Canmore, das bessere Banff

In jedem Land gibt es einen Ort, von dem einem jeder, wirklich jeder, empfiehlt, ja geradezu aufdrängt: „Du musst da hin!“ In mir weckt das instinktiv Widerstand, denn müssen will ich gar nichts. Und viele dieser Orte sind absolut überbewertet. Da fahren dann Touristen stundenlang durchs Land, um Schloss Neuschwanstein oder die Burg Bran zu sehen, obwohl es im Rest Deutschlands und Rumäniens hunderte anderer Burgen gäbe, die mindestens ebenso interessant sind. An denen fahren sie vorbei wie eine hypnotisierte Herde.

In Kanada nimmt die Kleinstadt Banff in Alberta diese dubiose Rolle ein. Wenn ich frage, was es dort so Besonderes gäbe, antworten die Kanadier: „Berge, ganz viele Berge. Und einen See!“ Geographisch nicht ganz ungebildet frage ich dann, ob man im zweitgrößten Land der Welt, durch das sich die Rocky Mountains ziehen, nicht auch anderswo Berge anträfe. Ganz verwundert folgt die Reaktion: „Aber jeder fährt nach Banff.“ Und genau das ist der Grund, warum ich es nicht mache.

Dabei bin ich nicht mal besonders kreativ. Ich fahre einfach nach Canmore. Das ist, von Calgary kommend, etwa 25 km vor Banff. Aber weil es um diesen Ort keinen Hype gibt, kann man die gleichen Berge zu einem Drittel des Preises genießen.

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Ich bin gerade erst angekommen, atme die frische Luft und labe mich am Ausblick auf die Berge (beides umso erfrischender nach drei Monaten in der Großstadt), als mich ein Herr anspricht: „Canmore, it’s a heap of problems„, einen Haufen Probleme habe man hier. Mir erscheint alles so perfekt, dass ich nachfragen muss, auf welche Probleme er anspielt.

„Sehen Sie nicht den schrecklichen Verkehr?“

Naja.

traffic in Canmore 2.JPG

Er erklärt, dass der Bahnübergang manchmal für fünf Minuten gesperrt sei und sich dann die Autos stauen. Zudem sei das Krankenhaus auf der anderen Seite der Bahnlinie, das sei doch unverantwortlich. Kleinstadtprobleme eben.

„Man müsste eine Überführung bauen, aber die Bergleute hier wollen alles so lassen, wie es schon immer war. Ich habe nichts gegen die Bergleute, Gott bewahre! Schließlich haben sie die Stadt aufgebaut.“ Und so höre ich zum ersten Mal vom bergbaulichen Ursprung von Canmore, von dem ich bisher ganz naiv angenommen hatte, dass es nur wegen der schönen Aussicht erbaut wurde.

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Der auffälligste Unterschied zur Großstadt ist nicht nur die Aussicht, sondern auch dass sich fremde Menschen einfach anlächeln, zuwinken, grüßen. Ich glaube, hier könnte man schneller Anschluss finden als in Calgary, wo jeder nur arbeitet und einkauft.

Ebenfalls anlächeln tut mich ein Buchladen in der Hauptstraße, Café Books, aber ich schleppe sowieso schon viel zu viele Bücher mit mir herum. Sicherheitshalber wage ich nicht einmal einen Blick über die Schwelle, sonst lasse ich mir hier noch die letzten Dollars aus der Hosentasche ziehen.

Cafe Books front Canmore

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Die Damen an der Rezeption des gemütlichen Motels Mountain View Inn lassen mich kaum selbst die Stadt erkunden und geben mir jedes Mal, wenn sie mich sehen, noch mehr Landkarten, Busfahrpläne und Café-Empfehlungen.

Natürlich wollen sie auch jeden Morgen wissen, wohin mich die heutige Wanderung führen wird. „Vergessen Sie das Bärenspray nicht!“ ermahnt mich die ältere der Damen, als ich mich mal wieder auf den Weg mache.

„Oh, wo bekomme ich dieses Bärenspray?“ frage ich etwas ungläubig, an das Haifischspray aus einer Batman-Verfilmung denkend.

„Wir geben Ihnen eine Dose mit“, bietet sie an, greift unter die Theke und rüstet mich mit der Bewaffnung aus. Gut, dass ich kein Pazifist bin.

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Wahrscheinlich ist die Waffe, die den Touristen in die Hand gedrückt wird, nur ein Marketinggag, um die harmlosen Spaziergänge gefährlicher erscheinen zu lassen. So wie die Schwimmwesten bei der Schlauchbootfahrt auf dem Baggersee.

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Andererseits sind die Bären vielleicht doch echt und kommen sogar bis in die Stadt, denn die Mülleimer sind so bärensicher gebaut, dass sie nicht nur bombensicher sind, sondern ich ratlos davorstehe und mich wundere, wo zum Henker der Einwurf für den Müll ist.

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Ich persönlich fände es zwar schlauer, die Mülleimer offen zu lassen, weil sich die Bären dann an Pizzas sattfressen könnten und keine Menschen verschlingen müssten. So macht man es in Rumänien, und dort leben Menschen und Bären in friedlicher Koexistenz, aber das ist eben der Unterschied zwischen einer sozialistisch-solidarischen und einer kapitalistisch-egoistischen Gesellschaft.

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Es ist Ende März, aber der Frühling tobt schon. Der Schnee an den Südhängen schmilzt. Die Bären wachen gerade auf, und nach sechs Monaten Schlaf und Diät haben sie, nun ja, einen Bärenhunger.

