Am 6. Juli wurden Malawi und die Komoren unabhängig, Jan Hus und Thomas Morus hingerichtet und die Oder-Neiße-Grenze anerkannt. Lawrence von Arabien eroberte Akaba, Richard Löwenherz und König Mindaugas wurden gekrönt, George W. Bush und ich kamen auf die Welt.
Natürlich in verschiedenen Jahren.
Außer die Komoren und ich, wir teilen nicht nur den Geburtstag, sondern auch das Geburtsjahr 1975. Leider ist das dem komorischen Tourismusminister nicht bekannt, weshalb ich noch nie zur gemeinsamen Geburtstagsfeier eingeladen worden bin. Und man will ja nicht mit der Tür in die Hütte fallen und sich selbst einladen. (Wenn jemand von Euch Kontakte zu den Komoren hat, nur zu!)

Also gehe ich stattdessen in Chemnitz zum Bahnhof und steige in den erstbesten Zug. Überhaupt erkunde ich, seit es das 49-Euro-Ticket gibt, viel mehr von den mannigfaltigen deutschen Regionen und Landschaften. Das Deutschlandticket trägt erst richtig zur Herausbildung eines nationalen Bewusstseins bei, viel wirksamer als das die Einigungskriege oder der Einigungsvertrag vermocht haben.
Auf Gleis 14 fährt gleich die Erzgebirgsbahn ab, das klingt fast so exotisch wie der Indische Ozean. Also, nichts wie rein in den Zug, der aus Protest gegen die Energiewende weiterhin dampft und rußt und schmaucht, und in dem sogar noch das Rauchen erlaubt ist.


Mario, der rührige Schaffner, kümmert sich um alle Fahrgäste persönlich und ruft bei jeder kleinen Verspätung am nächsten Bahnhof an, dass dort die Busse warten sollen. Mir persönlich macht die Verspätung gar nichts, denn ich habe weder Ziel noch Zeitplan. Ich werde einfach spontan irgendwo aussteigen, den ganzen Tag wandern, und am Abend wieder einen Bahnhof für die Rückfahrt ansteuern.
Außerdem ist die Fahrt durch das Zschopautal schon ein Erlebnis an sich. Es ist ein enges Tal, der Zug fährt ganz nah am Fluss und überquert ihn von Zeit zu Zeit auf schön geschwungenen Steinbrücken oder waghalsigen Stahlkonstruktionen, wie quergelegte Eiffeltürme.

Eigentlich will ich bis zur Endstation fahren, ins Hochgebirge, wo noch Schnee liegt und die Yetis toben. Aber da ertönt die Durchsage „nächster Halt: Wolfenstein“.
Wolfenstein, Wolfenstein, da war doch was…
Ach ja: Eine Nazi-Burg, in der alliierte Kriegsgefangene festgehalten wurden, denen man in einem Computerspiel zur Flucht verhelfen konnte. Das Spiel war in Deutschland lange Jahre verboten, weil man dabei Wehrmachtssoldaten abknallen musste. Und das ging natürlich nicht, solange in den meisten Haushalten noch ein lebender Wehrmachtsopa vorhanden war, der mit Stories aus Stalingrad nervte. Erst 2019 wurde die Indizierung aufgehoben, weil die Nazis mittlerweile wieder in die deutschen Parlamente eingezogen waren und nicht mehr als schutzwürdige Minderheit galten.
Nazi-Burgen und Kriegsgefangenenlager faszinieren die Leserschaft, das habe ich schon in der Eifel und erst kürzlich auf Schloss Colditz feststellen können. Es ist zwar mein Geburtstag, aber die Verpflichtung gegenüber den Interessen der Leserschaft versiegt nicht einmal an hohen Feiertagen. Also steige ich spontan aus.
Man tritt kaum aus dem Zug, schon sieht man drohend die Burg auf den Felsklippen, wie wenn sie persönlich jede Ankunft überwacht. Noch immer umweht sie ein Geruch von Gefahr, Grausamkeit und Gestapo. Das geht einfach nicht mehr raus aus dem Gemäuer.

