Jeder kennt das: Man will ein paar Seiten aus einem Buch fotokopieren, weil man es zurück in die Bibliothek bringen muss, aber hat gerade keinen Kopierer zur Hand oder die Sekretärin macht schon wieder blau.
In Sucre in Bolivien ist das kein Problem. Man ruft das „Copi Movil“ und in ein paar Minuten steht der mobile Copy-Shop vor der Haustür. Hier kann man auch seine Dissertation ausdrucken, binden und direkt zur Universität fahren lassen.
Wenn man dem Fahrer genug Geld mitgibt, kommt er in einer Stunde mit der Promotionsurkunde zurück.
Durchschnittlich wird man in Bolivien zweimal pro Woche von einer Marschkapelle geweckt und mindestens einmal in der Woche von einer Marschkapelle und einem Feuerwerk am Einschlafen gehindert. Das ist mir grundsätzlich ganz sympathisch und immer noch besser als die Gesänge der Siebentagesadventisten ab Freitagabend oder die Musik meiner Mitbewohner.
Diesen Mittwoch erwartete ich mangels nationalem, religiösem oder internationalem Feiertag nichts Besonderes, aber in Potosí war zufällig gerade das Jubiläum eines örtlichen Gymnasiums. Schüler- und Lehrerräte hatten wochenlang darüber gebrütet, wie man dieses Jahr feiern wolle und hatten schließlich die kreative Idee: mit Marschmusik und Feuerwerk!
Eine Schule feiert nicht gern allein, so dass auch alle anderen Schulen Potosís eingeladen wurden, eine Marschkapelle zur Verfügung zu stellen, mit denen man gemeinsam mindestens 12 Stunden lang musizierend durch die Stadt ziehen wollte, wobei keine Straße auszulassen war. Kein Wunder, dass sich die Menschen in den Schächten der Minen verstecken.
Ich selbst beendete, als die ersten Trommelwirbel ertönten, schnell mein Abendessen und stürmte hinaus, um das Spektakel für Euch zu filmen. Seht selbst und achtet auf die Schuluniform, die übertrieben zackigen Bewegungen, die Insignien auf den Bannern und den Namen des Gymnasiums.
So, und jetzt mal ehrlich: Wer, zumindest welcher geschichtsbewusste deutsche Leser, fühlt sich hier nicht ein klein wenig an SS-Umzüge erinnert?
Passenderweise alles in schwarz, mit schwarzen Bannern mit deutschen Adlern. (Bolivien hat keinen Adler, sondern den Kondor im Wappen.) Mit der Losung „Ehre – Disziplin – Arbeit“. Der Name der Schule: Marschall-Otto-Braun-Gymnasium. Und das in einer Kleinstadt auf 4.000 Metern Höhe in den Kordilleren. Das weckte meine Neugier!
Da ich aus Erfahrung wusste, dass der Umzug noch stundenlang so weitergehen würde, spazierte ich also in die örtliche Bibliothek und stellte fest, dass mein Geschichtsbewusstsein zeitlich wie geographisch doch arg begrenzt ist. Otto Philipp Braun, in Bolivien genannt Otto Felipe Braun, kam zwar aus Deutschland, hatte aber wirklich nichts mit der SS zu tun. Vielmehr war er 1818 als Zwanzigjähriger zuerst in die USA, dann in die Karibik und weiter nach Südamerika ausgewandert. Von einem Job als Pferdehändler schaffte er es irgendwie zum Kavallerieoffizier in der Armee Simón Bolívars (übrigens bei Weitem nicht als einziger Deutscher oder Europäer). In den Befreiungskriegen gegen die Spanier tat er sich von Schlacht zu Schlacht mehr hervor, wurde befördert und nach dem Krieg Gouverneur von La Paz, Oberbefehlshaber der Streitkräfte und schließlich Kriegsminister in Bolivien.
Steile Karrieren von Einwanderern sind also nicht nur in Nordamerika möglich. Aber wieso kennen wir in Deutschland diese Geschichten nicht?
Da Marschall Braun 1869 verstarb, hatte er nicht einmal etwas mit dem Deutschen Reich zu tun, das zu seinen Lebzeiten noch nicht bestand. Warum also der deutsche Adler und die schwarzen SS-Uniformen? Man kann sich vorstellen, wie das ablief. „Hey, wir sind doch irgendwie eine deutsche Schule. Was sollen wir anziehen?“ „Lederhosen!“ „Zu kalt in Potosí.“ „Hmm, ich gehe mal in die Videothek und hole ein paar Filme über Deutschland.“ Tja, und das waren dann Schindlers Liste und Operation Valkyrie. So bleibt das Deutschlandbild weiterhin bei 1945 stecken.
