Ein Auto! Wofür? Egal!

Zwei Freunde unterhielten sich über ihre Autos. Um die Daten, die beim ersten Auto in der Jugend (und schon lange vorher beim Quartettspielen) wichtig waren – PS, Zylinder, Hubraum, Höchstgeschwindigkeit – ging es dabei weniger. Anscheinend nimmt mit zunehmendem Alter und Bauchumfang das Interesse an der Ingenieurskunst ab und an der Innenausstattung zu.

„Wenn Du einmal eine Sitzheizung gehabt hast, willst Du nie mehr ohne fahren.“

„Die Einparkhilfe ist schon genial.“

„Ich würde ihn eigentlich gerne weiter fahren, aber bald läuft der 2-Jahres-Leasingvertrag aus.“

„Beim nächsten Mal hole ich mir eine Lenkradheizung.“

„Meine Frau hätte gerne einen größeren.“

„Da bekomme ich sechs Kisten Bier in den Kofferraum.“

„Man weiß nie, wann man die Anhängerkupplung mal braucht.“

Ich selbst habe schon seit 10 Jahren kein Auto mehr, wollte mich aber in die Unterhaltung einbringen. Also stellte ich die für ein Automobil eigentlich naheliegende Frage: „Und wohin fahrt Ihr so mit Euren Autos?“

Die beiden starrten mich an, wie wenn ich etwas Blödes gefragt hätte. Fast wollte ich nachfragen: „Dafür sind Autos doch da, oder? Zum Fahren!“

„Naja“, brachte der eine langsam hervor, und es war offensichtlich, dass er die Frage zum ersten Mal bedachte, „überall wo ich hin muss.“ Der andere überlegte noch immer, wie meine Frage gemeint war.

„Und konkret?“ fragte ich nach, aufrichtig neugierig, zu erfahren, wie weit man mit 185 PS, 220 km/h und Sitzheizung kommt.

„Zum Einkaufen, zur Arbeit, überall hin halt.“ Er klang schon etwas unwirsch, aber eine Investition im Wert von über 33.000 Euro rechtfertigte meiner Meinung nach eine weitere Nachfrage.

„Und was war die weiteste Strecke, die Du je damit gefahren bist?“

„Die weiteste Strecke?“ Er musste überlegen, wahrscheinlich im Kopf seine Reisen nach Norwegen und Portugal, über die Alpen und den Ural durchgehen und die im Allradwagen zurückgelegten Kilometer abzählen. Schließlich fiel es ihm ein: „Letztes Jahr bin ich mal zu einem Konzert nach Regensburg gefahren.“

„Wow“, entfuhr es mir anerkennend. Der Reaktion entnahm ich, dass Audi und Chrysler noch keine Ironiedetektoren im Angebot hatten.

Meine beiden Freunde mussten dringend weiter. Zur Arbeit, um mehr Geld zu verdienen, um sich bald ein noch größeres und teureres Auto zu kaufen. Das nächste wird dann schwimmfähig sein oder über eine Raketenabwehr verfügen. Für den Weg zur Arbeit oder zum Aldi (wer mit Blech protzen will, muss beim Essen sparen).

Ich glaube, die meisten Autos sind traurig über ihr erzwungen langweiliges Leben. Wenn ich doch mal die Hand an ein Automobil bekomme, biete ich ihm wenigstens eine besondere Herausforderung:

(Dieser Artikel erschien auch im Freitag.)

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Kauft mehr Salpeter!

In dem Artikel über Humberstone hatte ich schon zwei deutschsprachige Werbeträger abgebildet, die ich im dortigen Museum vorfand.

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Sie waren nicht datiert, stammen aber wohl aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Dass Chile-Salpeter „im Austausch gegen deutsche Waren“ geliefert wurde, deutet auf Zahlungsschwierigkeiten Deutschlands hin. Die jugendlichen Leser werden sich nicht daran erinnern, aber lange bevor der Euro kam, war auch Deutschland mal so richtig abgebrannt – finanziell, moralisch und ganz wörtlich genommen.

Mir gefallen die grafische Gestaltung und Typographie solcher leicht aus der Zeit geratenen Reklame. Interessant ist auch die sprachliche Vielfalt, von Niederländisch bis Arabisch. Globalisierung ist also keineswegs neu.