In der Globe & Mail steht im Horoskop für Krebse: „You’ve got that feeling that you must do something to prove yourself.“ Das lese ich als Aufforderung zur Bärenjagd.

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Auf der Herfahrt im Bus unterhielt ich mich mit einem Mädchen, die nur für einen Tag nach Banff fuhr. Ihr bleiben dann ein paar Stunden. Wenn man auf Facebook oder Tinder die ganzen Fotos von Kanadierinnen vor Bergseen oder Gipfeln sieht, denkt man immer „wow, was für ein naturverliebtes Volk“, dabei sind es bei den meisten nur diese Tagesausflüge, oft mit dem Auto, wo man nur kurz am Rastplatz aussteigt, um die angeblichen Naturfotos zu machen.

„Ich habe gehört, dass es in Banff die schönste Wanderung in Kanada gibt“, erklärt sie noch. Deshalb sei sie extra nach Alberta geflogen. Es ist schon komisch, dass in einem Land so groß wie Kanada 95% der Bevölkerung glauben, dass man nur in Banff oder Jasper wandern darf. Schon 10 km weiter südlich oder östlich halten sie es für eine blöde Idee. Outdoor-Spirit ist das nicht.

Auch eine Freundin aus Calgary hatte mich nach Banff verführen wollen, aber sie hatte nur einen Tag Zeit.“Für das Mittagessen gibt es drei Optionen“, begann meine Führerin zu planen, „es gibt ein Burger-Restaurant, wo jeder hingeht, wenn er nach Banff fährt. Dann gibt es …“ Ich wagte, sie zu unterbrechen, und darauf hinzuweisen, dass ich wegen Bergen und Seen, Bären und Natur nach Banff fahren würde. Vor allem wenn ich nur einen Tag hätte, würde ich keinesfalls zwei Stunden des im Frühjahr noch knapp bemessenen Tageslichts in einem Restaurant vergeuden wollen. „Da kaufe ich lieber ein Snickers an der Tankstelle und habe mehr Zeit zum Wandern“, erklärte ich, aber sie verstand mich nicht.

Also fuhr ich allein. Nach Canmore anstatt Banff. Und für eine ganze Woche, anstatt einen Tagesausflug.

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Meine erste Wanderung führt entlang am Bow River, dessen Bekanntschaft ich schon gemacht hatte.

Bow River (2)Bow River (3)Bow River (4)Bow River (5)Bow River duck

In dieser Landschaft verlaufe ich mich fast absichtlich. Einige Seitenarme des Flusses sind noch zugefroren und bieten so Zugang zu Inseln oder zum gegenüberliegenden Ufer, auch wenn es manchmal besorgniserregend knackt, wenn ich darüber laufe. An anderen Stellen überquere ich den Fluss auf umgestürzten Baumstämmen.

Bow River EisBow River Baumstamm

Ich sauge die Berge auf wie frische Luft nach Jahren in einem Asbestbunker, nicht nur wegen der willkommenen Abwechslung zu den vergangenen drei Monaten in der Großstadt, sondern auch weil ich in einer Woche im Zug durch das Flachland der Prärie sitzen werde.

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Und so wandere und wandere ich, einfach immer dem Fluss folgend. Je weiter ich mich von der Stadt entferne, umso weniger Jogger und Radfahrer laufen und fahren mir vor die Füße.

Irgendwann werde ich wohl doch mal wieder umkehren müssen, denn es ist schon nach 16 Uhr. Und da komme ich doch glatt an eine Straße mit einer Bushaltestelle. Einer vorbildlichen Bushaltestelle sogar! Mit Karte der Routen, Fahrplan, Preisen, allem was man sich als ÖPNV-Fan wünscht.

bus stop Canmore

In 20 Minuten kommt der nächste Bus, für einen Samstagnachmittag in den Bergen keine schlechte Frequenz. Bis dahin werde ich versuchen, per Anhalter in die Stadt zurückzukommen. Nach 25 Fehlversuchen hält ein roter BMW, der Fahrer begrüßt mich mit den Worten „normalerweise nehme ich nie Anhalter mit“, und ich bedanke mich für die Ausnahme. Schnell stellt sich heraus, dass seine Mutter aus Berlin und sein Vater aus Vorarlberg ist, allerdings kamen sie vor ewigen Zeiten, wie er betont. Ich versuche zu erkennen, ob die Flucht seiner Eltern aus deutsch-österreichischen Landen zu einer negativen Meinung über Menschen von ebendort führt, kann aber nichts an seinen Augen ablesen. Wie jeder Mensch in Canmore trägt der Fahrer nämlich ständig eine Sonnenbrille. Vielleicht ist diese Stadt ein Nest von Spionen?

Er gibt mir noch einen Wandertipp und den Hinweis, dass es bei der Legion, dem Heim für Kriegsveteranen, das billigste Bier gibt. Und schon ist die Fahrt zu Ende. Schade, dass an einigen Orten in Kanada Trampen illegal ist, an anderen nicht. Das verwirrt die Fahrer, und sie halten nirgendwo. Dabei ist es so eine schöne Art, Land und Leute kennenzulernen.

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Aus meinem großzügigen Eckzimmer im Mountain View Inn blicke ich sowohl beim Aufwachen als auch beim Einschlafen direkt auf die verlockendste Berggruppe im Tal, die Three Sisters. Das Motel trägt seinen Namen also zurecht.

