Vor vielen Jahren hatte ich über die schockierende Entdeckung berichtet, dass auf dem Bauernhof meiner Urgroßeltern – den die Weltöffentlichkeit bereits aus dieser Geschichte kennt – einst ein sowjetischer Zwangsarbeiter schuften, melken und ausmisten musste. Vielleicht war genau der gleiche und selbe Zwangsarbeiter jedoch ganz erleichtert, unter Obstbäumen im Bayerischen Wald statt unter Granatbeschuss bei Uman zu liegen. Vielleicht auch beides, gleichzeitig oder nacheinander, in der einen oder anderen Reihenfolge.
Man weiß es es nicht und wird es niemals wissen. Denn meine Suche nach Dimitri, wie der sowjetische Held in der Überlieferung heißt, hat bisher – trotz tatkräftiger und hier ausdrücklich zu lobender Unterstützung durch das Staatsarchiv in Landshut – keine Ergebnisse zutage gefördert.
So bleibt als einziges greifbares Memorial das auch drei Generationen später noch hochgeschätzte Holzkästchen, das Dimitri vor 80 Jahren geschnitzt, gebastelt und geleimt hat.
Eingangs hatte ich von dem Schock über die Erkenntnis berichtet, dass auch meine Familie in die Zwangsarbeit während des Nationalsozialismus verstrickt war. Dabei wäre eigentlich eher das Gegenteil überraschend. Zwangsarbeit war das NS-Unrecht, mit dem der größte Teil der deutschen und (auch wenn sie es dort nicht gerne hören) der österreichischen Bevölkerung im Alltagsleben in Berührung kam. Kaum eine Fabrik, kaum ein Gehöft, kaum ein Steinbruch und natürlich keine christliche Kirche, die keine Zwangsarbeiter hatte.
„Und von all diesen Millionen von Menschen gab es einen, der sich bei der Familie, der er zugeteilt worden war, mit solch einem filigranen Kunstwerk in Erinnerung hielt“, dachte ich. Aber das war Wunschdenken.
Denn bald meldeten sich aus dem ganzen Land Menschen, Museen und Gedenkstätten, die ähnliche Kästchen aus dem gleichen historischen Zusammenhang im Inventar hatten.
Insbesondere der Förderverein Gedenkstätte Stalag 326 (VI K) Senne e.V. hat etliche derartige Objekte und viel Wissen zusammengetragen. Eben ist Band 5 der Schriftenreihe des Vereins erschienen: „Verflochtene Geschichten: Kunsthandwerkliche Arbeiten sowjetischer Kriegsgefangener in Sammlungen, Ausstellungen und Vermittlung“
Auch unsere Zigarrenkiste hat es, wahrscheinlich als das reichsweit schönste Exemplar, in das Buch geschafft:
In der Publikation wird herausgearbeitet, dass die Kriegsgefangenen diese Handwerkskunst meist nicht – wie es wohl die familiäre Überlieferung gerne hätte – aus Dankbarkeit herstellten, sondern um sie gegen Lebensmittel zu tauschen oder zu verkaufen. Die handwerkliche Produktion von Holz- und Strohkästchen, aber auch von Besteck oder Kinderspielzeug aus Holz war also Teil der Überlebensstrategie in einer Lage, in der Millionen von Kriegsgefangenen an Hunger, Krankheit, Überarbeitung oder auch direkter Gewalt starben.
Tatsache ist, dass man zu kaum einem Objekt die Geschichte – insbesondere nicht aus der Perspektive des Zwangsarbeiters oder der Zwangsarbeiterin – kennt.
Ich meine damit gar nicht mal die Weltgeschichte, obwohl Polen und Belgier und viele andere Völker dazu einiges zu sagen hätten. Ich meine das Privatleben unserer lieben Reichs-, Bundes-, Mit- und Spießbürger. In keinem anderen Land der Welt zicken sich die Menschen so kleinlich wegen fallenden Laubes, wegen Grillen am Balkon, wegen Rasenmähen nach 18:30 Uhr, wegen Rauchen im Garten, wegen Zäunen und Hecken und neuerdings wegen Überwachungskameras. Ich kenne auch kein anderes Land der Welt, wo in jeder Buchhandlung Ratgeber dafür feilgeboten werden, wie man seine Nachbarn verklagt.
Erst kürzlich entschied der Bundesgerichtshof – nach vorherigen Verfahren am Landgericht und am Oberlandesgericht – über eine Hecke. Ein 19-seitiges Urteil, gefällt durch fünf allesamt höchstqualifizierte und promovierte Richter. „Im Namen des Volkes“ wird da schon in der dritten Instanz über Hecken und Solitärgewächse schwadroniert und das Verfahren nicht beendet, sondern zur erneuten Entscheidung an das Oberlandesgericht zurückverwiesen. (Ganz ehrlich, als Rechtsanwalt frage ich mich, warum man solche Fälle überhaupt annimmt.)
