Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein.
Wir sitzen am Fluss, und das Mädchen rückt ein bisschen näher, als sie das lange Schweigen unterbricht:
“Andreas, ist das nicht ein wundervoller Sonnenuntergang? Ich bin so froh, dass wir hierher gekommen sind, um diesen Moment gemeinsam zu genießen.”
Wir starren beide weiter in die Ferne, wobei wir wahrscheinlich nicht ganz unähnliche Gedanken und Hoffnungen hegen.
Aber dann kann ich einfach nicht widerstehen:
“Schatz, das ist kein Sonnenuntergang. Die Sonne geht nicht unter, und sie geht nicht auf. Wir sind diejenigen, die sich bewegen, während unser Planet um die Sonne kreist und sich um die eigene Achse dreht. Das erweckt den Eindruck, als ob sich die Sonne bewege, obwohl sie der einzige Fixpunkt in unserem Sonnensystem ist.”
Eine weitere Pause, bevor ich – vielleicht mit zu viel Überheblichkeit in der Stimme – hinzufüge:
“Aber ich dachte, das sei allgemein bekannt.”
Ein paar Sekunden verstreichen, dann blickt sie mich mit traurigen Augen an, steht auf und geht wortlos weg. Ich habe sie nie wieder gesehen.
Diese verdammten Sonnenuntergänge machen wirklich alles kaputt.
Danke an Patrick Logdson für das Buch Südosteuropa – Weltgeschichte einer Region, einen wunderbaren Wälzer, der mich auf der kommenden Balkanreise begleiten wird, sowie für die Freienbibel, ein Handbuch für freie Journalisten.
Die Nachricht von der Anklage gegen zwei ehemalige Wachleute des KZ Stutthof hat mich an das Buch Der Wald der Götter von Balys Sruoga erinnert, der in Stutthof interniert war. Seine Erinnerungen sind trotz des Grauens ironisch bis sarkastisch geraten. Schade, dass das Buch außerhalb Litauens kaum bekannt ist.
Eine völkerrechtliche Besonderheit: Deutschland nimmt diplomatische Beziehungen zu einem Nicht-Staat auf, in diesem Fall zum Souveränen Ritter- und Hospitalorden vom Heiligen Johannes von Jerusalem von Rhodos und von Malta.
Jedes Mal, wenn ich von „Paragraf 116 des Grundgesetzes“ lese, wie kürzlich in der SZ, erinnere ich mich an meinen Aufruf, dass mehr Juristen Journalisten werden sollten – oder die Journalisten sicherheitshalber bei einem Juristen nachfragen sollten. Allerdings machen Zeitungen das auch noch falsch, wenn sie mal bei mir nachfragen.
Auf meinen Reisen gehe ich gerne auf Demonstrationen. Wenn ich die Forderungen unterstützenswert finde, dann sowieso. Aber auch wenn nicht, sind Proteste oder gar Revolutionen ein hervorragender Ort, um etwas über die Dynamik in dem jeweiligen Land zu lernen. Wenn Proteste und Gegenproteste aufeinander treffen, kann man sich gleich ein Bild von zwei Seiten machen.
Zudem bieten Demonstrationen die Gelegenheit, zu beobachten, wie die Staatsgewalt mit den Bürgern umgeht: brutal oder höflich, militaristisch oder zivil, respektvoll oder kriminalisierend. Deutschland steht im Vergleich nicht einmal so gut da. Hier werden oft viel zu früh schwere Geschütze aufgefahren und die Polizisten treten in kämpferischer Montur auf. Wenn dann noch beissende Hunde losgelassen werden, fragt man sich schon, ob das Thema „Deeskalation“ auf der Polizeischule vielleicht zu kurz kam.
Ganz anders in Bolivien: Dort hat die Polizei auch Hunde, aber die beissen niemanden. Ganz im Gegenteil, die Polizei bringt Hunde mit zu hitzigen Demonstrationen, damit beide Konfliktparteien vom Streit über Neuwahlen oder die Abholzung des Regenwalds abgelenkt werden und nur mehr vereint ausrufen: „Ach, guck mal den süßen Hund an!“ Der Hund lässt sich dann streicheln, füttern und fotografieren. Und schon ist wieder Friede auf den Straßen.
