Am Ende der Welt

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Fim do Mundo, Ende der Welt, das ist ein selbstironischer Name für ein Café in einem kleinen Kaff auf einer kleinen Insel. Könnte man meinen.

Fim do Mundo

Wenn man nicht wüsste, dass es in Norte Pequeno stimmt. Und zwar auf zweierlei Weise. Eine davon beabsichtigt, die andere nicht.

Schon auf älteren Seekarten waren die Azoren als vage Punkte oder als Überbleibsel von Atlantis eingezeichnet, aber erst ab 1427 wurden die Inseln richtig entdeckt. Die ganze Zeit markierten sie aus europäischer Sicht das Ende der Welt, das Ende des Atlantiks, den Punkt, an dem man allerspätestens umkehren sollte, um nicht von der Erdkante zu fallen.

Erst als Christopher Kolumbus auf die Azoren kam und enttäuscht war, dass man hier gar niemanden versklaven konnte, fuhr er trotzig falsch in die Einbahnstraße und fand so Amerika. Juhu!

Soweit zur beabsichtigen Anspielung des Namens Fim do Mundo.

Was der kreative Kaffeeröster, der diese Bar kurz nach dem Besuch von Kolumbus eröffnete, nicht ahnen konnte: Bald würde über diesen nordwestlichen Teil der Insel Faial tatsächlich das Ende der Welt hereinbrechen.

Ein düsteres Ende.

Ein gewaltiges Ende.

Aber ich greife, um ganz billig einen Spannungsbogen aufzubauen, schon vorweg auf etwas, von dem ich zu dem Zeitpunkt als ich die Bar verlasse, selbst noch nicht weiß. Ich will mich auf den Weg an das alte Ende der Welt machen. Zu Fuß, denn es sind nur noch zwei Kilometer bis zur Westküste Faials. „Sie können sich Zeit lassen“, hatten die anderen Gäste in der Bar gescherzt, als ich meinen Wanderplan kundtat, „am Ende der Insel ist ein Leuchtturm. Sie werden Ihr Ziel also auch bei Nacht finden.“

Weg der zehn Vulkane heißt der Wanderweg, auf den ich wohl etwa beim siebten oder achten Vulkan einbiege. Im Vergleich zum ersten, größten, zentralen Vulkan sind die feurigen Hügel kleiner, aber der Auf- und Abstieg ist dennoch nicht ohne.

Der letzte Vulkan ist der härteste, und das nicht nur, weil ich schon fix und fertig bin, sondern weil er ziemlich frisch ist. Meine Stiefel versinken in der Asche, anstatt auf gefestigtem Stein zwischen grünen Pflanzen Tritt zu finden.

Capelinhos Wanderweg

Wenn ich zurück blicke, wird der Unterschied offensichtlich. Hier pechschwarz, dort grün. Hier Asche, dort Erde. Hier kahl, dort bewachsen. Aber gräme dich nicht, kleiner Vulkan, in ein paar tausend Jahren werden auch auf dir Blumen blühen!

Capelinhos Schlacke und grün
Capelinhos Leuchtturm Büsche

Nur um den Leuchtturm wachsen ein paar Büsche, wie um das ersehnte Ziel vor mir verstecken zu wollen. Leuchtturm bedeutet Küste, bedeutet Inselkante, bedeutet Ende der Wanderung. Ich werde mal klopfen, um nach einem Eis oder einem Bier zu fragen.

Es ist niemand zuhause.

Capelinhos Leuchtturm

Und etwas anderes fällt mir auf: Die Insel ist noch gar nicht zu Ende. Da ist ein weiterer Vulkan, ein ziemlich großer sogar. Auf der Landkarte ist er nicht eingezeichnet. Ich werde doch nicht unterwegs falsch abgebogen und auf einer anderen Insel gelandet sein?

Capelinhos Blick auf Vulkan (1)
Capelinhos Blick auf Vulkan (2)

Ein alter Herr lehnt an einem Holzgeländer vor dem Leuchtturm. Ich frage ihn: „Sagen Sie, wie heißt denn der Vulkan da vor uns?“

„Das ist der Capelinhos.“

Andreas Moser Leuchtturm (1)

Angestrengt blicke ich auf die Karte, aber er taucht immer noch nicht auf dem Papier auf. Ich will keine allzu dummen Fragen stellen. Zum Glück merkt der Herr, der wahrscheinlich mal Navigator für sich ständig verfahrende Kapitäne war, was los ist: „Sie haben wohl eine alte Karte?“

Naja, aus dem Zweiten Weltkrieg halt.

„Der Capelinhos ist neu, der ist da noch nicht drauf.“ Jetzt guckt er zufrieden, weil er einem Fremden etwas erklären kann. Wenn ich gewusst hätte, wie lange er dafür braucht, hätte ich mich gesetzt, aber so kann ich Euch wenigstens warnen. Macht Euch eine heiße Tasse Schokolade oder einen Gin Tonic!

Seine Erzählung beginnt im September 1957. „Damals hatten wir zweihundert Erdbeben in zwei Wochen“, sagt er und wiederholt: „Zweihundert!“ Was eine Warnung der Erde hätte sein sollen führte dazu, dass sich die Menschen daran gewöhnten. Wann immer es bebte und rumpelte, ein Haus einstürzte oder jemand in eine Erdspalte fiel, dachte man sich nur mehr: „Huch, schon wieder ein Erdbebchen.“

Manche wollten fliehen, evakuieren, Vorsorge treffen. Die Wissenschaftler des Königlich-Azoreanisch-Seismologisch-Vulkanologisch-Geodätischen Instituts warnten, dass etwas Großes im Busch war. Doch andere sagten: „Ach, diese angeblichen Experten ändern doch ständig ihre Meinung. Mal ist der Vulkan gefährlich, mal nicht.“ Die Priester beruhigten: „Wir müssen nur beten.“ Und die Liberale Partei flehte: „Die Wirtschaft darf nicht leiden!“

Am Morgen des 27. September 1957 brach ein Vulkan aus. Und zwar ganz heimtückisch keiner der bekannten, sondern ein neuer. Etwa 1 km westlich von Faial, im Meer. Es begann mit einer Rauchwolke, das Wasser brodelte und dampfte und kochte und zischte, und ein neuer Vulkan schob sich aus den Tiefen des Atlantiks in unsere Welt.

Capelinhos eruption 1

Und dazu bebte weiter die Erde. Von unten taten sich Spalten auf, von oben regnete es Asche, Lava und Gesteinsbrocken. Es war wie das Ende der Welt. Menschen wurden verschluckt. Menschen wurden verschüttet. Menschen verbrannten, verglühten, verdampften.

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Und das auf einer Insel. Wo niemand weg kann.

Jetzt, wenn Ihr Euch das möglichst realistisch vorgestellt habt und nur mehr schluchzend „Mamma mia!“ ausrufen könnt, werdet Ihr froh sein, wenn Ihr meinen Rat befolgt habt, Euch einen Drink zu mixen und zu setzen. Denn der große Schock kommt erst noch:

Diese Hölle auf Erden dauerte bis zum 24. Oktober 1958. Dreizehn Monate lang!