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Die indischen Kunden bekamen sogar ein bebildertes Gleichnis. Links ist die Familie, die ihr Feld mit Salpeter behandelt hat und dafür eine fette Tabakernte, eine fette Kuh und eine fette Geldschatulle bekommt. Rechts ist die Familie, die auf biologische Landwirtschaft setzt und dafür hungert. Ausserdem fällt ihr Haus fast um, und die Frau kann sich keinen Schmuck leisten.

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Überhaupt war Werbung mit Tabak damals noch nicht verpönt.

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Es überwiegen Informationen oder naturalistische Darstellungen von Saat, Ernte und landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Aber teilweise bediente man sich auch damals schon Zeichnungen attraktiver Damen, die mit dem Produkt überhaupt nichts zu tun hatten. Wenig kreative Werbegrafiker verwenden auch heute noch diese Methode, um Autos und Kettensägen zu verkaufen.

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Das funktioniert allerdings nicht in allen Kulturkreisen. Insbesondere deutsche Kunden wollen Zahlen, Tabellen und Statistiken. Die Delegation der Vereinigten Salpeterproduzenten in Berlin-Charlottenburg gab dieses Plakat heraus, das die dank Chile-Salpeter erheblich gesteigerte Apfelausbeute darstellte.

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Diese Infografik, wie man sie heute nennen würde, zeigt dass die Reklame bis mindestens an den Beginn des 20. Jahrhunderts zurückgeht.

Ganz modern hingegen war der folgenden Werbeträger für Landwirte in den Niederlanden: eine Schallplatte. Gespickt mit Informationen und Statistiken war dies der Vorläufer des heutigen Infomercials.

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„34 Tage – 33 Nächte“ von Andreas Altmann

Von Paris nach Berlin zu Fuß und ohne Geld, wie es im Untertitel des Buches heißt, das klingt vielversprechend. Ich wandere gerne, und Abenteuer, die sich ohne Geld bestreiten lassen, sind mir die liebsten.

produkt-5738Wer mehr als einen Monat ohne Geld unterwegs ist, kann das entweder durch Vorbereitung und Geschick wettmachen, Pilze sammeln, für Speis und Trank arbeiten, bei Freunden und Fremden übernachten oder betteln. Andreas Altmann entschied sich fürs Betteln.

Nun gut, 2004 war es noch nicht so leicht, übers Internet freundliche und hilfsbereite Couchsurfing-Gastgeber zu finden. Und dass er nicht über die Fähigkeiten von Rüdiger Nehberg verfügt, gibt Altmann freimütig zu. Man könnte also Verständnis fürs Betteln haben. Wenn der Autor nicht selbst erwähnen würde, dass er für das Projekt schon den Vorschuss eines Verlags kassiert hat. Da geht also jemand, der gar nicht arm ist, bezahlt von Paris nach Berlin und tut so, wie wenn er arm wäre. Das ist schäbig.

Unverschämt wird es durch die Anspruchshaltung, mit der er dies tut. Altmann porträtiert sich als von allen bürgerlichen Zwängen befreiter Landstreicher, dem die fetten Spießer gefälligst etwas abzugeben haben. Dass die meisten Menschen, denen er begegnet, nicht wie er Vorschüsse für noch nicht erbrachte Arbeit erhalten, kommt ihm gar nicht in den Sinn. Wenn sich Altmann mit einem „echten“ Obdachlosen gleichsetzt, wird es unverfroren:

Einer bettelt, weil er es bitter nötig hat. Und einer bettelt, weil er dafür bezahlt wird. Von seinem Verleger. Die Motive sind verschieden, die aktuelle Wirklichkeit ist die absolut gleiche: Wir beide hungern (…) Dem Hunger des einen wie dem Hunger des anderen ist es völlig egal, wie es zu dem beißenden Gefühl kam.

Nein, das ist nicht das gleiche. Der eine hungert seit Jahren jeden Tag und ahnt, dass sich sein Leben nicht mehr ändern wird. Der andere weiß, dass nach einem Monat alles vorbei ist und dass er notfalls jemanden anrufen kann, der ihm Geld schickt. Damit wäre zwar das Selbstexperiment gescheitert, aber am selben Abend läge er in einem bequemen Bett und könnte sich ein Steak reinziehen. Auch psychologisch dürfte ein Unterschied bestehen zwischen einem wirklich verzweifelten Bittsteller und einem Schauspieler/Autor, der schon ein Dutzend Bücher veröffentlicht hat und darauf hofft, dass mehr Hunger zu besseren Geschichten führt.