Three Sisters dayThree Sisters night

Diese kleinen Matterhörner sind aber allesamt zu unzugänglich, steil und gefährlich für mich Hobbywanderer, vor allem jetzt, wo noch Schnee liegt. Bei den drei Schwestern gilt also: nur Ansehen, nicht Anfassen.

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Am nächsten Morgen treffe ich im Bus zum „Nordic Center“ einen Jungen aus Whitehorse, einer Klein- aber Hauptstadt im Yukon. „Wir haben nur 30.000 Einwohner, aber“, fügt er stolz hinzu, „einen Direktflug nach Frankfurt.“ Auch er war schon mal in Deutschland, zu einer Konferenz über Holzbauweise und um sich ein paar Betriebe anzusehen. Ein Industriespion also, aber jetzt arbeitet er als Holzbauingenieur und ist für einige Monate in Canmore.

Den freien Sonntag nutzt er, um dort langlaufzuskien, wo 1988 die olympischen Langläufe ausgetragen wurden. Um hier noch länger Schnee zu haben (es ist Anfang April), werden an schattigen Berghängen riesige Schneehaufen aufgeschüttet und mit Sägemehl bedeckt, damit sie langsamer schmelzen. Diese Vorräte sind so groß, dass sogar im Herbst noch Schnee vom vorigen Winter übrig ist und die Langlaufsaison im September eröffnet werden kann.

ski cross-country Canmore

Damit dies im kommenden Winter möglich sein wird, werden auch dieses Jahr fleissig Holzspäne produziert. Der Holzhausbau ist eigentlich nur ein Nebenprodukt.

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Von der Loipe will ich zu den beiden Grassi-Seen wandern, aber der Weg führt durch ein Naturschutzgebiet, im dem gerade Wild aufgeforstet wird. Eigentlich breche ich gerne Regeln, aber den Rehen zuliebe halte ich mich natürlich daran.

Am Skizentrum steht zum Glück eine Landkarte, anhand derer und der Landschaft ich versuche, mir einzuprägen, in welcher Richtung die Seen liegen. Ich erspähe eine Lücke zwischen Ha Ling Peak und Mount Rundle. Da muss ich durch.

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Die gerade Linie zu dem vermuteten Lageplatz der Seen sieht ein wenig steil aus, aber links und rechts davon ist es noch steiler. Außerdem ist auf der Karte ein Bach eingezeichnet, also kann es so steil nicht sein.

Gestern war dieser verfrühte Sommertag, so dass das Eis auf einem tiefer gelegenen See wahrscheinlich nicht mehr dick genug ist, um darüberzulaufen. (Mit zunehmendem Alter und Gewicht wird man diesbezüglich vorsichtiger.)

See Eis

Ich muss das kleine Eismeer also umrunden, ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren. Die Frage, warum ich, wenn ich schon einen See vor der Nase habe, unbedingt zu den höher gelegenen Grassi-Seen will, kommt mir in dem Moment gar nicht in den Sinn.

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Der zu erklimmende Hang ist ein Nordhang und demnach noch voller Schnee und, viel gefährlicher bei einem Winkel steiler als 45 Grad, voller Eis. Ich hangele mich mehr von Baum zu Baum als dass meine Stiefel Tritt finden.

Das Bächlein verläuft doch nicht so ebenerdig und friedlich, wie ich mir das vorgestellt habe, sondern stürzt sich tosend die Wand hinunter, die ich zu erklimmen versuche.

Wasserfall1Wasserfall2

 

Oben auf den Berg prallt die Sonne, so dass hier Tonnen von Schmelzwasser herunterrasseln. Das dürfte, je höher die Sonne steigt und je wärmer sie scheint, noch mehr werden. Hoffentlich verbreitert sich der Wasserfall nicht, denn nach rechts kann ich nicht ausweichen, dort ist eine pure Eiswand, hart wie Stein und glatt wie die olympische Rodelbahn.

Eiswand mit Aussicht

Jetzt verstehe ich, wieso Louise von der Touristeninformation etwas von Steigeisen und Eispickeln gesagt hat. Die habe ich mir natürlich gespart.

Meter um Meter kämpfe ich mich höher. Meine Hände sind von Felsbrocken aufgeschürft. Mein Atem keucht, mehr vor Angst als vor Anstrengung, auch weil Schneeschmelzzeit Bärenaufwachzeit ist. Hier könnte ich nirgendwo weglaufen.

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Plötzlich ist die Sonne weg. Wolken ziehen auf, zuerst es wird neblig, dann richtig düster und spukig. Oder ist das schon die Nacht? Das kann eigentlich nicht sein, denn gerade was es noch Vormittag. Eine Uhr habe ich – entsprechend der Abenteuerregel Nr. 19 – natürlich auch nicht dabei.

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Jetzt wird also der Wasserfall linker Hand bald zugefrieren, und ich werde gefangen sein wie in der Eishölle der Antarktis, nur vertikal.

Der Wind pfeift, die Bäume knarzen, der Himmel sieht so finster drein, wie wenn er meinen kleinen Wanderplan als großen Affront betrachtet. Der Hang wird immer steiler, die Schwerkraft immer mehr zum Feind.

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Und dann ist Ende Gelände. Leider.

