Die Russische Botschaft

To the English version of this text.

Demnächst möchte ich in die Ukraine fahren. Aber wer weiß, ob es die Ukraine dann noch geben wird. Russland rückt geographisch ja immer näher. Sicherheitshalber will ich ein Visum für Russland beantragen, bevor die Expansionstour des größten Landes der Welt, das sich noch immer zu klein fühlt, so weit führt, dass man ohne russisches Visum nicht einmal mehr aus dem Haus gehen kann.

So frage ich mich durch zur russischen Botschaft. „Großes rotes Haus“ ist in jeder Wegbeschreibung enthalten und nachdem ich schon an der deutschen, französischen, italienischen, britischen und österreichischen Botschaft vorbeigekommen bin, wähne ich mich im richtigen Viertel.

„Das muss es sein“, denke ich mir, als ich in die Vojvode-Batrića-Straße einbiege.

Russian embassy red house

Und tatsächlich: Durch das offene Tor erblicke ich den russischen Adler über dem breiten Treppenaufgang. Der Hof erscheint mir ein bisschen verwildert. Gras breitet sich durch die Ritzen zwischen den Steinplatten aus. Vielleicht ist der Gärtner im Urlaub. Schließlich ist Sommer. Die Fenster im Obergeschoss stehen alle offen.

Russian embassy gate
Russian embassy front

Das Tor ist verschlossen, eine Klingel gibt es nicht. Ich klopfe. Keine Reaktion. Überhaupt dringt kein Geräusch aus dem Haus. Da fällt mir ein, dass die Repräsentanz des Kremls einfache Visumsbittsteller kaum durch den Haupteingang empfangen wird. Für solch profane Anliegen haben derartige Gebäude meist einen Seiteneingang oder ein Nebengebäude, so dass sich der gewöhnliche Pöbel nicht mit besuchenden Botschaftern und Königen vermengt.

Also schleiche ich vorsichtig durch den Garten und finde den vermuteten Seiteneingang.

Russian embassy side entrance

Die Tür steht einladend offen, es gibt weder eine Klingel, mit der ich mich ankündigen könnte, noch einen Wachmann, dem ich mein Anliegen vortragen könnte, also trete ich beherzt ein. Die Mittagspause ist nicht nur in vollem Gange, sondern anscheinend auch für das gesamte Personal vom Botschafter bis zum Archivar verpflichtend, denn noch immer begegne ich keiner Menschenseele.

Manche Räume sehen so verwaist aus, wie wenn sie seit der Russischen Revolution nicht mehr verwendet wurden.

Russian embassy mess

Aber ganz so weit lag die letzte Nutzung dieses Palasts dann doch nicht zurück. In einem anderen, größeren Raum ist eine mit 1968 datierte Plakette angebracht. Hammer und Sichel, diese Symbole einer vergangenen Zeit. Wenn einer der Leser kyrillische Schriftzeichen entziffern kann, so klicke er auf das Foto, um es zu vergrößern, und versuche sich an einer Übersetzung.

Russian embassy plaque

Je tiefer ich mich in diesem einstmaligen bürokratischen Labyrinth vorwage, desto mehr drängt sich der Eindruck auf, dass es einst fluchtartig verlassen wurde.

Russian embassy corridor

Es ist kein Geheimnis, dass es mit Russland seit der Annexion der Krim wirtschaftlich bergab geht, aber dass es so schlimm bestellt ist, überrascht mich dann doch.

Das Treppenhaus mit den Säulen, dem Stuck und dem verzierten Geländer zeigt Spuren einstiger Grandesse. Leise, vorsichtig und langsam wage ich mich nach oben. Mir ist bewusst, dass ich gefangen wäre, wenn ich die Tür zufallen hören würde. Aber meine Neugier obsiegt.

