Wie soll man sich da nicht verlaufen?

Mit Wegweisern wie diesem war es kein Wunder, dass ich mich auf meinem Marsch von Druskininkai nach Grutas (beide Orte liegen in Litauen) etwas im Wald verlief.

sign post broken snowZum Glück hatte ich noch auf eine Wanderkarte gespäht, bevor ich mich auf den Weg machte, so dass ich zumindest die ungefähre Richtung einhalten konnte. Es war ein wunderschöner, wenn auch anstrengender, etwa 8 km langer Spaziergang durch den einsamen, tief verschneiten Wald und über zugefrorene Seen.

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Frühling mit Katze

Das Internet verlangt nach Katzenfotos. Katzen sollt Ihr haben.

Der Schnee schmilzt. Es ist sonnig und schon warm genug, zumindest den mit- und nachmittäglichen Teils des Tages draußen zu sitzen und zu lesen. Das Gleiche, minus das mit der Lektüre, dachte sich diese Katze und machte es sich unterhalb meines Balkons bequem.

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Als die Katze bemerkte, dass ich sie fotografierte, sah sie minutenlang nicht mehr weg.

cat balcony 2(To the English version.)

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Nekropolis – die Stadt der Toten

Die Städte in Europa werden sich immer ähnlicher. Die gleichen Geschäfte, die gleiche Mode, die gleichen Filme in den Kinos, die gleichen Restaurants, die gleiche Musik, das gleiche Essen.

Um diesem Einheitsbrei zu entkommen, gehe ich gerne auf Friedhöfe, wo die Zeit 50 oder 100 Jahre hinterherhinkt und jedes Land noch seine eigenen Traditionen pflegt. In Bari entdeckte ich einen Friedhof, der größer war als manche Orte, in denen ich schon gewohnt hatte. Eine richtige Stadt der Toten. So steht es auch auf dem Schild neben dem prunkvollen Eingang: Necropoli.

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Necropoli

Und tatsächlich ist der Friedhof wie eine Stadt aufgeteilt. Rechtwinklig zueinander angelegte Alleen und Boulevards führen unter schattenspendenden Bäumen durch das Reich des längst Vergangenen.

Im Zentrum stehen die Prachtbauten und Paläste mit Gräbern, die schöner und größer sind als die Wohnungen mancher lebendiger Zeitgenossen.

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Den Kontrast dazu bilden die Plattenbausiedlungen. Hier liegen die Toten auf fünf Reihen gestapelt, jeder in einem exakt gleich groß bemessenem Steingrab. Vermutlich ein durch die sozialistische oder kommunistische Partei angeregtes Projekt.

Plattenbau

Selbst die Treppe muss man sich in diesen Vierteln mit der ganzen Nachbarschaft teilen.

TreppeMittlerweile wird der Platz knapp, so dass auch in der Totenstadt mehrstöckig gebaut werden muss. Von außen sehen diese Häuser aus wie normale Wohnblocks, aber wenn man einen Blick durch das Fenster wagt, sieht man auch hier auf bis zu vier Stockwerken die Leichen gestapelt.

Wohnblock

Praktischerweise gleich mit Stühlen für die Besucher, die darauf warten dass eine der Wohnungen bezugsfertig wird.

StühleSelbst im Keller findet man hier keine Fahrräder oder Schallplattensammlungen, sondern – man ahnt es (Achtung Wortspiel!) – die von uns gegangenen Ahnen.

KellerBei denen, die es sich leisten können, geht der Trend jedoch wieder zum Einzelgrab. Im Hintergrund sieht man den Baukran als Beweis der andauernden Expansion.

Neubau

Die auf den Gräber aufgestellten Fotos, die man in diesem Neubaugebiet sieht, sind übrigens keine neue Mode. Schon vor 100 Jahren gab es in Italien diesen Brauch, wobei die älteren Bilder stilvoller und vorteilhafter gegenüber den Toten gehalten sind. Man merkt, dass man früher noch zum Fotografen ging, während heute jeder seine eigenen Fotos mit dem Mobiltelefon anfertigt.

Fotos Auch die Bildhauer hatten früher mehr zu tun.