Zugute halten kann man dem Autor, dass er von dem Vorschuss anscheinend tatsächlich keinen Euro mitgenommen hat, denn schon in Paris fängt die Bettelei an. Mitgenommen hat der Kapitalismuskritiker dafür einen Schlafsack, eine Kamera, einen Schrittzähler, ein Radio, Bücher, einen Kompass, eine Buddhastatue, Zigarillos und Pefferspray. Mit solch einem Sammelsurium im Rucksack verliert man eigentlich jede Berechtigung, andere Wohlstandsmerkmale wie Autos, Häuser und Gartenzäune als spießig zu brandmarken.

Apropos Autos, ich mag sie auch nicht. Grundsätzlich und erst recht nicht beim Wandern. Aber wer so dämlich ist, von Paris nach Berlin auf Landes- und Bundesstraßen zu wandern, dem ist nicht zu helfen. Altmann begründet diese Entscheidung wie folgt:

Jetzt ist Erntezeit, jeder Bauer würde mich auf die Mistgabel spießen, wenn ich seinen Weizen niedertrampelte. Zudem kenne ich mich auf dem Land nicht aus, wüsste nicht, wie mich ohne GPS exakt positionieren.

Tja, gegen das Weizenniedertrampeln gibt es so praktische Dinge zwischen den Feldern und in den Wäldern: Wege. Und für die Orientierung gibt es Schilder, Landkarten und Menschen, die man fragen kann.

Auf dem Land gäbe es sogar mal Obst und Früchte. Aber Altmann geht lieber in Bäckereien, Metzgereien und Cafés. Bedienungen, die ihm nichts abgeben, werden schon mal als „Kuh“ bezeichnet. Wenn Altmann persönlich genauso unsympathisch rüberkommt wie im Buch, wundert es mich nicht, dass er manchmal abblitzt.

Zwei Aspekte sind dennoch interessant an dem Buch: Man bekommt einen Eindruck davon, wie unterschiedlich Hilfsbereitschaft ausgeprägt ist. Unter Franzosen und Deutschen, unter Frauen und Männern, unter Jungen und Alten, unter Yuppies im Porsche und Rentnerinnen gibt es hilfsbereite und freundliche Menschen. Und genauso das Gegenteil. Einen bestimmten Typ gibt es nicht. Die besten Passagen sind die, in denen Altmann mit Menschen ins Gespräch kommt. Hier wird selbst der Autor kurz sympathisch, denn immer wenn er sich mit jemandem verquatscht, den er interessant oder beeindruckend findet, vergisst er doch glatt, ihn anzubetteln.

Ich bringe es nicht übers Herz, ihn um Geld anzupumpen. Will diesen Augenblick des Einverständnisses zwischen uns nicht belasten, ihm nicht das Gefühl vermitteln, dass ich nur zuhöre, um anschließend etwas einzufordern.

Wesentlich mehr dieser durchaus interessanten Geschichten von Zufallsbekanntschaften könnte man aber wahrscheinlich ernten, wenn man sich Menschen nicht ungewaschen und bettelnd in den Weg stellt.

Zu weiten Teilen ist das Buch eine Aufzählung von Orten, Cafés, Bettelei, Brot, Käse, Abblitzen, mehr Kilometer, Ausruhen, Hunger, Obdachlosenunterkunft und am nächsten Tag das gleiche. Es liest sich wie unredigierte Tagebucheinträge, wie Spreu und Weizen, die noch nicht voneinander getrennt wurden. Altmann wird nicht müde, über materialistische Spießbürger herzuziehen, aber bei ihm dreht sich alles ums Schlafen, Essen und Geld. Dieser Widerspruch wird dem Autor nicht einmal bewusst.

Zudem leidet das Buch an einem Glaubwürdigkeitsproblem. Um seine angebliche Hilfsbedürftigkeit zu rechtfertigen, scheut Altmann nicht davor zurück, zu lügen. Geschichten von Familienzwist, überstandenen Operationen u.s.w. sollen die Opfer gefügig machen, nähren aber nur Zweifel daran, wie ehrlich der Autor mit uns Lesern ist.

