“Kann man dort übernachten?” haben manche von Euch gefragt, die nach Lektüre des Artikels über Humberstone der Stadt ebenfalls einen Besuch abstatten möchten.
Natürlich gibt es dort ein Hotel:
Vom Zimmer aus hat man einen Blick auf den zentralen Platz der Stadt.
Und das Schwimmbad sowie das Theater liegen gleich nebenan. Perfekt.
Nach der gängigen Überlieferung tauchten erstmals am Hambacher Fest 1832 schwarz-rot-goldene Fahnen auf.
Tatsächlich waren die Fahnen damals aber noch gold-rot-schwarz:
Erst zur Märzrevolution 1848 wurden die Farben in die jetzige Reihenfolge gerbracht:
Eine diesbezüglich interessante Entdeckung habe ich an einem unerwartenen Ort gemacht. In der Garibaldi-Gedenkstätte auf Caprera hing das Gemälde Carga de Cavalaria von Guilherme Litran.
Es zeigt die Aufständischen während der Farrapen-Revolution, die von 1835 bis 1845 gegen das Kaiserreich Brasilien geführt wurde.
Nahmen die Deutschen die schwarz-rot-goldene Farbe nach Brasilien? Oder brachten sie diese Farbkombination erst aus Brasilien zurück? Oder war die identische Fahne ein Zufall? Oder hat das eine mit dem anderen gar nichts zu tun?
Auf das obige Gemälde von Guilherme Litran kann man nicht zu viel geben, denn er malte es erst 1893, also Jahrzehnte nach dem Geschehen. Auf dem Gemälde Proclamação da República Piratini von Antônio Parreiras ist eine ähnliche Fahne zu sehen, aber das Bild ist von 1915, also noch später.
Die Republik Piratini ging kurzzeitig (1836-1845) aus der Farrapen-Revolution hervor und hatte die Staatsfarben grün-rot-gold. Noch heute findet man diese Farbkombination in der Flagge und im Wappen des Nachfolgebundesstaates Rio Grande do Sul (und in der des Nachbarlandes Bolivien).
Vielleicht ist bei der Rückkehr der deutschen Revolutionäre nach Europa das Grün so verrußt (war ein betrügerischer Dieselfilter schuld?), dass die deutsche Nationalflagge ganz aus Versehen entstand.
Für die geschätzten Leser dieses Blogs habe ich meinen Abend geopfert, mich mit einer Kanne Erkältungstee vor den Fernseher gesetzt, den Verlockungen der konkurrierenden Sender (passenderweise ein Horror-Abend auf Tele 5) getrotzt und das TV-Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz angesehen. Hier meine Kommentare:
Es wurde immer prophezeit, dass eine Große Koalition die extremen linken und rechten Ränder stärke. Mal sehen. Auf jeden Fall kann man feststellen, dass eine Große Koalition das Kanzlerkandidatenduell langweilig macht.
Ein guter Moderator wäre besser als eine Große Moderatorenkoalition.
Warum geht es beim Themenkomplex Migration immer nur um Einwanderung, aber nie um Auswanderung? 2015 verließen 998.000 Menschen Deutschland, eine Steigerung um 9%.
Gut fand ich, dass Angela Merkel Menschen ausdrücklich nicht als „Bedrohung“ sieht, dass sie nochmals die humanitären Beweggründe für die temporäre Nichtanwendung der Dublin-II-Verordnung im September 2015 erläuterte und dass Martin Schulz die italienische Marine für ihre Rettungseinsätze lobte. Ich finde ja, dass der Friedensnobelpreis 2012 an die italienische Marine anstatt an die EU gehen hätte sollen.
Allerdings lässt Martin Schulz bei aller berechtigter Kritik an Viktor Orbán unter den Tisch fallen, dass auch Deutschland Italien bis 2015 mit der Flüchtlingsaufnahme weitgehend allein ließ.