Denkender

Badewanne

Paar

Wie in jeder Stadt gibt es auch in der Nekropolis den einen oder anderen Nachbarn, der mit Geschmacksverirrungen für Gesprächsstoff aber auch für leichtere Wegbeschreibungen sorgt. („Nach dem häßlichen rosa Glashaus rechts.“)

rosa

Apropos Wegbeschreibung: Alles ist bestens organisiert. Tafeln zeigen an, in welcher Sektion und in welchem Sektor man sich befindet und welche Hausnummern man im Häuserblock vor sich finden kann. Städte mit durchnummerierten Straßen wie Manhattan und Mannheim haben diese Idee wahrscheinlich von diesem Friedhof in Bari.

AdresseUnd wer sich doch verläuft, fragt nach der Polizeistation, wo einem gerne weitergeholfen wird (obwohl jeder tot war, als ich vorbeischaute).

police

Die alte (nicht nur) italienische Tradition, Juden in ein Ghetto zu zwingen, wird auch nach deren Ableben konsequent umgesetzt.

Ghetto

Die Grabsteine fallen hier – zur Enttäuschung der Weltfinanzjudentumverschwörungstheoretiker – deutlich bescheidener aus,

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Auch ein Pharao ist übrigens in Bari begraben.

PyramideDas Schild, das den Weg zum Ausgang weist, mögen manche der immobilen Bewohner dieser Stadt als zynisch empfinden, doch mir wies es nach Stunden des Wandelns in dieser für Italien eigenartig ruhigen und verkehrsarmen Stadt den Weg durch eines der Stadttore.

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StadttorDie Stadt der Toten schien alles zu haben, bis mir mein Magen meldete, was fehlte: eine Pizzeria.

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Die Spannung in Minsk steigt

Gestern Abend in den Tagesthemen, live aus Minsk. Udo Lielischkies tat mir leid, weil sich die Verhandlungen der Kriegsparteien natürlich nicht nach dem Zeitplan von Tagesschau, Tagesthemen und Morgenmagazin richten, so dass es ehrlicherweise nichts Neues zu berichten gab. Er muss zum hundersten Mal erklären, worum es geht. Krieg und Frieden, Zukunft des Kontinents, ganz großes Drama, letzte Chance für den Frieden.

Und im Hintergrund spielt jemand am Computer Solitär (links unten).

Tagesthemen SolitärDa war die ganze Dramatik dahin.

Ein weiterer Vorteil des Print-Journalismus. Niemand sieht, was in der Redaktion passiert, wer in der Jogginghose arbeitet und wer während des Schreibens eine Currywurst verschlingt.

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Handgeschriebene Fahrpläne

Frage: Woran erkennt man, dass eine Zugfahrt besonders idyllisch sein wird?

Antwort: Am handgeschriebenen Fahrplan im etwas heruntergekommenen Bahnhof.

Beispiele: (für die Reisebeschreibungen bitte auf den Namen des Bahnhofs oder das jeweilige Foto klicken)

Prilep, Mazedonien

Ticketpreise

Podgorica, Montenegro

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Stromboli – ein Abend auf dem Vulkan

To the English version of this report.

Vier Tage lang hatte ich jeden Vormittag bei Magmatrek angerufen, um zu erfragen, ob am jeweils nächsten Tag eine Exkursion auf den Stromboli stattfinden würde. Drei Tage lang wurde ich vertröstet. Es war März, das Wetter in Sizilien zu stürmisch und zu unstet. Jedes Mal fragte mich Beatrice, die Mitarbeiterin des Reiseveranstalters, ob mein Vater auch wirklich fit genug sei, wie alt er sei, und erwähnte, dass die Besteigung des Stromboli eine anstrengende Wanderung darstelle und dass sich das Unternehmen das Recht vorbehalte, unfit erscheinende Personen vor Ort abzuweisen.

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Als sie, nachdem die rauhe See sich für einen Tag beruhigt hatte und die Überfahrt nach Stromboli möglich war, meinen Vater und mich durch die Tür des kleinen, aber bis oben hin mit Wander- und Bergsteigerausrüstung vollgestopften Büros treten sieht, muss Beatrice lachen: „Ok, jetzt sehe ich, dass meine Sorgen unberechtigt waren!“ Mein Vater ist zwar fast 70, aber die Bergerfahrung steht ihm ins gebräunte Gesicht geschrieben. Der ungezähmte Bart, die Bergschuhe und die Fleece-Jacke tun ihr übriges, um alle Bedenken auszuräumen.