Der Hass auf die Nachbarn erklärt die deutsche Vorliebe für Wohnmobile, Westernfilme und einsame Inseln. Vor der Wahl zwischen diesen drei Weltfluchten standen 1929 auch der deutsche Zahnarzt Friedrich Ritter sowie seine Freundin Dore Strauch. Weil sie weder einen Führerschein noch einen Farbfernseher hatten (es war mal wieder Weltwirtschaftskrise), blieb nur die Insel.
Die Zivilisationsflucht war damals groß in Mode. Obwohl es keine organisierte Bewegung war, sondern jeder Robinson sein eigenes Hühnersüppchen kochte, mit Versatzstücken von Vegetarismus bis germanischem Überlegenheitsgetue, von Anthroposophie bis Antisemitismus, von Esoterik bis Erotik, kennt man das ganze Amalgam unter dem Stichwort „Lebensreform“. (Regieanweisung: frenetischer Applaus des gebildeten Publikums für die zahnmedizinische Metapher.)
Ich hätte den beiden bessere Inseln empfehlen können (z.B. diese, diese oder diese), aber das abenteuerlustige Paar aus Berlin wollte wirklich weit weg und allein sein. Also ließen sie sich auf der Insel Floreana absetzen, die zum Galapagos-Archipel vor Ecuador gehört. Das ist, man kann es nicht milder ausdrücken, eine pottwalhässliche und ganz und gar garstige Insel.
Aber weil Herr Ritter und Frau Strauch (die übrigens in Berlin ihre jeweiligen Ehegatten zurückgelassen hatten) durch und durch deutsch waren, begannen sie mit dem Aufbau eines Schrebergartens. Sogar mit Gartenzaun, sicher ist sicher.
Alle paar Monate kam ein Schiff vorbei und nahm Post nach Deutschland mit, wo die Zeitungen und die Leserschaft die Geschichte von den deutschen Kolonisatoren genüsslich aufsogen. Deutschland hatte ja gerade erst sein gesamtes Weltkolonialreich im Ersten Weltkrieg verloren. Da tat es gut, wenn wenigstens irgendwo in der weiten Welt ein Deutscher über eine unbewohnte Insel herrschte.
Ritter wollte durch die Publicity eigentlich Ruhm, Ehre, Aufmerksamkeit und vor allem Bücher- und Zigarrensendungen bekommen. Stattdessen fand er ungebetene Nachahmer. Im Sommer 1932 kam das Ehepaar Heinz und Margret Wittmer mit Sohn auf die Insel. Sie ließen sich von einem Fischkutter absetzen, stiegen den Vulkan hinauf und klopften an die Gartenpforte.
Wie sich das Verhältnis zwischen den beiden Familien genau entwickelte, das könnt Ihr jetzt im Kino sehen. Der Film „Eden“ bleibt eng an den tatsächlichen Ereignissen. Soweit sie uns bekannt sind.
Wie Ihr seht, passierte dann doch ein bisschen mehr als reine Kleingärtnerei.
Ihr könnt trotzdem weiterlesen, denn der Film bleibt spannend, selbst wenn man die Geschichte schon kennt. Ja, eigentlich fand ich den Film noch beeindruckender, gerade weil ich wusste, dass die Geschichte wahr ist und weil ich mich aus meiner Jugend natürlich noch an die alten Filmaufnahmen aus den 1930ern erinnerte.
Die nervige Tussi ist Ana de Armas, der ihr letzter Erfolg mit „No Time to Die“, wo sie nicht nur James Bond, sondern den ganzen Film rettete, anscheinend so zu Kopf stieg, dass sie im Herbst 1932 ebenfalls auf Floreana übersiedelte. Sie kam unter dem falschen Namen Baronin Eloise Wehrborn von Wagner-Bosquet, mit einem Diener, zwei Liebhabern sowie dem Plan, das teuerste Luxushotel der Welt auf der Insel zu errichten.
Total größenwahnsinnig hielt sie sich bald für die Königin, wenn nicht gar die Kaiserin der Insel. Auch das ist wieder so eine Sache, die man, wenn es die historischen Filmaufnahmen und Fotos nicht gäbe, wahrscheinlich überhaupt nicht glauben könnte.
Jedenfalls war spätestens mit diesem dritten Trupp der typische Nachbarschaftsstreit auch auf Floreana vollends angekommen: Streit ums Trinkwasser. Zank um die Lebensmittel. Zu viele Partys. Zu lauter Sex. Nicht angeleinte Hunde. Keine Mülltrennung. Klatsch und Tratsch. Mord und Totschlag.
