Die Bewohner der Insel Taquile im Titicaca-See waren von den stillosen und unzureichend behüteten Besuchern so schockiert, dass sie am Aufgang vom Hafen eine Steinskulptur errichteten, die signalisieren soll, wie man sich dort zu kleiden habe.
Als kultursensibler Reisender habe ich dem natürlich entsprochen.
Wenn Ihr jemanden kennt, der/die von Schuhen besessen ist, und ihn/sie heilen wollt, könnt Ihr es mit diesem Foto versuchen. Es relativiert so einiges.
Viele Reisende zerbrechen sich den Kopf darüber, mit welcher Fluglinie sie fliegen, welche Klasse sie buchen und welchen Sitzplatz sie reservieren. Als Begründung dafür, dass sie für den gleichen Flug 600 Dollar mehr ausgeben, führen sie dann oft 2 bis 20 cm zusätzliche Beinfreiheit an. Bei wirklich großen Menschen kann ich das verstehen, aber die meisten Passagiere bräuchten eher mehr Bauch- als Beinfreiheit.
Ich nutze eine andere Strategie, um meine Beine ausstrecken zu können: Ich bin freundlich (das sollte eigentlich selbstverständlich sein, doch durch das abweichende Verhalten von 90% der Kunden wird es zu etwas Besonderem) und versuche nicht, Sperrgepäck mit in die Kabine zu nehmen. Meist habe ich nur ein Buch und ein Notizbuch bei mir. Noch nie habe ich nach einem besonderen Sitzplatz gefragt, doch immer wieder druckt mir das Bodenpersonal eine Bordkarte mit den begehrten Sitzen neben den Notausgängen aus oder einer der Stewards fragt mich, ob ich nicht einen dieser freien Plätze einnehmen will. Anscheinend mache ich den Eindruck, wie wenn ich im Unglücksfall ruhig bliebe und helfen könnte und würde. Zurecht.
Auf einem Flug mit LATAM von Iquique nach Santiago de Chile bekam ich einen Platz mit mehr als 2 m Beinfreiheit.
Das ist besser als erste Klasse.
Diese Strecke dürfte auch für den Piloten eine reizvolle und relativ leicht zu navigierende Route sein. Man fliegt schnurstracks die Pazifikküste nach Süden und blickt auf sich an Steinküsten brechenden und an Sandstränden auslaufenden Wellen von mehreren Metern Höhe.
Wenn man nach 1700 km Santiago sieht, biegt man nach Osten ab, und schon wieder ist ein Flug geschafft. Aber wahrscheinlich navigiert man so überhaupt nicht mehr. Zum Notlanden verläuft direkt unter einem die Panamericana-Autobahn noch schnurstrackser als die Küste.
Die im Falle der Notlandung ebenfalls zu Handlangerdiensten herangezogen würdenden Passagiere neben mir sind übrigens weit weniger vertrauenserweckend als ich. Ein 70-jähriger Mann fliegt sichtlich dem Tod entgegen. Der Junge schräg vor mir scrollt auf seinem Handy durch Fotos von attraktiven Mädchen (jetzt weiß ich, wofür dieses Instagraph da ist und dass ich es wirklich nicht brauche) und fragt, als er mal eine Nachricht schreibt, ob man „zoologischer Garten“ mit Z oder mit C schreibt. Sein Kumpel haut ihm dafür eine rein und nennt ihn „Idiot“. Dennoch schenken ihm die Stewards fleißig „cerveza“ mit C und Z nach.
Eine andere Strategie zum Erhaschen eines guten Platzes ist Geduld. Jedes Mal wieder frage ich mich, wieso die Leute Schlange stehen oder sich gar drängeln, um ins Flugzeug zu kommen. Es ist doch Platz für alle da. Und wenn nicht, bekommt man eine prächtige Entschädigungszahlung und eine Hotelübernachtung in Chicago oder in Paris.
Ich bleibe also immer seelenruhig im Warteraum, gönne mir ein Eis, lese, beobachte und schreibe, während sich alle anderen stressen. Auf einem Flug von Tel Aviv nach München tat ich mal das Gleiche, stand als letzter auf und präsentierte freundlich und cool meine Bordkarte.
Der Mann von El Al zerriss sie.
„לעזאזל“, wie man in Israel sagt. Sollte ich doch mal zulange gewartet haben?