Nach der Zusammensetzung der Reisenden zu urteilen, die sich um die Aufnahme in die abendliche Besteigung des aktiven Vulkans bewerben, sind Deutsche und Franzosen die Outdoor-Nationen Europas. Kurz vor dem Abmarsch wird noch ein japanisches Paar auftauchen, dessen eine Hälfte schwanger ist und dessen beide Hälften wirklich unzureichend ausgerüstet sind. Bergstiefel, Wanderstöcke und Taschenlampen kann man natürlich mieten, aber wer nicht mal einen Pullover hat, bleibt besser am Strand.

Die Exkursion geht erst um 15:30 Uhr los, wir haben also noch ein paar Stunden, um uns den Ort Stromboli anzusehen. Nur am kleinen Hafen herrscht der für Häfen von nur mit dem Boot erreichbaren Inseln typische Trubel von auf ihre Kinder wartenden Angehörigen, auf Kisten mit Konservendosen wartenden Wirten und auf Zeitungen wartenden Rentnern. Nach Entgegennahme der Pakete düsen die Inselbewohner dann auf ihren Vespas, Dreirädern und Golfcarts davon. Die engen, steilen Gassen lassen keine größeren Fahrzeuge zu.

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Etwa 600 Menschen leben auf Stromboli, trotz des immer wieder eruptierenden Vulkans. Es gibt viele Inseln mit Vulkanen, aber Stromboli ist der Vulkan. Die 924 Meter über dem Meeresspiegel sind nur die Spitze des Vulkans, der sich fast 3 Kilometer tiefer vom Meeresboden abhebt. Daher die charakteristische Kegelform der Insel.

Der Vulkan bestimmt Leben und Wirtschaft auf Stromboli. Gebaut wird nur nah am Wasser, von wo aus man notfalls schnell mit dem Boot fliehen kann, die steilen Hänge sind unberührt. Gelebt wird von den Besuchern. Viele der schmucken weißen Häuser mit blau bemalten Türen und Fensterrahmen sind Pensionen, Gaststätten, Hotels. Bunte Schilder bieten Bergführungen, Inselumrundungen mit dem Boot und frischen Fisch. Die Straßennamen sind auf kunstvollen Keramikschildern angegeben, wie in einem Künstlerdorf. Es ist sehr ruhig, fast verschlafen, zumindest jetzt im März.

Der Strand ist schwarz. Die unteren zwei Drittel des Vulkans sind bewachsen mit Büschen, kleinen Bäumen und Gras. Im oberen Drittel liegen nur schwarze Asche und schwarzes Gestein. Dort gibt es kein Leben mehr. Rauch steigt aus dem Krater, weiß wie Wolken vor dem blauen Himmel. Das ist also der Vulkan, durch den die Protagonisten in Jules Vernes Reise zum Mittelpunkt der Erde zurück auf die Erdoberfläche katapultiert wurden.

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Zaza

Um 15:30 Uhr versammeln sich 12 Leute und zahlen jeweils 35 Euro. Zwei junge Südkoreaner sind zu den noch immer die Mehrheit stellenden Deutschen und Franzosen gestoßen. Jeder wird mit Helm und Schutzbrille ausgestattet. Bis auf eine Höhe von 400 Metern darf man den Stromboli ohne Bergführer besteigen, aber wer schon mal hier ist, will natürlich ganz hinauf. Die heutige Expedition wird geleitet von Zazà, einem nicht mehr ganz jungen Mann, dem man seine Fitness aber ansieht. Mit eiligen Schritten läuft er voran, sein jüngerer Kollege bildet die Nachhut.

Das Tempo ist schnell, wie wenn die Vulkanvorstellung zu einer bestimmten Uhrzeit dicht machen würde. Zwei- oder dreimal gibt es eine kurze Verschnaufpause. Alle trinken Wasser, nur die beiden Koreaner trinken Milch. Nach ein paar Minuten geht es weiter. Manche Teilnehmer werden merklich langsamer. Es wird kälter und windiger.

Auf dem Gipfel herrscht ein orkanartiger Wind, der dramatischerweise in Richtung der Seite des Grates bläst, auf der sich fünf aktive Krater befinden. Der Stromboli ist ständig aktiv. Wir sollten jetzt das Feuer sehen, das die Erde an wenigen ausgewählten Stellen nach oben schleudert, um uns Menschen zu unterhalten. Aber es ist zu diesig. Sind es Wolken? Ist es Nebel? Oder doch Rauch? Die Lunge fungiert als Sensor, schon nach wenigen Sekunden schmerzt sie. Ich muss husten und verspüre einen stechenden Schmerz wie bei einer Bronchitis. Die Nase rinnt.

