Manchmal fragen mich Leute nach Empfehlungen für Fernwanderwege. Ich weiß nicht, warum sie das tun, denn ich bin bekanntermaßen eher der Typ, der den ganzen Tag auf dem Sofa sitzt und Bücher liest.
Aber eins weiß ich: Osteuropa wird unterschätzt. Und Rumänien ist ganz besonders wunderbar.
Seit ein paar Jahren gibt es dort einen Fernwanderweg, der auf 1.400 km das gesamte Land von Nord nach Süd (und wahrscheinlich auch in umgekehrter Richtung) durchzieht: Die Via Transilvanica. Ich selbst bin diesen Weg noch nicht gewandert, aber ich gebe jetzt einfach mal den Tipp weiter, weil ich sonst überall in Rumänien nur die besten Erfahrungen gemacht habe.
In 70 Tagesetappen mit meist um die lockeren 20 km geht es durch die unterschiedlichsten Landschaften, ohne dass man dabei ein Hochgebirge oder sonst etwas Anstrengendes überqueren muss. Es ist also eher ein Weg für gemütliche Wanderer, die Land und Leute kennenlernen wollen. Und dazu gibt es auf dem ganzen Wag in fast jedem Dorf Unterkünfte bei Einheimischen. Wenn man nicht will, muss man also kein einziges Mal biwaken oder campen.
Ich habe drei Videos gefunden, die einen guten Überblick über diesen Fernwanderweg, über die verschiedenen Regionen und Landschaften sowie über die Gastfreundschaft geben. Aber vor allem erfährt man, dass die Via Transilvanica ein Projekt von Tausenden von Freiwilligen war und ist, die sich um die Wege kümmern, die Wegweiser pflegen, Wanderführer und Unterkunftsverzeichnisse herausgeben und die örtliche Gemeinschaft einbinden.
Der folgende zweite Teil deckt die Regionen ab, in denen ich zumeist unterwegs war: Das Szeklerland und Siebenbürgen/Transsilvanien. Ab Minute 18:40 geht es in den Landkreis Mureș, wo ich 2014 und 2015 gelebt habe.
Durch die sympathische Stadt Târgu Mureș führt der Wanderweg zwar nicht, aber so ist das eben bei Fernwanderwegen, die hauptsächlich die Natur und das dörfliche Leben einbinden wollen. Aber wie Ihr sehen werdet, gibt es hier auch in den kleinsten Dörfern ausreichend Kultur und beeindruckende Architektur. Ich weiß gar nicht, ob es einen anderen Wanderweg gibt, der durch so viele UNESCO-Weltkulturerbestätten führt.
Der dritte Teil taucht dann tief in die rumänische und damit auch die römische Geschichte ein. Wir Ihr an der Sprache schon bemerkt haben dürftet, besteht da nämlich ein Zusammenhang. (Letztes Jahr hatte ich einen rumänischen Couchsurfer zu Gast, der sogar behauptete, Latein stamme von Rumänisch ab anstatt umgekehrt, und der Vatikan existiere nur deshalb, um weiterhin diese linguistische Wahrheit zu unterdrücken. Denn sonst würde ein Rumäne Papst werden und dann könnte Rumänien auch endlich das Gold zurückbekommen, dass die Sowjetunion einst geraubt hat. Und dann wäre Rumänien das reichste Land der Welt. Aber der Vatikan! Ich habe ihm dann ein zweites Bier gegeben, damit er bald einschlief. War aber trotzdem ein netter Typ.)
Außerdem werden in dieser letzten Folge noch einmal die Gastfreundschaft, Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft deutlich, die einst auch bei mir dazu geführt haben, dass ich mich in Rumänien schon nach wenigen Tagen vollkommen aufgenommen, integriert und zuhause gefühlt habe.
Eine Sache ist aus den Videos wahrscheinlich auch deutlich geworden: Wer abnehmen oder alkoholabstinent leben will, sollte besser nicht durch Rumänien wandern. Wem jedoch sein Gemüt und die Seele wichtiger sind als Cholesterin- und Leberwerte, der/die ist in Rumänien gut aufgehoben!
In jedem Land Südamerikas gibt es einen Aspekt, mit dessen Erwähnung man selbst den langatmigsten Gesprächspartner sofort zum Schweigen – und oft zum Weinen – bringen kann. In Brasilien genügt es, die Zahlenkombination 7-1 laut auszusprechen, vor allem als Deutscher. In Bolivien lobt man die Schönheit des Landes, die Vielfalt der Natur vom Hochgebirge bis zum Amazonas, bevor man unschuldig hinzufügt: „Schade, dass Ihr das Meer nicht mehr habt.“ Der Bolivianer wird, je nach Charakter, in tränenersticktes Schluchzen, in tiefes Grübeln oder in Hasstiraden auf Chile verfallen.
