Eine Wanderung entlang der Semmeringbahn

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Auf den ersten Blick sieht die Landschaft in den Wiener Alpen idyllisch aus.

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Aber das Auge des Kenners sieht sofort, dass etwas fehlt: eine Eisenbahn!

Denn wie soll das Volk diese Bilderbuchlandschaft genießen, wenn es nicht vom Hauptbahnhof in Wien dorthin gelangen kann? Es war auch diese Unzufriedenheit mit der Verkehrssituation, die 1848 zum Ausbruch der Revolution führte. Kaiser Ferdinand I., selbst ein Eisenbahnfreund, vernahm den Ruf gerne und veranstaltete einen Ingenieurswettbewerb. Das Glückslos zog Carl von Ghega, ein albanisch-stämmiger, in Venedig geborener, bereits mit 17 Jahren graduierter und promovierter und damit typischer Multikulti-Titelhuberei-Österreicher. Das Problem war nur, er hatte noch nie eine Eisenbahn gebaut. Aber dazu später mehr.

Nun könnte ich als Eisenbahnfreund diese wunderschöne Strecke aus dem Luxus und Komfort des Zugs genießen, aber für fitte Menschen, die den ganzen Tag Zeit haben, gibt es eine bessere Option: einen Wanderweg entlang der Bahnstrecke. Wer sich jetzt denkt, „so eine blöde Idee, immer am Bahndamm entlang zu laufen und am Ende noch überfahren zu werden“, der wird hier hoffentlich eines Besseren belehrt.

Ich beginne die Wanderung in Semmering, dem namensgebenden Ort, der für seine Bedeutung erstaunlich klein ist. Aber früher war hier wohl mehr los, wie die überdimensierten Hotels im Zauberberg-Stil nahelegen. Jetzt werden sie als Senioren- und Pflegeheime oder überhaupt nicht genutzt.

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Die Anzeige am Bahnhof Semmering verspricht Abfahrten nach Mürzzuschlag, Payerbach, Graz, Wien, Ljubljana (Laibach) und Prag. Für ein Dorf mit etwas über 500 Einwohnern sind Zugverbindungen in drei europäische Hauptstädte doch ganz gut.

Aber die Hochzeit des Tourismus scheint Semmering mit einer einfachen Fahrkarte verlassen zu haben, denn als ich mich dem Kurhaus Semmering nähere, merke ich, dass es verwaist und menschenleer ist.

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Im Salon gaibt es weder heiße Schokolade, noch Almdudler. Nur ein paar Mäuse huschen davon.

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Ganz vom Fortschritt geprägt ist hingegen die Eisenbahn. Die alten Züge wurden schon längst ausgetauscht und stehen nur mehr aus musealen Gründen neben der Strecke.

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Wie um zu bestätigen, dass der ambitionierte Fahrplan keine Schimäre ist, rauscht schon der erste hypermoderne Zug vorbei, als ich, einen letzten Schluck aus dem Brunnen genommen habend, Semmering verlasse.

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Bald merke ich, dass der Bahnwanderweg keinesfalls immer an den Gleisen entlang geht. Im schnellen Wechsel finde ich mich mal unter den Gleisen, mal verlaufen diese auf der anderen Seite des Tals, und mal sehe ich von einem Berg oder Aussichtspunkt auf die Eisenbahn hinab, wie Peter Rosegger in seiner Erzählung Als ich das erste Mal auf dem Dampfwagen saß:

Wir gingen über das Stuhleckgebirge, um ja dem Tale nicht in die Nähe zu kommen, in welchem nach der Leut‘ Reden der Teufelswagen auf und ab ging. Als wir aber auf dem hohen Berge standen und hinabschauten auf den Spitalerboden, sahen wir einer scharfen Linie entlang einen Wurm kriechen, der Tabak rauchte.