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Jetzt werden Atemschutzmasken verteilt. Einer der Südkoreaner hat seine eigene dabei, um das Stereotyp vom europareisenden Asiaten zu erfüllen.

Zwölf Leute sehen gespannt in den Dunst, durch den man nichts erkennen kann. Zwölf Augenpaare starren in den Abgrund wie auf einen Kinofilm, dessen Beginn sich verzögert. Zwölf Gesichter husten und rotzen vor Kälte, Wind und Schwefel. Diejenigen, und das ist die Mehrheit der Gruppe, die ihre Kameras auf den Berg geschleppt haben, sind enttäuscht über den Mangel an film- und fotografierbarem Material, obwohl alle 20 Minuten eine Explosion wie ein Donner grollt. Nur einer aus der Gruppe nimmt die Atemmaske ab und zündet sich eine Zigarette an. Das muss ein Bergarbeiter sein, so dass er das gewohnt ist.

Neben all den Fotografen stehe ich mit meinem Schreibblock zwar etwas altmodisch da. Aber jetzt sind meine Utensilien aus dem vergangenen Jahrhundert besser geeignet, die Situation zu beschreiben als all das nutzlos 900 Meter heraufgeschleppte Gerät.

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Mehr Nebel zieht vom Meer herauf und vermischt sich mit der schnell herabsinkenden Dunkelheit. Hinter uns scheint der Mond, es ist zwei Tage vor Vollmond. Ob das genug Licht geben wird für den Abstieg in der Nacht? Ich erkenne schon nicht mehr die anderen Mitglieder der Gruppe, wenn ich nicht direkt neben ihnen stehe. Bald werde ich meinen Notizblock nicht mehr erkennen und das Schreiben einstellen müssen.

Die Krater liegen auf 700 Metern, die Fontänen aus Lava werden bis zu 350 Meter hoch in die Luft geschleudert, erklärt Zazà, der sich mehrfach dafür entschuldigt, dass es heute nichts zu sehen gibt. Mir macht das gar nichts aus, ich finde die Geräuschkulisse und die Dämpfe beeindruckend genug.

Die Bergführer raten jetzt zum Abstieg. Der Vulkan meldet sich noch einmal mit einer Explosion. Diesmal ist das Grollen deutlich lauter und vor allem länger. Wie Donner und Explosion und ein entgleisender Zug in einem.

Wir steigen auf einer anderen Route ab, gleiten rasch und mit langen Schritten durch die feine, schwarze Asche. Wie am Monte Kaolino in Hirschau, nur in groß und in schwarz. Während des Abstiegs frage ich Zazà, wie oft er auf den Stromboli steige. Etwa 200 bis 230 Tage im Jahr. „Aber wieviele Tage im Jahr arbeiten Sie denn?“ entgegnet er mit der Routine von jemandem, der diese Frage schon oft beantwortet hat und nicht ahnen kann, dass er an einen Faulenzer geraten ist, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, so wenig wie möglich zu arbeiten. Er gibt aber gerne zu, dass er schon Glück gehabt hat mit diesem Job.

Zurück im kykladischen Stromboli erhellt der Mondschein die weiß getünchten Häuser. Eine Katze bleibt seelenruhig sitzen, als wir im Gänsemarsch an ihr vorbeilaufen. Ein motorisiertes Dreirad drängt sich uns in der engen Gasse entgegen und verströmt den Duft von Diesel.

Jeder ist hungrig und durstig, die Teilnehmer streben in verschiedene Richtungen, um ein Wirtshaus oder ein Restaurant oder eine Bar zu finden. Nach und nach trudeln sie alle in der selben Kneipe ein, der einzigen, die geöffnet ist. Während des Aufstiegs hatten wir nicht die Puste, uns kennenzulernen. Während des Abstiegs mussten wir auf jeden Schritt achten. Jetzt, beim Bier und einer einfachen und überteuerten Nudelmahlzeit, stellen wir uns endlich vor.