Auch junge Bolivianer, die den Verlust des Meeres keinesfalls selbst erlebt haben können, sprechen über den Salpeterkrieg, wie wenn man ihnen den Zugang zum Pazifik persönlich aus den Händen gerissen hätte. In diesem Krieg, der in Bolivien nur Pazifischer Krieg heißt, kämpfte Chile auf der einen Seite gegen Peru und Bolivien auf der anderen Seite. Chile gewann den Krieg und zwackte sich von den beiden Verlierern ein schönes Stück Land ab. Peru wurde dadurch kleiner, und Bolivien hatte seine Pazifikküste verloren.
Ach ja, das ganze passierte übrigens schon zwischen 1879 und 1884.
Bolivien hat mit dem Titicaca-See zwar ein wesentlich schöneres Gewässer als die Brühe, die vor den Küsten der anderen Länder des Kontinents tote Fische und Plastikmüll anschwappt. Aber für den Ex- und Import wäre ein gemeinsames Meer mit China wichtiger. Bolivien leidet wirtschaftlich tatsächlich unter seiner Lage als Binnenland, das einzige auf beiden amerikanischen Kontinenten (Paraguay hat über den Fluss Paraná Zugang zum Atlantik). Für jeden Rohstoffexport müssen Verträge mit den Nachbarn ausgehandelt werden, die natürlich die Preise drücken, Profit abzwacken und alles komplizierter machen. Die Schweiz und Österreich können froh sein, dass sie nichts exportieren müssen, sondern dass Schwarzgeld und Touristen ganz von selbst kommen.
In Bolivien wiegt die von den Weltmeeren abgeschiedene Lage besonders schwer, weil das Land davon lebt, Gas, Erze und Edelmetalle nach China zu verkaufen. Diese Exporte sind schwer mit dem Flugzeug zu transportieren. Auch die Kokainproduzenten hätten gerne eine Küste mit U-Boot-Häfen anstatt den Stoff durch den zika- und malariaverseuchten Dschungel karren zu müssen.
Optisch leidet Bolivien eigentlich nicht unter der Meereslosigkeit, denn die Küste um den Titicaca-See gehört zu den schönsten Landschaften Südamerikas. Dass hier keine bekifften Surfer rumhängen ist dem Genuss nicht abträglich. Ich wage zudem die These, dass Bolivien deshalb intellektueller als die meisten Nachbarstaaten ist, weil sich Bolivianer mangels Sandstrand nicht ständig Gedanken um ihre Muskeln, Brüste, Pos und Bademode machen müssen. So bleibt mehr Zeit für Literatur und Kunst.
Dennoch, am 23. März eines jeden Jahres wird in Bolivien kollektiv gewehklagt. Am Tag des Meeres (Dia del Mar) wird die Staatsflagge durch eine maritime Version ersetzt. Durch die Straßen werden Replikas versunkener Schiffe wie sonst nur die Monstranz getragen.
Dazu spielen Militärkapellen traurige Lieder wie „Vaya, vaya, aqui no hay playa. Vamos a La Haya!“ („Oje, oje, hier gibt es keinen Strand. Wir müssen nach Den Haag!“). Im Fernsehen laufen den ganzen Tag Seefahrerfilme (Der Sturm, Titanic, Piraten der Karibik, Wickie und die starken Männer).
Irredentismus hat in Bolivien Verfassungsrang. Artikel 267 erklärt die volle Souveränität über die – geographisch nicht bestimmte – Pazifikküste zum Staatsziel. Wenn Präsident Morales ausländische Staatsoberhäupter empfängt oder besucht, schenkt er ihnen ein Buch, das den Anspruch Boliviens auf Zugang zum Pazifik erläutert. Das Geschenk wird dann wahrscheinlich dort abgelegt, wohin man die Broschüren der ähnlich hartnäckigen Zeugen Jehovas entsorgt.
Um den Forderungen Nachdruck zu verleihen, unterhält Bolivien eine Marine. Nicht nur irgendeine Marine, sondern die größten Seestreitkräfte eines Binnenstaates weltweit. Mangels Meer müssen die etwa 60 Schiffe bisher im Titicaca-See herumtuckern, von wo aus niemand weiß, wie man sie im Kriegsfall zum Pazifik brächte. Vielleicht kann man sie zerlegen, mit dem Zug transportieren und wieder zusammenbauen?
Das alles mag übertrieben erscheinen, ist aber die Reaktion auf einen strategischen Fehler im Pazifischen Krieg: Damals hatte Bolivien gar keine Marine.
