Unsortierte Gedanken (18)

  1. Erschreckend, wie Sinti und Roma in der Bundesrepublik rassistisch erfasst und verfolgt wurden, teilweise von NS-Behörden, die lediglich umbenannt und dem LKA Bayern untergeordnet wurden. So hat sich das Voruteil von den „kriminellen Zigeunern“ bis heute festgesetzt.
  2. Thomas Kuban hat mich auf den wirklich besten Produktivitäts-Blog gebracht.
  3. Danke an Patrick Logdson für das Buch Südosteuropa – Weltgeschichte einer Region, einen wunderbaren Wälzer, der mich auf der kommenden Balkanreise begleiten wird, sowie für die Freienbibel, ein Handbuch für freie Journalisten. 51-dupsqr0l
  4. Die Nachricht von der Anklage gegen zwei ehemalige Wachleute des KZ Stutthof hat mich an das Buch Der Wald der Götter von Balys Sruoga erinnert, der in Stutthof interniert war. Seine Erinnerungen sind trotz des Grauens ironisch bis sarkastisch geraten. Schade, dass das Buch außerhalb Litauens kaum bekannt ist. balys-sruogader-wald-der-gc3b6tter
  5. Eine völkerrechtliche Besonderheit: Deutschland nimmt diplomatische Beziehungen zu einem Nicht-Staat auf, in diesem Fall zum Souveränen Ritter- und Hospitalorden vom Heiligen Johannes von Jerusalem von Rhodos und von Malta.
  6. Danke an Ana Alves für das Buch Die Außenseiter: Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa von Philipp Ther, der aufzeigt, dass Flucht und Flüchtlinge schon immer zur europäischen Geschichte gehört haben. 42776
  7. „Wenn man eine Weile in einem anständigen Gefängnis sitzt, kriegt man gleich ein Gefühl für die eigene Würde.“ (Andrzej Stasiuk: Wie ich Schriftsteller wurde)
  8. Jedes Mal, wenn ich von „Paragraf 116 des Grundgesetzes“ lese, wie kürzlich in der SZ, erinnere ich mich an meinen Aufruf, dass mehr Juristen Journalisten werden sollten – oder die Journalisten sicherheitshalber bei einem Juristen nachfragen sollten. Allerdings machen Zeitungen das auch noch falsch, wenn sie mal bei mir nachfragen.
  9. Der deutsche Agentenfilm Kundschafter des Friedens ist ganz unterhaltsam, auch wenn Space Cowboys als Vorlage deutlich erkennbar ist.

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Deeskalationshund

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Auf meinen Reisen gehe ich gerne auf Demonstrationen. Wenn ich die Forderungen unterstützenswert finde, dann sowieso. Aber auch wenn nicht, sind Proteste oder gar Revolutionen ein hervorragender Ort, um etwas über die Dynamik in dem jeweiligen Land zu lernen. Wenn Proteste und Gegenproteste aufeinander treffen, kann man sich gleich ein Bild von zwei Seiten machen.

Zudem bieten Demonstrationen die Gelegenheit, zu beobachten, wie die Staatsgewalt mit den Bürgern umgeht: brutal oder höflich, militaristisch oder zivil, respektvoll oder kriminalisierend. Deutschland steht im Vergleich nicht einmal so gut da. Hier werden oft viel zu früh schwere Geschütze aufgefahren und die Polizisten treten in kämpferischer Montur auf. Wenn dann noch beissende Hunde losgelassen werden, fragt man sich schon, ob das Thema „Deeskalation“ auf der Polizeischule vielleicht zu kurz kam.

Ganz anders in Bolivien: Dort hat die Polizei auch Hunde, aber die beissen niemanden. Ganz im Gegenteil, die Polizei bringt Hunde mit zu hitzigen Demonstrationen, damit beide Konfliktparteien vom Streit über Neuwahlen oder die Abholzung des Regenwalds abgelenkt werden und nur mehr vereint ausrufen: „Ach, guck mal den süßen Hund an!“ Der Hund lässt sich dann streicheln, füttern und fotografieren. Und schon ist wieder Friede auf den Straßen.

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Die Funktion des Sensenmannes wurde mir allerdings nicht klar.

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Drittes Reich und Hitler? Das geht immer.

So denken nicht nur N24, Guido Knopp und Der Spiegel, sondern auch Zeitschriftenverkäufer in Bolivien:

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Wie wird man Schriftsteller? Murakami vs. Stasiuk

Bücher von Schriftstellern darüber zu lesen, wie man Schriftsteller wird, anstatt selbst zu schreiben, das ist Prokrastination auf Metaebene. Um die Ablenkung von der eigenen kreativen Arbeit noch ablenkender zu gestalten, habe ich zwei Autoren in den Ring steigen und gegeneinander antreten lassen: den Bestsellerautor Haruki Murakami mit seinem Von Beruf Schriftsteller und den „Versuch einer intellektuellen Autobiographie“ des polnischen Autors Andrzej Stasiuk, Wie ich Schriftsteller wurde.

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Rein organisatorisch legt Murakami ganz professionell vor. Schön gegliedert in elf Kapitel, deren Überschriften „Wie ich Schriftsteller wurde“ oder „Wie schreibe ich einen umfangreichen Roman“ die Hoffnung auf wertvolle oder zumindest motivierende Insidertipps aufkommen lassen. Das Buch von Stasiuk dagegen ist eine optisch abschreckende Bleiwüste. Punkt und Komma kennt er gerade noch, aber der Hebel für den Zeilenumbruch war an seiner Schreibmaschine anscheinend kaputt. 134 Seiten in einem Blocksatz. Keine Kapitel, keine Absätze, das ist doch eine Zumutung.

