Wannsee

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Ich fahre mal wieder mit dem Zug von der Kultur- in die Bundeshauptstadt, von Chemnitz nach Berlin. Weil ich das oft mache und weil mich das Deutschlandticket auf die Regionalzüge verweist, variiere ich die Strecke je nach Lust und Laune. Manchmal steige ich in Elsterwerda um, manchmal in Jüterbog, und heute in Dessau.

Der Zug ist schon ziemlich voll, so dass ich schnell entscheiden muss, zu wem ich mich platziere. Am liebsten setze ich mich zu Menschen mit Büchern. Oder zu alten Menschen, die haben interessante Lebensgeschichten.

Da sehe ich ein junges Paar, erkennbar aus Israel. Sie sprechen Hebräisch, und der Junge trägt eine Kippa. Ich setze mich zu ihnen, schon allein, damit sich beim nächsten Halt kein Antisemit dazugesellt und ihnen die Fahrt vermiest.

Weil ich nicht nur vorausschauend und stets auf das Wohlergehen all meiner Mitmenschen bedacht, sondern auch höflich bin, begrüße ich sie auf Hebräisch. So wissen die beiden Reisenden, dass ich ihre Sprache verstehe, und können ihre Konversation notfalls dementsprechend anpassen, um keine Privat- oder Staatsgeheimnisse auszuplaudern.

Die jugendlichen Reisenden befinden sich jedoch anscheinend auf Flitterwochen, denn sie unterhalten sich ganz ungeniert und verliebt.

Oder sie haben gemerkt, dass mein Hebräisch gar nicht so gut ist. Mittlerweile habe ich das meiste wieder verlernt und verstehe nur mehr die Zahlen, sowie die Wörter für Bier (בירה), Pizza (פיצה) und Kibbutz (קיבוץ). Was man halt so braucht für eine Reise durchs Heilige Land. Und das Wort „אצטרובל“ [itstrubál] für Putzelkuh. Es ist komisch, wie das Gehirn funktioniert. Was ich lernen und memorieren will, das bleibt nicht hängen. Aber dieses Wort, das ich vor mehr als 25 Jahren im Wald von Ben Shemen einmal hörte, das hat sich in einer Gehirnzelle so hartnäckig festgesetzt wie ein israelischer Siedler im Westjordanland.

Fast genauso putzig wie das Wort „אצטרובל“ sind die Namen der Orte, die wir passieren:

Jeber-Bergfrieden.

Bad Belzig.

Borkheide.

Beelitz-Heilstätten.

Oh, jetzt weiß ich endlich, wo dieser berühmte „Lost Place“ ist.

Brandenburg ist wie Oberägypten. Ein paar interessante Ruinen, aber sonst viel Sand und alle paar Jahre eine Überschwemmung. (Oberägypten ist übrigens der Teil von Ägypten, der auf der Karte unten ist. Das ist wie Oberbayern oder Obervolta.)

Ich schweife ein bisschen ab, weil ich das Unvermeidliche hinauszögern möchte. Am liebsten würde ich den Zug umlenken. Denn ich weiß ja, woran wir bald vorbeifahren werden.

„Naja,“ denke ich, „das sind junge Leute. Denen wird das gar nichts mehr sagen.“ Außerdem sind sie sehr glücklich und scherzen miteinander. Wahrscheinlich doch keine Hochzeitsreise, sondern in der schönen Zeit vor diesem fatalen Fehler, den viele Menschen trotz meiner beständigen Warnung begehen.

Falls das jemand für zu negativ empfindet: Ich bin auf dem Weg zum Familiengericht, weil sich zwei Eltern seit Monaten um die Umgangszeiten mit ihrem Sohn streiten. Eigentlich sollten heirats- und vor allem paarungswillige Menschen verpflichtet werden, sich anzusehen, wie schnell Liebe in Hass umschlägt, bevor sie „ja, ich will“ sagen dürfen. Wahrscheinlich sind deshalb die Verfahren beim Familiengericht dem Zugang der Öffentlichkeit entzogen, wie sonst nur Spionageprozesse. Der um die Bevölkerungspyramide besorgte Staat will nicht, dass die Menschen die Wahrheit sehen.

Wilhelmshorst.

Potsdam-Rehbrücke.

Potsdam-Babelsberg.

„Unser nächster Halt ist Berlin-Wannsee. Ausstieg in Fahrtrichtung rechts.“

Das Mädchen neben mir zuckt zusammen: „? ואנזה בגרמניה“ (Wannsee ist in Deutschland?)

Da wird mir klar, dass Wannsee für sie nur einer der vielen Orte des Holocausts ist, über die sie in der Schule gelernt hat. Und weil einige der bekanntesten davon – Auschwitz, Sobibor, Treblinka, Babi Jar, Majdanek – weit im Osten liegen, entsteht manchmal der Eindruck, dass Morden sei weit weg vom Land der Mörder geschehen.

Vielleicht mögen deshalb die Deutschen diese Gedenkstätten in Osteuropa so gerne. Da kann man einmal im Leben pflichtschuldig hinfahren, und sich dann einreden, dass zuhause in Münster oder Bremen oder Fulda niemand etwas vom Holocaust hätte ahnen, geschweige denn wissen können.

Deswegen halte ich nichts davon, alle deutschen Schulklassen nach Auschwitz zu karren, wie es regelmäßig von Bildungspolitikern und Busunternehmern gefordert wird. Die sollen nach Sachsenhausen fahren, wenn sie aus Berlin sind. Nach Dachau, wenn sie aus München sind. Nach Neuengamme, wenn sie aus Hamburg sind. Nach Grafeneck, wenn sie von der Schwäbischen Alb sind. Nach Flossenbürg, wenn sie aus der Oberpfalz sind. Mit Tausenden von Konzentrationslagern, Gestapo-Gefängnissen, Zwangsarbeiterlagern, Euthanasie- und anderen Mordstätten muss man in Deutschland wirklich nicht weit schauen, um zu erkennen, wie allgegenwärtig der Völkermord und andere Verbrechen waren.

Am Bahnhof in Wannsee haben sie seit damals nicht einmal die Schilder ausgetauscht. Es wird mir immer noch unheimlich, jedes Mal wenn ich daran vorbeifahre.

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Juhu, ich bin in Timbuktu!

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Kennt Ihr das auch?

Es gibt so Orte, Länder, Städte, in die man schon immer wollte, obwohl man eigentlich kaum etwas darüber weiß. Manchmal geht der Wunsch ewig zurück, wahrscheinlich bis zu irgendwelchen Comics, die man als Kind gelesen hat. Aber die Idee setzt sich fest, gerät manchmal aus dem akuten Blick, aber verschwindet doch nie ganz. Eine unerklärliche, aber tiefe Sehnsucht.

In meinem Fall ist Timbuktu eine dieser Traumstädte, obwohl ich die längste Zeit gar nicht wusste, dass es in Mali liegt. Für uns Europäer, das muss mal selbstkritisch gesagt werden, ist der ganze afrikanische Kontinent ja viel zu oft ein einziges großes, exotisches Land.

Gegen derartige Ignoranz hilft nur das Reisen.

Und endlich bin ich in Timbuktu!

Na gut, noch nicht ganz.

Denn das Foto entstand im ODF-Park in Chemnitz. Die im Boden versenkte Marmorplatte verweist auf die Städtepartnerschaft zwischen der schönsten Stadt Sachsens und der Perle der Sahara.