Der Musikmeister war etwas moderner als der Kostümschneider, so dass eine eigenartige Dissonanz zwischen Repertoire und Aussehen enstand. Eine Marschkapelle in SS-Uniformen spielt „They don’t care about us“ von Michael Jackson.
Aber es wurde noch bizarrer. Eine Rauchgranate wurde gezündet, der Vortänzer wirbelte im grünen Rauch mit seinem Stöckchen, und dann glitt es vollkommen in eine kitschige Las-Vegas-Revue ab.
Jetzt war mir klar, was wirklich als Vorbild gedient hatte: „Springtime for Hitler“ aus dem Film The Producers. Unsicher bin ich mir aber, ob die Parodie beabsichtigt war. Auf der Suche nach weiteren Fotos von dieser Schulband stellte sich heraus, dass die SS-Uniformen relativ neu sind. Vor drei Jahren trat die Marschkapelle des Marschall-Otto-Braun-Gymnasiums in Bolivien noch mit Pickelhauben auf. (Ab Minute 4:40 gibt es sogar simuliertes Maschinengewehrfeuer.)
Wenn also mal bolivianische Schüler zum Austausch nach Deutschland kommen, nehmt Euch bitte Zeit, um die seit 1945 gemachten Fortschritte zu erklären. Und erklärt ihnen behutsam, dass sie nicht mit diesen Uniformen am Flughafen ankommen sollten.
Nicht nur New York, auch Potosí in Bolivien hat eine Freiheitsstatue.
Das ist keine Nachbildung der berühmten Schwester, sondern ein eingenständiges Monument. Schwestern sind die beiden dennoch, denn sie haben den gleichen Vater: Frédéric Auguste Bartholdi war der Architekt beider Freiheitsstatuen und noch etlicher mehr in aller Welt. Die in Potosí wurde 1890 aufgestellt, nur vier Jahre nach Einweihung der Statue in New York.
Aber selbst die Kombination der Freiheits- und Justitiastatuen bringt den Bergarbeitern, die in den Minen des Cerro Rico im Hintergrund noch immer unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten, weder Freiheit noch Gerechtigkeit.
Alle Fotos entstanden am Platz des 14. September in Cochabamba, Bolivien. Es ist offensichtlich, dass jeder Fotograf mit einem Stativ das besser hinbekommen würde. Wenn man wissen will, wann der nächste Vollmond ist, kann man hier einfach einen der Inkas fragen. Die kennen sich aus in solchen Dingen.
Ups. Mein Touristenvisum ist abgelaufen und ich bin noch immer in Bolivien.
Also ein weiteres Land, dessen Gefängnisse ich aus erster Hand kennenlernen werde. Im Fall von Bolivien ist der Justizvollzug sogar besonders interessant.
Viele Gefängnisse in Bolivien haben nur außerhalb der Mauern Personal. Drinnen organisieren die Häftlinge alles selbst. Wie eine autonome Kleinstadt, die nur ganz selten von Wärtern oder der Polizei besucht wird.
Es herrscht eine lebendige Marktwirtschaft, denn seine Zelle muss man sich selbst mieten oder kaufen. Wer das Geld dafür nicht hat oder nicht erarbeiten kann, schläft eben auf dem Boden.
Aber Geld zu verdienen ist kein Problem, denn Arbeit gibt es genug. Alternativ kann man seinen eigenen Laden aufmachen. Es gibt alles von Restaurants über Schreinereien bis zu einem Internet-Café. Mir bliebe wohl nichts anderes übrig, als meinen Lebensunterhalt als Englisch- oder Deutschlehrer zu verdienen. Oder die harten Jungs werden mich dafür bezahlen, dass ich Geschichten erzähle.
Das San-Pedro-Gefängnis in La Paz wird von Coca Cola gesponsort. Ernsthaft.
Ein weiterer interessanter Aspekt bolivianischer Gefängnisse: Die Frauen und Kinder vieler Häftlinge ziehen zu diesen ins Gefängnis, so dass die Familie auch in schweren Zeiten zusammenbleibt. Der Partner und die Kinder dürfen das Gefängnis natürlich verlassen, wann immer sie wollen. Sie gehen tagsüber zur Arbeit oder in die Schule und kommen abends zurück.