Also beginne ich mit Murakami.

Für jemanden, der Schriftsteller werden will, ist es zunächst äußerst wichtig, viel zu lesen. Tut mir leid, wenn das banal klingt, aber meines Erachtens ist lesen die wichtigste Übung für einen angehenden Schriftsteller, die er keineswegs vernachlässigen darf. Um einen Roman schreiben zu können, muss man als unbedingte Grundvoraussetzung wissen, wie ein solcher aufgebaut ist. Das ist ebenso selbstverständlich wie die Tatsache, dass man, um ein Omelette zu machen, zuerst einmal die Eier aufschlagen muss.

Ja, das klingt wirklich banal. Selbst mir fällt auf, dass sich das griffiger und weniger umständlich formulieren ließe. Der schiefe Omelettevergleich weckt weder Vertrauen noch Begeisterung.

Was sagt Stasiuk dazu?

Um mich auszulüften, fuhr ich in die Berge. Ich dachte mir, ich arbeite ein bißchen körperlich wie ein richtiger Mann. Die Vorbilder bezog ich aus der Schundliteratur, denn die aus der besseren Literatur waren ungemein kompliziert und im sogenannten Alltagsleben absolut nicht zu realisieren. In den Bergen konnte man in der LPG oder im Wald arbeiten. Ich entschied mich für den Wald, der stand in der romantischen Mythologie doch etwas höher als die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft. Der Förster war sympathisch. Er trank eigentlich mit allen und verließ das Forsthaus praktisch nie. Man könnte sagen, er übte die geistige Schirmherrschaft aus. Er kontrollierte nie, wieviel jemand geschafft hatte. Er glaubte einem aufs Wort und notierte es in den Papieren. Ich wohnte in so einer Baracke, und im Grunde war es ganz in Ordnung. Bei Regen ging ich nicht zur Arbeit, und niemand machte einen an. Damals regnete es viel. Nicht so wie heute. Im ersten Monat regnete es eigentlich ununterbrochen. Ich bekam einen Lohn, daß mir die Knie weich wurden. Die anderen auch. Das waren gute Kumpel, nur nach der Lohnzahlung veränderten sie sich immer, und ich zog für ein paar Tage aus der Baracke aus. Wenn sie keine Kohle mehr hatten, kam ich zurück. Das ging ziemlich schnell. Zum Lesen hatte ich mir Kierkegaard mitgenommen. Furcht und Zittern. Ein guter Titel. Besonders um den Zahltag herum. Eines Tages fand ich Kierkegaard nicht mehr. Der Umschlag lag im Scheißhaus. Ich war zu jung, um die metaphorische Bedeutung dieser Tatsache zu begreifen. Überhaupt war ich damals ziemlich schwach in der übertragenen Deutung der Wirklichkeit.

Das ist schon ein ganz anderer Beat, oder? Mittlerweile ergibt auch der sich über das ganze Buch durchziehende einzige Absatz Sinn, denn bei Stasiuk will ich gar keine Pause machen. Bei Murakami hingegen merke ich schnell, dass ich nur mehr querlese, ein paar Seiten auf einmal umblättere oder zum nächsten Kapitel springe.

Dabei macht Stasiuk genau das, was Murakami empfiehlt:

Als Nächstes – wahrscheinlich auch noch vor dem eigentlichen Schreiben – sollte man sich unbedingt darin üben, Menschen, Dinge und Ereignisse, alles um sich herum, ganz gleich, was es ist, aufmerksam und gründlich zu beobachten. Und es sich durch den Kopf gehen lassen.

Und so weiter, und so weiter, Murakami führt auch diesen Gedanken in mehrfachen Wiederholungen aus, wie wenn er zu einem Doofkopf spräche.

Bei Stasiuk geht das Beobachten (hier im Falle eines einem buddhistischen Guru zugeneigten Freundes) so:

Krosbi wurde ein Jünger von Guru Maharadschi. Er nervte endlos damit. Er bastelte sich einen Altar und machte davor Verbeugungen, Kniebeugen und Liegestütze. Ich war gar nicht dagegen, bis er mir ein Foto seines geistigen Meisters zeigte, da stieg ich aus. Ein Meister, wie ich ihn mir vorstellte, sollte mager sein, sollte etwas von einem Asketen haben, der hier aber war fett wie ein Schwarzhändler, dazu im orangefarbenen Nachthemd. Und grinste wie ein Wonneproppen. Nein. Das war zuviel für mich. Ich war an christlichen Heiligen erzogen, an Alexij, an Simon dem Säulenheiligen, das Ebenbild dieses Schnullergurus riß mich nicht hin.

Murakami nervt unterdessen mit seiner mittlerweile siebten Beteuerung, dass es ihm wirklich, wirklich, wirklich –

Sie müssen mir das einfach glauben!