Russian embassy stairs

Im Obergeschoss entfaltet sich die ganze Pracht des russischen Botschaftpalasts, selbst nach hundert Jahren noch deutlich zu erkennen. Obwohl es vollkommen ruhig ist, kann ich mir eine lebhafte Abendgesellschaft vorstellen, in Fracks und Kleidern, die Gläser gefüllt mit Rum, Wodka und Gin, mit Pfeifen, Zigarren, Monokeln und einem Grammophon, das Musik von Borodin oder Mussorgski spielt.

Russian embassy top floor 1
Russian embassy top floor 2

Hier wurde nächtelang diskutiert über das dahinsiechende Osmanische Reich, den Krieg in Albanien, Erdöllieferungen aus Persiendie Streckenführung von Eisenbahnen, den japanischen Angriff auf Port Arthur und den Petersburger Blutsonntag.

Ich bin in Cetinje. Vor 100 Jahren war diese Kleinstadt in den Bergen die Hauptstadt zuerst des Fürstentums und dann des Königreichs Montenegro. Die Zeit des Köngreichs währte nicht lange, von 1910 bis 1918. Ein König (Nikola) reichte dafür vollkommen aus.

Cetinje hat heute ca. 16.000 Einwohner. Der Zensus von 1910 gibt die Einwohnerzahl mit 5.895 an. Das war damals die kleinste Hauptstadt Europas. Nicht mehr als ein größeres Dorf, in dem sich Könige, Fürsten, Politiker, Künstler und Intellektuelle trafen und fast so lebten wie ihre Kollegen in Berlin, Paris und Wien. Nur näher am Meer. Dann kam der Erste Weltkrieg.

Veröffentlicht unter Erster Weltkrieg, Fotografie, Geschichte, Montenegro, Reisen, Russland | Verschlagwortet mit | 5 Kommentare

Richard von Weizsäcker, 1920-2015

Heute so aktuell wie vor 30 Jahren:

Die gesamte Rede gibt es hier als Text- und hier als Tondokument.

Veröffentlicht unter Deutschland, Geschichte, Holocaust, Politik, Zweiter Weltkrieg | Verschlagwortet mit | 1 Kommentar

Nächste Reise: Marokko

Es ist mal wieder an der Zeit, ein etwas exotischeres Land zu erkunden. Und Sonne täte auch gut.

Vom 9. bis 24. Februar werde ich Marokko bereisen.

Das ist mein vorläufiger Plan:

Ab dem 9. Februar bin ich in Marrakesch.

Marrakech_Jemaa-el-Fna_Luc_Viatour

Marrakesch wäre natürlich interessant genug, um die ganzen zwei Wochen dort zu verbringen, aber nach ein paar Tagen muss es weitergehen.

Zuerst will ich nach Imlil, am Fuße des Jebel Toubkal, des höchsten Berges in Nordafrika. Ich fürchte, dass noch zu viel Schnee liegen wird und dass ich auch nicht die richtige Ausrüstung dabeihaben werde, um den Gipfel zu besteigen. Aber der Ausblick dürfte trotzdem beeindruckend sein, und selbst wenn ich den Berg nur halb besteige, ist das schon etwas.

Dann möchte ich weiter nach Ouarzazate, immer tiefer in die Wüstenlandschaft. Hoffentlich kann ich dort ein Fahrrad auftreiben, mit dem ich dann gerne die Fint-Oase besuchen würde.

Die nächsten Aufenthalte sind geplant für Skoura, Imiter, Tinerhir/Tinghir, wo ich es langsam angehen lassen werde, um diese alten Städte zu erkunden, in die Berge zu radeln oder zu wandern und um das Leben in der Wüste kennenzulernen.

Hoher_atlas_dadestal

Danach muss ich irgendwie nach Norden. Ich habe noch nicht herausgefunden, ob es einen Bus über das Atlas-Gebirge von Tinerhir/Tinghir nach Imilchil und dann weiter zur N8 gibt. Ich hoffe es. Falls nicht, muss ich weiter nach Tinejdad, Er-Rachidia, Rich, Midelt und dann von hier aus nach Norden.

