Ayahuasca – nein danke!

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„Ich bin ein sehr logisch denkender Mensch. Man könnte sagen, meine linke Gehirnhälfte ist die dominierende.“ Als ich diese Bemerkung hörte, wusste ich schon, dass ich den Mann, der am Flughafen in Lima hinter mir in der Schlange stand, nicht ernst nehmen musste. Und tatsächlich schwafelte er bald von kosmischer Vorsehung und dass ich unbedingt Ayahuasca probieren müsse, einen Tee aus den im brasilianischen und peruanischen Urwald zu findenden Lianen Banisteriopsis caapi und den Blättern des Chacruna-Busches, der angeblich halluzinogene Wirkung hat. Auf jeden Fall hat er starke Nebenwirkungen, insbesondere Übelkeit.

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Unter Verweis darauf erklärte ich, dass ich persönlich einem Gesöff, auf das die meisten Menschen kotzen müssen, lieber entsage. Der „sehr logische“ nordamerikanische Reisende, der nur deshalb nach Peru geflogen war, um von dieser faulen Brühe zu kosten, erwiderte: „Derselbe Schöpfer, der Dich und mich erschaffen hat, hat auch diese Pflanze erschaffen. Also dient sie unserem Konsum.“ Nur weil es 3:30 Uhr am Morgen war und ich die ganze Nacht nicht geschlafen hatte, verzichtete ich auf das Aufzählen der etlichen falschen Annahmen und Denkfehler in seiner Behauptung. Stattdessen fragte ich einfach: „So wie Steine und Plutonium?“ – „Du weisst, was ich meine“, gab er zurück, aber ich wusste es nicht.

Ich wusste nur, dass ich nichts Neues hören würde. Schon bevor ich nach Südamerika kam, hatten mir Leute diesen Tee empfohlen und auf seine Kraft und die angebliche reinigende Wirkung für Körper und Geist verwiesen, dabei aber immer die sehr echten Nebenwirkungen verschwiegen. Ebenso vergaßen sie alle, zu erwähnen, dass der Tee Dimethyltryptamin enthält, eine nach den Betäubungsmittelgesetzen vieler Länder verbotene Substanz. In den USA hat der Oberste Gerichtshof übrigens eine Ausnahmegenehmigung für eine Kirche in New Mexico, dem Centro Espírita Beneficente União do Vegetal (“Wohltätiges Spiritistisches Zentrum der Vereinigung der Pflanze”), erlassen, nachdem ihre Mitglieder argumentiert hatten, dass sie ihren Gott nur nach Konsum besagten Tees verstehen können. Sich Übergeben als eine neue Form der Selbstgeißelung.

Auch ohne mir eine Nacht im moskitoverseuchten Dschungel zwischen kotzenden Touristen vorzustellen, verspürte ich nie den Wunsch, mich dieser Teezeremonie zu unterziehen. Bewusstseinsändernde Drogen üben keine Anziehungskraft auf mich aus. Mein Gehirn (beide Hälften) gefällt mir wirklich ganz gut, so wie es ist: messerscharf und blitzschnell. Ich kann es auch ohne chemische Substanzen ziemlich auf Trab halten. Bis heute habe ich noch keinen Drogennutzer kennengelernt, dessen Geisteszustand mich beeindruckt hätte. Die meisten von ihnen, vor allem die Langzeitkonsumenten, sind stumpfe, lahmarschige und traurige Konformisten und äußern keine Gedanken, die mich zum Tauschen meines Gehirns mit dem ihren bewegen könnten.

Was die Reinigung des Körpers angeht, gestehe ich zu, dass dies durch Erbrechen erreicht werden kann, aber ich habe noch eine andere Körperöffnung, die ich für diesen Zweck bevorzugt nutze.