– überhaupt nichts ausmache, nie den Akutagawa-Literaturpreis gewonnen zu haben. Keine Sekunde glaube ich ihm das. Stasiuk glaube ich alles. Der bekiffte und besoffene Selbstmordversuchvortäuscher –

Mein Kollege Maciek kam auf die Idee, Selbstmord wäre ein guter Ausweg. Ich war einverstanden. Begehen sollte ich ihn in Miedzylesie. Dort findet mich dann eine befreundete Krankenschwester und benachrichtigt sofort den Notarzt, der mich ins Krankenhaus bringt, wo ich als Selbstmörder für unzurechnungsfähig erklärt und auf der Psychiatrie untergebracht werde, alles Weitere in Gottes Hand. Der Plan war so gut wie jeder andere. Maciek behauptete, das sei sicher wie eine Bank, ich würde sogar noch eine Medaille kriegen, vielleicht sogar Kriegsrente. Ich sagte: „Okay, ich mach’s.“

– aus Polen ist glaubwürdiger und authentischer als der disziplinierte Marathonläufer aus Japan. Der Plan, sich verblutend und im Schneehaufen liegend von der Krankenschwester finden zu lassen, ging übrigens nicht ganz auf. Der fahnenflüchtige Stasiuk kam für eineinhalb Jahre ins Gefängnis.

Der Unterschied zwischen den beiden Autoren wird schnell klar: Stasiuk kann schreiben, weil er erzählen kann. Und er kann erzählen, weil er etwas erlebt hat.

Ich jedenfalls war begeistert von einem mir bisher unbekannten Autor und enttäuscht von dem weltbekannten Autor. Gleich heute noch laufe in die Bibliothek, um mir weitere Werke von Stasiuk zu holen. Murakami hingegen kann schreiben was er will, von dem alten Langweiler fasse ich kein Buch mehr an.

(Dieser Artikel erschien auch im Freitag.)

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„Tyll“ von Daniel Kehlmann

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Daniel Kehlmann versetzt den bekannten Schalk Tyll Ulenspiegel, der eigentlich im 14. Jahrhundert lebte, in seinem neuen Buch Tyll in den Dreißigjährigen Krieg.

Das klingt nach einer interessanten Idee, historische Romane mag ich grundsätzlich, und die Rezensionen in Presse und Rundfunk waren sich einig voll des überschwenglichen Lobes: Brilliant, tiefgängig, vielschichtig, Realismus mit magischen Einschlägen, meisterlich, Erzählkunst, Neuerfindung des historischen Romans, sprachmächtig, sachkundig, packend, triumphal u.s.w.

Nur, bei mir stellte sich bei der Lektüre keine Begeisterung ein. Zum einen ist Tyll nur bei großzügiger Anwendung des Begriffs Roman ein solcher. Vielmehr ist jedes Kapitel eine Episode, in der historische Personen (Friedrich V., Elisabeth Stuart, der Jesuit Tesimond) in historischen Zusammenhängen (Hexenprozess, Schlacht bei Zusmarshausen, Prager Fenstersturz) eingeführt werden, die in der nächsten Episode dann aber getrost vergessen werden können und auch im weiteren Verlauf keine Rolle mehr spielen.

Ich habe mich durch die ersten Kapitel gemüht, aber richtige Spannung oder ein Interesse für den weiteren Verlauf entsteht nicht. Dass der angebliche Hexer hingerichtet wird, kann man sich schließlich schon im Moment der Anklage denken. Die anderen Figuren kommen eben durch das Ende des ihnen gewidmeten Kapitels um. So bleibt nicht viel Zeit – und auch kein Anlass -, eine Beziehung zu den Akteuren herzustellen.

Nur der namensgebende Klamaukbruder umklammert die Episoden lose. So lose, dass man nicht von einem Faden, schon gar nicht von einem roten sprechen kann. Vielleicht hätte dieses Konzept mit einer sympathischeren Figur funktioniert, aber Tyll Ulenspiegel ist stellenweise ein ziemlicher Kotzbrocken.

Entsprechend meiner Maxime, keine Zeit mit mir nicht zusagenden Büchern zu vergeuden, habe ich die Lektüre nach dem dritten Kapitel abgebrochen.

Vielleicht wollte Daniel Kehlmann an den Erfolg seines historischen Romans Die Vermessung der Welt anknüpfen, aber in dem gab es eine durchgehende Handlung, sympathische Personen und Humor – ein wahrliches Lesevergnügen. Von Tyll würde ich hingegen die Finger lassen. Ich kann mir vorstellen, dass sogar einige Sachbücher über den Dreißigjährigen Krieg spannender sind.

(Diese Rezension erschien auch im Freitag.)

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Die schönste Zeit des Jahres

… ist nun bald wieder vorüber. Damit Ihr Euch noch ein bisschen länger an den Farben berauschen könnt, habe ich mal wieder meinen Vater zum Fotografieren geschickt. Er traut sich leider nicht mehr so weit von zu Hause fort (hoffentlich trifft mich das nicht auch im Alter), und so stammen alle Fotos aus der Oberpfalz und dem Bayerischen Wald.

Allerdings sehen das Kulzer Moos und der Herbstwald tatsächlich ein bisschen nach Kanada aus.

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Nur anhand der Burgen, Burgruinen und Stadtmauern erkennt man, dass man in Mitteleuropa ist.

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Entlang der Flüsse und Seen kann man um diese Jahreszeit schon mückenfrei aber noch sonnenverwöhnt wandern, laufen, lesen und Zigarren rauchen.

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Pilze gedeihen in allen Farben und Größen.

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Der Landkreis Amberg-Sulzbach hat eine Partnerschaft mit Argyll & Bute in Schottland, die neben dem Schüler- anscheinend auch einen Nutzviehaustausch umfasst.

