Geschichtsvergessenheit

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Sehr enttäuschend finde ich die mangelnde Begeisterung von Mandanten, wenn ich ihnen erkläre, dass das fein austarierte Zusammen- und manchmal Gegenspiel von Bundesgesetzen, Landesjustiz und kommunaler Exekutivgewalt eigentlich auf das Heilige Römische Reich zurückgeht.


Ebenso überraschend: Die weitgehende Teilnahmslosigkeit meiner Mandanten beim Amtsgericht oder Oberlandesgericht Nürnberg, wenn ich sie mit der Information aufmuntere, dass sie im gleichen Gebäude geschieden werden, in dem einst die Nazis gehenkt wurden.

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„Wackelkontakt“ von Wolf Haas

„Die Handlung war zu konstruiert“ hört man oft, wenn Leute aus dem Kino kommen und sich ärgern, dass die Straßenbahnfrequenz nach 22 Uhr spürbar abnimmt, so dass sie jetzt noch eine Viertelstunde an der zugigen Zentralhaltestelle herumstehen müssen. Oder wenn sie ein Buch enttäuscht zuklappen und in den Sand legen, bevor sie den Neoprenanzug überziehen, die Harpune schultern und zum nächsten Tauchgang im Roten Meer aufbrechen.

Anscheinend soll das kritisch gemeint sein, aber gelehrter klingen als „hat mir nicht gefallen“.

Wobei alles besser ist als „das hat mich einfach nicht abgeholt“. Zum einen ist ein Buch nicht die eingangs erwähnte Straßenbahn. Zum anderen schwingt da so eine Erwartungshaltung mit, nach dem Motto: „Jetzt habe ich 25 Euro für 236 Seiten bezahlt, da möchte ich wenigstens abgeholt werden.“

Ich selbst bezahle fast nie 25 Euro für ein Buch, weil ich weiß, wie Bibliotheken funktionieren. Wenn man einmal den Dreh raushat und weiß, wie man diese öffentlichen Bücherhäuser nutzt, dann spart man jeden Monat Hunderte an Euros. So kommt man auch mit weniger als dem durchschnittlichen Nettolohn eines Industriearbeiters ziemlich gut und gebildet über die Runden. (Ein trauriger Nebeneffekt ist, dass dadurch die Autoren darben und verhungern. Aber keine Sorge, es wachsen ständig neue nach.)

Menschen, die wollen, dass Bücher sie „abholen“, sagen wahrscheinlich auch: „Nächstes Jahr machen wir Mallorca.“ Ich wünsche dann immer viel Spaß mit den tektonischen Prozessen zwischen afrikanischer und eurasischer Platte, aber natürlich nur leise und innerlich, nicht laut. Man will auf der Gartenparty, wo alle etwas unbeholfen rumstehen, weil man nicht weiß, ob man sich auf den Rand der Hochbeete setzen darf, schließlich keine Diskussion über die Plattentektonik lostreten. Wobei mich immer wieder überrascht, wie relativ spät diese entdeckt wurde. Als ich auf die Polytechnische Oberschule ging, war das gerade der letzte Schrei und der Geografieprofessor ganz begeistert und aus dem Häuschen. Wir Schüler und Schülerinnen blickten auf die Weltkarte und sagten unisono: „Das ist doch evident, Alter!“ Aber ich glaube, die Jugend von heute ist respektvoller und sagt nicht mehr „evident“.

Ebenso wenig würde es der Jugend einfallen, mir vorzuwerfen, ich schriebe „zu konstruiert“.

Ganz im Gegentum wird mir manchmal vorgeworfen, man verlöre bei meinen Artikeln leicht den roten Faden. Wobei das überwiegend von Menschen ohne besonders ausgeprägte Geduld kommt, die einfach nicht weit genug lesen, um den roten Faden dort wieder aufzunehmen, wo er auftaucht. Dabei wird man bei meinen Geschichten im wörtlichsten Sinn „abgeholt“, weil man während des Lesens mit im Zug nach Stockholm sitzt. Oder nach Berlin. Oder einmal quer durch Kanada. Oder nach Görlitz und zurück. Bequemer und gemütlicher und zielgerichteter geht es kaum.

Seit ein paar Wochen gibt es wieder ein bisschen Tohuwabohu im Nahen Osten. Auf der Suche nach dem ultimativen Artikel, der wirklich alles über den Nahen Osten erklärt, bin ich auf diesen gestoßen. Und ich muss zugeben: Da habe ich während des Schreibens selbst ein paarmal vergessen, worüber ich eigentlich schreibe.

„Da habe ich mich wohl total verfranzt.“

Deshalb kann ich, um jetzt endlich auf den Punkt zu kommen, nicht nachvollziehen, wenn man „konstruiert“ als etwas Negatives ansieht. Ist eine Handlung konstruiert, hat sich der Autor einen Plan gemacht. Am Reißbrett, an der Pinnwand, auf einem Tisch voller Zettel oder – wenn es ein stilloser Banause ist – in einem dieser neumodischen Computergeräte. Das ist doch schön. Mir nötigt das allergrößte Hochachtung ab, wenn jemand auf Jahre hinaus einen Plot planen kann.

Und es kann durchaus gelingen. Zum Beispiel in dem Buch „Wackelkontakt“ von Wolf Haas, das ich gestern mit großem Vergnügen an einem Tag ausgelesen habe.

Es geht um einen Mann, der zuhause auf den Elektriker wartet und währenddessen ein Buch liest. Das Buch handelt von einem Mafia-Killer, der im Gefängnis sitzt und ein Buch liest. In jenem Buch geht es um einen Mann, der zuhause auf den Elektriker wartet. Und so weiter.

Anfangs war ich genervt davon, dass die beiden Handlungsstränge nicht streng nach Kapiteln unterteilt waren, sondern fließend ineinander übergingen. Aber bald war ich beeindruckt, wie flüssig und kreativ diese Über- und Ineinandergänge gestaltet waren. Das ist schon ein anderes Kaliber als wenn jemand einfach so runterschreibt, was einem in den Sinn kommt.

Man springt also zwischen beiden Erzählungen hin und her, findet den einen weniger sympathisch als den anderen und merkt lange nicht, was das eine mit dem anderen zu tun hat. Bis irgendwann, vielleicht nach dem ersten Drittel, vielleicht in der Mitte des Romans, der Groschen fällt.

Und dann wird es kompliziert, weil die Tochter des (mittlerweile aus dem Gefängnis entlassenen) Mafioso das Buch stibitzt und es an Stelle ihres Vaters weiterliest. Das Tempo nimmt zu, die verschiedenen Ebenen berühren sich immer wieder, und der Leser wird hin- und hergerissen zwischen Krimi, Familiengeschichte und literarischer Spielerei. Wirklich toll konstruiert!

Ich könnte hier mehr von der Handlung erzählen, um Euch zu überzeugen, dass das Buch die Lektüre lohnt. Aber das hieße auch, Euch um einen Teil des Vergnügens zu bringen.

Also, geht in die Bibliothek (der Wolf Haas hat schon genug verdient) und holt Euch den „Wackelkontakt“.

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Altersarmut

Viele Menschen wissen das nicht: Wenn man von einem Bundesland in ein anderes zieht, dann verfallen die bisherigen Rentenanwartschaften.

Tja, ich wusste das auch nicht.

Und so war ich etwas schockiert, als ich nach meinem Umzug von Bayern nach Sachsen den ersten Rentenbescheid erhielt.

Aber gut, ich bin ein genügsamer Typ. Damit komme ich schon irgendwie über die Runden.