Ich verrate nur so viel: Nicht alle Menschen verlassen die Insel lebendig. Von manchen, die die Insel verlassen, hat man nie mehr etwas gehört. Es ist einigermaßen überraschend, welche der drei Gruppen sich durchsetzt – und am Ende tatsächlich ein Hotel baut.
„Na, den beiden anderen Damen habe ich es aber gezeigt!“
Ein wuchtiger Film. Ein imposanter Film. Sehenswert.
Und nachdem ich all das gefährliche Getier auf den Galapagos-Inseln gesehen habe, bin ich noch einmal froh, dass ich mich während meiner Südamerika-Reise stattdessen für die Osterinsel entschieden habe. Obwohl dort auch eine grausame Mordserie wütete.
Links:
Wer sich für deutsche Aussteiger auf fernen Inseln im Rahmen der Lebensreform-Bewegung interessiert, dem sei das Buch „Imperium“ von Christian Kracht empfohlen.
Über die Lebensreform-Bewegung findet noch bis zum 10. August 2025 eine Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn statt.
Und wenn ich irgendwann dazu komme, über meine Reisen nach Vilcabamba, Cuenca und im Cajas-Nationalpark zu schreiben, dann gibt es hier mehr Berichte aus Ecuador.
Manchmal fragen mich Leute nach Empfehlungen für Fernwanderwege. Ich weiß nicht, warum sie das tun, denn ich bin bekanntermaßen eher der Typ, der den ganzen Tag auf dem Sofa sitzt und Bücher liest.
Aber eins weiß ich: Osteuropa wird unterschätzt. Und Rumänien ist ganz besonders wunderbar.
Seit ein paar Jahren gibt es dort einen Fernwanderweg, der auf 1.400 km das gesamte Land von Nord nach Süd (und wahrscheinlich auch in umgekehrter Richtung) durchzieht: Die Via Transilvanica. Ich selbst bin diesen Weg noch nicht gewandert, aber ich gebe jetzt einfach mal den Tipp weiter, weil ich sonst überall in Rumänien nur die besten Erfahrungen gemacht habe.
In 70 Tagesetappen mit meist um die lockeren 20 km geht es durch die unterschiedlichsten Landschaften, ohne dass man dabei ein Hochgebirge oder sonst etwas Anstrengendes überqueren muss. Es ist also eher ein Weg für gemütliche Wanderer, die Land und Leute kennenlernen wollen. Und dazu gibt es auf dem ganzen Wag in fast jedem Dorf Unterkünfte bei Einheimischen. Wenn man nicht will, muss man also kein einziges Mal biwaken oder campen.
Ich habe drei Videos gefunden, die einen guten Überblick über diesen Fernwanderweg, über die verschiedenen Regionen und Landschaften sowie über die Gastfreundschaft geben. Aber vor allem erfährt man, dass die Via Transilvanica ein Projekt von Tausenden von Freiwilligen war und ist, die sich um die Wege kümmern, die Wegweiser pflegen, Wanderführer und Unterkunftsverzeichnisse herausgeben und die örtliche Gemeinschaft einbinden.
Der folgende zweite Teil deckt die Regionen ab, in denen ich zumeist unterwegs war: Das Szeklerland und Siebenbürgen/Transsilvanien. Ab Minute 18:40 geht es in den Landkreis Mureș, wo ich 2014 und 2015 gelebt habe.
Durch die sympathische Stadt Târgu Mureș führt der Wanderweg zwar nicht, aber so ist das eben bei Fernwanderwegen, die hauptsächlich die Natur und das dörfliche Leben einbinden wollen. Aber wie Ihr sehen werdet, gibt es hier auch in den kleinsten Dörfern ausreichend Kultur und beeindruckende Architektur. Ich weiß gar nicht, ob es einen anderen Wanderweg gibt, der durch so viele UNESCO-Weltkulturerbestätten führt.
Der dritte Teil taucht dann tief in die rumänische und damit auch die römische Geschichte ein. Wir Ihr an der Sprache schon bemerkt haben dürftet, besteht da nämlich ein Zusammenhang. (Letztes Jahr hatte ich einen rumänischen Couchsurfer zu Gast, der sogar behauptete, Latein stamme von Rumänisch ab anstatt umgekehrt, und der Vatikan existiere nur deshalb, um weiterhin diese linguistische Wahrheit zu unterdrücken. Denn sonst würde ein Rumäne Papst werden und dann könnte Rumänien auch endlich das Gold zurückbekommen, dass die Sowjetunion einst geraubt hat. Und dann wäre Rumänien das reichste Land der Welt. Aber der Vatikan! Ich habe ihm dann ein zweites Bier gegeben, damit er bald einschlief. War aber trotzdem ein netter Typ.)