Am Bahnhof ist ein Ortsschild. Wolkenstein steht da, nicht Wolfenstein. Tja, zu spät, der Zug ist schon weg. Jetzt stehe ich doof im Zschopautal und muss irgendwas daraus machen.
Zuerst mal ein paar positive Worte über den hiesigen Bahnhof, nachdem ich mich in letzter Zeit despektierlich über Provinzbahnhöfe in Sachsen geäußert habe, z.B. in Geithain oder Pratau. Der Bahnhof in Wolkenstein ist bestückt wie die Orient-Express-Endhaltestelle in Paris: Schlafwagen, Speisewagen, Buffetwagen, Lazarettwagen, alles erster und zweiter Klasse, und sogar der Regierungszug des DDR-Staatsrats mit Suite Walther und Suite Erna.
Wirklich die perfekte Übernachtungsmöglichkeit für Zugfanatiker – eine Freundin nannte sie kürzlich „Ferrosexuelle“ – oder zum Probeliegen, bevor man einen Nachtzug quer durch Europa oder durch Kanada bucht.
Nur der Panzerzug fehlt, aber der ist ständig auf Achse und verbringt aus Sicherheitsgründen keine zwei Nächte am selben Ort. Ganz wie ich in meinen wilden Zeiten.
Zur Burg geht es waghalsig und steil nach oben, aber in meinen alten Adern pulsiert der Geist der jugendlichen Tollkühnheit. Wenn ich eine Anhöhe, einen Hügel oder einen Berg sehe, dann will ich einfach hinauf.
Letztes Jahr war ich – zufällig auch zum Geburtstag – in Rumänien und lernte im Botanischen Garten in Alba Iulia eine Frau kennen, als wir uns beide vor einem plötzlich einsetzenden Platzregen unterstellten. Sie lud mich zu sich nach Hause ein, um mich und meine Sachen dort zu trocknen, und was weiß ich, welche Hintergedanken Frauen so haben. Außerhalb ihres Dorfes lag eine verführerische Hügelkette, die in der Abendsonne lockte. Kein Hochgebirge, nur schön geschwungene und saftig grüne Kuppen, die man innerhalb weniger Stunden leicht erobern konnte.
Ich fragte, was hinter den Hügeln wäre, und sie eröffnete mir, dass sie noch nie im Leben dort oben gewesen wäre. Unfassbar. Da lebt jemand 40 Jahre mit Blick auf eine wunderschöne Landschaft und hat noch nie Interesse verspürt, diese zu erkunden. Das ist genauso ein akutes Warnzeichen wie wenn jemand keine Bücher im Haus hat. Ich bin natürlich sofort abgehauen.
Aber Ihr wollt keine ollen Kamellen hören, sondern Fotos von Wolkenstein sehen.





Die haben da sogar eine Postmeilensäule. In Sachsen wurden im 18. Jahrhundert überall diese Säulen aufgestellt, die Reisezeiten in alle umliegenden und ein paar entfernter liegende Städte mit beunruhigendem Genauigkeitsanspruch anzeigten.




Von Wolkenstein nach Torgau benötigt man beispielsweise 25 7/8 Stunden, aber keinesfalls volle 26 Stunden. Und selbst bei der weiten Reise nach Prag, die übers Gebirge führt, gilt sommers wie winters eine exakte Reisezeit von 29 5/8 Stunden. Ich glaube, das sind die Zeiten für Reiter, nicht für Fußgänger. Oder ich wäre arg langsam und als Briefträger vollkommen ungeeignet. In Winnipeg war ich übrigens mal bei einem Treffen von Schriftstellern, und die waren im Brotberuf alle Briefträger. Das scheint perfekt zu sein: Man steht früh auf und genießt ein paar Stunden Bewegung an der frischen Luft. Währenddessen hat man Zeit zum Nachdenken, weil die Arbeit an sich intellektuell nicht fordernd ist. Und mittags ist man fertig und kann sich unberührt von Finanz- oder Pensionssorgen dem Schreiben widmen. Mit etwas Glück hat man sogar noch ein paar rührende Geschichten von nach 25 Jahren zugestellten Postkarten erlebt, die man zu einer Geschichte verwursten kann.
Apropos Wurst in Winnipeg, aber nein, das würde jetzt zu weit führen. Erinnert mich einfach irgendwann, dass ich noch ausführlich von dieser meiner Lieblingsstadt in Kanada berichten wollte.

