Die Erfindung des Plattenbaus

Vielen wissen das nicht, aber die praktischen Plattenbauten wurden deshalb erfunden, weil man in der DDR beim Umzug die eigenen vier Wände mitnehmen musste. Die Inneneinrichtung hingegen konnte in der Wohnung verbleiben, weil landesweit sowieso jeder das gleiche Sofa und die gleiche Küche hatte.

Beweisfoto aus Karl-Marx-Stadt

Aber die Wände mussten jedes Mal mit in die Umzugskartons, weil darin die personalisierte Überwachungseinrichtung („Wanzen“) installiert war.

In diesem Zusammenhang kamen viele DDR-Bürger unschuldig in den Knast, wenn sie ihre Wohnungen über AirBnB an Touristen vermieteten. Die von den Ausländern durchgeführten Konspirationen wurden dann nämlich den unwissenden Wohnungseigentümern zugerechnet. Das ist wahrscheinlich der Grund dafür, warum auch heute noch im Beitrittsgebiet eine leicht erhöhte Skepsis gegenüber Fremden besteht.

Solche Missverständnisse hätten sich mit einem guten Rechtsanwalt leicht aufklären lassen, aber in der gesamten DDR gab es nur etwa 600 Anwälte. Viel zu wenige!

Immerhin, letzteres Problem ist mittlerweile behoben.

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Hüben und Drüben von Außen betrachtet

Früher, vor Erasmus, war das mit dem akademischen Auslandsaufenthalt noch kompliziert: Visum, Krankenversicherung, Geld wechseln. Außerdem gab es kein Internet, so dass man nicht schon aus der Ferne eine Wohnung suchen konnte. Die erste Woche schlief man also im Hotel und telefonierte täglich die Kleinanzeigen der örtlichen Zeitung ab. Wenn man als ausländischer Student nach Deutschland wollte, trat eine zusätzliche Schwierigkeit hinzu: Man musste sich entscheiden, in welchem der beiden Deutschlands man studieren wollte.

Wen der letzte Satz überrascht, der ist entweder zu jung oder wurde (wie ich) in Westdeutschland sozialisiert, wo man ganz selbstbewusst davon ausging, dass jeder, der es sich aussuchen könne, den Westen dem Osten vorziehen würde. „In die DDR konnte man doch gar nicht so einfach“, werden viele einwerfen, aber ein Tondokument aus dem Jahr 1988 macht diese und weitere meiner diesbezüglichen Annahmen zunichte.

Der Deutschlandfunk interviewte im letzten vollständigen Jahr der deutschen Teilung britische Germanistik-Studentinnen, die Auslandssemester in der BRD und der DDR verbracht hatten, teilweise alternativ, teilweise kumulativ, und so von beiden deutschen Staaten aus erster Hand berichten und vergleichen konnten. Ich empfehle, die Sendung selbst anzuhören. Die erfrischende Offenheit und treffenden Beobachtungen der Studentinnen sind es wert. Und man wird doch immer wieder überrascht, schon von der Tatsache, dass es zwischen der DDR und Großbritannien einen Studentenaustausch gab. Den britischen Studierenden erschien die DDR exotischer als die BRD und letztere konnte man ja immer noch als Tourist bereisen, so dass sich viele von ihnen für den Aufenthalt in einem sozialistischen Land entschieden.

Wie es auch heute noch in Deutschland so ist, fanden die britischen Kolleginnen die BRD-Universitäten als anoyme Masseneinrichtungen vor, in denen sie sich alleingelassen fühlten. Es war schwer, Anschluss oder gar Freunde zu finden. „Die Deutschen hatten kein Interesse, mit uns zu sprechen“, erzählten sie, und viele, die sich derzeit in Deutschland zu integrieren versuchen, nicken wissend. In der DDR hingegen war die Aufnahme besser organisiert, aber auch freundlicher und herzlicher. Die britischen Studentinnen selbst vermuteten, dass es daran gelegen haben mag, dass sie als Westeuropäer in der DDR einen Exotenstatus genossen. Denn sie berichteten auch, dass die Gaststudenten aus „sozialistischen Bruderländern“ (z.B. Bulgaren und Polen) gar nicht brüderlich, sondern mit deutschnationalstolzer Überheblichkeit behandelt wurden.