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Zum Herbst passen Friedhöfe, wie hier der Jüdische Friedhof in Sulzbach-Rosenberg, vielleicht noch besser als zu anderen Jahreszeiten.

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Warum man am besten mit wenig Geld reist

In dem Buch Slow Travel: Die Kunst des Reisens schreibt Dan Kieran:

Wenn man sich auf andere Menschen verlassen muss, wird man gezwungen, offen zu sein und sich mit ihnen abzugeben, was schnell zu einem Gefühl von Freundschaft und Gemeinschaft führt. Eine Person führt zur anderen auf Ihrem Weg oder drängt Sie in eine etwas andere Richtung, als Sie selbst eingeschlagen hätten. Es ist ein Kontrollverlust, aber ein vollkommen lebensbejahender und befreiender Kontrollverlust.

Wenn Sie jedoch eine Menge Geld haben und auf niemandes Hilfe angewiesen sind, können Sie um die ganze Welt reisen, ohne einen einzigen Ortsansässigen kennenzulernen.

Dem kann ich voll und ganz zustimmen.

Hätte ich genug Geld, um immer in Hotels zu übernachten, so wäre ich niemals auf Couchsurfing gekommen, worüber ich eine Menge inspirierende und hilfsbereite Menschen getroffen und deren lustige Geschichten gehört habe. Sie haben meine Reisen viel interessanter gemacht als diese ohne Kontakte vor Ort gewesen wären. Vor ein paar Monaten kam ich zum Beispiel bei einem jungen Couchsurfing-Gastgeber in Abchasien unter, der mich in Galerien und zu Ausstellungen mitnahm und mich mit Künstlern, Wissenschaftlern und sogar dem früheren Außenminister des Landes bekannt mache.

Wäre ich einem Hotel abgestiegen, hätte ich nichts von alledem erlebt. (Bei AirBnB mag das auch manchmal klappen, aber nach meiner Erfahrung haben die Gastgeber dort weniger Zeit/Interesse als Couchsurfing-Gastgeber. Vielleicht liegt das aber auch an der anderen Erwartungshaltung der Gäste.)

Hätte ich genug Geld, um ein Auto zu mieten, würde ich niemals am Straßenrand stehen, den Daumen rausstrecken und darauf hoffen, dass mich Fremde ein Stück mitnehmen. Ein besonders netter Fahrer in Montenegro lud mich sogar zu sich nach Hause ein, bereitete ein Abendessen mit ausreichend Selbstgebranntem und überreichte mir noch einige Geschenke, bevor er mich genau dort absetzte, wo ich hin musste. In Bolivien war es während eines Ausflugs in die Berge schon etwas spät geworden und ich wäre wahrscheinlich erfroren, wenn nicht ein LKW mit Bergarbeitern angehalten hätte, um mich durch ein atemberaubend schönes Tal zu fahren. Der einfachste Ort, um per Anhalter vorwärtszukommen, war bisher die Osterinsel: Autos, Quads und Pick-Up-Trucks hielten manchmal sogar ohne Aufforderung. „Spring rein“, riefen die Fahrer, ohne nach meinem Ziel zu fragen, da alle Straßen sowieso zu der einzigen Siedlung auf der Insel führten.

In Brasilien wurde ich sogar mal in einem Helikopter mitgenommen.

Hätte ich genug Geld für ein Auto, hätte ich nicht eine lange, eiskalte Nacht an einem Bahnhof in Rumänien verbracht, die zu einer unvergesslichen Begegnung führte.

Hätte ich immer genug Geld, um in Restaurants zu essen, würde ich niemals auf dem Markt einkaufen und mein Mittagessen im Park einnehmen, wo sich Menschen zu mir setzen und mir ein Gespräch anhängen. Dieser Kontakt mit Zufallsbekanntschaften, insbesondere mit Armen und Obdachlosen anstatt mit Angehörigen meiner Profession oder meiner sozialen Schicht, ist das Interessanteste am Reisen.

Hätte ich genug Geld für Interkontinentalflüge gehabt, hätte ich nicht schon zweimal den Atlantik auf einem Schiff überquert.

Hätte ich genug Geld, um von einer Hauptstadt in die nächste zu fliegen, würde ich niemals die kleinen Städte und Dörfer dazwischen kennenlernen, diese vergessenen und übersehenen Orte, wo der Müll abgeladen wird und die Armen in Slums hausen und wo die Entwicklung 20 Jahre hinterherhinkt. Mit anderen Worten, ich hätte die Realität nicht gesehen. Ich würde die Welt weniger gut kennen und weniger verstehen.

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(Das Buch von Dan Kieran kann ich übrigens nicht empfehlen. Bis auf ein paar gute Zitate ist es ziemlich überflüssig und langweilig. Da findet Ihr auf meinem Blog bessere Geschichten und Überlegungen. – Click here to read this article in English.)

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Was bedeuten die neuen ICE-Namen?

Ich bin viel auf Bahnhöfen unterwegs, aber noch nie habe ich jemanden fragen gehört „Auf welchem Gleis fährt der Fernzug Joseph Haydn ab?“ Züge sind durch (geschätzte) Abfahrts- und (erhoffte) Ankunftszeiten und durch die End- oder Zwischenhaltestellen ausreichend zu identifizieren und benötigen deshalb, anders als Katzen oder Hunde, keine Namen.