Weil das Kurfürstentum Sachsen ein bisschen größer war als der heutige Freistaat Sachsen, findet Ihr solche Säulen nicht nur in Sachsen, sondern auch in Thüringen, Sachsen-Anhalt, in Brandenburg und in Polen.
Auf der Karte findet sich allerdings mindestens ein Fehler, denn die Postmeilensäule in Guben ist – entgegen der weißen Markierung – sehr wohl vorhanden. Ich habe sie persönlich gesehen:


Aber ich will hier nicht pedantischer sein als ein Postmeister, sondern wandere ganz ohne Zeitdruck und Zeitmesser gemütlich aus dem Städtchen hinaus. Gerade als viel- und weitgereister Mensch verstehe ich die Vehemenz nicht, mit der sich Menschen über 10 Minuten Verspätung eines Busses oder Zuges aufregen. Na und? Es ist doch vollkommen egal, ob man die 10 Minuten am Bahnhof oder im Zug verbringt, am Ende des Tages sind sie vorbei. Und lesen, eine Butterbreze essen oder sich mit anderen Menschen unterhalten kann man hier wie dort.
Die Landschaft hier heißt Wolkensteiner Schweiz, so wie Bayerisch Kanada, wo neben dem Schwarzen Regen ebenfalls eine wunderschöne Eisenbahnstrecke führt. Ihr seht, so ein 49-Euro-Ticket rentiert sich wirklich!
Warum nimmt man eigentlich immer Anleihen bei ganz anderen Regionen? In Sachsen gibt es zudem die Sächsische Schweiz, in Deutschland die Fränkische Schweiz, die Hersbrucker Schweiz, die Märkische Schweiz und sogar so Flachlandpeinlichkeiten wie die Bremer Schweiz oder die Holsteinische Schweiz. Von Belgien über Großbritannien, von Griechenland bis Nischni-Nowgorod, von Australien bis Brasilien, von Lesotho bis in die Mongolei, überall gibt es Schweizen.

Und warum immer die Schweiz? Warum gibt es kein australisches Sachsen? Oder ein mexikanisches Schlesien? Obwohl, in Chile gibt es die Villa Baviera, aber das ist wahrscheinlich kein gutes Beispiel. Während ich so durch die Weltgeschichte, die Geographie und die Toponomastik sinniere, stolpere ich schnurstracks in eine Landschaft, die tatsächlich schweizerisch-spießig aussieht.
Was ist das? Eine geheime Stadt, mitten im Wald? So etwas wie Seweromorsk oder Wiljutschinsk?
Und wovor will uns dieser Teddybär warnen?

Das alles und vieles mehr demnächst in Teil 2 und Teil 3.
Wie Ihr seht, nehme ich die Kritik an meinen angeblich überlangen Artikeln ernst und kappe jetzt immer streng bei 1.500 Wörtern. Das ist nämlich genau die Textlänge, die man in den 10 Minuten lesen kann, die man auf den Bus wartet.
Praktische Tipps:
- Durch das Zschopautal führt ein Wanderweg mit insgesamt 122 Kilometern. Die Abschnitte, die ich gesehen habe, verleiten mich zu der Annahme, dass das eine durchaus empfehlenswerte Wanderung ist.
- Es gibt auch einen Radweg mit insgesamt 137 Kilometern. Der muss aber ein bisschen anders verlaufen, als ich gewandert bin, denn meine Route war nicht durchgehend fahrradtauglich.
- Wer Burgen und Schlösser mag, wird in Sachsen reichlich bedient.
- Und falls Ihr in einem Eisenbahnwaggon übernachten wollt, hier das Wolkensteiner Zughotel.
Links:
- Weitere Wanderberichte, darunter eine explizite Burgen- und sogar eine Schlösserwanderung.
- Mehr Eisenbahngeschichten.
- Und eine Bücherwunschliste für diejenigen, die sich schon die ganze Zeit den Kopf zerbrochen haben, wie man sozialadäquat auf die Information reagiert, dass jemand Geburtstag hatte. 😉
