Wie knapp vor dem Ziel oder ob überhaupt auf dem richtigen Weg kann ich von meiner Position aus nicht beurteilen. Ich sehe nur, dass es nicht mehr weitergeht. Die Wand über mir ist jetzt endgültig zu steil und zu vereist. Enttäuscht erkenne ich, dass nur mehr die Umkehr mein Leben rettet.

Ende Gelände 1Ende Gelände 2

Zurück zur Erde geht es wenig elegant. Gut, dass mich außer einem Eichhörnchen niemand sieht. Allerdings werde ich etwaige Spenden für diesen Artikel für eine neue Hose brauchen. Wenigstens bin ich ziemlich schnell unten, und die Verletzungen beschränken sich auf weitere Abschürfungen und ein paar blaue Flecken.

Ohne das verdammte Eis hätte ich es geschafft. Glaube ich. Im Sommer kann ich Euch den Weg also bedenkenlos ans Herz legen. Einfach dem Wasserfall folgen!

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Die weitere Wanderung führt mich dann doch noch zu einem See, dem Quarry Lake, der aus einer erschöpften Tagebaumine entstand.

Quarry lake 1Quarry lake 2

Erschöpft bin auch ich, also lasse ich mich nieder und feiere mein heutiges Überleben durch Genuss einiger lebensverkürzender Marlboro-Zigaretten, die in Kanada nicht Marlboro heißen dürfen.

Aber das ist eine Geschichte für ein anderes Mal, Ihr wollt jetzt mehr über den Bergbau hören. 1887 begann in Canmore der Abbau von Kohle. Hauptabnehmer waren die Dampfloks, weshalb die transkontinentake Eisenbahnlinie durch diese wunderbare Landschaft gebaut wurde und auch heute noch mindestens stündlich einer der beeindruckend langen Güterzüge vorbeidonnert.

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Leider gerieten Dampfloks aus der Mode (wahrscheinlich wegen Greenpeace oder anderer Ökofuzzis), und an einem Freitag, den 13. Juli 1979, schloss die Mine. Daher kommt der Aberglaube, dass auf den Monatsdreizehnten fallende Freitage Unglück brächten. Das ist aber ein Irrglaube, in Wirklichkeit bringt der Aberglaube selbst Unglück.

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Der leitende Ingenieur der Mine, Gerry Stephenson, war ein begeisterter Angler und hatte eine bessere Idee, als das hässliche Loch einfach zuzuschütten. Endlich würde er auch zuhause in Canmore angeln können. So kam es zu dem See.

In der Stadt erinnert das Gebäude der Bergarbeitergewerkschaft an diese nicht allzu lang zurückliegende Geschichte, aber Bergarbeiter, die mir von vergessenen Goldminen erzählen könnten, treffe ich leider nicht an.

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Die sitzen wahrscheinlich alle im Veteranenheim mit dem billigen Bier.

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Während ich an diesem See sitze, frage ich mich endlich, wieso ich nicht gleich gemütlich hierher spaziert bin und mich mit einem Buch ans Ufer gesetzt habe anstatt im Hochgebirge auf Seenjagd zu gehen. Ich verstehe nicht, wieso ich immer wieder so etwas mache. Ehrgeizig bin ich eigentlich wirklich nicht. Auch höher, schneller, weiter war noch nie mein Antrieb.

Größer, mehr, teurer ist jedoch der Antrieb eines Ehepaares, dessen Streit ich anhören muss, weil sie ihn so laut austragen. Es geht darum, wie groß das neue Haus sein soll, wie nahe es am See liegen soll und wie breit die Auffahrt sein soll. Manche Materialisten können nicht einmal in der Natur innehalten.

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Apropos Häuser: Diese blaue Lagune sieht zwar schön aus, stinkt aber ganz erbärmlich, weil aus einem Rohr die Abwässer der sich immer weiter in die Natur fressenden Bebauung in das Ökosystem geleitet werden.

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Am Abend schneit es dann, sogar bis ins Tal. Wenn ich noch länger am Berg geblieben wäre, tja, das wäre nicht gut ausgegangen. Morgen werde ich es locker angehen lassen.

Schnee1Schnee2

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Als ich ins Motel zurückkomme, ist gerade Stromausfall. „Wegen irgendeiner Explosion“, wie die Damen von der Rezeption erklären und mich einladen, mich zu ihnen bei Kerzenschein in den Teeraum zu gesellen, weil in meinem Zimmer ja sowieso kein Licht und kein Internet funktioniere. (Viele Menschen heutzutage glauben, dass man Internet zum Überleben benötigen würde.)

Als sie mich fragen, was ich für morgen geplant habe, muss ich mir spontan etwas einfallen lassen: „Ich werde wohl zu Fuß nach Banff gehen.“ Das sind etwa 25 Kilometer.

Sie erzählen mir, dass sie mal einen Gast hatten, der die ganze Strecke hin und zurück gerannt ist. Na gut, dann ist mein Plan also vergleichsweise normal.

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Vom Motelfenster sehe ich nicht nur verlockend die unbezwingbaren Three Sisters, sondern immer wieder Kaninchen herumhoppeln. Jeden Tag werden sie mir begegnen, überall in der Stadt.

KaninchenKaninchen (2)

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Am nächsten Morgen mache ich mich also früh auf den Fußweg nach Banff, um den Ort zu sehen, an den jeder außer mir hin will (was macht man nicht alles für die wissbegierigen Leser) und um die 6 $ für den Bus zu sparen.