Eigentlich wurde die Städtepartnerschaft 1968 zwischen Timbuktu und Karl-Marx-Stadt geschlossen. Aber Ihr beendet ja auch keine Freundschaften, nur weil ein Bekannter seinen Namen ändert. Außer natürlich, wenn jemand promoviert und darauf besteht, künftig als Doktor Soundso angesprochen zu werden. Das erinnert mich an eine Geschichte, die ich mal in Osteuropa gehört habe: Eine Akademikerin aus Deutschland, wahrscheinlich Literatur- oder Theaterwissenschaftlerin, ging für ein Jahr nach Russland. Sie bestand beim Einzug in die Wohnung darauf, dass ihr Name auf dem Klingelschild den Zusatz „Dr.“ enthielt. Daraufhin wurde sie regelmäßig mitten in der Nacht aus dem Bett geklingelt, und zwar von Nachbarn, die Antibiotika brauchten oder sich mit Nierenkoliken auf dem Boden wanden. Selber schuld.

Ich jedenfalls bin begeistert, dass Chemnitz so eine sagenhafte Partnerstadt hat. Denn das ist wirklich ein Grund, endlich mal nach Timbuktu zu trampen. Der Hinweis, dass man dazu für 52 Tage die Wüste durchqueren muss, nötigt einem zwar ein bisschen Respekt ab. Aber dann muss ich halt ein paar Dosen Coca-Cola mehr einpacken.

Überhaupt bin ich der Meinung, dass man alle Partnerstädte seiner (Wahl-)Heimatstadt besuchen sollte.

In Chemnitz ist das allerdings eine ziemliche Herausforderung. Nicht nur, weil die Liste ellenlang ist und manche Orte 8.000 km entfernt sind. Stalingrad liegt dummerweise in einem Land, wo man als respektloser Blogger gleich für ein paar Jahre ins Straflager muss. Und Düsseldorf, naja, da will man auch nicht freiwillig hin.

Wie sieht es bei Euch aus? Welche Partnerstädte- oder Regionen hat Eure Heimat? Habt Ihr schon welche davon besucht?

Mein ansonsten unscheinbares Heimatdorf in Bayern hat eine aktive Partnerschaft mit der Region Modi’in in Israel, deren Herzstück ein jährlicher Jugendaustausch ist. Ich war etliche Male dabei, zuerst als Teilnehmer, später als Betreuer. Eine fantastische Erfahrung, von der ich noch Jahrzehnte später profitiert habe, sowohl kulturell wie intellektuell, persönlich wie sprachlich. Also, wenn Ihr Kinder habt, schickt sie hinaus in die weite Welt! (Besser, Ihr bezahlt den Austausch oder das Interrail-Ticket, sonst müssen sich die Kinder als blinde Passagiere durchschlagen.)

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Marx und Engels wünschen einen schönen Herbstausklang

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Dies und die weiteren Fotos stammen alle aus dem ODF-Park in Chemnitz.

ODF steht für Opfer des Faschismus, und davon gibt es hier eine ganze Menge. Selbst wenn man die Opfer des Faschismus nicht mitzählt, die sich selbst Gliedmaßen abhacken, um den angeblichen Überfall der Antifa in die Schuhe zu schieben. Aber das sind vielleicht auch eher Opfer ihrer eigenen Dämlichkeit.

Jedenfalls ist der Park besonders jetzt im Herbst ein schöner Ort. Weil die Stadtbibliothek gleich ums Eck liegt, versumpfe ich hier manchmal, nachdem ich mich wieder mit Lesematerial eingedeckt habe.

Und, beim einen oder anderen Foto ist es schon durchgeschimmert, auch die Schulgebäude am Rande des Parks sind beeindruckend. Die Industrieschule (damals die größte Berufsschule in Deutschland) und das Agricola-Gymnasium wurden in den 1920er Jahren eröffnet und sind hervorragend erhaltene Beispiele des Backsteinexpressionismus.

Nur schade, dass man normalerweise die Schulbank drückt, bevor man die Möglichkeit gehabt hat, einen Sinn für Architektur zu entwickeln. Vieles im Leben läuft total falsch herum ab.

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Die Würde des Gerichts ist unantastbar.

Die Mandantin muss zum ersten Mal in ihrem Leben vor Gericht.

Sie war ganz besorgt, weil sie kein Kostüm hatte. Und wie sie sich verhalten solle, und ob sie einen Knicks oder eine Verbeugung machen solle. Ich glaube, sie stellte sich das vor wie beim englischen Königshof, mit Talaren und Perücken, mit Hellebarden und Posaunen.

„Machen Sie sich keine Sorgen“, beruhigte ich sie. „Wir gehen zum Familiengericht. Da geht es locker zu, richtig familiär.“ Wahrscheinlich heißt es deshalb Familiengericht, fällt mir jetzt erst auf.

Das Gericht ist am Marktplatz von Anklam. Ein schöner Ort. Vor allem an einem sonnigen Oktobertag.

Backsteingotik, Hansestadt, Patrizierhäuser, Rathaus, alles sehr schmuck und hübsch.

Wo hier das Gericht sei, frage ich in die Runde der eisessenden Kinder, der sich sonnenden Rentner und der schwatzenden Hausfrauen. Aber sie haben alle ein gesetzestreues Leben geführt und waren noch nie im Leben vor Gericht. Selig sind die Unwissenden.

Also gehe ich ins Rathaus. Bevor jetzt alle Staatsbürgerkundelehrer aufschreien: Ja, ja, mir ist schon bewusst, dass Exekutive und Judikative etwas anderes sind. Aber trotzdem sitzen im Rathaus kundige Menschen, die meist schon sehr lange in ihrer Stadt leben und die sich auskennen.

Tatsächlich: Im Rathaus sagt man mir: „Direkt gegenüber, einfach über den Markt.“

Direkt gegenüber, einfach über den Markt, steht das hässlichste Gebäude in ganz Anklam.

Der angehende Historiker in mir erkennt sofort die einstige Bombenlücke, die unter Verzicht auf jeglichen ästhetischen oder architektonischen Anspruch gefüllt wurde. Manchmal weiß man echt nicht, was schlimmer war, die Bomben oder die Bausünden.

Einkaufszentren sind die deprimierendsten Orte der Welt, finde ich. Kunstlicht wie in der Klapse. Sumsel- und Säuselmusik wie im Fahrstuhl zum Schafott. Flitter und Tand, den keiner braucht. Gelangweilte Verkäuferinnen. Traurige Männer, die Kalorienbomben verkaufen, weil das der einzige Job ist, der im Zeugenschutzprogramm noch frei war. Eltern, die ihre Kinder aussetzen wollen, diese aber leider von dem unterbeschäftigten Wachmann rechtzeitig aufgegriffen werden. Ballerspielautomaten für die Kinder, Geldspielautomaten für die Erwachsenen. In der Ecke ein Plastikbaum, noch mit dem Schmuck für ein längst vergessenes Fest.

Ehrlich, wenn Ihr mal zu gut drauf seid und so richtig traurig und depri und down werden wollt: Geht in ein Einkaufszentrum.

Noch trauriger sind Einkaufszentren in ostdeutschen Kleinstädten, bei denen die Hälfte der Läden schon seit Jahren leer steht. Wie ein Mahnmal für die enttäuschten Hoffnungen auf Konsum und Kommerz, auf Wirtschaftswunder und Warenverkehrsfreiheit.