An martialischen Drohungen mangelt es nicht. Am Titicaca-See befindet sich dieses Gemälde eines bolivianischen Soldaten, der einem chilenischen Soldaten das Bajonett in den Hals sticht. Darüber der Spruch „Was uns einmal gehörte wird uns wieder gehören“.
Was wohl chilenische Touristen darüber denken?
Die Gefahr eines Krieges erscheint mir dennoch gering. Bisher beschränkt sich Morales auf große Reden: „Die ganze Welt vernimmt den berechtigten Ruf des bolivianischen Volkes nach Beseitigung dieser imperialistischen Ungerechtigkeit“ u.s.w., denn nach Morales‘ Wortwahl ist jeder und alles imperialistisch, der nicht macht, was er gerade will.
Bolivien beschränkt sich zur Freude meiner bolivianischen Anwaltskollegen auf Gerichtsprozesse. Zuerst rief Bolivien den Völkerbund, zuletzt den Internationalen Gerichtshof an (auf dem Foto nachgestellt von putzigen Kindern). Die Besessenheit mit der Pazifikküste führt dazu, dass in dem Binnenland Bolivien mehr Magister- und Doktorarbeiten über Seerecht geschrieben werden als in allen anderen Ländern Südamerikas zusammen.
Auch wenn das für mich alles danach aussieht, wie wenn die Regierung von tatsächlichen Problemen ablenken will und alle Probleme von Infrastruktur über Bildung bis zum Wassermangel auf die „imperialistischen Chilenen“ aus dem 19. Jahrhundert schiebt (meine ungarischen Leser kennen das von den Tiraden gegen Trianon, und die älteren deutschen Leser erinnern sich daran, dass der Versailler Vertrag an allem Übel Schuld war), so hat sich der Wunsch nach dem Zugang zum Meer doch tatsächlich bei vielen Bolivianern festgesetzt.
Bücher über den Krieg des Pazifik sind der Renner. Beliebt ist die These, dass der Friedensvertrag nicht „fair“ war und dass das Land von bolivianischen Politikern verraten wurde; also die bolivianische Dolchstoßlegende.
Wenn Bolivianer in Chile Urlaub machen, nehmen sie Fahnen mit. Dieses Ritual ist das bolivianische Äquivalent zur Pilgerfahrt nach Mekka. Einmal im Leben muss man sich das gönnen.
Wenn jetzt der Eindruck entstanden ist, dass sich ganz Bolivien in einem nationalen, irredentistischen Rausch befände, so wäre das allerdings falsch. Wie ich regelmäßig mitzuteilen versuche, ist Bolivien ein durchweg sympathisches und humorvolles Land. Wenn man sich länger unterhält, stimmen die meisten Bolivianer zu, dass man nicht alle Kriege rückabwickeln kann. „Sonst könnten ja auch die Spanier kommen und alles wieder haben wollen.“
Ein Land, in dem sich Marineoffiziere auf Schiffen aus bemalten Bettlaken durch die Straßen fahren lassen, muss man doch irgendwie mögen.
Links:
Weitere Berichte aus Bolivien, einem, wie Ihr hoffentlich bemerkt habt, äußerst lustigem Land.
Natürlich musste ich sofort an das britische Vorbild, das „Ministry of Silly Walks“ denken.
Aber anscheinend ist das mit dem Springen und Hüpfen gar nicht wörtlich gemeint, denn SPRIN-D, wie sich die Bundesagentur geheimnistuerisch nennt, widmet sich auch weniger körperlichen Anstrengungen, darunter:
Eine europäische Superwolke: IT-Infrastruktur fürs 3. Jahrtausend: Sovereign Cloud Stack (SCS) für Gaia-X
Ein Quadratmillimeter der Zukunft: Der Analogrechner auf einem Chip
Den Höhenwind ernten: Die Binnen-Windanlage der Zukunft
Eine Makrolösung für das Mikroplastik-Problem
Wie die Alzheimersche Krankheit besiegt werden kann
Das Holodeck revolutioniert unsere Art zu kommunizieren
Wie Nanogami das Gesundheitswesen revolutioniert
Vom Gehirn lernen für die kognitive Datenbank der Zukunft
Kleine Linsen, große Wirkung – modern camera designs will die Hochvolumenproduktion kleiner Abbildungsoptiken nach Europa zurückholen
Stärkung der Digitalen Souveränität – Sovereign Tech Fund unterstützt sicheres und vitales Open-Source-Ökosystem
Nanoroboter in der Krebstherapie – Plectonic will mit LOGIBODIES ausschalten
Die Virenfänger – capsitec will mit DNA-Origami virale Erkrankungen heilen
Mit Memristoren die anwachsende Datenflut speichern und verarbeiten
Immuntherapie von Krebs nach dem Zwei-Schlüssel-Prinzip
Es werde Licht : Wie optische Prozessoren die Computerindustrie nachhaltiger gestalten können
Broad-Spectrum Antivirals
Carbon To Value
Long-Duration Energy Storage
New Computing Concepts
Circular Biomanufacturing
Tissue Engineering
Fully Autonomous Flight
EUDI Wallet Prototypes
Deepfake Detection and Prevention
Oliment: Die Zukunft des nachhaltigen Betons
Das Ende des Brennofens: Blaues Licht statt fossiler Brennstoffe
Voice Biomarker: Von Mozart zur Krankheitserkennung mit KI-gestützter Stimmanalyse
Mit Laserlicht zur Kernfusion
Ich weiß gar nicht, was mich mehr beruhigt: Dass in Deutschland an all diesen tollen Sachen geforscht wird, oder dass jemand bei der Namensfindung einer Bundesagentur eine Anspielung auf einen der bekanntesten Sketche von Monty Python unterbringen konnte.
