Welches Land ist so doof, den Nationalfeiertag auf den 3. Oktober zu legen? Auf den grauesten, nieselregnerischsten und rundherum deprimierendsten Tag des Jahres.
Länder, die bei der Bestimmung ihrer hohen und höchsten Feiertage auch den Freizeitwert bedenken, legen diese auf den 4. Juli (USA), auf den 14. Juli (Frankreich) oder auf den 15. August (Italien).
Außer Deutschland begehen nur Österreich, Turkmenistan und die Volksrepublik China ihren Nationalfeiertag im Oktober. Das sagt ja schon alles. Und natürlich Palau, Tuvalu und die Fidschi-Inseln. Aber die liegen auf der Südhalbkugel, wo im Oktober die Kirschbäume blühen, die Krokusse sprießen und die Currywurstbuden am Strand aufmachen.

Und noch ein Land hatte Nationalfeiertag im grauen Oktober: Die DDR feierte sich am 7. Oktober. Die Wiedervereinigung am 3. Oktober begann also damit, dass den Ostdeutschen schon in der ersten Woche ein Feiertag wegrationalisiert wurde. Kein guter Einstieg in so ein Projekt, finde ich.
Ich bin gerade am Bahnhof von Chemnitz. Der Bahnsteig ist voll mit Wandervögeln, die sich vom durchwachsenen Wetter nicht abhalten lassen. Große Rucksäcke, Wanderstöcke, breitkrempige Hüte. Menschen in der dritten oder vierten Lebenshälfte schleppen 20 kg auf dem Rücken und freuen sich auf die Sächsische Schweiz, auf den Malerweg, auf das Riesen-, das Erz- oder das Elbsandsteingebirge. Und natürlich auf den Sächsischen Jakobsweg.
Deutschland ist ein Wanderland, aber in Sachsen wird noch mehr gewandert, gebiwakt und gebooft als anderswo. Soweit ich das beurteilen kann, ist es aber auch wirklich das wanderbarste Bundesland von allen.
Im Zug stehen schon eine Menge Fahrräder, ebenfalls voll bepackt. Eines trägt zur Feier des Tages die schwarz-rot-goldene Deutschlandfahne.
Interessant, wie sich meine Gefühle diesbezüglich geändert haben. Hätte ich früher zusammengezuckt und an Nationalismus gedacht, der im Zusammenhang mit Deutschland regelmäßig in Weltkriegen und Völkermorden und zerstörten Kontinenten endet, so bin ich heute entspannter, ja fast erleichtert. Immerhin eine Deutschlandfahne, keine Reichskriegsflagge oder eine dieser Reichsbürger-Fantasiefahnen.
Ich führe keine Flagge mit mir, aber das Deutschlandticket. Dieser Fahrschein trägt meiner Meinung nach mehr zur nationalen Einheit bei als alle Sonn- und Feiertagsreden. Denn wenn man es einmal hat (und nicht weiß, wie man es wieder stornieren kann), will man es auch nutzen. Man fährt und flitzt von Freiberg nach Freital, braust von Buxtehude nach Bad Schandau, dampft und düst von Detmold nach Dippoldiswalde, eilt von Erkner nach Eisenhüttenstadt, und rast von Radeberg nach Radeburg nach Radebeul.
Noch lieber wäre mir ein Europaticket, für Fahrten bis auf die Färöer-Inseln, Ausflüge auf die Azoren, Exkursionen nach Edinburgh und Reisen nach Reykjavík.
Aber die strenge Schaffnerin im Zug von Chemnitz nach Dresden bringt die Passagiere zurück auf den Boden der kleinteiligen geographischen Einheiten.
„Für das Rad brauchen Sie noch eine Fahrradkarte.“
„Aber in Plauen hat man mir gesagt, das Fahrrad könne kostenlos mitfahren.“
„Ja, in Plauen schon. Das ist der Verkehrsverbund Vogtland VVV. Aber jetzt sind Sie im Verkehrsverbund Mittelsachsen VMS.“
„Oh. Kann ich eine Fahrradkarte für ganz Sachsen kaufen?“
„Wie weit wollen Sie denn?“
„Nach Zittau.“
„Ach du Schreck, da müssen Sie ja auch noch durch den Verkehrsverbund Oberelbe VVO und durch den Verkehrsverbund Oberlausitz-Niederschlesien ZVON.“ Jetzt muss sich auch die Schaffnerin setzen und Kombiangebote, Tarifstreckendistanzumrechnungstabellen sowie das Abkommen der Vereinigung der Sächsischen Verkehrsverbünde zur Feiertagsbeförderung von Zwei- und Dreirädern wälzen.
Im Sommer war ich in Litauen. Die haben am 6. Juli Nationalfeiertag, und da fuhren einfach alle Busse gratis.