Da wir die spektakulären Lavafontänen wegen des Dunstes nicht gesehen haben, bieten uns die Veranstalter an, es morgen nochmals zu versuchen. Aber jeder hat schon andere Pläne. Alle werden wir morgen auf der Fähre sein, um weiter nach Lipari oder Milazzo zu fahren. Stromboli ist eine Insel mit nur einer Attraktion und kaum jemand bleibt mehr als eine Nacht. Nur Ingrid Bergman und Roberto Rossellini blieben etwas länger, als sie 1949 den Film Stromboli drehten. So wenig gab es auf dieser Insel zu unternehmen, dass Frau Bergman davon schwanger wurde.

Dieser Film zeigt, was Ihr an klaren Tagen auf Stromboli sehen könnt:

Links:

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Flug verpasst: kein Marokko

Ab heute sollte mich niemand mehr um Rat zu seinen Reisen fragen. Niemals. Ich habe mich selbst disqualifiziert.

Ich habe meinen Flug nach Marokko verpasst. 

Das kam so: Ich plane immer dergestalt, dass ich eine Stunde vor Abflug beim Flughafen bin. Die Streber, die zwei oder drei Stunden vorher auftauchen, sitzen dann ja nur rum und müssen überteuerte und zu klein geratene Salate essen oder zum Rauchen in der Kälte stehen. Laut meinem mit dem Google-Kalender synchronisierten Tablet-Computer ist mein Abflug um 14:55 Uhr. Um 13:20 Uhr packe ich also meine Tasche und drucke die Bordkarten aus. Oh Schreck! Da steht plötzlich 13:55 Uhr als Abflugzeit. Dieser verblödete Computer wähnte sich anscheinend in einer anderen Zeitzone.

Mir bleiben nur 35 Minuten bis zum Take-Off.

Also haste ich auf die Straße, finde sofort ein Taxi (Targu Mures, diese Kleinstadt in Rumänien, hat etwa so viele Taxis wie New York oder wie ganz Deutschland) und bitte um eine Fahrt zum Aerodrom. Der Fahrer heißt Janosch und hat auf seinem Taxifahrerausweis einen Riesenschnurrbart wie ein linker Revolutionär. Er fährt alles andere als revolutionär. Er hält für junge Frauen mit Kinderwägen, für alte Frauen mit Einkaufstüten, für um diese Zeit massenhaft zum Mittagessen strebende Schulkinder und fährt rechts ran, um einer entgegenkommenden Ambulanz Platz zu machen. Sehr netter Mann! Ich sage nichts, weil meine verbockte Planung nicht seine Schuld ist. Außerdem kann ich kein Rumänisch oder Ungarisch.

Um 13:50 Uhr kommen wir am Flughafen von Targu Mures an, der natürlich zig Kilometer außerhalb von Targu Mures liegt. Es ist ein kleiner Flughafen, so einer der sich sich wegen ein paar Auslandsflügen „international“ nennt, obwohl es nicht mal Zeitungen auf Englisch gibt. Das purpurfarbene Flugzeug von Wizzair ist auf dem Rollfeld leicht zu entdecken. Es ist das einzige Flugzeug. Die Türen sind schon geschlossen. Schlechtes Zeichen. Ich laufe in die Halle, die zum Glück ebenfalls klein und überschaulich ist. Beim Wizzair-Schalter ist niemand mehr da. Es ist überhaupt keiner der Schalter besetzt. Die Männer, die einen abtasten und durch den Röntgenrahmen schieben, sind verständnisvoll, können aber nichts machen, weil ich einen großen Rucksack als Aufgabegepäck habe. Dafür ist es zu spät. In Eilat hat mal ein Flugzeug lange Zeit auf mich als letzten Passagier gewartet, weil ich in einer sehr strengen und leibesvisitativen Sicherheitskontrolle gefangen war. Aber das ist eine andere Geschichte.

Mit enttäuschtem Tatendrang und gepacktem Rucksack ging ich zurück nach Hause. Kein Wunder, dass ich nach der Rückkehr in mein gemütliches Heim etwas deprimiert aussehe.