Außerdem werden in dieser letzten Folge noch einmal die Gastfreundschaft, Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft deutlich, die einst auch bei mir dazu geführt haben, dass ich mich in Rumänien schon nach wenigen Tagen vollkommen aufgenommen, integriert und zuhause gefühlt habe.
Eine Sache ist aus den Videos wahrscheinlich auch deutlich geworden: Wer abnehmen oder alkoholabstinent leben will, sollte besser nicht durch Rumänien wandern. Wem jedoch sein Gemüt und die Seele wichtiger sind als Cholesterin- und Leberwerte, der/die ist in Rumänien gut aufgehoben!
In jedem Land Südamerikas gibt es einen Aspekt, mit dessen Erwähnung man selbst den langatmigsten Gesprächspartner sofort zum Schweigen – und oft zum Weinen – bringen kann. In Brasilien genügt es, die Zahlenkombination 7-1 laut auszusprechen, vor allem als Deutscher. In Bolivien lobt man die Schönheit des Landes, die Vielfalt der Natur vom Hochgebirge bis zum Amazonas, bevor man unschuldig hinzufügt: „Schade, dass Ihr das Meer nicht mehr habt.“ Der Bolivianer wird, je nach Charakter, in tränenersticktes Schluchzen, in tiefes Grübeln oder in Hasstiraden auf Chile verfallen.
Auch junge Bolivianer, die den Verlust des Meeres keinesfalls selbst erlebt haben können, sprechen über den Salpeterkrieg, wie wenn man ihnen den Zugang zum Pazifik persönlich aus den Händen gerissen hätte. In diesem Krieg, der in Bolivien nur Pazifischer Krieg heißt, kämpfte Chile auf der einen Seite gegen Peru und Bolivien auf der anderen Seite. Chile gewann den Krieg und zwackte sich von den beiden Verlierern ein schönes Stück Land ab. Peru wurde dadurch kleiner, und Bolivien hatte seine Pazifikküste verloren.
Ach ja, das ganze passierte übrigens schon zwischen 1879 und 1884.
Bolivien hat mit dem Titicaca-See zwar ein wesentlich schöneres Gewässer als die Brühe, die vor den Küsten der anderen Länder des Kontinents tote Fische und Plastikmüll anschwappt. Aber für den Ex- und Import wäre ein gemeinsames Meer mit China wichtiger. Bolivien leidet wirtschaftlich tatsächlich unter seiner Lage als Binnenland, das einzige auf beiden amerikanischen Kontinenten (Paraguay hat über den Fluss Paraná Zugang zum Atlantik). Für jeden Rohstoffexport müssen Verträge mit den Nachbarn ausgehandelt werden, die natürlich die Preise drücken, Profit abzwacken und alles komplizierter machen. Die Schweiz und Österreich können froh sein, dass sie nichts exportieren müssen, sondern dass Schwarzgeld und Touristen ganz von selbst kommen.
In Bolivien wiegt die von den Weltmeeren abgeschiedene Lage besonders schwer, weil das Land davon lebt, Gas, Erze und Edelmetalle nach China zu verkaufen. Diese Exporte sind schwer mit dem Flugzeug zu transportieren. Auch die Kokainproduzenten hätten gerne eine Küste mit U-Boot-Häfen anstatt den Stoff durch den zika- und malariaverseuchten Dschungel karren zu müssen.
Optisch leidet Bolivien eigentlich nicht unter der Meereslosigkeit, denn die Küste um den Titicaca-See gehört zu den schönsten Landschaften Südamerikas. Dass hier keine bekifften Surfer rumhängen ist dem Genuss nicht abträglich. Ich wage zudem die These, dass Bolivien deshalb intellektueller als die meisten Nachbarstaaten ist, weil sich Bolivianer mangels Sandstrand nicht ständig Gedanken um ihre Muskeln, Brüste, Pos und Bademode machen müssen. So bleibt mehr Zeit für Literatur und Kunst.
Dennoch, am 23. März eines jeden Jahres wird in Bolivien kollektiv gewehklagt. Am Tag des Meeres (Dia del Mar) wird die Staatsflagge durch eine maritime Version ersetzt. Durch die Straßen werden Replikas versunkener Schiffe wie sonst nur die Monstranz getragen.
Dazu spielen Militärkapellen traurige Lieder wie „Vaya, vaya, aqui no hay playa. Vamos a La Haya!“ („Oje, oje, hier gibt es keinen Strand. Wir müssen nach Den Haag!“). Im Fernsehen laufen den ganzen Tag Seefahrerfilme (Der Sturm, Titanic, Piraten der Karibik, Wickie und die starken Männer).