Capelinhos eruption 4 with lighthouse big

Am Ende war der im Ozean geborene Vulkan so groß, dass er sich mit der Insel verband und diese um 2,4 Quadratkilometer vergrößerte. „Deshalb, mein Herr, steht der Leuchtturm heute nicht mehr an der Küste, wo er sinnvollerweise einst stand.“ (Ihr erkennt den Leuchtturm auf dem folgenden Foto ganz unten am Bildrand.)

Capelinhos eruption 2 with lighthouse small

Der Vulkan hat neues Land geschaffen. Allerdings Land, das niemandem nützt. Nichts wächst dort, auch 60 Jahre später. Man kann den neuen Vulkan nicht einmal besteigen, weil sich immer wieder Spalten auftun oder Klippen abbrechen. Bis Asche zu Stein wird, das dauert ein paar Millionen Jahre. Und außerdem: Wer will schon auf einem Grab herumspazieren?

Da gehe ich lieber, nachdem ich mich für die Erklärungen bedanke, in die andere Richtung. Wenn man über das Schlackenfeld hinab zum Wasser geht, fühlt man sich schon wie am Strand. Nur eben schwarz, nicht sandfarben. Es wäre idyllisch, wenn nicht plötzlich der Giebel eines verschütteten Hauses aus der noch warmen Asche ragte.

Capelinhos Weg zum Strand
Capelinhos Ruinen (2)

Jetzt, wo mein Blick geschärft ist für das Drama, das sich unter meinen Füßen abspielte, erblicke ich immer mehr Zeugnisse des Dorfes Comprido, das den Naturgewalten nicht rechtzeitig wich. Wie Pompeji, nur mit besserer Aussicht.

Capelinhos Ruinen (3)
Capelinhos Ruinen (1)

Vereinzelt haben sich Äste oder Bäumchen nach oben gegraben, wie verspätete Hilfeschreie der Toten. Ganz vorsichtig trete ich auf, um niemanden aufzuwecken. Insbesondere nicht den Herrn Vulkan.

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In den Wolken

Es war ein schöner Tag auf der Insel, und er wurde verschönert durch weiße, fluffige Kleckse, die durch den tintenblauen Himmel schwebten.

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“Sind das Luftschafe?”, fragte ich den Farmer auf dem Feld, denn wer würde mehr über boden- und luftgestützte Tiere wissen als jemand, der sie zum Lebensunterhalt melkte und schlachtete.

“Nein”, sagte er, wie wenn er es mit einem ahnungslosen Städter zu tun hatte, womit er nicht ganz falsch gelegen haben mag.

“Das sind Wolken”, erklärte er, was überhaupt nichts erklärte.

“Sie sind schön”, sagte ich, worauf er mit den Schultern zuckte.

Er war wohl einer jener Menschen, die sich für nichts interessieren, das man weder essen, noch ins Bruttoinlandsprodukt einrechnen kann.

Ich hingegen bin ein abenteuerlustiger Ästhetizist und machte mich daran, den steilen Vulkan zu erklimmen, der das Zentrum, das Fundament und den Gipfel der Insel bildet, um den Wolken näher zu kommen.

Nun, ich kam ihnen sehr nahe. Ich klettere direkt in die Wolken hinein. Sie waren kalt, windig und nass.

Vielleicht bewundert man Wolken, wie Menschen und andere Dinge, am besten aus der Ferne.

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Idee und Wirklichkeit

Als ich den Auftrag auf den Azoren bekam, suchte ich sofort nach einem Schiff, um auf abenteuerlichere und romantischere Art dorthin zu kommen als mit dem Flugzeug.

Vergebens.

Aber ich buchte keinen Rückflug, in der Hoffnung, in drei Monaten auf Faial genug Bekanntschaften mit Fährleuten, Fischern und Weltumseglern zu machen, um vielleicht per Anhalter zurück zum Kontinent schippern zu können.

Und dann gab es noch immer die Möglichkeit, mich als blinder Passagier an Bord eines Frachtschiffes zu schleichen.

Auch die anderen Inseln des Azoren-Archipels würden sich perfekt per Schiff erkunden lassen. 7 Stunden nach Terceira, 9 Stunden nach Flores, so entschleunigt und entspannt kann man selten reisen.

Aber heute geht es erst einmal nach Pico, die nahe Nachbarinsel. 30 Minuten dauert die Überfahrt.

Ich entere das Oberdeck, um den besten Ausblick zu haben. Es ist eine kleine Fähre, mit etwa zehn Sitzreihen auf jeder Etage, die meisten davon in Fahrtrichtung. Wie in einem Flugzeug. Nur mit freier Platzwahl. Ich setze mich direkt neben die offene Tür, um Sonne, Wind und Wasser zu genießen.

Fast unbemerkt löst sich das Fährboot von der Anlegestelle. Die kräftigen Motoren schieben es mit Leichtigkeit durch den Hafen, ganz sanft Richtung Ausgang.

Als es die beiden schützenden Kaimauern verlässt und aufs offene Meer hinausfährt, beginnt das Schiff aber schon zu schaukeln. Oder eher zu wippen, von vorne nach hinten. Das ist wohl so, beim Übergang von Hafen zu Meer, versuche ich mich zu beruhigen.

Aber die Bewegungen hören nicht auf, sondern werden stärker. Immer höher hebt sich das Boot. Immer tiefer fährt es hinab. Mein Magen hebt und senkt sich ebenso. Ich bin froh, noch nichts gegessen zu haben.

Warum fährt man bei so Monsterwellen raus aufs Meer? Andererseits, versuche ich mich wieder zu beruhigen, der Kapitän wird auch nicht sterben wollen. Sicher hat er den Wetterbericht angeguckt bevor er „Leinen los!“ gerufen hat.

Durch die Tür kommt frische Luft. Ich atme tief und bewusst. Aber auch immer mehr Wasser spritzt mir ins Gesicht. Auf den Wellen tanzt weißer Schaum. Fotos kann ich keine machen, weil ich mich mit beiden Armen ganz fest in den Sitz kralle. Es gibt keine Gurte, und wenn ich mich nicht festhielte, fiele ich aus der Halterung. Wenigstens sitze ich gleich neben der Tür, denke ich mir, so kann ich rausspringen, wenn das Boot kentert.

Aber was dann? Die Wellen sind mittlerweile höher als das Boot. Wenn wir auf dem Grund des Wellentals sind, sehe ich vorne nicht mehr Pico, sondern nur mehr wuchtige Wassermassen. Niemals könnte ich gegen diese Wellen anschwimmen. Das ist der Atlantik, kein Mittelmeer oder so. Und das Meer hat endlose Kraft, endlose Energie, endlos Wasser, wie ein Perpetuum Mobile. Es wird nie müde werden. Ich dagegen habe schon kaum mehr Kraft, mich festzuhalten.