„Tut mir leid, diese Bordkarte ist nicht mehr gültig. Ich drucke Ihnen eine neue aus“, erklärte der junge Mann, und das tat er auch. Etwas verwundert stieg ich in das Flugzeug und merkte erst dort, dass er mir einen Platz in der ersten Klasse zugewiesen hatte. Da konnte ich die vier Stunden mal so richtig gut schlafen und verpasste besseres Essen als ich sonst verpasse.
Jetzt bin ich aber noch immer in Chile. Rechts sinkt die Sonne in den Pazifik. Links glitzern die Gipfel der Anden, an denen immer wieder Flugzeuge zerschellen und die Passagiere sich dann gegenseitig essen müssen.
Beim Gedanken daran nehme ich mir vor, keine Witze über Dicke mehr zu machen.
Wie wenn LATAM erraten hätte, dass ich diesen Artikel schreiben würde, bekam ich beim Rückflug zwei Wochen später übrigens einen Sitzplatz in der ersten Reihe.
Wenn ich mal in einer Quiz-Show bin, nehme ich als Telefonjoker den Typen, der die Wikipedia geschrieben hat.
Was passiert eigentlich wenn keine Partei über die 5%-Hürde kommt?
Wenn ich all die gut gemeinten Ratschläge befolgt hätte, die ich bekommen habe, wäre mein Leben wesentlich langweiliger.
In einem Artikel über die besondere Art der Literaturförderung in Rumänien erwähnte ich das Buch des Flüsterns von Varujan Vosganian. Danke an den Carl-Hanser-Verlag für die Übersendung eines Rezensionsexemplars!
Dieser Bericht und insbesondere die Fotos machen Lust auf Tiflis. Die verfallenden Villen, denen man auch in Rumänien überall begegnet, wirken auf mich schöner als herausgeputzte oder klinisch saubere Städte.
Nach meiner Südamerika-Reise habe ich eine Packung ungenützter aber nicht generell unnützer Anti-Malaria-Medizin abzugeben.
Andererseits, dank des Klimawandels werden wir auch in Europa bald Malaria-Mücken haben.
Aber so weit muss man gar nicht sehen. Die Katholische Kirche in Deutschland leidet so sehr unter dem Priestermangel, dass sie über diesbezügliche „Fehltritte“ hinwegsieht.
In ganz Saudi-Arabien gibt es nur ein Kino.
Überall in Lateinamerika hörte ich das Lob „oh, Dein Spanisch ist aber gut“. Ich nahm es immer als persönliches Kompliment auf, bis mir klar wurde, dass mich nur der bolivianische Akzent so kultiviert erscheinen läßt.
Aberglaube bringt Unglück.
Im 18. Jahrhundert versuchten katholische Priester in Mexiko, den Nahuatl-Gott Quetzalcoatl zu Missionierungszwecken einzusetzen, indem sie behaupteten, er sei in Wirklichkeit der Apostel Thomas, der vor den Spaniern in die Neue Welt gekommen sei, um die Indianer zu bekehren.
Das Foucaultsche Pendel von Umberto Eco liest sich wie eine Satire auf Dan Browns Sakrileg, nur dass ersteres vor letzterem erschien.
Danke an den dtv-Verlag für ein Rezensionsexemplar der deutschen Neuübersetzung eines meiner Lieblingsromane, Martin Eden von Jack London.
Meine persönliche Erfahrung, dass seit dem Brexit eine drastisch steigende Zahl von Briten die deutsche Staatsbürgerschaft möchte, wird vom Bundesverwaltungsamt bestätigt. Zu deren erhöhtem Arbeitsaufkommen trage ich mit meinen Ratschlägen wahrscheinlich wesentlich bei.
Begeistert stelle ich fest, dass es Ritter Sport jetzt auch in 250-Gramm-Tafeln gibt. Das reicht ja für den ganzen Tag.
Dieser Vortrag zur Raubkunst ist interessant, spannend und lebendig.
Wenn Ihr am 14. Juli bei der Parade zum französischen Nationalfeiertag seit, achtet auf die Pioniere der Fremdenlegion.
In dem Artikel über Humberstone erwähnte ich das Buch Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Erst jetzt erfuhr ich, was mir als Kind nicht auffiel: Das Buch ist eine Gegengeschichte zu nationalsozialistischen Bilderwelten, zu zeitgenössischen Fehlinterpretationen des Darwinismus, zur NS-Rassenpolitik und zu arischen Atlantismythen.
Ich fahre ja wirklich gerne mit dem Zug. Aber wenn der Fernbus nur ein Drittel der Bahnfahrt kostet, dann werde ich eben mit dem Flixbus nach Berlin fahren.