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Heiraten macht dumm

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Als Scheidungsanwalt werde ich nicht müde, die Segnungen des Single-Daseins zu preisen und die Gefahren der Ehe in die Welt zu posaunen.

Leider hört niemand auf mich. Stattdessen stürzen sich weiterhin Millionen von Menschen ins Verderben. Bis sie dann ein paar Jahre später zu mir kommen und kleinlaut eingestehen, dass ich – natürlich – Recht hatte. Ich bin nicht nachtragend, und so helfe ich auch jenen, die sich selbstverschuldet, naiv und kleinbürgerlichen Konventionen folgend freiwillig in die Ehehölle begeben haben. Gerne unterstütze ich Frauen, Männer und neuerdings auch Diverse bei der Befreiung von Plage und Pein, von Unterdrückung und Unglück.

Aber wer auf mich nicht hören will, der hört hoffentlich auf die Wissenschaft.

Die hat jetzt festgestellt, dass Verheiratete einem höheren Risiko für Alzheimer ausgesetzt sind.

Die gute Nachricht bei dieser Studie ist: Auch wer einmal den verhängnisvollen Fehler begangen hat, kann seine Gesundheit noch retten. Zwar haben lebenslange Singles das geringste Alzheimer-Risiko, aber auch bei Geschiedenen ist die Gefahr des Gehirnschwundes geringer als bei jenen, die lebenslang zusammen bleiben.

Eigentlich ist das ja ganz logisch. Bekanntlich wirkt man Demenz vor, indem das Gehirn auf Trab gehalten wird. Viel lesen, in unbekannte Länder reisen, ein Fernstudium, Sprachenlernen und sich ständig neuen Herausforderungen stellen. Intellektuell, akademisch, kulturell, aber auch sozial. Ich habe das selbst gemerkt, als ich in meinen wilden Wanderjahren in zehn verschiedenen Ländern gelebt und viele Dutzend mehr bereist habe. Eine neue Umgebung, neue Regeln, eine neue Sprache und vor allem immer wieder neue Menschen kennenlernen, das hat mich jünger gehalten als dieser ganze Fitnessfirlefanz.

Wenn man heiratet, ist das Leben vorbei. Da zieht der Alltagstrott ein. Irgendwann muss man gar nicht mehr miteinander reden, weil man sowieso schon weiß, was der andere sagen will. Und verkündet man „Schatz, ich brauche ein Jahr Auszeit und werde die Seidenstraße mit dem Fahrrad abfahren“, dann gibt es gleich ein Eifersuchtsdrama wie in so einer dämlichen Telenovela.

„Ich hätte lieber an die Uni gehen sollen.“ „Ich auch.“

Kurze, wechselnde Beziehungen von maximal sechs Monaten sind wahrscheinlich unschädlich für das Demenzrisiko. Das Problem dabei ist, so weiß ich aus meiner familienrechtlichen Praxis, dass viele Menschen es leider nicht schaffen, selbst eine kurze Beziehung ohne daraus resultierende Schwanger- oder Vaterschaft zu absolvieren. Und dann ist das Leben doppelt vermurkst.

Okay, man könnte jetzt einwenden, dass einen die Kinder geistig fit halten. Aber so zu denken, verstößt gegen die Selbstzweckformel des Kategorischen Imperativs. Außerdem ist die Mitgliedschaft in der Stadtbibliothek preiswerter.

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„Stolz, ein Deutscher zu sein“

Immer, wenn mir jemand – und das passiert meist ungefragt – mitteilt, er sei „stolz, ein Deutscher zu sein“, so ermuntere ich wenn schon keine Diskussion, so doch zumindest eine Reflektion darüber, indem ich die folgenden kurzen, aber umso prägnanteren Sätze aus Thomas Manns ‚Doktor Faustus‘ (Kapitel XIV) zitiere:

Begeisterungsfähigkeit ist etwas sehr Gutes und Gläubigkeitsbedürfnis etwas der Jugend sehr Nützliches, aber eine Versuchung ist es auch, und man muss sich die Substanz der neuen Bindungen, die heute, wo der Liberalismus abstirbt, überall angeboten werden, sehr genau ansehen, ob sie auch Echtheit hat, und ob denn das die Bindung schaffende Objekt auch etwas Wirkliches ist oder vielleicht nur das Produkt einer, sagen wir einmal: Strukturromantik, die sich ideologische Objekte auf nominalistischen, um nicht zu sagen fiktionalistischem Weg schafft. Meiner Meinung, oder meiner Befürchtung nach sind das vergötzte Volkstum und der utopisch gesehene Staat solche nominalistischen Bindungen, und das Bekenntnis zu ihnen, also sagen wir: das Bekenntnis zu Deutschland, hat etwas Unverbindliches, weil es gar nichts mit der personalen Substanz und Qualitätshaltigkeit zu tun hat. Nach der wird überhaupt nicht gefragt, und wenn einer ‚Deutschland!‘ sagt und das für seine Bindung erklärt, so braucht er gar nicht nachzuweisen und wird von niemandem gefragt, auch von sich selbst nicht, wieviel Deutschtum er eigentlich im personalen und das heißt: qualitativen Sinn verwirklicht und wieweit er imstande ist, der Behauptung einer deutschen Lebensform in der Welt zu dienen. Das ist es, was ich Nominalismus, oder besser: Namensfetischismus nenne, und was nach meiner Meinung ideologischer Götzendienst ist.

Leider ist bisher empirisch nicht feststellbar, wie sich diese Begegnung mit einem deutschen Nobelpreisträger, die bei manchen der auf das Dichter- und Denkerland so stolzen Zeit- um nicht zu sagen Volksgenossen die erste Begegnung mit ebenjenem und ebendiesem zu sein den Eindruck nicht ganz zu vermeiden vermag, auf den eingangs zitierten Nationalstolz auswirkt. Weil auch Optimismus eine deutsche, ja vielleicht sogar – noch knapp vor dem Humor – die allerdeutscheste aller Eigenschaften ist, gehe ich davon aus, dass sich der oder die Betreffende sogleich begeistert in der kommunalen Bibliothek inskribieren wird, um die Werke des Dichters mit Vorfreude auszuborgen und die Leihe jeweils rechtzeitig zur Vermeidung von Säumniszuschlägen um einen Monat zu verlängern, was selbst bei den großzügigsten Stadtbibliotheken nicht zur Lektüre ausreichen wird, wenn der auf derartige Weise zum Kulturbeflissenen gewordene Mitbürger den Fehler begangen haben sollte, unter den Werken Thomas Manns sich für „Joseph und seine Brüder“ zu entscheiden. Denn daran sind schon ganz andere, darunter, ohne mich selbst auf ungebührliche Weise in den Mittelpunkt dieser Gedanken schieben oder drängen zu wollen, auch ich, verzweifelt und gescheitert. Aber sind nicht Verzweifeln und Scheitern seit jeher deutsche Tugenden?

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Zeit für einen Schlussstrich! Nein! Doch! Warum?

Mir hat heute noch niemand die Tageszeitungen vorbeigebracht, aber ich glaube dennoch, ziemlich genau zu wissen, was Thema sein wird: Soll der 8. Mai, der Tag der Befreiung, ein Feiertag werden? Ja! Nein! Doch! Einerseits! Andererseits! Wie das halt so geht in den Feuilletons.

Ganz ehrlich, ich verstehe nicht, was es da zu diskutieren gibt. Natürlich ist ein Feiertag besser als kein Feiertag. Die einzige, die das anders sieht, ist die FDP, aber die wurde – genau deshalb – abgewählt. Ironischerweise genießt sie seither viel mehr Feiertage als diejenigen von uns, die immer für mehr Feiertage gekämpft, gestritten und gefaulenzt haben.