„Wenigstens haben wir eine spannende Kindheit.“
Leider Zum Glück habe ich weder Familie noch Kinder. Aber das macht nichts, denn auch Freunde können einen besuchen. Nach dieser Preisliste des Palmasola-Gefängnisses in Santa Cruz könnt Ihr für eine kleine Gebühr sogar über Nacht bleiben. Für deutsche Verhältnisse ist die Miete nicht einmal hoch. Und dazu bekommt Ihr kostenlose Konversationsübungen in Spanisch.
Das San-Pedro-Gefängnis in La Paz verfügt angeblich sogar über ein oder zwei Hotels. Manche Touristen besuchen das Gefängnis mit einer geführten Tour, andere schauen vorbei, um Drogen einzukaufen. Das Gefängnis hat das beste Kokainlabor im ganzen Land.
Ihr braucht gar nicht versuchen, Euch Ausreden dafür auszudenken, warum Ihr mich nicht besucht. Es ist wirklich einfach und kein bißchen gefährlich. Wenn ein ganzes Kamerateam diese beiden deutschen Gefangenen besuchen und filmen kann, dann werdet Ihr ja wohl ein paar Bücher für mich ins Gefängnis schmuggeln können.
Aber jetzt im Ernst:
Diese Gefängnisse sind gefährliche Orte, an denen Mord, Vergewaltigung und Folter an der Tagesordnung sind.
Das hier sind drastische Beispiele, aber eigentlich ist es überall so: Gefängnisse sind eine Brutstätte für mehr Verbrechen und eine Univerität, an der Kleinkriminelle die richtig harten Dinge lernen.
Ich halte absolut nichts davon, wie sich der Staat hier heraushält, aber mir gefällt die Möglichkeit des Familienzusammenlebens. Das hilft bei der Resozialisierung. In anderen Ländern kann sich ein Häftling so gut führen wie er will; wenn bei seiner Entlassung die Frau abgehauen ist, dann fällt er wieder in ein tiefes Loch, gerade dann, wenn er jede erdenkliche Unterstützung gebrauchen könnte.
Wenn irgendjemand Freunde oder Verwandte in einem Gefängnis in Bolivien hat und meinen Besuch organisieren kann, bin ich sehr interessiert!
Wenn Ihr mal ein paar Wochen nichts von mir hört, wißt Ihr, wo Ihr suchen müsst.
Bolivien hat es mir so angetan, dass es schwerfällt zu sagen, was mir am meisten gefällt. Aber die lebhaften politischen und sozialen Debatten, die Diskussionskultur, das breite Interesse an gesellschaftlichen Fragen, die Bereitschaft sich einzumischen, gehören auf jeden Fall mit dazu. Als homo politicus fühle ich mich hier wohl.
Interessant sind auch die etwas ritualisierten Formen politischer und sozialer Proteste, die in mehreren Stufen und weitgehend friedlich, freundlich und zivilisiert verlaufen. Die erste Stufe ist dabei die Blockade (bloqueo). Blockaden gibt es jeden Tag, und falls sie nicht spontan entstehen, werden sie in der Tageszeitung unter dem Wetterbericht angekündigt, so dass man sich auf Umwege und Verzögerungen gefasst machen kann.
Heute sah das in Cochabamba so aus:
Frauen mit attraktiven Kostümen und Hüten setzen sich auf die Straße und mitten in die Kreuzungen rund um das mit Protest zu überziehende Gebäude und blockieren so den Verkehr. Sie breiten ihre Decken aus, auf denen die Kinder spielen oder schlafen. Bald kommen fliegende Händler mit Lebensmitteln und Getränken. Ein paar Leute halten handgeschriebene Plakate hoch. (Heute ging es um irgendeine Schule.)
Das ist alltäglich und akzeptiert. Die Polizei löst die Sitzblockade nicht auf, sondern regelt den Verkehr. Heute sah ich nur einen Motorradfahrer, der über eine der blockierten Kreuzungen wollte. Die Frauen riefen „No paso! No paso!“ („Hier geht’s nicht durch.“) und er kehrte wieder um. Ich höre selten, dass sich jemand über die Blockaden beschwert, und wenn dann sind es abgehobene Snobs („wegen dieser blöden Blockade konnte mich mein Chauffeur heute nicht ins Nagelstudio fahren“). Verständnis und Solidarität herrschen vor.
Etwas krasser und schwerwiegender sind die Blockaden von Berufsgruppen, die über große Autos verfügen: LKW- und Busfahrer.