Das Projekt an sich finde ich aber ganz interessant. Deshalb habe ich Deutschland umsonst von Michael Holzach und  Deutschland umsonst reloaded von Harald Braun auf meiner Wunschliste. Hoffentlich sind sie besser.

(Diese Rezension erschien auch im Freitag.)

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Ist das nicht ironisch? (15) Kulturerbe

Ich hatte einen Termin beim Beirat für die Bewahrung des georgischen Kulturerbes. Aber der Eingang zu dessen Büro war Hinweis genug auf den Zustand der Kunstgeschichte im Land.

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Prioritäten auf dem Land

Keine richtige Toilette, aber einen Baum mit Satellitenschüssel.

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(Fotografiert auf dem Weg zum Savin Kuk in Montenegro.)

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Unsortierte Gedanken (16)

  1. Jedes Mal, wenn ich nach Europa zurückkehre, haben sich die Mieten verdoppelt.
  2. In Deutschland kann es durchaus passieren, dass man beim Spazierengehen mitten auf der Wiese einen splitternackten Mann auf einer Decke meditieren sieht. Ich wollte ihn nicht erschrecken und machte einen weiten Bogen um ihn.
  3. Die Podcast-Folge des Homo Historicus über das deutsche Judentum im Kaiserreich mir Professor Ulrich Sieg ist sehr interessant, vielleicht auch gerade weil sie über das im Titel angesprochene Thema hinausgeht und die allgemeine kulturelle, wirtschaftliche und ideengeschichtliche Entwicklung im Kaiserreich abdeckt.
  4. Ihr erinnert Euch an meine Empfehlung, auch mal die nähere Umgebung so zu erkunden, wie man es sonst nur in der Ferne tut? Jens Mühling zieht das jetzt in Berlin durch.
  5. In Bayern beklagen sich Lehramtsstudenten über zu schwere Mathematikprüfungen und zu hohe Durchfallquoten von bis zu 28%. Da kann ich als Jurist nur sagen: Das ist doch normal. Studiengänge und Universitäten, wo jeder alles besteht, fand ich immer suspekt.
  6. Wenn ich bedenke, wie wenige meiner Kollegen aus dem ersten Semester bis zum Studienende durchhielten und beide juristische Staatsexamen bestanden, dann ist diese Ausbildung mindestens so hart wie bei den US Navy Seals
  7. Polen legt nicht nur die Axt an die Gewaltenteilung, sondern auch an die Bäume in einem der letzten Urwälder Europas, dem Bialowieza-Nationalpark.
  8. Wenn diese Bahnstrecke tatsächlich auch für den Personenverkehr eingesetzt wird, dann muss ich doch noch mal nach Südamerika. Einen Teil davon kenne ich ja schon.
  9. Danke an Carolina Noguera für den lateinamerikanischen Reportageband Verdammter SüdenVerdammter süden
  10. Die Zeit wird kommen, in der das Futur II nicht mehr unterschätzt gewesen sein wird.
  11. Ihr erinnert Euch, dass ich Nachforschungen über die Weltkriegszeit meiner Großväter angekündigt habe? Nun, für einen von ihnen kam schon eine Antwort von der zuständigen Behörde: Man solle sich auf eine Bearbeitungszeit von bis zu 24 Monaten einstellen.
  12. Der Reclam-Universalbibliothek alles Gute zum 150. Geburtstag! Jeder kennt sie aus der Schule, die physische Haltbarkeit der Bücher ist nicht gerade besonders, aber ich schätze die gelben und mittlerweile auch andersfarbigen Büchlein. Das Preis- und insbesondere das Gewichts-/Leistungsverhältnis ist unschlagbar. In jede Jackentasche passt ein Klassiker, der einem auch eine mehrstündige Wartezeit oder Bahnfahrt versüßt. 
  13. Ich dachte schon daran, nach Tschechien zu ziehen. Aber dann habe ich gehört, dass man dort in etwa so spricht: „Chrt zdrhl z Brd. Vtrhl skrz strž v tvrz srn, v čtvrť Krč. Blb! Prskl, zvrhl smrk, strhl drn, mrskl drn v trs chrp. Zhltl čtvrthrst zrn skrz krk, pln zrn vsrkl hlt z vln. Chrt brkl, mrkl, zmlkl. Zvlhls?“ Das macht mir Angst.
  14. Nicht nur die Katholiken, sondern auch buddhistische Mönche/Prediger/Scharlatane missbrauchen ihre Schützlinge.
  15. Etwas beschwingte Musik von Dmitri Schostakowitsch:

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Wie reich ist Estland?