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Die Orientierung habe ich schon voll verloren, denn die Semmeringbahn verläuft wie ein verknotetes Wollknäuel. Grund dafür ist die schon erwähnte mangelnde Eisenbahnerfahrung des Chefplaners. Ghega wusste nicht, dass man Eisenbahnstrecken am besten gerade baut oder zumindest in weiten Kurven, bei denen die Lokomotive eine hohe Geschwindigkeit beibehalten kann. Er war fasziniert von der Landschaft und wollte den Streckenverlauf in diese einpassen, um ein Gesamtkunstwerk zu schaffen. Sein erklärtes Ziel war es, als erste Eisenbahn zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt zu werden.

So beansprucht die Semmeringbahn eine Länge von 42 km, obwohl die beiden Endpunkte nur 21 km Luftlinie voneinander entfernt sind. Auf dieser Strecke befinden sich 14 Tunnel, 16 Viadukte und über 100 Brücken und Durchlässe. Manche Kurven sind eng wie Haarnadelkurven auf einem Alpenpass. Die Kombination aus Steigung und engem Bogenradius wurde damals von den meisten anderen Ingenieuren als unüberwindbar gehalten.

Aber schön sieht es aus.

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Die Bauarbeiten begannen 1848 und wurden 1854 abgeschlossen. Das sind sechs Jahre, für so ein Großprojekt fast schon ein chinesisches Tempo. Umso beeindruckender ist diese Leistung angesichts dessen, dass der verschlafene Alfred Nobel sein Dynamit erst 1866 und damit viel zu spät für die Semmeringbahn erfand. (Wegen des verlorenen Wettlaufs mit Ghega musste er den Nobelpreis stiften.) Die Tunnel wurden noch mit Schwarzpulver gesprengt. Das so gewonnene Ausbruchmaterial wurde dann gleich für Brücken, Viadukte, Bahnhofsgebäude und Trafiken verwendet. Damit erfand Ghega nicht nur das Recycling, sondern baute die Gebäude entlang der Strecke mit dem aus der Landschaft gewonnen Material und verstärkte so das Zusammenspiel von Natur und Baukunst. (Das wäre eines Architekturnobelpreises würdig gewesen, aber Nobel war so fies, gerade für diese Disziplin keinen Preis auszuloben.)

In einem dieser Streckenwärterhäuschen ist jetzt das Ghega-Museum, aber leider habe ich mir so eine lange Wanderung vorgenommen, dass ich nicht einkehren kann.

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Die Wanderung ist übrigens landschaftlich wunderschön, abwechslungsreich, aber auch eine ziemliche Herausforderung. Ganz ohne Dampfwagen muss ich bergauf, bergab, bergauf, bergab. Jede Station ist eine Versuchung, denn ich könnte einfach den nächsten Zug zurück nach Wien nehmen. Andererseits fürchte ich, schöne Ausblicke zu verpassen, denn immer wieder erspähe ich durch die Bäume oder auf gegenüberliegenden Hügeln schmucke kleine Häuschen.

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Na gut, vielleicht auch etwas größere Häuschen. Die Lage entlang der Handelsroute zwischen Venedig und Wien schien sich für die hier ansässigen Raubritter ausgezahlt zu haben. Man kennt das ja von der Autobahnmaut.

Apropos Verkehr: Ich hatte eigentlich erwartet, den ganzen Tag über nur ein paar Bummelbahnen zu sehen, aber stattdessen zischt alle 15 Minuten ein Zug vorbei. Personen- und Güterzuge am laufenden Band. Die Verkehrswende hin zur Schiene ist im vollen Gang.

Am 20-Schilling-Blick treffe ich einen fotografisch bestens ausgestatteten Herrn aus Japan, der extra für dieses Fotos aus Salzburg angereist ist. Um irgendetwas anderes zu sagen, als dass ich das für übertrieben halte, bemerke ich: „Hier kommen ganz schön viele Züge vorbei, nicht wahr?“ Unbeeindruckt gibt er zurück: „Meinen Sie?“ Naja, wenn man aus Tokio kommt, ist man natürlich anderes gewöhnt.

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Der Ort heißt übrigens 20-Schilling-Blick, weil er auf der Rückseite des entsprechenden Scheines stolz zur Schau gestellt wird, beziehungsweise wurde. Wegen dieser beliebten Banknote bestand Österreich bei der Euro-Einführung darauf, dass auf den Rückseiten der Euroscheine ebenfalls Brücken abgebildet werden.