Ein Matrose läuft durch den Flur, ganz schief, weil das Boot jetzt auch von backbord nach steuerbord und zurück schlingert. Er schließt die schwere Eisentür vor meinem Sitz und schlägt einen Holzkeil ein, damit sie nicht mehr aufzubekommen ist. Der Fluchtweg ist versperrt.

Das Auf-und-Ab war schlimm, aber das seitwärtige Schlingern ist hundertmal schlimmer. Das Boot legt sich nach steuerbord, wo ich sitze, und ich kann den Hammerhaien in die Augen schauen. Dann legt es sich nach backbord, und ich hänge in der Luft wie die Aasgeier. Währenddessen gewinnt und verliert das Boot etwa 10 Meter an Höhe. Alles zusammen, alles durcheinander, alles außer Kontrolle.

Ich bin mir gar nicht sicher, ob wir uns noch nach vorne bewegen oder nur auf der Stelle tanzen wie ein Spielball Poseidons. Eines Poseidons, der heute ziemlich wütend ist. Vielleicht ist seine Fußballmannschaft abgestiegen.

30 Minuten soll die Überfahrt dauern. Ich traue mich nicht, auf die Uhr zu sehen. Ich versuche, an etwas anderes zu denken, aber komme nur so weit, dass ich irgendwann von Pico zurück nach Faial muss. Wieder mit dem Schiff!

Aber alle weitere Pläne streiche ich. Die Überfahrt mit dem Schiff auf andere Azoreninseln. Die mindestens siebentägige Rückfahrt nach Portugal sowieso. Die Idee, von Odessa nach Georgien zu fahren. Die Kreuzfahrt nach Sankt Petersburg. Die Überquerung des Ärmelkanals. Alles gestrichen! Ich will nur mehr festen Boden unter den Füßen haben, möglichst weit weg von diesem alles verschlingenden Meeresschlund.

Irgendwie taucht dann doch Madalena auf, der Hafen von Pico. Das Schiff taumelt noch an zwei gefährlichen Felsen vorbei. Aber dank der Felsen kann ich wenigstens erkennen, dass wir gute Fahrt machen. Als wir in den Hafen einfahren, liegt da schon eine andere Fähre, auf Grund gelaufen. Mit dem Meer ist also wirklich nicht zu spaßen.

ferry sinking

Weil es Leser gibt, die sagen „ach, der Andreas übertreibt immer“, habe ich hier noch zwei Videos von Fähren auf der gleichen Strecke. Aber denkt dran, diese Filme zeigen nur die Ausfahrt aus dem Hafen. Auf hoher See wird es dann erst richtig wild.

Für die Rückkehr nach Portugal habe ich dann gleich einen Flug gebucht.

Links:

  • Die Insel Pico war ganz schön.
  • Die Rückfahrt nahm ich von einem anderen Hafen, weshalb sie volle 2 Stunden anstatt 30 Minuten dauerte. Aber diesmal war es ein bisschen ruhiger. Ein bisschen.
  • Da fällt mir ein, dass ich endlich über meine zwei Atlantiküberquerungen schreiben muss. Aber das ist so ein Riesenprojekt, es waren ja insgesamt drei Wochen auf dem Meer mit Stopps auf Madeira, Sint Maarten und Antigua, da muss ich noch ein bisschen Unterstützung für diesen Blog einsammeln. Vielen Dank!
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Rückkehr zur Normalität

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Man kann wieder in die Stadt gehen. In den Parks sind die Absperrbänder entfernt worden, wie wenn das dort begangene Verbrechen aufgeklärt wurde. Die Türen der Läden stehen weit offen. Manche haben ein Schild davor, auf dem sie bitten, dass zu jeder Zeit nur ein Kunde im Laden sein soll. Wie bei den Banken, die Angst vor Banküberfällen mit Geiselnahme haben. Beim Postamt ist es auch so, nicht dass irgendein Philatelist durchdreht.

Die Straßen, die Gehwege, alles ist so voll, wie es schon lange nicht mehr war. Voller als ich es in Erinnerung hatte, um ehrlich zu sein. Vielleicht weil manche Leute noch nicht arbeiten (Lehrer, Stewardessen, Studenten) und deshalb in die Stadt drängen. Manche tragen den Mundschutz, manche lassen ihn sinnlos von einem Ohr baumeln, andere stecken ihn mit zur Schau gestellter Verächtlichkeit in die Hosentasche, sobald sie aus dem Supermarkt treten.

Die Autos dürfen auch wieder raus. Jeder Parkplatz ist belegt. Die Straßen sind voll mit Qualm und Quietschen und Hupen und Blechschäden. Und dazu noch Hunde, die schlimmsten von allen.

Wie eine Lawine bricht alles auf mich herein. Der Lärm, die Bewegung überall, Menschen sprechen einen an. Man muss wieder aufpassen, nicht überfahren zu werden. Warum gilt der Vorrang von Menschenleben schon nicht mehr?

Es ist mir alles zu viel, ehrlich gesagt. Ich schwitze, wohl nicht nur wegen des Mundschutzes. Mein Puls geht schneller. Überall muss man die Augen gleichzeitig haben. Ich will schnell wieder nach Hause. Das ist so ein Stress im Vergleich zu den vergangenen Monaten. Die Stadt ist mir zu emsig und trubelig geworden.

Die Stadt ist Horta, mit ungefähr 6000 Einwohnern.

Horta Gesamtansicht

Horta von oben

Wie ich das erst aushalten soll, wenn ich mal wieder auf dem Festland bin, kann ich mir gar nicht vorstellen.

Wahrscheinlich werde ich ganz flugs den Rucksack packen und in die mitteleuropäischen Wälder verschwinden.

Links:

  • Mehr Berichte von den täglich stressiger werdenden Azoren.
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Azorische Gesichtsmasken

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Als ich von Lissabon am ich-weiß-nicht-mehr-das-genaue-Datum-aber-es-war-Anfang-März auf die Azoren flog, saß diese Person am Flughafen und amüsierte sich wahrscheinlich innerlich über all die Leute, die glaubten, ein Mundschutz reiche aus gegen das Virus. Und selbst den trug damals kaum jemand.

Corona-Schutzanzug

Damals, vor nur zwei Monaten, auch wenn es sich jetzt anfühlt, wie wenn es zwei Jahre gewesen wären, wusste diese Person schon, was auf uns alles zukommen würde. Ich kann nur vermuten, dass es sich um einen Virologen oder den portugiesischen Gesundheitsminister handelte.

Überall anders auf der Welt würde man beim Anblick solch eines Kapuzenmenschen an den Ku Klux Klan denken. Nicht in Portugal. Denn es gibt keine Radikalen in Portugal, keine Extremisten, keine Terroristen. Jeder und alles in Portugal ist moderat. „Sogar unsere Kommunisten sind moderat“, hatte mein Freund Romeu mir in Lissabon erklärt, durchaus mit Enttäuschung, weil das seinen eigentlich entschiedenen Antikommunismus ebenfalls moderiert. Lasst uns nicht vergessen, wir reden hier über das Land, in dem die CDU Hammer und Sichel im Parteilogo führt.