Der Tag der Befreiung von der nationalsozialistischen Gewalt- und Trümmerherrschaft wäre jedenfalls ein würdigerer Anlass als irgendwelche Himmel- und Höllenfahrten, Auferstehungen und Heilige Geister, deren genaue Bedeutung spätestens seit dem Konzil von Nicäa niemand mehr versteht. Wir sind doch schließlich eine atheistische Gesellschaft, Herrgott noch mal!

Dummerweise gibt es noch diejenigen, die gar nicht befreit werden wollten, und die diesen Tag als Tag der Niederlage sehen. Die sollten zumindest heute im Keller bleiben und still und leise schmollen. Leider werden die WLAN-Kabel immer länger, und selbst aus den dunklen Verließen der deutschen Geschichte melden sich diejenigen, die gar nicht erinnert werden wollen, sondern finden, dass es Zeit für einen Schlussstrich sei. Mit denen muss ich, auch weil ich mich auf diesem Blog oft mit deutscher Geschichte beschäftige, manchmal diskutieren. Um Euch das entweder zu ersparen oder für ähnliche Diskussionen zu rüsten, gebe ich den Verlauf solcher Diskussionen im Folgenden wörtlich wieder.


Ich: Heute, am 80. Jahrestag der deutschen Kapitulation…

Schlussstrich-Mensch: Nicht schon wieder! Irgendwann muss doch mal Schluss sein.

Naja, es war doch Schluss am 8. Mai 1945. Zumindest offiziell. Das ist ja genau das, was wir jetzt feiern oder in Erinnerung rufen.

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Scheiß auf die Erinnerung! Wie lange sollen wir uns denn noch schämen für das, was passiert ist, als meine Großeltern Jugendliche waren? Nimmt das denn nie ein Ende?

Es verlangt doch gar niemand, dass Sie sich schämen. Sie können sich fühlen, wie Sie wollen. Wenn Sie Grund zum Schämen verspüren, dann ist das Ihre persönliche Entscheidung.

Überhaupt nicht schäme ich mich! Ganz im Gegentum. Auch wir Deutsche können stolz auf unsere Geschichte sein.

Worauf denn genau?

Auf Goethe und Schiller.

Das waren Schriftsteller. Was haben die mit Geschichte zu tun?

Auf Luther.

So, so, gerade auf den alten Antisemiten.

Auf Barbarossa.

Oh, da könnte ich jetzt einiges zum Angriffskrieg, zum rassistisch motivierten Vernichtungskrieg, zu Kriegsverbrechen und zum Holocaust sagen.

Aber ich nehme mal zu Ihren Gunsten an, dass Sie den Typ mit dem Bart meinten.

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Ja, den meinte ich.

Der im Fluss ertrunken ist, weil er zu doof war, die Ritterrüstung auszuziehen? Aber egal, ich will auf etwas Ernstes hinaus:

Merken Sie, dass Sie nur Beispiele gewählt haben, die sehr lange zurück liegen?

Na und? Deutschland hat eben eine tausendjährige Geschichte. Mindestens.

Das liegt aber alles viel länger zurück als der Nationalsozialismus. Wenn Sie also einen Schlussstrich verlangen, weil es „schon so lange her“ sei, dann muss der Schlussstrich doch erst recht für Goethe, Schiller, Luther und dubiose Kaiser aus dem 12. Jahrhundert gelten.

Aber darüber hört man nie etwas! Immer nur Nazis und Krieg, ständig und überall.

Also, für das, was Sie lesen, hören und sehen, sind Sie doch selbst verantwortlich. Es gibt ja nun wirklich keine Knappheit an Informationen. Jede Bibliothek hat genügend Bücher übers Mittelalter oder über Bismarck, da können Sie Ihr ganzes Leben lang lesen, ohne über ein einziges Konzentrationslager zu stolpern.

Aber schalten Sie doch mal den Fernseher an. Was sehen Sie? Immer die gleiche Nazischeiße. Ich kann es nicht mehr hören!

Ich sehe im Fernsehen auch viel, das ich kaum ertragen kann: Fußball, Volksmusik, Autorennen, Karneval, Börsenberichterstattung und allerhand anderen Unfug. Dann schalte ich halt ab oder um. Welche Artikel aus der Zeitung ich lese, entscheide ich. Welches Buch ich aus der Bibliothek hole, entscheide ich. Mit welchem Thema ich mich befasse, entscheide ich.

Und den Lesern, die sich beschweren, dass es hier oft um schwere Geschichte anstatt um leichte Geschichten geht, muss ich sagen: Ja, ich studiere Geschichte, ich interessiere mich dafür, und deshalb ist das hier auch ein Geschichtsblog. Wenn Euch das nicht gefällt, geht halt zu einem Reiseblog, zu einem Fußballblog oder meinetwegen zu einem Katzenblog.

Aber es fängt ja schon in der Schule an. Unsere Kinder werden indoktriniert. Sie werden regelrecht zum Selbsthass erzogen. Wir sind das einzige Volk, dass sich bis zur Selbstzerstörung moralisch im Dreck suhlt, weil wir einen Krieg verloren haben.

Niemand wird zum Hass erzogen, sondern zum Nachdenken. Und wie unser Gespräch zeigt, können Menschen, die durchs gleiche Schulsystem gegangen sind, durchaus mit ganz anderen Auffassungen dabei herauskommen. Das spricht gegen die These von der Indoktrination.

Ich sehe auch keine „Selbstzerstörung“ und kein „im Dreck suhlen“. Da gilt das Gleiche, was ich vorher zum Schämen gesagt habe. Wenn Sie denken, dass Sie Anlass dazu haben, dann liegt das bei Ihnen. Im Übrigen, das ist ein großes Missverständnis, geht es nicht darum, dass das Deutsche Reich den Zweiten Weltkrieg verloren hat. Es geht darum, dass es ihn begonnen hat, wie es ihn geführt hat, und es geht vor allem um den Holocaust.

Warum hackt die ganze Welt immer nur auf Deutschland herum? Alle anderen haben auch schlimme Sachen gemacht.

Erstens nicht alle. Zweitens ist nichts mit dem Holocaust vergleichbar. Drittens gehen der Zweite Weltkrieg und der Völkermord nun wirklich unbestreitbar auf das Konto Deutschlands.

Und dieses angebliche „Herumhacken“ auf Deutschland erkenne ich auch nicht, weder im politischen Rahmen, noch persönlich, wenn ich in andere Länder fahre. Selbst in Ländern, wo erst vor 85 Jahren deutsche Soldaten eingefallen sind und gemordet und geplündert haben, hat mir das noch nie irgendjemand persönlich vorgehalten. Überall, von Polen über Litauen bis in die Ukraine und Jugoslawien bin ich herzlich empfangen worden.

Ha, sehen Sie: Sie machen schon wieder unsere Soldaten herunter!

Wieso „unsere“? Sie sehen gar nicht so alt aus, wie wenn Sie zur Generation Volkssturm gehören. Und ja, ich sehe tatsächlich nicht ein, wieso Soldaten, die einem verbrecherischen Regime gedient haben und dabei verbrecherische Taten begangen haben, Respekt verdienen.

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Die haben nur ihre Befehle befolgt.

Ach, die alte Eichmann-Verteidigung.

Ich weiß, dass sich beides in der Bevölkerung hartnäckig hält (und halten will), aber sowohl der Mythos von der sauberen Wehrmacht als auch der Mythos vom Befehlsnotstand sind widerlegt.