Und über die Treppe beim Woolworth sowie um ein paar Ecken geht es zum hochehrwürdigen Gericht. In einer, wenn ich das spontan und subjektiv äußern darf, für ein Gericht etwas unüblichen Umgebung.

Aber da kann das Gericht natürlich nichts dafür. Es ist ja nur Mieter. Und die Eigentümer des Einkaufszentrums, wahrscheinlich irgendwelche steuerabschreibenden Wucherwessis, müssen halt vermieten, egal an wen oder was gerade kommt.

Wobei man sich schon fragt, warum das Land Mecklenburg-Vorpommern nicht in jedem Landkreis ein paar Schlösser oder Burgen requiriert, um darin Gerichte und Behörden stilvoll unterzubringen. Für den Landtag haben sie sich ja auch ein schmuckes Gebäude gekrallt.

Weil manche gefragt haben: Dass der Hinweis auf das Büro der Nazipartei hervorgehoben erscheint, hat nichts zu bedeuten. Die sind einfach erst später eingezogen, deshalb ist die Schrift noch weniger verblasst. Ist ja eigentlich logisch, dass es den Angel-Spezi schon länger gibt. Schließlich war der Fluss bereits vor den Faschisten da. Die Peene wird tatsächlich sehr eifrig beangelt und befischt, von früh bis spät, von jung bis alt.

Wenn man es mal durch das Einkaufszentrum geschafft hat, ist das Gericht ganz gemütlich. Die Verhandlungsführung war sehr freundlich, offen und entspannt, so dass die Würde des Gerichts wieder vollumfänglich hergestellt wurde.

Außerdem habe ich am Ende für meine Mandantin einen Unterhaltsanspruch von 4.000 Euro pro Monat zugesprochen bekommen. Davon lässt es sich leben, würde ich sagen.

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Feld-, Wald- und Wiesenanwalt

Als ich kurz nach Sonnenuntergang nach einer langen Fahrt durch die schaurige Moorlandschaft des Peenetals in der kleinen Hansestadt ankomme, werde ich durch einen polabischen Zauberspruch in einen Wald verwandelt.

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Mein Tag der Deutschen Einheit

Welches Land ist so doof, den Nationalfeiertag auf den 3. Oktober zu legen? Auf den grauesten, nieselregnerischsten und rundherum deprimierendsten Tag des Jahres.

Länder, die bei der Bestimmung ihrer hohen und höchsten Feiertage auch den Freizeitwert bedenken, legen diese auf den 4. Juli (USA), auf den 14. Juli (Frankreich) oder auf den 15. August (Italien).

Außer Deutschland begehen nur Österreich, Turkmenistan und die Volksrepublik China ihren Nationalfeiertag im Oktober. Das sagt ja schon alles. Und natürlich Palau, Tuvalu und die Fidschi-Inseln. Aber die liegen auf der Südhalbkugel, wo im Oktober die Kirschbäume blühen, die Krokusse sprießen und die Currywurstbuden am Strand aufmachen.

(Foto von der Osterinsel, weil ich noch nicht auf Palau, Tuvalu oder Fidschi war.)

Und noch ein Land hatte Nationalfeiertag im grauen Oktober: Die DDR feierte sich am 7. Oktober. Die Wiedervereinigung am 3. Oktober begann also damit, dass den Ostdeutschen schon in der ersten Woche ein Feiertag wegrationalisiert wurde. Kein guter Einstieg in so ein Projekt, finde ich.

Ich bin gerade am Bahnhof von Chemnitz. Der Bahnsteig ist voll mit Wandervögeln, die sich vom durchwachsenen Wetter nicht abhalten lassen. Große Rucksäcke, Wanderstöcke, breitkrempige Hüte. Menschen in der dritten oder vierten Lebenshälfte schleppen 20 kg auf dem Rücken und freuen sich auf die Sächsische Schweiz, auf den Malerweg, auf das Riesen-, das Erz- oder das Elbsandsteingebirge. Und natürlich auf den Sächsischen Jakobsweg.

Deutschland ist ein Wanderland, aber in Sachsen wird noch mehr gewandert, gebiwakt und gebooft als anderswo. Soweit ich das beurteilen kann, ist es aber auch wirklich das wanderbarste Bundesland von allen.

Im Zug stehen schon eine Menge Fahrräder, ebenfalls voll bepackt. Eines trägt zur Feier des Tages die schwarz-rot-goldene Deutschlandfahne.

Interessant, wie sich meine Gefühle diesbezüglich geändert haben. Hätte ich früher zusammengezuckt und an Nationalismus gedacht, der im Zusammenhang mit Deutschland regelmäßig in Weltkriegen und Völkermorden und zerstörten Kontinenten endet, so bin ich heute entspannter, ja fast erleichtert. Immerhin eine Deutschlandfahne, keine Reichskriegsflagge oder eine dieser Reichsbürger-Fantasiefahnen.

Ich führe keine Flagge mit mir, aber das Deutschlandticket. Dieser Fahrschein trägt meiner Meinung nach mehr zur nationalen Einheit bei als alle Sonn- und Feiertagsreden. Denn wenn man es einmal hat (und nicht weiß, wie man es wieder stornieren kann), will man es auch nutzen. Man fährt und flitzt von Freiberg nach Freital, braust von Buxtehude nach Bad Schandau, dampft und düst von Detmold nach Dippoldiswalde, eilt von Erkner nach Eisenhüttenstadt, und rast von Radeberg nach Radeburg nach Radebeul.

Noch lieber wäre mir ein Europaticket, für Fahrten bis auf die Färöer-Inseln, Ausflüge auf die Azoren, Exkursionen nach Edinburgh und Reisen nach Reykjavík.

Aber die strenge Schaffnerin im Zug von Chemnitz nach Dresden bringt die Passagiere zurück auf den Boden der kleinteiligen geographischen Einheiten.

„Für das Rad brauchen Sie noch eine Fahrradkarte.“

„Aber in Plauen hat man mir gesagt, das Fahrrad könne kostenlos mitfahren.“

„Ja, in Plauen schon. Das ist der Verkehrsverbund Vogtland VVV. Aber jetzt sind Sie im Verkehrsverbund Mittelsachsen VMS.“

„Oh. Kann ich eine Fahrradkarte für ganz Sachsen kaufen?“

„Wie weit wollen Sie denn?“

„Nach Zittau.“

„Ach du Schreck, da müssen Sie ja auch noch durch den Verkehrsverbund Oberelbe VVO und durch den Verkehrsverbund Oberlausitz-Niederschlesien ZVON.“ Jetzt muss sich auch die Schaffnerin setzen und Kombiangebote, Tarifstreckendistanzumrechnungstabellen sowie das Abkommen der Vereinigung der Sächsischen Verkehrsverbünde zur Feiertagsbeförderung von Zwei- und Dreirädern wälzen.

Im Sommer war ich in Litauen. Die haben am 6. Juli Nationalfeiertag, und da fuhren einfach alle Busse gratis.

Das geht in Deutschland nicht, denn kostenlose Busse, das wäre der Einstieg in den Sozialismus. Danach wollen die Leute wahrscheinlich kostenlose Mittagessen in der Schule, kostenlose Bibliotheken oder vielleicht sogar Lernmittelfreiheit. Alles Teufelszug. Bei uns darf es nur kostenlose Autobahnen geben.