Die Funktion des Sensenmannes wurde mir allerdings nicht klar.
Bücher von Schriftstellern darüber zu lesen, wie man Schriftsteller wird, anstatt selbst zu schreiben, das ist Prokrastination auf Metaebene. Um die Ablenkung von der eigenen kreativen Arbeit noch ablenkender zu gestalten, habe ich zwei Autoren in den Ring steigen und gegeneinander antreten lassen: den Bestsellerautor Haruki Murakami mit seinem Von Beruf Schriftsteller und den „Versuch einer intellektuellen Autobiographie“ des polnischen Autors Andrzej Stasiuk, Wie ich Schriftsteller wurde.
Rein organisatorisch legt Murakami ganz professionell vor. Schön gegliedert in elf Kapitel, deren Überschriften „Wie ich Schriftsteller wurde“ oder „Wie schreibe ich einen umfangreichen Roman“ die Hoffnung auf wertvolle oder zumindest motivierende Insidertipps aufkommen lassen. Das Buch von Stasiuk dagegen ist eine optisch abschreckende Bleiwüste. Punkt und Komma kennt er gerade noch, aber der Hebel für den Zeilenumbruch war an seiner Schreibmaschine anscheinend kaputt. 134 Seiten in einem Blocksatz. Keine Kapitel, keine Absätze, das ist doch eine Zumutung.
Also beginne ich mit Murakami.
Für jemanden, der Schriftsteller werden will, ist es zunächst äußerst wichtig, viel zu lesen. Tut mir leid, wenn das banal klingt, aber meines Erachtens ist lesen die wichtigste Übung für einen angehenden Schriftsteller, die er keineswegs vernachlässigen darf. Um einen Roman schreiben zu können, muss man als unbedingte Grundvoraussetzung wissen, wie ein solcher aufgebaut ist. Das ist ebenso selbstverständlich wie die Tatsache, dass man, um ein Omelette zu machen, zuerst einmal die Eier aufschlagen muss.
Ja, das klingt wirklich banal. Selbst mir fällt auf, dass sich das griffiger und weniger umständlich formulieren ließe. Der schiefe Omelettevergleich weckt weder Vertrauen noch Begeisterung.
Was sagt Stasiuk dazu?
Um mich auszulüften, fuhr ich in die Berge. Ich dachte mir, ich arbeite ein bißchen körperlich wie ein richtiger Mann. Die Vorbilder bezog ich aus der Schundliteratur, denn die aus der besseren Literatur waren ungemein kompliziert und im sogenannten Alltagsleben absolut nicht zu realisieren. In den Bergen konnte man in der LPG oder im Wald arbeiten. Ich entschied mich für den Wald, der stand in der romantischen Mythologie doch etwas höher als die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft. Der Förster war sympathisch. Er trank eigentlich mit allen und verließ das Forsthaus praktisch nie. Man könnte sagen, er übte die geistige Schirmherrschaft aus. Er kontrollierte nie, wieviel jemand geschafft hatte. Er glaubte einem aufs Wort und notierte es in den Papieren. Ich wohnte in so einer Baracke, und im Grunde war es ganz in Ordnung. Bei Regen ging ich nicht zur Arbeit, und niemand machte einen an. Damals regnete es viel. Nicht so wie heute. Im ersten Monat regnete es eigentlich ununterbrochen. Ich bekam einen Lohn, daß mir die Knie weich wurden. Die anderen auch. Das waren gute Kumpel, nur nach der Lohnzahlung veränderten sie sich immer, und ich zog für ein paar Tage aus der Baracke aus. Wenn sie keine Kohle mehr hatten, kam ich zurück. Das ging ziemlich schnell. Zum Lesen hatte ich mir Kierkegaard mitgenommen. Furcht und Zittern. Ein guter Titel. Besonders um den Zahltag herum. Eines Tages fand ich Kierkegaard nicht mehr. Der Umschlag lag im Scheißhaus. Ich war zu jung, um die metaphorische Bedeutung dieser Tatsache zu begreifen. Überhaupt war ich damals ziemlich schwach in der übertragenen Deutung der Wirklichkeit.