Diese Ayahuasca-Gringos sind mit die nervigsten Leute in Südamerika. Wenn Ihr mentale Probleme habt, von denen Ihr glaubt, dass eine Pflanze sie löst, bitteschön. Esst sie, raucht sie, trinkt sie! Aber geht nicht davon aus, dass ich die gleichen mentalen Probleme habe, und hört auf, mir abführförderndern Kräutertee anzudrehen. Von all den Pflanzen, die „unser Schöpfer“ in den peruanischen Urwald gesteckt hat, ist mir die Tabakpflanze noch immer am liebsten. Und wenn ich Zigarren rauche, rede ich danach wenigstens nicht wie Paulo Coelho. Denn ich muss Euch warnen: Wenn Ihr Euch mit Menschen aus dieser Teesekte zusammensetzt, werdet Ihr eine Menge zusammenhangloser Aussagen wie „ich kann es fühlen“, „krass, Mann!“, „jeder Mensch ist göttlich“, „wir sind alle eins“, „das holt mich auf einem ganz anderen Vibrationslevel ab“ u.s.w. anhören.

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Aber, um fair zu sein, der amerikanische Botaniker, nach dessen Namen zu fragen ich vergaß, bevor wir unterschiedliche Flugzeuge bestiegen, er nach Cusco und ich nach Piura, war ein netter Kerl. Ich wünsche ihm, dass er überleben wird. Während einer Zeremonie in einem Ayahuasca-Zentrum in Iquitos, Peru, im Jahr 2015 fing ein Brite an, mit einem Messer herumzufuchteln und die anderen Teilnehmer anzuschreien; ein Kanadier, der ebenfalls auf Ayahuasca war, entwand ihm das Messer und erstach ihn. Es gibt noch weitere Berichte von Gewalt, und mehrere Frauen wurden sexuell belästigt. Die meisten Leute, die mir erzählten, dass sie Ayahuasca trinken, kamen mir allerdings schon sonderbar vor, so dass die Gewalt vielleicht auf einer gewissen Veranlagung zur Verrücktheit basiert. Auf jeden Fall sind das nicht die Typen, mit denen ich gerne abhänge, geschweige denn ihnen dabei zusehe, wie sie den Amazonas vollreihern. Es gibt auch Fälle, in denen die Möchtegern-Mystiker einfach nur vom Ayahuasca abgekratzt sind, ganz ohne dass ihnen ein Kokskollege einen Speer ins gerade erst gereinigte Herz rammen musste.

Um es klarzumachen: Es ist mir egal, wenn Leute diesen Tee trinken. Trinkt so viel Ihr wollt. Aber hört auf, ständig herumzulaufen und mich dazu zu drängen, es auch auszuprobieren! Ich mag Coca Cola, aber ich versuche nicht jeden Tag, es anderen Menschen einzuflößen. Und ja, alle Inhaltsstoffe von Coca Cola stammen ebenfalls vom gleichen „Schöpfer“.

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„Das finstere Tal“, ein Western aus Südtirol

Mit meiner Vorliebe für Western-Filme bekomme ich pro Jahr höchstens ein oder zwei neue Filme im Kino zu sehen, und muss deshalb manchmal auf Klassiker oder Exoten zurückgreifen.

Heute stieß ich dabei auf eine österreichisch-deutsche Produktion, die in Südtirol gedreht wurde, noch dazu im regionalen Dialekt. Kann das gutgehen? Oder rutscht das in Richtung Heimatfilm oder billigen Abklatsch ab?

Das funktioniert. Es funktioniert sogar großartig! Die Landschaft des Schnalstals bietet im Winter keine weniger dramatische Kulisse als Wyoming. Die grantigen Südtiroler aus dem Bergdorf sind nicht weniger furchteinflössend als die zwielichtigsten Südstaatler. Die Provinzlinge und der Klerus in den Alpen sind moralisch genauso degeneriert wie im letzten Kaff in Kentucky.