Zurück zu den Verkehrsverbünden: Als jemand, der genau auf der Grenze zweier Verkehrsverbünde (VGN und RVV) aufgewachsen ist, weiß ich um die teilende Wirkung dieser grausamen Grenzziehungen. Wie ein Todesstreifen an der innerdeutschen Mauer zerreißen sie Familien und Freunde. Wie durch ein Minenfeld muss man sich durch die Tarifregeln lavieren. Und wer mit dem falschen Ticket erwischt wird, kommt in den Knast. Wie früher. Nur dass einen jetzt der Rechtsanwalt Vogel nicht mehr freikauft.

„Will noch jemand Ossis kaufen?“

Apropos Rechtsanwalt: Ich selbst fahre heute nicht zum Wandern. Auch nicht zum Feiern. Ich bin als Held der Arbeit unterwegs. Im Dienste der Gerechtigkeit. Im Kampf gegen Unterdrückung und Willkür. Allzeit bereit, auch am Feiertag, wenn Leute ihr Leid und Mandanten ihr Mühsal klagen.

Aber dazu später mehr. Wenn es die anwaltliche Verschwiegenheit gestattet.

Am Bahnhof in Dresden fällt mir auf, dass selbst am Nationalfeiertag keine Flaggen zu sehen sind. Eigentlich ist das komisch, aber das meiste Schwarz-Rot-Gold habe ich bisher in Albanien gesehen. Ich war dort während der Fußball-Weltmeisterschaft 2014, und das ganze Skipetarenreich war im Deutschlandtaumel.

Vielleicht sollten wir uns auch noch mit Albanien wiedervereinigen. Dann kämen die genauso schnell und einfach in die EU wie damals die DDR. Keine langwierigen Verhandlungen, keine Kontrollkommissionen, keine Auflagen, keine Wartezeit. Und wir bekämen schöne Berge, eine schöne Küste und noch so einiges Schöne mehr, was ich nicht erwähne, weil dieser Blog Frauen nicht nach ihrem Aussehen beurteilt.

Nur die Vermieterin der kleinen Pension in Tirana, deren Eltern jüdische Nachbarskinder vor den Nazis versteckt hatten, konnte das Ende des Fußball- und Fahnenfiebers kaum erwarten. Aber das ist eine andere Geschichte.

In Dresden suche ich den Zug nach Görlitz und steige in denjenigen, der nach Zgorzelec fährt. Ein Grund, warum ich als jemand, der nationalen Gefühlen eigentlich abhold ist, dennoch von Anfang an vom Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs begeistert war, liegt in der Einbettung der deutschen Wiedervereinigung in die europäische Wiedervereinigung. Ich habe Helmut Kohl nie gewählt, schließlich war ich damals schon bei den Jusos, aber das mit Europa hat der Kanzler schon gut gemacht.

Görlitz/Zgorzelec ist eine tolle Stadt. Vielleicht liegt es daran, dass beide Stadthälften von den Zentren ihrer jeweiligen Länder, ja sogar von der jeweils nächsten Großstadt (Dresden bzw. Breslau) so weit entfernt sind, dass sich eine eigene länderübergreifende Identität herausbildet. Vielleicht gibt es tatsächlich eine schlesische Identität, die selbst die Konferenzen von Jalta und Potsdam nicht brechen konnten. (Da fällt mir die Dissertation von Robert Lorenz ein, und ich bekomme plötzlich Hunger. Wer sie gelesen hat, weiß, was ich meine.)

Jedenfalls gehen die Leute in Görlitz/Zgorzelec ganz selbstverständlich auf einen Kaffee ins andere Land, zum Joggen wieder in ein anderes Land, ins Kino in das eine und zur Pizza danach in das andere Land. Wenn der blöde Fluss nicht da wäre, gäbe es wahrscheinlich noch viel mehr Austausch. Aber irgendwo muss die Neiße ja durchfließen, sonst hätte die Tschechoslowakei keinen Zugang zum Meer, der ihr nach Art. 363 des Versailler Vertrags gewährt wurde.

Die neu installierten Grenzkontrollen versuchen, die Europastimmung ein bisschen zu stören. Aber die Polizisten sind zu freundlich und winken die meisten Autos durch, so dass es keine ernsthaften Staus oder Beschwerden gibt.

Das ganze ist wohl doch weitgehend Symbolpolitik, weil manche glauben, man könne hier Terroristen abfangen. In Wirklichkeit radikalisieren sich Menschen nicht auf Brücken über deutsch-polnischen Grenzflüssen, sondern im Internet. Internetkontrollen wären also wichtiger, sinnvoller und dringender als Grenzkontrollen.

Und die Schmuggler gehen über die nicht kontrollierten Fußgängerbrücken oder schleichen über die Eisenbahnbrücke. Aber bitte nur, wenn gerade kein Zug kommt.

Vor kurzem hatte ich eine Anfrage von einer Familie aus Burma, deren Sohn in Deutschland vom Zug erfasst und getötet worden war. Sie wollten, dass ich der Sache auf den Grund gehe, die Meuchelmörder ermittle und außerdem die Verschiffung des Leichnams nach Burma organisieren würde.

Das ist genau die Art von Fall, für die ich Rechtanwalt geworden bin. Ich sah mich schon mit einer Holzkiste im Frachtraum eines Dampfschiffes. Vom Hafen in Rangun dann mit einem Floß den Irrawaddy-Fluss hinauf, bis nach Mandalay, vorbei an Pagoden und Tempeln. Dort auf einen Eselskarren umsteigen, um den Leichnam über das Arakam-Joma-Gebirge schließlich zu der Familie zu bringen. Auf dem Weg Banditenüberfälle, vielleicht sogar eine Revolution, nicht ohne ein paarmal er- oder zumindest angeschossen zu werden.

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Leider hatte die Familie kein Geld, um mich zu bezahlen.

Und deshalb bin ich heute in Görlitz für einen – ich hatte es schon angedeutet – ähnlich dramatischen Fall. Ein seit mehreren Jahrzehnten verheiratetes Ehepaar streitet anlässlich der endlich fälligen Scheidung erbittert darum, wer welche Möbel und Haushaltsgegenstände bekommt.

Bereits seit einem Monat hatte ich immer wieder auf meine Gebühren hingewiesen und dass es sich ökonomisch und finanziell nicht lohnt, mich für die Aufteilung von Teppichen, Tassen und Tupperware zu engagieren.

Jedes Mal hatten beide zugestimmt: „Das ist uns völlig klar. Wir wollen auch gar nicht um solche Kleinigkeiten streiten. Das wäre ja kindisch.“ Und dann stritten sie weiter.

An einem Punkt hatten sie sich schon auf eine Liste geeinigt, aber dann brach Streit darüber aus, wer den Hauptbeitrag zu der Einigung beigetragen hatte. Über den Streit, wer am meisten nachgegeben hatte, zerstob die Einigung.

„Dafür sind wir 1989 nicht auf die Straße gegangen“, dachte ich, bis mir einfiel, dass ich aus dem Westen bin.

Mittlerweile war die Lage so verfahren, dass keiner der beiden überhaupt noch sagen konnte, was die offenen Streitpunkte waren. (Nebenbei geht es auch noch um Luxusimmobilien in aller Welt und um Millionenabfindungen, aber das verblasst alles beim Streit um den Staubsauger.)

In der Hoffnung, dass sie ablehnen würden, hatte ich angeboten: „Wenn es gar nicht anders zu lösen ist, dann muss ich halt am Tag der Deutschen Einheit nach Görlitz kommen und, wenn schon keine Einheit, so hoffentlich doch eine kleine Einigung zu stiften.“

„Ja, sehr gerne“, sagten die beiden, und so bin ich um die Einheitswanderung, den Einheitsmuseumsbesuch und um jede andere Einheitssause gebracht worden.