Irredentismus hat in Bolivien Verfassungsrang. Artikel 267 erklärt die volle Souveränität über die – geographisch nicht bestimmte – Pazifikküste zum Staatsziel. Wenn Präsident Morales ausländische Staatsoberhäupter empfängt oder besucht, schenkt er ihnen ein Buch, das den Anspruch Boliviens auf Zugang zum Pazifik erläutert. Das Geschenk wird dann wahrscheinlich dort abgelegt, wohin man die Broschüren der ähnlich hartnäckigen Zeugen Jehovas entsorgt.
Um den Forderungen Nachdruck zu verleihen, unterhält Bolivien eine Marine. Nicht nur irgendeine Marine, sondern die größten Seestreitkräfte eines Binnenstaates weltweit. Mangels Meer müssen die etwa 60 Schiffe bisher im Titicaca-See herumtuckern, von wo aus niemand weiß, wie man sie im Kriegsfall zum Pazifik brächte. Vielleicht kann man sie zerlegen, mit dem Zug transportieren und wieder zusammenbauen?
Das alles mag übertrieben erscheinen, ist aber die Reaktion auf einen strategischen Fehler im Pazifischen Krieg: Damals hatte Bolivien gar keine Marine.
An martialischen Drohungen mangelt es nicht. Am Titicaca-See befindet sich dieses Gemälde eines bolivianischen Soldaten, der einem chilenischen Soldaten das Bajonett in den Hals sticht. Darüber der Spruch „Was uns einmal gehörte wird uns wieder gehören“.
Was wohl chilenische Touristen darüber denken?
Die Gefahr eines Krieges erscheint mir dennoch gering. Bisher beschränkt sich Morales auf große Reden: „Die ganze Welt vernimmt den berechtigten Ruf des bolivianischen Volkes nach Beseitigung dieser imperialistischen Ungerechtigkeit“ u.s.w., denn nach Morales‘ Wortwahl ist jeder und alles imperialistisch, der nicht macht, was er gerade will.
Bolivien beschränkt sich zur Freude meiner bolivianischen Anwaltskollegen auf Gerichtsprozesse. Zuerst rief Bolivien den Völkerbund, zuletzt den Internationalen Gerichtshof an (auf dem Foto nachgestellt von putzigen Kindern). Die Besessenheit mit der Pazifikküste führt dazu, dass in dem Binnenland Bolivien mehr Magister- und Doktorarbeiten über Seerecht geschrieben werden als in allen anderen Ländern Südamerikas zusammen.
Auch wenn das für mich alles danach aussieht, wie wenn die Regierung von tatsächlichen Problemen ablenken will und alle Probleme von Infrastruktur über Bildung bis zum Wassermangel auf die „imperialistischen Chilenen“ aus dem 19. Jahrhundert schiebt (meine ungarischen Leser kennen das von den Tiraden gegen Trianon, und die älteren deutschen Leser erinnern sich daran, dass der Versailler Vertrag an allem Übel Schuld war), so hat sich der Wunsch nach dem Zugang zum Meer doch tatsächlich bei vielen Bolivianern festgesetzt.
Bücher über den Krieg des Pazifik sind der Renner. Beliebt ist die These, dass der Friedensvertrag nicht „fair“ war und dass das Land von bolivianischen Politikern verraten wurde; also die bolivianische Dolchstoßlegende.
Wenn Bolivianer in Chile Urlaub machen, nehmen sie Fahnen mit. Dieses Ritual ist das bolivianische Äquivalent zur Pilgerfahrt nach Mekka. Einmal im Leben muss man sich das gönnen.
Wenn jetzt der Eindruck entstanden ist, dass sich ganz Bolivien in einem nationalen, irredentistischen Rausch befände, so wäre das allerdings falsch. Wie ich regelmäßig mitzuteilen versuche, ist Bolivien ein durchweg sympathisches und humorvolles Land. Wenn man sich länger unterhält, stimmen die meisten Bolivianer zu, dass man nicht alle Kriege rückabwickeln kann. „Sonst könnten ja auch die Spanier kommen und alles wieder haben wollen.“
Ein Land, in dem sich Marineoffiziere auf Schiffen aus bemalten Bettlaken durch die Straßen fahren lassen, muss man doch irgendwie mögen.
Links:
Weitere Berichte aus Bolivien, einem, wie Ihr hoffentlich bemerkt habt, äußerst lustigem Land.
Natürlich musste ich sofort an das britische Vorbild, das „Ministry of Silly Walks“ denken.