Was Regisseur Andreas Prochaska in Das finstere Tal abliefert, wohlgemerkt mit tadelloser Unterstützung von Kameraführung, Schnitt, Schauspielern, kargen Dialogen (den Hauptdarsteller aus den USA in das Dorf kommen zu lassen, ist eine geschickte Begründung für seine Wortkargheit) ist perfekt. Das ist besser als so manches von Quentin Tarantino, wie z.B. sein enttäuschender letzter Western, The Hateful 8. Prochaska bekommt ohne zelebrierte Gewalt, ohne grelle Charaktere und ohne nervtötende Wortgeplänkel einen ganz großen Film hin. Das finstere Tal war 2014 der österreichische Vorschlag für den fremdsprachigen Oscar, kam aber unerklärlicherweise nicht in die Finalrunde.

Für Western-Fans, und vielleicht auch für Liebhaber von Heimat- und Bergfilmen, eine unbedingte Empfehlung: Ansehen! Und je größer der Bildschirm, desto besser kommen die Bergszenen zur Geltung.

(Link zur DVD und zum Amazon-Streaming.Read this review in English.)

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ARD-Reportage über Montenegro

Wenn ich ein Land – wie derzeit Montenegro – über den grünen Klee preise, werden die Leser dieses Blogs manchmal skeptisch und glauben mir nicht mehr. Dagegen hilft es, selbst in den Zug oder ins Fugzeug zu steigen (Memmingen-Podgorica mit Wizzair und Berlin-Podgorica mit Ryanair gibt es ab 13 Euro).

Wer nicht reisen will/kann, aber dennoch eine zweite Quelle nutzen möchte, für den hat der MDR eine vierteilige aber insgesamt nur einstündige Reportage über Montenegro gedreht, die bis Dezember 2018 in der ARD-Mediathek bereit steht: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4.

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In einer Stunde gibt es natürlich nur einen Schnelldurchlauf, aber man bekommt einen ganz guten Einblick in die vielen Facetten dieses sympathischen Landes. Die Hauptstadt Podgorica ganz auszulassen, ist zwar frech, entspricht aber auch meiner Empfehlung für Montenegro-Besucher mit begrenzter Zeit.

In Teil 1 der Reportage kommt Ihr in Minute 3:20 übrigens an meiner Wohnung in Kotor vorbei (die grüne Tür links im Bild).

Zu Teil 2 würde ich insofern widersprechen, dass man im Durmitor-Gebirge natürlich auch ohne Bergführerin wandern kann. Genau die im Film gezeigte Wanderung zum Ćurevac bin ich allein gegangen, noch dazu im Winter und tiefsten Nebel und ohne Flinte gegen die Bären und Wölfe. (Da ich anders als das Film-Team kein Auto hatte, dauerte es auch wesentlich länger als die genannte halbe Stunde. Ich ging den ganzen Weg von Žabljak aus zu Fuß.)

Andererseits stockt mir jetzt nachträglich noch der Atem, wenn ich (ab Minute 1:48 in Teil 2) sehe, wie tief die Tara-Schlucht tatsächlich ist.

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Der Nebel am Tag meiner Wanderung war ein gutes Prophylaktikum gegen die Höhenangst. Ich wusste zwar, dass es eineinhalbtausend Meter in die Tiefe ging, konnte mir diese Dimension aber nicht wirklich vorstellen. Sonst wäre ich nie so gefährlich nah am Abgrund entlang spaziert, vor allem nicht fröhlich filmend und labernd anstatt auf meine Schritte achtgebend:

Wenn ich so darüber nachdenke, geht Ihr also vielleicht doch besser mit der Bergführerin als mit mir.