Dennoch hat die Deutsche Bahn entschieden, die ICEs zu „taufen“, wobei natürlich – sehr kreativ in diesem lutherübersättigten Jahr – der antisemitische Fundamentalist als erstes zum und auf den Zug kam.

Gerade hat Deutschlands beliebtestes Transportunternehmen 25 Namen für die ab 2018 fahrenden ICE-Züge der vierten Dimension Generation bekanntgegeben. Da die Liste unkommentiert veröffentlicht wurde, obliegt es mir, zu enthüllen, was die Namen für die Reisenden zu bedeuten haben:

Im Zug Karl Marx wird man statt der gewohnten ersten und zweiten die Proletarier- und die Kapitalistenklasse finden. Da der Lokführer zu ersterer gehört, kann es vorkommen, dass er sich auf halber Strecke der Entfremdung seiner Arbeit bewusst wird und diese hinwirft oder gar zur Oktoberrevolution in die Waggons der Bourgeoisie stürmt. Auf jeden Fall wird Karl Marx bei jedem Arbeitskampf als erstes bestreikt.

Die Lokführer der ICEs Karl Marx und Adolph Kolping sind übrigens bekannt dafür, in der Betriebskantine endlos über den richtigen Weg der Arbeiterklasse aus der Armut zu streiten.

Ihr bucht Eure Fahrt also besser im ICE Konrad Adenauer, der zuverlässig und bis ins hohe Alter immer gen Westen fährt.

Verspätungen wird es mit Hedwig Dohm nie geben. Ganz im Gegentum: Dieser Zug ist seiner Zeit weit voraus.

Wer es gerne laut hat, kann wählen zwischen Ludwig van Beethoven (Musik), Marlene Dietrich, Hildegard Knef (beide Gesang) und Fritz Walter (besoffene, lärmende und gröhlende Fußballfans).

In den Zügen Ludwig Erhard und Thomas Mann darf man endlich wieder Zigarren rauchen!

Wenn ich schon die Gelegenheit gehabt hätte, den vorliegenden, dann natürlich aber vollständig anders – jedenfalls während des genüsslichen Schmauchens einer Zigarre – verfassten Text im holzgetäfelten und geräuschmildernd beteppichten Salon des sich langsam ins Schweizer Hochgebirge schnaufenden Zuges Thomas Mann zu Papier zu bringen, müsste sich der Leser – hoffentlich kuchen- und kaffeegestärkt – durch die Komplexität eines Kursbuches übersteigende (syn)taktische Konstruktionen kämpfen und würde dabei – so die unerschrockene Hoffnung des Autors – von der Gestaltungskraft unserer deutschen Sprache so begeistert werden, dass er (oder sie, aber darauf achtzugeben war zu Zeiten und in der Gedankenwelt des Schriftstellers, der dem Zug seinen Namen und der Nachwelt seinen Stil gestiftet hat, nicht üblich) sich ganz von selbst und aus innerstem und überzeugtestem Antrieb mit je nach Charakter, Begleitung und bis zum entscheidenen Zeitpunkt genossenen Spirituosen sich unterschiedlich Ausdruck verschaffender Intensität und Vehemenz gegen die sprachliche Unsitte ausspräche (die zu von der Eisenbahnaktiengesellschaft, die trotz dieser Rechtsform der Republik und damit doch irgendwie uns allen gehört, in unregelmäßigen Abständen aber nicht ohne eine gewisse Zuverlässigkeit, die sich die Kunden auch in der eigentlichen Kernaktivität des Unternehmens wünschten, bereits frevelhaft begangenen sprachlichen Unsitten hinzu- und diese nicht einmal übertrifft), Dinge und Orte, die an sich schon zweifelsfrei zu identifizieren sind, wie bei Flughäfen und Universitäten zu beobachten, mit Namen von Personen, die entweder längst verstorben sind und sich deshalb nicht dagegen wehren können, oder die noch im Leben stehen, aber im selbigen noch nichts zustande gebracht haben, das ihren Namen ganz von allein und ohne die Reklametätigkeit eines die Hochtechnologie in die entferntesten Winkel des Landes zu tragen suchenden Unternehmens sogleich in aller Munde und alsdann in aller Konversationslexika brächte, noch darauf hoffen können, dies so demnächstig zu tun, dass sie es noch erleben werden, anzustreichen, obwohl doch… Huch, wir sind schon in Davos? Ich muss aussteigen! Auf Wiedersehen, die Herrschaften.

Wer weniger zugeschwafelt, aber dennoch geistreich unterhalten werden will, fährt einfach bei Erich Kästner oder Heinrich Heine mit. In letzterem bekommt man nachts aber kein Auge zu.

Wer es noch lustiger haben will, muss darauf warten, bis die Deutsche Bahn genügend Zugbegleiter durch ein intensives Humortraining gelotst hat, um den ICE Vicco von Bülow vom Stapel zu lassen.

Unbedingt vermeiden sollten Freunde des niveauvollen Humors hingegen den ICE Margarete Steiff, für den Mario Barth schon sein Interesse bekundet hat („Mir ist sogar schon ein Witz eingefallen. Mit ’steif‘! ‚Steif‘, verstehste, ne?“).

Aufgrund der Fluchterfahrungen von Marie Juchacz und Willy Brandt werden diese Züge hauptsächlich auf der Balkanroute eingesetzt, wobei man im ICE Willy Brandt auch mit auf anderen Namen ausgestellten Fahrschein mitgenommen wird. Aber Vorsicht: Der Passagier, der so freundlich anbietet, den Koffer ins Gepäckfach zu heben, könnte ein Spion sein.