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20 Alpendollar ist auch etwa der Preis für ein Ticket zurück nach Wien, was ich mir natürlich gerne ersparen würde. Da kommt mir die Topographie entgegen. Weil der Wanderweg immer wieder oberhalb des Schienenstrangs verläuft und weil die Züge in den engen Kurven langsam fahren müssen, sollte es möglich sein, auf einen Güterzug aufzuspringen, wie bei Jack London.

Am einfachsten wäre das Aufsteigen natürlich während eines Halts, aber die Güterzüge rauschen alle durch vom österreichischen Adriahafen in Triest bis nach Wien. Wenn man von einer Brücke auf den fahrenden Zug springt, muss man das richtig gut timen, um nicht exakt zwischen den Waggons zu landen und zermalmt zu werden. Das Dach oder die Ladefläche ist das Ziel.

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Erfahrung damit habe ich bisher keine, aber ich hatte mal Physik in der Schule. Mit Matura kommt man wirklich leichter durchs Leben. Von Galilei, Brecht und Newton weiß ich, dass Objekte unabhängig vom Gewicht gleich schnell fallen, wenn der Luftwiderstand gleich ist. Also sammle ich ein paar Steine ein und lasse sie von der Brücke auf den durchfahrenden Zug fallen, um zu sehen, wo genau der Waggon beim Absprung sein muss, damit der Stein oder ich sicher in der Mitte des Waggons landet.

Weil ich noch schlauer als ein Physiker bin, kalkuliere ich zusätzlich ein, dass ich zwar einen ähnlichen Luftwiderstand wie ein Stein habe, aber einen höheren mentalen Widerstand. Ich werde also nicht ganz ohne Zögern springen, was die Gefahr erhöht, dass ich erst nach der erwünschten Wagenladung von kuscheligen Matratzen oder slowenischen Weihnachtsbäumen aufschlage.

Und dann ist der Zug weg.

Ich bin wohl doch eher ein Theoretiker als ein Praktiker. Wieso gibt es eigentlich für uns keine Baumarktkette? Da könnte man dann stundenlang diskutieren und überlegen, und am Ende geht man doch wieder nur zum Kiosk auf dem Parkplatz und gönnt sich eine Currywurst.

Der Gedanke an ein Abendessen ist es dann auch, der mich Abstand von dem tollkühnen Plan nehmen und ganz konventionell die letzten Kilometer nach Gloggnitz gehen und dort ein Billett nach Wien-Meidling erwerben lässt. „Aber irgendwann springe ich auf einen Güterzug und fahre quer durch Mexiko, ich schwöre es“, denke ich mir noch, als ich zuhause ins Bett falle, ganz erschöpft von tatsächlichen und imaginären Abenteuern.

Praktische Hinweise:

  • Der Bahnwanderweg von Semmering nach Gloggnitz ist gut ausgeschildert, und es gibt eine Menge an lehrreichen Informationstafeln (auf Deutsch und Englisch) und Aussichtspunkten.
  • Eine Alternativroute verläuft von Semmering nach Payerbach oder in die andere Richtung von Semmering nach Mürzzuschlag. Alle Orte sind logischerweise mit dem Zug zu erreichen. Auch zwischendrin könnte man die Wanderung abbrechen und am nächsten Bahnhof in den Zug steigen.
  • Hier gibt es die wesentlichen Informationen und eine Karte. Wer mehr Informationen mit sich tragen will, ist bei diesem Wanderführer an einer guten Adresse.
  • Für die Strecke von Semmering nach Gloggnitz (23 km) habe ich 9 Stunden gebraucht, allerdings mit etlichen und langen Pausen. Wer es kürzer haben will, könnte in Klamm, also nach nur 15 km, aufhören. Damit hättet Ihr auch den schönsten Teil der Wanderung abgedeckt, denn nach Klamm kommen eigentlich keine richtig spektakulären Stellen mehr.
  • Es gibt wenige Orte, wo es Essen und Trinken gibt, also besser ausreichend mitnehmen. Wenn Ihr beim Blunzenwirt in Breitenstein vorbeikommt, bestellt nur etwas zu Trinken. Das Essen dort war das schlechteste, das mir in Österreich untergekommen ist. (Obwohl ich schon selbst hier gekocht habe.)