Die einzigen, die Respekt verdienen, sind Deserteure, Widerständler und diejenigen, die menschlich blieben. Dafür gibt es ja auch Beispiele, wenn Sie schon auf irgendjemanden stolz sein wollen.

Sehen Sie, es war nicht alles schlecht!

Genau. Auch im Frühjahr 1945 schien die Sonne und sangen die Vögel, trotz 12 Jahren Nazi-Herrschaft.

12 Jahre, Sie sagen es! Das ist doch ein Fliegenschiss in 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte.

Keine Ahnung, wie Sie gerade auf 1000 Jahre deutscher Geschichte kommen. (Obwohl, doch, eine gewisse Ahnung habe ich.) Und das mit dem „erfolgreich“ geht mir auch nicht so ganz ein.

Aber das Zitat des AfD-Fraktionsvorsitzenden belegt, dass absolut keine Zeit für einen Schlussstrich unter die Geschichte ist. Denn in allen deutschen Parlamenten sitzen wieder Faschisten. Angehörige von Minderheiten werden wieder bedroht, angegriffen und ermordet. Rechtsradikale unterwandern Polizei und Militär. Der Antisemitismus ist überhaupt nicht zurückgedrängt. Menschenverachtende Rhetorik breitet sich aus. Und die ständige Forderung nach einem „Schlussstrich“ gehört zu dieser nationalistischen Ideologie. Und was soll so ein Schlussstrich eigentlich für die noch Lebenden signalisieren, die als Kinder in Konzentrationslagern oder in Gestapo-Gefängnissen waren?

Aber mit dem „Denkmal der Schande“ hat Höcke doch Recht. Warum gibt es keine Mahnmale für die Verbrechen der Alliierten?

Stellen Sie halt eins auf, wenn Sie wollen.

Dieser Ausspruch zeigt übrigens ganz deutlich, dass es um Geschichtsrevisionismus geht. Eine Verfälschung der Tatsachen. Da soll eine künstliche Version von Geschichte erschaffen werden, wo alles funkelt und glänzt, so wie man es im 19. Jahrhundert machte, um Nationalgefühl zu schaffen. Das ist eine vollkommen antiquierte, überholte, unwissenschaftliche Auffassung von Historiographie. Das ist Geschichte auf Kindergartenniveau.

Und was ist das eigentlich für ein Patriotismus, der die Geschichte des eigenen Landes bis zur Unkenntlichkeit verkürzen und verfälschen muss, um es erträglich zu finden?

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Wieso darf ich nicht einfach sagen, dass ich stolz bin, Deutscher zu sein? Alle anderen Nationen auf der Welt können das sagen, ohne dass man ihnen gleich einen Nazi-Vorwurf macht.

Natürlich dürfen Sie das sagen. Ich glaube, das mit dem Nazi-Vorwurf bilden Sie sich wieder nur ein.

Es ergibt nur keinen Sinn, auf etwas stolz zu sein, wozu man nichts beigetragen hat. Ich nehme an, Sie wurden als Deutscher geboren.

Natürlich!

Tja, dann ist das keine Leistung. Stolz kann man sein, wenn man einen Marathon läuft. Meinetwegen auch einen Halbmarathon. Stolz kann man vielleicht sein, wenn man ein schönes Bild gemalt hat. Oder wenn man nach langem Üben die 9. Sinfonie von Dvořák fehlerfrei spielen kann. Oder wenn man den Ärmelkanal durchschwimmt. Ich bin manchmal stolz, wenn mir ein Artikel gelungen ist, aber selbst das finde ich schon fraglich. Denn kann ich etwas für mein Talent? Vielleicht ist es einfach nur Glück, so wie Ihr und mein deutscher Pass.

Wenn überhaupt jemand stolz darauf sein kann, Deutscher zu sein, dann derjenige, der sich auf den langen Weg aus Afghanistan hierher gemacht hat, durch die Ägäis geschwommen und über die Alpen gewandert ist, Deutsch gelernt hat und dann nach vielen Jahren Deutscher wird. Das ist eine Leistung! Bei uns beiden war es nur Zufall. Hundert Kilometer weiter südlich, östlich, nördlich oder westlich geboren, und wir wären Dänen, Schweizer, Luxemburger oder Polen.

Dann könnte ich wenigstens stolz sein auf mein Land!

Ah, dann geht es also gar nicht um Deutschland? Ihnen liegt am Stolz auf die Nation als solches, (fast) egal welche?

Jawohl!

Dazu hat der große National- und Vaterlandsphilosoph Schopenhauer schon das Wichtigste gesagt:

Die wohlfeilste Art des Stolzes ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein.

So ein Verräter!

Übrigens, eine Sache wollte ich noch zum Ihrem „12 Jahre“-Zitat sagen. Das ist auch eine bewusste Verfälschung, die nahelegen soll, dass bis 1933 alles super war in Deutschland und dann, wie aus heiterem Himmel, Herr Hitler vorbeikam, die Deutschen irgendwie verführte oder zwang, und nach 12 Jahren war wieder alles gut. Ein Ausrutscher gewissermaßen.

Das ist natürlich vollkommen falsch. Der Nationalsozialismus begann lange vor 1933. Der Antisemitismus begann lange vor dem 20. Jahrhundert. Der Rassismus gegen Sinti und Roma hatte eine Tradition über Jahrhunderte. Ebenso das Überlegenheitsgefühl gegenüber Slawen. Der Nationalsozialismus fiel nicht „auf fruchtbaren Boden“, wie man so verharmlosend sagt, er entstand aus der Breite der Gesellschaft.

Und dass der Mythos von den 12 Jahren als Ausnahmezeit so viel Anklang findet, zeigt eindrücklich, dass wir noch viel mehr über die Geschichte sprechen müssen.

Noch mehr? Es läuft doch schon jeden Abend etwas auf N24.

Ich meine nicht den oberflächlichen, sensationsheischenden Klimbim über „Hitlers Wunderwaffen“ oder „Hunde an der Front“.

Viel wichtiger fände ich die Hintergründe und Zusammenhänge, die bis heute relevant sind. Wie entsteht Faschismus? Was sind die ersten Warnzeichen? Warum hält sich Antisemitismus in einem Land, in dem dessen schlimmste Auswüchse jedem bekannt sind? Warum finden selbst Leute, die keine Rassisten sein wollen, nichts dabei, abfällig über „Zigeuner“ zu sprechen? Was lernen wir für die Flüchtlingspolitik aus den Millionen von Deutschen und Österreichern, die vor zwei oder drei Generationen fliehen mussten? Warum werden in sozialpolitischen Debatten Nazi-Begriffe wie „asozial“ oder „arbeitsscheu“ verwendet?

Also, das wird mir jetzt alles zu kompliziert.

Und es wird noch schlimmer für Sie. Auch wenn Sie Ihren Nationalstolz aus anderen historischen Epochen ziehen wollen, so werden Sie da allerhand dunkle Flecken finden. Kriegsverbrechen im Ersten Weltkrieg, Kreuzzüge. Kolonialismus. Völkermorde in Afrika.

Ach, mir reicht’s. Sie haben mir den Nationalstolz so versaut, ich besinne mich jetzt nur mehr auf meine christlich-abendländische Identität.

Aber feiern Sie bitte kein Weihnachten! Dabei geht es nämlich um ein Ereignis von vor 2000 Jahren. Und da ist wirklich mal ein Schlussstrich angebracht, nicht wahr?


Irgendwann führt so ein Gespräch nicht mehr weiter. Wenn Ihr mit so Leuten sprecht, werdet Ihr ziemlich bald merken, dass sie objektive Aufarbeitung der Geschichte für ein ärgerliches Hindernis auf dem Weg zu nationaler Größe halten. Dabei ist ironischerweise gerade die etwas kritische Herangehensweise an die eigene Geschichte das, worauf man noch am ehesten stolz sein könnte.

