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Jetzt bin ich also aus einem Bundesland, wo (wieder) mehr Menschen eine rechtsextreme Partei wählen als die Sozialdemokratische Partei, deren Vertreter vor genau 100 Jahren den Freistaat Bayern ausgerufen haben.
Wenn man zurückdenkt an die Münchner Räterepublik, muss sich die Linke allerdings noch viel mehr grämen.
Tja, früher war einfach alles besser. Da würden mir selbst AfD-Wähler zustimmen.
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Andererseits vertritt man mit 10% bestimmt nicht „das Volk“, sollte also auch nicht größer gemacht werden als man ist.
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Das Problem bei einer CSU-FW-Koalition wäre, dass Hubert Aiwanger dann Außenminister würde. Aber der kann nicht einmal Hochdeutsch.
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Die SPD in Bayern will natürlich „in Ruhe analysieren und alles überdenken“, aber vielleicht ist der Grund ausnahmsweise ganz einfach:
Es gibt eine linke Partei, die altbacken wirkt, und eine linke Partei, die als cool gilt. Also gehen etwa 10% der Wähler von der einen zur anderen. So wie man von Currywurst zu Döner wechselt. Oder von der Provinz in die Stadt zieht. Oder den Corsa verschrottet und sich eine Harley kauft.
Da kann das Alte sich auf den Kopf stellen, manchmal hat es einfach keine Chance.

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Die SPD wird jetzt kontern: „Aber wir stellen die Oberbürgermeister in den größten bayerischen Städten.“
Das stimmt, aber auch hier deutet sich ein Wechsel an.

Wenn ich die SPD wäre, würde ich langsam Fusionsgespräche mit den Grünen anbahnen. Mit gemeinsamen Kandidaten könnte man vielleicht sogar mal ein Direktmandat erzielen. (Aktueller Stand für die SPD: 0, wobei die Partei die Kandidaten, die das schaffen, auch gerne mal selbst absägt.)
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Die letzte Grafik erklärt übrigens (mit) die Landflucht. Es geht nicht nur um Busverbindungen, Internet und Jobs. Viele Menschen wollen einfach lieber dort wohnen, wo ihresgleichen wohnt. Linksliberale Intellektuelle wie mich zieht es eher in die multikulturelle Stadt, als dass ich in dem Dorf bleibe, wo Nachbarn die Reichskriegsflagge hissen.
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Vielleicht hätte sich die bayerische SPD aber auch stärker von Joachim Wolbergs distanzieren sollen.
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Wieviele Bayern wohl für die Freien Wähler gestimmt haben, weil sie „Freie WLAN“ verstanden haben?
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Zurück zur SPD.
Bei der Beurteilung der Situation hilft der Blick auf Europa, und der ist insgesamt nicht so gut für die Sozialdemokratie. Richtige sozialdemokratische Parteien halten sich eigentlich nur mehr in Ländern, wo Politik die Fortsetzung einer Revolution oder eines Bürgerkriegs ist und eine starke antifaschistische Tradition besteht (Portugal, Spanien), oder wo die Sozialdemokratie das letzte Bollwerk gegen den Feudalismus der Großgrundbesitzer ist (Großbritannien). Und selbst in Großbritannien würden mehr Labour-Wähler die Grünen wählen, wenn es dort ein Verhältniswahlrecht wie in Deutschland gäbe.
Das Bild der Sozialdemokratie in der EU wird verfälscht durch nominell sozialdemokratische Parteien, die in Wirklichkeit mafiöse Organisationen (Malta) oder mafiöse und nationalkonservative Organisationen, die gegen Minderheiten hetzen, (Rumänien) sind.
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Irgendjemand wird jetzt einwerfen, dass der Niedergang der SPD an der Agena 2010 und anderen Reformen unter Gerhard Schröder liegt.
Das glaube ich nicht. Wenn die Wähler mehr Sozialstaat, mehr Umverteilung von Reich zu Arm oder die Verstaatlichung der Produktionsmittel wollen, dann könnten sie die Linke wählen. Oder die DKP. Oder die MLPD. (Ich fand schon immer, dass der Wahlzettel weiter hinten/unten viel interessanter wird.)
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Insbesondere erklärt die soziale Frage nicht die Wahlergebnisse für die AfD, die eher marktradikal ist, sich aber eigentlich als Einthemenpartei um soziale Fragen gar nicht kümmert. Wer die AfD wählt, weiß mittlerweile, was er wählt. Da geht es nicht mehr um Kritik am Euro, sondern nur mehr um Blut, Boden, Vaterland.
Die anderen Parteien, insbesondere wohl die CSU, fragen sich immer, wie man die AfD-Wähler „zurückgewinnen“ kann. Ich sage: „Vergesst es!“ Mit Faschisten kann es keinen Wettbewerb geben, nur die Auseinandersetzung. Selbst wenn die CSU an der Grenze Flüchtlinge erschießen würde, wären die AfD-Wähler nicht zufrieden.
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Hoeneß zur CSU: „Wieso kauft Ihr diese Freien Wähler nicht einfach auf?“
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Viel wichtiger an diesem Wochenende war eigentlich die Wahl in Luxemburg. Nehmen wir uns also in Bayern bitteschön nicht zu ernst!