Nach einigen Stunden, in denen ich mit einem Klemmbrett durch die Wohnung gegangen bin und Kaffeemaschinen, Klaviere und Klobürsten zugeteilt habe wie ein sowjetischer Kommissar, der ein Junkergut auseinandernimmt, bleibt nur noch ein Streitobjekt übrig: der Wäschetrockner.

Als der Streit darüber alle bisher erzielten Verhandlungserfolge zunichte zu machen drohte, so wie damals, als Jassir Arafat in Camp David in letzter Minute plötzlich ganz Jerusalem wollte, denke ich: Jetzt muss ich persönlich werden und meine ganze Autorität und Integrität in die Waagschale werfen, um den zum Greifen nahen Friedensschluss zu retten.

„Eigentlich braucht man gar keinen Wäschetrockner. Ich hänge die Wäsche einfach auf den Balkon“, gebe ich tiefe Einblicke in mein Privatleben preis.

Ich glaube, stolz und überzeugt von meiner Verhandlungsführung, dass ich damit deutlich gemacht habe, dass dieser Streit nicht wert ist, geführt zu werden, und dass sowohl das Land, als auch die Welt, ja sogar der Freistaat Sachsen vor wichtigeren Problemen als vor bügelfreier Bettwäsche stehen.

Aber die Eheleute sehen mich entsetzt an und sagen: „Das ist ja asozial.“

Sie tun es in solcher Einigkeit, dass ich schon fürchte, sie könnten sich versöhnen und die Scheidung absagen.

Einmal ist mir das beim Gericht passiert, dass ein älteres Ehepaar bei der Befragung durch den Richter gar nicht mehr wusste, warum es sich scheiden lassen wollte. Es stellte sich als Missverständnis heraus. Der Richter schickte beide nach Hause und gab ihnen auf den Weg, dass sie öfter miteinander reden sollen. Die Anwälte freuten sich, weil das Rechtsanwaltsvergütungsgesetz in diesem Fall eine zusätzliche Aussöhnungsgebühr (Nr. 1001 RVG-VV) vorsieht.

Ich kürze die Erzählung jetzt ab, weil ich den Zug zurück nach Chemnitz erwischen muss, wo wir zwischen den Plattenbauten einfach ein paar Leinen spannen, an denen alle Nachbarn ihre Wäsche aufhängen können. Görlitz ist schon schön, aber Chemnitz ist cooler.

Die Einigung über den Wäschetrockner habe ich dann übrigens mit einem anderen Trick erreicht. Ich habe einfach gesagt, dass ich selbst der Aufteilung nicht mehr zustimme. „Mir schwant, wie lustig es sein wird, die Sache vor Gericht zu bringen und ellenlange Schriftsätze über Kommoden, Klappstühle und Kandelaber, über Schrankwände, Schaukelstühle und Schreibtische einzureichen. Das Verfahren dauert mindestens ein Jahr, aber es wird ein Fest und ein Feuerwerk, auch für Funk und Fernsehen.“ Und schwuppdiwupp war die Einigung erzielt.

Auf der Rückfahrt versuche ich angestrengt, aus diesem Tag irgendetwas zu ziehen, was sich als Metapher für die deutsch-deutsche Einigung heranziehen ließe. Aber immer wieder unterbricht die Schaffnerin meine Gedanken, wenn sie Passagieren die Tarifzonengrenzen erklärt, und warum das Kombiticket aus dem MDV nur an Wochentagen im VMS gilt, aber nicht für Kinder, und wo und warum und wie oft sich das Tarifgebiet des VGLG mit dem VMT überschneidet und dass man deshalb ganz genau überlegen müsse, welchen Fahrschein man löse. Dazu gäbe es am Bahnsteig ja auch zwei unterschiedliche Automaten.

Und da merke ich endlich, wo ich die Karte der Verkehrsverbünde schon einmal gesehen habe: Im Geschichtsunterricht, als es um die deutsche Kleinstaaterei ging.

Wenn wir mehr als 350 Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges unsere Zugtickets noch immer danach berechnen, wo es früher einen katholischen und wo es einen protestantischen Fürsten gab, dann sind 35 Jahre nach dem Fall der Mauer vielleicht einfach zu wenig, um schon etwas Schlaues über die Wiedervereinigung zu sagen. Es ist nichts weiter als ein schrecklicher Verdacht, aber möglicherweise liegen die Unterschiede zwischen Pasewalk und Passau gar nicht an der DDR und der BRD, sondern an den Differenzen zwischen Preußen und Bayern. (Zu diesem traurigen Thema empfehle ich meine König-Ludwig-Saga.)

Als ich spätabends nach Hause komme, bin ich erleichtert, wieder in meiner spartanischen Wohnung zu sein. Eine Matratze auf dem Boden. Schränke aus dem VEB Möbelkombinat, die der Vormieter zurückgelassen hat. Zwei Stühle, die ich je nach Bedarf ins Büro, in die Küche oder auf den Balkon trage. – Mit weniger materiellem Firlefanz lebt es sich wirklich freier.

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Saaremaa – erster Eindruck

Ich bin noch immer auf der Insel Saaremaa.

Wie gewohnt, wird es ein paar Wochen oder Monate dauern, bis ich die Eindrücke und Erfahrungen sowie – zum Leidwesen mancher in der Leserschaft – das ganze angelesene Wissen über die Geschichte Estlands sowie des konkreten Eilands in einen wohlgeformten Artikel bringen werde.

Aber als Vorgeschmack hier ein paar Fotos sowie die erste Einschätzung: Diese Insel ist das Paradies!

Wirklich, ich komme oft aus dem Staunen gar nicht mehr heraus und falle erschöpft vor Glückseligkeit ins saftige Gras. Letzteres kann allerdings auch daran liegen, dass ich das Fahrradfahren nicht mehr gewohnt bin.

Jedenfalls habe ich den Urlaub spontan um eine Woche verlängert.

Wenn die Menschen hier nicht so friedlich wären, weshalb es leider gar keinen Bedarf für Rechtsanwälte gibt, hätte ich mich gleich niedergelassen. Aber so freue ich mich, dass Saaremaa sehr groß und meine Radfahrermuskeln sehr schwach sind. Denn das bedeutet, dass ich noch viele Male wiederkommen muss, um die Insel wirklich rundherum zu erkunden.

Und Ihr könnt Euch schon freuen auf den ausführlichen Artikel sowie auf eine Postkarte!

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Nächste Reise: Saaremaa

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Ich habe fast ein schlechtes Gewissen, schon wieder einen kleinen Ausflug im Rahmen meiner Reise zum Mittelpunkt Europas anzukündigen.

Schließlich stehen noch immer die Artikel über die zuletzt besuchten Mittelpunkte in Cölbe, bei Purnuškės, im Europa-Park nördlich von Vilnius und in Suchowola aus. Dazu habe ich noch eine geodätische Sonderfolge über die Mittelpunkte von Chemnitz in der Schublade.

Bei meiner kleinen Geschichtsreihe sind ich auch schon etliche Monate ausgefallen. Die Lage auf diesem Blog is also desaströs.