Links:

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Auswanderungsberatung

Einfach so Auswandern? Das geht in Deutschland nicht. Zuerst muss man sich beraten lassen.

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Zumindest bis 1924 war die Beratung obligatorisch. Verhindert konnte die Auswanderung aber nicht werden, da Artikel 112 der Weimarer Reichsverfassung Auswanderungsfreiheit gewährte.

Das Reichswanderungsamt sollte nicht nur neutral beraten, sondern die Auswanderungswilligen von ihrem Plan abbringen. Insbesondere beruflich Qualifizierte wurden versucht, zum Verbleib in Deutschland zu überreden. Außerdem wollte das Deutsche Reich Einfluss auf die Auswandererströme nehmen und diese vorwiegend nach Südamerika lenken, wo geschlossene Siedlungen von Deutschen und damit die Sicherung des „Deutschtums“ der Auswanderer möglicher als in den USA erschienen.

Tatsächlich gibt es zum Beispiel in Brasilien Städte, die so aussehen. Leicht zu erraten, welche Einwanderergruppe für diesen Kitsch verantwortlich ist. Die Deutschen waren immer die größten Integrationsverweigerer.

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Im Volksmund wurde das Reichswanderungsamt „Amt der verlorenen Worte“ genannt, und Hunderttausende stürmten trotzdem auf die Schiffe nach Nord- und Südamerika.

(Quellen: Good bye Bayern, Grüss Gott America: Auswanderung aus Bayern nach Amerika seit 1683 und Migration und Politik in der Weimarer Republik)

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„München“ von Robert Harris

Robert Harris, ein erfahrener Autor historischer Romane, hat sich des Münchner Abkommens von 1938 angenommen. Damals einigten sich Deutschland und das Vereinigte Königreich, dass Deutschland Teile der Tschechoslowakei annektieren dürfe. Zu jener Zeit glaubte man, dass solch ein Zugeständis zu Lasten der am Abkommen nicht beteiligten Teschoslowakei einen Weltkrieg verhindern würde. Das tat es nicht. Aber damit sage ich Euch nichts Neues.

205Und das ist ein Problem von München. Denn wie erzeugt man Spannung mit einem historischen Ereignis, von dem jeder weiß, wie es ausgegangen ist bzw. dessen Folgen zumindest jeder kennt? Wenn der Autor sich nicht auf Pfade der „alternativen Geschichte“ begeben will, muss er  weniger bekannte Nebenhandlungen thematisieren.

Harris entscheidet sich für zwei Nebenhandlungen, eine reale und eine fiktive. Die Septemberverschwörung ist tatsächlich weniger bekannt, leidet aber unter dem gleichen Schicksal wie das Hauptthema. Wir wissen, dass es 1938 zu keinem Staatsstreich gegen Hitler kam. (Falls Ihr jetzt denkt, „doch, ich kann mich genau daran erinnern“, dann meint Ihr die Operation Walküre von 1944.)

Die fiktionale Nebenhandlung über zwei Diplomaten, einen deutschen und einen britischen, die sich aus dem Studium in Oxford kennen, erschöpft sich im Versuch des Deutschen, den Briten ein Dokument zuzuspielen, ohne dass die anderen Deutschen es bemerken. Und darum dreht sich das ganze Buch. Leute tragen Papiere von einem Büro in ein anderes Büro, kopieren Papiere, versenden Telegramme und erhalten dann die gewünschten Dokumente doch nicht.

Das liest sich genauso langweilig, wie es sich anhört.

Noch schlimmer als die Langweile sind aber die Klischees, vor denen das Buch trieft. Hitlers stimme klingt immer „eisern“, die meisten Nazis sind betrunken oder „stinken nach Stahl, Leder und Schweiß“, und natürlich hatten die beiden Diplomaten einst die selbe Freundin, die sie jetzt wieder treffen, ohne dass dies für die Handlung notwendig oder gar förderlich ist. Es ist eher ein nerviger Nebenschauplatz.

