Und jetzt sitze ich hier im Botanischen Garten in Kiew (draußen, nicht im Gewächshaus), und genieße die Sonne und die Wärme.
Ich lese den wunderbaren Roman „Mordor kommt und frisst uns auf“ von Ziemowit Szczerek über polnische Jungs, die immer wieder in die Ukraine reisen. Danke an Thomas Kuban für das Buchgeschenk! Es passt perfekt zu dieser Reise, auch wenn ich definitiv nicht so viel trinken werde wie die Protagonisten.
Oh, Ihr wollt endlich die Katzen sehen, derentwegen ich in Kiew bin?
Stella und Stuart sind beide ein halbes Jahr alt, voller Energie und Neugier, immer bereit zum Spielen, aber auch interessiert an meiner Arbeit.
Wenn ich bis spätestens 22 Uhr nicht mit der Arbeit fertig bin, warten sie schon mahnend im Bett.
Ab spätestens 6 Uhr ist es dann vorbei mit dem Schlaf, denn dann sind sie hungrig. Wenn ich nicht freiwillig aufstehe, zwicken sie mich in den Zeh oder den Arm.
Überhaupt ist ihnen Essen sehr wichtig. Immer, wenn ich mit einer Einkauftstüte nach Hause komme, wenn ich den Kühlschrank öffne oder wenn ich koche, sind sie sofort zur Stelle.
Das ist ganz schön anstrengend, die Katzen abzuwehren, während man kocht und isst. Manchmal muss ich im Stehen essen oder mich in meinem Zimmer einsperren. Oder ich esse mehr auswärts. Aber ich kann ihnen einfach nicht böse sein, dafür sind sie viel zu süß.
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Eine Leserin hat zum gestrigen Beitrag kommentiert, dass sie sich im Sommer in die Ukraine verliebt hat. Und schon war das Thema für den heutigen Beitrag klar.
Die Ukraine ist gegenüber der Mitteleuropäischen Zeitzone eine Stunde voraus. Das hat den Vorteil, dass die Sonne früher aufgeht, man aber länger schlafen kann, weil man ja in der anderen Zeitzone ist. Oder so. Ich kapiere es selbst nicht, zugegeben. Außerdem wecken mich jeden Morgen die Katzen, weil sie hungrig sind.
Im Botanischen Garten habe ich heute ein Eichhörnchen getroffen, das so gar nicht scheu war, sondern geduldig für Fotos posierte.
Und dann war da noch das Mädchen, das den Park nicht normal durchschritt, sondern ballerinamäßig durchtanzte. Wahrscheinlich werde ich sie demnächst bei einer Vorstellung des Nationalballetts sehen.
Ach, müsste ich doch keine Fotos des Maidan Nesaleschnosti für diesen Blog machen, dann würde man mich vielleicht nicht als Tourist erkennen. Aber so kommt ein Mädchen mit zwei Tauben auf mich zu und fragt, woher ich bin.
„Deutschland“, sage ich, obwohl ich es besser wissen müsste.
„Oh, Deutschland! Aus Berlin, Hamburg oder München?“
Ich erkläre, dass Deutschland auch andere Städte und Regionen aufweist, hauptsächlich um sie von ihrem Drehbuch abzubringen. Aber sie spult ihr Programm ab wie ein Roboter, setzt mir Tauben auf den Arm, nimmt meine Kamera, macht ein paar Fotos.
Hinzu kommt ihr Kollege, ebenfalls mit zwei dummen Tauben. „Woher kommen Sie?“ „Aus Deutschland.“ „Oh, Deutschland! Aus Berlin, Hamburg oder München?“ Anscheinend arbeiten alle für die gleiche Taubenfirma, die nicht sehr kreativ ist. Er addiert seine zwei Tauben zu den bereits zwei überflüssigen Tauben.