Imilchil snow

Gegen Ende meiner Reise möchte ich ein paar Tage in Meknès bleiben, bevor dieser kleine Ausflug in Fès seinen Abschluss findet und ich am 24. Februar nach Madrid fliegen muss.

Fes_Bab_Bou_Jeloud_2011

Ich weiß, dass die Zeit nicht ausreichen wird, und ich habe schon bei der Planung das Gefühl bekommen, dass ich nach Marokko zurückkehren werde, um mal ein paar Monate dort zu leben.

(To the English version of this travel plan.)

Veröffentlicht unter Marokko, Reisen | 4 Kommentare

Pferd im Schnee

Pferde sind zähe Tiere. Zumindest in Litauen, wo sie das halbe Jahr im Schnee leben müssen.

horse in snow 1 horse in snow 2 horse in snow 3

(Fotografiert während meiner Wanderung zum höchsten Berg Litauens.)

Veröffentlicht unter Fotografie, Litauen, Reisen | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Ist das nicht ironisch? (14) Davos 2015

Auf der Tagesordnung des Weltwirtschaftsgipfels 2015 in Davos steht der Klimawandel an erster Stelle.

Davos 2015 agendaZu den Diskussionen darüber reisen die Teilnehmer aus aller Welt an. Es werden allein 1.700 Privatjets erwartet.

Davos private jetsWeiteres Thema neben der Erwärmung des Planeten ist übrigens die Kluft zwischen Arm und Reich. Na, bei so vielen Leuten mit Privatjets liegt die Frage ja genau in den richtigen Händen!

(In English.)

Veröffentlicht unter Politik, Wirtschaft | Verschlagwortet mit , | 1 Kommentar

Video-Blog: Mit dem Zug durch Montenegro und Serbien

Mein Bericht über die Zugfahrt durch die Berge Montenegros macht natürlich Lust auf mehr.

Deswegen teile ich hier ein Video, das die gesamte Strecke von Bar an der Adria-Küste bis Belgrad dokumentiert. Das Video stammt nicht von mir, sondern von Mark Smith, dem weltbekannten „Man in Seat 61“.

Veröffentlicht unter Montenegro, Serbien, Video-Blog | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Oje. Ich muss schon wieder umziehen.

So kann ich ja nicht zur Ruhe kommen.

BND-3500-deutsch

Welcher Idiot hatte denn die Idee, alle Auslandsagenten auf einer Liste zusammenzuführen? Noch dazu mit Klar- und Decknamen. „Will jemand den Schlüssel zu der Wohnung, in der das Geld liegt?“ würden Ostap Bender aus dem Roman Zwölf Stühle und die literarisch gebildeten Kollegen vom FSB fragen.

Nur weil ein Bürokrat mal einen langweiligen Tag hatte und eine Excel-Tabelle erstellen wollte, schweben Menschen jetzt in Todesgefahr. Keine normalen Menschen, sondern Helden, die ihr Leben für Eure unsere Sicherheit aufs Spiel setzen.

Experten werden sich erinnern, dass genauso – mit einer entwendeten Liste aller Auslandsagenten – der James-Bond-Film Skyfall begann.

Falls übrigens durch irgendeinen dummen Zufall mein Name auf dieser Liste auftauchen sollte, verweise ich auf die Presseberichte, nach denen die Liste ziemlich veraltet ist und auch pensionierte Agenten aufführt. Also kein Grund, überzureagieren und mich (wieder) zu verhaften! Falls Ihr mich demnächst in Tel Aviv, Odessa oder Bogota auf der Straße erkennt, ist es trotzdem sicherer, mich zu ignorieren.

Ok, ich muss jetzt packen.

(To the English version.)