In vielen Rezensionen wurde, vielleicht weil es sonst nichts Gutes über das Buch zu sagen gibt, Harris‘ Rechercheleistung gepriesen. Davon konnte ich nichts erkennen. Dafür, dass Harris im Nachwort schreibt, dass er sich seit 30 Jahren mit dem Münchner Abkommen beschäftigt und sich bei britischen und deutschen Experten für die Unterstützung bedankt, strotzt das Buch noch voller Fehler. Vielleicht hat der deutsche Übersetzer die meisten ausgebügelt, aber ich habe das englische Original gelesen. Darin musste ich mich über falsch geschriebene Orte und über verhunzte Wörter wie  “Liebstandarte” ärgern, sowie mich wundern, dass Hitlers Freundin, ein gewisses “Fräulein Brown”, einen englischen Namen trägt.

Wenn Ihr stattdessen ein wirklich gutes Buch von Robert Harris lesen wollt, empfehle ich Intrige über die Affäre Dreyfus. Es würde mich interessieren, wie Ihr seine Bücher so einschätzt. Bisher kenne ich nur Ghost, das mir zu offensichtlich anti-Blair war, und Vaterland. Letzteres fand ich ganz gut, aber es ist schon Jahrzehnte her, dass ich es gelesen habe, und ich bin mir nicht sicher, ob ich meinem jüngeren Selbst in Geschmacksfragen trauen möchte.

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Granada ist überbewertet

Ich war schon etwas skeptisch, angesichts des Lobs, mit dem Granada überschüttet wird. „Schönste Stadt Spaniens, bestes Beispiel für maurische Architektur in der Welt, atemberaubend, faszinierend, spektakulär, und so weiter.“

Aber als ich dort ankam, naja, seht selbst.

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Zugegeben, die Berge im Hintergrund sahen toll aus, mit den Reflektionen des letzten Lichts der untergehenden Sonne. Aber es war einfach nicht so großartig wie erwartet.

Nicht einmal ein Hotel konnte ich finden.

(Read this warning in English.)

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Venta Micena – Tag 30/30

Heute ist der letzte Tag in Venta Micena.

Ursprünglich dachte ich, dass ich, um abzureisen, ein paar Stunden neben der Straße stehen müsste, bis mich jemand mitnehmen würde. Nicht weil die Menschen nicht hilfsbereit wären, sondern weil nur alle paar Stunden ein Auto vorbeikommt.

Aber dann habe ich gerade noch rechtzeitig entdeckt, dass Venta Micena einen eigenen Flughafen hat.

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¡Hasta luego!


Jetzt hat sich übrigens doch viel mehr Material als für 30 Tage angesammelt, und Ihr werdet in den nächsten Monaten immer mal wieder einen Artikel über Andalusien lesen können. Ich möchte Euch insbesondere die Städte in der Umgebung vorstellen und von der Besteigung einiger Berge berichten. Auch einen Einblick in eine Höhlenwohnung habe ich versprochen. Und dann haben die Katzen auch noch ganz süße Junge bekommen, die ich Euch nicht vorenthalten möchte.

Jetzt interessiert mich Eure Meinung zu der Idee, jeden Tag ein Foto mit allenfalls ein paar Erklärungen zu veröffentlichen, um Euch so an meinem Leben an einem neuen Ort teilhaben zu lassen.

Im Nachhinein kam mir (die besten Ideen kommen ja immer zu spät), dass dies eigentlich perfekt für den Sommer in Wien gewesen wäre. Dort war das Leben auch wesentlich abwechslungsreicher und visuell ansprechender als immer nur Wüste, Berge und Ruinen. In Calgary werde ich es wohl nicht vesuchen, denn jeden Tag einen Haufen Schnee ist ja wirklich langweilig. Außerdem sind drei Monate zu lang für solch ein Projekt.

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Venta Micena – Tag 29/30

Einstmals verlief hier die Grenze zwischen dem arabischen/maurischen al-Andalus und dem Königreich von Murcia. Deshalb stößt man beim Wandern manchmal auf arabische Wachtürme.

