Nun, diese Damen waren nicht zufrieden mit einem Sechstausender. Sie wollen jetzt acht Berge in Bolivien besteigen, deren Gipfel jeweils über 6.000 Meter liegen.
In dieser Woche bezwangen sie den Illimani (6.439 m).
Ich bin jetzt bereits seit mehr als einer Woche in La Paz und sehe den alles überragenden Illimani jeden Tag. Immer wieder ein grandioser Anblick.
Aber das Wetter war ziemlich übel in dieser Zeit, mit Regen, Stürmen und einer bitteren Kaltfront. Es war so kalt, dass selbst ich meine Trekkingpläne verschoben habe, und dabei wollte ich nicht einmal bis zum Gipfel.
Respekt für die älteren Damen (sie sind zwischen 42 und 50 Jahre alt), die keine derartigen Bedenken hatten. Wenn man mal über den Wolken ist, stört der Regen aber auch nicht mehr.
1889, das war ein Putsch, als das Militär den brasilianischen Kaiser Pedro II. stürzte und ins Exil zwang.
1964, das war ein Putsch, der zu 20 Jahren Militärdiktatur führte.
2016, das ist ist, entgegen aller anderslautenden Rhetorik und Rufen von „Putsch“ und „Staatsstreich“ nichts dergleichen.
Es ist ein in der Verfassung vorgesehenes Amtsenthebungsverfahren. Zwar ist es ein Riesenzirkus, in dem korrupte und kriminelle Politiker einer nicht der Korruption angeklagten Politikerin haushaltstechnische Vorwürfe machen, die im Vergleich zu allen anderen Vorwürfen im Land unerheblich sind. Zwar ist es traurig für die brasilianische Demokratie, wenn Abgeordnete ihre Entscheidung unter Berufung auf ihre Familien, auf Götter, auf die Militärdiktatur, gegen den Kommunismus oder wie in einem Fall „für Frieden in Jerusalem“ abgeben. Zwar hat das brasilianische Parlament in der Abstimmung offenbart, das es eine noch größere Peinlichkeit als die Fußballnationalmannschaft darstellt (immerhin verlor Präsidentin Rousseff die Abstimmung nicht mit einer Quote von 7 zu 1). Zwar gibt es tatsächlich ein paar Irre in Brasilien, die eine Militärregierung wollen. Zwar ist die Stimmung gefährlich aufgeheizt und das Niveau der politischen Debatte bodenlos.
Aber das alles konstituiert keinen Putsch und keinen Staatsstreich.
Vielmehr ist es ein Symptom von vielem, was in Brasilien im Argen liegt. Nur dass jetzt die ganze Welt das Chaos bemerkt, das Brasilianer, die es sehen wollten, schon die ganze Zeit gekannt hatten. Leider jedoch, und das ist nur eine der vielen Ursachen, sind zwar in den Jahrzehnten des Ölbooms Millionen von Haushalten ökonomisch in die Mittelschicht aufgestiegen, doch hat sich nicht genauso schnell und weitflächig ein politisch aktives Bildungsbürgertum herausgebildet. Ebensowenig eine ausdifferenzierte und unparteiliche Medienlandschaft (überall nur Globo, Globo, Globo). Zudem hat die Regierung Lula den Spielefaktor der Brot-und-Spiele-Strategie dank Fußball-WM und Olympischen Spielen hervorragend ausnützen können, um von den wirtschaftlichen Problemen abzulenken. Das alles sind allerdings keine Probleme, die auf Brasilien beschränkt sind.
Was jedoch speziell für ein Land mit der Vergangenheit Brasiliens gilt: Mit Wörtern wie „Putsch“ und „Staatsstreich“ sollte man vorsichtig umgehen. Man muss es ja nicht heraufbeschwören. Und Ausdrücke wie „Kacke am Dampfen“ genügen doch vollkommen, um die politische Situation Brasiliens angemessen zu beschreiben.
