Auf dem Land gehen wir früh zu Bett und stehen früh auf. Bei solchen Sonnenaufgängen fällt letzteres gar nicht so schwer.


Auf dem Land gehen wir früh zu Bett und stehen früh auf. Bei solchen Sonnenaufgängen fällt letzteres gar nicht so schwer.


Gestern habt Ihr einen ersten Blick auf das Dorf Venta Micena bekommen. Aber interessanter ist die Landschaft. Im Laufe der nächsten 28 Tage komme ich sicher an noch schönere Orte, aber hier schon mal ein paar Eindrücke von einem ersten Spaziergang.




Krieg im Jemen, Menschenrechtsverletzungen, grausamer Mord an einem Konsulatsbesucher. Ich war immer skeptisch, was Rüstungsexporte nach Saudi-Arabien angeht und bin froh, dass diese jetzt gestoppt wurden.
Aber dann habe ich gesehen, dass die meisten Waffen nur für Hochzeitsfeiern verwendet werden:
Links:
Weil während des kommenden Monats in Venta Micena wahrscheinlich nicht allzu viel passieren wird, werde ich, anstatt mir eine Geschichte aus den Fingern zu saugen, wo keine ist, einfach jeden Tag ein Foto veröffentlichen, das mein Leben hier dokumentiert. Praktisch so wie Instagraph oder wie das heißt, was die jungen Leute heutzutage machen.
Wir beginnen mit einer Ansicht des Dorfes selbst.


Ihr habt den Sommer über schon gemerkt, dass auf diesem Blog ziemliche Flaute war. Das lag daran, dass ich im Juli und August in Wien, der bekannterweise und, wie ich jetzt bestätigen kann, lebenswertesten Stadt der Welt wohnte. Mit einem Rucksack voller Bücher, Notizen und guten Vorsätzen reiste ich an, nur um sogleich in den Bann der bezaubernden Stadt an der Donau gezogen zu werden. Bei schönem Wetter, weitläufigen Parks, der Menge an kulturellen Veranstaltungen und nicht zuletzt vielen interessanten Menschen, hielt es mich kaum am Schreibtisch. „Wer weiß, ob ich jemals wieder so viel Zeit in Wien verbringe“, dachte ich mir und ließ Arbeiten, Studieren und Schreiben zugunsten des täglichen und meist ziellosen Flanierens sausen.
Noch selten war ich so glücklich wie diesen Sommer in Wien. Wie sagte ein Fräulein, als wir nachts im Schein des Vollmonds durch das Labyrinth der Hofburg liefen: „In Wien verliebt man sich.“ Ob sie damit nur die Stadt oder auch mich meinte, wollte ich eigentlich noch nachfragen, aber irgendwie kamen wir dann doch wieder schnell auf Verfassungsrecht und die österreichische Neutralität zu sprechen. Tja, Chance vertan.
Jedenfalls zieht es mich nach einer Stadt, die so reich an Reizen und wahrscheinlich sowieso nicht zu toppen ist, zur Abwechslung in eines kleines Bergdorf. Dieses Dorf liegt in Andalusien, heißt Venta Micena und hatte beim letzten Zensus 42 Einwohner. Wobei mich einiges daran zweifeln lässt, ob die alle noch leben, denn wenn ich im Internet nach Fotos von Venta Micena suche, finde ich nur drei.
Das ist das Dorf,

das ist die Landschaft,
und das ist das Schicksal der Bewohner.
Nachdem ich in Wien vor Besucherwünschen fast erdrückt wurde, bin ich mir sicher, dass in Andalusien niemand vorbeikommen will. Und wenn, dann werde ich schon Stunden vorher die von Eurem Pferd aufgewirbelten Staubwolken am anderen Ende des Tals erblicken, und mir bleibt noch genug Zeit, um auf die Jagd nach einem Steak zu gehen.
Die Leser, die sich schöne Fotos aus Andalusien oder gar eine Postkarte wünschen, müssen sich aber auch nicht grämen. Da Venta Micena keinen Flughafen hat, bin ich vor und nach der Abgeschiedenheit auch ein paar Tage in Málaga und in Granada.

Übermorgen geht es los. Hoffen wir mal, dass dieser Herbst in Andalusien meinen Sommer verlängern wird.
… ist der Herbst, stellte ich letztes Wochenende fest, während ich mich auf dem Weg von Amberg nach Nürnberg in einem Schlaraffenland wähnte und, ohne den Weg verlassen zu müssen, Äpfel, Birnen und Pflaumen pflückte.