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Unsortierte Gedanken (20)

  1. Als ich in der Buchhandlung in Montenegro Bücher von Džon Grišam sah, war ich froh, dass mein Name für die serbokroatische Ausgabe meiner Bücher nicht ganz so stark abgeändert werden müsste.
  2. Ich verstehe diese Glas-halbvoll/halbleer-Diskussion nicht. Ich trinke immer aus der Flasche.
  3. Fortschritt ist eine schwierige Sache. Tonfilm.jpg
  4. Durch einen Kommentar zu meinem Beitrag über die rumänische Stat Iasi bin ich auf diese deutschsprachige Seite über rumänische Kultur gestoßen. So habe ich erst mitbekommen, dass Rumänien das Schwerpunktland der Leipziger Buchmesse im März 2018 sein wird.
  5. Der beste Podcast über den Balkan ist Balla-Balla Balkan, unter anderem mit einer sehr interessanten Doppelfolge über Tito (Teil 1, Teil 2), die dabei auch einen guten Überblick über die Geschichte Jugoslawiens bietet.
  6. Gelobt wurde darin die Tito-Biographie von Jože Pirjevec51ynyulmf2bl
  7. Anlässlich des Europäischen Kulturerbejahres 2018 fiel mir auf, dass Denkmal zwei Plurale hat: Denkmäler und Denkmale.
  8. In 56% der Fälle, in denen ich eine Tasse Tee zubereite, vergesse ich diese und entdecke sie erst nach Stunden, wenn ich mal wieder zufällig in die Küche komme.
  9. Vor einer Weile hatte ich mich hier mal gewundert, wieso die baltischen Staaten so ein unausgewogenes Verhältnis von Männern und Frauen haben. Vielleicht liegt es am Alkoholkonsum, der mehr Männer dahinrafft. Zumindest in Litauen scheint das eine plausible Erklärung zu sein.Lit Alko.png
  10. Vielleicht von Interesse für meine Juristenfreunde-/kollegen: An der Universität in Pisa gibt es großzügige Stipendien für Doktoranden.
  11. Vergesst nicht, dass ich Euch vor Bitcoin gewarnt habe.
  12. In Montenegro habe ich jemand kennengelernt, die als Haushüterin arbeitet, d.h. sie bewohnt die Häuser von Eigentümern, die mal ein paar Wochen/Monate weg sind, aber wollen, dass jemand die Blumen gießt. „Das kann ich auch“, dachte ich mir, und ergatterte schwuppdiwupp den ersten Auftrag. Im Sommer 2018 werde ich deshalb in Wien wohnen. 
     

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Rückt die CDU weiter nach links?

Es scheint so, wenn man sich die Parteisymbole ansieht.

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(Fotografiert in Funchal auf Madeira.)

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Guten Abend aus Kotor

Einen Weg für die Bewohner von Kotor, den Sonnenuntergang zu sehen, habe ich schon beschrieben: der Aufstieg auf den Vrmac, der Berg, der sich auf den beiden oberen Fotos von links in die Bucht von Kotor streckt.

Die andere Möglichkeit ist das Erklimmen der steilen Bergwand hinter Kotor, wo die mittlerweile verlassenen Dörfer Groß-Zalazi und Klein-Zalazi in wunderbar friedlichen Tälern liegen. Von dort hat man diese Blicke:

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Leicht zu verwechseln (40) Untergang des christlichen Abendlandes

Wovon Menschen glauben, dass daran das christliche Abendland untergeht: Menschen in Not

Woran das christliche Abendland wirklich untergeht: Braunkohleabbau

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Roter Stern

„OK, wir reißen hier alles ab, ziehen einen Wolkenkratzer hoch und verkaufen teure Wohnungen. Es lebe der Kapitalismus! Aber das Denkmal mit dem Roten Stern bleibt stehen, Genossen!“

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(Fotografiert in Tivat, Montenegro.)

