe, die wahrscheinlich schon lange die Lizenz verloren haben.

Nach 30 Minuten bin ich an der Reihe. Welche Plätze ich haben will? Direkt hinter den Toren kosten die Sitzplätze 5 Lei (= 1,14 €) und auf der Seitentribüne 10 Lei (= 2,28 €). Für ein Erstligaspiel des Tabellenführers! Unglaublich.

Am darauffolgenden Tag gibt es übrigens noch immer Karten. Das Stadion ist nicht ausverkauft, was auch am Wetter liegen mag. Den ganzen Tag hat es geregnet, dunkle Wolken liegen noch über dem Stadion, die für den Spielbeginn um 18:30 Uhr schon eingeschalteten Flutlichter heben sich davon ab wie vier Sonnen. Manche der Besucher kommen in Gummistiefeln und Anglerjacken. Andere haben Plastiktüten gegen den Regen dabei; Regenschirme müssen nämlich am Eingang abgegeben werden.

Kurz vor Einlass kommen auch die Art von Fans, wegen derer ich dem Fußball bisher skeptisch gegenüberstand (ganz abgesehen von der üblichen Intellektuellenüberheblichkeit gegenüber Ballspielen). Etwa ein Dutzend junge Männer marschieren wie im Gleichschritt Richtung Stadion, schwenken Schals in den Vereinsfarben über ihren Köpfen und schreien „Mures, Mures, Mures“. Wenn ich diese Ansammlungen von Fans sehe, kann ich mir die Assoziation mit faschistischen Massenaufläufen nicht verkneifen. Die Uniformen, die Schreie, das Anhimmeln von Idolen, das bereitwillige Unter- und Aufgehen in der Masse, die Verherrlichung des Kampfes und das Abwerten des Gegners.

Aber der Leser erwartet einen Spielbericht, keinen Aufsatz über politische Philosophie. Los geht’s also: Der augenfälligste Unterschied zwischen den beiden Mannschaften ist das Alter. Die Spieler von ASA Tirgu Mures könnten die Väter derer von FC Viitorul Constanta sein. Auf der einen Seite alte Männer mit Vollbärten und teilweise mit Bauchansatz, auf der anderen Seite sprintstarke Teenager. ASA spielt kämpferischer, robuster, nicht gerade filigran. Wenn Constanta im Ballbesitz ist, geht es blitzschnell nach vorne bis vors heimische Tor, wo die auswärtigen Jungs dann aber scheitern. Einige der Spieler von ASA Tirgu Mures sind Ende 30, man merkt ihnen die Erfahrung und Gelassenheit an.

asa-viitorul-regen

Das Spiel geht so hin und her. In beiden Spielfeldhälften ist gleich viel los. Keine Mannschaft dominiert. In der 37. Minute gibt es eine gelb-rote Karte für einen Spieler von Constanta, obwohl ASA insgesamt etwas rauer spielt. Die Überzahl der Heimmannschaft bricht den Willen von Constanta nicht, scheint das Spiel auch nicht zu kippen.

Der laute Schrei eines Constanta-Spielers durchreisst den Regen. Er geht zu Boden. Das hörte sich nach echtem Schmerz an. Beim Kopfballduell sind zwei Spieler mit den Köpfen aneinander geprallt, ohne böse Absicht. Der Constanta-Spieler liegt regungslos am Boden, der ASA-Mann kümmert sich nicht und läuft weg. Ich bin schockiert nicht ob der Rohheit des Spiels, sondern angesichts der Rohheit der Reaktionen: Die Zuschauer buhen den am Boden liegenden Verletzen aus. Als die Sanitäter aufs Spielfeld laufen, werden die verbalen Anfeindungen und die hämischen Rufe noch lauter. Die Sanitäter werden beschimpft. Ein Mensch ist verletzt, aber die Mures-Fans im Stadion zeigen sich von der schlimmsten menschlichen Seite. Erschreckend, und jetzt bin ich wieder bei meinen anfänglichen Bedenken gegen Fußball.

Kurz vor der Halbzeit fällt das 1-0 für ASA Tirgu Mures, eher ein erleichternder als ein ermutigender Zwischenstand. In der Pause gehen einige der Zuschauer komplett durchnässt und frierend nach Hause. In den Gängen zwischen den Sitzreihen steht das Wasser wie in Venedig. Nach der ersten Halbzeit kann man keinem verübeln, dass er sich vom Acker macht. Bundesliganiveau war das nicht gerade. Wer jetzt geht, wird sich allerdings in 45 Minuten in den Arsch beißen, weil er das Spiel der Saison verpasst hat.

Denn die zweite Halbzeit beginnt mit dem 2-0 für Mures. „Campioni, campioni“ ruft die Menge schon begeistert, wie wenn die Meisterschaft jetzt sicher ist. Dabei darf sich ASA Mures in den verbleibenden vier Spielen keinen Patzer erlauben, solange Rekordmeister Bukarest so dicht auf den Fersen folgt.

Dann das 3-0, wie eine Kopie des 2-0. ASA dominiert, Constanta ist eingeknickt. Noch 25 Minuten Spielzeit. Ich zünde mir zur Feier eine Zigarre an, denn dieses Ergebnis wird sich nicht mehr drehen lassen. Und tatsächlich geht es weiter: 4-0. Diese Halbzeit erinnert mich an das WM-Spiel zwischen Deutschland und Brasilien. 4-1, ein kleiner Ausrutscher, keiner bejubelt das Gegentor. Sind überhaupt Fans von der Schwarzmeerküste hier? Ich sehe keine. 5-1. ASA Tirgu Mures kann jetzt spielen, wie wenn Constanta nicht mehr auf dem Feld steht. 6-1. Die Anzeigetafel kommt kaum mehr mit, in so kurzen Abständen fallen die Tore.

6-1

Schlusspfiff. Der höchste Sieg der Saison. „Campioni, campioni“-Rufe, aber die Spieler sind zu erschöpft, um noch lange auf dem Rasen zu verweilen. Obwohl der Regen aufgehört hat, strömen auch die Zuschauer zügig von dannen. Ich erkenne Freude über ein Fußballfest, auch einen gewissen Stolz, dass die Heimatstadt jetzt landesweit bekannt ist, aber nur wenig authentische Identifikation mit der Mannschaft.

Etliche Besucher erklären mir, dass sie noch immer Fans der Mannschaft aus den 1970ern sind, die dreimal im UEFA-Cup gespielt hat (und nie über die erste Runde hinauskam), und dass die jetzige nur aus Brasilien und dem Senegal zusammengekauft sei. Da ist etwas dran, und zukunftsfähig ist so ein Konzept wohl nicht. Wenn ein anderer Verein mehr bietet, sind die Jungs (das Wort „Söldner“ fällt oft in Gesprächen darüber) wieder weg.

Noch dubioser wird das Ganze, wenn man erfährt, dass die Fußballmanschaft aus dem städtischen Haushalt finanziert wird. Vor dem Rathaus von Targu Mures steht in Erinnerung an das römische Erbe die Romulus-und-Remus-Statue, aber von „panem et circenses“ ist nur der Zirkus übrig geblieben. Währenddessen klaffen in den Straßen metertiefe Löcher, alte Menschen hungern sich mit mickriger Rente durch den Winter, öffentliche Gebäude verfallen und einige tausend Bewohner von Targu Mures leben in Vierteln, die man nur als Slums bezeichnen kann.

Es ist eben alles eine Frage der Priorität.

(Click here for the English version of this report.)

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