Veröffentlicht unter Deutschland | Verschlagwortet mit , | 2 Kommentare

Video-Blog: Târgu Mureș an Weihnachten

Die das Stromversorgungsnetz zum Erliegen bringende ausufernde Weihnachtsbeleuchtung in Târgu Mureș, wo ich derzeit wohne, habe ich bereits beschrieben und fotografisch dokumentiert.

Bogdan Nasca konnte das leicht toppen, weil er eine Kamera hat, die fliegen und gleichzeitig schnulzige Radiomusik spielen kann. Hier sein Video:

Dass ich mir eine durchaus schöne Stadt für meinen Aufenthalt in Rumänien ausgesucht habe, steht ausser Frage.

Veröffentlicht unter Reisen, Rumänien, Video-Blog | Verschlagwortet mit , | 1 Kommentar

Mit dem Zug durch Montenegro

To the English version of this story.

Der nächste Zug geht um 10 Uhr, signalisiert mir die Schalterbeamtin mit zehn ausgestreckten Fingern an ihren wie bei einem Überfall hochgehobenen Händen. Der Fahrschein für eine der schönsten Zugfahrten Europas kostet 3,20 Euro. Später entdecke ich an einem anderen Schalter einen handgeschriebenen Zettel mit den Abfahrtszeiten für die wichtigste Zugverbindung Ex-Jugoslawiens.

timetable

Mir bleiben noch 20 Minuten. Der Kiosk hat zwar keine Cola, aber dafür Cockta, einen slowenischen Cola-Ersatz, der erfrischender schmeckt, allerdings kein Koffein injiziert. Und eine Tafel Schokolade für die Zugfahrt. Am Bahnsteig für Gleis 3 wartet ein Mann mit einer Stihl-Kettensäge. Das muss das richtige Gleis für den Zug in die Berge sein.

chainsaw

Von Podgorica, der Hauptstadt Montenegros, will ich nach Kolašin, einer Kleinstadt in den Bergen. Noch vor dem ersten Stop kontrollieren zwei durch den Zug laufende Grenzbeamte meinen Pass so intensiv, wie wenn ich ins Ausland führe. Die Strecke ist tatsächlich Teil der Bahnverbindung nach Belgrad, aber seit dem Hochwasser in Serbien im Sommer 2014 fährt täglich nur mehr ein Nachtzug bis nach Belgrad.

Schon 1855 begannen die Planungen für die Bahnverbindung von Belgrad an die montenegrinische Küste. Erst 1976, also 121 Jahre später, war die 454 km lange Strecke voll befahrbar. Mit 254 Tunneln und 243 Brücken war sie das teuerste Infrastrukturprojekt in Jugoslawien. Die Bahn überwindet eine Höhendifferenz von 1.000 Metern. Der Bahnhof in Kolašin, den ich ansteuere, ist mit 1.024 Metern der höchstgelegene Bahnhof der Strecke.

Belgrad-Bar

Kurz nach Verlassen der Hauptstadt steigt die Strecke an. Ein türkisblauer Fluss schlängelt sich tief in der Schlucht neben der Bahnstrecke. In Montenegro weisen Flüsse die Farben auf, die man sonst nur auf Postkarten aus Sardinien oder der Karibik sieht.

river from train 2

Mein Blick wandert hin und her zwischen Schluchten und den Bergen. Eine dramatische Landschaft, dazwischen kleine Gebirgsdörfer mit unverputzten Steinhäusern, die sich von den angegliederten Ställen nur durch die Satellitenschüssel unterscheiden. Und immer wieder Tunnel. Ein Viertel der gesamten Strecke verläuft durch Tunnel, von denen sich die längsten mehr als 6 km durch den Berg bohren.

tunnel

Allein im Abteil sitzend schreibe ich diese Notizen, springe aber immer wieder auf, um zum Fenster zu eilen und Fotos zu machen. Auf der rechten Seite geht es so steil hinauf wie es links bergab geht. Diese Zugfahrt muss man mindestens zweimal machen, weil man beim ersten Mal gar nicht alles aufnehmen kann. In wenigen Ländern kann man auf so einfache, bequeme und kostengünstige Weise die beeindruckendsten Naturschönheiten sehen.