Aber leider habe ich, seit ich wieder als Rechtsanwalt arbeite, viel weniger Mußestunden zur Verfügung, als einem nach der Menschenrechtskonvention eigentlich zustünden. Scheidungen, Kindesentführungen, Drogen und das neue Staatsangehörigkeitsrecht, all das hält mich auf Trab. Und ein Großteil meiner Kreativität fließt in Schriftsätze, die leider nur einem sehr exklusiven Publikum zuteil werden.

Kurzum: Ich brauche dringend Urlaub.

Also habe ich mir aus den vermeintlichen Mittelpunkten Europas denjenigen herausgesucht, den ich unbesehen für den schönsten und traumhaftesten von allen vermute: die Insel Saaremaa vor der Küste Estlands.

Vor etlichen Jahren war ich bereits auf der kleineren Nachbarinsel Hiiumaa. Ein absoluter Geheimtipp für alle, die etwas gegen den Overtourism unternehmen wollen.

Damals war Ende Oktober, und es hatte gerade geschneit. Deshalb fahre ich dieses Mal im September, wenn noch bestes Badewetter ist, wie die folgenden Videos zeigen:

Na gut, vielleicht packe ich doch besser einen Pullover ein.

Und wenn ich es mir recht überlege, gehe ich eigentlich sowieso lieber Wandern als Schwimmen.

Am meisten gespannt bin ich auf die Ruhe. Saaremaa ist größer als das Saarland, aber es leben nur 36.000 Menschen auf der Insel. Und von denen sind wahrscheinlich gerade die Hälfte zum Studium oder zum Arbeiten auf dem Festland.

Außerdem freue ich mich darauf, dass es auf einer überwiegend menschenleeren Insel sicher kein Mobilfunknetz und kein Internet gibt. Ich habe bereits einen Rucksack voller Bücher gepackt und sehne mich nach einer analogen Auszeit von allen Problemen dieser Welt. (Wenn nicht gerade wieder irgendeine depperte Großmacht auf Saaremaa einfällt.)

Bis Ende September wird hier also Funkstille herrschen.

Aber danach gibt es hoffentlich wieder regelmäßiger etwas zu lesen. Ich habe nämlich bis Ende des Jahres einen Aufnahmestopp für neue Mandanten verhängt, um mehr Zeit zum Schreiben – und zum Studieren – zu finden. Ich dachte mir, im grauen Herbst und im kalten Winter habt Ihr die Reiseberichte aus aller Welt nötiger als jetzt im Sommer. Zumindest geht es mir so.

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Wie geht Bolivien mit illegalen Einwanderern um?

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Bei der Ankunft in Bolivien war die Ankunftshalle des Flughafens in Cochabamba so voll, dass die Polizisten einfach laut in den Saal riefen: „Wer ist von hier?“ Wer die Hand und seinen Pass hob, konnte ohne Kontrolle durchmarschieren. Es war ein Zugeständnis an den späten Abend und an die gestressten Reisenden, die nach Flügen um die halbe Welt einfach nur ins Bett fallen wollten. 

Ich hätte mich jener Menge anschließen sollen, aber damals traute ich mir noch nicht zu, als Bolivianer durchzugehen.

Also erhielt ich am Flughafen ein einmonatiges Touristenvisum. Kostenlos. Dieses konnte durch einen Besuch bei der Ausländerbehörde zweimal um je einen Monat verlängert werden. Meine bolivianischen Freunde rieten mir, ein paar Bücher und eine Flasche Wasser mit- und den Tag freizunehmen, da ich bei der Behörde mindestens einen halben Tag warten werde müssen. In Wirklichkeit geht man direkt zu dem freundlichen Mann am Schalter Nr. 6, und bevor man sich hinsetzen und seinen Wunsch nach einem weiteren Monat Aufenthalt zum Ausdruck bringen kann, hat er schon den Pass genommen und die Verlängerung hineingestempelt. „Wieviel kostet das?“ fragte ich. „Nichts. Genießen Sie Ihre Zeit in Bolivien.“

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Drei Monate pro Jahr sind allerdings das Maximum, was ein Touristenvisum hergibt. Als ich länger in Bolivien bleiben wollte, wurde ich überwältigt mit Angeboten für Arbeitsverträge, Freiwilligenstellen und mit Heiratsanträgen, um mir eine Aufenthaltserlaubnis zu besorgen. Es war auch überraschend, wieviele Leute behaupten konnten „der Chef der Ausländerbehörde ist mein Freund“ oder wieviele Menschen „eine Schwägerin an der Spitze des Innenministeriums“ hatten.

Aber ich wollte nichts Zwielichtiges tun. Außerdem war ich freudig erregt von der Aussicht, verhaftet zu werden und mir die berühmten Gefängnisse Boliviens aus der Nähe anzusehen. Einmal, als mein Visum schon ausgelaufen war, geriet ich in eine Polizeikontrolle. Ich hoffte schon, in einem vergitterten Minibus abtransportiert zu werden und nähere Einblicke in ein südamerikanisches Justizsystem zu bekommen. Der Beamte untersuchte meinen Pass sorgfältig, sah mich an, sah sorgenvoll auf das Visum, sah mich wieder an und gab mir den Pass mit den Worten zurück: „Schön, dass Ihnen Bolivien so gut gefällt, Señor.“

Ich blieb vier weitere Monate im Land. Illegal. Von nun an denkt bitte daran, dass es Menschen wie ich sind, von denen Ihr sprecht, wenn Ihr mal wieder über „illegale Einwanderer“ herzieht.

Bolivien ist nicht nur freundlich zu Besuchern, sondern auch schlau. Anstatt Einwanderer einzusperren, Stacheldrahtzäune zu errichten oder Menschen abzuschieben, was alles Unmengen an Geld kostet, erhebt Bolivien einfach eine Geldstrafe.

Also arbeitete ich einige Monate fast rund um die Uhr, bis ich Tausende von Bolivianos angespart hatte. Am Tag vor meiner geplanten Ausreise ging ich zur Ausländerbehörde in La Paz, die Jackentaschen gefüllt mit dicken Geldbündeln, um meine Strafe zu bezahlen.

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Ich war sehr nervös. Schließlich war ich in einem fremden Land, ich hatte eine Straftat begangen, ich war auf dem Weg in die zur Verfolgung dieser Straftaten zuständigen Behörde, und ich musste das alles auf Spanisch erklären.

Vor dem Tor der Migrationsbehörde stand ein Soldat, der mir erklärte, dass Mittwoch nachmittags leider für den Publikumsverkehr geschlossen sei.

„Oh“, entfuhr mir, „das ist traurig. Denn ich müsste noch eine Strafe bezahlen, bevor ich morgen ausreise.“ Zum hundertsten Mal im Leben nahm ich mir vor, nicht immer mit allem bis zum letzten Tag zu warten.

Egal was Tucholsky über die Soldaten gesagt hat, dieser hier war nett. Er erkannte meine selbstverschuldete Notlage und sagte: „Na, dann kommen Sie mal mit rein, und wir sehen, ob noch jemand da ist.“

Tatsächlich war an einem der Schalter noch ein einsamer Beamter, der sich darauf gefreut hatte, an einem besucherfreien Nachmittag endlich mal Akten sortieren oder die neuen Rundschreiben des Ministeriums lesen zu können.

Aber er war sehr freundlich, bot mir einen Platz und einen Tee an. Als ich begann, mich wortreich dafür zu entschuldigen, über die erlaubte Zeit in seinem Land gelebt zu haben, beruhigte er mich: „Señor, dafür müssen Sie sich doch nicht entschuldigen. Das kann jedem mal passieren.“ Immer wenn er merkte, dass ich nervös war, sagte er: „Machen Sie sich keine Sorgen“, wie wenn es darum ging, dass ich am Zebrastreifen aus Versehen nicht vom Fahrrad gestiegen wäre.