Es soll also niemand mehr sagen, dass Deutschland nicht innovativ ist. Oder keinen Sinn für Humor hat.
Wo genau liegen die Grenzen Europas? Eine Frage, mit der man ganze Grillabende unterhalten kann, insbesondere wenn man Ćevapčići und Döner serviert.
Die Europäische Union allein kann es nicht sein, denn wieso sollten San Marino, Norwegen und bald Großbritannien nicht dazu gehören? Außerdem wären dann Mayotte und Französisch-Guyana auch Teil Europas. Meere sind eine schöne natürliche Grenze, wobei Island europäisch sein will und Karthago viel mehr mit Europa zu tun hatte als der barbarische Teil Germaniens. Außerdem gibt es im Osten kein durchgehendes Meer. Das Uralgebirge ist doch eine ziemlich arbiträre Wahl. Unüberwindbar hoch ist es ja nicht gerade. Die Pyrenäen oder die Alpen sind höher, doch dadurch lässt sich niemand von Europa abschneiden. Und dann dieser dämliche Bosporus, ein nicht gerade beeindruckender Wasserlauf, über den sogar Brücken führen. Warum dann nicht die Wolga oder die Donau, an der entlang man tagelang gehen kann, ohne eine Brücke zu finden? Manche griechischen Inseln liegen nur ein paar Kilometer vor der türkischen Grenze. Und was ist mit Zypern?
Wie gesagt, ein endlos ergiebiges Thema für einen Grillabend. Und vielleicht kann man dabei sogar mal wieder den alten Atlas aus dem Kinderzimmer holen.
Für mich ist seit einer Reise durch den Kaukasus klar, wo die Grenze zwischen Europa und dem Orient liegt: Zwischen Georgien und Aserbaidschan, genau auf der Roten Brücke. An diesem Grenzübergang, je nach Sprache Krasny Most, Tsiteli Khidi oder Qirmizi Körpü gennant, was Ihr Euch alles merken müsst, weil Ihr nicht wisst, in welcher Sprache der Bufahrer das Schild ins Fenster stellt (und es außerdem Красный мост oder წითელი ხიდი schreibt), überschreitet Ihr die Schwelle von der einen in die andere Welt.
In Georgien ist alles ruhig und entspannt, aber sobald man in das Grenzgebäude auf der aserbaidschanischen Seite tritt, herrschen Chaos, Lärm und Hitzigkeit. Eine ungeordnete Traube von Menschen drängt sich vor den Abfertigungsschaltern, ohne dass einzeln zugeordnete Schlangen zu erkennen sind. Dazwischen schleppen und zerren die Einreisewilligen Säcke mit Kartoffeln, Brot und Sonnenblumenöl sowie zwei Kinderfahrräder. Die Leute beschimpfen sich, schreien sich an oder schlagen sich fast die Köpfe ein. Den aserbaidschanischen Grenzschützern scheint das egal zu sein. Ich kann keine der in den Streitgesprächen verwendeten Sprachen, und hoffe, dass alle Umstehenden merken, dass ich neutral bin. So fühlen sich also die Blauhelme zwischen den Fronten.
Etwas schieben und schubsen muss ich aber leider auch, denn sonst stünde ich nach einer Woche noch im Wartesaal. Mit meinem in Großbritannien erlernten zivilisierten Schlangenanstehstil mache ich hier keinen Meter gut.