Da taucht es auf, das Male-Rijeka-Viadukt. Eine 500 Meter lange und 200 Meter hohe Brücke. Die höchste Eisenbahnbrücke Europas. Ich sehe sie aus der Ferne, dann wieder ein Tunnel, und unmittelbar mit der Ausfahrt aus dem Tunnel ist der Zug auf der Brücke. Ein fantastischer Ausblick eröffnet sich. Ich kann mich nicht entscheiden, auf welche Seite ich zuerst hinabsehen soll.

bridge2
bridge5

Der Zug windet sich weiter über Gebirgspässe, durch Schluchten und über Brücken. Eine gerade Streckenführung ist in diesem Terrain unmöglich. Die Lok nimmt den enormen Anstieg erstaunlich einfach. An Stationen wie Bratonižići, wo eine Eisenbahnangestellte vor dem einsamen, vom dichten Wald umgebenen Bahnhof steht, hält der Zug nicht einmal. Aber nicht nur die Geographie bestimmte die Streckenführung, sondern auch die Politik. Vor dem ersten Weltkrieg gab es einen internationalen Konflikt, hauptsächlich zwischen Österreich-Ungarn und Serbien, über die Trassenführung. Serbien, das keinen eigenen Zugang zum Meer hatte, wollte durch die Bahnverbindung nach Bar einen Adriahafen erschließen. Österreich-Ungarn versuchte mit konkurrierenden Trassen dagegenzuhalten. Es war dieser Konflikt um den Balkan, der 1914 zum Ersten Weltkrieg führte, nicht das Attentat von Sarajevo.

Jetzt ist es aber friedlich. Die ersten schneebedeckten Bergspitzen tauchen in der Ferne auf. Im Tal schlängelt sich die Straße neben dem Fluss, während der Zug immer weiter empor steigt und über allen anderen Verkehrsmitteln thront. So wie es sein sollte.

road from train

An der Haltestelle Lutovo wartet ein entgegenkommender Zug. Hier wohnt kein Mensch. Vielleicht dient die Haltestelle nur dem Passieren von Zügen auf der ansonsten eingleisigen Strecke. Die hier eingesetzten Bahnangestellten können nur mit dem Zug an ihren Arbeitsort kommen. So schafft sich das Unternehmen seine eigene Nachfrage.

Lutovo 1
Lutovo 2

Der Fluss ist zu einem Rinnsal verkommen. Höhlen sind in den Fels gesprengt, vielleicht von Partisanen während des Zweiten Weltkriegs, vielleicht war noch Dynamit vom Tunnelbau übrig. Herbstlich gefärbtes Laub, steile Granitwände wie in Yosemite. Dazwischen eine einsame Holzhütte. Die Tannen oberhalb des Ostrovica-Tunnels tragen schon weiß. Es ist Oktober. Diese Reise will ich im Winter noch einmal unternehmen.

Die Fahrt nach Kolašin hat nur 78 Minuten gedauert, aber das waren 78 Minuten ganz großes Naturkino! Als ich aussteige, sehe ich, dass einer der beiden Polizisten über drei Sitze ausgestreckt schläft, die Schuhe ausgezogen, die Krawatte gelockert.

Kolasin Bahnhof

Am höchstgelegenen Bahnhof des Landes empfängt mich ein trotz der Mittagssonne eisiger Wind, und bis auf das Rauschen der Baumwipfel herrscht absolute Ruhe. Nur ganz wenige Vögel zwitschern. Die meisten von ihnen sind über den Winter weggezogen, sind erfroren oder wurden von Wölfen gefressen. In einer Senke liegt Kolašin, einen ziemlichen Marsch vom Bahnhof entfernt. 78 Minuten Zugfahrt und ich fühle mich abgeschieden vom Flachland und an das Anfangskapitel des „Zauberbergs“ erinnert.