Bertha Benz findet sich zwar auf der Liste der Deutschen Bahn, der Name wird aber für den Schienenersatzverkehr freigehalten.

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Ob sich Käthe Kollwitz darüber freut, einen Zug zu benennen, in dem zweimals wöchentlich Soldaten das Land durchqueren, um für den Ernstfall das schon besser zu kennen, was sie dann verteidigen sollen?

Wer vorhin bei Thomas Mann überfordert war, für den ist Albert Einstein erst recht nichts. Ich jedenfalls würde in diesem Zug mathematisch und logisch nicht mitkommen und vorzeitig aussteigen.

Im ICE Elisabeth von Thüringen besteht die beste Aussicht darauf, für lau mitfahren zu dürfen. Die Schaffner hier haben besonders viel Mitgefühl. Allerdings wird die Deutsche Bahn nicht lange Freude an diesem Zug haben, weil auch Ungarn Anspruch darauf erhebt.

Der ICE Alexander von Humboldt sollte ein Entdeckerzug sein, ohne feste Route, ohne festen Ankunftsort und ohne Zeitplan. Man fährt einfach los und lässt sich überraschen, da es – mit der richtigen Einstellung – überall interessant ist.

Bei den nach Anne Frank, Dietrich Bonhoeffer und den Geschwistern Scholl benannten Zügen wäre ich vorsichtig und würde lieber nicht bis zur End(lösungs)station sitzenbleiben.

Aber jetzt ganz im Ernst: Die Deutsche Reichsbahn spielte eine wesentliche Rolle beim Holocaust. Gerade das Wissen um die oft tagelangen Deportationen von mitten im damaligen Reichsgebiet gelegenen Bahnhöfen machen die „Wir haben nichts gewusst“-Nachkriegsausrede unglaubwürdig. Dazu gibt es an einigen Bahnhöfen Mahnmale, an denen man aber, insbesondere in der Bahnhofsumgebungen nicht uneigentümlichen Eile, oft gedankenlos vorbeiläuft. Wenn die Benennung von Zügen nach Opfern des Holocaust dazu führt, dass man sich darüber mal wieder Gedanken macht oder gar mit Mitreisenden diskutiert – wofür sich insbesondere der ICE Hannah Arendt anbietet -, dann halte ich das für eine gute Sache.

Ich habe übrigens noch einen Geheimtipp für die Deutsche Bahn: Wenn Ihr einen Zug oder einen Bahnhof nach Heydar Aliyev benennt, wird Aserbaidschan die kompletten Kosten dafür übernehmen.

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Unsortierte Gedanken (17)

  1. Der Putzfimmel ist die Fortsetzung des Faschismus mit neurotischen Mitteln.
  2. Ich ahnte nicht, dass Luxemburg eine Weltmacht ist, aber jetzt habe ich gelesen, dass die luxemburgische Armee im Koreakrieg kämpfte.
  3. Wenn Deutschland keinen Familiennachzug erlaubt, ist ein Umzug nach Deutschland die einfachere Alternative zur Scheidung.
  4. Warum haben die drei baltischen Länder so ein unausgeglichenes Verhältnis von Frauen zu Männernsex ratio.JPG
  5. Die Zahlen für die verschiedenen Altersstufen geben einen Hinweis. Bei den bis zu 55-jährigen ist alles normal, erst darüber nimmt der Anteil der Männer ab. Über 65 Jahren ist das Missverhältnis dramatisch: Auf einen Mann kommen zwei Frauen.
  6. Mein Vater ist mal rechtzeitig aufgestanden, um für Euch einen Sonnenaufgang zu fotografieren. Hirschberg%20MO_DSC3135.korr.jpg
  7. Man spart sich eine Menge Zeit, wenn man nur eine große Mahlzeit am Tag isst anstatt drei kleiner über den Tag verteilt.
  8. Mit Venedig habe ich kein Glück. Jedes Mal wenn ich hinkomme, ist die Stadt total überflutet.
  9. Von einer BBC-Sendung über den Vogelzug erfuhr ich, dass die ersten Hinweise auf Überwinterungsflüge Störche waren, die im Frühjahr mit afrikanischen Pfeilen und Speeren in ihren Körpern nach Europa zurückkehrten. 
  10. Vielen Dank an Carolina Noguera für die Übersendung der Bücher Europa erfindet die Zigeuner: Eine Geschichte von Faszination und Verachtung von Klaus-Michael Bogdal, Kaisers Rumpelkammer: Unterwegs in der Habsburger Geschichte von Simon Winder, Der Kampf um die europäische Erinnerung: Ein Schlachtfeld wird besichtigt von Claus Leggewie und Noch 172 Tage bis zum Sommer: Eine istrische Reise von Lidija Klasi. 
  11. Vielen Dank an Ana Alves für Hotel Bolivia: Auf den Spuren der Erinnerung an eine Flucht vor dem Nationalsozialismus von Leo Spitzer. Während des Holocaust war Bolivien eines der wenigen Länder, das seine Tore für jüdische Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich immer offen hielt.
  12. Flussbegradigungen sind übrigens keine neue Sache. Die Begradigung des Rheins wurde schon 1817 begonnen.
  13. Für die Weltausstellung 1937 in Paris entwarf ein Architekt diesen 700 m hohen und befahrbaren Aussichtsturm: 
  14. In Katalonien scheint es einen gewissen Hang zum Viktimismus zu geben. Vielleicht erklärt das die Geschichte von Enric Marco.
  15. Beim Lesen von Basar auf Schienen von Paul Theroux bemerkte ich, dass ich mir die Mühe hätte sparen können, die längstmögliche Zugreise herauszufinden, denn er schreibt: „Der Weg ist frei von Hanoi bis zum Bahnhof Liverpool Street in London, alles mit dem Zug.“ Er nimmt dann aber trotzdem den Umweg über Japan und Wladiwostok.
  16. Früher durfte man auf Passfotos noch seinem Charakter und seinen Vorlieben Ausdruck verleihen. Pass
  17. Nach der Aufnahme eines erneuten Studiums muss ich mich erst wieder daran gewöhnen, überall nach Studentenrabatt zu fragen.
  18. Jede Generation hat das Recht auf ihren eigenen Spanischen Bürgerkrieg.
  19. Diesem Angebot zu widerstehen war nicht leicht: 5 kilo Schokolade
  20. In Deutschland haben wir ja schon Erfahrung mit österreichischen Kanzlern ohne Studienabschluss.
  21. Auch Luther hat übrigens sein Jura-Studium abgebrochen bevor er sich selbst radikalisierte.
  22. Woher so ein Feiertag kommt, ist doch egal. Hauptsache Feiertag.
  23. Daran erkennt man schwierige Mandanten:
    „Hallo Andreas,
    es mag sein, dass Du Deine Gebühren nicht ohne Berechtigung verlangst – aber …“
    (An dem Punkt habe ich zu lesen aufgehört.)
  24. Das Leben als Student wäre viel bequemer, wenn es gesellschaftlich akzeptabel wäre, in Jogginghosen in die Vorlesung zu gehen.
  25. Am Tag nach der Zeitumstellung habe ich verschlafen, weil ich dachte, es gäbe sie jetzt jeden Tag. Sehr verwirrend das Ganze.
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Studium der Geschichte an der Fernuniversität in Hagen