Man merkt, dass ein Land unermesslich reich ist und über eine blühende Wirtschaft verfügt, wenn man auf der Toilette Schilder mit der folgenden Ermahnung findet: „Bitte kein Geld in die Toilette werfen“.

(Fotografiert am Flughafen von Tallinn in Estland.)

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Wo ist die Mitte Europas?

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Durch das Buch Schwarze Erde wurde ich aufmerksam auf einen kleinen Ort in der Ukraine, der 1887 als geographisches Zentrum Europas errechnet und ernannt wurde: Dilowe.

„Nanu?“ wunderte ich mich, nicht weil ich Dilowe diese Auszeichnung nicht gönnen würde, sondern weil ich vor Jahren in Litauen im Europa-Park schon die angebliche Mitte Europas besucht hatte.

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Die zugrundeliegende Berechnung stammt von 1989.

In 100 Jahren kann ein Kontinent schon mal wachsen, schrumpfen oder sich aufgrund der zwischenzeitlich erfundenen Plattentektonik verschieben. Aber zwischen der Ukraine und Litauen liegen – zumindest geographisch – doch Welten. Es müssen also unterschiedliche Berechnungsmethoden angewendet worden sein.

Ein Problem ist die Bestimmung dessen, was Europa ist. Politisch? Das wäre dann das Habsburger-Reich oder die EU. Mit oder ohne Beitrittskandidaten? Wird Großbritannien in zwei Jahren plötzlich uneuropäisch(er)? Und wie wirkt sich das mitten im Kontinent liegende schweizerische Loch im europäischen Käse aus? Zählt man die Inseln dazu, die dank der großzügigen Überseepolitik unserer französischen Freunde die EU bis nach Guadeloupe und Neukaledonien erweitern? Sind Französisch-Guyana und Ceuta nicht offensichtlich in Südamerika bzw. Afrika und damit keinesfalls in Europa? Was ist mit Nordzypern? Fragen über Fragen. Gut, dass wenigstens Deutschland alles vom Bismarck-Archipel bis Samoa verlor und die Karte der EU nicht noch zusätzlich verkompliziert.

Aber auch bei rein geographischer Bestimmung kann man end- und ergebnislos diskutieren. Wo verläuft die Grenze nach Osten? Was ist mit der Türkei? Was mit dem Kaukasus? Ist Malta europäisch oder afrikanisch? Verbindet man einfach die Extrempunkte, um die Mitte zu ermitteln? Oder zieht man die Grenzen der Landmasse in Betracht? Womöglich noch gewichtet nach dem Produkt aus Fläche mal Gewicht. Ein Hektar Schweiz wiegt ja viel mehr als ein Hektar Holland. Oder wählt man das Zentrum eines um Europa gezogenen Kreises?

Man sieht schon: Wer lange genug mit Zahlen und Methoden herumspielt, findet immer einen Mittelpunkt Europas, der in einem kleinen Dorf liegt, das hofft, dadurch den Tourismus anzukurbeln.

Denn auffällig ist schon, dass alle bisherigen Zentren Europas in der Pampa lagen, wo sonst tote Hose ist:

  • Suchowola, Polen
  • der Tillenberg in der Nähe von Eger, Tschechien
  • Neualbenreuth, Bayern
  • Hildweinsreuth, Bayern
  • Dilowe, Ukraine
  • Krahule, Slowakei
  • Purnuškės, Litauen
  • Westerngrund, Bayern
  • Polotsk, Weißrussland
  • Tállya, Ungarn
  • Mõnnuste, Estland

Für den Film Die Mitte besuchte Stanislaw Mucha die meisten dieser Orte. Leider habe ich den Trailer nicht in besserer Qualität gefunden, man bestellt sich also besser doch die DVD.

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„Schwarze Erde: Eine Reise durch die Ukraine“ von Jens Mühling

Der Bericht einer Reise durch die Ukraine aus dem Jahr 2016 dreht sich natürlich auch um die Annexion der Krim und den Krieg im Donbass – beides Regionen, die Mühling für sein Buch Schwarze Erde selbst bereist. Aber er beschränkt sich nicht auf die Konfliktherde, sondern reist sowohl in die Großstädte wie Kiew, Lwiw und Odessa als auch in kleine und kleinste Orte an der polnischen Grenze, in den Karpaten und in der Steppe.