Als Claus Strunz die „Flüchtlinge, die schlecht oder gar nicht ausgebildet sind“ anspricht, kommt niemandem die Idee, darauf hinzuweisen, dass das mit der formellen Ausbildung schwer ist, wenn man – wie in Syrien – seit fünf Jahren von der eigenen Regierung bombardiert wird.
Außerdem schafft man es auch ohne Abitur zum Kanzlerkandidaten.
Die Frage an beide Kandidaten, ob sie diesen Sonntag in der Kirche waren, war wohl die blödeste Frage des ganzen Abends. Man will doch hoffen, dass Spitzenpolitiker im Wahlkampf ihre Zeit besser investieren.
Maybrit Illner ist besorgt um den ausländischen Einfluss in deutschen Moscheen. Dass viele Kirchen in Deutschland vom sexualstraftäterschützenden Vatikan gesteuert werden, scheint niemanden zu stören. Geschweige denn, dass auch Deutschland mit nach antisemitischen Hasspredigern benannten Schulen im Ausland missioniert, wie zum Beispiel in Jerusalem:
Immer wenn es um Integration geht, denke ich an all die Deutschen, die nicht richtig integriert sind, sondern unverständliche Dialekte sprechen, das Grundgesetz nicht kennen und nicht einmal wählen.
Maybrit Illner versucht, ein bisschen Panik zu verbreiten, und spricht von „100 Millionen Menschen, die sich auf den Weg machen“. Das ist erstens eine aus der Luft gegriffene Prognose. Zweitens enthalten all diese enormen Flüchtlingszahlen die Binnenflüchtlinge, die z.B. aus dem Dschungel in Kolumbien nach Medellin oder Bogotá geflüchtet sind. Von denen kommt niemand nach Deutschland, trotz Visumsfreiheit. Und noch immer nehmen ärmere Länder wesentlich mehr Flüchtlinge auf als alle Länder der Europäischen Union.
Zur Türkei: Es wird immer überschätzt, was Land A für im Land B inhaftierte Bürger des Landes A tun kann.
Als Angela Merkel erklärt, dass sie morgen mit Emmanuel Macron, Donald Tusk und Waldimir Putin wegen Nordkorea sprechen wird, hört sich das so an: „Liebe Welt, mach Dir keine Sorgen wegen Donald Trump. Ich habe alles im Griff.“
Dass „eine Millionen Langzeitarbeitslose eine Million zu viel“ sind, gaukelt fälschlicherweise vor, dass die Arbeitslosigkeit auf Null zu senken wäre.
Wenn eine „Umrüstung der Software“ das Dieselproblem löst, wieso dann nicht auch eine Softwarelösung gegen Arbeitslosigkeit, Terrorismus und Nordkorea?
Niemand kann erklären, wie eine Software die Schadstoffbelastung verringern kann. Und wenn das ginge, wieso verwenden wir die gleiche Software dann nicht bei Kohlekraftwerken?
Die Autoindustrie wird noch immer zu zart angefasst. „Vertrauensverlust“ (Martin Schulz) und „Vertrauensbruch“ (Angela Merkel) sind nicht die richtigen Begriffe für jahrelangen, gezielten Betrug gegenüber Verbrauchern und Aufsichtsbehörden. Immerhin nehmen beide Kandidaten später das Wort „Betrug“ in den Mund.
Bei der Diskussion der Automobilität kann man fast den Eindruck gewinnen, wie wenn auch Autos in Deutschland wählen dürfen.
Die Frage nach der „Einführung der doppelten Staatsbürgerschaft“ zeugt von der Ahnungslosigkeit des Fragenden. Korrekterweise stellt Angela Merkel auch richtig, dass es in Deutschland keine generelle doppelte Staatsbürgerschaft gibt. (Wobei ich persönlich damit kein Problem hätte.)