Zebrastreifen sind übrigens auch eine Erfindung aus Bolivien, aber das ist eine andere Geschichte.

Als der Beamte meinen Pass entgegennahm und sah, dass ich ganze vier Monate illegal im Land war, wurde auch er beunruhigt. Der Normalfall sind anscheinend Touristen, die ihren Flug verpassen oder sich im Urwald verlaufen, und ihr Visum deshalb um ein paar Tage überschreiten.

Sodann machte er sich an die Berechnung der fälligen Strafe. Bis dahin hatte ich überall verschiedene Zahlen gehört, von 20 bis 26 Bolivianos pro Tag.

Der Beamte nahm sich die Zeit, mir im Detail zu erklären, wie sich die Strafe berechnet. Um das zugunsten anderer Reisender ein für alle Mal klarzustellen: Die Strafe beträgt 12 UFV pro Tag. Ein UFV ist eine unidad de fomento de la vivienda, eine Rechnungseinheit, die eingeführt wurde, um die zu zahlenden Beträge inflationsunabhängig zu machen. Sie wird berechnet, indem man den Verbraucherpreisindex des gegenwärtigen Monats durch den Verbraucherpreisindex des gleichen Monats des vorangegangenen Jahres dividiert, von diesem Zwischenergebnis die 12. Wurzel nimmt, dann die n.te Wurzel berechnet, wobei n die Anzahl der Tage des gegenwärtigen Monats ist, und zuletzt multipliziert man dieses Ergebnis mit dem Wert des UFV vom Vortag.

Ich verstand nichts.

Der Beamte hatte einen Computer und einen Taschenrechner, verwendete aber lieber einen Bleistift und eine Menge Papier, um seine Berechnungen anzustellen. Nach 10 Minuten gab er bekannt, dass ich etwas mehr als 3.000 Bolivianos zu bezahlen hätte.

„Gut“, sagte ich, denn das war genau der Betrag, den ich angespart hatte. Nur ein Boliviano mehr, und ich hätte schon wieder eine Niere verkaufen müssen.

„Gar nicht gut“, sagte der Beamte, der von dem hohen Betrag sichtlich geschockt war.

„Das macht nichts. Ich wusste es ja vorher und habe entsprechend gespart.“ Jetzt musste ich ihn beruhigen, die Rollen hatten sich vertauscht.

„Aber die anderen Touristen zahlen immer nur eine ganz kleine Strafe.“ Er verwendete das Wort multita, den Diminutiv von multa. Man kann das schwer übersetzen, auch weil man sich keinen deutschen Beamten vorstellen kann, der von einem Geldsträfchen oder einem Geldbüßlein spricht. „Da wäre es doch ungerecht, wenn Sie so viel mehr bezahlen müssen.“

Mir fiel kein Argument mehr ein, außer darauf zu verweisen, dass ich das Geld schon dabei hatte und die gesamte Summe auf der Stelle bezahlen könne.

„Nein, nein“, wehrte er entsetzt ab, „lassen Sie uns erst einmal sehen, ob es nicht irgendeine Ausnahmevorschrift im Gesetz gibt. Eine Höchstgrenze vielleicht, so dass Sie nur für einen oder zwei Monate zahlen müssen.“

Er rief seinen Chef an.

Der Chef der Migrationsbehörde kam sofort herunter, begrüßte mich herzlich, sagte mir ebenfalls, dass ich mir keine Sorgen machen solle, und diskutierte den Fall dann mit seinem Beamten. Ich stand dabei, ein Gesetzesbrecher, während die beiden Gesetzeshüter darüber diskutierten, ob es nicht irgendwelche Ausnahmevorschriften im Gesetz gab, die man zu meinen Gunsten anwenden konnte. An ihren Gesichtsausdrücken merkte ich, dass es keine einfache Lösung gab.

Schließlich fragte mich der Chef, wie ich denn ausreisen werde. Mit dem Flugzeug oder mit dem Bus?

„Ich nehme den Bus nach Peru“, sagte ich.

„Sehr gut!“ rief er erleichtert aus. „Dann zahlen Sie jetzt nichts, und wenn Sie an der Grenze kontrolliert werden, dann können Sie immer noch dort bezahlen.“ Seine Hoffnung, dass ich irgendwie durchschlüpfen würde, verbarg er nur halbherzig hinter einem freundlichen Lächeln.

Ich weiß gar nicht, warum Menschen so schlecht auf Behörden zu sprechen sind. Die helfen einem da wirklich. (Auf dem Weg zur Grenze passierte dann ein ganz anderes Malheur. Das war selbst für mich ein bisschen viel für einen Tag. Aber da können die Behörden nichts dafür.)

Leider bin ich so ein Typ, der bei der Ausreise nicht einfach wortlos seinen Pass auf den Tresen legen kann, in der Hoffnung, dass niemand etwas merkt. Als ich den bolivianische Grenzposten in Kasani am Titicaca-See betrat, gab ich es gleich zu: „Ich glaube, ich muss eine Strafe bezahlen, bevor ich ausreisen darf.“

Weil alle anderen Fahrgäste des Busses weniger kriminell als ich und deshalb schnell abgefertigt waren, versammelten sich bald alle vier Schalterbeamten um mich, um meine Geschichte zu hören. „Wenn Ihnen Bolivien so gefällt, wieso haben Sie nicht einfach eine Bolivianerin geheiratet?“ schlug einer vor. Während sie mich ernsthaft interessiert über meine Reisen befragten, nahm einer von ihnen die gleiche, die selbe und die gleich komplizierte Berechnung von UFVs und Bolivianos vor.

Auch hier waren die Vertreter des Staates schockiert von der geschuldeten Summe, diskutierten untereinander und rechneten es mehrfach nach. Die Grenzbeamten hatten Smartphones mit Taschenrechner und Internet, womit sie die ganze Zeit mit ihren Frauen WhatsApp-Nachrichten austauschten, aber für die komplizierte Berechnung der 12. Wurzel von irgendwas bevorzugten sie auch hier Papier und Bleistift.

Auch hier diskutierten sie, ob es nicht irgendwelche Ausnahmen gäbe und ob man nicht etwas deichseln und drehen könne, bis einer die Idee hatte: „Lass uns doch mal bei der Zentrale in La Paz anrufen, vielleicht fällt denen was ein.“ Das war das Büro, wo ich am Tag zuvor gewesen war.

Ich weiß nicht, ob einer der beiden Männer von gestern am Telefon war, der sich noch an mich erinnern würde. Jedenfalls kam aus dem Ministerium der Befehl, keine Gnade gegenüber irgendwelchen Gringos walten zu lassen.

Die Grenzbeamten teilten mir mit, dass ich mit meiner Strafe von 3.082 Bolivianos leider nur die Silbermedaille erhalten würde. Einem anderen Reisenden hatten sie schon einmal mehr als 4.000 Bolivianos abgeknöpft. Ich war enttäuscht.