Kolasin

Als ich mich umblicke, ist der Zug schon wieder weg.

Kolasin Bahnhof leer

Er fährt weiter nach Bijelo Polje, tiefer ins Gebirge. Von der Tafel Schokolade habe ich nur eine Rippe gegessen, weil ich vor lauter Staunen, Fotografieren und Schreiben nicht dazu kam. So lange hält Schokolade bei mir sonst nie.

Praktische Hinweise:

  • Die Website der Montenegrinischen Eisenbahn bietet eine englische Version (einfach auf die britische Flagge rechts oben klicken).
  • Dort findet Ihr Fahrpläne, Preise und Zwischenhalte.
  • Die gesamte Fahrt von Bar nach Belgrad dauert 12 Stunden und kostet 21 € in der zweiten Klasse. Es fährt täglich ein Tag- und ein Nachtzug. Wegen der Ausblicke empfehle ich Euch, den Zug tagsüber zu nehmen.
  • Zudem gibt es eine Seitenlinie von Podgorica nach Nikšić, die fünfmal am Tag für 2,80 € befahren wird.
  • Wenn Ihr am Flughafen in Podgorica ankommt, könnt Ihr zur Haltestelle Aerodrom etwa 1 km südlich des Flughafens gehen und dort den Zug entweder Richtung Bar oder Richtung Podgorica/Berge/Belgrad nehmen. Schaut vorher im Fahrplan nach, ob sich das Warten auf den Zug lohnt. Wirtschaftlich lohnt es sich auf jeden Fall, denn Taxis vom Flughafen nach Podgorica verlangen 15 €, während der Zug für die selbe Strecke 1,20 € kostet. Niemand am Flughafen wird Euch etwas über den Zug sagen, aber er hält zehnmal pro Tag an der Flughafenhaltestelle (und weitere zehnmal in die andere Richtung).
  • Es gibt eine Menge Rabatte für Kinder, Senioren (ab 75 ist das Zugfahren vollkommen kostenlos) und Journalisten.
  • Seit Neuestem kann man sogar im Führerstand der Lokomotive mitfahren.

Links:

Veröffentlicht unter Erster Weltkrieg, Fotografie, Geschichte, Montenegro, Reisen, Serbien | Verschlagwortet mit , , , | 27 Kommentare

Was erwartet Ihr von 2015?

Nein, ich meine nicht so Wünsche wie Gesundheit, Weltfrieden oder Abwesenheit von Weltfrieden (für die Waffenproduzenten unter meinen Lesern). Auch nicht spießige Wünsche wie Gehaltserhöhungen, ein neues Auto oder dass die Kinder nicht zu Dschihadisten werden.

Was mich vielmehr interessiert: Was erwartet Ihr eigentlich von meinem Blog?

Dieser Blog hatte bisher mehr als 78.000 Zugriffe (der englischsprachige Bruderblog hat kürzlich die Marke von einer Million geknackt), aber nur selten bekomme ich Kommentare oder Rückmeldungen. So habe ich keine Ahnung, ob Ihr überhaupt etwas davon lest, was Euch gefällt, was Euch nicht gefällt, was Euch stört.