Ich habe große Bewunderung für Menschen, die Word-Dokumente formatieren können.
Es ist schön, dass Königin Elizabeth II. die Opfer des Feuers im Grenfell Tower in London besucht.
Aber wenn man in einem Palast mit 775 Zimmern wohnt, könnte man einigen der jetzt Obdachlosen eigentlich eine Unterkunft anbieten, oder?
Die verheerenden Waldbrände in Portugal gingen mir noch näher ans Herz, weil ich erst vor einigen Wochen in diesen Wäldern spazieren ging – und dabei schon die leicht brennbare Monokultur aus Kiefern und Eukalyptusbäumen feststellte – und weil ich über Couchsurfing von einem Feuerwehrmann und seiner Schwester herzlich aufgenommen wurde. Er ist jetzt im Einsatz.
Fremdenfeindlichkeit beschränkt sich nicht auf Nichtdeutsche. Diese Erfahrung, die Norddeutsche beim Urlaub in Bayern machen, erlebten auch schon die deutschen Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg. Hier gibt es das Buch darüber.
Wer will an seinem Geburtstag zuhause sitzen, wo ständig die Tür klingelt und sich gegenseitig eifersüchtig ankeifende Verehrerinnen ungefragt Kuchen und Blumen vorbeibringen? Wer will ohne Unterlass Anrufe von Verwandten entgegennehmen, aus deren Fragen hervorgeht, dass sie nicht einmal meinen Blog lesen? Wer will der Großfamilie zum zehnten Mal erläutern, dass die Welt jenseits eines 100 Kilometer weiten Radius um den zufälligen Geburtsort nicht böse und gefährlich, sondern interessant und freundlich ist? Ich nicht.
Deshalb pflege ich die Tradition der Geburtstagsreise. Mindestens am, noch besser um den 6. Juli herum bin ich in einem Land, in dem mich niemand kennt und in dem mich niemand erreicht. Falls ich überhaupt feiere, dann mit Zufallsbekanntschaften.
Dieses Jahr kommt die Besonderheit hinzu, dass ich derzeit bei meinem Vater in Bayern weile, der mich nach nur zwei Wochen schon wieder aus dem Haus haben will und deshalb großzügig anbot: „Flieg hin, wo Du willst. Ich zahle Dir den Flug.“ So etwa wie man den nicht nach Afghanistan abschiebbaren Familien Geld bietet, damit sie freiwillig verschwinden. Dennoch ein praktisches Geburtstagsgeschenk.
Keine Sekunde musste ich mit der Entscheidung zögern, denn schon seit langem empfinde ich eine Faszination für den Kaukasus, die Region, wo sich Europa und Asien leise und unaufgeregt treffen, während die Augen der Welt auf Istanbul gerichtet sind. Aber Istanbul existiert nur, weil das Schwarze Meer halt einen Abfluss braucht. Der wirkliche Grenzbereich Eurasiens liegt in Georgien,
Armenien
und Aserbaidschan.
Vom 30. Juni bis zum 18. Juli werde ich also herausfinden, ob meine Faszination berechtigt ist. Da ich noch keine Ahnung habe, wo ich im Herbst hinziehen werde, halte ich auch diesbezüglich die Augen offen. Vielleicht komme ich eines Abends erschöpft in eine mir bis dahin völlig unbekannte Stadt, von der ich so verzaubert sein werde, dass sie mir die Entscheidung abnimmt. Nur Sprache und Schrift bereiten mir ein bisschen Kopfzerbrechen.
Und weil manche Leser sich jetzt fragen „was zum Henker ist ein Kaukasus??“, hier die Landkarte:
Für eine kleine Spende gibt es statt der Land- sogar eine Postkarte von der Reise.
Nach 18 Monaten in Südamerika bin ich wieder in Europa. Zu den Gründen hatte ich schon ausführlich geschrieben, hier meine ersten Eindrücke:
Ihr könnt Euch mein Glücksgefühl nicht vorstellen, als ich in Funchal auf Madeira zum ersten Mal europäischen Boden betrat. Grün, angenehmes Klima, wunderbare Architektur, kein Lärm mehr, nach eineinhalb Jahren zum ersten Mal Zeitungen auf Deutsch und Englisch, große Parks.
Überhaupt hat mich Portugal beeindruckt. Allein in Sintra habe ich mehr verschiedene architektonische Stile gesehen als in ganz Südamerika.
Wenn man mit dem Zug oder Auto durch Deutschland fährt, sieht es idyllisch aus. Grün, herausgeputzte Dörfer, hügelig, bewaldet, nicht alle fünfzig Meter eine Werbetafel.