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Leicht zu verwechseln (39) Bergfilme

Bergfilm in Deutschland:

Bergfilm in Jugoslawien:

(übrigens gefilmt in den Bergen Montenegros und Bosniens)

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Vrmac – wo Wandern betrunken macht

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Der einzige Nachteil an Kotor ist, dass es an einem Fjord liegt, umgeben von steil aufragenden Bergen, die die Sonne am Morgen erst mühsam überwinden muss, während sie anderswo im Land schon Menschen und Gemüter erwärmt, und hinter denen sie schon um 15 Uhr wieder verschwindet, um in Tivat einen wunderschönen Sonnenuntergang hinzulegen. Den erblicken wir Bürger von Kotor niemals, weil der Berg Vrmac zwischen uns und der Küste liegt. Aus Enttäuschung über die wenigen Sonnenstrahlen, die Kotor streifen und streicheln, trinken wir umso mehr.

Oder man macht es wie das balkanesische Sprichwort „Wenn der Berg im Weg ist, muss man eben auf den Berg.“ Der Weg auf den Vrmac wurde ebenfalls im betrunkenen Zustand geplant oder angelegt, scheint es. Anstatt auf den euklidischen Rat zu hören, nach dem die kürzeste Linie zwischen zwei Punkten eine Gerade ist, geht es hin und her, links und rechts, zick und zack. Als die Österreicher den Berg einnahmen, gaben sie diesem Durcheinander den großspurigen Namen Serpentinen und importierten das Konzept für die Alpen.

Etwas muss ich aber eingestehen: Da der Berg so steil ist, dass man nie genau weiß, welchen Weg man noch vor sich hat, man aber nach unten blickend Dutzende von Serpentinenschleifen sieht, erhält man eine psychologisch wichtige Bestätigung über die bereits zurückgelegte Wanderleistung.

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Auf dem Rückweg mag das anders sein, aber der ist ja bekanntlich immer einfacher. Außerdem lautete mein Plan, den Vrmac zu überqueren und mit der Bewegung der Sonne den Vormittag auf der Ost- und den Nachmittag auf der Westseite zu verbringen, um am Abend nach Tivat hinab und der Sonne entgegen zu wandern.

Der Tag hätte nicht schöner sein können. Nie zuvor aus dieser Höhe genossene Ausblicke auf die Bucht von Kotor, die den Winter vergessen lassende Sonne, das tiefe Blau des Meeres, die schneebedeckten Berge am Horizont, alles war so grandios, wie wenn ein Maler sich zu einem letzten großen Gemälde aufgerafft und sein Bestes gegeben hätte. Die perfekte Kombination aus Meer, Wald und Bergen, aus Farben und Formen machte mich fast schwindelig. Ganz ohne Alkohol. Oder war das schon der Höhenrausch?

Auf dem Gipfel angekommen, lag Kotor unten in der Bucht noch immer im Schatten der Berge.

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Die wenigen Häuser auf dem Vrmac waren verlassen und teilweise verfallen, aber der Auslauf für die Hühner war noch umzäunt. Man könnte also jederzeit einziehen.

Dorf 1
Dorf 2
Dorf 3

Geschützt wäre man auch, denn auf dem Vrmac liegt eine der größten Festungsanlagen Österreich-Ungarns, die in dieser Form ab 1894 erbaut wurde und sich trotz der Kämpfe im Ersten Weltkrieg sehr gut gehalten hat. Für die Geschichte verweise ich auf die Kollegen von der Österreichischen Gesellschaft für Festungsforschung, die auf ihrer Seite viel mehr Details auflisten als irgendjemand behalten kann. Nur soviel zum Zusammenhang: Kotor war der wichtigste Militärhafen von Österreich-Ungarn in der südlichen Adria und musste deshalb dementsprechend abgesichert werden. Gleich hinter Kotor (damals noch Cattaro genannt) verlief die Grenze zu Montenegro, so dass es hier immer wieder zu kleinen Kriegen kam. In dieser Bucht erlitt im Frühjahr 1918 die österreichische Marine übrigens einen Matrosenaufstand. Ja, auch unsere österreichischen Nachbarn haben einen durchaus interessante Geschichte.