Auf der Karte habe ich gesehen, dass der Wanderweg Trans Canada Trail von Canmore nach Banff führt. Leider führt dieser Weg die Wanderer aber auch in die Irre. Dieser Weitwanderweg, der Kanada von Küste zu Küste durchquert, führt nämlich weitgehend über Straßen oder direkt an Straßen entlang. Ich will nicht zu hart urteilen, aber dieser Wanderweg ist der schlechteste und überflüssigste Weitwanderweg der Welt. Er ist eine einzige Täuschung, ein Ärgernis, eine verdammte Luftnummer.

So sieht im Land der endlosen Natur der Wanderweg in einem Nationalpark aus:

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Und einmal auf diesem Weg, kommt man nicht mehr aus. Rechts ist die Autobahn, links ist über Kilometer ein hoher Zaun, so dass man wirklich wie in einem Gehege läuft. Nur dass den Tieren im Zoo mehr Abstand zur Straße zugebilligt wird. An den wenigen Stellen, an denen der Zaun durchlässig ist, kommt man auf eine Bahnlinie oder müsste bald einen Fluss durchwaten.

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Wer also nach Kanada will, um zu wandern, kehrt besser gleich wieder um und fährt nach Großbritannien oder Österreich, wo Wanderwege wirklich für Wanderer gemacht sind.

Falls Ihr dennoch auf einer Zufußdurchquerung Kanadas besteht, sucht Euch eine Stromtrasse. Die sind breit genug, da kann eine ganze Armee wandern. Und Saft fürs Handy gibt es auch.

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Nur einmal gibt es einen kleinen Aussichtspunkt, wo man ein bisschen im Gras herumlaufen darf, nachdem man durch eine Gittertür tritt, die vor Bären warnt.

Die Aussicht ist schon großartig, zugegeben, aber der einzige Grund für diesen Ort ist, dass hier ein Autobahnrastplatz ist. Kanada ist eigentlich ein Land für Autos, nicht für Menschen.

Ich genieße trotzdem die Pause, die nach dem Marschieren auf Beton dringend notwendig ist. Vor dem Mittagessen packe ich sicherheitshalber das Kampfspray aus und lese die Instruktionen auf einer verwirrend ausführlichen Bärenwarntafel.

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Zuerst werden die Unterschiede zwischen Schwarz- und Grizzlybären erklärt. Dabei soll ich auf die Form der Schulter und des Gesichts sowie auf die Klauen achten. Beim Schwarzbären sind diese bis 4 cm lang, ab 5 cm beginnt der Grizzlybär. Wahrlich ein hilfreicher Hinweis im Fall einer Attacke! Was ist mit einem Baby-Grizzly? Eigentlich ist alles egal, denn die zoologische Lehrtafel verkündet auch: „Beide Arten können auf Bäume klettern und schwimmen.“

Sodann werde ich angewiesen, was ich zu tun hätte, wenn ich dem Bären aus dem Weg gehen wollte: in der Gruppe unterwegs sein, laut sein und kein Essen auspacken. Da ich den/die Bären anlocken will, mache ich also alles gegenteilig richtig.

Aber was, wenn der Bär sich meldet? Dann soll ich unterscheiden, in welcher Gemütslage sich das Tier befindet. Wenn es Geräusche macht, knurrt, das Maul aufreißt und zum Angriff ansetzt, dann ist es – zu meiner großen Verwirrung – ein defensiver Bär. Das alles seien Anzeichen eines Scheinangriffs, ohne dass erklärt wird, wieso der Bär auf so eine Schnapsidee kommen sollte. In diesem Fall soll ich langsam zurückgehen und notfalls dem Bären das Giftgas ins Gesicht sprühen (wenn die Windrichtung stimmt, die ich in dieser Situation dann noch zu bestimmen habe, denn ansonsten haut das Gift mich anstatt das Raubtier um). Falls der Bär mich doch berührt, soll ich mich auf den Boden fallen lassen und tot stellen. Diese Haltung ist einzuhalten, bis sich der Bär entfernt hat. Wenn dieser Kontakt den Bären jedoch aggressiv gemacht hat (ja, das kann auch passieren), dann lautet der Ratschlag: „Kämpfen Sie mit dem Bären mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln.“

Wenn der Bär jedoch ruhig ist, mich beobachtet und mir folgt, dann ist es ein aggressiver Bär beziehungsweise, wie es auf kanadisch-diplomatisch heißt, ein nicht-defensiver Bär (das muss diese „political correctness“ sein). In diesem Fall soll ich mich so groß wie möglich machen (wie? vielleicht auf und ab hüpfen?), Lärm verursachen, einen sicheren Ort aufsuchen (Superidee!) und dann den Bären mit allem bekämpfen, was ich finden kann: Bärenspray, Steine, Stöcke. Aber: „Den Spray erst einsetzen, wenn der Bär in etwa 5 Metern Entfernung ist.“ Von Panik steht nichts in den Leitlinien.

Ich habe zwar Jura studiert, aber das sind mir viel zu viele Wenns und Abers, schlimmer als eine EU-Verordnung. Und welcher Depp legt sich bitteschön auf den Boden, wenn ein Bär naht? Insbesondere wenn man, wie es empfohlen wird, in der Gruppe unterwegs ist. Da laufe ich doch, was das Zeug hält. Einen neuen Wanderpartner oder eine neue Freundin findet man immer wieder, vor allem als weltbekannter Blogger.