Aber Deutschland kommt mir auch zu herausgeputzt vor. Alles ist klinisch rein, täglich antiseptisch geputzt, selbst die Straßen so sauber, dass man davon essen könnte, Hecken und Rasen akkurater geschnitten als meine Haare, die Autos sauberer als mein Schreibtisch.
Dabei fehlt das Leben. Man kann durch ganze Dörfer oder Wohnviertel spazieren, ohne einen Menschen auf der Straße, im Garten oder im Park zu sehen.
Schön ist aber, dass man stundenlang durch den Wald spazieren kann, ohne dass einen Hunde anfallen.
Südamerikaner, die schon mal in Deutschland gewesen waren, hatten mich manchmal gefragt: „Wieso gibt es bei Euch keine Kinder?“ Jetzt verstehe ich das. Es gibt wirklich wenig Kinder in Deutschland, und die wenigen verstecken sich anscheinend in ihren Zimmern.
Meine Couchsurfing-Gastgeberin in Portugal stellte die vollen Einkaufstüten vor der Haustür ab, und wir mussten nochmal ums Eck, um weitere Tüten aus dem Auto zu holen. „Soll ich auf die Tüten aufpassen?“ fragte ich. „Nein“, lachte Joana, „Du bist jetzt wieder in Europa. Die können da stehenbleiben, kein Mensch klaut hier etwas.“
Der größte Luxus ist es, wieder ohne Unterbrechungen durch Hundegebell/Musik/Feuerwerke/Prozessionen/Geschrei/Hupkonzerte jede Nacht durchschlafen zu können.
Am ersten Tag gönnte ich mir eine Currywurst und ein MezzoMix, beides kulinarische Genüsse, die es noch nicht um die Welt geschafft haben. Um richtig in Deutschland anzukommen, muss ich mir aber noch einen Döner gönnen.
Warum sind in Deutschland alle Restaurantportionen ausreichend für zwei normal essende Menschen? Das ist ja fast wie in Cochabamba.
Aus Antigua habe ich noch ein paar Ostkaribische Dollar übrig, die umzutauschen sich nicht lohnt. Falls jemand unter meinen Lesern Münzen und Scheine aus fernen Gefilden sammelt, möge er sich melden.
Was ich am meisten an Südamerika vermisse, ist dass man dort fast zu jeder Uhrzeit aus dem Haus gehen konnte und im Umkreis von 500 Metern von Hamburgern, frisch gepressten Fruchtsäften, Hackfleisch, Glühbirnen, Notizblöcken zu Toilettenpapier alles bekam, was man brauchte. In Deutschland hingegen muss man Einkaufen zeitlich und örtlich planen wie einen Feldzug.
Apropros Feldzug: Meine beiden Eltern merken, dass ihnen nicht mehr viel Zeit bleibt, und haben mich verspätet mit der Ahnenforschung bezüglich unserer Familie beauftragt. Obwohl ich schon in 55 Ländern war, kam dabei ans Tageslicht, dass die Angehörigen der Großelterngeneration Gegenden gesehen haben, in denen selbst ich noch nicht war: Sie überfielen Norwegen, Polen, Russland und Nordafrika und waren in Kriegsgefangenschaft in den USA und in Jugoslawien. Zwei Großonkel sind in die USA ausgewandert. In den nächsten Monaten werde ich also auch immer mal wieder über meine Familie schreiben, soweit ich die Nachforschungen für interessant halte. Vielleicht stehen ja auch andere vor der Frage, an welche Archive man sich wendet und wie man systematisch vorgeht.
Außerdem würde mich interessieren, die „Reiserouten“ meiner Großväter im Zweiten Weltkrieg zu rekonstruieren und sie nachzureisen, um zu erfahren und beschreiben, wie sich Europa in nur zwei Generationen verändert hat.
Aber die nächsten paar Monate werde ich vorübergehend an einem geheimen Ort in Deutschland verbringen, um die Erlebnisse der letzten paar Jahre zu Papier zu bringen.
Es ist schön, wieder in einem Haus mit Tausenden von Büchern zu wohnen.
Ein emotionales Heimatgefühl stellt sich bei mir aber nicht ein. Ich bin zwar froh, in Europa zu sein, aber wenn ich nach Jahren der Abwesenheit wieder nach Bayern komme und sehe, dass alles genauso ist wie vor 2, 5 oder 7 Jahren, dann bestärkt das eher meine Gewissheit, hier nichts verpasst zu haben.