Aber anscheinend ist das mit dem Springen und Hüpfen gar nicht wörtlich gemeint, denn SPRIN-D, wie sich die Bundesagentur geheimnistuerisch nennt, widmet sich auch weniger körperlichen Anstrengungen, darunter:
Eine europäische Superwolke: IT-Infrastruktur fürs 3. Jahrtausend: Sovereign Cloud Stack (SCS) für Gaia-X
Ein Quadratmillimeter der Zukunft: Der Analogrechner auf einem Chip
Den Höhenwind ernten: Die Binnen-Windanlage der Zukunft
Eine Makrolösung für das Mikroplastik-Problem
Wie die Alzheimersche Krankheit besiegt werden kann
Das Holodeck revolutioniert unsere Art zu kommunizieren
Wie Nanogami das Gesundheitswesen revolutioniert
Vom Gehirn lernen für die kognitive Datenbank der Zukunft
Kleine Linsen, große Wirkung – modern camera designs will die Hochvolumenproduktion kleiner Abbildungsoptiken nach Europa zurückholen
Stärkung der Digitalen Souveränität – Sovereign Tech Fund unterstützt sicheres und vitales Open-Source-Ökosystem
Nanoroboter in der Krebstherapie – Plectonic will mit LOGIBODIES ausschalten
Die Virenfänger – capsitec will mit DNA-Origami virale Erkrankungen heilen
Mit Memristoren die anwachsende Datenflut speichern und verarbeiten
Immuntherapie von Krebs nach dem Zwei-Schlüssel-Prinzip
Es werde Licht : Wie optische Prozessoren die Computerindustrie nachhaltiger gestalten können
Broad-Spectrum Antivirals
Carbon To Value
Long-Duration Energy Storage
New Computing Concepts
Circular Biomanufacturing
Tissue Engineering
Fully Autonomous Flight
EUDI Wallet Prototypes
Deepfake Detection and Prevention
Oliment: Die Zukunft des nachhaltigen Betons
Das Ende des Brennofens: Blaues Licht statt fossiler Brennstoffe
Voice Biomarker: Von Mozart zur Krankheitserkennung mit KI-gestützter Stimmanalyse
Mit Laserlicht zur Kernfusion
Ich weiß gar nicht, was mich mehr beruhigt: Dass in Deutschland an all diesen tollen Sachen geforscht wird, oder dass jemand bei der Namensfindung einer Bundesagentur eine Anspielung auf einen der bekanntesten Sketche von Monty Python unterbringen konnte.
Es soll also niemand mehr sagen, dass Deutschland nicht innovativ ist. Oder keinen Sinn für Humor hat.
Wo genau liegen die Grenzen Europas? Eine Frage, mit der man ganze Grillabende unterhalten kann, insbesondere wenn man Ćevapčići und Döner serviert.
Die Europäische Union allein kann es nicht sein, denn wieso sollten San Marino, Norwegen und bald Großbritannien nicht dazu gehören? Außerdem wären dann Mayotte und Französisch-Guyana auch Teil Europas. Meere sind eine schöne natürliche Grenze, wobei Island europäisch sein will und Karthago viel mehr mit Europa zu tun hatte als der barbarische Teil Germaniens. Außerdem gibt es im Osten kein durchgehendes Meer. Das Uralgebirge ist doch eine ziemlich arbiträre Wahl. Unüberwindbar hoch ist es ja nicht gerade. Die Pyrenäen oder die Alpen sind höher, doch dadurch lässt sich niemand von Europa abschneiden. Und dann dieser dämliche Bosporus, ein nicht gerade beeindruckender Wasserlauf, über den sogar Brücken führen. Warum dann nicht die Wolga oder die Donau, an der entlang man tagelang gehen kann, ohne eine Brücke zu finden? Manche griechischen Inseln liegen nur ein paar Kilometer vor der türkischen Grenze. Und was ist mit Zypern?
Wie gesagt, ein endlos ergiebiges Thema für einen Grillabend. Und vielleicht kann man dabei sogar mal wieder den alten Atlas aus dem Kinderzimmer holen.
Für mich ist seit einer Reise durch den Kaukasus klar, wo die Grenze zwischen Europa und dem Orient liegt: Zwischen Georgien und Aserbaidschan, genau auf der Roten Brücke. An diesem Grenzübergang, je nach Sprache Krasny Most, Tsiteli Khidi oder Qirmizi Körpü gennant, was Ihr Euch alles merken müsst, weil Ihr nicht wisst, in welcher Sprache der Bufahrer das Schild ins Fenster stellt (und es außerdem Красный мост oder წითელი ხიდი schreibt), überschreitet Ihr die Schwelle von der einen in die andere Welt.
In Georgien ist alles ruhig und entspannt, aber sobald man in das Grenzgebäude auf der aserbaidschanischen Seite tritt, herrschen Chaos, Lärm und Hitzigkeit. Eine ungeordnete Traube von Menschen drängt sich vor den Abfertigungsschaltern, ohne dass einzeln zugeordnete Schlangen zu erkennen sind. Dazwischen schleppen und zerren die Einreisewilligen Säcke mit Kartoffeln, Brot und Sonnenblumenöl sowie zwei Kinderfahrräder. Die Leute beschimpfen sich, schreien sich an oder schlagen sich fast die Köpfe ein. Den aserbaidschanischen Grenzschützern scheint das egal zu sein. Ich kann keine der in den Streitgesprächen verwendeten Sprachen, und hoffe, dass alle Umstehenden merken, dass ich neutral bin. So fühlen sich also die Blauhelme zwischen den Fronten.