Wann hat diese Schlussstrichdebatte eigentlich angefangen? Ich vermute, und das meine ich nicht einmal ironisch, es war am Morgen des 9. Mai 1945. Der deutsche Opfermythos ward geboren, noch bevor alle Toten aus den Konzentrationslagern begraben wurden. Schon zur ersten Bundestagswahl 1949 plakatierte die FDP so:

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Tja, den Schlussstrich hat die FDP letztendlich bekommen. So geht’s, wenn man geschichtsvergessen mit Begriffen wie „D-Day“ und „offener Feldschlacht“ hantiert.

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Mauthausen

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Meine Gastgeber in Linz sind äußerst herzliche Gastgeber. Am Morgen des Abschieds kochen, backen, pürieren, flambieren und präparieren sie, wie wenn ich kein bescheidenes Männlein, sondern eine Horde von hundert Hungrigen wäre.

Leider habe ich nicht viel Appetit. Denn heute geht die Reise nach Mauthausen.

Die überaus zuvorkommenden Gastgeber lassen es sich nicht nehmen, die 20 Kilometer zu fahren. Vielleicht trauen sie dem Trampen nicht, obwohl es mich sicher nach Linz gebracht hat. Wir fahren vorbei an Hochöfen, Stahlwerken, rauchenden Schloten, funkensprühenden Feuern. Eisenbahnen rauschen von einem Teil des Werks zum anderen. Es wird gehämmert, geschmolzen, produziert und geschwitzt. So muss das Ruhrgebiet früher ausgesehen haben. Oder der Donbass.

Es sind die Hermann-Göring-Werke. Erbaut ab 1938, ein paar Monate nach dem Ende Österreichs als unabhängiger Staat. Erbaut, erweitert und betrieben auch mit Zwangsarbeitern, mit Kriegsgefangenen und mit Häftlingen der nahen Konzentrationslager Gusen und Mauthausen. Die Deutschen und Österreicher konnten damals nicht selbst arbeiten, weil sie mit dem Überfallen anderer Länder beschäftigt waren, um die dortige Bevölkerung zugunsten eines deutschen Wirtschaftswunders zu versklaven. Kapitalismus braucht Wachstum, notfalls mit Gewalt.

Aber man muss der Voestalpine AG, wie das Unternehmen mittlerweile firmiert, zugute halten, dass sie auf dem Werksgelände ein Museum zur Zeitgeschichte unterhält. Tausende andere Unternehmen halten mucksmäuschenstill, obwohl im Deutschen Reich fast jeder Zwangsarbeiter hatte, bis in den Mittelstand und sogar in die Landwirtschaft.

Aus dem Städtchen Mauthausen, und Städtchen ist schon fast zu viel gesagt, führt eine sich durch den Wald und durch Maisfelder schlängelnde Straße. Immer bergauf. Bis zu der Festung, die noch immer bedrohlich und düster wirkt.

Dicke Mauern. Stacheldraht. Wachtürme.

Keine Bäume, stattdessen freies Schussfeld.

Es ist Sommer 2020, weniger Besucher als sonst, wegen des Coronavirus. Die Dame an der Rezeption nimmt sich viel Zeit, alles zu erklären.

Mauthausen war eines der letzten Konzentrationslager, das befreit wurde, am 5. Mai 1945. Dass die ersten Konzentrationslager schon zehn Monate vorher befreit wurde, führte hier nicht zum Innehalten. Dass Hitler sich eine Woche vorher selbst entleibt hatte, führte nicht zum Innehalten. Dass die Wehrmacht schon Anfang Mai an allen Fronten kapitulierte, führte nicht zum Innehalten. Aber danach faselten die Mörder ihr weitgehend unverfolgtes Leben lang vom angeblichen Befehlsnotstand.

Weil in Mauthausen bis fast zum letzten Atemzug gemordet wurde, war das Lager Ziel etlicher Verlegungen und Todesmärsche aus anderen Konzentrationslagern. Die Zahl der Häftlinge schwoll ab 1944 dramatisch an, und in den letzten vier Monaten vor der Befreiung starben genauso viele Menschen wie in den vier Jahren zuvor. Insgesamt mindestens 90.000 Menschen.

Befreit wurde Mauthausen von der US-Armee. Wenn man das Banner sieht, mit dem die spanischen Häftlinge die Befreier begrüßten, dann wird klar, dass der Begriff „Antifa“ keinerlei negative Konnotation verdient. Ganz im Gegentum.

Aber dass Mauthausen zu einer Gedenkstätte wurde, ist der Sowjetunion zu verdanken, klärt mich die Dame von der Gedenkstätte auf. Wie Deutschland war Österreich in vier Besatzungszonen geteilt, und nördlich der Donau war die sowjetische Zone. Die sowjetische Besatzungsmacht retournierte das Gelände nur unter der Auflage, dass eine Gedenkstätte entstehen müsse.

„Wie denken denn eigentlich die Leute in Mauthausen darüber, dass ihr Ort immer mit dem Konzentrationslager assoziiert wird?“ will ich wissen.

Sie wendet sich an einen jungen Mann, der gerade ein Praktikum absolviert: „Du bist von hier, Du kannst wahrscheinlich mehr dazu sagen.“

„Gestern habe ich Flyer für unsere Filmretrospektive verteilt“, berichtet er. „Da gab es schon Interesse. Aber als ich in einer Eisdiele sagte, dass ich von der Gedenkstätte bin, hat sich die Verkäuferin umgedreht und nicht mehr mit mir gesprochen.“

Er erzählt das so, wie wenn es nicht zum ersten Mal passiert ist.

Und: „Wenn wir ins Ausland fahren, sagen wir lieber, wir sind aus Linz.“ Das kennt man aus Dachau, wo sich die Leute lieber als Münchner ausgeben.

Mit einem Übersichtsplan und weiteren hilfreichen Hinweisen ausgestattet, beginne ich die Erkundung des Geländes. Außerhalb der festungsartigen Mauern lag der Fußballplatz. Die SS spielte hier gegen örtliche Fußballvereine. Die Bevölkerung konnte zusehen, wahrscheinlich hat auch jemand Würstchen oder Limonade verkauft. Auch sonst gab es gemeinsame Feste und regelmäßigen Kontakt, bis zu Eheschließungen zwischen SS-Männern und örtlichen Frauen. Die Bevölkerungszahl von Mauthausen wuchs, die Vermieter freuten sich, die Gastwirte freuten sich.

Neben dem Sportplatz waren Baracken für die Häftlinge, die so krank waren, dass sie keine Fluchtgefahr mehr darstellten. Zum Sterben konnte man sie auch außerhalb der Mauern stapeln. Jetzt führt eine Frau ihren Hund auf diesem Feld aus und pflückt Blumen. Für den Mittagstisch.

Wo einst die Baracken der SS standen, ist jetzt ein Denkmalpark. Ein Spiegel der Nachkriegssituation, des Kalten Krieges und der seither eingetretenen Veränderungen. Die ersten Denkmale waren groß, heroisch, männlich. Vieler Opfergruppen wie Frauen, Homosexuellen oder Kindern wurde nicht gedacht.

Erst in den 1970er Jahren wurde ein Denkmal für die jüdischen Opfer errichtet. Roma und Sinti warteten bis 1989.

Und das Gedenken war national. Jeder Staat wollte sein eigenes Denkmal. Deutschland ist gleich zweimal vertreten, nicht als Täter und Opfer, sondern als Ost und West. Hier gedenken Staaten, die gar nicht mehr existieren, UdSSR, DDR, Jugoslawien. Und neue Staaten wie die Ukraine oder Slowenien.