Angela Merkel kritisiert ihren Amtsvorgänger scharf: Gerhard Schröder „untergräbt die Sanktionen gegen Russland.“
Martin Schulz ist weniger scharf, stimmt aber in der Sache zu: „Er hätte lieber Geld für seine Memoiren nehmen sollen.“ Eine Autobiographie von Gerhard Schröder erscheint mir tatsächlich eine interessante Idee.
Angela Merkel sagt, dass Kennzeichnung von Polizisten ein Misstrauensbeweis wäre. Was sind dann eigentlich Kfz-Kennzeichen?
Zum ersten Mal seit Langem sieht es wieder so aus, dass Rechtsextreme in den Bundestag einziehen könnten. Keiner der Kandidaten findet dazu Worte der Warnung. Das ist schwach.
Martin Schulz verschusselt sein Schlusswort, aber ansonsten konnte ich keinen klaren Gewinner erkennen.
Das Duell war insgesamt zivilisiert, respektvoll und reich an Substanz. In nur einem Duell gab es hier wesentlich mehr inhaltliche Informationen zu gewinnen als in drei Duellen zwischen Hillary Clinton und Donald Trump.
Peter Kloeppel verabschiedet sich keck mit „Wir hätten nächsten Sonntag Zeit für ein zweites Duell“, und ein ganzes Land ist genauso wenig begeistert von der Idee wie die beiden Kandidaten.
Mein Lieblingszitat des Abends: „Ich mach das doch nicht aus Spaß.“ (Angela Merkel)
Falls sie noch nicht angekommen ist, war es vielleicht die Postkarte, die ich in Humberstone in Chile aufgegeben habe. Ich hätte eigentlich ahnen sollen, dass dieser Briefkasten nicht mehr regelmäßig geleert wird.
Im November 1860 hätte Giuseppe Garibaldi alles haben können. Er hatte einen Feldzug mit weniger als tausend Mann begonnen, aber marschierte von Sieg zu Sieg. Er hatte Begeisterung entfacht für eine Idee, die bis dahin unrealistisch schien: ein vereintes Italien. Dafür war er zum Tode verurteilt worden, dafür war er geflohen, dafür hatte er Jahre im Exil verbracht, um jedes Mal wieder nach Italien zurückzukehren und zu kämpfen.
Ohne Garibaldi gäbe dieses Italien nicht, und ohne Garibaldi wäre Victor Emmanuel II. nicht König dieses Landes geworden.
Also fragte der König den General, was er sich als Belohnung für seine Lebensleistung wünschte. Einen Kabinettsposten? Die Herrschaft über eine Provinz? Ein Schloss? Einen Adelstitel?
„Gebt mir einen Sack Kartoffeln, damit ich eine Landwirtschaft beginnen kann“, antwortete der 53-Jährige, bestieg ein Boot und segelte nach Caprera, einer kleinen, eher unwirtlichen Insel nördlich von Sardinien.
Die Reise nach Caprera bietet viel Gelegenheit für Seekrankheit, denn zuerst muss man von Italien nach Sardinien, von Sardinien nach La Maddalena und zuletzt von La Maddalena nach Caprera. Immer kleiner werden die Inseln, und immer kleiner werden die Boote. Aber um für Euch herauszufinden, weshalb sich „die einzige uneingeschränkt bewundernswerte Person in der modernen Geschichte“ (so der Historiker Alan Taylor) auf eine Insel mit ein paar Pferden und Eseln zurückzog, muss ich den Weg auf mich nehmen.
Für das letzte Stück braucht man mittlerweile kein Boot mehr. Zwischen La Maddalena und Caprera wurde eine 600 Meter lange Straße gebaut, die durch eine Brücke von (kleinen) Booten durchquert werden kann. Gerade zischt ein ziviles Schnellboot hindurch und an dem ehemaligen Marinestützpunkt vorbei. Ich hingegen zische mit einem Fahrrad auf die Insel des Nationalhelden. Schließlich bin ich heute hauptsächlich unterwegs, um in der Geschichte des 19. Jahrhunderts zu stöbern, und halte ein vormodernes Fahrzeug daher für angebrachter.