Etwas schieben und schubsen muss ich aber leider auch, denn sonst stünde ich nach einer Woche noch im Wartesaal. Mit meinem in Großbritannien erlernten zivilisierten Schlangenanstehstil mache ich hier keinen Meter gut.
Die eigentliche Grenzabfertigung geht zügig voran, schließlich habe ich vorher schon ein Visum beantragt und erhalten. Aber unmittelbar nach der Grenze, auf festem aserbaidschanischen Boden, wird es noch schlimmer.
Horden von Geldwechslern und Taxifahrern stürzen sich auf mich. Alle bestreiten, dass es einen Bus nach Ganja gibt. Der Bus nach Baku bestreitet, dass er durch Ganja fährt. (Gibt es überhaupt einen anderen Weg?)
Vor einem Laden streiten sich zwei Männer, weil beide behaupten, der Besitzer des Ladens zu sein, und mich auffordern, meine Flasche Cola beim einen anstatt beim anderen zu bezahlen.
Ich weiß, dass es einen Bus nach Ganja gibt. Es ist die zweitgrößte Stadt Aserbaidschans, und es gibt immer Busse, aber ich kann ihn nicht in Ruhe suchen, weil mir ständig vier oder fünf bärtige Männer hautnah auf der Pelle kleben und auf Aseri-Türkisch auf mich einschreien. Nur um wegzukommen, willige ich schließlich ein, dass mich einer von ihnen wenigstens nach Qazax fährt, den nächsten Ort, von wo ich hoffe, die Weiterfahrt nach Ganja in mehr Ruhe organisieren zu können.
Die Landstraße verläuft ziemlich gerade. Auf beiden Seiten heben und senken sich die Hügel, etwas ausgetrocknet (es ist Juli), aber dafür goldgrau. Der blaue Himmel ist durchsetzt von fotogenen kleinen Wolken. Traktoren fahren Heuballen nach Hause. Feldarbeiter reiten auf Pferden zur Kneipe. Eine Schafherde, die von einer Ziege angeführt wird, überquert die Straße und lässt sich vom heranbrausenden Taxi nicht aus der Ruhe bringen.
Es könnte schön sein, wenn ich nur nicht im Auto eine Lügners und Betrügers säße, der noch immer davon redet, nach Ganja zu fahren, und vorgibt, mich nicht zu verstehen. Notfalls muss ich in Qazax an einer Ampel rausspringen oder den Fahrer überwältigen. Allerdings sieht er gewalterfahrener aus als ich.
Wir passieren einen Armeetruck, sowjetisches Modell, der mit Brennholz beladen wird. Die Soldaten haben dafür einen der Bäume am Straßenrand gefällt. Vielleicht ist das Holz aber auch für eine nahe Möbelfabrik, deren Namen als Einziges noch an Europa erinnert: Avropa Mebel.
Als wir uns Qazax nähern, bitte ich den Taxisten, mich am Busterminal abzusetzen. Wie nicht anders zu erwarten, behauptet er, es gäbe keins. Jetzt reicht’s mir. „Klar gibt es ein Busterminal“, sage ich mit einem überlegen lächelnd und besserwissendem Gesicht. Es ist ein Bluff, aber die Stadt hat etwa 20.000 Einwohner und ist der erste größere Ort nach der Grenze. Da wird es schon einen Busbahnhof geben. „Habe ich noch nie davon gehört“, entgegnet der Fahrer, schulterzuckend wie ein Pokerspieler, dem dein Blatt egal ist, weil er dich am Ende sowieso abknallt.
Ich erhöhe den Einsatz: „Ich zeige Ihnen den Weg“, sage ich, weiterhin so lässig, wie wenn ich in dieser Kleinstadt in Westaserbaidschan aufgewachsen wäre. Aus dem Rucksack hole ich mein Tablet mit GPS und Maps.me, inständig hoffend, dass jemand den Busbahnhof eingezeichnet hat. Erfolg! Nicht nur zeigt es den Avtovağzalı an, sondern auch das Taxi als einen sich rasant auf die Stadt zubewegenden Pfeil.
Ent- und begeistert kann der Piratenfahrer kaum mehr seine Augen von dem fast in Echtzeit seine Position anzeigenden Pfeil nehmen. Ich packe es lieber wieder weg. Die Route habe ich mir gemerkt. Und siehe da, jetzt fällt auch dem Fahrer der Weg zum Busbahnhof wieder ein, wo er mich – das Zaubergerät hat ihm sichtlich Respekt eingeflößt – sogar direkt vor dem Bus zur Weiterfahrt nach Ganja absetzt, auf den er jetzt überraschend höflich und hilfsbereit hinweist.