Das geht in Deutschland nicht, denn kostenlose Busse, das wäre der Einstieg in den Sozialismus. Danach wollen die Leute wahrscheinlich kostenlose Mittagessen in der Schule, kostenlose Bibliotheken oder vielleicht sogar Lernmittelfreiheit. Alles Teufelszug. Bei uns darf es nur kostenlose Autobahnen geben.
Zurück zu den Verkehrsverbünden: Als jemand, der genau auf der Grenze zweier Verkehrsverbünde (VGN und RVV) aufgewachsen ist, weiß ich um die teilende Wirkung dieser grausamen Grenzziehungen. Wie ein Todesstreifen an der innerdeutschen Mauer zerreißen sie Familien und Freunde. Wie durch ein Minenfeld muss man sich durch die Tarifregeln lavieren. Und wer mit dem falschen Ticket erwischt wird, kommt in den Knast. Wie früher. Nur dass einen jetzt der Rechtsanwalt Vogel nicht mehr freikauft.

Apropos Rechtsanwalt: Ich selbst fahre heute nicht zum Wandern. Auch nicht zum Feiern. Ich bin als Held der Arbeit unterwegs. Im Dienste der Gerechtigkeit. Im Kampf gegen Unterdrückung und Willkür. Allzeit bereit, auch am Feiertag, wenn Leute ihr Leid und Mandanten ihr Mühsal klagen.
Aber dazu später mehr. Wenn es die anwaltliche Verschwiegenheit gestattet.
Am Bahnhof in Dresden fällt mir auf, dass selbst am Nationalfeiertag keine Flaggen zu sehen sind. Eigentlich ist das komisch, aber das meiste Schwarz-Rot-Gold habe ich bisher in Albanien gesehen. Ich war dort während der Fußball-Weltmeisterschaft 2014, und das ganze Skipetarenreich war im Deutschlandtaumel.
Vielleicht sollten wir uns auch noch mit Albanien wiedervereinigen. Dann kämen die genauso schnell und einfach in die EU wie damals die DDR. Keine langwierigen Verhandlungen, keine Kontrollkommissionen, keine Auflagen, keine Wartezeit. Und wir bekämen schöne Berge, eine schöne Küste und noch so einiges Schöne mehr, was ich nicht erwähne, weil dieser Blog Frauen nicht nach ihrem Aussehen beurteilt.
Nur die Vermieterin der kleinen Pension in Tirana, deren Eltern jüdische Nachbarskinder vor den Nazis versteckt hatten, konnte das Ende des Fußball- und Fahnenfiebers kaum erwarten. Aber das ist eine andere Geschichte.
In Dresden suche ich den Zug nach Görlitz und steige in denjenigen, der nach Zgorzelec fährt. Ein Grund, warum ich als jemand, der nationalen Gefühlen eigentlich abhold ist, dennoch von Anfang an vom Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs begeistert war, liegt in der Einbettung der deutschen Wiedervereinigung in die europäische Wiedervereinigung. Ich habe Helmut Kohl nie gewählt, schließlich war ich damals schon bei den Jusos, aber das mit Europa hat der Kanzler schon gut gemacht.
Görlitz/Zgorzelec ist eine tolle Stadt. Vielleicht liegt es daran, dass beide Stadthälften von den Zentren ihrer jeweiligen Länder, ja sogar von der jeweils nächsten Großstadt (Dresden bzw. Breslau) so weit entfernt sind, dass sich eine eigene länderübergreifende Identität herausbildet. Vielleicht gibt es tatsächlich eine schlesische Identität, die selbst die Konferenzen von Jalta und Potsdam nicht brechen konnten. (Da fällt mir die Dissertation von Robert Lorenz ein, und ich bekomme plötzlich Hunger. Wer sie gelesen hat, weiß, was ich meine.)
Jedenfalls gehen die Leute in Görlitz/Zgorzelec ganz selbstverständlich auf einen Kaffee ins andere Land, zum Joggen wieder in ein anderes Land, ins Kino in das eine und zur Pizza danach in das andere Land. Wenn der blöde Fluss nicht da wäre, gäbe es wahrscheinlich noch viel mehr Austausch. Aber irgendwo muss die Neiße ja durchfließen, sonst hätte die Tschechoslowakei keinen Zugang zum Meer, der ihr nach Art. 363 des Versailler Vertrags gewährt wurde.