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Juhu! Ich bin wieder Student!

Da ich sowieso ständig lese, nachdenke und schreibe, dachte ich mir, dass ich doch mal wieder studieren könnte. Schließlich hat mir Studieren immer mehr Spaß gemacht als Arbeiten, und irgendein Hobby braucht jeder. Ich blättere eben lieber in Büchern und browse durch Bibliotheken als – Achtung, Alliterationsallergiker! – mich mit anderen Buben auf dem Bolzplatz zu balgen oder in Blechboliden über die Bundesstraße zu brausen.

Ich wollte schon immer Geschichte studieren. Direkt nach dem Abitur habe ich das nicht gemacht, weil ich auch andere Fächer mein Interesse auf sich gezogen hatten. Aufgrund familiärer Prägung (um jemand anderem die Schuld zu geben) und des damaligen neoliberalen Zeitgeists dachte ich, dass Berufsaussichten ein relevanter Faktor bei der Studienwahl sein müssten, womit Geschichte in der Relegation ausschied. Das Finale zwischen Jura und Volkswirtschaft entschied dann die Angst vor höherer Mathematik und vielleicht auch die Lust am Streiten und Diskutieren.

Zwei Fächer gleichzeitig und dafür ein bisschen länger zu studieren, kam mir damals gar nicht in den Sinn, wohl wegen des Gedankens, so schnell wie möglich fertig werden und sich produktiv in die Volkswirtschaft einbringen zu müssen. Mitte der 1990er Jahre dachte man eben so, schließlich spielte das Radio jeden Tag „wir steigern das Bruttosozialprodukt“. Aber, liebe Kinder, die Ihr vor dem Abitur oder der Matura steht, lasst Euch Zeit! Es ist vollkommen egal, ob Ihr mit 24 oder mit 26 den Job bei der Versicherung oder am Fließband bekommt. Studiert so lange Ihr könnt!

Vielleicht erschien direkt nach dem Ende des Kalten Krieges die Geschichte kurzzeitig auch nicht mehr so interessant. Coca-Cola hatte gegen Vita-Cola gewonnen, und das war’s. Ende der Geschichte.

Aber egal. Jetzt ist 2017, der hundertste Jahrestag der Russischen Revolution, der Peripetie des Ersten Weltkrieges und des eigentlichen Beginns des 20. Jahrhunderts. Das ernsthafte Studium der Geschichte halte ich derzeit wieder für wichtig, weil in politischen Diskussionen vermehrt auf vereinfachte und falsche Geschichte(n) rekurriert wird („früher war alles besser“, „christlich-abendländische Kultur“, „das war schon immer russisch/serbisch/sonstwas“) bzw. alte Diskussionen wieder aufbrechen. Egal ob es um Denkmäler für Südstaatengeneräle oder für Holocaust-Opfer oder um von unseren europäischen Freunden plötzlich geltend gemachte Reparationsforderungen geht, ohne einen fundierten Blick in die Geschichte kann man das kaum ernsthaft diskutieren.

Da sich mein Lebensmodell bekanntlich an der Völkerwanderung orientiert, habe ich es nicht übers Herz gebracht, mich für etliche Jahre für einen festen Standort zu entscheiden. Deshalb, wegen der freien Zeiteinteilung und weil ich keine Lust habe, mit kichernden Teenagern im Hörsaal zu sitzen, kam nur die Fernuniversität in Hagen in Frage.