Aber zurück zur Festung auf dem Vrmac. Das sympathische an Montenegro ist, dass niemand irgendwo Wachpersonal oder Verbotsschilder aufstellt, geschweige denn die Tür zusperrt. Man kann das Fort also fröhlich und frei erkunden. Eventuelle Minen aus dem Ersten Weltkrieg dürften mittlerweile verrottet sein, so hoffte ich.

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Um sich in das Innere der Festung, insbesondere in die Tunnels und Keller vorzuwagen, wäre ein Lampe hilfreich. In Einklang mit meinen Richtlinien für Abenteuer (Nr. 17) hatte ich natürlich keine Lampe mitgebracht. Das war kurzzeitig doof, aber ebenfalls im Einklang mit vorgenannten Richtlinien (Nr. 5) tauchten aus dem Gebüsch zwei Jungs aus Russland auf, die auch die Militäranlagen besichtigen wollten, die Lampen hatten und denen ich mich völkerfreundschaftlich anschloss. Nun liest sich das so einfach, „zwei Jungs aus Russland“, aber jeder, der russische Freunde hat, kann sich vorstellen, was die beiden im Sinn hatten, als sie sagten: „Wir erkunden jetzt mal diese Festung vom Keller bis zum Dach.“ Bei Russen läuft das so ab:

Aber was sollte ich machen, ich hatte keine eigene Lampe. Mitgegangen, mitgehangen. Die beiden zogen sich mit einer Leichtigkeit an zwei Meter hohen Mauern hoch und sprangen durch Fenster, mit der ich nicht einmal aus dem Bett komme. Immer wenn sie ein Loch im Boden entdeckten, durch das man noch tiefer in die Dunkelheit steigen konnte, riefen sie freudestrahlend „hoho!“ und schwangen sich hinab.

Aber dank den beiden sah ich wenigstens jeden Winkel der Festung, bis zum Dach, auf das wir uns natürlich irgendwie hochhangelten. Wie ich von dem Dach wieder heil herunterkam, ist mir noch immer schleierhaft.

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In einer der Kasematten hatte nach Aufgabe des militärischen Zwecks anscheinend ein Mönch gehaust, denn die Wände waren mit Ikonen bemalt.

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Apropos Kasematte: Ich kannte das Wort bis zu jenem Tag auch nicht. Aber einer der beiden Russen konnte auf Deutsch erklären, was wir sahen; „zwei Maschinengewehrpositionen“, „der Munitionslift“, „Panzermörserlafette“. Lauter Begriffe, die ich nicht einmal als Muttersprachler kenne. Er studiere Deutsch an der Universität in Sankt Petersburg, sagte er, und ich fragte lieber nicht nach, ob er damit die Militär- oder Geheimdienstakademie meinte.

Jedenfalls war ich von der spontanen Begegnung und dem überstandenen Abenteuer so berauscht, dass ich den längeren Weg nach Tivat – zuerst den ganzen Bergrücken des Vrmac nach Norden entlang – wählte, nicht ahnend, dass sich dieser, wie so vieles was im Rausch begonnen wird, irgendwann im Gestrüpp verlieren würde.

Aber zuerst ging es weiter bergauf, was mir neue Blicke eröffnete: auf das gegenüberliegende Perast, auf die Berge an der Grenze zu Bosnien, auf tief im Tal versteckte

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oder einsam auf einen Gipfel gepflanzte Kirchen,

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die in beiden Fällen von der Außenwelt längst vergessen wurden.

Nur Tivat, das Ziel der Wanderung, sah ich nicht mehr. Davor lag nämlich ein weiterer Berg, von dessen Existenz ich bis dahin gar nichts wusste. Das warf den Plan über den Haufen. Wo ich einen Pfad ausmachen konnte und dieser etwa in die angestrebte Richtung ging, folgte ich diesem. Wo ich ein leeres Bachbett vorfand, nutzte ich dieses, um ins Tal zu kommen. Und wenn ich mich vollkommen verlaufen hatte, kämpfte ich mich durch den Wald wie einst die Partisanen, die hier unter anderem gegen meinen Großvater kämpften, der sich auf die falsche Seite geschlagen hatte und mit einer deutschen Volksgrenadier-Einheit diese Wälder (und wahrscheinlich mehr) zerschoss.