Das ist schon ein ganz anderer Beat, oder? Mittlerweile ergibt auch der sich über das ganze Buch durchziehende einzige Absatz Sinn, denn bei Stasiuk will ich gar keine Pause machen. Bei Murakami hingegen merke ich schnell, dass ich nur mehr querlese, ein paar Seiten auf einmal umblättere oder zum nächsten Kapitel springe.
Dabei macht Stasiuk genau das, was Murakami empfiehlt:
Als Nächstes – wahrscheinlich auch noch vor dem eigentlichen Schreiben – sollte man sich unbedingt darin üben, Menschen, Dinge und Ereignisse, alles um sich herum, ganz gleich, was es ist, aufmerksam und gründlich zu beobachten. Und es sich durch den Kopf gehen lassen.
Und so weiter, und so weiter, Murakami führt auch diesen Gedanken in mehrfachen Wiederholungen aus, wie wenn er zu einem Doofkopf spräche.
Bei Stasiuk geht das Beobachten (hier im Falle eines einem buddhistischen Guru zugeneigten Freundes) so:
Krosbi wurde ein Jünger von Guru Maharadschi. Er nervte endlos damit. Er bastelte sich einen Altar und machte davor Verbeugungen, Kniebeugen und Liegestütze. Ich war gar nicht dagegen, bis er mir ein Foto seines geistigen Meisters zeigte, da stieg ich aus. Ein Meister, wie ich ihn mir vorstellte, sollte mager sein, sollte etwas von einem Asketen haben, der hier aber war fett wie ein Schwarzhändler, dazu im orangefarbenen Nachthemd. Und grinste wie ein Wonneproppen. Nein. Das war zuviel für mich. Ich war an christlichen Heiligen erzogen, an Alexij, an Simon dem Säulenheiligen, das Ebenbild dieses Schnullergurus riß mich nicht hin.
Murakami nervt unterdessen mit seiner mittlerweile siebten Beteuerung, dass es ihm wirklich, wirklich, wirklich –
Sie müssen mir das einfach glauben!
– überhaupt nichts ausmache, nie den Akutagawa-Literaturpreis gewonnen zu haben. Keine Sekunde glaube ich ihm das. Stasiuk glaube ich alles. Der bekiffte und besoffene Selbstmordversuchvortäuscher –
Mein Kollege Maciek kam auf die Idee, Selbstmord wäre ein guter Ausweg. Ich war einverstanden. Begehen sollte ich ihn in Miedzylesie. Dort findet mich dann eine befreundete Krankenschwester und benachrichtigt sofort den Notarzt, der mich ins Krankenhaus bringt, wo ich als Selbstmörder für unzurechnungsfähig erklärt und auf der Psychiatrie untergebracht werde, alles Weitere in Gottes Hand. Der Plan war so gut wie jeder andere. Maciek behauptete, das sei sicher wie eine Bank, ich würde sogar noch eine Medaille kriegen, vielleicht sogar Kriegsrente. Ich sagte: „Okay, ich mach’s.“
– aus Polen ist glaubwürdiger und authentischer als der disziplinierte Marathonläufer aus Japan. Der Plan, sich verblutend und im Schneehaufen liegend von der Krankenschwester finden zu lassen, ging übrigens nicht ganz auf. Der fahnenflüchtige Stasiuk kam für eineinhalb Jahre ins Gefängnis.
Der Unterschied zwischen den beiden Autoren wird schnell klar: Stasiuk kann schreiben, weil er erzählen kann. Und er kann erzählen, weil er etwas erlebt hat.
Ich jedenfalls war begeistert von einem mir bisher unbekannten Autor und enttäuscht von dem weltbekannten Autor. Gleich heute noch laufe in die Bibliothek, um mir weitere Werke von Stasiuk zu holen. Murakami hingegen kann schreiben was er will, von dem alten Langweiler fasse ich kein Buch mehr an.
Daniel Kehlmann versetzt den bekannten Schalk Tyll Ulenspiegel, der eigentlich im 14. Jahrhundert lebte, in seinem neuen Buch Tyllin den Dreißigjährigen Krieg.