Egal, Ihr seid nicht hier, um über Politik zu lesen, und außerdem stand schon das kleine Flugzeug bereit, mit dem ich auf die Insel Faial entschweben würde. Oh, über den Flug gäbe es vieles zu erzählen, aber erinnert mich daran, das in einer anderen Geschichte zu tun, denn wir wollen die Ablenkungen hier auf einem Minimum halten und uns stattdessen auf den Schutz unserer Atemwege und die unserer Mitmenschen konzentrieren.

Ich überlebte den Flug (im portugiesischen Luftraum gibt es nur moderate Turbulenzen), und als ich den Hafen verließ (das werde ich in der Geschichte über den Flug erklären, aber hört doch bitte auf, Euch immerzu unterbrechen zu lassen), sah ich ein paar Menschen, die meisten von ihnen Frauen, wie mir schien, die sich des Virus offenbar sehr bewusst waren und schon Gesichts-, ja eigentlich richtige Kopfmasken trugen.

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Abartige Mode, mögt Ihr denken, aber die Inseln sind Tausende von Kilometern vom Festland entfernt, und die Zeit läuft hier nach anderen Gesetzen ab. Faial war zuletzt im Winter von 1717 und 1718 von der Beulenpest heimgesucht worden, aber wenn mir die Leute davon erzählten, klang es, wie wenn sie selbst dabei gewesen waren. „Es hat Henrique hinweg gerafft“, erinnerten sie sich an einen ihrer Urahnen und wischten eine Träne aus dem Auge. Oder „Maria Luísa hat es nie überwunden, dass sie den kleinen Cajó verlor.“ Natürlich hatten die Insulaner noch die alten Antipestkleider im Schrank hängen, allzeit bereit, um auch nach 13 Generationen wieder zum Einsatz zu kommen.

Als ich sagte, dass ich in der Gemeinde Cedros wohnen würde, informierte man mich mit leichenblassem Blick: „Oh, Cedros, dort haben die Menschen am meisten unter der Pest gelitten“, wie wenn in den 300 Jahren seither nichts Bemerkenswertes oder Desaströses passiert wäre. In Wirklichkeit gab es in der Zwischenzeit Hunderte von Vulkanausbrüchen, Erdbeben, Tsunamis, Erdrutsche und Wirbelstürme.

Ich schweife schon wieder ab, oder? Also lasst uns die alte Standuhr vordrehen ins Jahr 2020, das Jahr der Coronapest. Ich sah eigentlich selten jemanden mit Gesichtsmaske, weil auf der Insel sowieso nicht zu viele Menschen leben. Und die Leute hier sind vernünftig, sie küssen und umarmen sich nicht einfach auf der Straße. (Die Azoreaner, die sich dergestalt verhielten, sind schon lange nach Brasilien ausgewandert.)

Aber letzte Woche ging ich in den Supermarkt und merkte, dass ich plötzlich der einzige ohne Mundschutz war. Von einem Tag auf den anderen hatte sich alles geändert. Ich fühlte mich komisch, fast nackt. Der Wachmann ließ mich dennoch rein und Schokolade einkaufen.

Als Gast auf der Insel möchte ich mich natürlich anpassen. Ich ging zur Apotheke, in der Hoffnung, dort eine Gesichtsmaske zu bekommen. Aber an der Tür hing schon ein handgeschriebener Zettel, der das Publikum informierte, dass die Masken ausverkauft seien bis das nächste Schiff ankäme. Ich erfuhr dann noch, dass das Tragen des Mundschutzes im Supermarkt oder im Bus jetzt gesetzlich vorgeschrieben war.

Und dann meldeten sich Freunde, die ich wohl besser „Freunde“ nenne, mit „hilfreichen“ Ratschlägen, wie ich meinen eigenen Mundschutz bauen könnte: „Es ist ganz einfach: Du nimmst ein Stück Stoff, am besten Baumwolle und unbenutzt, bügelst es, stanzt ein paar Löcher hier und hier, schneidest es so, faltest es so, nähst die Ecken ein und befestigst ein Gummiband, und schwupp, schon hast du eine Maske.“

Ich konnte nicht einmal den Instruktionen folgen, geschweige denn erahnen, wo zum Henker ich Bügeleisen, Nähmaschine und Gummiband herbekommen sollte. Was glauben die Leute eigentlich, was ich in meinem Rucksack habe? Wenn ich solcherlei Firlefanz mit mit führte, hätte ich schon lange ein Raumschiff konstruiert.

Je mehr „Ratschläge“ mir die Leute gaben, umso fuchtiger wurde ich. Es war in etwa so, wie wenn sich jemand darüber beschwert, dass ihm oder ihr langweilig ist, und ich würde antworten: „Oh, das ist einfach. Du schreibst ein Drehbuch, stellst ein paar Schauspieler ein, baust ein Filmstudio, drehst einen Film, und am Abend kannst du im Heimkino dein eigenes Werk genießen.“ Ganz ehrlich, es nervt, wenn Menschen annehmen, jeder habe praktisches Talent – und noch dazu das notwendige Werkzeug. Ich meine, ich laufe ja auch nicht durch die Gegend und tue mein Entsetzen darüber kund, dass sich nicht jeder im Verfassungsrecht auskennt oder für die Geschichte Boliviens interessiert, oder?

Also rationierte ich bereits die Lebensmittel und dachte, dass ich mir wohl einfach einen Sack über den Kopf stülpen und zwei Löcher für die Augen reinschneiden würde. Aber da bewahrheitete sich wieder mal eines meiner Lebensmottos: Wenn es ein Problem gibt, warte einfach! Irgendwie löst es sich immer von allein.

Gestern, als ich vom Meer (ich war dort zum Lernen gesessen, nicht beim Schwimmen gewesen) zurück nach Hause fuhr, kam ich am Postauto vorbei. Die Briefträgerin winkte mir, dass ich anhalten sollte. Ich gehorchte natürlich, und sie überreichte mir ein Paket. „Ein Geschenk von der Regierung der Azoren“, erklärte sie.

facemasks (1)

Darin waren nicht nur eine, sondern drei frisch gewaschene Mundschutzmasken! Sogar mit Anleitung.

facemasks (2)

Das mag moderat sozialistisch sein, aber ich finde es toll, wenn Regierungen, die das Tragen von Mundschutz verpflichtend machen, dann Pakete mit ausreichend Masken an jeden Haushalt im Land verschicken, sogar an die Menschen, die auf einem kleinen Stück Vulkan in der Mitte des Atlantischen Ozeans sitzen. Insbesondere, wenn die Briefträgerin mich auf der Straße stoppt, um ganz sicherzugehen, dass ich eine Maske erhalte.