Jeder, der aus dem Ausland nach Deutschland kommt, hat Angst vor der Bürokratie (auch heute noch). Bürokratisch waren beide Staaten. Aber in der DDR erklärte sich immer jemand bereit, zu helfen, während die in der BRD Studierenden am häufigsten die Sätze „dafür sind wir nicht zuständig“ und „das ist Dein Problem“ hörten.

Besser fanden sie in der BRD aber das Studium an sich. Zwar war die Freiheit an den bundesdeutschen Hochschulen am Anfang verwirrend, aber die Veranstaltungen lagen auf hohem wissenschaftlichen Niveau. In der DDR fühlten sich die Germanistinnen unterfordert und fanden den Unterricht sogar „kindlich“ in seiner antikapitalistischen Propaganda.

Große materielle Unterschiede konnten sie übrigens nicht feststellen. Wie wir im Westen hatten die Britinnen Geschichten von langen Schlagen vor leeren Geschäften in Ostdeutschland gehört und waren dementsprechend überrascht, als sie davon nichts sahen. Sie fanden zwar die Menschen in der BRD materialistischer (wenn sie das in den 1980ern schon feststellten, was würden sie heute sagen?), die Lebensqualität in der DDR aber etwas höher. Dort waren die Restaurants besser und für Durchschnittsbürger zugänglich. Selbst Studenten kochten nicht selbst, sondern gingen essen. Das Mensa-Essen war in beiden deutschen Staaten identisch: „Jeden Tag Kartoffeln, Fleisch und irgendeine Soße. Und in beiden Ländern das gleiche billige Plastikgeschirr. So habe ich mir immer eine Gefängniskantine vorgestellt.“

Außenstehende sind natürlich die idealen Gesprächspartner, um zu eruieren, was die Westdeutschen über die Ostdeutschen und umgekehrt dachten. Die Germanistinnen, die in Großbritannien anscheinend beide deutschen Staaten landeskundlich untersuchten, waren in der BRD schockiert über das mangelnde Wissen, ja das mangelnde Interesse an der DDR. Man hatte ein unumstößliches, negatives Bild, das nicht durch eigene Erfahrungen zustande gekommen war und das man auch gar nicht durch eigene Erfahrungen ins Wanken bringen wollte. Diese Schilderungen kamen mir sehr vertraut vor, denn noch heutzutage entspricht dies dem Osteuropa-Bild vieler Deutscher. Es ist arm, es ist negativ, man will nicht dorthin, man will niemanden von dort kennenlernen, und man will es auch gar nicht besser wissen. Eine der Studentinnen beschrieb, dass sie immer die gleiche Reaktion erhielt, wenn sie in der BRD erzählte, dass sie vorher in der DDR gelebt hatte: „Oh“ und dann Schweigen. Genauso geht es mir, wenn ich in Deutschland von Rumänien oder Litauen erzähle. „Oh“ und dann ein leerer Gesichtsausdruck, der die östlich der Oder-Neisse-Linie leere geistige Landkarte offenbart.

In der DDR hingegen herrschte ein mit der Realität nicht übereinstimmendes positives Westbild vor. Eine lustige Anekdote: Die britischen Jungakademikerinnen erzählten von der Arbeitslosigkeit in Großbritannien. Die ostdeutschen Kommilitonen waren ganz erstaunt, denn „wir haben davon immer in unseren Büchern gelesen, aber wir dachten, das sei antiwestliche Propaganda und haben es nicht geglaubt.“

Am Ende noch ein überraschender Moment (ab Minute 42:25). Die Interviewerin fragt die Studentinnen, die beide deutsche Staaten kennengelernt haben, wo sie lieber arbeiten würden, wenn sie zwischen der BRD und der DDR wählen müssten. Die Wahl ist eindeutig. Diese intelligenten, gebildeten Deutschlandexpertinnen (wie wir dank John le Carré wissen, rekrutierte der britische Geheimdienst damals vorzugsweise Germanisten) entscheiden sich alle für den Staat, der im darauffolgenden Jahr nicht mehr so bestehen wird, auch dank des Beitrags ihrer Kommilitonen.