Das klingt nach einer interessanten Idee, historische Romane mag ich grundsätzlich, und die Rezensionen in Presse und Rundfunk waren sich einig voll des überschwenglichen Lobes: Brilliant, tiefgängig, vielschichtig, Realismus mit magischen Einschlägen, meisterlich, Erzählkunst, Neuerfindung des historischen Romans, sprachmächtig, sachkundig, packend, triumphal u.s.w.
Nur, bei mir stellte sich bei der Lektüre keine Begeisterung ein. Zum einen ist Tyll nur bei großzügiger Anwendung des Begriffs Roman ein solcher. Vielmehr ist jedes Kapitel eine Episode, in der historische Personen (Friedrich V., Elisabeth Stuart, der Jesuit Tesimond) in historischen Zusammenhängen (Hexenprozess, Schlacht bei Zusmarshausen, Prager Fenstersturz) eingeführt werden, die in der nächsten Episode dann aber getrost vergessen werden können und auch im weiteren Verlauf keine Rolle mehr spielen.
Ich habe mich durch die ersten Kapitel gemüht, aber richtige Spannung oder ein Interesse für den weiteren Verlauf entsteht nicht. Dass der angebliche Hexer hingerichtet wird, kann man sich schließlich schon im Moment der Anklage denken. Die anderen Figuren kommen eben durch das Ende des ihnen gewidmeten Kapitels um. So bleibt nicht viel Zeit – und auch kein Anlass -, eine Beziehung zu den Akteuren herzustellen.
Nur der namensgebende Klamaukbruder umklammert die Episoden lose. So lose, dass man nicht von einem Faden, schon gar nicht von einem roten sprechen kann. Vielleicht hätte dieses Konzept mit einer sympathischeren Figur funktioniert, aber Tyll Ulenspiegel ist stellenweise ein ziemlicher Kotzbrocken.
Entsprechend meiner Maxime, keine Zeit mit mir nicht zusagenden Büchern zu vergeuden, habe ich die Lektüre nach dem dritten Kapitel abgebrochen.
Vielleicht wollte Daniel Kehlmann an den Erfolg seines historischen Romans Die Vermessung der Welt anknüpfen, aber in dem gab es eine durchgehende Handlung, sympathische Personen und Humor – ein wahrliches Lesevergnügen. Von Tyll würde ich hingegen die Finger lassen. Ich kann mir vorstellen, dass sogar einige Sachbücher über den Dreißigjährigen Krieg spannender sind.
… ist nun bald wieder vorüber. Damit Ihr Euch noch ein bisschen länger an den Farben berauschen könnt, habe ich mal wieder meinen Vater zum Fotografieren geschickt. Er traut sich leider nicht mehr so weit von zu Hause fort (hoffentlich trifft mich das nicht auch im Alter), und so stammen alle Fotos aus der Oberpfalz und dem Bayerischen Wald.
Allerdings sehen das Kulzer Moos und der Herbstwald tatsächlich ein bisschen nach Kanada aus.
Nur anhand der Burgen, Burgruinen und Stadtmauern erkennt man, dass man in Mitteleuropa ist.
Entlang der Flüsse und Seen kann man um diese Jahreszeit schon mückenfrei aber noch sonnenverwöhnt wandern, laufen, lesen und Zigarren rauchen.
Pilze gedeihen in allen Farben und Größen.
Der Landkreis Amberg-Sulzbach hat eine Partnerschaft mit Argyll & Bute in Schottland, die neben dem Schüler- anscheinend auch einen Nutzviehaustausch umfasst.
Zum Herbst passen Friedhöfe, wie hier der Jüdische Friedhof in Sulzbach-Rosenberg, vielleicht noch besser als zu anderen Jahreszeiten.
Wenn man sich auf andere Menschen verlassen muss, wird man gezwungen, offen zu sein und sich mit ihnen abzugeben, was schnell zu einem Gefühl von Freundschaft und Gemeinschaft führt. Eine Person führt zur anderen auf Ihrem Weg oder drängt Sie in eine etwas andere Richtung, als Sie selbst eingeschlagen hätten. Es ist ein Kontrollverlust, aber ein vollkommen lebensbejahender und befreiender Kontrollverlust.