Und da kamen mir wieder meine Freunde aus Lissabon, Romeu und Mafalda, in den Sinn. Als sie mir die Stadt zeigten, kamen wir an einem Wandgemälde über die Geschichte Lissabons vorbei, das Ihr findet, wenn Ihr am Aussichtspunkt Portas do Sol nach den Toiletten fragt. Anhand der Comic-Zeichnungen dort bekam ich einen Schnelldurchlauf durch die portugiesische Geschichte. Als sie zu der Epoche kamen, während der Portugal irgendwie mit Spanien vereinigt war (von 1580 bis 1640, glaube ich), sagte Romeu, natürlich im Scherz, denn er ist ein (moderater) Patriot: „Manchmal wünschen wir, dass wir in der Iberischen Union verblieben wären, denn in Spanien läuft vieles besser als bei uns.“ Ich kannte beide Länder nur ein bisschen, hatte aber das Gefühl, widersprechen zu müssen. Soweit ich gesehen hatte, ist Portugal ein bestens organisiertes Land. Wie diese Episode bestätigt, kann man sich Portugal als die Schweiz der iberischen Halbinsel vorstellen.

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„Die Reise ins Reich: Unter Reichsbürgern“ von Tobias Ginsburg

Ich habe zwar die ultimative Anleitung für Diskussionen mit Reichsbürgern geschrieben, aber persönlich kenne ich keinen. Soweit ich weiß. Wahrscheinlich halten sie sich fern von mir. Die Zeugen Jehovas diskutieren ja auch lieber mit Laien als mit Theologen.

Wer wissen will, wie es unter den Reichsbürgern aussieht, kann aber auf ein Buch von Tobias Ginsburg zurückgreifen, der sich unter Verschleierung seiner echten und teils mit falscher Identität monatelang in dieser Szene bewegt hat.

„Die Reise ins Reich“ heißt sein Bericht, der gleichzeitig einen tiefen Einblick gewährt, einen aber umso ratloser zurücklässt. Das liegt nicht am Autor, sondern an den Beobachtungsobjekten. Die Reichsbürgerszene ist so arg zersplittert, dass er sich in verschiedene Kommunen, Workshops, Seminare und etliche stark alkoholisierte Hinterzimmertreffen einschleichen muss.

50462112zZu inhaltlichen Diskussionen kommt es dabei weniger, denn Ginsburg darf ja nicht auffallen. Die Diskussionen zwischen den verschiedenen Gruppen drehen sich eher ums Strategische. Viele aus der Reichsbürgerszene sind sich bewusst, dass sie als Idioten und/oder Nazis angesehen werden, und versuchen, mit alternativen Begriffen wie „Souveränität“ oder „Freiheit“ zu agieren. Das kennen wir ja mittlerweile von den Demonstrationen gegen die Einschränkungen aufgrund von COVID-19, wo sich auch wieder die Leute tümmeln, die sowieso überall eine (jüdische) Weltverschwörung wittern.

Dabei erfährt man von Verbindungen in die AfD, von Verbindungen nach Russland und, was mich überrascht hat, ganz viel Überschneidung mit Esoterik. Da fangen Leute mit Homöopathie und Energiesteinen an, bekommen Panik vor Impfungen und beginnen so, alles zu hinterfragen. Das Anzweifeln von Experten und Autoritäten, seien es Mediziner, Historiker oder Juristen, führt anscheinend manchmal dazu, dass die Leute stattdessen jeden Unsinn glauben, den sie auf YouTube sehen. Und so treten im Buch eine ganze Menge Esoteriker und Hippies auf, die keinesfalls rechtsradikal sind, aber immer mehr in Verschwörungstheorien abgleiten. Und dann gibt es eben auch eine Heilpraktikerin, die den Holocaust leugnet.

Ich fand „Die Reise ins Reich“ manchmal zu wenig systematisch, aber es ist eben kein Sachbuch. Es ist ein Bericht. Die Stärke liegt im Beobachten und Beschreiben der Personen, die sich von der Reichsbürger-Szene angezogen fühlen. Teilweise ist es klischeehaft und peinlich, aber was soll man machen, wenn sich die Leute in klischeehaften Hinterzimmern von klischeehaften Kneipen besaufen und auf den Zusammenbruch der Bundesrepublik Deutschland hoffen. Meist erzählt Ginsburg durchaus mit Empathie für die Menschen, die ihm viel (an)vertraut haben. Viele von ihnen sind einsam, haben Kriesen durchlebt und fühlen sich besser, wenn sie zu einem erlesenen Zirkel gehören, der „die Wahrheit“ kennt und „das System durchschaut“.

Reichsbürger Königreich Deutschland

Ein interessanter Einblick in eine Welt, die nicht kleiner zu werden scheint.

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Die Rauchende Schlange

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In diesen Tagen feiern wir eurozentristischen Europäer das Ende des Zweiten Weltkriegs, obwohl jener Veranstaltung in Asien noch ein paar Monate Zugabe gegönnt waren. Mit Paraden und Märschen wurde der überlebenden und mit Friedhofsbesuchen der nicht überlebenden amerikanischen, britischen, französischen, belgischen, neuseeländischen, australischen, indischen, kanadischen und ja, auch der sowjetischen Veteranen und sogar der Partisanen gedacht.

Aber wie jedes Jahr wurden die Soldaten eines Landes komplett vergessen.

Nein, ich meine nicht unsere Opas von der Wehrmacht. Die haben ja nun größtenteils wirklich keine Feier verdient.

Ich spreche von den brasilianischen Soldaten, die zusammen mit den Alliierten Europa vom Faschismus befreit haben.

Von denen wusstet Ihr nichts? Seht Ihr, genau das meine ich. Die werden nämlich immer übersehen. Dabei waren es nicht ein paar einzelne Brasilianer, die in der amerikanischen oder britischen Armee Dienst taten. Nein, Brasilien entsandte im Zweiten Weltkrieg eine gesamte Division nach Italien: 25.000 Mann.

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Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wollte Brasilien auf Schweiz machen, neutral bleiben und mit jeder Seite Geschäfte machen. Brasilien war zu jener Zeit mal wieder Diktatur, die als solche durchaus Sympathien für Nazi-Deutschland hatte (obwohl es im Völkergemisch Brasilien keine Bestrebungen zum Genozid gab). Aber die nordamerikanische Charmeoffensive war einfach zu stark, und so erlaubte Brasilien den USA ab 1942 die Errichtung von Stützpunkten für den Seekrieg im Atlantik.

Die Neutralität wurde unhaltbar, als deutsche U-Boote im gleichen Jahr 13 brasilianische Handelsschiffe versenkten und Hunderte von Menschen starben. Dabei wollte die Regierung Brasiliens noch immer keinen Krieg gegen Deutschland führen. Die Forderungen kamen aus dem Volk und wurden immer lautstarker. Demonstranten forderten den Kriegseintritt und zerstörten deutsche Kneipen. Am 22. August 1942 erklärte Brasilien dem Deutschen Reich, Italien und Japan schließlich den Krieg.

Dieser Schritt wurde damals in Südamerika zunehmend populär. Bolivien, Kolumbien, Ecuador, Paraguay, Peru, Chile, Venezuela und Uruguay folgten in dieser Reihenfolge. Ach ja, das heroische Argentinien entschloss sich am 27. März 1945 noch knapp rechtzeitig zu diesem kühnen Schritt; es war die letzte Kriegserklärung an Deutschland.