Kiefern und ein paar Eukalyptusbäume spenden Schatten. Als Garibaldi nach Caprera zog, war die Insel fast vollkommen kahl, weil wie überall im Mittelmeer die rodenden Römer gewütet hatten. (Ein Glück, dass sie niemals den Amazonas entdeckten.) Jetzt spielt der Wind mit den Kiefern, ansonsten herrscht Stille. Nur wenige Vögel zwitschern.
An einem Rastplatz trägt eine aus Holz gezimmerte Bar den Namen „il barone rosso“. Hoffentlich ist sie nicht benannt nach dem ebenfalls so bezeichneten Flieger aus dem Ersten Weltkrieg. Zwischen den Kiefern sind Hängematten gespannt.
Die Straße gabelt sich. Links geht es zum Garibaldi-Museum, rechts zur Garibaldi-Gedenkstätte. Erst einmal rechts. Je höher ich mich strample, desto niedriger werden die Kiefern, desto größer werden die Latschensträuche, desto weniger werden die Fußgänger. Auf dem Gipfel ist ein rifugio für müde Wanderer. Praktischerweise liegen eine Menge Kiefernzapfen zum Grillen herum. Warum findet man die größten und meisten Butzelkühe immer da, wo man wegen Waldbrandgefahr kein Feuer machen kann?
Vom Garibaldi-Komplex fällt die Aussicht auf ein Meer, das blauer ist als in der Karibik. Überhaupt kann sich die Karibik sparen, wer Sardinien schon kennt. (Und ja, ich habe die Mühe auf mich genommen, die Karibik persönlich zu erkunden, bevor ich diesen Ratschlag erteile.)
Die Gedenkstätte ist in einer alten Festung, dem Forte Arbuticci, untergebracht, die bis zum Zweiten Weltkrieg in Gebrauch war und auf die jetzt ein im Vergleich dazu kleines Museum aufgepfropft wurde. Klein, aber fein. Das Museum ist modern, multimedial, informativ und interessant. Aber die meisten Informationen sind nur auf Italienisch. Insofern ist es gut, dass Ihr mich hingeschickt habt, der ich alles für Euch übersetze.
Gut ist auch, dass ich allein unterwegs bin, denn in solch einem Museum lese ich alle Tafeln, studiere alle Karten und mache mir seitenweise Notizen. Die anderen Besucher rauschen durch, schauen ein paar Filmchen an, setzen sich ins Auto und düsen weiter. Ich kann hier Stunden verbringen. Vielleicht auch weil kein Auto, sondern nur ein Fahrrad und die heraufziehende Mittagshitze auf mich warten.
Ich gebe Euch mal die Zusammenfassung: Geburt in Nizza, Seefahrt, Reisen bis nach Russland, Aufstand in Piemont, Verurteilung zum Tod, Flucht über Marseille nach Südamerika, Revolution in Brasilien, Flottenkommando für Uruguay im Krieg gegen Argentinien, Rückkehr 1848 zur Revolution in Sizilien, Anführer der Revolutionsarmee, nach Scheitern der Revolution Flucht nach Tanger und New York, Reisen nach China, Australien, Peru, Chile, Schiffbruch, erneute Rückkehr nach Italien, Kämpfe in den Alpen, Befreiung Siziliens, Eroberung Neapels, Kampf gegen den Papst, Verwundung, Gefängnis, Kampf auf Seiten Frankreichs im Krieg gegen Preussen 1870/71.
Ach ja, im Alter schrieb Garibaldi selbst noch drei Romane.
Noch beeindruckender als das ganze Segeln und Schießen und Schlachten finde ich die politischen Ideen Garibaldis. Er setzte sich ein gegen die Todesstrafe (nun gut, das mag noch aus Eigennutz gewesen ein), für das allgemeine Wahlrecht, für die Emanzipation der Frauen, für eine europäische Förderation, für die Selbstbestimmung der Völker auf dem Balkan, für die Abschaffung des Papsttums.