Wenn Sie jedoch eine Menge Geld haben und auf niemandes Hilfe angewiesen sind, können Sie um die ganze Welt reisen, ohne einen einzigen Ortsansässigen kennenzulernen.
Dem kann ich voll und ganz zustimmen.
Hätte ich genug Geld, um immer in Hotels zu übernachten, so wäre ich niemals auf Couchsurfinggekommen, worüber ich eine Menge inspirierende und hilfsbereite Menschen getroffen und deren lustige Geschichten gehört habe. Sie haben meine Reisen viel interessanter gemacht als diese ohne Kontakte vor Ort gewesen wären. Vor ein paar Monaten kam ich zum Beispiel bei einem jungen Couchsurfing-Gastgeber in Abchasien unter, der mich in Galerien und zu Ausstellungen mitnahm und mich mit Künstlern, Wissenschaftlern und sogar dem früheren Außenminister des Landes bekannt mache.
Wäre ich einem Hotel abgestiegen, hätte ich nichts von alledem erlebt. (Bei AirBnB mag das auch manchmal klappen, aber nach meiner Erfahrung haben die Gastgeber dort weniger Zeit/Interesse als Couchsurfing-Gastgeber. Vielleicht liegt das aber auch an der anderen Erwartungshaltung der Gäste.)
Hätte ich genug Geld, um ein Auto zu mieten, würde ich niemals am Straßenrand stehen, den Daumen rausstrecken und darauf hoffen, dass mich Fremde ein Stück mitnehmen. Ein besonders netter Fahrer in Montenegro lud mich sogar zu sich nach Hause ein, bereitete ein Abendessen mit ausreichend Selbstgebranntem und überreichte mir noch einige Geschenke, bevor er mich genau dort absetzte, wo ich hin musste. In Bolivien war es während eines Ausflugs in die Berge schon etwas spät geworden und ich wäre wahrscheinlich erfroren, wenn nicht ein LKW mit Bergarbeitern angehalten hätte, um mich durch ein atemberaubend schönes Tal zu fahren. Der einfachste Ort, um per Anhalter vorwärtszukommen, war bisher die Osterinsel: Autos, Quads und Pick-Up-Trucks hielten manchmal sogar ohne Aufforderung. „Spring rein“, riefen die Fahrer, ohne nach meinem Ziel zu fragen, da alle Straßen sowieso zu der einzigen Siedlung auf der Insel führten.
In Brasilien wurde ich sogar mal in einem Helikopter mitgenommen.
Hätte ich genug Geld für ein Auto, hätte ich nicht eine lange, eiskalte Nacht an einem Bahnhof in Rumänien verbracht, die zu einer unvergesslichen Begegnung führte.
Hätte ich immer genug Geld, um in Restaurants zu essen, würde ich niemals auf dem Markt einkaufen und mein Mittagessen im Park einnehmen, wo sich Menschen zu mir setzen und mir ein Gespräch anhängen. Dieser Kontakt mit Zufallsbekanntschaften, insbesondere mit Armen und Obdachlosen anstatt mit Angehörigen meiner Profession oder meiner sozialen Schicht, ist das Interessanteste am Reisen.
Hätte ich genug Geld für Interkontinentalflüge gehabt, hätte ich nicht schon zweimal den Atlantik auf einem Schiff überquert.
Hätte ich genug Geld, um von einer Hauptstadt in die nächste zu fliegen, würde ich niemals die kleinen Städte und Dörfer dazwischen kennenlernen, diese vergessenen und übersehenen Orte, wo der Müll abgeladen wird und die Armen in Slums hausen und wo die Entwicklung 20 Jahre hinterherhinkt. Mit anderen Worten, ich hätte die Realität nicht gesehen. Ich würde die Welt weniger gut kennen und weniger verstehen.
Ich bin viel auf Bahnhöfen unterwegs, aber noch nie habe ich jemanden fragen gehört „Auf welchem Gleis fährt der Fernzug Joseph Haydn ab?“ Züge sind durch (geschätzte) Abfahrts- und (erhoffte) Ankunftszeiten und durch die End- oder Zwischenhaltestellen ausreichend zu identifizieren und benötigen deshalb, anders als Katzen oder Hunde, keine Namen.