Nach eineinhalb Jahren in Südamerika nach Deutschland zurückzukehren, ist, was die Attraktivität der Mitmenschen angeht, etwas enttäuschend. Und das ist noch milde ausgedrückt. Schon allein deshalb könnte Deutschland mehr Einwander(innen) vertragen.
Toll ist aber, wie lange es abends hell ist! Um den Äquator herum ist ja Sommer wie Winter um 18 Uhr Schicht im Schacht, und eine lange Dämmerung gibt es auch nicht.
Ein freudscher Verleser am Flughafen in Frankfurt: Statt „Weiterreise mit der Bahn“ lese ich „Weltreise mit der Bahn„.
Manchmal träume ich noch auf Spanisch. Hoffentlich werde ich es nicht allzu schnell verlernen.
Außerdem, liebe Europäer, was soll denn diese Unsitte, ohne Hut aus dem Haus zu gehen? Selbst die Kinder in Südamerika haben mehr Stil.
So, jetzt muss ich bald meine Geburtstagsreise an einen noch nicht bekannten Ort planen.
Wenn man einen Namen wie Humberstone auf der Landkarte von Südamerika entdeckt, ist das Interesse schon geweckt. Als ich den Busfahrer deshalb bat, dort mitten in der Atacama-Wüste anzuhalten, sah er mich an, wie wenn er mich dem sicheren Tod durch Verdursten und Aasgeier auslieferte. Er wusste, was ich nicht ahnen konnte: Humberstone war zwar eine Stadt, aber niemand lebte mehr dort. „Auf einen Toten mehr oder weniger kommt es nicht an“, mag er sich gedacht haben, aber er wünschte mir „suerte“ – viel Glück.
„Wasser wäre nützlicher gewesen als Glück“, kam mir in den Sinn, während ich durch den von der Sonne ausgebleichten Sand schlurfte, am Horizont immer mal wieder einen Tornado erblickend, der – was auch sonst – Sand aufwirbelte.
Aasgeier sah ich keine, aber ich wusste, wenn ich erschöpft zusammenbrechen würde, kämen bald die Schlangen und Skorpione. Ein frischer Mensch wäre in der trockensten Wüste der Welt ein seltenes Festmahl, von dem sich auch die satteste Schlange noch eine Scheibe abschneiden wollen würde.
Es war so heiß, dass meine Haut durch die Hemdsärmel versengte. Nur mein Hut bewahrte die Haare davor, Feuer zu fangen. Aus Jim Knopf kennt Ihr das Phänomen der Fata Morgana, aber ich sah noch nicht einmal eine luftgespiegelte Stadt. Mein Überlebenswille wurde nur mehr aufrecht erhalten von der Vorstellung einer Stadt mit grünen Parks, kühlen Drinks und einer gut ausgestatteten Bibliothek. Auf der Landkarte war sogar ein Schwimmbad verzeichnet.
Aber was hilft eine Landkarte, wenn man keine Orientierungspunkte hat? Ein gutes Abenteuer erkennt man daran, dass man sich währenddessen mindestens einmal denkt „so eine blöde Idee!“ Dieser Punkt war schon erreicht, als ich mir wieder mal den Sand aus den Augen strich und ein Blechungetüm erblickte. Eine Lokomotive!
Das war ein gutes Zeichen, denn wo eine Lokomotive ist, ist auch Leben. Wo eine Lokomotive ist, gibt es einen Fahrplan, einen Bahnhof und einen Cola-Automaten. Ich war gerettet!
Dachte ich. Bis ich mich umsah und erkannte, dass der „Bahnhof“ ziemlich verlassen war. Selbst die Schienenstränge hatte jemand abgebaut oder gestohlen. Nur die Holzschwellen waren zurückgeblieben und wiesen den Weg.
Aber praktischerweise war neben den Schienen ein riesiger Erdwall. Wenn man sich verlaufen hat, sollte man immer den höchsten Punkt ansteuern, um sich einen Überblick zu verschaffen. Ich rutschte zwar immer wieder ab, aber die allerletzte Hürde vor dem, was aussah wie der Rand eines Kraters, war sogar mit einer hilfreichen Treppe versehen.
Und dann sah ich Humberstone.
Die Stadt, wegen der ich so weit marschiert war.
Eine Oase in der Wüste.
Ein Quell des Lebens im Meer des Todes.
Zivilisation und Sicherheit.