Während des Bürgerkriegs in den USA verhandelten die Nordstaaten mit Garibaldi, dem zuerst ein Generalsrang, dann der Oberbefehl über die gesamten Truppen angeboten wurde. Aber Garibaldi machte zur Bedingung, dass der Krieg mit dem ausdrücklichen Ziel der Abschaffung der Sklaverei geführt würde. Dazu war Präsident Lincoln zu jenem Zeitpunkt noch nicht bereit.
„Held zweier Welten“ wurde Garibaldi genannt, weil er in Europa und in Amerika kämpfte. Wenn ihn jemand über die Lage im Kongo oder im Kaschmir informiert hätte, wäre er wahrscheinlich auch dorthin geeilt. Selbst Einheiten, die gar nichts mit Garibaldi zu tun hatten, benannten sich nach ihm, wie die Garibaldi Guard im US-amerikanischen Bürgerkrieg, das Garibaldi-Bataillon im spanischen Bürgerkrieg, die kommunistischen Garibaldi-Brigaden in Italien während des Zweiten Weltkriegs und die Garibaldi-Partisanendivision in Jugoslawien.
Nach ein paar Stunden weiß ich jetzt also bis ins privateste Detail, wer dieser Garibaldi war, von dem es überall in Italien Hunderte von Statuen und Gedenktafeln gibt. Jedes Dorf hat mindestens eine Garibaldi-Straße und einen Garibaldi-Park. Das beste Denkmal sind meiner Meinung nach aber die Garibaldi-Zigarren von Toscano, die es zum Glück ebenfalls in fast jedem Dorf gibt. Und nicht einmal teuer. Aber ich schweife schon wieder schmauchend ab, obwohl der Leser wünscht, dass ich stattdessen meinen Blick von der Festung über die Insel schweifen lasse.
Caprera ist eher karg. Steinig. Windig. Die Kiefern, die jetzt die Insel schmücken, wurden erst von Garibaldi angepflanzt. Er selbst hatte also noch nicht viel davon. Eine schöne Küste zum Wandern, aber für den Lebensabend? Da muss einer die Menschheit schon ziemlich satt gehabt haben.
Die Dame von der Gedenkstätte empfiehlt mir einen Weg zurück, aber auf der Landkarte habe ich schon eine Abkürzung entdeckt: einen Wanderweg vorbei an militärischem Sperrgebiet und Ferienanlagen. Beides ist verlassen. Die Gebäude verfallen, in den Ferienanlagen sind ein paar Plastikstühle umgestürzt, es sieht so aus, wie wenn seit Monaten niemand hier war. Sehr gespenstisch.
Gerade im Süden Italiens habe ich nie kapiert, wieso sich der Tourismus auf zwei Monate im Sommer beschränkt und im Rest des Jahres fast alles leer steht. Ich bin im Mai unterwegs, es ist warm, sogar schon heiß, aber meine italienischen Freunde sind ganz entsetzt: „Niemand fährt jetzt nach Sardinien! Wir fahren da alle erst im August hin.“ Auch Familien ohne Kinder, die von den Sommerferien unabhängig wären, fahren alle pünktlich zum 15. August eines jeden Jahres los, am liebsten in die schon seit Jahrzehnten gleiche Ferienwohnung am gleichen Ort. Die Schwiegereltern mieten die Ferienwohnung nebenan, und man trifft sich jeden Tag zum Mittagessen mit den Menschen, die man schon von zuhause kennt. Individualismus scheint in Italien keinen hohen Stellenwert zu haben. Auch deshalb ist es nicht ganz das richtige Land für mich.
Aber heute bin ich allein und frei wie ein Revolutionär.
Obwohl ich mich nach dem Besuch der Gedenkstätte schon sehr gut informiert fühle, radle ich als nächstes zum Museum, das im ehemaligen Wohnhaus Garibaldis untergebracht ist. Es zieren eine Lokomotive, ein Fass für die Weinproduktion, landwirtschaftliche Produktionsmittel, eine Mühle und Sicheln. Wie ein kleines Heimatmuseum sieht es aus.