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Überall sucht und findet er das Gespräch, oft mit älteren Menschen, die viel erlebt und beobachtet und Zeit zum Erzählen haben. Es mag an der Situation in der Ukraine oder an den Vorlieben des Autors liegen, aber meist kommen diese Gespräche sehr schnell auf Politik, Geschichte, Sprache, Religion und Identität. Ich persönlich fand das hochinteressant, aber die an diesen Themen nicht interessierten Leser seien gewarnt.

Sprachlich hingegen ist das Buch so gut geschrieben, dass man es selbst nicht an der Ukraine interessierten Lesern empfehlen möchte. Man muss gar nichts über Lwiw wissen, um Sätze wie solche zu schätzen:

Lwiw sah aus wie das uneheliche Kind, das Salzburg nach einer Liebesnacht mit Krakau zur Welt bringen würde.

Oder diese Landschaftsbeschreibung zu Kriegszeiten:

Das Laub der Pappeln und Birken am Straßenrand sah matt und kraftlos aus, als sei es in der regenlosen Spätsommerhitze verdorrt. Seine Farbe war mehr kränklich als herbstlich – alle Rottöne fehlten, ich sah nur trockenes Gelb, glanzloses Beige, ausgezehrtes Grün. Es war, als passten sich die Bäume den Tarnanzügen der ukrainischen Armee an, nicht umgekehrt.

Spannend bleibt der Bericht über die Reise auch deshalb bis zum Schluss, weil Mühling – durch geschickte Auswahl oder durch Zufall – immer wieder Menschen trifft, deren Weltbilder sich komplett widersprechen. Er scheut nicht vor Diskussionen zurück. Was soll man auch anders machen, wenn einem Menschen mit obskuren Verschwörungstheorien begegnen?

Ob ich, fragte Viktor, davon gehört habe, dass die faschistische Junta in Kiew dazu aufgerufen habe, die russischen Krimbewohner gesammelt an die Wand zu stellen? Was ich davon halte, dass die Europäische Union alle russischen Christen zu Homosexuellen umerziehen wolle? Ob ich wisse, dass sich unter den Krimtataren mehr als fünftausend gewaltbereite Islamisten versteckten, ausgebildet in arabischen Terrorcamps und begierig, die slawische Bevölkerung zu massakrieren?

Immer wieder trifft er auf Menschen, die sich so sehr in einem anti-russischen, anti-ukrainischen, anti-europäischen oder antisemitischen Weltbild verrannt haben, dass es aussichtslos erscheint, dass sie das selbstgeschaffene Labyrinth je wieder verlassen können. Daran könnte selbst die vollständige Umsetzung der Minsker Abkommen nichts ändern.

Mühling trifft aber auch ukrainisch-russische Familien, Menschen, die ein Gemisch aus Russisch und Ukrainisch sprechen, andere, die nicht genau wissen, ob sie Ukrainer oder Russen sind, und Russen, die gerne die Ukraine unterstützen würden, weil sie das Land für den freieren Staat halten, sich aber beklagen, dass ihnen das von Kiew nicht gerade leicht gemacht wird.

Geschichte, Konflikte und Identitätssuche der Ukraine werden in Schwarze Erde lebendig. Ich jedenfalls war gerne mit Jens Mühling in der Ukraine unterwegs, so dass ich mir als nächstes sein russisches Abenteuer gönnen werde.

Links:

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Fotografieren vor Photoshop

Auf der zu Sardinien gehörenden Insel La Maddalena kam ich – mit dem Fahrrad – an diese wunderbare Bucht:

Bucht mit Busch

Das Kraut in der Mitte des Bildes störte jedoch mein ästhetisches Empfinden.

„Kein Problem, das mache ich später mit Photoshop weg“, würden sich die meisten Fotografen denken. Zumindest jene, die mit dieser Technik aufgewachsen sind.

Ich hingegen bin „old school“ (und habe außerdem kein Photoshop-Programm), weshalb ich das Problem an Ort und Stelle niedertrampeln musste:

Bucht ohne Busch

Photoshop kann also jetzt für sich behaupten, die Umwelt zu schützen.

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