Der Deutschlandfunk bietet noch drei weitere Sendungen mit Aufnahmen aus dem Jahr 1988, darunter mit Demonstranten aus Wackersdorf und den ersten Hackern jener Zeit.

(Dieser Artikel erschien auch im Freitag.)

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Warum die Demokratiebewegung der DDR keine Chance hatte

Gefunden im Museum Utopie und Alltag in Eisenhüttenstadt.

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Breslau – erster Eindruck

Vor wenigen Jahren, als ich noch jung war, konnte ich problemlos 27 Stunden am Stück mit der Eisenbahn fahren. Und kurz darauf gleich nochmal. Und dann sogar sagenhafte 38 Stunden.

Aber mittlerweile bin ich alt und bequem geworden, so dass ich selbst eine kurze Zugreise ins Baltikum schon in Schlesien unterbrechen muss. Das gilt umso mehr, als es sich um eine Geburtstagsreise handelt, bei der man dummerweise schon wieder ein Jahr älter wird. (Wenn man nicht diesen völkerrechtlichen Trick anwendet.)

So bin ich diesen Sommer in Breslau gelandet, habe mich für einen Zwischenstopp entschieden und bin zwei Tage unvorbereitet und ziellos durch die Stadt gestreunt. Weil ich mich diesmal nicht in die Stadtgeschichte eingelesen hatte, kann ich Euch die langen und langweiligen Ausführungen sparen, und präsentiere Euch einfach ein paar unkommentierte Fotos. Die ersten Eindrücke.

Breslau ist eine ziemlich coole Stadt.

Eine interessante Mischung aus alt und neu. Viel Kultur. Vor allem für die Größe der Stadt erstaunlich wenig Hektik oder Stress. Ich habe mich sehr wohl gefühlt. Also, wenn jemand von Euch in Breslau wohnt und mal einen Katzensitter benötigt, bitte gebt Bescheid!

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Advocatus Diavolo

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Wannsee

Read this in English.

Ich fahre mal wieder mit dem Zug von der Kultur- in die Bundeshauptstadt, von Chemnitz nach Berlin. Weil ich das oft mache und weil mich das Deutschlandticket auf die Regionalzüge verweist, variiere ich die Strecke je nach Lust und Laune. Manchmal steige ich in Elsterwerda um, manchmal in Jüterbog, und heute in Dessau.

Der Zug ist schon ziemlich voll, so dass ich schnell entscheiden muss, zu wem ich mich platziere. Am liebsten setze ich mich zu Menschen mit Büchern. Oder zu alten Menschen, die haben interessante Lebensgeschichten.

Da sehe ich ein junges Paar, erkennbar aus Israel. Sie sprechen Hebräisch, und der Junge trägt eine Kippa. Ich setze mich zu ihnen, schon allein, damit sich beim nächsten Halt kein Antisemit dazugesellt und ihnen die Fahrt vermiest.

Weil ich nicht nur vorausschauend und stets auf das Wohlergehen all meiner Mitmenschen bedacht, sondern auch höflich bin, begrüße ich sie auf Hebräisch. So wissen die beiden Reisenden, dass ich ihre Sprache verstehe, und können ihre Konversation notfalls dementsprechend anpassen, um keine Privat- oder Staatsgeheimnisse auszuplaudern.

Die jugendlichen Reisenden befinden sich jedoch anscheinend auf Flitterwochen, denn sie unterhalten sich ganz ungeniert und verliebt.