Als ich vorgestern von Cochabamba nach La Paz flog, hing eine dicke Wolkendecke über Bolivien. Ich dachte also, dass ich nicht viel verpassen würde, und schlief ein. Zum Glück wachte ich kurz vor La Paz auf, gerade als wir am Berg Illimani vorbeiflogen, dessen schneebedeckte Gipfel über den Wolken lagen. Ein atemberaubender Anblick.
Meine Kamera war nicht griffbereit, so dass ich dieses Foto mit Euch teile. Vorgestern lag sogar noch mehr Schnee auf den Gipfeln. Es war vollständig weiß über den Wolken.
Mit 6.438 Metern ist das der höchste Berg, den ich bisher gesehen habe. Er hält auch den Rekord für die höchste Kollission eines Flugzeuges mit einem Berg. Trotzdem freue ich mich schon auf den Rückflug, wenn ich hoffentlich selbst ein Foto erheischen werde. Ich muss nur auf einen wolkigen Tag warten.
Aber bis dahin kann ich den Illimani jeden Tag von La Paz aus sehen.
Während der Wanderung von Sucre zu den sieben Wasserfällen kam mir dieser Bus entgegen.
Wie Ihr dem Schild hinter der Windschutzscheibe entnehmen könnt, hatte der Bus noch ca. 150 km bis nach Potosí vor sich. Es ist wirklich ein Jammer, dass kaum jemand in Sucre von der Möglichkeit der bequemen Eisenbahn nach Potosí weiß, aber ich hoffe, dass mein bald darüber erscheinender Artikel dies ändern wird und die Menschen nicht mehr stundenlang den Staub einatmen und frieren müssen. (Es verkehren allerdings auch „normale“ Busse zwischen diesen beiden Städten.)
Jeder kennt das: Man will ein paar Seiten aus einem Buch fotokopieren, weil man es zurück in die Bibliothek bringen muss, aber hat gerade keinen Kopierer zur Hand oder die Sekretärin macht schon wieder blau.
In Sucre in Bolivien ist das kein Problem. Man ruft das „Copi Movil“ und in ein paar Minuten steht der mobile Copy-Shop vor der Haustür. Hier kann man auch seine Dissertation ausdrucken, binden und direkt zur Universität fahren lassen.
Wenn man dem Fahrer genug Geld mitgibt, kommt er in einer Stunde mit der Promotionsurkunde zurück.
Durchschnittlich wird man in Bolivien zweimal pro Woche von einer Marschkapelle geweckt und mindestens einmal in der Woche von einer Marschkapelle und einem Feuerwerk am Einschlafen gehindert. Das ist mir grundsätzlich ganz sympathisch und immer noch besser als die Gesänge der Siebentagesadventisten ab Freitagabend oder die Musik meiner Mitbewohner.
Diesen Mittwoch erwartete ich mangels nationalem, religiösem oder internationalem Feiertag nichts Besonderes, aber in Potosí war zufällig gerade das Jubiläum eines örtlichen Gymnasiums. Schüler- und Lehrerräte hatten wochenlang darüber gebrütet, wie man dieses Jahr feiern wolle und hatten schließlich die kreative Idee: mit Marschmusik und Feuerwerk!
Eine Schule feiert nicht gern allein, so dass auch alle anderen Schulen Potosís eingeladen wurden, eine Marschkapelle zur Verfügung zu stellen, mit denen man gemeinsam mindestens 12 Stunden lang musizierend durch die Stadt ziehen wollte, wobei keine Straße auszulassen war. Kein Wunder, dass sich die Menschen in den Schächten der Minen verstecken.
Ich selbst beendete, als die ersten Trommelwirbel ertönten, schnell mein Abendessen und stürmte hinaus, um das Spektakel für Euch zu filmen. Seht selbst und achtet auf die Schuluniform, die übertrieben zackigen Bewegungen, die Insignien auf den Bannern und den Namen des Gymnasiums.