Diese Nationalisierung des Gedenkens ist, was die Skeptiker des geplanten Polen-Denkmals in Berlin befürchten.

Besucher aus aller Welt bringen Plaketten an. Dank an die US-amerikanischen Befreier neben Erinnerung an die sowjetischen Opfer. Letztere bekamen, zumindest wenn sie Generalleutnant waren, den ausführlicheren Nachruf. („… Foltern und Hohn brachen nicht den Mut des feurigen Kämpfers für die Befreiung der Völker vom faschistischen Joch. …“)

Gedenktafeln für Kinder. Gedenktafeln für jüdische Fallschirmspringer*innen aus Palästina, die sich freiwillig meldeten, um hinter feindlichen Linien gegen die Nazis zu kämpfen. Gedenktafeln für Homosexuelle. Für Pfadfinder. Für Roma und Sinti. Für Zeugen Jehovas. Für türkische Opfer. Für chinesische Opfer. Für georgische Opfer. Für Louis Häfliger. Für Deserteure und Kriegsdienstverweigerer der Wehrmacht. Für Kommunisten und Sozialisten. Für aserbaidschanische Opfer. Für kosovarische Opfer. Für portugiesische Opfer. Für montenegrinische Opfer. Für kubanische Opfer. Und für Leopold Figl, der nach seiner Haft im KZ Mauthausen zum Bundeskanzler der Republik Österreich gewählt wurde.

Hundertneunzigtausend Häftlinge. Hundertneunzigtausend Geschichten.

Die Dame von der Gedenkstätte hatte mir erzählt, dass in pandemiefreien Jahren Angehörige aus aller Welt kommen. Die Historiker holen dann die jeweiligen Akten aus dem Archiv. Und alle Angehörigen bekommen eine persönliche Führung.

„Manchmal“, fährt sie fort, „übergibt uns jemand ein Bündel mit Papieren, das sie nach dem Tod des Vaters oder Großvaters gefunden haben. Alte Ausweise, Schriftstücke, ein Tagebuch oder handschriftliche Memoiren. Unsere Arbeit wird noch lange nicht vorbei sein.“

Wenn man ein ehemaliges Konzentrationslager besucht, erwartet man, dass einen die Gaskammer am meisten schockiert. Oder die Öfen, in denen die Leichen verbrannt wurden. Oder die Fotos von Leichenbergen. Aber hier hat die Gedenkstätte ein anderes Konzept: Im Keller, wo die Krematorien stehen, dürfen Angehörige Plaketten, Erinnerungen und Fotos der Opfer anbringen.

Die Räume sind voller Gesichter, voller Namen, voller Lebensgeschichten.

Hundertneunzigtausend Häftlinge. Hundertneunzigtausend Geschichten.

Eine Geschichte davon will ich erzählen. Die Geschichte von Francisco Boix.

Vielleicht habt Ihr Euch bei dem obigen Bild von der Befreiung schon gewundert, warum das Plakat auf Spanisch verfasst war. Nun, in Mauthausen saßen etwa 7.000 spanische (viele davon katalanische) Häftlinge.

Wie kam das? Spanien wurde doch nie von den Nazis erobert, oder?

Es war eine Folge des spanischen Bürgerkriegs. Nachdem Franco 1939 obsiegt hatte, flohen viele spanische Linke und Republikaner über die Pyrenäen nach Frankreich. Ein Teil von ihnen geriet in deutsche Gefangenschaft, als Deutschland Frankreich überfiel. Andere kämpften mit der französischen Fremdenlegion gegen Deutschland und kamen so in deutsche Gefangenschaft. Das Deutsche Reich wollte sie anfangs nicht ins Konzentrationslager stecken, sondern behandelte sie als Kriegsgefangene. Deutschland bot Franco sogar an, sie nach Spanien zu schicken, das sich schließlich nicht mit Deutschland im Krieg befand. Aber der spanische Diktator antwortete: „Nein danke. Diese Leute haben sich gegen mich verschworen, das sind keine Spanier mehr. Macht mit ihnen, was Ihr wollt.“

Das war ihr Todesurteil.

Francisco Boix war einer dieser Spanier, die zuerst gegen Franco und dann gegen Hitler kämpfte. Er wurde gefasst und kam 1941 nach Mauthausen. Außerdem war er Fotograf.

Das rettete ihm das Leben.

Er musste als Fotolaborant für den SS-Erkennungsdienst im Lager arbeiten. Durch seine Hände gingen Propagandafotos, Fotos aller neuen Gefangenen, Fotos von Todesfällen im Steinbruch, Fotos von Hinrichtungen, Fotos der grausamen Lebensumstände im Lager. Einfach alles.

Von etlichen dieser Fotos fertigte Boix heimlich einen weiteren Abzug an. Andere spanische Häftlinge, die in den Steinbrüchen außerhalb des Lagers arbeiten, schmuggelten die Fotos nach draußen. Auf dem Fußweg durch den Ort Mauthausen fiel ihnen immer wieder eine Frau auf, die menschlicher als die anderen Einwohner zu sein schien, die ihnen zunickte, sie grüßte. Dieser Frau steckten die Häftlinge die Fotos zu. Immer wieder. Jedes Mal unter Lebensgefahr für alle Beteiligten. Diese Frau, Anna Pointner, versteckte die Fotos bis 1945.

Es war fast unglaublich, aber Francisco Boix überlebte die vier Jahre im KZ. Ohne dass er oder seine Helfer je aufflogen. Seine Fotos und seine Zeugenaussagen beim ersten Nürnberger Prozess sowie im Mauthausen-Prozess belegten nicht nur die grausamen Haftbedingungen, sondern auch die persönliche Kenntnis darüber von Albert Speer, der während seines Besuches im KZ Mauthausen fotografiert wurde.

Boix und die anderen spanischen KZ-Häftlinge konnten übrigens nach der Befreiung nicht in ihre Heimat zurückkehren. Denn Spanien machte keine Anstalten, ihnen die einmal entzogene Staatsbürgerschaft wieder zu gewähren. Sie blieben staatenlos.

In der Ausstellung lerne ich so viel, das ich hier gar nicht wiedergeben kann, ohne den Rahmen zu sprengen.

Über Martin Roth, der im KZ Mauthausen für den Betrieb der Gaskammer und des Krematoriums verantwortlich war. Seit 1945 wurde er wegen Mordes gesucht. Aber anscheinend nicht richtig, denn bis 1968 konnte er in Deutschland und Österreich unbehelligt leben. Er wurde zu sieben Jahren Haft verurteilt. Von 1977 bis zu seinem Tod im Jahr 2003 fuhr er jedes Jahr in den Sommerurlaub nach Mauthausen. Er saß dort gerne in einem Wirtshaus mit Blick auf das ehemalige Konzentrationslager.

Über die SS, die ganz im Sinne der Marktwirtschaft eine eigene GmbH zur Ausbeutung der Steinbrüche in Mauthausen gründete. Mit Prospekten, die den Granit aus Mauthausen, Groß-Rosen und Flossenbürg anpriesen. Gartenverunstalter greifen bei letzterem Steinbruch auch heute noch gerne zu.

Über das Lagerbordell, in das Frauen aus dem KZ Ravensbrück gebracht wurden. Der Besuch des Bordells wurde nur wenigen privilegierten Häftlingen gestattet. Juden waren ausgeschlossen. Die den Frauen versprochene Entlassung erfolgte natürlich nie.