Oder sie haben gemerkt, dass mein Hebräisch gar nicht so gut ist. Mittlerweile habe ich das meiste wieder verlernt und verstehe nur mehr die Zahlen, sowie die Wörter für Bier (בירה), Pizza (פיצה) und Kibbutz (קיבוץ). Was man halt so braucht für eine Reise durchs Heilige Land. Und das Wort „אצטרובל“ [itstrubál] für Putzelkuh. Es ist komisch, wie das Gehirn funktioniert. Was ich lernen und memorieren will, das bleibt nicht hängen. Aber dieses Wort, das ich vor mehr als 25 Jahren im Wald von Ben Shemen einmal hörte, das hat sich in einer Gehirnzelle so hartnäckig festgesetzt wie ein israelischer Siedler im Westjordanland.

Fast genauso putzig wie das Wort „אצטרובל“ sind die Namen der Orte, die wir passieren:

Jeber-Bergfrieden.

Bad Belzig.

Borkheide.

Beelitz-Heilstätten.

Oh, jetzt weiß ich endlich, wo dieser berühmte „Lost Place“ ist.

Brandenburg ist wie Oberägypten. Ein paar interessante Ruinen, aber sonst viel Sand und alle paar Jahre eine Überschwemmung. (Oberägypten ist übrigens der Teil von Ägypten, der auf der Karte unten ist. Das ist wie Oberbayern oder Obervolta.)

Ich schweife ein bisschen ab, weil ich das Unvermeidliche hinauszögern möchte. Am liebsten würde ich den Zug umlenken. Denn ich weiß ja, woran wir bald vorbeifahren werden.

„Naja,“ denke ich, „das sind junge Leute. Denen wird das gar nichts mehr sagen.“ Außerdem sind sie sehr glücklich und scherzen miteinander. Wahrscheinlich doch keine Hochzeitsreise, sondern in der schönen Zeit vor diesem fatalen Fehler, den viele Menschen trotz meiner beständigen Warnung begehen.

Falls das jemand für zu negativ empfindet: Ich bin auf dem Weg zum Familiengericht, weil sich zwei Eltern seit Monaten um die Umgangszeiten mit ihrem Sohn streiten. Eigentlich sollten heirats- und vor allem paarungswillige Menschen verpflichtet werden, sich anzusehen, wie schnell Liebe in Hass umschlägt, bevor sie „ja, ich will“ sagen dürfen. Wahrscheinlich sind deshalb die Verfahren beim Familiengericht dem Zugang der Öffentlichkeit entzogen, wie sonst nur Spionageprozesse. Der um die Bevölkerungspyramide besorgte Staat will nicht, dass die Menschen die Wahrheit sehen.

Wilhelmshorst.

Potsdam-Rehbrücke.

Potsdam-Babelsberg.

„Unser nächster Halt ist Berlin-Wannsee. Ausstieg in Fahrtrichtung rechts.“

Das Mädchen neben mir zuckt zusammen: „? ואנזה בגרמניה“ (Wannsee ist in Deutschland?)

Da wird mir klar, dass Wannsee für sie nur einer der vielen Orte des Holocausts ist, über die sie in der Schule gelernt hat. Und weil einige der bekanntesten davon – Auschwitz, Sobibor, Treblinka, Babi Jar, Majdanek – weit im Osten liegen, entsteht manchmal der Eindruck, dass Morden sei weit weg vom Land der Mörder geschehen.

Vielleicht mögen deshalb die Deutschen diese Gedenkstätten in Osteuropa so gerne. Da kann man einmal im Leben pflichtschuldig hinfahren, und sich dann einreden, dass zuhause in Münster oder Bremen oder Fulda niemand etwas vom Holocaust hätte ahnen, geschweige denn wissen können.