Dennoch hat die Deutsche Bahn entschieden, die ICEs zu „taufen“, wobei natürlich – sehr kreativ in diesem lutherübersättigten Jahr – der antisemitische Fundamentalist als erstes zum und auf den Zug kam.
Gerade hat Deutschlands beliebtestes Transportunternehmen 25 Namen für die ab 2018 fahrenden ICE-Züge der vierten Dimension Generation bekanntgegeben. Da die Liste unkommentiert veröffentlicht wurde, obliegt es mir, zu enthüllen, was die Namen für die Reisenden zu bedeuten haben:
Im Zug Karl Marx wird man statt der gewohnten ersten und zweiten die Proletarier- und die Kapitalistenklasse finden. Da der Lokführer zu ersterer gehört, kann es vorkommen, dass er sich auf halber Strecke der Entfremdung seiner Arbeit bewusst wird und diese hinwirft oder gar zur Oktoberrevolution in die Waggons der Bourgeoisie stürmt. Auf jeden Fall wird Karl Marx bei jedem Arbeitskampf als erstes bestreikt.
Die Lokführer der ICEs Karl Marx und Adolph Kolping sind übrigens bekannt dafür, in der Betriebskantine endlos über den richtigen Weg der Arbeiterklasse aus der Armut zu streiten.
Ihr bucht Eure Fahrt also besser im ICE Konrad Adenauer, der zuverlässig und bis ins hohe Alter immer gen Westen fährt.
Verspätungen wird es mit Hedwig Dohm nie geben. Ganz im Gegentum: Dieser Zug ist seiner Zeit weit voraus.
Wer es gerne laut hat, kann wählen zwischen Ludwig van Beethoven (Musik), Marlene Dietrich, Hildegard Knef (beide Gesang) und Fritz Walter (besoffene, lärmende und gröhlende Fußballfans).
In den Zügen Ludwig Erhard und Thomas Mann darf man endlich wieder Zigarren rauchen!
Wenn ich schon die Gelegenheit gehabt hätte, den vorliegenden, dann natürlich aber vollständig anders – jedenfalls während des genüsslichen Schmauchens einer Zigarre – verfassten Text im holzgetäfelten und geräuschmildernd beteppichten Salon des sich langsam ins Schweizer Hochgebirge schnaufenden Zuges Thomas Mann zu Papier zu bringen, müsste sich der Leser – hoffentlich kuchen- und kaffeegestärkt – durch die Komplexität eines Kursbuches übersteigende (syn)taktische Konstruktionen kämpfen und würde dabei – so die unerschrockene Hoffnung des Autors – von der Gestaltungskraft unserer deutschen Sprache so begeistert werden, dass er (oder sie, aber darauf achtzugeben war zu Zeiten und in der Gedankenwelt des Schriftstellers, der dem Zug seinen Namen und der Nachwelt seinen Stil gestiftet hat, nicht üblich) sich ganz von selbst und aus innerstem und überzeugtestem Antrieb mit je nach Charakter, Begleitung und bis zum entscheidenen Zeitpunkt genossenen Spirituosen sich unterschiedlich Ausdruck verschaffender Intensität und Vehemenz gegen die sprachliche Unsitte ausspräche (die zu von der Eisenbahnaktiengesellschaft, die trotz dieser Rechtsform der Republik und damit doch irgendwie uns allen gehört, in unregelmäßigen Abständen aber nicht ohne eine gewisse Zuverlässigkeit, die sich die Kunden auch in der eigentlichen Kernaktivität des Unternehmens wünschten, bereits frevelhaft begangenen sprachlichen Unsitten hinzu- und diese nicht einmal übertrifft), Dinge und Orte, die an sich schon zweifelsfrei zu identifizieren sind, wie bei Flughäfen und Universitäten zu beobachten, mit Namen von Personen, die entweder längst verstorben sind und sich deshalb nicht dagegen wehren können, oder die noch im Leben stehen, aber im selbigen noch nichts zustande gebracht haben, das ihren Namen ganz von allein und ohne die Reklametätigkeit eines die Hochtechnologie in die entferntesten Winkel des Landes zu tragen suchenden Unternehmens sogleich in aller Munde und alsdann in aller Konversationslexika brächte, noch darauf hoffen können, dies so demnächstig zu tun, dass sie es noch erleben werden, anzustreichen, obwohl doch… Huch, wir sind schon in Davos? Ich muss aussteigen! Auf Wiedersehen, die Herrschaften.