Aber auch in Brasilien blieb es erst einmal bei der Ankündigung. Der Volkszorn kochte weiter, was aber auch daran gelegen haben mag, dass wegen des Zweiten Weltkriegs die Fußball-Weltmisterschaften ausfielen. Es entwickelte sich die Redewendung, dass die Regierung wohl erst Truppen nach Europa schicken werde, „wenn die Schlangen Pfeife rauchen“, um die Skepsis auszudrücken, ob dies jemals passieren wird. Bei uns würde man sagen „wenn die Hölle zufriert“, aber in Brasilien weiß niemand, was Frieren bedeutet.

Endlich, fast zwei Jahre nach Kriegseintritt – und praktischerweise nach der erfolgreichen Landung in der Normandie, als nun wirklich jedem klar war, wer als Sieger vom europäischen Spielfeld gehen würde -, verließen die ersten Truppen am 2. Juli 1944 Brasilien Richtung Italien.

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„Die Schlange raucht!“, hieß es nun ungläubig, und das Brasilianische Expeditionskorps wählte dieses Symbol ganz selbstironisch als Abzeichen. Krieg ist immer Chaos, und so fiel erst bei der Ankunft in Italien auf, dass die Brasilianer keine Waffen hatten, dass ihnen keine Kaserne oder andere Unterkunft zugeteilt worden war und, am allerschlimmsten, dass ihnen niemand etwas über Winter, Kälte und Schnee gesagt hatte.

Schnee ist in Brasilien unbekannt. Und diese Truppen vom Strand sollten im Winter 1944/45 in den Apenninen gegen Gebirgstruppen der Wehrmacht kämpfen, die sich an der sogenannten Gotenlinie eingegraben hatten.

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Umso erstaunlicher, dass sie dennoch ganz erfolgreich vorankamen, Schlachten gewannen, unter anderem Parma befreiten und allein mehr als 20.000 hauptsächlich deutsche Soldaten gefangen nahmen. Das Foto zeigt den deutschen Generalleutnant Otto Fretter-Pico, wie er sich brasilianischen Soldaten gegenüber ergibt.

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Die deutsche Propaganda war also wirkungslos geblieben, obwohl sie für die Feinde aus Brasilien sogar eine Radiosendung auf Portugiesisch ausstrahlte: „Hora Auri-Verde“. Darin wurde den Südamerikanern wahrscheinlich noch mehr Angst vor noch mehr Schnee, Eis und Frost gemacht, eine Rückkehr nach Rio empfohlen und andernfalls eine empfindliche Niederlage im Fußball angedroht.

Außerdem nutzten die Nazis in ihrer an die italienische Bevölkerung gerichteten Propaganda die Tatsache, dass viele brasilianische Soldaten dunkelhäutig waren. Sie versuchten insbesondere, Furcht vor Vergewaltigung und Mord zu schüren. Und schon sieht man wieder, wo sich die AfD ihre Methoden abschaut.

Die brasilianischen Soldaten hatten in den Wintermonaten im Schützengraben übrigens viel Zeit, darüber nachzudenken, warum man in Europa für die Demokratie kämpft, während zuhause ein Diktator regiert. Auch unter dem Einfluss der zurückkehrenden Soldaten kündigte Getúlio Vargas 1945 Wahlen an, erlaubte die Gründung von Parteien und versprach, selbst nicht mehr zu kandidieren. Sicherheitshalber wurde er dann aber doch weggeputscht, 1950 wiedergewählt und erschoss sich 1954, wohl verwirrt von dem ewigen Hin und Her, selbst.

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Der Mythos vom Azorenhoch

Jahrelang kann man durch mehr als 60 Länder tingeln, und es juckt keinen.

Aber wenn man auf einer Insel ist, dann melden sich plötzlich alte Bekannte und Unbekannte: „Oh Andreas, ich habe gerade zufällig an dich gedacht.“ Wenn Leute schon so anfangen, wollen sie immer etwas, meist juristischen Rat. „Was, wo bist du? Ach, auf einer Insel. Da komme ich dich doch gleich besuchen!“ Diese Inselfaszination ist selbst ein Faszinosum, denn Siebenbürgen oder Montenegro wären eigentlich viel interessanter als so ein Vulkan im Meer.

Und jetzt, wo ich auf den Azoren bin, kommt die Assoziation mit dem Azorenhoch dazu. Diesem Hochdruckgebiet schieben die Europäer gerne die Schuld für das schöne Wetter in die Sandalen.

Aber ich, unermüdlich recherchierend, kann Euch sagen: Das Azorenhoch wohnt gar nicht auf den Azoren! Es entsteht gewöhnlich viel weiter südlich, in den Subtropen. Nur weil es im Nordatlantik außer den Azoren weit und breit keine anderen Bezugspunkte gab, wurde es eben nach der Inselgruppe benannt.

azorenhoog

Was das für die Azoren bedeutet, könnte ich jetzt anhand von Rossby-Wellen, dem Polarjetstrom, Zyklonen und Druckgradienten erklären, aber ich bringe es lieber auf den Punkt: Die Vorstellung vom ewig schönen Wetter auf den Azoren ist Mumpitz!

Klar, oft sieht es so aus:

Piedade walk (1)

clouds on Faial (3)

Wellen

Aber dann kommt wieder so eine Woche.

Azorenhoch

Beziehungsweise so eine Wettervorhersage. Das muss man abgrenzen, denn beides hat nicht viel miteinander zu tun. Man merke sich einfach, dass man jeden Tag alles erleben kann, und zwar mehrfach. Heute lag ich zum Bespiel mittags in der Wiese und habe die Sonne genossen und die Wolken bewundert. Jetzt schüttet es gerade wie wild. Und am Abend gibt es vielleicht wieder einen herrlichen Sonnenuntergang mit Pizza am Strand.

An einem anfänglich wunderschönen Tag bin ich mal auf den Vulkan gestiegen. Als ich oben war, sah es so aus:

Weil die Wolken an den Vulkanbergen hängenbleiben, kann man dem Regen gewöhnlich entkommen, indem man auf die andere Seite der Insel fährt. Aber wenn man langsam ist, hat sich alles schon wieder gedreht, bis man vom Norden in den Süden gefahren ist.

Aber mir passt das Wetter hier. Es ist nie zu kalt, nie zu heiß, und nie eintönig. Selbst wenn man mal nass wird, trocknet einen die Sonne bald wieder. Und wenn man denkt „uff, ist das heiß“, schieben sich wie auf Bestellung ein paar Wolken vor die Sonne.

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In der Fremdenlegion

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Vor ein paar Jahren schien mal wieder der Bildungsbürger in mir durch, erinnerte sich dunkel an das vor Dekaden absolvierte Gymnasium und bereute, der Sprache unseres westlichen Nachbarlandes niemals die gleiche Aufmerksamkeit gewidmet zu haben wie dem sich ironischerweise den romanischen Begriff lingua franca unter den Nagel gerissen habenden Englisch.