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Dokumentation „Rumänien grenzenlos“

Gerade erst im Fernsehen, jetzt schon hier: eine neue Dokumentation über Rumänien, bekanntermaßen eines meiner Lieblingsländer.

Die Salzmine in Turda kennt Ihr vielleicht schon von den Fotos meines Bruders.

Bären könnt Ihr in Rumänien nicht nur im Reservat, sondern auch in freier Wildbahn sehen.

Zu der Waldbahn bin ich leider nicht gekommen, aber eigentlich ist die Eisenbahn in Rumänien überall wie eine Zeitreise.

Dass die Abholzung des Waldes streng nach Gesetz erfolgt, das nehme ich dem Film aber wirlich nicht ab. Das Gegenteil ist gut dokumentiert. Und das alles, weil Menschen in Deutschland und Österreich glauben, sie würden mit Holzpellets umweltfreundlich heizen.

Wenn ich über mein Jahr in Rumänien erzähle, merke ich immer, dass mir niemand glaubt, dass fast alle Menschen dort drei- oder viersprachig sind und dass man auch mit Deutsch ziemlich weit kommt. Gut, dass der Film das auch mehrfach anspricht.

Als der Ziegel- und wahrscheinlich auch Schnapsbrenner erzählte, dass sein Großvater aus Marosvásárhely war, hätte man dazu sagen sollen, dass es sich dabei um Târgu Mureș handelt, weil sonst niemand erkennt, dass er von der sympathischsten Stadt Rumäniens spricht. Auch alle Orte in Rumänien sind nämlich dreisprachig bzw. im Fall von Târgu Mureș sogar verwirrend viersprachig.

Das mit dem Schnapsbrennen ist übrigens keine waghalsige Vermutung, denn jeder in Rumänien brennt Schnaps. Daher auch das Rum in Rumänien. Wer zuhause, auf Busfahrten oder auf Wanderungen keinen eigenen Schnaps anbieten kann, gilt als unfreundlicher Banause. (Die Ceaușescus wurden 1989 erschossen, weil sie dachten, sie hätten das nicht mehr nötig, und mit leeren Händen auf der Weihnachtsfeier aufkreuzten.) Ich war mal mit einer Wandergruppe aus Târgu Mureș unterwegs, wo ich den Eindruck hatte, dass die Wanderung nur als Vorwand zum Grillen und das Grillen nur als Vorwand für Verdauungsschnäpse diente.

Allerdings sind die gesundheitlichen Vorteile des Țuică medizinisch belegt. Wenn Ihr mir nicht glaubt, fragt doch einfach eine rumänische Ärztin. Die findet Ihr auch in Deutschland in jedem Krankenhaus.

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Venta Micena – Tag 28/30

Jetzt weiß ich, wo sich die anderen Bewohner verstecken.

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Venta Micena – Tag 27/30

Manchmal schicken Leser eine Spende, um diesen hochwertigen, unterhaltsamen, hilfreichen und inspirierenden Blog zu unterstützen. Für jede Spende bedanke ich mich mit einer Postkarte.

Weil es in Venta Micena kein Postamt gibt, gehe ich dann zu Fuß 7 km in die nächste Stadt, Orce, obwohl der Pfad durch eine furchteinflößende Schlucht führt.

Der Weg fängt ganz nett an, richtig grün ist es da noch.

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Aber bald trocknet das Tal aus, und die steilen Wände werden höher und bedrohlicher.

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Da alle Seitenarme dieses Canyons gleich aussehen, kann man leicht mal die falsche Abzweigung nehmen. In einer Gegend wie dieser bedeutet das natürlich den sicheren Tod.

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Apropos Tod, am Ende muss ich immer noch an diesem wirklich spukigen Friedhof vorbei.

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Aber für meine geschätzten Leser nehme ich diese Strapazen (und den Rückweg) mindestens einmal pro Woche in Kauf.

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Im Zigarrengeschäft – 50 Jahre später

Donnerstag ist Markttag in Huéscar, und nach dem Obst- und Gemüseeinkauf fehlte nur noch eine Zeitung, am besten El Pais, meine bevorzugte spanische Lektüre. Ich könne sie im Tabakgeschäft finden, hatte man mir gesagt.