Die neu installierten Grenzkontrollen versuchen, die Europastimmung ein bisschen zu stören. Aber die Polizisten sind zu freundlich und winken die meisten Autos durch, so dass es keine ernsthaften Staus oder Beschwerden gibt.
Das ganze ist wohl doch weitgehend Symbolpolitik, weil manche glauben, man könne hier Terroristen abfangen. In Wirklichkeit radikalisieren sich Menschen nicht auf Brücken über deutsch-polnischen Grenzflüssen, sondern im Internet. Internetkontrollen wären also wichtiger, sinnvoller und dringender als Grenzkontrollen.
Und die Schmuggler gehen über die nicht kontrollierten Fußgängerbrücken oder schleichen über die Eisenbahnbrücke. Aber bitte nur, wenn gerade kein Zug kommt.

Vor kurzem hatte ich eine Anfrage von einer Familie aus Burma, deren Sohn in Deutschland vom Zug erfasst und getötet worden war. Sie wollten, dass ich der Sache auf den Grund gehe, die Meuchelmörder ermittle und außerdem die Verschiffung des Leichnams nach Burma organisieren würde.
Das ist genau die Art von Fall, für die ich Rechtanwalt geworden bin. Ich sah mich schon mit einer Holzkiste im Frachtraum eines Dampfschiffes. Vom Hafen in Rangun dann mit einem Floß den Irrawaddy-Fluss hinauf, bis nach Mandalay, vorbei an Pagoden und Tempeln. Dort auf einen Eselskarren umsteigen, um den Leichnam über das Arakam-Joma-Gebirge schließlich zu der Familie zu bringen. Auf dem Weg Banditenüberfälle, vielleicht sogar eine Revolution, nicht ohne ein paarmal er- oder zumindest angeschossen zu werden.

Leider hatte die Familie kein Geld, um mich zu bezahlen.
Und deshalb bin ich heute in Görlitz für einen – ich hatte es schon angedeutet – ähnlich dramatischen Fall. Ein seit mehreren Jahrzehnten verheiratetes Ehepaar streitet anlässlich der endlich fälligen Scheidung erbittert darum, wer welche Möbel und Haushaltsgegenstände bekommt.
Bereits seit einem Monat hatte ich immer wieder auf meine Gebühren hingewiesen und dass es sich ökonomisch und finanziell nicht lohnt, mich für die Aufteilung von Teppichen, Tassen und Tupperware zu engagieren.
Jedes Mal hatten beide zugestimmt: „Das ist uns völlig klar. Wir wollen auch gar nicht um solche Kleinigkeiten streiten. Das wäre ja kindisch.“ Und dann stritten sie weiter.
An einem Punkt hatten sie sich schon auf eine Liste geeinigt, aber dann brach Streit darüber aus, wer den Hauptbeitrag zu der Einigung beigetragen hatte. Über den Streit, wer am meisten nachgegeben hatte, zerstob die Einigung.
„Dafür sind wir 1989 nicht auf die Straße gegangen“, dachte ich, bis mir einfiel, dass ich aus dem Westen bin.
Mittlerweile war die Lage so verfahren, dass keiner der beiden überhaupt noch sagen konnte, was die offenen Streitpunkte waren. (Nebenbei geht es auch noch um Luxusimmobilien in aller Welt und um Millionenabfindungen, aber das verblasst alles beim Streit um den Staubsauger.)
In der Hoffnung, dass sie ablehnen würden, hatte ich angeboten: „Wenn es gar nicht anders zu lösen ist, dann muss ich halt am Tag der Deutschen Einheit nach Görlitz kommen und, wenn schon keine Einheit, so hoffentlich doch eine kleine Einigung zu stiften.“
„Ja, sehr gerne“, sagten die beiden, und so bin ich um die Einheitswanderung, den Einheitsmuseumsbesuch und um jede andere Einheitssause gebracht worden.
Nach einigen Stunden, in denen ich mit einem Klemmbrett durch die Wohnung gegangen bin und Kaffeemaschinen, Klaviere und Klobürsten zugeteilt habe wie ein sowjetischer Kommissar, der ein Junkergut auseinandernimmt, bleibt nur noch ein Streitobjekt übrig: der Wäschetrockner.
Als der Streit darüber alle bisher erzielten Verhandlungserfolge zunichte zu machen drohte, so wie damals, als Jassir Arafat in Camp David in letzter Minute plötzlich ganz Jerusalem wollte, denke ich: Jetzt muss ich persönlich werden und meine ganze Autorität und Integrität in die Waagschale werfen, um den zum Greifen nahen Friedensschluss zu retten.
„Eigentlich braucht man gar keinen Wäschetrockner. Ich hänge die Wäsche einfach auf den Balkon“, gebe ich tiefe Einblicke in mein Privatleben preis.
Ich glaube, stolz und überzeugt von meiner Verhandlungsführung, dass ich damit deutlich gemacht habe, dass dieser Streit nicht wert ist, geführt zu werden, und dass sowohl das Land, als auch die Welt, ja sogar der Freistaat Sachsen vor wichtigeren Problemen als vor bügelfreier Bettwäsche stehen.
Aber die Eheleute sehen mich entsetzt an und sagen: „Das ist ja asozial.“
Sie tun es in solcher Einigkeit, dass ich schon fürchte, sie könnten sich versöhnen und die Scheidung absagen.
Einmal ist mir das beim Gericht passiert, dass ein älteres Ehepaar bei der Befragung durch den Richter gar nicht mehr wusste, warum es sich scheiden lassen wollte. Es stellte sich als Missverständnis heraus. Der Richter schickte beide nach Hause und gab ihnen auf den Weg, dass sie öfter miteinander reden sollen. Die Anwälte freuten sich, weil das Rechtsanwaltsvergütungsgesetz in diesem Fall eine zusätzliche Aussöhnungsgebühr (Nr. 1001 RVG-VV) vorsieht.
Ich kürze die Erzählung jetzt ab, weil ich den Zug zurück nach Chemnitz erwischen muss, wo wir zwischen den Plattenbauten einfach ein paar Leinen spannen, an denen alle Nachbarn ihre Wäsche aufhängen können. Görlitz ist schon schön, aber Chemnitz ist cooler.