Flug verpasst

Konsequenzen und Lehren:

  • Ich werde keine Witze mehr machen über Leute, die mehr als eine Stunde vor Abflug zum Flughafen fahren oder sich mehrmals der Abflugzeit vergewissern. Ich finde Euch zwar immer noch spießig, aber Ihr habt nicht ganz Unrecht.
  • Vorzugswürdiger sind allerdings Eisenbahnen und Schiffe. Da kann man auf den letzten Drücker auftauchen.
  • Wenn ich etwas Positives an dem Schlamassel finden will, so habe ich jetzt zwei Wochen mehr Zeit zum Schreiben. Stoff genug habe ich noch von meinen letzten Reisen.
  • Zwei zusätzliche Wochen in Rumänien sind auch nicht schlecht.
  • Zudem bleibt mir mehr Zeit für die Vorbereitung meiner Reise nach Israel und Jordanien im März. Diesmal werde ich aber schon am Tag vor dem Abflug zum Flughafen fahren.
  • Ich wünsche, so etwas würde nur bei Rückflügen passieren. Dann hat man wenigstens länger Urlaub. Aus New York habe ich mal einen Rückflug verpasst, weil ich mich mit einem Mädchen im Museum of Modern Art verquatscht hatte. Die anderen Flüge nach Deutschland waren alle ausgebucht, so dass ich stattdessen einen nach Paris nahm (ohne das Mädchen). So kam ich das erste und bisher einzige Mal, rein aus Zufall, nach Paris. Aber ich schweife schon wieder ab.
  • Bei der Planung für Marokko habe ich dermaßen Gefallen an dem Land gefunden, dass ich – anstatt eines kurzen Urlaubs – demnächst lieber für ein paar Monate dorthin ziehen werde. Sicherheitshalber mit der Fähre von Spanien aus.

Aber jetzt brauche ich erst einmal einen Drink und eine Zigarre.

(To the English version of this text.)

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Târgu Mureș heute Abend

Viele von Euch haben mich nach winterlichen Fotos der schönsten Allee in Europa gefragt. Diesen Winter hat es in Târgu Mureș aber gar nicht so viel geschneit. An den wenigen verschneiten Tagen schien keine Sonne. Und wenn doch die Sonne schien, ging ich lieber zum Laufen, anstatt mit der Kamera durch die Stadt zu spazieren.

Jetzt mache ich mir Sorgen, dass ich die Chance für Winterfotos verpasst habe. Morgen fliege ich nämlich für zwei Wochen nach Marokko. Und wenn ich zurück nach Târgu Mureș komme, wird der Winter vorbei sein, das Eis wird geschmolzen sein, die Blumen werden blühen, die Bäume werden grün erstrahlen und voller Kirschen und Orangen hängen, die Mädchen werden kurze Röcke tragen und wir werden am Fluss grillen.

Um die letzte Chance zu nutzen, bin ich heute Abend mit meiner Kamera kurz durch das Viertel gestreift, in dem ich wohne. Das liegt nicht im Zentrum, wo all die schönen Gebäude, Paläste und Schlösser stehen, so dass Ihr einen ungefilterten Eindruck von einem typischen osteuropäischen Wohnviertel bekommt. Diejenigen, die sich an meine Fotos aus Vilnius erinnern, werden vielleicht ein Déjà-vu-Erlebnis haben.

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So macht Kuchenbacken Spaß

Ich würde gerne mal etwas anderes essen als jede Woche nur Pizza, Nudeln und Döner. Leider sind Rezepte und Kochbücher für mich komplizierter zu lesen als Werke von Immanuel Kant oder über Stochastik.

Jetzt hat aber endlich jemand ein Video gedreht, mit dessen Hilfe sogar ich lernen könnte, einen Kuchen zu backen.

Das Ende des Films erinnert mich an mein Life of Pie.

Danke an Valdis für den Hinweis auf das Video. Er war mein Couchsurfing-Gastgeber in Lettland und buk tatsächlich einen Kuchen für mich. Am nächsten Tag zeigte ich ihm dafür, wie man Kaiserschmarrn macht. Ich hätte vorher ein bißchen üben sollen.

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Dragan. Eine Begegnung in Montenegro.

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„Where are you from?“ fragt mich der Typ in amerikanisch geprägtem Englisch.

„Germany.“

„Na, dann lass uns doch auf Deutsch schwätzen!“ Ein deutlicher südwestdeutscher Einschlag. Sein Bart ist mehr als die sprichwörtlichen drei Tage alt. Nach seinem Geruch zu urteilen hat er ebenso lange keine Dusche genossen. Dunkle Locken, gewitzte Augen. Mit einer Zigarette im Mund steht er neben dem Bus in Tivat. Ich hatte ihn angesprochen, um zu erfragen, ob dies der Bus nach Kotor sei. Es ist mein letzter Tag in Montenegro; ich bin früh aufgestanden, um ihn voll auszunutzen. „Ich heiße Dragan“, er streckt mir seine Hand entgegen.