Nun wohne ich in der tiefsten Provinz in Bayern, wo sich die Menschen sowieso schon gegen alles Internationale, aber erst recht gegen alles Französische sträuben, weil 1796 unsere kleine Stadt dem napoleonischen Heer im Wege lag und ein bisschen beschossen wurde. So haben in Amberg seither weder das Institut français, noch die Alliance française, noch eine Baguettebäckerei Fuß fassen können.

Wenn ich also mein Französisch reaktivieren, renovieren, emendieren, avancieren und polieren wollte, so musste ich in die Ferne ziehen. Am besten nach Frankreich.

Aber wie finanziert man solch ein Unterfangen? Die Beantragung von Stipendien war mir immer zu viel Papierkramaufwand. Und selbst wenn ich in Frankreich allein durch tägliches Hören, Lesen und Sprechen Fortschritte machen würde, so müsste ich doch irgendwo schuften für Kost, Logis und Gauloises. Dass die Arbeitsbedingungen in Frankreich trotz der Revolution miserabel sind, hatte ich aber noch aus Germinal in Erinnerung.

Und dann, vielleicht war gerade Vietnam-, Golf- oder ein anderer Krieg, kam mir die Fremdenlegion in den Sinn. Dieses dritte unter den französischen Kultur- und Sprachinstituten, das seinen Eleven nicht nur die oben aufgezählten Grundbedürfnisse, sondern sogar die Arbeitskleidung und ein Salär bezahlt.

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Also stieg ich in den Zug nach Marseille. Beziehungsweie viele Züge, über Nürnberg, Stuttgart, Karlsruhe, Basel, Dijon und Lyon. Etwa 30 Stunden. Viel Zeit zum Nachdenken, wenig Zeit zum Schlafen. Im Zug waren sonst Touristen, die zum Schwimmen, Segeln und Schatzsuchen an die Côte d’Azur fuhren. Ganz unbeschwert. Zwei Wochen Urlaub, alles schon bezahlt. Aber danach mussten sie wieder zurück, in die Zeche in Dortmund oder die Schule in Klagenfurt, deshalb beneidete ich sie kein bisschen.

Vormittags kam ich an.

Am Bahnhof fragte ich mich durch nach der Légion étrangère. Chemin de Génie Nr. 18, sagte mir jemand, und der Straßenname wehte wie ein Wind des Schicksals. Was für eine passende Adresse. Niemals würde ich aufhören können, verschmitzt zu lächeln, wenn ich meine Postadresse unbescheiden mit „Weg des Genies“ angäbe.

Es waren ein paar Kilometer Fußmarsch vom Bahnhof, aber nach der langen Zugfahrt wollte ich sowieso frisch werden. Die Sonne, die Seeluft, die Bewegung und vor allem das Licht, dieses Licht am Mittelmeer, das mich darüber wundern ließ, warum die gleiche Sonne nicht überall gleich scheint. Ich musste ganz in den Westen von Marseille. Fast wie eine Halbinsel lag der Stadtteil da, von dem aus man der Monte-Christo-Insel mit dem Château d’If am nähesten ist.

Mein Herz schlug schneller, mein Mund wurde trocken, als ich die Nummern am Straßenrand abzählte. 12, 14, 16, da war es. Chemin de Génie Nr. 18. Schöne Wohnungen hatten die Jungs hier! Mit Blick auf die Insel, genau eine Seemeile entfernt. Ich klingelte und will die folgende Unterhaltung abkürzen, da sie viel Peinliches enthüllen würde. Kurz gesagt: Man hatte mich zum Centre des convalecents et des permissionnaires de la Légion étrangère geschickt, zum Alters- und Pflegeheim der Legion. Ob das ein Scherz war oder ob der Mann im Bahnhof es nicht besser wusste, ich fand es nie heraus.

Aber immerhin konnten mir die Kameraden von der Konvaleszenzabteilung die richtige Adresse mitteilen: „Zur Rekrutierung müssen Sie in die Kaserne in Aubagne.“ Das liegt etwa 10 Kilometer vor Marseille, der Zug war durchgefahren. Wenn ich es gewusst hätte, wäre ich dort abgesprungen.

Nach Aubagne ging ich nicht zu Fuß. Die Buslinien 69 und 100 führen dorthin, ich erwähne das nur, falls jemand den gleichen Plan hat. Mittlerweile war es nachmittags geworden, und ich hätte etwas essen sollen. Oder schlafen. Oder essen und danach schlafen. Aber ich wollte direkt zur Legion, gleich am ersten Tag, um nicht ziellos durch die Stadt zu spazieren und aus Versehen gar an einer Universität oder in einer Beziehung zu enden.

In Aubagne war das Centre de présélection in der Route de la Légion, das ergab schon mehr Sinn als der Wahnsinn mit den Genies. Aber es war weit weniger nobel. Eher so verfallendes Landschulheim oder alter Kibbutz. Der Aschenbecher vor der Tür war ein umgedrehter Stahlhelm. Eine Armee mit Humor, immerhin, vielleicht würde es tatsächlich wie beim braven Schweijk werden.

Nachdem es gewissermaßen schon mein zweiter Versuch an jenem Tag war, war ich weniger nervös, als ich durch die mit Information – Recrutement überschriebene Glastür trat. Kaum hatte ich jedoch meinen ersten Satz gesprochen, stand der Sergent auf und wies mich zu der Tür, durch die ich eben erst hereingeschneit war. „Warum?“ fragte ich, noch nicht gelernt habend, dass dieses Wort beim Militär tabu ist. Weil ich ohne Termin aufgetaucht war? Oder gab es keine offenen Stellen? War mein Französisch zu schlecht? Gerade um dies zu reparieren war ich doch hier.

Aber der Feldwebel war gar nicht unfreundlich, er ging mir voraus durch die Tür, in den Garten und zu etwas, das aussah wie ein Kinderspielplatz. Da waren Klettergerüste, von Balken hängende Seile mit einem dicken Knoten untendran und waagerechte Metallstangen, vielleicht um Schaukeln anzubringen. Nur der Boden war nicht so schön wie das jetzt bei modernen Spielplätzen ist, die mit so federndem Gummi ausgelegt sind, damit die Kinder, wenn sie von der Wippe plumpsen, die Mama nicht stören, die während dessen auf der Bank sitzt und lieber mit ihrem Handy als mit ihrem Sohn spielt. Dort war nur staubiger, harter, dreckiger, schmutziger Sand. Wahrscheinlich gab es sogar Schlangen.

Der Sergent ging geradewegs auf die Metallstangen zu, an denen die Schaukeln abmontiert waren, deutete darauf und sagte: „Quatre tractions.“ Nun habt Ihr schon mitbekommen, dass mein Französisch eher an Proust als auf dem Pausenhof geschult worden war. Ich verstand nicht, was „tractions“ sein sollten. Anscheinend war das aber schon öfters vorgekommen, denn der Franzose, der, wie mir erst später kam, gar kein Franzose gewesen sein muss, weil wir ja schließlich bei der Fremden- und nicht bei der Franzosenlegion waren, ließ sich kurzzeitig zum Gebrauch des Englischen herab: „Four pull-ups“, vier Klimmzüge also.