Im Wohnhaus stehen eine Kutsche und ein kleines Piano und hängen vier Säbel, fünf Bajonette, Gemälde, Landkarten, neun Musketen. Bequem und stilvoll, aber nicht prunkvoll. Das beste ist der Ausblick durch die hohen Fenster. Der Wind kühlt die Räume. Im Kinderzimmer stehen die gleichen Betten wie im Schlafzimmer der Erwachsenen. Egalität!
Zwei Museumswärter passen auf, dass ich im Haus keine Fotos mache.
Im Raum, in dem Garibaldi starb, stehen gepolsterte Krücken und Medizin neben dem Bett. Vom Sterbebett aus blickt man auf das nahe Korsika. Kalender und Uhr zeigen den 2. Juni 1882 um 6:20 Uhr an.
Die Führung strebt jetzt konsequenterweise zum Grabstein im Garten, wo man wieder fotografieren darf. Auch hier ist Schlichtheit angesagt. Der General wünschte keinen Firlefanz. Seine Frau und Kinder haben wenigstens geschliffene Grabsteine mit Inschriften, Garibaldi hat sich unter einem unbehauenen Granitbrocken zur ewigen Ruhe gelegt.
Und das war’s auch schon. Die Besuchergruppe wurde regelrecht durch das Haus gejagt. Bei der Gedenkstätte habe ich wesentlich mehr erfahren als im Museum, und das in entspannterer Atmosphäre.
Nachdem ich im Weißen Haus Garibaldis nicht so lange verweilen durfte, wie ich dem Ort gerne Ehre erwiesen hätte, weite ich meine Fahrradtour um die Insel aus. Bis ganz zur Südspitze Capreras komme ich über hügelige Straßen und Wege, und das letzte Stück zu Fuß. Eine Bucht ist schöner als die andere. Manche mit Sandstrand,
andere mit Felsen,
aber fast alle menschenleer.
Endlich finde ich ein schattiges Plätzchen für ein Picknick. Etwas schüchtern stupst mich plötzlich von hinten jemand an: ein Schwein.
Da Garibaldi angeblich Tierfreund und Vegetarier war, lasse ich es leben. Ausserdem ist es ruhig und freundlich, passend zur Insel und zum ganzen Tag.
Praktische Hinweise:
Nach Caprera geht kein Flugzeug und kein regelmäßiger Schiffsverkehr. Ihr müsst also von Sardinien mit der Fähre von Palau nach La Maddalena fahren. Die Fähre geht fast jede Stunde und kostet 9 Euro hin und zurück.
Nach Palau kommt man mit dem Zug aus jeder größeren Stadt Sardiniens.
Unterkünfte findet man in La Maddalena außerhalb der Sommersaison problemlos.
Überhaupt sollte man nicht gerade im Juli und August nach Sardinien fahren: überfüllt, ausgebucht, zu teuer und zu heiß. Ich war im Mai, und es war perfekt.
Beide Inseln sind wunderbar zum Wandern und Radfahren, wobei man zu Fuß näher an der Küste entlang gehen kann.
Ein gutes Fahrrad kostete 10 Euro pro Tag, aber für zwei Tage bekam ich es für 15 Euro. Der Laden an der Via Amendola (gleich gegenüber dem Fährhafen) vermietet auch Vespas und Quads. Telefon 0789-737606, E-Mail mgmega@tiscali.it. Es gibt ein paar Hügel auf der Insel, aber nichts, was man mit dem Fahrrad nicht überwinden könnte.
Angeblich gibt es auf La Maddalena einen Bus, der auch nach Caprera fährt. Da viele Besucher von La Maddalena nach Caprera fahren, dürfte es auch kein Problem darstellen, per Anhalter hin und zurück zu kommen.