Diese legen gerne ganze Fernstraßen lahm und schneiden so einen Teil des Landes vom anderen ab.
Solche Protestaktionen können durchaus ein paar Tage andauern, so dass man ungewollt zwei oder drei Tage länger in einer Stadt bleiben muss, weil keine Busse mehr fahren. 2010 wurde Potosí fast drei Wochen lang blockiert. Da die Stadt auf über 4.000 Meter Höhe im kargen Gebirge liegt, wurden die Lebensmittel knapp. Bewohner und Touristen saßen fest, weil auch die Rollbahn des Flughafens mit Steinen blockiert wurde.
So schlimm war es heute in Cochabamba nicht. Vor dem Gebäude der für Schulen verantwortlichen Behörde standen die Menschen dichtgedrängt. Das Tor wurde von ein paar Soldaten bewacht, aber die Stimmung war nicht aufgeheizt. Die Demonstranten warten einfach, bis jemand in der Behörde nachgibt und mit ihnen spricht oder ihre Forderungen akzeptiert. Von Zeit zu Zeit wurden laute Böller abgefeuert. (Feuerwerke gehören in Bolvien zu jedem Protestzug.)
Da es so etwas in Cochabamba jeden Tag gibt, blieb ich nicht länger. Ich wollte zum einzigen Postamt in der Stadt mit 600.000 Einwohnern (ein Protest für mehr Postämter wäre mein Vorschlag), um Eure Postkarten abzuschicken. Das Postamt war zwar offen, aber die Schalter waren zu, die Mitarbeiter saßen auf Stühlen in einem großen Kreis. Ein handschriftliches Plakat erklärte den Grund dieses Protests:
Interessant war, dass die Kunden, wenn sie ins Postamt kamen, Reden zur Unterstützung des Protests hielten, von den Streikenden beklatscht wurden, und wieder gingen. Niemand war so egoistisch, zu glauben, dass sein Paket oder sein Einschreiben wichtiger wäre als die Zahlung ausstehender Löhne.
Um die Ecke vom Postamt, am Platz des 14. September, gab es den nächsten Protest. Hier lagern und übernachten schon seit zwei Monaten die Rollstullfahrer, die für eine monatliche Unterstützung von 500 Bolivianos (65 Euros) und für eine rollstuhlfahrerfreundliche Stadtplanung demonstrieren.
Da diese Forderungen noch nicht erfüllt wurden, tritt die nächste Eskalationsstufe in Kraft: der Marsch nach La Paz, auch das ein Ritual mit Tradition. Im August 1994 marschierten 5000 Kokabauern von Villa Tunari nach La Paz, nachdem Evo Morales verhaftet worden war. Nach seiner Freilassung schloss er sich dem Marsch an. 1998 führte Morales einen weiteren Protestmarsch der Kokabauern von El Chapare nach La Paz an. Mittlerweile ist Evo Morales Präsident und muss jetzt in La Paz regelmäßig diejenigen empfangen, die aus allen Ecken des Landes dorthin marschieren. Zur Zeit sind die Rollstullfahrer aus Cochabamba unterwegs. 350 km Distanz und über eine Gebirgskette mit 4000 Metern Höhe.
Die Rollstullfahrer waren zudem besonders kreativ und mutig und erfanden eine neue Protestform, die von anderen Gruppen voller Anerkennung kopiert werden wird: Sie hängten sich von Brücken.
Reisende erkundigen sich manchmal besorgt nach den Straßensperren und fragen, ob Bolivien ein sicheres Land sei. Bolivien ist wohl das sicherste und friedlichste Land in ganz Lateinamerika. Ich würde mir viel mehr Sorgen um ein Land machen, in dem es keine Proteste gibt. Es gibt auch keinen Grund, sich von den Protesten fernzuhalten, denn gerade hier bekommt man einen Eindruck von der politischen Dynamik. (Gewaltsame Niederschlagungen von Protesten, die früher alltäglich waren, gibt es kaum mehr, und die sechs Toten beim Brand des Rathauses in El Alto waren eine tragische Ausnahme.)
Der große Vogel ist der Andenkondor aus dem bolivianischen Wappen. Der kleine Vogel denkt sich: „Du bist zwar groß und stark und berühmt, aber ich bin frei und kann fliegen, wohin ich will.“
(Fotografiert am Platz des 14. September in Cochabamba, Bolivien. – To the English version.)
Diese Woche reise ich endlich nach Sucre, der Stadt in Bolivien, in die ich eigentlich ziehen wollte (obwohl ich mich jetzt in Cochabamba richtig heimisch fühle). Hoffentlich werde ich von den berühmten weißen Fassaden der eigentlichen bolivianischen Hauptstadt nicht zu sehr geblendet.