Heute, am 10. September, ist der „Welttag der Suizidprävention“. Naja, wenigstens mal ein Tag, von dem man sicher sein kann, dass er nicht von der Glückwunschkartenindustrie ersonnen wurde. Dennoch bleibt die Frage, die ich mir stellte, als ich das erste Mal von diesem Tag hörte: Suizidpräventionstag? Warum? Oder, vielleicht passender zum Thema, warum zum Henker? Warum sollte man Selbstmorde verhindern?
Ich werde nicht fordern, dass es einen „Welttag des Suizids“ gibt oder dass der Freitod aktiv gefördert und dazu ermutigt werden soll. Aber ich glaube, dass der Suizid und die Menschen, die sich zu diesem Schritt (von der Hochhauskante) entschließen, nicht mehr mit dem Stigma des Versagens und der Verzweiflung bedacht werden sollten.
Die Reaktion, die mich am meisten aufbringt, wenn Leute vom Selbstmord eines Menschen erfahren haben, ist die vorwurfsvolle und oft selbstbemitleidende Frage „Wie konnte er uns das nur antun?“ Erstens, das Herz eines jeden Menschen ist voller Geheimnisse, so dass man sich jedes Urteils enthalten sollte, solange die betroffene Person ihre Motive nicht offenbart. Zweitens, niemand hat eine Pflicht, am Leben zu bleiben. Da uns niemand gefragt hat, ob wir geboren werden wollen, haben wir nicht einmal eine Verpflichtung gegenüber unseren Eltern, geschweige denn gegenüber Freunden, Kollegen oder der Gesellschaft.
Die einzigen Menschen, die mit etwas Fug und Recht behaupten können, dass jemand, der darüber nachdenkt, sein Leben zu beenden, ihnen gegenüber eine Verpflichtung hat, sind dessen Kinder. Denn schließlich war man für deren Geburt ursächlich und meist auch verantwortlich. Ich würde auch argumentieren, dass solch eine Pflicht nicht einmal gegenüber dem Partner besteht. Denn schließlich kann jede Partnerschaft dadurch beendet werden, dass man den anderen verlässt. Und was ist ein Selbstmord anderes als ein unzweideutiges Adieu?
Ein Suizid wird viel zu schnell mit Versagen assoziiert und als Akt des Aufgebens interpretiert. Dabei kann man sich viele Beweggründe vorstellen: Das Gefühl, ein erfülltes Leben gehabt zu haben, dessen Erlebnisse nicht mehr zu steigern sind. Neugier auf den Vorgang an sich und auf ein mögliches Leben nach dem Tod (aus diesem Grund sollten religiöse Menschen eigentlich ganz scharf auf Selbstmord sein). Übertriebene Abenteuerlust. Oder um ein Fanal zu setzen.
Wie will man Selbstmord mit Versagen assoziieren, ohne erklären zu können, was den Sinn des Lebens ausmacht? Solange es keine überzeugende, allgemeingültige Theorie über den Sinn des Lebens gibt, ist das Verlassen dieses Lebens keine schlechtere Wahl als das Verbleiben.
Ein Suizid sieht weniger negativ oder furchteinflößend aus, wenn wir uns in Erinnerung rufen, dass wir alle sterben werden. Ohne Ausnahme. Manche von uns werden im Schlaf sterben, wovon ich nicht sicher bin, ob es so friedlich ist, wie es gewöhnlich dargestellt wird. Andere unter uns werden eine schreckliche Krankheit erleiden. Oder sie werden von einem Lastwagen überfahren und verbluten. Andere werden ertrinken. Oder auf eine Landmine treten, in einem Feuer verglühen oder verhungern.
Entschuldigung für die Dramatik, aber vielleicht erkennt man angesichts dieser Aufzählung, dass es ein ziemlich vernünftiger Wunsch sein kann, Zeit, Ort und Art seines Todes selbst zu wählen.
Wenn das gesellschaftliche Stigma des Suizids beseitigt oder zumindest reduziert würde, könnten die Interessenten es möglicherweise auf eine friedlichere und kontrolliertere Weise durchführen. Meine Hoffnung ist, dass dann weniger Menschen vor Züge springen oder ihre Küche in die Luft sprengen.
Das führt uns zum rechtlichen Status des Suizids. Die ganze Angelegenheit wäre sauberer und weniger disruptiv (vor allem für den Bahnverkehr), wenn es legal wäre, Menschen bei der Umsetzung ihres Wunsches, das eigene Leben nach eigenem Ermessen zu beenden, zu unterstützen. Insbesondere finde ich es unfair und unethisch, dass kranken Menschen in vielen Staaten jegliche derartige Unterstützung versagt bleibt, während jeder gesunde Mensch eine Waffe (in den USA) oder ein Motorrad (im Rest der Welt) als Tatwerkzeug kaufen kann. Alte, gebrechliche und kranke Mencschen werden dadurch gegenüber jungen und gesunden Menschen erheblich benachteiligt.
Selbstmord ist eine Entscheidung, von der man sicher sein kann, dass man sie nachher nicht bereuen wird. Und es gibt nicht viele Dinge im Leben, von denen man das behaupten kann.
Wenn ich von jemandes Suizid höre, ist meine erste Reaktion die der Bewunderung. Ich bewundere den Mut (denn so logisch es auch sein mag, leicht ist es nicht) und die Entschlossenheit, die ultimative Entscheidung im Leben selbst vorzunehmen. Wir diskutieren über alle möglichen persönliche Freiheiten; warum sollten wir diese ultimative Freiheit ausschließen, deren Ausübung die Rechte keines anderen Menschen verletzt?