Das Mädchen wird immer nerviger, sagt dass ich lächeln soll, dies und das machen soll. Menschen, die wie Roboter sind, wollen gerne dass alle anderen Menschen auch wie Roboter funktionieren. Das kennt Ihr ja aus der Arbeit oder der Ehe. Nur weil das Mädchen meine Kamera hält, werfe ich die Tauben nicht in die Luft, um ihnen zu zeigen, dass sie wegfliegen können. Der Platz heißt schließlich Unabhängigkeitsplatz.
Als die beiden mir die Tauben abnehmen und die Kamera zurückgeben, rücken sie mit dem Motiv hinter dem Stunt heraus: Es geht , wie sich die Weitgereisten unter Euch schon gedacht haben, um Geld. „Kinder geben normalerweise 200 Hryvna, Erwachsene 300 Hryvna“. Das sind 11,50 €, wirklich zu viel für etwas, das ich weder wollte noch brauche.
Ich biete jedem der beiden Taubenzüchter 50 Hryvna an. „Das sind ja nur 2 €“, erklärt das Mädchen mir und den Lesern meines Blogs dankenswerterweise. „Ich arbeite hier auf Kommission, ich bekomme kein festes Gehalt. Ich bin Studentin“, jammert sie mit einer Leidensmiene, wie wenn Russland gerade einen Teil ihres Landes abgezwackt hätte.
„Ich bin auch Student„, erkläre ich und zeige, da das Portemonnaie schon offen ist, meinen Studentenausweis, stoße jedoch auf keine Sympathie. „Aber Sie sind ein alter Mann“, erwidert der Junge, der offensichtlich nicht viel vom Konzept des lebenslangen Lernens hält.
„Was studieren Sie?“, fragt das Mädchen.
„Geschichte. Deshalb bin ich eigentlich auf diesen Platz gekommen, um mich umzusehen und die Informationen zu lesen“, sage ich in der Hoffnung, dass sie merkt, wie ungelegen mir die columbidäische Gaukelei kommt.
„Ich studiere Medizin.“ Tja, hätte sie mal besser Jura studiert. Dann wüsste sie, dass Tauben-auf-den-Kopf-von-fremden-Menschen-Setzen keinen Fall von Artikel 205 Absatz 3 des ukrainischen Zivilgesetzbuches darstellt und deshalb keinen vertraglichen Vergütungsanspruch begründet.
Am Ende nimmt sie die 50 Hryvna, der Junge verzichtet stolz darauf. Vielleicht muss am Abend eine der Tauben in den Kochtopf.
Weil ich während der kommenden drei Wochen in Kiew wahrscheinlich so viele Eindrücke sammeln werde, dass der daraus entstehen sollende Artikel sowieso zu lang für die meisten Leser wird, veröffentliche ich in der Zwischenzeit schon mal jeden Tag ein Foto aus der ukrainischen Hauptstadt. Praktisch so wie Instagraph oder wie das heißt, was die jungen Leute heutzutage machen.
Ich beginne mit dem Ausblick aus der Wohnung, auf die ich mitsamt zwei süßen Katzen aufpasse.
Wenn man abends ankommt, kann es ziemlich düster sein um diese Jahreszeit.
Ich wohne ganz im Westen der Stadt, etwa 10 km vom Zentrum entfernt, aber durch die U-Bahn hervorragend angebunden. Ziemlich viele Hochhäuser, aber dazwischen stehen doch immer mal wieder ein paar schnucklige historische Gebäude oder Kirchen herum.
Aber wenn dann die Sonne scheint, bemerkt man die Vorzüge sowjetischer Stadtplanung: Egal wohin ich aus der Wohnung im 19. Stock blicke, überall wurden Grünflächen, Parks und Alleen hingebaut. Das ist auch viel sinnvoller als jedem Spießbürger einen Garten zu verkaufen, so das Land künstlich zu verknappen und zu verteuern, und es im Endeffekt 99% der Zeit brachliegen zu lassen. Hier hingegen kann das ganze Volk im nahen Grünen spazieren gehen, joggen, Schach spielen, Klimmzüge machen, Hunde ausführen und Eichkätzchen füttern.