Dragan will ebenfalls nach Kotor, also steigen wir gemeinsam in den Bus. Ich will mich in eine der vorderen Reihen setzen, aber Dragan zieht es auf die Rückbank: „Komm, lass uns nach hinten gehen. Vorne ist doch assig.“ Das erinnert mich an die Fahrten im Schulbus. Hinten saßen immer die ganz coolen Jungs. Ich war nie dabei.

Die Fahrt nach Kotor dauert nicht lange, obwohl der Bus den durch den Berg Vrmac gebohrten Tunnel ignoriert und das steile Massiv lieber umfährt, vielleicht aus Angst vor Tunneln, vielleicht um einen höheren Fahrpreis zu rechtfertigen. Dragans Leben scheint spannender zu sein als meins, also entscheide ich mich, zuzuhören, anstatt von mir zu erzählen.

„Ich bin in Deutschland geboren, in Heilbronn. Habe in Mannheim Maschinenbau und in Hamburg Germanistik studiert. Beides mit Diplom abgeschlossen. Und jetzt jobbe ich hier als Kellner“, beginnt er ungefragt zu erzählen.

„Aber die Saison ist vorbei.“ Es ist Anfang November. „Und dieses Jahr war sowieso scheiße. Zu viel Regen, zu wenig Touristen.“

Dragan zählt die acht Sprachen auf, die er spreche: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Serbisch, Berber, Albanisch und Russisch. Ich versuche daraus die Stationen seines bisherigen Lebensweges abzuleiten.

Er wartet gar nicht darauf, dass ich ihn frage, wie er als Kellner an der Küste Montenegros gelandet ist. Wie ein Schauspieler, der zu einem Filmdebüt zwanzigmal das gleiche Interview gibt, weiß er schon genau, was den Gesprächspartner interessiert. Er hatte ein Restaurant in Deutschland. Dann eine Scheidung. Die Frau zeigte ihn beim Finanzamt an, natürlich war nicht alles ganz sauber. Vier Jahre Haft. Abschiebung nach Bosnien, wo er nie gewohnt hatte. „Ich war nur als Kind ein paar Mal zum Urlaub in Bosnien, und dann sollte ich dort von einem Tag auf den anderen mein Leben neu anfangen!“

Deutsches Ausländerrecht. Was für eine Verschwendung von Talent und Fähigkeiten. Wer mit der deutschen Stastsbürgerschaft gesegnet ist, schafft es mit so einer Vorgeschichte noch locker zum Pegida-Anführer.

Dragan ist wieder verheiratet. Seine zweite Frau ist aus der Ukraine, war legal in Montenegro, aber irgendeine Genehmigung zur unselbständigen Arbeit fehlte, als sie bei einer Razzia in einem Restaurant aufgegriffen wurde. Ausweisung in die Ukraine. Er würde natürlich gerne zu ihr fahren, auch wenn in der Ukraine gerade Krieg ist. Aber die Flugtickets sind teuer und der Landweg ausgeschlossen, weil er ein lebenslanges Einreiseverbot für die EU habe.

Dragan ist diesen Morgen auf dem Weg zum Arzt. Wegen drei gebrochener Rippen benötige er Cortison-Spritzen. Ich fahre nach Kotor, um auf die am Berghang liegende Festung zu klettern. Ich fühle mich plötzlich vergleichsweise jung und frei und energiegeladen und weiß doch, dass ich nichts dafür getan habe, um mein Glück zu verdienen. Die Zeit reicht nicht mehr, um Dragan nach seinem Alter zu fragen, aber wahrscheinlich ist er wesentlich jünger als er aussieht.

Dragan fährt noch ein paar Stationen weiter, als ich am Busbahnhof in Kotor aussteige. Ich wünsche ihm alles Gute, und er fragt mich verschämt, ob ich ihm mit ein paar Euro helfen könne. „Ich habe leider selbst nicht viel“ antworte ich, nur halb gelogen, als ich mein Portemonnaie zücke und ihm fünf Euro gebe. Ich habe bereits entschieden, über diese Begegnung zu schreiben, und sehe die Spende als Honorar für den Protagonisten an.

Stadtmauer von Kotor mit Blick auf die Festung
Stadtmauer von Kotor mit Blick auf die Festung

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