Dort lässt sich (abgesehen vom MA und von der Promotion, aber soweit wollen wir dieses Semester noch nicht denken) Geschichte nur als BA in Kulturwissenschaften mit dem Nebenfach Literatur oder Philosophie studieren.

Kuwi

Das stört mich nicht, dachte ich – bis ich die einführenden Studienbriefe für die Literaturwissenschaft in Händen hielt und über so unliterarisch anmutende Konzepte wie die selbstreferentielle Geschlossenheit der Theorie des Strukturalismus und donquijotteske Übertragungen des Gelesenen auf dekontextualisierte allegorische Dimensionen stolperte, ja geradezu abstürzte. Ich mag Literatur, und ich würde sie gerne weiterhin genießen. Der erste und womöglich voreilige Eindruck sagt mir, dass ich mich dazu von der Literaturwissenschaft besser fernhalte. Essen schmeckt ja auch besser, wenn man nicht weiß, wie es zubereitet wurde. Als Nebenfach werde ich also die Philosophie wählen und darauf spekulieren, dass mein MA in Philosophie weitgehend anerkannt wird, so dass ich mich in den nächsten Jahren auf Geschichte konzentrieren kann.

Die große Mehrheit der Leserschar, die diesen Blog nicht als Bildungsromanersatz sondern wegen der Reiseberichte liest, wird, so sie nicht schon lange abgesprungen ist, jetzt verängstigt fragen, ob der reisende Reporter die nächsten vier bis sechs Jahre nur mehr am Schreibtisch sitzen und keine berichtenswerten Abenteuer mehr erleben wird.

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Man mache sich diesbezüglich bitteschön keine Sorgen, denn:

  1. Noch sind die meisten meiner bisherigen Reisen nicht journalistisch ausgeschlachtet worden, und etwa ein Dutzend Notizbücher mit Schokoladenflecken und Einschusslöchern warten auf ein hungriges Publikum, das sie jahrelang füttern können.
  2. Ich erinnere daran, dass auch bisher etliche meiner Reiseberichte mit geschichtlichem Wissen angereichert waren, was meinen Blog von den 08/15-Sonne-Strand-Caipirinha-Reiseblogs abhebt. Das wird in Zukunft noch fundierter.
  3. Da ich das Fernstudium von überall betreiben kann, werde ich während dieses Projekts einige Male umziehen, demnächst wahrscheinlich wieder nach Osteuropa.
  4. Außerdem gibt es auch im Fernstudium Seminare. So war ich zum Beispiel gerade eine Woche in Hagen zu einer intensiven Geschichtswoche. Nach Haifa und Hanga Roa wolltet Ihr sicher schon immer mal etwas über Hagen in Nordrhein-Westfalen lesen. Das nächste Seminar findet im Dezember in Frankfurt statt („Krise der europäischen Moderne – Umbrüche und Aufbrüche: Das Epochenjahr 1917“).
  5. Im Juni 2018 gibt es sogar eine Exkursion nach Krakau („Erinnerungs- und Geschichtspolitik einer polnischen Metropole von 1900 bis 1970“). Darauf freue ich mich ganz besonders, weil ich beschämenderweise noch nie im Nachbarland Polen war. (Sogar meine Großväter sind diesbezüglich schon weiter herumgekommen, wenn auch nur im Rahmen einer Invasion.) Vielleicht hänge ich da vorher und/oder nachher ein paar Extramonate in Polen dran.
  6. Aufgrund eines Seminars über Mesopotamien (leider ohne Exkursion) spiele ich mit dem Gedanken einer Reise in den Irak. Nur leider gibt es seit dem kurdischen Referendum keine Flüge mehr in den Nordirak, was alles komplizierter, teurer und damit weniger wahrscheinlich macht. Mal sehen, was mir da einfällt. Ich habe schon gesehen, dass es einen regelmäßigen Bus von Amman nach Bagdad gibt, und jetzt wo ISIS in Konkurs gegangen ist, ist es dort supersicher.
  7. Und dann gibt es ja noch das Erasmus-Programm! Als ich in Bari eine Wohnung mit mehr feiernden als studierenden Erasmus-Gören teilte, habe ich mich noch darüber lustig gemacht, jetzt freue ich mich auf die EU-Förderung für ein oder zwei Auslandssemster. Auf die dämlichen Parties muss ich ja nicht gehen.
  8. Für die Praktika lasse ich mir sicher etwas Interessantes und Exotisches einfallen. Ihr kennt mich doch. Sooo lange hält es mich nun auch nicht ohne Unterbrechungen am Schreibtisch. Der Rucksack ist nicht eingemottet.

Auch ein Studium kann also eine spannende Entdeckungsreise sein.

Da es auf diesem Blog auch bisher schon viel um Geschichte ging, wird es Euch hoffentlich nicht stören, wenn ich mal von einem Seminar berichte oder ein Hausarbeitsthema zu einem Artikel verarbeite. Vielleicht wäre es auch interessant, über das Fernstudium an sich zu schreiben, denn ich merke in meinem Bekanntenkreis, dass der Trend zum Zweit- oder sogar Drittstudium geht. (Oder vielleicht ist das nur bei Rechtsanwälten so, die alle vom Burnout geplagt sind.)

Schließlich habe ich noch meine Bücherwunschliste um einen auf das Studium zugeschnittenen Teil erweitert, was für Weihnachten hilfreicher ist als schon wieder Socken mit Bärenmuster. 😉

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