Über die Anstrengungen der SS, in den letzten Monaten alle Beweise zu vernichten. Die meisten Dokumente wurden verbrannt. Die Tötungsanlagen wurden demontiert. Gut, dass Francisco Boix die Fotos versteckt hatte. Und gut, dass Jack Taylor, ein US-amerikanischer Geheimagent, seine Haft im KZ Mauthausen überlebte und bei den akribischen Ermittlungen der US-Armee helfen konnte.

Wie so oft bei der Konfrontation mit dem Nationalsozialismus erschrecken vor allem die Bürokratie, die Regelungswut, die Ordentlichkeit der Buchführung, die deutschen Tugenden eben.

Ich muss Luft schnappen, gehe raus, wandere durch das Gras, das jetzt so grün ist, wie es zu Zeiten des Konzentrationslagers nie war. Aber überall, wo ich hintrete, liegen Tote.

Erst am Zaun, einst elektrisch geladen und ebenfalls ein Ort des Todes, endet mein gedankenverlorener Spaziergang.

Nur einmal gelang es Häftlingen, diesen Zaun zu durchbrechen. Im Februar 1945 griffen sowjetische Kriegsgefangene die Wachtürme an und schlossen den elektrischen Zaun mit feuchten Decken kurz. 419 von ihnen konnten das Lager verlassen.

Allerdings nur kurz. Viele brachen vor Erschöpfung zusammen oder starben im Kugelhagel der Maschinengewehre. Auf den Rest veranstaltete die SS eine regelrechte Hetzjagd. Drei Wochen lang wurden alle umliegenden Wälder und Dörfer durchkämmt, um jeden entkommenen Sowjetsoldaten aufzufinden und zu töten. Unter dem zynischen Namen „Mühlviertler Hasenjagd“ beteiligten sich die Polizei, die Feuerwehr, die Wehrmacht, die Hitlerjugend, der Volkssturm sowie die Zivilbevölkerung an der Menschenjagd. Massenmord als Volksfest. Das waren die, die nach 1945 behaupteten, „von nichts gewusst“ zu haben.

Lediglich elf der geflohenen sowjetischen Soldaten überlebten, weil sie von Bauern oder Zwangsarbeitern versteckt wurden. Das waren die, denen die Mehrheit nach 1945 gram war, weil sie gezeigt hatten, dass Widerstand möglich war.

Ich gehe zu Fuß runter zur Donau, durch die Ortschaft. Vier Kilometer sind es zum Bahnhof, die die Häftlinge von dort auf den Hügel mit dem Konzentrationslager laufen mussten. Vorbei an hübschen Villen, spießigen Häuschen, gepflegten Gärten.

Ich rechne. Wer damals 20 Jahre alt war, wäre jetzt 95. Davon wird es nicht mehr viele geben. Die 60- oder 70-Jährigen, die jetzt im Garten sitzen, sind die, die nie gefragt haben. Aus Angst davor, was ans Licht kommt. Auch über die eigenen Eltern.

Es dauert wohl zwei oder drei Generationen, bis sich das historische Interesse den Weg bahnt. Und manchmal noch länger. Auf der Internetseite der Gemeinde Mauthausen ist die KZ-Gedenkstätte nicht unter den örtlichen Sehenswürdigkeiten aufgeführt. Ebensowenig das Denkmal für Anna Pointner. Aber es gibt einen stolzen Hinweis auf das Kriegerdenkmal für die Nazi-Soldaten, die die Opfer für Mauthausen in aller Welt zusammengetrieben haben.

Praktische Tipps:

  • Sowohl vom Bahnhof in Mauthausen als auch vom Bahnhof in Linz fährt ein Bus bis zur Gedenkstätte.
  • Im Winter ist die Gedenkstätte montags geschlossen, ansonsten ist sie jeden Tag geöffnet. Ich empfehle, für den Besuch mindestens 3-4 Stunden einzuplanen.
  • Der Eintritt ist kostenlos. Die App, die einen über das Gelände führt und Hintergrundinformationen bietet, ist ebenfalls kostenlos. Wer, wie ich, kein Smartphone hat, kann sich für 3 € einen Audioguide mieten.

Links:

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Zwangsarbeiterkästchen

Vor vielen Jahren hatte ich über die schockierende Entdeckung berichtet, dass auf dem Bauernhof meiner Urgroßeltern – den die Weltöffentlichkeit bereits aus dieser Geschichte kennt – einst ein sowjetischer Zwangsarbeiter schuften, melken und ausmisten musste. Vielleicht war genau der gleiche und selbe Zwangsarbeiter jedoch ganz erleichtert, unter Obstbäumen im Bayerischen Wald statt unter Granatbeschuss bei Uman zu liegen. Vielleicht auch beides, gleichzeitig oder nacheinander, in der einen oder anderen Reihenfolge.

Man weiß es es nicht und wird es niemals wissen. Denn meine Suche nach Dimitri, wie der sowjetische Held in der Überlieferung heißt, hat bisher – trotz tatkräftiger und hier ausdrücklich zu lobender Unterstützung durch das Staatsarchiv in Landshut – keine Ergebnisse zutage gefördert.

So bleibt als einziges greifbares Memorial das auch drei Generationen später noch hochgeschätzte Holzkästchen, das Dimitri vor 80 Jahren geschnitzt, gebastelt und geleimt hat.

Eingangs hatte ich von dem Schock über die Erkenntnis berichtet, dass auch meine Familie in die Zwangsarbeit während des Nationalsozialismus verstrickt war. Dabei wäre eigentlich eher das Gegenteil überraschend. Zwangsarbeit war das NS-Unrecht, mit dem der größte Teil der deutschen und (auch wenn sie es dort nicht gerne hören) der österreichischen Bevölkerung im Alltagsleben in Berührung kam. Kaum eine Fabrik, kaum ein Gehöft, kaum ein Steinbruch und natürlich keine christliche Kirche, die keine Zwangsarbeiter hatte.

Auf dem Gebiet des Deutschen Reiches waren etwa 13,5 Millionen Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen eingesetzt, in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten weitere Millionen von Menschen.

„Und von all diesen Millionen von Menschen gab es einen, der sich bei der Familie, der er zugeteilt worden war, mit solch einem filigranen Kunstwerk in Erinnerung hielt“, dachte ich. Aber das war Wunschdenken.

Denn bald meldeten sich aus dem ganzen Land Menschen, Museen und Gedenkstätten, die ähnliche Kästchen aus dem gleichen historischen Zusammenhang im Inventar hatten.

Insbesondere der Förderverein Gedenkstätte Stalag 326 (VI K) Senne e.V. hat etliche derartige Objekte und viel Wissen zusammengetragen. Eben ist Band 5 der Schriftenreihe des Vereins erschienen: „Verflochtene Geschichten: Kunsthandwerkliche Arbeiten sowjetischer Kriegsgefangener in Sammlungen, Ausstellungen und Vermittlung“

Auch unsere Zigarrenkiste hat es, wahrscheinlich als das reichsweit schönste Exemplar, in das Buch geschafft:

In der Publikation wird herausgearbeitet, dass die Kriegsgefangenen diese Handwerkskunst meist nicht – wie es wohl die familiäre Überlieferung gerne hätte – aus Dankbarkeit herstellten, sondern um sie gegen Lebensmittel zu tauschen oder zu verkaufen. Die handwerkliche Produktion von Holz- und Strohkästchen, aber auch von Besteck oder Kinderspielzeug aus Holz war also Teil der Überlebensstrategie in einer Lage, in der Millionen von Kriegsgefangenen an Hunger, Krankheit, Überarbeitung oder auch direkter Gewalt starben.