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Der Rastplatz wäre auch der einzige Ort, an dem man vielleicht eine Mitfahrgelegenheit erhaschen könnte, allerdings nur in die für den Tagesplan falsche Richtung. Auf die andere Seite der Straße gelangt man nämlich überhaupt nicht, und außerdem gibt es keinen Seitenstreifen für Anhalter und anhalte- und anhaltermitnehmwillige Automobilisten.

Dieser Wanderweg ist so grausam, ich fange schon an, davon zu träumen, von einem Bären gefressen zu werden. Aber nur ein süßes Eichhörnchen lauert auf mich.

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„Gibt es denn wirklich gar keinen anderen Weg?“ fragt Ihr Euch beim Blick auf die Natur zurecht. Aber so einfach ist es nicht. Im Winter könnte ich auf dem zugefroreren Fluss gehen, aber zu viel des Eises ist schon geschmolzen.

Die andere Alternative von Canmore nach Banff führt über das Gebirgsmassiv des Mount Rundle mit seinen sechs Gipfeln. Links dieses Gebirgszuges liegt Canmore, rechts Banff, man muss also alle Gipfel der Länge nach abklappern. Das wäre für einen Tag ein wenig arg.

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Außerdem ist es heute etwas neblig da oben.

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Dem Schmerz in meinen Beinen nach zu urteilen, müsste ich schon in Banff sein. Aber zuerst gelange ich an einen kleinen Friedhof im Wald. Beziehungsweise einem gar nicht so kleinen Friedhof, der allerdings wenig ausgelastet ist. Nur eine Handvoll Toter bewundert den Ausblick auf die Berge.

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Ein Wolf oder ein Kojote streunt herum und hofft, die Einwohnerzahl dieser Institution zu erhöhen. Er scheint mich als Kandidaten für das baldige Ableben einzuschätzen, denn neugierig bleibt er mir auf den Fersen.

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Nach ein paar weiteren Kilometern auf einem Radweg, ebenfalls direkt neben der Straße, taucht endlich Banff auf, diese meistgepriesene Stadt Kanadas. Der Tourismus scheint zu boomen, denn ich sehe eigentlich nur Hotels links und rechts von der Straße, manche so riesig, wie wenn sie mit den Bergen im Hintergrund konkurrieren wollen.

Nach 25 km Fußmarsch habe ich mir eine kleine Cola verdient, denke ich mir. Aber die Läden verkaufen nur Fjällräven, North Face und Harley Davidson (wo es gerade 50% Rabatt auf Motorräder gibt). Canmore lebt zwar auch vom Tourismus, aber dort gibt es wenigstens normale Pizza- und Dönerläden – und die Buchhandlung. In Banff nehmen diesen Platz die Juweliere ein. Es ist eine Show-off-Stadt, passend zu all den Leuten, die hier für einen Tag herfahren, einen überteuerten Burger essen, auf dem Rückweg auf einem Parkplatz ein Selfie vor Bergkulisse machen und sich dann wie Abenteurer fühlen.

Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal ausdrücklich erwähnen muss: Wenn Ihr an einem Ort Diamantendiademe von Cartier kaufen könnt, dann seid Ihr nicht in der Wildnis!

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Und noch ein Unterschied fällt mir auf: In Canmore lächeln mich, den Fremden, viele Menschen an und grüßen mich. In Banff macht das niemand. Hier sehen die Leute nur verächtlich auf mich herab, weil meine Hose ein Loch hat und ich beim Rasten neben dem See meine Schuhe ausziehe.

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Weil meine Artikel aber nur durch die Begegnungen mit anderen Menschen interessant werden, spreche ich eine der Spaziergängerinnen an. Sie ist ganz neu in Banff und hat deshalb noch nicht internalisiert, dass man Landstreicher zu ignorieren hat.

Emma ist aus dem Karriere- und Stresszyklus, in ihrem Fall bei der BBC, ausgestiegen, weil sie „nicht immer das machen wollte, was die Masse macht“. So endete sie in Banff, dem Tourismusziel Nr. 1 in Kanada mit jährlich mehr als 4 Millionen Besuchern, und schult zur Skilehrerin um. Das machen hier all die „Aussteiger“ aus Neuseeland, Australien und Irland. Erstaunlich, nein, erschreckend viele von diesen Superindividualisten machen genau das Gleiche wie ihre Kollegen.

Als ich das anmerke, beschuldigt mich Emma, „negative Schwingungen“ auszusenden, und geht weiter, wahrscheinlich zum Yoga oder zu irgendwas, das ganz „spirituell“ oder „mindful“ ist.

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Mein Tipp für Rocky-Mountains-Reisende: Canmore ist das bessere Banff. Die Berge sind ja sowieso überall die gleichen. Das Wetter ist an beiden Orten gleichermaßen unstet. Und zwischen beiden Orten fährt ein Bus für 6 $, spart Euch also diesen Fußweg.

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Am nächsten Tag gehe ich lieber wieder in der Gegend von Canmore Wandern. Am Cougar Creek wird vor Pumas gewarnt. Mist, dagegen habe ich gar kein Spray. Um die ganzen Regeln schere ich mich nicht mehr. Wahrscheinlich sind Pumas noch komplizierter als die schon überregulierten Bären.

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Ich schlage den Weg zum Mount Lady MacDonald ein, denn das hört sich nach einem Gipfelimbiss an. Der Weg ist ziemlich steil aber nicht schwer. Es ist ein schöner Waldweg mit tollen Ausblicken.