Und hoffentlich bleibt noch genug Zeit, um außerhalb der Stadt auf den Inkastraßen zu wandern, um Dinosaurierspuren zu entdecken, um einige der traditionellen Dörfer in der Gegend zu besuchen und um den Cerro Obispo zu besteigen.
Weiter geht es mit dem Zug von Sucre nach Potosí. Lustigerweise wissen die meisten Bewohner Sucres nicht, dass diese Zugverbindung existiert. Seit ich diesen Reiseplan bekannt gegeben habe, sagen mir meine bolivianischen Freunde immer wieder: „Dort gibt es keinen Zug.“ Aber ich bin mir ziemlich sicher, denn ich habe in einem Buch davon gelesen (ok, das Buch war möglicherweise aus dem vorletzten Jahrhundert) und habe sogar ein Foto gefunden:
Wie dem auch sei, nächste Woche werden wir erfahren, ob der berühmte Zug noch fährt oder nicht.
Potosí: Schon seit ich das Buch “1493” gelesen habe, wollte ich diese Stadt besuchen. Nicht viele Menschen außerhalb Südamerikas kennen sie, aber Potosí war einst – gleichzeitig – die höchstgelegene größere Stadt der Welt (auf 4.090 m), die reichste Stadt der Welt, die größte Stadt in Nord- und Südamerika und die brutalste Stadt der Welt. Und all das lag an einem Berg, dem Cerro Rico, der mit genug Silber gefüllt war, um das spanische Weltreich und die spanischen Kriege in Europa zu finanzieren.
Der große Silberboom ist vorbei, die Stadt ist nicht mehr der Motor der Weltwirtschaft, aber der Bergbau geht weiter. Dass nach 470 Jahren des Abbaus noch immer Silber (und Zinnerz) gefunden wird, gibt eine Ahnung von der Größe der Vorkommen. Und der Abbau ist genauso schwer und gefährlich wie vor 400 Jahren. Vielleicht sogar gefährlicher, weil so viele Schächte in den Berg getrieben wurden, dass er irgendwann in sich zusammensacken wird.
Es ist naheliegend, dass ich sowohl den Berg besteigen (4.782 m, was ein neuer Höhenrekord für mich wäre) als auch in die Minen gehen will. Irgendwie will es noch nicht ganz in meinen Kopf, dass ich gleichzeitig so hoch wie nie zuvor (der Cerro Rico ist auf Mont-Blanc-Niveau) und tief in einer pechschwarzen Mine sein kann. Bolivien, das Land der verrrückten Rekorde.
Im deutschen Zivilprozessrecht gibt es den schönen Begriff der Streitbefangenheit, wie übrigens überhaupt Gesetzestexte zu den Glanzleistungen der deutschen Sprache gehören.
§ 265 I ZPO besagt, dass eine Sache, über die ein Prozess geführt wird, auch während der Dauer des Prozesses veräußert und erworben werden kann. Das ist die naheliegende Regelung, denn Prozesse können Jahre dauern. Es ist eine wichtige Regelung, weil ansonsten jeder jeden mutwillig mit Klagen überziehen würde, um seine Konkurrenten am Verkauf von dann streitbefangenen Sachen zu hindern. Und außerdem: Woran soll der Erwerber merken, ob eine Sache streitbefangen ist?
In Bolivien gibt es auf letztere Frage eine einfache Antwort. Wenn ein Rechtsstreit über ein Haus geführt wird, sprüht man mit roter Farbe an die Wand: „casa en litigio judicial“.
Das ist auch viel einfacher als eine Eintragung im Grundbuch zu erwirken. Das Grundbuch ist in Bolivien sowieso nicht so wichtig, weil sich viele bei der Eigentumsübertragung (und fast alle bei der erbrechtlichen Übertragung) die zusätzlichen Gebühren und den Aufwand sparen. So stehen im Grundbuch oft noch die schon lange verstorbenen Urgroßeltern, während das Haus in Wirklichkeit zu unterschiedlichen Teilen den 18 Urgroßenkeln und deren Geschwistern und Neffen gehört.
Dass das Schild, das Farbkopien anbietet, etwas schief und schepps von Hand gemalt wurde, läßt ahnen, auf welche Weise die Farbkopien angefertigt werden.
(Fotografiert in der Calle Sucre in Cochabamba, Bolivien.)