Die eigentliche Grenzabfertigung geht zügig voran, schließlich habe ich vorher schon ein Visum beantragt und erhalten. Aber unmittelbar nach der Grenze, auf festem aserbaidschanischen Boden, wird es noch schlimmer.
Horden von Geldwechslern und Taxifahrern stürzen sich auf mich. Alle bestreiten, dass es einen Bus nach Ganja gibt. Der Bus nach Baku bestreitet, dass er durch Ganja fährt. (Gibt es überhaupt einen anderen Weg?)
Vor einem Laden streiten sich zwei Männer, weil beide behaupten, der Besitzer des Ladens zu sein, und mich auffordern, meine Flasche Cola beim einen anstatt beim anderen zu bezahlen.
Ich weiß, dass es einen Bus nach Ganja gibt. Es ist die zweitgrößte Stadt Aserbaidschans, und es gibt immer Busse, aber ich kann ihn nicht in Ruhe suchen, weil mir ständig vier oder fünf bärtige Männer hautnah auf der Pelle kleben und auf Aseri-Türkisch auf mich einschreien. Nur um wegzukommen, willige ich schließlich ein, dass mich einer von ihnen wenigstens nach Qazax fährt, den nächsten Ort, von wo ich hoffe, die Weiterfahrt nach Ganja in mehr Ruhe organisieren zu können.
Die Landstraße verläuft ziemlich gerade. Auf beiden Seiten heben und senken sich die Hügel, etwas ausgetrocknet (es ist Juli), aber dafür goldgrau. Der blaue Himmel ist durchsetzt von fotogenen kleinen Wolken. Traktoren fahren Heuballen nach Hause. Feldarbeiter reiten auf Pferden zur Kneipe. Eine Schafherde, die von einer Ziege angeführt wird, überquert die Straße und lässt sich vom heranbrausenden Taxi nicht aus der Ruhe bringen.
Es könnte schön sein, wenn ich nur nicht im Auto eine Lügners und Betrügers säße, der noch immer davon redet, nach Ganja zu fahren, und vorgibt, mich nicht zu verstehen. Notfalls muss ich in Qazax an einer Ampel rausspringen oder den Fahrer überwältigen. Allerdings sieht er gewalterfahrener aus als ich.
Wir passieren einen Armeetruck, sowjetisches Modell, der mit Brennholz beladen wird. Die Soldaten haben dafür einen der Bäume am Straßenrand gefällt. Vielleicht ist das Holz aber auch für eine nahe Möbelfabrik, deren Namen als Einziges noch an Europa erinnert: Avropa Mebel.
Als wir uns Qazax nähern, bitte ich den Taxisten, mich am Busterminal abzusetzen. Wie nicht anders zu erwarten, behauptet er, es gäbe keins. Jetzt reicht’s mir. „Klar gibt es ein Busterminal“, sage ich mit einem überlegen lächelnd und besserwissendem Gesicht. Es ist ein Bluff, aber die Stadt hat etwa 20.000 Einwohner und ist der erste größere Ort nach der Grenze. Da wird es schon einen Busbahnhof geben. „Habe ich noch nie davon gehört“, entgegnet der Fahrer, schulterzuckend wie ein Pokerspieler, dem dein Blatt egal ist, weil er dich am Ende sowieso abknallt.
Ich erhöhe den Einsatz: „Ich zeige Ihnen den Weg“, sage ich, weiterhin so lässig, wie wenn ich in dieser Kleinstadt in Westaserbaidschan aufgewachsen wäre. Aus dem Rucksack hole ich mein Tablet mit GPS und Maps.me, inständig hoffend, dass jemand den Busbahnhof eingezeichnet hat. Erfolg! Nicht nur zeigt es den Avtovağzalı an, sondern auch das Taxi als einen sich rasant auf die Stadt zubewegenden Pfeil.
Ent- und begeistert kann der Piratenfahrer kaum mehr seine Augen von dem fast in Echtzeit seine Position anzeigenden Pfeil nehmen. Ich packe es lieber wieder weg. Die Route habe ich mir gemerkt. Und siehe da, jetzt fällt auch dem Fahrer der Weg zum Busbahnhof wieder ein, wo er mich – das Zaubergerät hat ihm sichtlich Respekt eingeflößt – sogar direkt vor dem Bus zur Weiterfahrt nach Ganja absetzt, auf den er jetzt überraschend höflich und hilfsbereit hinweist.
10 Euro haben mich die 30 km unnützerweise gekostet. Einen schlechten ersten Eindruck von Aserbaidschan gibt es gratis dazu. Der hier gedrehte James-Bond-Film hieß „Die Welt ist nicht genug“, aber ich habe jetzt schon genug.