Wer weniger zugeschwafelt, aber dennoch geistreich unterhalten werden will, fährt einfach bei Erich Kästner oder Heinrich Heine mit. In letzterem bekommt man nachts aber kein Auge zu.
Wer es noch lustiger haben will, muss darauf warten, bis die Deutsche Bahn genügend Zugbegleiter durch ein intensives Humortraining gelotst hat, um den ICE Vicco von Bülow vom Stapel zu lassen.
Unbedingt vermeiden sollten Freunde des niveauvollen Humors hingegen den ICE Margarete Steiff, für den Mario Barth schon sein Interesse bekundet hat („Mir ist sogar schon ein Witz eingefallen. Mit ’steif‘! ‚Steif‘, verstehste, ne?“).
Aufgrund der Fluchterfahrungen von Marie Juchacz und Willy Brandt werden diese Züge hauptsächlich auf der Balkanroute eingesetzt, wobei man im ICE Willy Brandt auch mit auf anderen Namen ausgestellten Fahrschein mitgenommen wird. Aber Vorsicht: Der Passagier, der so freundlich anbietet, den Koffer ins Gepäckfach zu heben, könnte ein Spion sein.
Bertha Benz findet sich zwar auf der Liste der Deutschen Bahn, der Name wird aber für den Schienenersatzverkehr freigehalten.
Ob sich Käthe Kollwitz darüber freut, einen Zug zu benennen, in dem zweimals wöchentlich Soldaten das Land durchqueren, um für den Ernstfall das schon besser zu kennen, was sie dann verteidigen sollen?
Wer vorhin bei Thomas Mann überfordert war, für den ist Albert Einstein erst recht nichts. Ich jedenfalls würde in diesem Zug mathematisch und logisch nicht mitkommen und vorzeitig aussteigen.
Im ICE Elisabeth von Thüringen besteht die beste Aussicht darauf, für lau mitfahren zu dürfen. Die Schaffner hier haben besonders viel Mitgefühl. Allerdings wird die Deutsche Bahn nicht lange Freude an diesem Zug haben, weil auch Ungarn Anspruch darauf erhebt.
Der ICE Alexander von Humboldt sollte ein Entdeckerzug sein, ohne feste Route, ohne festen Ankunftsort und ohne Zeitplan. Man fährt einfach los und lässt sich überraschen, da es – mit der richtigen Einstellung – überall interessant ist.
Bei den nach Anne Frank, Dietrich Bonhoeffer und den Geschwistern Scholl benannten Zügen wäre ich vorsichtig und würde lieber nicht bis zur End(lösungs)station sitzenbleiben.
Aber jetzt ganz im Ernst: Die Deutsche Reichsbahn spielte eine wesentliche Rolle beim Holocaust. Gerade das Wissen um die oft tagelangen Deportationen von mitten im damaligen Reichsgebiet gelegenen Bahnhöfen machen die „Wir haben nichts gewusst“-Nachkriegsausrede unglaubwürdig. Dazu gibt es an einigen Bahnhöfen Mahnmale, an denen man aber, insbesondere in der Bahnhofsumgebungen nicht uneigentümlichen Eile, oft gedankenlos vorbeiläuft. Wenn die Benennung von Zügen nach Opfern des Holocaust dazu führt, dass man sich darüber mal wieder Gedanken macht oder gar mit Mitreisenden diskutiert – wofür sich insbesondere der ICE Hannah Arendt anbietet -, dann halte ich das für eine gute Sache.
Ich habe übrigens noch einen Geheimtipp für die Deutsche Bahn: Wenn Ihr einen Zug oder einen Bahnhof nach Heydar Aliyev benennt, wird Aserbaidschan die kompletten Kosten dafür übernehmen.