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Hier sind mehr Wanderer als sonst unterwegs. Immer wieder sitzen am Wegrand junge Leute, die eine Verschnaufpause einlegen. Andere laufen mir schon vom Gipfel entgegen, das sind die Frühaufsteher. Zwei ältere Männer stehen auf dem Weg und weisen mich auf einen fetten Vogel hin, der nicht sehr scheu zu sein scheint. Auf ihrem Telefon haben sie Auerhennenrufe, um den Auerhahn anzulocken, aber der Vogel lässt sich nicht foppen, auch nicht von der Aussicht aufs Vögeln und Poppen.

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Wir kommen ins Gespräch, und mal wieder stellt sich heraus, dass jeder hier Deutsch spricht. Lászlós Eltern waren Ungarn aus Gebieten, die mittlerweile zu Rumänien bzw. zu Serbien gehören, und er selbst wurde am Ende des Zweiten Weltkriegs in Niederbayern geboren. Aber als Ungarn sprachen seine Eltern „natürlich“ Deutsch (Antal Szerb und sein Verweis auf Deutsch als Weltsprache fallen mir ein), das sie verwendeten, um sich unter Ausschluss des Jungen zu unterhalten. Dieser brachte sich mit Karl-May-Büchern selbst Deutsch bei. Noch jetzt, 60 Jahre später, kann er die Titel auf Deutsch aufzählen: Im Land der Skipetaren, Durchs Wilde Kurdistan, Der Schut. Der andere Herr, Chris aus England, der auch schon seit Jahrzehnten in Kanada lebt, lernt Deutsch, weil er gerne Wagner-Opern hört.

Wir merken, dass wir uns gut verstehen, und die beiden Herren wandern sowieso jede Woche zusammen, so dass sie um die Abwechslung froh sind. Also formen wir eine kleine Wandergruppe. Die beiden sind über 70 Jahre alt, haben aber ein deutlich höheres Tempo als ich drauf. Wenn ich mal so alt bin, möchte ich auch so fit sein.

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Dafür sind die Gespräche so interessant, dass mir die Mühe und die Sauerstoffknappheit gar nicht mehr auffallen. Die beiden sind sehr gebildet, weit gereist. László hat im Iran, in Brasilien und in Peru gelebt, und wir unterhalten uns über die Welt, über die Europäische Union, über Rumänien, über die AfD, über Universitäten, über die anstehenden Wahlen in Alberta, über das Baltikum, über Cuenca in Ecuador, und schwuppdiwupp sind wir beim alten Teehaus angelangt, von dem nur mehr eine Holzplattform steht. Statt McDonald’s genießen wir Obst, Müsliriegel und den Ausblick.

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Der eigentliche Gipfel läge noch ein paar hundert Meter höher, auf fast 3000 m, aber es sieht ziemlich steil aus, und oben wartet ein sehr dünner Grat. Aus Rücksicht auf die beiden älteren Herren muss ich Euch das leider vorenthalten.

Ok, ganz ehrlich, das wäre sowieso nichts für mich gewesen.

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Der Rückweg geht natürlich leichter als der Aufstieg, aber verfliegt auch wegen der angeregten Unterhaltung wie im Flug. Diesmal diskutieren wir über Autos, Ökosteuern, den Vertrag von Trianon, das duale Ausbildungssystem, den kanadischen Föderalismus, die britische Industriepolitik, den Verkehr in Teheran, Landminen in Bosnien und ICE-Züge.

Erst als ich zurück in die Stadt komme, merke ich, dass ich vor lauter Quatschen kaum Fotos von der Wanderung gemacht habe. Aber egal, Ihr habt wahrscheinlich sowieso schon genug von Bergen und Bäumen.

Diese Begegnung bestätigt mal wieder meine These, dass man Reisen am besten allein unternimmt. Wenn ich als Paar oder gar in einer Gruppe unterwegs gewesen wäre, hätte ich mich kaum stundenlang mit Fremden unterhalten und hätte nichts Neues gelernt.

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Ein nachahmenswerter Service sind diese Fahrradreparatur- und Luftaufpumpstationen.

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Eine der Rezeptionistinnen im Motel klärt mich auch endlich über die süßen Hoppeltiere auf: „Jemand hatte eine Kaninchenfarm, die pleite ging. Er brachte es nicht übers Herz, die Kaninchen zu verkaufen“ (wahrscheinlich ist er deshalb pleite gegangen, denke ich mir) „und hat sie alle frei gelassen.“

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Nachdem ich schon alle Himmelsrichtungen von Canmore aus zu Fuß erkundet habe, brauche ich jetzt doch ein Auto, um ins Hochgebirge zu kommen. Mieten steht finanziell außer Frage. Stehlen wäre nicht nur juristisch problematisch. Ich weiß auch nicht, wie man eine Autotür ohne Schlüssel aufbekommt, geschweige denn, wie man den Motor startet.

Also muss ich einen Trick anwenden: Ich lade einen Bekannten ein, mich in Canmore zu besuchen und so für einen Tag seinen Kindern zu entkommen. Es klappt. Der den regelmäßigen Lesern dieses Blogs bereits bekannte Fotograf Edward Allen kommt tatsächlich für einen Tag nach Canmore, und wir fahren in die Berge südlich der Stadt, vorbei an den Grassi-Seen, die ich vor einigen Tagen kletternd nicht erreichen konnte.

Aber heute interessieren diese kleinen Tümpel nicht mehr. Wir wollen höher hinaus, zu größeren Seen, zu weiteren Ausblicken und in dünnere Luft.