Voller Vorfreude auf die damit verbundenen Annehmlichkeiten rannte ich die andere Seite des Hügels hinab, erspähte schon im Laufen einen Pavillon in der Mitte des Platzes und freute mich auf Eis und kalte Getränke.
Bis ich davorstand und merkte, dass er nicht in Betrieb war. Erst da dämmerte es mir langsam: Alles war so verblichen, versandet und verlassen, dass es schon lange nicht mehr in Betrieb gewesen sein konnte.
Die ganze Stadt sah so aus, wie wenn die Bewohner eines Tages die Flucht ergriffen hätten und niemand mehr zurückgekehrt wäre. Es war ruhig. Kein Laut, kein Rufen, kein Auto, kein Hund, keine Maschinen, keine Musik. Totenstille. Grabesruhe. Ewiger Frieden.
Mit einer Ausnahme: Durch den pfeifenden Wind vernahm ich ein Quietschen. Regelmäßig, etwa alle drei Sekunden. Die Quelle dieses metallischen, unangenehmen Geräuschs schien um die Ecke zu liegen. Falls es ein Mensch war, wollte ich ihn nicht verschrecken, so dass ich bewusst hustete, bevor ich um das Gebäude bog – und sah nur mehr ein schwarzes Wesen (keine Ahnung, ob Mann, Frau, Kind oder Monster) davonhuschen.
Eine Kinderschaukel hatte die Geräusche verursacht und pendelte noch ein wenig hin und her. Sehr spukig.
Aber jetzt war mein Interesse geweckt. Entweder war die unbekannte Person auch ein Landstreicher gewesen, oder die verbliebenen Einwohner von Humberstone wollten keinen Kontakt. Vielleicht waren sie verseucht? Opfer von Menschenversuchen? Ich hatte schon die Industrieanlagen und Hochöfen gesehen, aber bisher noch keine Anhaltspunkte darauf gefunden, was hier einst abgebaut oder hergestellt wurde.
Dem musste ich auf den Grund gehen.
Ich sah mich also um in Maschinenhallen,
stieg, wo die Tür verschlossen war, durchs brüchige Dach,
sah mehr Dampfloks als in einem Eisenbahnmuseum,
fand heraus, dass deutsche Unternehmen schon immer Exportweltmeister gewesen waren,
stieg in Gruben
und auf Türme,
verschaffte mir einen Gesamtüberblick
und stellte fachmännisch fest: Humberstone muss ein Salpeterwerk gewesen sein. „Klar! Nicht umsonst heißt Natriumnitrat (NaNO3) auch Chile-Salpeter“, fiel mir ein, wie einem halt so Dinge aus dem Chemieunterricht vor 25 Jahren wieder ins Gedächtnis kommen. Das zugrundeliegende Mineral Nitronatrit ist der Rest des Vogelkots Guano, dessen organische Anteile verwittert sind. Die Vogelkacke ist einiges wert; genug Grund für Chile, Peru und Bolivien eine Krieg – den sogenannten Salpeterkrieg – um diesen Wüstenstreifen zu führen, den Chile gewann.
Zugegeben: Das mit dem Chemieunterricht ist gelogen. Nur aufgrund der auf dem Gelände aufgestellten hilfreichen und detailverliebt bemalten Tafeln konnte ich zumindest ansatzweise herausbekommen, was der Zweck von Humberstone gewesen war.
Richtig kapiert habe ich es bis heute nicht. Ich bin einfach mehr Sozialwissenschaftler als Naturwissenschaftler. Deshalb entfernte ich mich von den noch stinkenden Schloten und ging zurück in die Stadt, um mir anzusehen, wie die Arbeiter des Salpeterwerks so lebten.
Um es vorwegzunehmen: Den bis zu 3500 Menschen, die in Humberstone lebten, ging es ganz gut.
Die Häuschen für die Arbeiter und ihre Familien waren geräumig und gemütlich
und verfügten über einen Vorgarten,
der anscheinend sogar Obst und Gemüse produzierte.
Nur die ledigen Arbeiter mussten in Baracken wohnen,
hatten dafür aber die – mittlerweile leider ausgetrocknete – Bar gleich gegenüber.
Der Stadtplaner hatte mitgedacht. Überhaupt vermittelte Humberstone das Gefühl einer schnuckeligen Kleinstadt, in der man Theater, Schwimmbad, Kirche, Schule und Krankenhaus leicht zu Fuß erreichen konnte, aber die emmissionsverursachenden Betriebsstätten etwas abseits (auf dem Stadtplan links oben) lagen.
Für den Weg zur Arbeit und zurück gab es natürlich eine Eisenbahn.