Noch mehr Angst als vor der Wehrmacht habe ich nur vor Hunden. Leider waren es genau diese Monstertiere, die schließlich die Nähe der eigentlich nicht vermissten Zivilisation anzeigten. Es war zwar erst ein weit in den Hügeln über der Stadt gelegener Vorort, aber der Weg nach Tivat war jetzt klar. Durch das Gebell wurde ein Mann neugierig, trat aus seinem Haus und begrüßte mich neben „dobar dan“ mit der Frage, woher ich denn gewandert sei. Als ich erklärte, dass ich den ganzen Weg von Kotor zu Fuß zurückgelegt hatte, war der freundliche Herr, der seine Hunde schon beruhigt hatte, so beeindruckt, dass er mich sogleich auf einen Rakija einlud. Mein einziger Vorsatz fürs neue Jahr war es, mehr auf fremde Menschen zuzugehen und meine diesbezügliche natürliche Schüchternheit zu überwinden, also sagte ich erfreut zu.

Er führte mich in eine Gartenlaube, die mit Jagdtrophäen, -gewehren und -bildern geschmückt war. Deshalb auch die vielen Hunde, für die er Halsbänder mit GPS hatte, so dass er mit Hilfe der Hunde Wildschweine aufspüren konnte. Der Jäger sprach ein bisschen Deutsch und Englisch, ich ein paar Wörter Serbokroatisch, und so unterhielten wir uns ganz gut und fröhlich über die Jagd („Wildschweine jage ich, aber die Kaninchen züchte ich, um sie im Wald freizulassen“) und die derzeitige Schonzeit, die er strikt einhalte, über Deutschland (seine Schwester wohnt in Karlsruhe), über die verlassenen Dörfer und Kirchen auf dem Vrmac und über die Fahrt von Deutschland nach Montenegro. „Es geht nichts über das Motorrad“, beschwor er mich: „Freiheit, frische Luft, ganz nah an der Natur!“ Ich erzählte, dass mein Vater in den 1960er Jahren mal von Deutschland bis nach Mostar fuhr, dann aber umkehrte und Montenegro so knapp verpasste.

Der Jäger zeigte auf zwei Schwarzweißfotos an der Wand hinter mir (ebenfalls alles Jäger): „Das ist mein Vater, und das ist mein Großvater.“ Dann deutete er auf ein Foto, das neben der Tür hing, und sagte lachend, aber nicht unernst: „Das ist mein zweiter Vater.“ Es war Tito.

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Jugoslawien mag es nicht mehr geben, aber dieser Herr war noch Jugoslawe durch und durch. In der Ecke standen eine kroatische und eine montenegrinische Fahne, eine für seine Volkszugehörigkeit und eine für die seiner Frau. Wenn er den Plattenspieler in der Ecke angeworfen hätte, hätte wahrscheinlich eine flotte Hymne auf Marschall Tito den Raum mit Musik und Nostalgie erfüllt.

Während der gesamten Unterhaltung konnte ich den Konsum des besonders starken Rakija auf eineinhalb Gläser beschränken, aber auf einen Magen, der den ganzen Tag nur einen Müsliriegel zugeführt bekommen hatte, war das schon zu viel. Ich war wirklich betrunken, der Kopf war schwer, die Beine auch. Der Gastgeber schien mir das anzusehen, denn er erklärte mir fürsorglich, dass ich einfach immer der Straße bergab folgen solle, dann würde ich ganz sicher nach Tivat kommen. Zum Glück geriet ich in keine Alkoholkontrolle.

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