Natürlich darf man kein Land nach seinen Taxifahrern beurteilen, versuche ich mich zu beruhigen. Aber dann passiert in Ganja das Gleiche: Am Busbahnhof weit außerhalb der Stadt umringen mich wieder Taxifahrer, die sich gegenseitig anschreien. Der, in dessen Lada ich einsteige, kennt die Tebriz-Straße nicht (sie liegt im Zentrum) und muss die Herbergsmutter zweimal anrufen und einen Passanten nach dem Weg fragen. Weil es so länger als geplant dauert (wie auch immer man planen kann, ohne das Ziel zu kennen), erhöht er unterwegs den Fahrpreis von den vereinbarten 10 auf 20 Manat (= 10 Euro). Wenn man hier kein Türkisch oder Russisch kann, ist man echt der Depp.
Drei Tage später komme ich erschöpft, ausgelaugt und etwas verstört (danke an die Aliyev-Familie!) zurück an die gleiche Grenze. Dieses Mal kenne ich mich aus und lasse mir keine überflüssigen Transportdienstleistungen aufschwatzen. Nur meine verbliebenen Manat werde ich noch bei einem Geldwechsler los. Hier funktioniert die Konkurrenz. Die Kurse sind fair.
Auf der georgischen Seite der Roten Brücke decke ich mich in einem begehbaren Humidor mit reichlich Zigarren ein, werde beim Bezahlvorgang aber mit der Frage konfrontiert, in welche Richtung ich reise. Wie es meine Gewohnheit ist, antworte ich wahrheitsgemäß. „Ich bedauere, aber wir dürfen die Zigarren nur verkaufen, wenn Sie aus-, nicht wenn Sie einreisen“, bringt der junge Mann meine Tabakträume zum Platzen. Nicht einmal der Hinweis auf meinen Geburtstag erweicht ihn. Ich bin wirklich wieder in Europa. Regeln sind Regeln.
Praktische Tipps:
Nehmt zwischen Georgien und Aserbaidschan lieber den Zug.
Und es gibt fast immer einen Bus, egal was die Taxifahrer erzählen. Außer in Deutschland, aber da gibt es nicht einmal genügend Taxis.
Falls mal wirklich kein Bus mehr geht, zum Beispiel spätnachts, sind andere Leute in der gleichen Lage, so dass man sich ein Taxi teilen kann. Ich habe das mal an der Grenze von Ecuador nach Peru gemacht, was zur Bekanntschaft mit Benzinschmugglern führte.
Wahrscheinlich hätte ich einfach nur einen Kilometer gehen und dann per Anhalter weiterfahren sollen. Wobei ich in Aserbaidschan auch als Anhalter eine schlechte Erfahrung hatte, aber dazu mehr im Bericht über Göygöl.
Als ich im Sommer 2017 in Kutaisi in Georgien dieses Wandbild fotografierte, sollte es wohl die georgischen Aspirationen und Hoffnungen auf einen NATO-Beitritt symbolisieren. Einer muss ja den ganzen Wein für das Manöver mitbringen.
Heutzutage fragt man sich eher, ob die Zeit für die NATO abläuft. Und für Georgien.
„Was zählt, ist die Eheschließung beim Standesamt. Ihre Zeremonie in der Kirche hat rechtlich den gleichen Status wie eine Feier in Disneyland.“
(Ich, etwas vereinfachend, zur katholischen Mandantin, die möchte, dass ich die Scheidung nicht nur beim Familiengericht, sondern auch beim Erzbistum zur Heiligen Jungfrau von Guadalupe einreiche.)
München, 1938: Sogenannte Friedenskonferenz, auf der dem Aggressor alle von ihm gewünschten Zugeständnisse gemacht werden, das Opfer der Aggression nicht repräsentiert ist, und die Beteiligten sowie die Beobachter in unglaublich naiver Weise davon ausgehen, dass auf derlei Weise der Weltfrieden hergestellt werden könne. Der Diktator nutzt die Verschnaufpause zur weiteren Aufrüstung, annektiert sechs Monate später entgegen seinen Versprechen den von der Völkergemeinschaft im Stich gelassenen demokratischen Staat und beginnt weniger als ein Jahr später einen erneuten Weltkrieg.
Die meisten Justizfilme und -serien vermitteln ein vollkommen falsches Bild von Rechtsanwälten und Gerichten.