Tatsache ist, dass man zu kaum einem Objekt die Geschichte – insbesondere nicht aus der Perspektive des Zwangsarbeiters oder der Zwangsarbeiterin – kennt.

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Kreuzigung zum Selbermachen

Das Foto stammt aus Breslau, aber ich habe keine Ahnung, was es bedeutet.

Vielleicht kann einer der theologisch versierten Leser helfen?

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Filmkritik: „Eden“

Deutsche sind schlechte Nachbarn.

Ich meine damit gar nicht mal die Weltgeschichte, obwohl Polen und Belgier und viele andere Völker dazu einiges zu sagen hätten. Ich meine das Privatleben unserer lieben Reichs-, Bundes-, Mit- und Spießbürger. In keinem anderen Land der Welt zicken sich die Menschen so kleinlich wegen fallenden Laubes, wegen Grillen am Balkon, wegen Rasenmähen nach 18:30 Uhr, wegen Rauchen im Garten, wegen Zäunen und Hecken und neuerdings wegen Überwachungskameras. Ich kenne auch kein anderes Land der Welt, wo in jeder Buchhandlung Ratgeber dafür feilgeboten werden, wie man seine Nachbarn verklagt.

Erst kürzlich entschied der Bundesgerichtshof – nach vorherigen Verfahren am Landgericht und am Oberlandesgericht – über eine Hecke. Ein 19-seitiges Urteil, gefällt durch fünf allesamt höchstqualifizierte und promovierte Richter. „Im Namen des Volkes“ wird da schon in der dritten Instanz über Hecken und Solitärgewächse schwadroniert und das Verfahren nicht beendet, sondern zur erneuten Entscheidung an das Oberlandesgericht zurückverwiesen. (Ganz ehrlich, als Rechtsanwalt frage ich mich, warum man solche Fälle überhaupt annimmt.)

Der Hass auf die Nachbarn erklärt die deutsche Vorliebe für Wohnmobile, Westernfilme und einsame Inseln. Vor der Wahl zwischen diesen drei Weltfluchten standen 1929 auch der deutsche Zahnarzt Friedrich Ritter sowie seine Freundin Dore Strauch. Weil sie weder einen Führerschein noch einen Farbfernseher hatten (es war mal wieder Weltwirtschaftskrise), blieb nur die Insel.

Die Zivilisationsflucht war damals groß in Mode. Obwohl es keine organisierte Bewegung war, sondern jeder Robinson sein eigenes Hühnersüppchen kochte, mit Versatzstücken von Vegetarismus bis germanischem Überlegenheitsgetue, von Anthroposophie bis Antisemitismus, von Esoterik bis Erotik, kennt man das ganze Amalgam unter dem Stichwort „Lebensreform“. (Regieanweisung: frenetischer Applaus des gebildeten Publikums für die zahnmedizinische Metapher.)

Ich hätte den beiden bessere Inseln empfehlen können (z.B. diese, diese oder diese), aber das abenteuerlustige Paar aus Berlin wollte wirklich weit weg und allein sein. Also ließen sie sich auf der Insel Floreana absetzen, die zum Galapagos-Archipel vor Ecuador gehört. Das ist, man kann es nicht milder ausdrücken, eine pottwalhässliche und ganz und gar garstige Insel.

Aber weil Herr Ritter und Frau Strauch (die übrigens in Berlin ihre jeweiligen Ehegatten zurückgelassen hatten) durch und durch deutsch waren, begannen sie mit dem Aufbau eines Schrebergartens. Sogar mit Gartenzaun, sicher ist sicher.

Alle paar Monate kam ein Schiff vorbei und nahm Post nach Deutschland mit, wo die Zeitungen und die Leserschaft die Geschichte von den deutschen Kolonisatoren genüsslich aufsogen. Deutschland hatte ja gerade erst sein gesamtes Weltkolonialreich im Ersten Weltkrieg verloren. Da tat es gut, wenn wenigstens irgendwo in der weiten Welt ein Deutscher über eine unbewohnte Insel herrschte.

Ritter wollte durch die Publicity eigentlich Ruhm, Ehre, Aufmerksamkeit und vor allem Bücher- und Zigarrensendungen bekommen. Stattdessen fand er ungebetene Nachahmer. Im Sommer 1932 kam das Ehepaar Heinz und Margret Wittmer mit Sohn auf die Insel. Sie ließen sich von einem Fischkutter absetzen, stiegen den Vulkan hinauf und klopften an die Gartenpforte.

Wie sich das Verhältnis zwischen den beiden Familien genau entwickelte, das könnt Ihr jetzt im Kino sehen. Der Film „Eden“ bleibt eng an den tatsächlichen Ereignissen. Soweit sie uns bekannt sind.

Wie Ihr seht, passierte dann doch ein bisschen mehr als reine Kleingärtnerei.

Ihr könnt trotzdem weiterlesen, denn der Film bleibt spannend, selbst wenn man die Geschichte schon kennt. Ja, eigentlich fand ich den Film noch beeindruckender, gerade weil ich wusste, dass die Geschichte wahr ist und weil ich mich aus meiner Jugend natürlich noch an die alten Filmaufnahmen aus den 1930ern erinnerte.

Die nervige Tussi ist Ana de Armas, der ihr letzter Erfolg mit „No Time to Die“, wo sie nicht nur James Bond, sondern den ganzen Film rettete, anscheinend so zu Kopf stieg, dass sie im Herbst 1932 ebenfalls auf Floreana übersiedelte. Sie kam unter dem falschen Namen Baronin Eloise Wehrborn von Wagner-Bosquet, mit einem Diener, zwei Liebhabern sowie dem Plan, das teuerste Luxushotel der Welt auf der Insel zu errichten.

Total größenwahnsinnig hielt sie sich bald für die Königin, wenn nicht gar die Kaiserin der Insel. Auch das ist wieder so eine Sache, die man, wenn es die historischen Filmaufnahmen und Fotos nicht gäbe, wahrscheinlich überhaupt nicht glauben könnte.

Jedenfalls war spätestens mit diesem dritten Trupp der typische Nachbarschaftsstreit auch auf Floreana vollends angekommen: Streit ums Trinkwasser. Zank um die Lebensmittel. Zu viele Partys. Zu lauter Sex. Nicht angeleinte Hunde. Keine Mülltrennung. Klatsch und Tratsch. Mord und Totschlag.

Ich verrate nur so viel: Nicht alle Menschen verlassen die Insel lebendig. Von manchen, die die Insel verlassen, hat man nie mehr etwas gehört. Es ist einigermaßen überraschend, welche der drei Gruppen sich durchsetzt – und am Ende tatsächlich ein Hotel baut.

„Na, den beiden anderen Damen habe ich es aber gezeigt!“

Ein wuchtiger Film. Ein imposanter Film. Sehenswert.

Und nachdem ich all das gefährliche Getier auf den Galapagos-Inseln gesehen habe, bin ich noch einmal froh, dass ich mich während meiner Südamerika-Reise stattdessen für die Osterinsel entschieden habe. Obwohl dort auch eine grausame Mordserie wütete.

Links:

  • Wer sich für deutsche Aussteiger auf fernen Inseln im Rahmen der Lebensreform-Bewegung interessiert, dem sei das Buch „Imperium“ von Christian Kracht empfohlen.
  • Über die Lebensreform-Bewegung findet noch bis zum 10. August 2025 eine Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn statt.
  • Weitere Filmempfehlungen.
  • Und wenn ich irgendwann dazu komme, über meine Reisen nach Vilcabamba, Cuenca und im Cajas-Nationalpark zu schreiben, dann gibt es hier mehr Berichte aus Ecuador.

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