Das kombinierte Ticket für beide Museen auf Caprera kostet 10 Euro bzw. 5 Euro für 18-25-Jährige. Wie so oft in Italien ist der Eintritt für Jugendliche und für Senioren (ab 65 Jahren) kostenlos.
Die Gedenkstätte ist nur von Donnerstg bis Sonntag und nur von 9 bis 14 Uhr geöffnet. Das Wohnhaus Garibaldis hat von Dienstag bis Sonntag von 9 bis 20 Uhr offen.
Sonnencreme und Hut nicht vergessen! Insbesondere auf La Maddalena gibt es kaum Bäume und kaum Schatten.
Ich lese kurz wo (Barcelona) und wie (mit einem Auto in die Menschenmenge). Auf den Ramblas, dort war ich schon, bin spazieren gegangen, habe gegessen, Zeitung gelesen.
Das sollte mich also berühren, Erinnerungen wachrufen, Sorge um meine Freunde in Barcelona wecken.
Tut es aber nicht. Ich schalte nicht einmal CNN ein, sehe mir am Abend die Nachrichten nicht an, sondern arbeite weiter, esse zu Abend, gehe spazieren, lese ein Buch. Ein ganz normaler Abend. Ein Abend mit mindestens 12 Toten.
Immer wieder liest man, dass wir schon abgestumpft seien gegen Terroranschläge. „Abgestumpft“, das hört sich so gefühllos an. Ich würde lieber „immun“ dazu sagen. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, ist mein Gefühl ein anderes. Ich bin weder abgestumpft noch immun, ich bin einfach gelangweilt.
Der Terrorismus terrorisiert mich nicht. Schon lange nicht mehr. Er langweilt mich nur noch. Ich verspüre überhaupt keine Angst, nicht in Großstädten, nicht im Flugzeug, nicht auf Bahnhöfen und nicht in der Fußgängerzone. Ich verspüre nicht einmal unmittelbar nach einem Terroranschlag Angst. Allenfalls sind die Bomben und Messerangriffe lästig, so wie ein Platzregen, ein Stau oder ein Stromausfall. Man weiß, dass es wieder vorbeigeht und dass es irgendwann wieder passiert und so weiter.
Dass mir die Terroranschläge der letzten Jahre nicht einmal mehr ein Gähnen entlocken, liegt nicht nur an der Frequenz, sondern auch an den Methoden. Schon 2013 hatte ich darauf hingewiesen, dass sich Terroristen fortan hauptsächlich auf den stehenden und fließenden Autoverkehr konzentrieren würden. Aber die Terrorjünger wurden noch einfallsloser als Hollywood mit seinen ständigen Fortsetzungen. Autos auf den Gehsteig oder in eine Menschenmenge fahren? Das kann jeder Tattergreis, dem der Führerschein abgenommen hätte werden sollen. Und jedes Wochenende sterben Menschen im Straßenverkehr, ganz ohne Terroreinwirkung, das ist nun wirklich nichts besonderes. Messerattacken? Gibt es in jedem Horrorfilm. Menschen zahlen, um sich das anzusehen. Selbst die Bombe im Rucksack ist so etwas von altbacken, und oft geht nur der Anfängerattentäter selbst drauf.
Sogar der verblendetste Terrorist muss doch merken, dass er damit nicht mehr als einmal in die Tagesschau kommt. Am nächsten Tag geht es schon wieder um Eisbärbabies, um Doping und sogar um die FDP.
Liebe Terroristinnen und Terroristen, Ihr macht Euch lächerlich mit diesem stümperhaften Möchtegernterrorismus. Manche Abiturscherze und Fußballertätowierungen jagen der Bevölkerung mehr Schreck ein als Ihr mit Euren Messerchen und Bömbchen und Wägelchen. Auch Eure Zielauswahl könnte kaum kleinbürgerlich-spießiger sein: Weihnachtsmärkte, Fußgängerzonen und Supermärkte. Die wirklich coolen Leute erreicht Ihr so nicht mit Eurer Message. Nehmt Euch doch mal ein paar Jahre Auszeit, um wieder etwas richtig großes zu planen. Vielleicht zwei Kreuzfahrtschiffe kapern und sie aufeinander zurasen lassen. Alle Facebook– und Instagram-Profile löschen. Einen Virus entwickeln, mit dem sich Katzen in aggressive Monster verwandeln. Den Mond sprengen. Habt Ihr denn gar keine Träume?