So, und jetzt mal ehrlich: Wer, zumindest welcher geschichtsbewusste deutsche Leser, fühlt sich hier nicht ein klein wenig an SS-Umzüge erinnert?
Passenderweise alles in schwarz, mit schwarzen Bannern mit deutschen Adlern. (Bolivien hat keinen Adler, sondern den Kondor im Wappen.) Mit der Losung „Ehre – Disziplin – Arbeit“. Der Name der Schule: Marschall-Otto-Braun-Gymnasium. Und das in einer Kleinstadt auf 4.000 Metern Höhe in den Kordilleren. Das weckte meine Neugier!
Da ich aus Erfahrung wusste, dass der Umzug noch stundenlang so weitergehen würde, spazierte ich also in die örtliche Bibliothek und stellte fest, dass mein Geschichtsbewusstsein zeitlich wie geographisch doch arg begrenzt ist. Otto Philipp Braun, in Bolivien genannt Otto Felipe Braun, kam zwar aus Deutschland, hatte aber wirklich nichts mit der SS zu tun. Vielmehr war er 1818 als Zwanzigjähriger zuerst in die USA, dann in die Karibik und weiter nach Südamerika ausgewandert. Von einem Job als Pferdehändler schaffte er es irgendwie zum Kavallerieoffizier in der Armee Simón Bolívars (übrigens bei Weitem nicht als einziger Deutscher oder Europäer). In den Befreiungskriegen gegen die Spanier tat er sich von Schlacht zu Schlacht mehr hervor, wurde befördert und nach dem Krieg Gouverneur von La Paz, Oberbefehlshaber der Streitkräfte und schließlich Kriegsminister in Bolivien.
Steile Karrieren von Einwanderern sind also nicht nur in Nordamerika möglich. Aber wieso kennen wir in Deutschland diese Geschichten nicht?
Da Marschall Braun 1869 verstarb, hatte er nicht einmal etwas mit dem Deutschen Reich zu tun, das zu seinen Lebzeiten noch nicht bestand. Warum also der deutsche Adler und die schwarzen SS-Uniformen? Man kann sich vorstellen, wie das ablief. „Hey, wir sind doch irgendwie eine deutsche Schule. Was sollen wir anziehen?“ „Lederhosen!“ „Zu kalt in Potosí.“ „Hmm, ich gehe mal in die Videothek und hole ein paar Filme über Deutschland.“ Tja, und das waren dann Schindlers Liste und Operation Valkyrie. So bleibt das Deutschlandbild weiterhin bei 1945 stecken.
Der Musikmeister war etwas moderner als der Kostümschneider, so dass eine eigenartige Dissonanz zwischen Repertoire und Aussehen enstand. Eine Marschkapelle in SS-Uniformen spielt „They don’t care about us“ von Michael Jackson.
Aber es wurde noch bizarrer. Eine Rauchgranate wurde gezündet, der Vortänzer wirbelte im grünen Rauch mit seinem Stöckchen, und dann glitt es vollkommen in eine kitschige Las-Vegas-Revue ab.
Jetzt war mir klar, was wirklich als Vorbild gedient hatte: „Springtime for Hitler“ aus dem Film The Producers. Unsicher bin ich mir aber, ob die Parodie beabsichtigt war. Auf der Suche nach weiteren Fotos von dieser Schulband stellte sich heraus, dass die SS-Uniformen relativ neu sind. Vor drei Jahren trat die Marschkapelle des Marschall-Otto-Braun-Gymnasiums in Bolivien noch mit Pickelhauben auf. (Ab Minute 4:40 gibt es sogar simuliertes Maschinengewehrfeuer.)
Wenn also mal bolivianische Schüler zum Austausch nach Deutschland kommen, nehmt Euch bitte Zeit, um die seit 1945 gemachten Fortschritte zu erklären. Und erklärt ihnen behutsam, dass sie nicht mit diesen Uniformen am Flughafen ankommen sollten.