Deswegen halte ich nichts davon, alle deutschen Schulklassen nach Auschwitz zu karren, wie es regelmäßig von Bildungspolitikern und Busunternehmern gefordert wird. Die sollen nach Sachsenhausen fahren, wenn sie aus Berlin sind. Nach Dachau, wenn sie aus München sind. Nach Neuengamme, wenn sie aus Hamburg sind. Nach Grafeneck, wenn sie von der Schwäbischen Alb sind. Nach Flossenbürg, wenn sie aus der Oberpfalz sind. Mit Tausenden von Konzentrationslagern, Gestapo-Gefängnissen, Zwangsarbeiterlagern, Euthanasie- und anderen Mordstätten muss man in Deutschland wirklich nicht weit schauen, um zu erkennen, wie allgegenwärtig der Völkermord und andere Verbrechen waren.

Am Bahnhof in Wannsee haben sie seit damals nicht einmal die Schilder ausgetauscht. Es wird mir immer noch unheimlich, jedes Mal wenn ich daran vorbeifahre.

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Juhu, ich bin in Timbuktu!

To the English version.

Kennt Ihr das auch?

Es gibt so Orte, Länder, Städte, in die man schon immer wollte, obwohl man eigentlich kaum etwas darüber weiß. Manchmal geht der Wunsch ewig zurück, wahrscheinlich bis zu irgendwelchen Comics, die man als Kind gelesen hat. Aber die Idee setzt sich fest, gerät manchmal aus dem akuten Blick, aber verschwindet doch nie ganz. Eine unerklärliche, aber tiefe Sehnsucht.

In meinem Fall ist Timbuktu eine dieser Traumstädte, obwohl ich die längste Zeit gar nicht wusste, dass es in Mali liegt. Für uns Europäer, das muss mal selbstkritisch gesagt werden, ist der ganze afrikanische Kontinent ja viel zu oft ein einziges großes, exotisches Land.

Gegen derartige Ignoranz hilft nur das Reisen.

Und endlich bin ich in Timbuktu!

Na gut, noch nicht ganz.

Denn das Foto entstand im ODF-Park in Chemnitz. Die im Boden versenkte Marmorplatte verweist auf die Städtepartnerschaft zwischen der schönsten Stadt Sachsens und der Perle der Sahara.

Eigentlich wurde die Städtepartnerschaft 1968 zwischen Timbuktu und Karl-Marx-Stadt geschlossen. Aber Ihr beendet ja auch keine Freundschaften, nur weil ein Bekannter seinen Namen ändert. Außer natürlich, wenn jemand promoviert und darauf besteht, künftig als Doktor Soundso angesprochen zu werden. Das erinnert mich an eine Geschichte, die ich mal in Osteuropa gehört habe: Eine Akademikerin aus Deutschland, wahrscheinlich Literatur- oder Theaterwissenschaftlerin, ging für ein Jahr nach Russland. Sie bestand beim Einzug in die Wohnung darauf, dass ihr Name auf dem Klingelschild den Zusatz „Dr.“ enthielt. Daraufhin wurde sie regelmäßig mitten in der Nacht aus dem Bett geklingelt, und zwar von Nachbarn, die Antibiotika brauchten oder sich mit Nierenkoliken auf dem Boden wanden. Selber schuld.

Ich jedenfalls bin begeistert, dass Chemnitz so eine sagenhafte Partnerstadt hat. Denn das ist wirklich ein Grund, endlich mal nach Timbuktu zu trampen. Der Hinweis, dass man dazu für 52 Tage die Wüste durchqueren muss, nötigt einem zwar ein bisschen Respekt ab. Aber dann muss ich halt ein paar Dosen Coca-Cola mehr einpacken.

Überhaupt bin ich der Meinung, dass man alle Partnerstädte seiner (Wahl-)Heimatstadt besuchen sollte.

In Chemnitz ist das allerdings eine ziemliche Herausforderung. Nicht nur, weil die Liste ellenlang ist und manche Orte 8.000 km entfernt sind. Stalingrad liegt dummerweise in einem Land, wo man als respektloser Blogger gleich für ein paar Jahre ins Straflager muss. Und Düsseldorf, naja, da will man auch nicht freiwillig hin.