Und jetzt ist Dezember, wo die meisten Bäume kahl sind. Man stelle sich dies in den freundlicheren Jahreszeiten vor!
Falls Ihr Kiew kennt, freue ich mich über Anregungen. Falls nicht, freue ich mich über Fragen.
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Westpark in Aachen. Vormittags um 11 Uhr. Anfang Dezember, aber noch mild und sonnig genug, um die Jacke zu öffnen, ein Buch herauszuholen und für eine 30-minütige Zigarre zu verweilen.
Im Teich wäscht sich ein Mann, so etwa 45 Jahre alt. Sein volles schwarzes Haar und Bart, mit dem er sofort in die orthodoxe Mönchsakademie aufgenommen würde, werden ebenfalls intensiv gewaschen und gepflegt. Er trägt dicke Kleidung, eigentlich etwas zu warm für den Tag.
Vielleicht ist er noch zerfroren von der Nacht. Denn wer sich im öffentlichen Park wäscht, hat höchstwahrscheinlich kein Haus, keine Wohnung, kein Zimmer, nicht einmal hilfsbereite Freunde.
Aber eine zweite Unterhose hat er. Die wäscht er jetzt ausgiebig in dem Gewässer, das ich bisher nie für besonders sauber gehalten habe. Wenn ich nah am Wasser sitze, laufen manchmal Ratten vorbei. Aber man kennt das ja aus den Dokumentationen über den Ganges oder den Senegal: Schmutziges Wasser ist besser als gar kein Wasser.
Wir sind hier jedoch in Deutschland, einem schon übertrieben reichen Land.
Deshalb kommt jetzt ein Vater mit Kind auf dem Rücken und Einkaufsbeutel in der Hand. Unter den großen und wachen Augen des in diesem Moment lebenslange Verhaltensweisen lernenden Kindes nimmt der Vater ein Kürbiskernbrot und zwei Schrippen aus der Tüte und reicht das Frühstück den Enten. Dem Menschen, der ein paar Meter weiter seine Kleidung wäscht, bietet er nichts an.
Die Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges, könnte man den Film Donbasszusammenfassen, der mich mehr verwirrt als informiert hat. Allerdings in durchaus beeindruckender, teils verstörender, teils amüsanter Weise.
In 13 Episoden stellt Sergei Loznitsa das Leben in der umkämpften Ostukraine vor. Oder seine Vorstellung vom dortigen Leben. Oder die Vorstellung der Separatisten. Oder die Vorstellung, von der die Ukraine will, dass wir sie von den Separatisten haben. Oder noch komplizierter. Immer wieder geht es um falsche Verdächtigungen, doppeltes Spiel und dreiste Lügen.
Wenn man nicht schon etwas über den Krieg in der Ukraine gelesen hat, wird man anhand des Films kaum etwas verstehen. Was einem aber eindringlich bewusst wird, ist dass es in einem europäischen Land seit 2014 wieder Krieg gibt. Dass man den Rest Europas daran überhaupt erinnern muss, ist Teil des Problems.
Der Film ist nichts für zarte Gemüter, denn einige Episoden sind arg grausam, wie das Lynching oder das Massaker im Schminksalon. Andere hingegen sind komisch, wie der Checkpoint, an dem Soldaten hoffen, von den Omas etwas Speck abstauben zu können. Oder die verzweifelt an ihren Telefonen hängenden Männer im Gefängnis.
Was den Film trägt, sind die durchweg guten Schauspieler, von denen man nie weiß, ob sie überhaupt Schauspieler, Komparsen oder einfach sie selbst sind und die Kamera gar nicht bemerken.
Ich war zwar noch nicht in der Ukraine – ein Mangel, der demnächst behoben wird -, aber viele der Charaktere in Donbass sind mir so oder so ähnlich in meinen Jahren in Osteuropa begegnet. Einschließlich der Russen, die einen mit „Hitler kaputt“ begrüßen, sobald sie merken, dass man aus Deutschland ist:
Habt Ihr für meinen bevorstehenden Aufenthalt in der Ukraine noch weitere Film-Empfehlungen?