Das alles geschieht übrigens streng gemäß dem Legalitätsprinzip. Die Zahlung ist keine Bestechung. Man erhält eine Quittung, viel Händeschütteln, die besten Wünsche für die Reise. Außerdem den nützlichen Hinweis, dass man im gleichen Jahr zwar nicht mehr nach Bolivien einreisen darf, aber wie der Grenzbeamte es mit einem breiten Lächeln sagte: „Ab dem 1. Januar nächsten Jahres ist alles vergessen, und Sie sind wieder herzlich willkommen!“

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Wie Ihr der Quittung entnehmen könnt, beging ich den „schwerwiegenden Verstoß“, mich „auf irreguläre Weise auf bolivianischem Territorium aufgehalten“ zu haben. Die Strafe dafür betrug 25,68 Bolivianos pro Tag. Das sind 3,34 Euro oder genau 100 Euro pro Monat. Nicht viel für das Leben im sympathischsten Land der Welt.

Im darauffolgenden Januar zog ich sofort wieder von Peru nach Bolivien. Den zweiten Aufenthalt überzog ich nur um eine Woche oder so, war aber wegen der kleinen Strafe nicht mehr im mindesten aufgeregt.

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Ein Unfall, sechs Meldungen

Aus dem Polizeibericht heißt diese Zeitungsparodie von Kurt Robitschek, veröffentlicht 1929. Anhand von sechs verschiedenen Meldungen über das gleiche nebensächliche Ereignis erhält man einen Überblick der Zeitungslandschaft in der Weimarer Republik:

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Telegramm 3986, aufgenommen 15.30 Uhr

Auf dem Kurfürstendamm an der Ecke Meinekestraße wurde gestern von dem Radfahrer Peter K. ein Hund unbestimmter Rasse angefahren. Nur dem Einschreiten unserer wackeren Schutzpolizei ist die Verhütung eines größeren Unfalls zu verdanken. Polizeipräsident Zörgiebel, Polizeivizepräsident Dr. Weiß und der Kommandeur der Schutzpolizei, Oberst Heimannsberg, weilten an der Unfallstelle.

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BERLINER TAGEBLATT

Der Kurfürstendamm liegt still und versonnen da. Denn die Republik ist gefestigt in ihren Grundlagen. Ein Radfahrer jubelt den Kurfürstendamm entlang. Mit weit ausgebreiteten Armen und ebensolchen Augen ruft er: „Zehn Jahre freiheitliche Verfassung!“ Da springt ein Hund aus dem fahrenden Autobus. Hund und Radfahrer jagen den Kurfürstendamm entlang, sie eilen, wenn es auch hier und da eine kleine Schramme gibt, in die glänzende Zukunft der deutschen Republik, von der schon Shakespeare so treffend sagte: „To be or not to be, singing fool, that is the question.“

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VOSSISCHE ZEITUNG

Kleine Ursachen – große Wirkungen.

Von Chefredakteur Professor Dr. h.c. G. B., MdR, Präsident des Vereins Berliner Presse, zweiter Vorsitzender des dritten Unterausschusses des Reichstages zur Aufdeckung der Brückenzölle, Vorstandsmitglied der Deutschen Demokratischen Partei. Ein Hund ist gestern auf dem Kurfürstendamm angefahren worden. Von einem Radfahrer. Ein schwarzer Hund mit weißen Flecken. Der Vorfall wäre an und für sich ganz belanglos, wenn nicht ein kleiner Zwischenfall die politische Bedeutung des Ereignisses erwiesen hätte. Der schwarz-weiße Hund zeigte plötzlich auf dem überfahrenen Pfötchen einen roten Blutstropfen. Man beachte: Schwarzer Hund, weiß gefleckt, rotes Tröpfchen. Die Deutsche Demokratische Partei muss an den Herrn Reichsinnenminister einerseits schärfsten Protest richten, während sie dessen Vorgehen andererseits nur billigen kann. Die Deutsche Demokratische Partei ist sich dessen bewusst, dass es für sie nur einen Weg gibt: Einerseits – und hie und da auch andrerseits.

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BERLINER LOKAL-ANZEIGER

Radfahrer, Hunde und die deutsche Republik.

Wie viele tausend deutsche Herzmuskeln sitzen heute am sonnigen Eckfenster und gedenken des August vor fünfzehn Jahren! Wie waren damals die Straßen von jauchzenden, jubelnden, singenden Menschen erfüllt! Und heute? Radfahrer schleichen über den Asphalt der Straße. Gestern hat ein ausländischer Radfahrer den Hund eines Generals a. D. überfahren. Vor fünfzehn Jahren wäre das deutsche Volk wie ein Mann aufgestanden und hätte den ausländischen Radfahrer in hellem, männlichem Zorne hinweggefegt! Heute aber liegen unsere treuen Hündchen kraftlos am Boden, niedergeschmettert durch jene Schmachverträge, die uns immer wieder beweisen, dass an allem nur die Radfahrer schuld sind.

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DIE ROTE FAHNE

Arbeiter! Arbeiterinnen und Jugendliche! Werktätige und national Unterdrückte aller Länder! Auf dem Kurfürstendamm, jener Prunkstraße der satten Kapitalisten, auf der in kürzester Zeit die proletarische Revolution gegen die Imperialisten marschieren muss, hat ein Hund einen einfachen, proletarische Radfahrer überfallen! So fängt es an! Erst überfällt ein Hund den einzelnen Radfahrer, und dann vereinigen sich alle Hunde gegen die Sowjetunion! Es ist höchste Zeit zu handeln! Denn schon ersteht dem Hund vom Kurfürstendamm ein Helfer in der Person des Generals Tschiangkaischek, der die Ost- China Bahn den Händen der Sowjets entreißen und durch die Kantstraße auf den Alexanderplatz leiten will, wo Zörgiebel und seine Gummiknüppelgarden bereitstehen, um die proletarische Armee der Radfahrer den nationalfaschistischen Weltunterdrückern auszuliefern. Darum sei die Parole: Heraus aus den Betrieben! An die Bäume mit den Hunden! Es lebe die Diktatur der Radfahrer!

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VÖLKISCHER BEOBACHTER

Der gestrige Vorfall am Kurfürstendamm, dem ein aufrecht fahrender deutscher Radfahrer zum Opfer gefallen ist, hat gezeigt, welcher Werkzeuge sich die Weisen von Zion bedienen. Wieder ist ein Parteigenosse von einem krummbeinigen, o-füßigen Dackel bei Nacht und Nebel hinterrücks überfallen worden. Krummbeinig – das verrät die wahre Rasse dieser ostjüdischen Haustiere, die mit herabhängenden, gelockten Ohren am Rückenmark unserer Volksgenossen saugen und unserem deutschen Schäferhund den Knochen vor der Nase wegschnappen. Unser Führer Adolf Hitler spricht morgen im Sportpalast zu dieser nationalen Sache. Parteigenossen erscheinen in einfacher Feldausrüstung, mit Handgranaten und Flammenwerfern.

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ACHT-UHR-ABENDBLATT

Furchtbares Verkehrsunglück am Kurfürstendamm. Rasender Radfahrer zerfetzt das Straßenpflaster. Große Hundemassen schwer verletzt. Feuerwehr greift mit Alarmstufe zehn ein. Aus den Trümmern der Straße tragen Sanitätsleute den schwer verletzten Zwergdackel Peter von Strohlendorf, der sich jetzt mit der Niederschrift seiner Erlebnisse für die Leser des „Acht-Uhr-Abendblattes“ beschäftigen wird. Wir beginnen morgen mit der Veröffentlichung der Erinnerungen des Zwergdackels Peter von Strohlendorf unter dem Titel: „Aus den Geheimnissen der Hundehöfe – Als ich noch Ludendorffs Hund war.“

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