Links:
Ein Trauermarsch war eigentlich ein Musikstück, von dem jeder Komponist eines im Repertoire hatte, weil man mit den Symphonien zwar berühmt, aber nicht reich wurde. Das galt vor allem für die Zeit vor Erfindung des Urheberrechts. Deshalb mussten die Musikgenies auch Songs schreiben, die sich für Geburtstage, Hochzeiten und Beerdigungen eigneten.
Gerade in Deutschland denken viele beim Wort „Marsch“ aber nicht an Musik oder an das Land hinter dem Deich, sondern an Gleichschritt, Fahnen und Fackeln.
In letzter Zeit hat sich das Wort als missbräuchliche Bezeichnung eingeschlichen, die leider von großen Teilen der Medien übernommen wird.
Wenn ich mir die Teilnehmer, ihr Auftreten und ihre Parolen so ansehe und anhöre, muss ich feststellen: Um Trauer, gar Anteilnahme, geht es bei diesen Aufmärschen und Demonstrationen keineswegs. Eher um Hass.


Andererseits erklärt das, wieso es TrauermARSCH heißt.

Gestern in Köthen waren die „Bürger, deren Sorgen und Nöte man ernst nehmen muss“ oder mit denen Innenminister Seehofer am liebsten zusammen auf die Straße ginge, so traurig, dass sie „Nationalsozialismus jetzt, jetzt, jetzt!“ und ähnliche Parolen grölten.
Vergangenes Wochenende war ich ein bisschen Wandern, entlang des Anton-Leidinger-Wegs von Amberg nach Nürnberg.
Die Strecke ist ganz schön, auch wenn etwa 50 km für einen Tag fast zu viel waren.
Aber die Sonne schien gerade richtig. Regen drohte keiner. An den Bäumen hing Obst in Hülle und Fülle. Die Wanderung führte durch pilzreiche Kiefern- und schattige Buchenwälder, über ertragreiche und notfalls subventionierte Felder, über kleinere und größere Hügel (wie den nur mit Mühe zu erklimmenden Moritzberg), durch Dörfer mit blumigen Gärten, Häusern mit viel Holz, fröhlich grüßenden Menschen und mit einer Reichskriegsflagge (fotografiert in Poppberg in der Gemeinde Birgland, Landkreis Amberg-Sulzbach).

Tja, hier wohnen anscheinend die Reichsbürger, denen ich schon einmal einen Artikel und einen Podcast-Auftritt gewidmet habe.
Dieses Fähnchen fällt nicht unter das Verbot von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen (§ 86a StGB), aber wenn jemand die Kriegsflagge des Deutschen Kaiserreichs hisst, wird man es in den seltensten Fällen mit Verfassungspatrioten zu tun haben. Eher schon mit Rechtsextremen und Neonazis, denn auch die frühen Nazis verwendeten die Reichskriegsflagge gerne als Symbol (Foto von 1923).
Wenn die Reichsbürger aus dem Birgland auf Pilgerreise gehen, können sie übrigens ebenfalls dem Weg bis auf den Moritzberg folgen. Der Name des dortigen Turms wird ihnen zusagen.

Und die Gaststätte dort hat sogar Kaiserschmarrn.
… wenn man nur wollte:
Die „Spezialeinheit“ der luxemburgischen Polizei benötigt dafür nicht einmal Wasserwerfer, Panzer, Tränengas, Pfefferspray, Gummigeschosse, ja nicht einmal Helme oder Skimasken.
Vielleicht macht es einen Unterschied, ob Neonazis in einem Land demonstrieren, das 1940 von der Wehrmacht besetzt wurde, oder in einem deutschen Bundesland, in dem sich viele mit den Ideen der Rechtsextremen identifizieren.
Vielleicht liegt es aber auch an der Motivation der Staatsorgane:
Der Einsatzleiter in Luxemburg windet sich, als er um eine Erklärung gebeten wird für das Versagen seiner deutschen Kollegen in Magdeburg, Rostock, Hoyerswerda oder bei den Rudolf-Heß-Märschen in Rudolstadt und Fulda. „Es liegt wohl kaum daran, daß die Deutschen weniger Beamte haben“, bringt er schließlich heraus: „Vielleicht hat es ja etwas mit der Motivation zu tun.“
(Quelle)