Weil die Menschen aber leider mehr Zeit vor dem Fernseher als vor dem Bundesverwaltungsgericht verbringen, prägen diese Fehlvorstellungen ihre Erwartungen. Und dann sind die Leute enttäuscht, wenn sich nicht die ganze Kanzlei mit fünf Anwälten allein und ausschließlich um ihren einen Fall dreht, wenn das Gericht zwei Tage nach Einreichung der Klage noch immer nicht entschieden hat, wenn im Gerichtssaal weder Zuschauer noch Geschworene warten, und wenn der Richter nicht ständig mit einem Hammer auf den Tisch haut. Ach ja, und regelmäßig merke ich die Enttäuschung, wenn ich nicht wie der „Lincoln Lawyer“ mit Chauffeur und Limousine zum Gericht komme, sondern mit der Straßenbahn. Oder zu Fuß.
Aber jetzt habe ich auf Filmfriend, dem Netflix für Intellektuelle, das ich kürzlich schon empfohlen habe und das Ihr über Eure Stadtbibliothek kostenlos nutzen könnt, einen wirklich realistischen Anwaltsfilm gefunden: „Maîtres“ ist eine Dokumentation über drei französischen Anwältinnen, die in einer gemeinsamen Kanzlei in Straßburg hauptsächlich im Migrationsrecht tätig sind.
Nicht nur weil ich ebenfalls Migrationsrecht mache, habe ich hier ganz viel wiedererkannt: Natürlich Äußerlichkeiten wie die dicken Gesetzeskommentare, die nur als Unterlage für Laptops und Lampen dienen, oder den Raucherbalkon (bei mir allerdings mit genüsslichen Zigarren anstatt einer schnellen Gauloise).
Aber vor allem die Mandanten und die Geschichten. Da gibt es Mandanten, die mit einem dicken Ordner kommen, alles bestens organisiert und sortiert. Und andere, denen man jede Information aus der Nase ziehen muss. Mandanten, die ihre Kinder zum Dolmetschen mitbringen. Mandanten, die denken, alles richtig gemacht zu haben, weil sie immer gearbeitet und nie Sozialhilfe bezogen haben, weil sie Französisch sprechen und all ihre Kinder auf die Schule gehen, aber aus Sicht des Staates wiegt es schwerer, dass sie vor 16 Jahren eine falsche Identität angegeben haben. (Bitte macht so etwas nicht. Das führt nur zu ewigen Komplikationen.) Chaotische Mandanten, die einen Sekretär für ihre Termine, für die Post und vor allem für die Bezahlung der Rechnung benötigen würden. Mandanten mit dramatischen Lebensgeschichten. Mandanten, deren Fall eigentlich nur halbgare Erfolgsaussichten hat, denen man aber unbedingt helfen möchte, weil sie sympathisch sind. Und sogar das Gespräch zur Vorbereitung auf den Einbürgerungstest kam mir bekannt vor.
Der Trailer gibt einen kleinen Einblick. Und keine Sorge, auf Filmfriend gibt es englische Untertitel dazu.
Anfangs dachte ich: „Gut gespielt, chapeau!“ Bis ich merkte, dass die Rechtsanwältinnen echt sind. Und die Mitarbeiterinnern und Mandanten ebenfalls. Die haben einfach eine Kamera in die Kanzlei gestellt und mitlaufen lassen. Natürlich nur bei den Mandanten, die zustimmen.
Vielleicht sollten sich Drehbuchautoren und Regisseurinnen ein Beispiel daran nehmen. Mehr Realität wagen. Wie Egon Erwin Kisch schrieb: „Nichts ist erregender als die Wahrheit.“
Ich will übrigens gar nicht so jammern, wie sich das oben angehört hat. Eigentlich ist es ja doch ein ziemlich lockerer Beruf. Man sitzt rum, hört zu, denkt nach, schreibt ein paar Briefe, liest viel und raucht dazwischen.
Gerade ist der Kongo wieder in den Nachrichten. Wer zwischen Goma und M23, zwischen Kinshasa und dem Kiwusee ein ganz klein wenig mehr durchblicken möchte, der ist hier falsch. Denn ich weiß eigentlich gar nichts über Afrika. Das ist traurig, aber auf die Schnelle nicht zu ändern.
Allerdings kann ich Euch ein Buch empfehlen, nämlich Kongo – Eine Geschichte des belgischen Autors David van Reybrouck. Schon nach der Einleitung hat es mich gefesselt wie ein Roman. In jedem Kapitel haben sich neue Welten aufgetan, aber auch ungeahnte Zusammenhänge eröffnet.
David van Reybrouck geht chronologisch vor, im Wesentlichen beginnend 1870, aber das Buch ist keines jener Geschichtsbücher, die Zahlen, Namen, Orte von Schlachten und Wahlergebnisse aneinanderreihen und die einen ratlos zurücklassen. Stattdessen verwebt er historische Fakten mit persönlich Erlebtem oder geführten Gesprächen und bettet alles in einen größeren Kontext ein.