Ich wartete eine Weile auf die Abfahrt des Zuges, aber es tat sich nichts. Irgendwann musste ich einsehen, dass Humberstone eine Geisterstadt war. Seit 1872 war die Salpetermine in Betrieb, ab 1934 wurde sie unter den Namen des Firmengründers James Thomas Humberstone ausgebaut. Die meisten jetzt noch stehenden Gebäude stammen aus jener Zeit, obwohl es schon seit den 1930ern abwärts ging mit dem Salpetergeschäft. Grund dafür war die Erfindung der Ammoniak-Synthese, die den Salpeter als Düngemittel überflüssig machte. 1960 wurden das Werk und die Stadt geschlossen. Alle Gebäude, die Ihr auf den Fotos seht, sind also bereits seit mehr als 50 Jahren nicht mehr bewohnt. Überall anders auf der Welt wären die Holzhäuser schon lange überwuchert und verfault, aber die Trockenheit der Atacama-Wüste bewahrt die Geisterstadt in dem Zustand, an dem der letzte Zug die Arbeiter und ihre Familien in die Arbeitslosigkeit fuhr.
Ebenfalls unberührt seit 1960 war die Turmuhr, die deshalb auf Vorder- und Rückseite unterschiedliche, aber stets gleichbleibende Zeiten angab. Die Zeiger dachten sich irgendwann „schaut uns sowieso keiner zu“ und schliefen friedlich ein.
Als sich noch Arbeiter und Schulkinder nach dieser Uhr richten mussten, wäre so etwas nicht passiert.
Ja, in Humberstone gab es eine Schule. Auch in von Unternehmen errichteten Arbeitersiedlungen verlangte das chilenische Gesetz ab 1920 die Errichtung einer Grundschule, wenn dort mehr als 20 Kinder im schulpflichtigen Alter lebten. Zu Höchstzeiten (1942) lernten und spielten in dieser Schule 463 Kinder unter der Aufsicht von 8 Lehrern.
Nach der Schule ging es ins Schwimmbad, ein wahrer Luxus in der Wüste.
Ich kann mir vorstellen, dass die Existenz eines Schwimmbads sowohl das Gewinnen von Arbeitern als auch das Gewinnen der Zustimmung deren Kinder zum Umzug der Familie erleichterte. Wenn Papa die Kinder dank des Schwimmbads erst einmal auf seiner Seite hatte, konnte Mama nicht mehr viel einwenden.
Aber auch für die Damen gab es etwas zur Unterhaltung und Zerstreuung: einen Tennisplatz,
der dank künstlicher Beleuchtung sogar nachts bespielt werden konnte,
und ein Theater und Lichtspielhaus.
Das Theatergebäude ist typisch für den Baustil in Humberstone. Holz, klare Kanten und rechtwinklige Ecken, fast Würfelform, Flachdächer, die Innenräume hoch und oft mit erhöhten Dachluken für den Lichteinfall.
Ist das Art Deco? Auf jeden Fall muss es in den 1930er Jahren der letzte Schrei gewesen sein, denn es verströmt jetzt noch den Geist der Moderne.
Selbst bei der Kirche ist die Neigung des Daches nur ganz leicht angedeutet.
Auf dem Altar lag noch der Notizzettel des Priesters.
Apropos Jesus: Ihr kennt die Geschichte, in der er Wasser zu Wein verwandelt? Bei mir geht es umgekehrt, und ich muss leider etwas Wasser in den Wein gießen.
Wenn man jetzt durch die Ruinen von Humberstone läuft, kann man sich leicht ausmalen, wie die Arbeiterkinder mit den Ingenieurskindern im Schwimmbad planschen, während sich die Frauen ein sozialkritisches Theaterstück ansehen und der Vater beim Nitratabbau glücklich strahlt, weil er mit seiner Hände Arbeit der Familie ein idyllisches Leben, dem Unternehmen Wohlstand und der Republik Fortschritt verschafft.
So war es nicht. Zumindest nicht immer.
Seit 1872 funktionierte diese Mine unter dem Namen La Palma und war eine „company town“ wie man sie aus den Büchern John Steinbecks kennt. Alle Geschäfte und Wohnungen gehörtem dem Minenbesitzer, und die Arbeiter wurden nicht in Geld sondern in Gutscheinen bezahlt, die sie nur in den firmeneigenen Läden einlösen konnten, wo aufgrund der Monopolstellung die Preise oft wucherisch überhöht waren. Arbeiter konnten so nirgendwo anders einkaufen, geschweige denn etwas ansparen. Die Unternehmen hatten einen firmeneigenen Sicherheitsdienst, der die Funktion der Polizei ausübte. Bei Misshandlungen durch Vorgesetzte, gefährlichen Arbeitsbedingungen oder verspäteter Lohnzahlung brauchte man sich so gar nicht erst beschweren.
