Ich hatte einen Termin beim Beirat für die Bewahrung des georgischen Kulturerbes. Aber der Eingang zu dessen Büro war Hinweis genug auf den Zustand der Kunstgeschichte im Land.

Ich hatte einen Termin beim Beirat für die Bewahrung des georgischen Kulturerbes. Aber der Eingang zu dessen Büro war Hinweis genug auf den Zustand der Kunstgeschichte im Land.

Keine richtige Toilette, aber einen Baum mit Satellitenschüssel.

(Fotografiert auf dem Weg zum Savin Kuk in Montenegro.)



Man merkt, dass ein Land unermesslich reich ist und über eine blühende Wirtschaft verfügt, wenn man auf der Toilette Schilder mit der folgenden Ermahnung findet: „Bitte kein Geld in die Toilette werfen“.
(Fotografiert am Flughafen von Tallinn in Estland.)
Durch das Buch Schwarze Erde wurde ich aufmerksam auf einen kleinen Ort in der Ukraine, der 1887 als geographisches Zentrum Europas errechnet und ernannt wurde: Dilowe.
„Nanu?“ wunderte ich mich, nicht weil ich Dilowe diese Auszeichnung nicht gönnen würde, sondern weil ich vor Jahren in Litauen im Europa-Park schon die angebliche Mitte Europas besucht hatte.



Die zugrundeliegende Berechnung stammt von 1989.
In 100 Jahren kann ein Kontinent schon mal wachsen, schrumpfen oder sich aufgrund der zwischenzeitlich erfundenen Plattentektonik verschieben. Aber zwischen der Ukraine und Litauen liegen – zumindest geographisch – doch Welten. Es müssen also unterschiedliche Berechnungsmethoden angewendet worden sein.
Ein Problem ist die Bestimmung dessen, was Europa ist. Politisch? Das wäre dann das Habsburger-Reich oder die EU. Mit oder ohne Beitrittskandidaten? Wird Großbritannien in zwei Jahren plötzlich uneuropäisch(er)? Und wie wirkt sich das mitten im Kontinent liegende schweizerische Loch im europäischen Käse aus? Zählt man die Inseln dazu, die dank der großzügigen Überseepolitik unserer französischen Freunde die EU bis nach Guadeloupe und Neukaledonien erweitern? Sind Französisch-Guyana und Ceuta nicht offensichtlich in Südamerika bzw. Afrika und damit keinesfalls in Europa? Was ist mit Nordzypern? Fragen über Fragen. Gut, dass wenigstens Deutschland alles vom Bismarck-Archipel bis Samoa verlor und die Karte der EU nicht noch zusätzlich verkompliziert.

Aber auch bei rein geographischer Bestimmung kann man end- und ergebnislos diskutieren. Wo verläuft die Grenze nach Osten? Was ist mit der Türkei? Was mit dem Kaukasus? Ist Malta europäisch oder afrikanisch? Verbindet man einfach die Extrempunkte, um die Mitte zu ermitteln? Oder zieht man die Grenzen der Landmasse in Betracht? Womöglich noch gewichtet nach dem Produkt aus Fläche mal Gewicht. Ein Hektar Schweiz wiegt ja viel mehr als ein Hektar Holland. Oder wählt man das Zentrum eines um Europa gezogenen Kreises?
Man sieht schon: Wer lange genug mit Zahlen und Methoden herumspielt, findet immer einen Mittelpunkt Europas, der in einem kleinen Dorf liegt, das hofft, dadurch den Tourismus anzukurbeln.
Denn auffällig ist schon, dass alle bisherigen Zentren Europas in der Pampa lagen, wo sonst tote Hose ist:

Für den Film Die Mitte besuchte Stanislaw Mucha die meisten dieser Orte. Leider habe ich den Trailer nicht in besserer Qualität gefunden, man bestellt sich also besser doch die DVD.
Der Bericht einer Reise durch die Ukraine aus dem Jahr 2016 dreht sich natürlich auch um die Annexion der Krim und den Krieg im Donbass – beides Regionen, die Mühling für sein Buch Schwarze Erde selbst bereist. Aber er beschränkt sich nicht auf die Konfliktherde, sondern reist sowohl in die Großstädte wie Kiew, Lwiw und Odessa als auch in kleine und kleinste Orte an der polnischen Grenze, in den Karpaten und in der Steppe.
Überall sucht und findet er das Gespräch, oft mit älteren Menschen, die viel erlebt und beobachtet und Zeit zum Erzählen haben. Es mag an der Situation in der Ukraine oder an den Vorlieben des Autors liegen, aber meist kommen diese Gespräche sehr schnell auf Politik, Geschichte, Sprache, Religion und Identität. Ich persönlich fand das hochinteressant, aber die an diesen Themen nicht interessierten Leser seien gewarnt.
Sprachlich hingegen ist das Buch so gut geschrieben, dass man es selbst nicht an der Ukraine interessierten Lesern empfehlen möchte. Man muss gar nichts über Lwiw wissen, um Sätze wie solche zu schätzen:
Lwiw sah aus wie das uneheliche Kind, das Salzburg nach einer Liebesnacht mit Krakau zur Welt bringen würde.
Oder diese Landschaftsbeschreibung zu Kriegszeiten:
Das Laub der Pappeln und Birken am Straßenrand sah matt und kraftlos aus, als sei es in der regenlosen Spätsommerhitze verdorrt. Seine Farbe war mehr kränklich als herbstlich – alle Rottöne fehlten, ich sah nur trockenes Gelb, glanzloses Beige, ausgezehrtes Grün. Es war, als passten sich die Bäume den Tarnanzügen der ukrainischen Armee an, nicht umgekehrt.
Spannend bleibt der Bericht über die Reise auch deshalb bis zum Schluss, weil Mühling – durch geschickte Auswahl oder durch Zufall – immer wieder Menschen trifft, deren Weltbilder sich komplett widersprechen. Er scheut nicht vor Diskussionen zurück. Was soll man auch anders machen, wenn einem Menschen mit obskuren Verschwörungstheorien begegnen?
Ob ich, fragte Viktor, davon gehört habe, dass die faschistische Junta in Kiew dazu aufgerufen habe, die russischen Krimbewohner gesammelt an die Wand zu stellen? Was ich davon halte, dass die Europäische Union alle russischen Christen zu Homosexuellen umerziehen wolle? Ob ich wisse, dass sich unter den Krimtataren mehr als fünftausend gewaltbereite Islamisten versteckten, ausgebildet in arabischen Terrorcamps und begierig, die slawische Bevölkerung zu massakrieren?
Immer wieder trifft er auf Menschen, die sich so sehr in einem anti-russischen, anti-ukrainischen, anti-europäischen oder antisemitischen Weltbild verrannt haben, dass es aussichtslos erscheint, dass sie das selbstgeschaffene Labyrinth je wieder verlassen können. Daran könnte selbst die vollständige Umsetzung der Minsker Abkommen nichts ändern.
Mühling trifft aber auch ukrainisch-russische Familien, Menschen, die ein Gemisch aus Russisch und Ukrainisch sprechen, andere, die nicht genau wissen, ob sie Ukrainer oder Russen sind, und Russen, die gerne die Ukraine unterstützen würden, weil sie das Land für den freieren Staat halten, sich aber beklagen, dass ihnen das von Kiew nicht gerade leicht gemacht wird.
Geschichte, Konflikte und Identitätssuche der Ukraine werden in Schwarze Erde lebendig. Ich jedenfalls war gerne mit Jens Mühling in der Ukraine unterwegs, so dass ich mir als nächstes sein russisches Abenteuer gönnen werde.
Links:
Auf der zu Sardinien gehörenden Insel La Maddalena kam ich – mit dem Fahrrad – an diese wunderbare Bucht:
Das Kraut in der Mitte des Bildes störte jedoch mein ästhetisches Empfinden.
„Kein Problem, das mache ich später mit Photoshop weg“, würden sich die meisten Fotografen denken. Zumindest jene, die mit dieser Technik aufgewachsen sind.
Ich hingegen bin „old school“ (und habe außerdem kein Photoshop-Programm), weshalb ich das Problem an Ort und Stelle niedertrampeln musste:
Photoshop kann also jetzt für sich behaupten, die Umwelt zu schützen.
Um 16 Uhr würde das Basketballspiel stattfinden, hatte ich gehört.
Punkt 16 Uhr war ich also da. Da, aber allein. Keine Spieler, keine Zuschauer, kein Ball, kein bei der Hitze dringend notwendiger Eisverkäufer. Nicht einmal ein Cola-Automat.
Dabei war Chile eigentlich das pünktlichste Land in Südamerika. Aber vielleicht gingen die Uhren in Humberstone, dieser Stadt tief in der Wüste, anders? Apropros Uhr, den Turm mit derselben konnte ich von der Tribüne aus erspähen. 15:58 Uhr.

So hatte ich den Basketballplatz noch zwei Minuten nur für mich.



Je alleiner man wartet und je heißer die Hitze klirrt, desto langsamer vergeht die Zeit. Ich spazierte einige Male über den Platz, warf ein paar imaginäre Dreier, setzte mich frech auf die teuersten Plätze und blickte immer wieder zur Turmuhr. 15:58 Uhr.
Irgendetwas war da faul. Mangels Armbanduhr konnte ich der Turmuhr nicht die genaue Abweichung von der echten Zeit nachweisen, aber nachdem ich so lange gewartet hatte, dass ich schon ebenso Staub und Rost angesetzt hatte wie der Basketballplatz, fiel mir der Trick mit der Sonne ein. Und Sonne gab es reichlich, kann ich Euch sagen. Puh! An den Schatten konnte ich ablesen, dass es allenfalls 13 und keineswegs 16 Uhr war. Na, da hätte ich noch lange auf den Turm mit der anscheinend nicht aufgezogenen Uhr starren können.

So ging ich stattdessen ins Schwimmbad.

Ist das noch Baustelle oder schon Kunst?

(Fotografiert in Tiflis, Georgien.)
Ich wohne zur Zeit für ein paar Monate in Ammerthal, dem Dorf, wo ich aufgewachsen bin.
„Aber da gibt es doch kein Theater, kein Kino, keinen Diskussionsabend der Philosophischen Fakultät?“ fragen meine Freunde aus London, Paris und Moskau besorgt-mitleidig.
Das stimmt. Deshalb gehen wir abends aufs Feld und schauen uns den Himmel an. Gestern gab es ein ganz besonderes Spektakel. Mindestens zwanzig Minuten lang blitzte und erleuchtete der Himmel ohne Unterlass, ohne starken Donner und ohne Regen. Wie ein Gewitter, bei dem jemand den Lichtregler zu hoch und Lautstärke und Niederschlag zu niedrig eingestellt hat.




Erst als plötzlich Hagelkörner so massiv auf uns herabprasselten, dass sie meinen fotografierenden Vater an Flächenbombardements im Zweiten Weltkrieg erinnerten, machten wir uns vom Acker.