Coole Zugfahrt, kalenderreife Fotos. Und natürlich nachträglich alles Gute zum Geburtstag!😊
Vielen Dank!
Die Fotos von den Dampfloks sind aber nicht von mir, muss ich zugeben. Ich saß ja währenddessen im Zug.
Das mit der Bilokation ist auch schwierig.
Das sieht nach DDR-deutscher Bausubstanz aus. War es ein Ferienheim? Ein Gewerkschaftsschulungsgebäude? Ein Sitz der Kreisparteileitung? Du wirst es uns verraten.
Auch von mir Glückwunsch nachträglich!
Vielen Dank!
Das breite Gebäude mit dem Türmchen, hinter dem der Baukran steht, und von dem es im nächsten Teil viel bessere Fotos gibt, weil es ein toller „Lost Place“ ist, ist tatsächlich DDR 1950er Jahre.
Dabei hätte ich bis zur nachträglichen Recherche gewettet, dass es ein Nazi-Bau sei, weil es ein bisschen nach Seebad Prora aussah.
Aber dazu bald mehr!
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Moin
Sicher ist das bekannt und wurde bewusst verschwiegen, aber die Stundenangaben auf den sächsischen Postmeilensäulen sind kein Zeit- sondern eine Längenmaß.
https://www.postmeilensaeulen-kursachsen.de/
Insofern wusste man zwar, wie weit das war, aber immer noch nicht, wie lange man wirklich gebraucht hat. Manchmal hing das mehr vom Durst des Postkutschers ab;-)
Ich habe das auch so gelesen, aber auf der Säule steht hinter den Zahlenangaben ausdrücklich „St.“
Und von Wolkenstein nur 17 Meilen nach Dresden oder 29 Meilen nach Prag, das kann nicht sein.
(Durch zweifachen Klick auf das jeweilige Foto lässt sich dieses übrigens vergrößern.)
„Und von Wolkenstein nur 17 Meilen nach Dresden oder 29 Meilen nach Prag, das kann nicht sein.“
Hast Du die Umrechnung der „Weg“stunden (4,5km entsprechen ca. 1 Wegstunde) in heutige Angaben gesehen? Die kursächsische Postmeile entsprach etwa 9km=2 Wegstunden. Das war zu der Zeit wie gesagt keine Zeitangabe, sondern die Entfernung. Das Umrechnen in heutige Stunden funktioniert daher nicht, sondern es handelt sich um die Entfernung, welche zu Fuß in etwa einer Stunde zu schaffen ist. Eine Gewicht kann ich ja auch nicht einfach in ein Volumen ändern;-)
https://de.wikipedia.org/wiki/Kurs%C3%A4chsische_Postmeile
Dann sind das über den Daumen von Wolkenstein entweder 4,5km x 17,125 Wegstunden oder etwa 8,5 Meilen x 9km. In beiden Fällen kommt man so über den Daumen bei etwas über 72km nach heutiger Rechung heraus. Die heutige kürzeste Strecke über die B101 und Freiberg wird mit etwa 79km angegeben bei Openstreetmap. So ganz daneben ist die Rechung also nicht und das lässt sich auch mit anderen Entfernungen nachvollziehen.
Also wie bei den Lichtjahren, nur in klein?
Mit dieser ganzen Umrechnerei schwirrt mir der Kopf. Das kommt schon fast an das mathematische Niveau aus diesem Artikel ran:
Zum Glück bin ich kein ungeduldiger Postkunde, und es ist mir eigentlich egal, ob meine Postkarten jetzt 17 Meilen oder 17 Stunden oder 17 andere Einheiten unterwegs sind.
Nur die Flaschenpost, die ich vor mehr als 3 Jahren dem Meer übergeben habe, die lässt sich jetzt schon ein bisschen zu lange Zeit.
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