Im Dezember 1907 brach ein Generalstreik in der gesamten Provinz aus. Die wichtigsten Forderungen waren die Zahlung des Lohns in Geld, das Eichen der Waagen in den Läden des Unternehmens, Sicherheitsmaßnahmen zur Vermeidung von Arbeitsunfällen, insbesondere von Verbrennungen, und das kostenfreie Zurverfügungstellen eines Lokals, in dem die Arbeiter selbst eine Abendschule organisieren wollten.
Das ging den Unternehmern zu weit. Der chilenische Staat berief sich auf die Tarifautonomie und hielt sich heraus, bis nach ein paar Wochen klar wurde, dass die Streikenden nicht zur Arbeit zurückkehren würden, sondern mit mehr als 10.000 Menschen, darunter ihre Frauen und Kindern, im Schulhof der Santa-Maria-Schule in Iquique campierten. Die gängige Lösung bei Arbeitskämpfen zu jener Zeit (nicht nur in Südamerika) war der Einsatz des Militärs. Drei Tage vor Weihnachten 1907 kam es zur brutalen Niederschlagung des Streiks mit einem Massaker an den Arbeitern samt Familien. Etwa 2.000 Menschen wurden erschossen.
Es sollte noch eine Generation dauern, bis die Arbeits- und Lebensbedingungen in den Salpeterstädten verbessert wurden.
Aber dafür gab es den Chile-Salpeter auch für deutsche Bauern „wesentlich billiger“
und als Deutschland zahlungsunfähig war, sogar „im Austausch gegen deutsche Waren“.
Praktische Hinweise:
Die beiden ehemaligen Minenstädte Humberstone und Santa Laura sind jetzt UNESCO-Weltkulturerbe und Museen.
Humberstone liegt etwa 50 km östlich von Iquique direkt an der Autobahn, die ganz Chile vertikal durchzieht. Es ist ausgeschildert und mit Auto oder Bus bequem zu erreichen. Auch die Rück- oder Weiterfahrt ist kein Problem. Ich stellte mich an die Bushaltestelle Richtung Iquique und wartete höchstens 15 Minuten auf einen Minibus.
Der Eintritt für Erwachsene kostet 3000 Pesos, also 4 Euro.
Ich habe fast den ganzen Tag in Humberstone verbracht. Es gab noch wesentlich mehr Gebäude als ich hier abgelichtet habe, und es wird wirklich nicht so schnell langweilig. Da die Gebäude alle offen sind, findet man auch immer einen schattigen Platz zum Ausruhen.
Aber es gibt nichts zu Trinken, was in der Hitze eine Pein ist. Nehmt ein paar Liter Wasser und einen Hut gegen die Sonne mit!
In Santa Laura gibt es wesentlich weniger zu sehen. Wer nur Zeit für eine Salpeterstadt hat, sollte sich lieber Humberstone widmen.
Obwohl das Areal jetzt ein Museum ist, habe ich nach Lösen des Tickets am Eingang keinen einzigen Wächter oder Aufseher gesehen. Man kann sich vollkommen frei bewegen und tatsächlich überall herumklettern. Toll!
Wenn Menschen fünf Stunden auf eine 3.700 km vom Festland entfernte Insel fliegen, dann wollen sie auch Fotos davon. Unmengen an Fotos. Vor jeder Steinfigur stolzierten die Touristen in den unmöglichsten Posen auf und ab und fotografierten sich mit auf Skistöcken montierten Kameras.
Ich mache so etwas nicht. Schließlich habe ich ein Gedächtnis, um mich daran zu erinnern, wo ich schon war.
Nur nach der Umrundung des Kraters von Rano Kau war ich anscheinend so erschöpft, dass ich meine Füße nicht rechtzeitig aus dem Foto ziehen konnte.
Und in Tongariki spazierte ich gedankenverloren in mein eigenes Bild.
Das war’s auch schon mit den Fotos von mir selbst nach einer Woche auf der Osterinsel. Wahrscheinlich war ich der einzige Besucher, der ohne Grinsend-vor-einer-Statue-Foto wieder wegflog. Dafür sah ich mehr von der Insel; dazu bald mehr in einem ausführlichen Bericht.