10 Euro haben mich die 30 km unnützerweise gekostet. Einen schlechten ersten Eindruck von Aserbaidschan gibt es gratis dazu. Der hier gedrehte James-Bond-Film hieß „Die Welt ist nicht genug“, aber ich habe jetzt schon genug.
Natürlich darf man kein Land nach seinen Taxifahrern beurteilen, versuche ich mich zu beruhigen. Aber dann passiert in Ganja das Gleiche: Am Busbahnhof weit außerhalb der Stadt umringen mich wieder Taxifahrer, die sich gegenseitig anschreien. Der, in dessen Lada ich einsteige, kennt die Tebriz-Straße nicht (sie liegt im Zentrum) und muss die Herbergsmutter zweimal anrufen und einen Passanten nach dem Weg fragen. Weil es so länger als geplant dauert (wie auch immer man planen kann, ohne das Ziel zu kennen), erhöht er unterwegs den Fahrpreis von den vereinbarten 10 auf 20 Manat (= 10 Euro). Wenn man hier kein Türkisch oder Russisch kann, ist man echt der Depp.
Drei Tage später komme ich erschöpft, ausgelaugt und etwas verstört (danke an die Aliyev-Familie!) zurück an die gleiche Grenze. Dieses Mal kenne ich mich aus und lasse mir keine überflüssigen Transportdienstleistungen aufschwatzen. Nur meine verbliebenen Manat werde ich noch bei einem Geldwechsler los. Hier funktioniert die Konkurrenz. Die Kurse sind fair.
Auf der georgischen Seite der Roten Brücke decke ich mich in einem begehbaren Humidor mit reichlich Zigarren ein, werde beim Bezahlvorgang aber mit der Frage konfrontiert, in welche Richtung ich reise. Wie es meine Gewohnheit ist, antworte ich wahrheitsgemäß. „Ich bedauere, aber wir dürfen die Zigarren nur verkaufen, wenn Sie aus-, nicht wenn Sie einreisen“, bringt der junge Mann meine Tabakträume zum Platzen. Nicht einmal der Hinweis auf meinen Geburtstag erweicht ihn. Ich bin wirklich wieder in Europa. Regeln sind Regeln.
Praktische Tipps:
Nehmt zwischen Georgien und Aserbaidschan lieber den Zug.
Und es gibt fast immer einen Bus, egal was die Taxifahrer erzählen. Außer in Deutschland, aber da gibt es nicht einmal genügend Taxis.
Falls mal wirklich kein Bus mehr geht, zum Beispiel spätnachts, sind andere Leute in der gleichen Lage, so dass man sich ein Taxi teilen kann. Ich habe das mal an der Grenze von Ecuador nach Peru gemacht, was zur Bekanntschaft mit Benzinschmugglern führte.
Wahrscheinlich hätte ich einfach nur einen Kilometer gehen und dann per Anhalter weiterfahren sollen. Wobei ich in Aserbaidschan auch als Anhalter eine schlechte Erfahrung hatte, aber dazu mehr im Bericht über Göygöl.
Als ich im Sommer 2017 in Kutaisi in Georgien dieses Wandbild fotografierte, sollte es wohl die georgischen Aspirationen und Hoffnungen auf einen NATO-Beitritt symbolisieren. Einer muss ja den ganzen Wein für das Manöver mitbringen.
Heutzutage fragt man sich eher, ob die Zeit für die NATO abläuft. Und für Georgien.
„Was zählt, ist die Eheschließung beim Standesamt. Ihre Zeremonie in der Kirche hat rechtlich den gleichen Status wie eine Feier in Disneyland.“
(Ich, etwas vereinfachend, zur katholischen Mandantin, die möchte, dass ich die Scheidung nicht nur beim Familiengericht, sondern auch beim Erzbistum zur Heiligen Jungfrau von Guadalupe einreiche.)
München, 1938: Sogenannte Friedenskonferenz, auf der dem Aggressor alle von ihm gewünschten Zugeständnisse gemacht werden, das Opfer der Aggression nicht repräsentiert ist, und die Beteiligten sowie die Beobachter in unglaublich naiver Weise davon ausgehen, dass auf derlei Weise der Weltfrieden hergestellt werden könne. Der Diktator nutzt die Verschnaufpause zur weiteren Aufrüstung, annektiert sechs Monate später entgegen seinen Versprechen den von der Völkergemeinschaft im Stich gelassenen demokratischen Staat und beginnt weniger als ein Jahr später einen erneuten Weltkrieg.