Wie sieht es bei Euch aus? Welche Partnerstädte- oder Regionen hat Eure Heimat? Habt Ihr schon welche davon besucht?

Mein ansonsten unscheinbares Heimatdorf in Bayern hat eine aktive Partnerschaft mit der Region Modi’in in Israel, deren Herzstück ein jährlicher Jugendaustausch ist. Ich war etliche Male dabei, zuerst als Teilnehmer, später als Betreuer. Eine fantastische Erfahrung, von der ich noch Jahrzehnte später profitiert habe, sowohl kulturell wie intellektuell, persönlich wie sprachlich. Also, wenn Ihr Kinder habt, schickt sie hinaus in die weite Welt! (Besser, Ihr bezahlt den Austausch oder das Interrail-Ticket, sonst müssen sich die Kinder als blinde Passagiere durchschlagen.)

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Marx und Engels wünschen einen schönen Herbstausklang

To the English version.

Dies und die weiteren Fotos stammen alle aus dem ODF-Park in Chemnitz.

ODF steht für Opfer des Faschismus, und davon gibt es hier eine ganze Menge. Selbst wenn man die Opfer des Faschismus nicht mitzählt, die sich selbst Gliedmaßen abhacken, um den angeblichen Überfall der Antifa in die Schuhe zu schieben. Aber das sind vielleicht auch eher Opfer ihrer eigenen Dämlichkeit.

Jedenfalls ist der Park besonders jetzt im Herbst ein schöner Ort. Weil die Stadtbibliothek gleich ums Eck liegt, versumpfe ich hier manchmal, nachdem ich mich wieder mit Lesematerial eingedeckt habe.

Und, beim einen oder anderen Foto ist es schon durchgeschimmert, auch die Schulgebäude am Rande des Parks sind beeindruckend. Die Industrieschule (damals die größte Berufsschule in Deutschland) und das Agricola-Gymnasium wurden in den 1920er Jahren eröffnet und sind hervorragend erhaltene Beispiele des Backsteinexpressionismus.

Nur schade, dass man normalerweise die Schulbank drückt, bevor man die Möglichkeit gehabt hat, einen Sinn für Architektur zu entwickeln. Vieles im Leben läuft total falsch herum ab.

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Die Würde des Gerichts ist unantastbar.

Die Mandantin muss zum ersten Mal in ihrem Leben vor Gericht.

Sie war ganz besorgt, weil sie kein Kostüm hatte. Und wie sie sich verhalten solle, und ob sie einen Knicks oder eine Verbeugung machen solle. Ich glaube, sie stellte sich das vor wie beim englischen Königshof, mit Talaren und Perücken, mit Hellebarden und Posaunen.

„Machen Sie sich keine Sorgen“, beruhigte ich sie. „Wir gehen zum Familiengericht. Da geht es locker zu, richtig familiär.“ Wahrscheinlich heißt es deshalb Familiengericht, fällt mir jetzt erst auf.

Das Gericht ist am Marktplatz von Anklam. Ein schöner Ort. Vor allem an einem sonnigen Oktobertag.

Backsteingotik, Hansestadt, Patrizierhäuser, Rathaus, alles sehr schmuck und hübsch.

Wo hier das Gericht sei, frage ich in die Runde der eisessenden Kinder, der sich sonnenden Rentner und der schwatzenden Hausfrauen. Aber sie haben alle ein gesetzestreues Leben geführt und waren noch nie im Leben vor Gericht. Selig sind die Unwissenden.

Also gehe ich ins Rathaus. Bevor jetzt alle Staatsbürgerkundelehrer aufschreien: Ja, ja, mir ist schon bewusst, dass Exekutive und Judikative etwas anderes sind. Aber trotzdem sitzen im Rathaus kundige Menschen, die meist schon sehr lange in ihrer Stadt leben und die sich auskennen.