Aber genauso langweilig wie die Terroristen sind die Reaktionen. Die sind auch jedes Mal die gleichen.
Politiker werden neue Gesetze zur Überwachung der Telekommunikation fordern, die anscheinend nicht hilft. Oder mehr Videokameras, die schon logischerweise keine Anschläge von Menschen verhindern, die ins Fernsehen wollen.
„Jetzt muss sich alles ändern“, wird man allenthalben hören, und wenn man nachfragt, wird man genau die gleichen Meinungen und Forderungen hören, die derjenige schon vor dem Terroranschlag hatte.
Überhaupt habe ich den Eindruck, dass kaum jemand aufgrund von Terroranschlägen sein Leben ändert. Wer generell ängstlich ist, hat halt einen Grund mehr, ängstlich zu sein, zusätzlich zu Kriminalität, Straßenverkehr, Unwetter, Seuchen, Mücken, Zecken, Schlangen, Glatteis, Bären und den Bolschewisten. Und wer generell optimistisch ist, glaubt nicht, dass der Al-Qaida-Kurierfahrer gerade ihn oder sie umnietet. Aber es scheint mir nicht so zu sein, dass weniger Menschen auf den Straßen sind. Selbst nach den wirklich schrecklichen Terroranschlägen vom 11. September 2001 sank die Zahl der Flugpassagiere nur kurzzeitig, und das wahrscheinlich mehr wegen der lästigen Sicherheitsvorkehrungen am Flughafen.
Auch findet sich immer irgendein Überdramatiker, der den Satz „das ist Krieg“ herausposaunt. Nein, ein Terroranschlag ist ein Verbrechen, eine Straftat, aber kein Krieg. Krieg ist monate- oder jahrelanges Kämpfen, Töten, Bombardieren, Hungern und Sterben in einem ganzen Land oder Landesteil. In Barcelona werden spätestens übermorgen auf den Ramblas Touristen ihre Selfies machen und die Menschen von den kleinen Tapas-Tellern nicht satt werden. Krieg sieht anders aus.
Terrorismus als das zu betrachten, was es ist, nämlich eine Straftat, hilft zu erkennen, dass er zum Leben dazu gehört. Leider. Genauso wie es immer Mord, Raub, Diebstahl, Betrug und Vergewaltigungen geben wird. Auch dagegen hatten wir schon immer Gesetze und Telefonüberwachung und Videokameras. Natürlich wollen wir so viele Taten wie möglich verhindern, so viele Opfer wie möglich schützen, aber niemand würde ernsthaft erwarten, dass die Mordrate oder die Zahl der Vergewaltigungen in Deutschland auf Null sinken kann. Wer das verspräche, würde (hoffentlich) nicht ernst genommen. Beim Terrorismus kann es nicht anders sein.
Schließlich hört man noch nach jedem Terroranschlag: „Oje, oje, die Welt wird immer schlechter/gefährlicher/schlimmer“, komischerweise gerade von älteren Menschen, die es eigentlich besser wissen müssten.
Es hilft zwar jetzt niemandem, wenn wir Alten daran erinnern, dass man früher in Irland bei Beerdigungen erschossen wurde
oder dass in den 1970er Jahren Flugzeugentführungen fast an der Tagesordnung waren.
Aber zu wissen, dass wir das damals auch überlebt haben, hilft vielleicht, zu erkennen, dass die Apokalypse nicht gleich um die Ecke kommt, nur weil ein paar Psychopaten groß rauskommen wollen.