Als ich den Laden, gleich um die Ecke von der Kathedrale Santa María la Mayor, betrat, blickte der alte Besitzer in einem karierten Hemd, von dem ein paar Knöpfe zuzuknöpfen vergessen worden waren, nicht einmal von seiner eigenen Zeitungslektüre auf. Aber die Zigarre, die er zwischen seinen Lippen hielt, brachte mich auf einen anderen Gedanken.

„Guten Morgen“, verkündete ich meine Anwesenheit, „Sie haben nicht zufällig Toscano-Zigarren im Sortiment?“

Langsam hob er seinen Kopf und blickte mich durch zugekniffene Augen an, wie wenn er feststellen wollte, ob meine Frage ernst- oder scherzhaft gemeint gewesen war. „Was?“ fragte er.

Toscano-Zigarren. Aus Italien.“

„Aus Italien?“ wiederholte er, wobei sein Gesichtsausdruck so unverändert blieb, wie wenn wir ein Pokerspiel mit sehr hohen Einsätzen spielen würden. „Wie sehen die Dinger denn aus, Junge?“

„Sie sind etwa 10 cm lang, und man bricht sie in zwei Teile.“

Das mag für des Zigarrenrauchens Unkundige komisch klingen, aber den alten Mann spornte es an, sich zu bewegen, wenn auch in Zeitlupe. „Warte hier“, befahl er mit ausgestrecktem Finger und stieg die Treppe in den Keller hinab. Es knarzte gar schrecklich, und ich konnte nicht ausmachen, ob es von der hölzernen Stiege oder von seinen Knochen herrührte.

Nach einer scheinbaren Ewigkeit kam er mit einem alten Pappkarton wieder aus dem Loch im Boden. Es war offensichtlich, dass er gerade den Staub von Jahrzehnten beseitigt hatte, denn die Spinnweben hingen noch an seinem rechten Ärmel.

„Als du erzählt hast, dass man sie in zwei Teile bricht, hat mich das an etwas erinnert“, sagte er, die Schatztruhe fest umklammernd. „Wir hatten mal einen Kunden, nur einen einzigen, der immer große Mengen genau dieser Zigarren bestellte. Er kam einmal im Monat hier hoch und kaufte alle auf, die wir hatten.“

Der Herr zog noch immer an seiner Zigarre und warf die Asche achtlos auf den Boden, während er fortfuhr: „Es war ein großer, gut aussehender Kerl, etwa wie du. Ich war damals noch ein Bub und half meinem Vater im Laden aus, also muss es so in den 60ern gewesen sein.“

„Und, haben Sie noch welche?“ fragte ich gespannt.

Als er die Schachtel öffnete, lagen da sechs Packungen der feinsten Toscano-Zigarren, unberührt. „Die letzte Bestellung holte er nie ab, und ich habe ihn nie wieder gesehen. Keine Ahnung, wer der Typ war und was aus ihm wurde.“

Die Möglichkeit eines Schnäppchens vor Augen, bot ich an, den gesamten Vorrat aufzukaufen.

Nachdem die Transaktion abgeschlossen und ich schon fast über die Schwelle des Ladens in die frische Luft getreten war, die ich nun genüsslich verpesten konnte, rief mir der Besitzer hinterher: „Weißt du, wenn ich mich richtig erinnere, hatte der Kerl genau so einen Hut wie du.“

„So ein Zufall“, sagte ich betont lässig, aber mit einem spitzbübischen Grinsen. Es bestand kaum ein Zweifel daran, wessen Zigarren ich gekauft hatte. In den Jahren 1964, 1965 and 1966 wurden in Andalusien die Filme Für eine Handvoll Dollar, Für ein paar Dollar mehr und Zwei glorreiche Halunken gedreht.

Zurück in Venta Micena, trat ich aus dem Haus (wir Haussitter rauchen niemals im Haus), um die erste der Zigarren zu genießen. Es fühlte sich an, wie wenn ich um 50 Jahre zurückgeworfen wurde. Vielleicht waren die Zigarren aber auch einfach nur stärker geworden, während sie ein halbes Jahrhundert weggesperrt waren.

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(Here, you can read this story in English.)

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