Immer wieder war der Autor selbst im Kongo, hat auf Reisen nicht nur Politiker, Popstars und Akademiker getroffen, sondern auch mit ehemaligen Regimegegnern, vergewaltigten Frauen, Kindersoldaten und Zeitungsverkäufern gesprochen. Er flog durchs ganze Land, ging in die Slums, in die Villen, wagte sich in die Rebellengebiete und hörte Rentnern zu, die noch von der Kolonialzeit erzählen können.
So umfassend wie die Recherche, so umfassend ist der Anspruch. Nicht nur um große Ereignisse wie Krieg, Unabhängigkeit, Putsch geht es. Die Wirtschaft spielt natürlich eine Rolle, zuerst der Kautschuk, dann Kupfer, jetzt Coltan. Der Kongo produzierte immer, was die Welt benötigte. Aber auch die Kulturgeschichte, von Musik zum Boxkampf zwischen Muhammad Ali und George Foreman, von der Zairisierung unter Mobutu bis zu den unterschiedlichen Kirchen, Sekten und Predigern, nimmt einen breiten Raum ein.
Das alles wird in globale Zusammenhänge eingebettet, natürlich angefangen mit Sklavenhandel und Kolonisierung. Aber auch im Ersten und im Zweiten Weltkrieg spielte Belgisch-Kongo eine entscheidende Rolle, nicht nur als Lieferant des Urans für die amerikanischen Atombomben. Im Ersten Weltkrieg wehrte der Kongo deutsche Eroberungsversuche ab. Im Zweiten Weltkrieg befreiten kongolesische Truppen Äthiopien und durchquerten die Sahara bis nach Ägypten, wo sie die Briten verstärken sollten. Unmittelbar mit der Unabhängigkeit 1960 fiel der Kongo dann in den Strudel des Kalten Kriegs. Und Mobutu bemerkte erst, dass seine Zeit um war, als er im Fernsehen die Exekution seines rumänischen Freundes Ceaușescu sah. Ohne die Geschichte von Ruanda und Burundi ist die jüngere Vergangenheit des Kongo nicht zu verstehen. Und am Ende fliegt van Reybrouck nach China, um dort arbeitende und lebende Kongolesen zu besuchen. Von der Kongo-Konferenz in Berlin zur Globalisierung in Guangzhou wird hier ein ganz großer Bogen geschlagen, und man versteht nicht nur mehr über ein Land, sondern über die Welt.
Dazwischen stößt man immer wieder auf Kuriositäten, die die traurige Geschichte des Landes, das mehrfach umbenannt aber immer ausgeplündert wurde, auflockern. Ich führe hier nur zwei auf, die überraschende Bezüge zu Deutschland bieten. So hatte das Deutsche Kaiserreich ein Schiff in den Tanganjika-See gebracht, das im Ersten Weltkrieg den Kongo angriff und 100 Jahre später noch als Fähre Dienst tut.
Oder wusstet Ihr, dass seit 1977 ein deutsches Unternehmen etwa 5% des kongolesischen Staatsgebiets gepachtet hatte, um von dort Weltraumraketen ins All zu schießen? Unterstützt vom Bundesforschungsministerium konnte die OTRAG walten wie ein Kolonialherr: Zoll- und Steuerfreiheit, juristische Immunität, und das Unternehmen durfte sogar Einheimische umsiedeln, wenn sie im Weg waren.
Aber der dritte Teststart schlug fehl – vor den Augen des Diktators.
Alles in allem bietet das Buch die brillante Darstellung eines widersprüchlichen Landes, das weder auf die gebotene Komplexität verzichtet, noch den Kongo als reinen Katastrophenschauplatz abtut. Spannend, lehrreich und gut geschrieben, eine absolute Empfehlung! Und die Fortbildung lässt sich von zuhause aus genießen, ganz ohne tropische Regenfälle, giftige Schlangen und Flugscham.
Das einzige was nervt, sind die Zwerge. Man sitzt gemütlich im Park oder genießt den Blick auf die Oder, und schont taucht aus dem Unterholz so ein Radaubruder auf und macht sich wichtig.
Überall sind die kleinen Racker. Nicht einmal in den Kirchen ist man vor ihnen sicher.
Aber manche Leute mögen die Zwerge. Viele Touristen kommen sogar absichtlich, bewusst und überwiegend wegen der Heinzelmännchen nach Breslau und versuchen, so viele wie möglich von den über 800 Gnomen aufzuspüren.
Ich selbst stehe bekanntlich eher auf Beton als auf Blech. Aber auch für diesen Geschmack gibt es Kunst im öffentlichen Raum.