Auf meiner Facebook-Seite habe ich die gleiche Frage gestellt und bekam bisher die folgenden Antworten:

  • Mehr praktische Tipps. Am meisten interessiert anscheinend die Frage, wie ich mein Vagabundenleben so finanziere, wie man das organisiert, ob das nicht gefährlich oder einsam sei, u.s.w. – Darüber hatte ich bisher wenig geschrieben (außer einen Beitrag zur Finanzierung auf meinem englischsprachigen Blog), weil ich meinen Lebensentwurf natürlich niemandem aufzwingen will. Ich merke aber, dass doch eine ganze Menge Leute mit dem Gedanken spielen, mal ein paar Jahre eine Auszeit zu nehmen, finanziell zurückzuschrauben und sich die Welt anzusehen. Deshalb wird es in Zukunft mehr praktische Tipps zum Reisen und zu meiner Art des Lebens geben.
  • Auf meinem englischsprachigen Blog sind meine FAQ zu Rechtsthemen der größte Renner. Klar, hier wird deutsches Recht auf Englisch, verständlich und kostenlos erklärt. Wer würde da nicht zugreifen? – Ich habe keine Absicht, das auf den deutschen Blog auszuweiten, weil jeder der Deutsch kann, schließlich selbst das BGB lesen, Jura studieren oder einen Rechtsanwalt beauftragen kann.
  • Dann gibt es noch Leute, die mehr über Essen lesen/sehen wollen oder gar Persönliches aus meinem Leben erfahren möchten. Das wird es natürlich nicht geben.

Enttäuscht hat mich dabei, dass niemand sich mehr von den Artikeln wünscht, auf die ich eigentlich stolz bin:

Das sind die Artikel, an denen ich mindestens einen halben Tag schreibe. Das sind die Artikel, wegen derer ich nicht an die frische Luft komme, wegen derer das Essen verbrennt und wegen derer ich meine Freunde vernachlässige. Wenn ich nach deren Veröffentlichung keine Rückmeldung bekomme, frage ich mich schon manchmal, wofür ich das eigentlich mache. Dabei will ich nicht allzu kritisch sein, denn ich selbst lese im Internet auch ungern längere Beiträge. Dafür kaufe ich mir den Spiegel oder natürlich Bücher. Nur, wenn Ihr mir keine Rückmeldung auf meine Artikel gebt, wenn Ihr sie nicht weiterverbreitet, an Eure Kollegen mailt, auf Facebook oder Twitter teilt, dann melden sich weder Spiegel noch Buchverlage jemals bei mir.

Mich würde einfach mal interessieren:

  • Lest Ihr überhaupt längere Texte auf meinem Blog?
  • Oder wollt Ihr einfach nur Fotos?
  • Wollt Ihr mehr Politik und Aktuelles?
  • Warum sind meine waghalsigen Videos nicht der Renner im Internet?
  • Was nervt Euch?
  • Was gefällt Euch am besten?
  • Was langweilt Euch?
  • Was haltet Ihr von den Serien, wie „Leicht zu verwechseln“?
  • Liest irgendjemand Buchbesprechungen?
  • Was vermisst Ihr?
  • Warum/wofür folgt Ihr meinem Blog?
  • Warum werden meine Beiträge selten auf Facebook oder Twitter geteilt?

Schreiben ist ein einsamer Job. Ich würde gerne etwas darüber erfahren, wer „da draußen an den Endgeräten sitzt“, wie meine Kollegen vom Radio sagen würden. Ein bißchen Rückmeldung täte gut, am besten unten im Kommentarfeld. Vielen Dank!

Und keine Sorge, meinen eigenen Stil werde ich beibehalten. Weiterhin wird ernst mit humorvoll so eng verzahnt werden, dass es manchmal selbst nach dem Lesen noch eine Weile dauert, herauszufinden, ob ein Artikel unter „Humor“ verschlagwortet hätte werden können. Und es wird auch weiterhin Unernstigkeiten und Kalauer geben. Schließlich ist das hier ein Blog, kein Buch. Das Buch gibt es später, wenn dieser Blog mal genügend Leser hat, die mich dazu überreden, die dafür notwendige Auszeit in einer abgelegenen Hütte im Böhmischen Wald zu nehmen.

Alles Gute für 2015!

(This attempt to learn more from my readers is of course also available in English.)

Veröffentlicht unter Reisen | Verschlagwortet mit , | 15 Kommentare