Photo by Edward John AllenPhoto by Edward John AllenHochgebirge1Hochgebirge2Hochgebirge3

Mit dem eisigen Wind und der absoluten Stille fühlen wir uns beide an den Himalaya erinnert, in dem noch keiner von uns gewesen ist.

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Um einen der Seen hat eine Pistenraupe eine Spur gezogen, der wir dankbar folgen. In dieser Abgeschiedenheit hätte ich eigentlich Angst vor Bären, aber Edward spricht so unentwegt und laut, dass es selbst Bigfoot in die Flucht schlagen würde.

Und so komme ich endlich mal wieder an Abenteurerfotos von mir.

Photo by Edward John AllenPhoto by Edward John Allen

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Zum Essen gehen wir dann doch in das Café Books, um die örtliche Literaturszene zu unterstützen. Die ganze Woche hatte ich es bewusst gemieden, um nicht in Versuchung zu geraten, und jetzt sehe ich, dass es tatsächlich eine Fundgrube ist. Zum Glück bin ich pleite.

Das Café liegt in einem separaten Gebäude für Gebrauchtliteratur, vielleicht damit die neuwertigen Bücher nicht den Curry-Geruch annehmen.

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Am Abreisetag leiste ich mir ein Taxi für die paar Kilometer zur Tourismusinformation, von wo aus der Bus zurück nach Calgary geht. Der Taxifahrer wartet mit mir zusammen auf den Bus, „weil so früh am Morgen sowieso nichts los ist“, und wir unterhalten uns eine Viertelstunde, während derer er mir einen Becher Kaffee kauft, der einen erheblichen Teil des Fahrtpreises verschlingt.

Ich mag so kleine Orte.

Andreas in Alberta April 2019 19.jpg

Praktische Hinweise:

  • Gewohnt habe ich im Mountain View Inn, das war gemütlich, geräumig und preiswert. Bei Booking bekommt Ihr über diesen Link 15 € Rabatt, übrigens auch für alle anderen Unterkünfte weltweit.
  • Die günstigste Möglichkeit von Calgary nach Canmore/Banff ist im Sommer der Bus von On-It (10 $), im Winter der Banff Express (30 $).
  • In Canmore und Banff gibt es einen ganz guten Busverkehr von Roam Transit, der auch teilweise in die Berge führt, von wo aus man loswandern kann. Ein Auto braucht man also nicht.
  • Eine Linie fährt regelmäßig und bis etwa 22 Uhr zwischen Canmore und Banff (für 6 $). Wegen der teuren Unterkünfte in Banff lohnt sich selbst dann eine Übernachtung in Canmore, wenn Ihr mehr Zeit in Banff verbringen wollt.
  • Falls Ihr, so etwas soll vorkommen, auf Eurer Reise den Adapter für europäische Geräte in nordamerikanischen Steckdosen irgendwo liegen- bzw. wohl eher steckenlasst, so bekommt Ihr in Canmore im Laden „The Source“ gegenüber von „Canadian Tire“ fachgerecht und hilfsbereit Nachschub.
  • Falls Euch auf der Reise die Bücher ausgehen, findet Ihr im Café Books Nachschub.

Links:

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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7 Antworten zu Canmore, das bessere Banff

  1. Interessant, tolle Fotos, alles. Nur.. die Länge des Beitrags überfordert meine Lesegewohnheit am Smartphone. Warum nicht drei oder vier Teile daraus machen? Bleibt natürlich deine Sache, aber als geneigte Leserin wollte ich es wenigstens angemerkt haben. 😊

    • Andreas Moser schreibt:

      Weil ich es noch viel umständlicher finde, zwischen verschiedenen Teilen hin- und her zu lesen, zu springen und zu verweisen. Dann stellt jemand unter einem Teil eine Frage, die aber in einem anderen Teil beantwortet ist oder die schon unter einem anderen Teil gestellt wurde. Oder ich müsste, um die Teile als eigenständige Artikel überleben zu lassen, vieles doppelt und dreifach erklären.
      Ich persönlich finde als Leser willkürrlich unterteilte Artikel voll nervig. Das ist so, wie wenn man ein Buch in zehn Teilen verkaufen würde.

      Teile mache ich deshalb nur, wo die Artikel logisch klar zu trennen sind, zB in dem Bericht über die Zugfahrt durch Kanada. Die drei Teile sind durch lange Aufenthalte unterbrochen, und in jedem Teil gibt es einen anderen Schwerpunkt.

      Und wegen der Länge habe ich die nummerierten Kapitel eingeführt, so dass man sich merken kann, wie weit man gekommen ist. Du merkst dir also einfach „Abschnitt 14“ und liest dann nach dem Joggen weiter.

    • Andreas Moser schreibt:

      Und noch ein Tipp:
      Die längeren Artikel einfach aufheben fürs Büro, wo man am großen Bildschirm lesen kann. 😉

    • Ja, wenn ich so einen Job hätte.. 😎

  2. Pingback: Canmore, the better Banff | The Happy Hermit

  3. rano64 schreibt:

    Etwas verspätet meinen Senf: Ich kann es ebenfalls überhaupt nicht leiden, wenn man mir auf Reisen etwas aufdrängen will. Ich muss gar nichts außer irgendwann sterben. Ganz im Gegenteil: Diese „muss man gesehen haben“ Empfehlungen sind ein recht zuverlässiger Indikator dafür, von welchen Orten man sich besser fernhält.

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