Die Einigung über den Wäschetrockner habe ich dann übrigens mit einem anderen Trick erreicht. Ich habe einfach gesagt, dass ich selbst der Aufteilung nicht mehr zustimme. „Mir schwant, wie lustig es sein wird, die Sache vor Gericht zu bringen und ellenlange Schriftsätze über Kommoden, Klappstühle und Kandelaber, über Schrankwände, Schaukelstühle und Schreibtische einzureichen. Das Verfahren dauert mindestens ein Jahr, aber es wird ein Fest und ein Feuerwerk, auch für Funk und Fernsehen.“ Und schwuppdiwupp war die Einigung erzielt.
Auf der Rückfahrt versuche ich angestrengt, aus diesem Tag irgendetwas zu ziehen, was sich als Metapher für die deutsch-deutsche Einigung heranziehen ließe. Aber immer wieder unterbricht die Schaffnerin meine Gedanken, wenn sie Passagieren die Tarifzonengrenzen erklärt, und warum das Kombiticket aus dem MDV nur an Wochentagen im VMS gilt, aber nicht für Kinder, und wo und warum und wie oft sich das Tarifgebiet des VGLG mit dem VMT überschneidet und dass man deshalb ganz genau überlegen müsse, welchen Fahrschein man löse. Dazu gäbe es am Bahnsteig ja auch zwei unterschiedliche Automaten.
Und da merke ich endlich, wo ich die Karte der Verkehrsverbünde schon einmal gesehen habe: Im Geschichtsunterricht, als es um die deutsche Kleinstaaterei ging.


Wenn wir mehr als 350 Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges unsere Zugtickets noch immer danach berechnen, wo es früher einen katholischen und wo es einen protestantischen Fürsten gab, dann sind 35 Jahre nach dem Fall der Mauer vielleicht einfach zu wenig, um schon etwas Schlaues über die Wiedervereinigung zu sagen. Es ist nichts weiter als ein schrecklicher Verdacht, aber möglicherweise liegen die Unterschiede zwischen Pasewalk und Passau gar nicht an der DDR und der BRD, sondern an den Differenzen zwischen Preußen und Bayern. (Zu diesem traurigen Thema empfehle ich meine König-Ludwig-Saga.)
Als ich spätabends nach Hause komme, bin ich erleichtert, wieder in meiner spartanischen Wohnung zu sein. Eine Matratze auf dem Boden. Schränke aus dem VEB Möbelkombinat, die der Vormieter zurückgelassen hat. Zwei Stühle, die ich je nach Bedarf ins Büro, in die Küche oder auf den Balkon trage. – Mit weniger materiellem Firlefanz lebt es sich wirklich freier.
Links:
- Mehr Geschichten aus Sachsen und, weil wir jetzt vereinigt sind, aus ganz Deutschland.
- Artikel speziell zur DDR, obwohl ich im vorliegenden Fall das Thema ziemlich verfehlt habe.
- Weitere Einblicke ins Familienrecht.
- Ach ja, hier geht es zu meiner sympathischen Anwaltskanzlei. Am liebsten übernehme ich Fälle in Orten, in denen ich bisher noch nie war und in die ich sonst wohl auch nie gekommen wäre. Mein übernächster Gerichtstermin ist in Anklam. Wenn ich Glück habe, bleibt ein bisschen Zeit für Usedom.










