Tatsächlich: Im Rathaus sagt man mir: „Direkt gegenüber, einfach über den Markt.“

Direkt gegenüber, einfach über den Markt, steht das hässlichste Gebäude in ganz Anklam.

Der angehende Historiker in mir erkennt sofort die einstige Bombenlücke, die unter Verzicht auf jeglichen ästhetischen oder architektonischen Anspruch gefüllt wurde. Manchmal weiß man echt nicht, was schlimmer war, die Bomben oder die Bausünden.

Einkaufszentren sind die deprimierendsten Orte der Welt, finde ich. Kunstlicht wie in der Klapse. Sumsel- und Säuselmusik wie im Fahrstuhl zum Schafott. Flitter und Tand, den keiner braucht. Gelangweilte Verkäuferinnen. Traurige Männer, die Kalorienbomben verkaufen, weil das der einzige Job ist, der im Zeugenschutzprogramm noch frei war. Eltern, die ihre Kinder aussetzen wollen, diese aber leider von dem unterbeschäftigten Wachmann rechtzeitig aufgegriffen werden. Ballerspielautomaten für die Kinder, Geldspielautomaten für die Erwachsenen. In der Ecke ein Plastikbaum, noch mit dem Schmuck für ein längst vergessenes Fest.

Ehrlich, wenn Ihr mal zu gut drauf seid und so richtig traurig und depri und down werden wollt: Geht in ein Einkaufszentrum.

Noch trauriger sind Einkaufszentren in ostdeutschen Kleinstädten, bei denen die Hälfte der Läden schon seit Jahren leer steht. Wie ein Mahnmal für die enttäuschten Hoffnungen auf Konsum und Kommerz, auf Wirtschaftswunder und Warenverkehrsfreiheit.

Und über die Treppe beim Woolworth sowie um ein paar Ecken geht es zum hochehrwürdigen Gericht. In einer, wenn ich das spontan und subjektiv äußern darf, für ein Gericht etwas unüblichen Umgebung.

Aber da kann das Gericht natürlich nichts dafür. Es ist ja nur Mieter. Und die Eigentümer des Einkaufszentrums, wahrscheinlich irgendwelche steuerabschreibenden Wucherwessis, müssen halt vermieten, egal an wen oder was gerade kommt.

Wobei man sich schon fragt, warum das Land Mecklenburg-Vorpommern nicht in jedem Landkreis ein paar Schlösser oder Burgen requiriert, um darin Gerichte und Behörden stilvoll unterzubringen. Für den Landtag haben sie sich ja auch ein schmuckes Gebäude gekrallt.

Weil manche gefragt haben: Dass der Hinweis auf das Büro der Nazipartei hervorgehoben erscheint, hat nichts zu bedeuten. Die sind einfach erst später eingezogen, deshalb ist die Schrift noch weniger verblasst. Ist ja eigentlich logisch, dass es den Angel-Spezi schon länger gibt. Schließlich war der Fluss bereits vor den Faschisten da. Die Peene wird tatsächlich sehr eifrig beangelt und befischt, von früh bis spät, von jung bis alt.

Wenn man es mal durch das Einkaufszentrum geschafft hat, ist das Gericht ganz gemütlich. Die Verhandlungsführung war sehr freundlich, offen und entspannt, so dass die Würde des Gerichts wieder vollumfänglich hergestellt wurde.

Außerdem habe ich am Ende für meine Mandantin einen Unterhaltsanspruch von 4.000 Euro pro Monat zugesprochen bekommen. Davon lässt es sich leben, würde ich sagen.

Links:

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Feld-, Wald- und Wiesenanwalt

Als ich kurz nach Sonnenuntergang nach einer langen Fahrt durch die schaurige Moorlandschaft des Peenetals in der kleinen Hansestadt ankomme, werde ich durch einen polabischen Zauberspruch in einen Wald verwandelt.

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