Die habe ich nicht geschafft.

Ich bin dann nach Marseille in den Hafen gefahren, auf ein Schiff gestiegen, nach Südamerika ausgewandert und habe Spanisch gelernt. Ist sowieso ’ne schönere Sprache. Und weniger Befehl und Gehorsam und Fallschirmspringen und so Scheiß.

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Fremde im Park

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Mir blieben noch zwei Tage in Boston, bevor ich nach Deutschland zurückfliegen musste, aber ich kannte niemanden in der Stadt. Es war 2009, und das Internet war, soweit mir damals bekannt war, noch nicht erfunden.

Zum Abendessen kaufte ich eine Pizza sowie eine Ausgabe des Boston Globe. Ich ging zum Boston Common, einem Park, um mich auf eine Bank zu setzen, zu essen und zu lesen. Alleine, wie ich das oft mache. Die Hälfte der Pizza hatte ich schon verspeist und die andere Hälfte der späteren Verwendung vorbehalten (amerikanische Pizzas sind für amerikanische Mägen gemacht), als ein junger Mann vorbeikam. Er ging noch ein paar Meter weiter, hielt inne, wandte sich um und kam auf mich zu. Blitzschnell analysierte ich die Situation. Es war dunkel geworden, der Park hatte sich geleert, und ich hatte aus der Pizzeria nicht einmal ein Plastikmesser mitgenommen. In Boston werden jedes Jahr etwa 50 Menschen ermordet.

“Entschuldigen Sie, Sir. Ich bitte um Verzeihung, wenn ich Sie störe.” Er klang und wirkte höflich. Ich war vollkommen bereit, ihm den Rest der Pizza auszuhändigen, sollte er eine Waffe zücken. (Amerikaner sind verrückt nach Waffen und Pizzas.)

In dem Repertoire meiner Gesichtsausdrücke habe ich einen, der sagt: “Ich gewähre dir ein paar Sekunden, um zu erklären was du willst, und abhängig von deiner Antwort werde ich dein bester Freund sein oder dich in Stücke reissen.” Mir schien der Moment gekommen, ihn anzuwenden.

Der junge Mann, dessen Namen ich leider vergessen habe und den ich aus Gründen journalistischer Integrität nicht einfach Tom, Samuel oder Harry nennen kann, obwohl dies die Geschichte viel lesbarer machen würde als diese komplizierten Einschübe, war entweder sehr ehrlich oder ziemlich schlau in seiner Herangehensweise. “Ich hatte gehofft, dass ich Ihnen eine Frage stellen dürfte, weil Sie intelligent aussehen.”

Ich musste lachen, bevor ich mich aus vollem Herzen bedanken konnte. “Wie kommst du darauf, dass ich intelligent aussähe?”

“Weil Sie so vertieft in der Zeitung lesen, Sir.”

Ich lächelte noch immer und wies darauf hin, dass die Lektüre einer Zeitung mich nicht zum Beantworten aller Fragen qualifizierte, aber ich bat den jungen Mann, Platz zu nehmen. Von der Pizza bot ich noch nichts an, denn das würde von der Art der Frage abhängen. Falls es eine dumme sein sollte – ja, es gibt tatsächlich dumme Fragen, egal was man Euch in der Schule Konträres erzählt -, wollte ich ihn so schnell wie möglich abschütteln können und zu den Seiten zurückkehren, die mich so gelehrt erscheinen ließen.

“Also, es geht um ein Problem mit einem Mädchen”, begann er. Wie praktisch, dass ich Fachanwalt für Familienrecht war, obwohl er das oder überhaupt die Tatsache, dass ich Rechtsanwalt war, kaum hätte wissen können. Würden die Anwälte von Boston Legal spätnachts im Park sitzen und eine Pizza essen? Wohl kaum. Egal, ich war jedenfalls erleichtert. Das war mein Spezialgebiet, und ich hatte schon Hunderten von Männern beim Rückweg in die Freiheit geholfen. Vielleicht könnte ich auch diesen jungen Mann befreien.

“Sie mag mich und sie hat gesagt, dass sie mit mir zusammen sein möchte. Ich mag sie auch, aber nur auf freundschaftlicher Ebene. Ich fühle mich einfach nicht zu ihr hingezogen.” Bis dahin klang es eher nach einem Teenager-Problem, was mich überraschte, denn er sah mindestens wie 21 oder 22 Jahre aus. “Aber ich fühle mich zu einem anderen Mädchen hingezogen. Und jetzt wird es kompliziert: Das Mädchen, das mich mag, ist weiß. Und das Mädchen, das ich mag, ist schwarz. Das weiße Mädchen nennt mich jetzt einen Rassisten. Und dieser Gedanke bedrückt mich, ehrlich gesagt, denn ich habe mich bisher noch nie als Rassisten gesehen.” Und, um mit einer Frage wie in der Aufgabenstellung eines Schulfaufsatzes zu schließen: “Denken Sie, dass es rassistisch von mir ist, dass ich mit dem schwarzen Mädchen zusammen sein will, aber nicht mit dem weißen?”

Das war mal eine neue Frage, was mir gefiel. (Ein Grund, warum ich noch im gleichen Jahr meinen Anwaltsberuf aufgab war, dass Mandanten nur mehr selten mit wirklich neuen Fragen kamen. Es wurde ein bisschen langweilig.) Eine Frage, über die man eigentlich eine Weile nachdenken sollte, aber ich konnte den jungen Mann nicht warten lassen, sonst würde er beim falschen Mädchen anheuern. Und, um ehrlich zu sein, ich wollte ihm eine positive Antwort geben, so dass meine Gedanken nicht ganz so unteleologisch umherschwirrten, wie sie es eigentlich hätten tun sollen. Außerdem hatte ich bemerkt, dass er einen praktischen Rat suchte, keine soziologische Diskussion über Rassismus. Schließlich könnte man argumentieren, dass jeder ein bisschen rassistisch ist, zumindest manchmal. (Ihr könnt ja mal kurz innehalten und Euch bewusst machen, in welchen Hautfarben Ihr Euch mich und den jungen Mann aus dieser Geschichte vorgestellt habt, obwohl ich keinen Hinweis auf die Farben der Beteiligten gegeben habe.)

“Ich glaube nicht, dass das rassistisch ist. Erstens bin ich mir nicht einmal sicher, ob es deine Entscheidung ist, wenn du verliebt bist. Manchmal passiert es einfach, und wir haben keine Kontrolle darüber.” Im 16. Jahrhundert wurde Liebe teilweise als Krankheit angesehen, die medizinischer Behandlung bedurfte. Und wer hat sich noch nie gewünscht, dass es eine Impfung dagegen gäbe?

“Und dann nehme ich an, dass du von dem fraglichen Mädchen nicht wegen ihrer Hautfarbe begeistert bist, sondern wegen ihres Charakters, ihres Lächelns, ihres Intellekts, wegen dem, was sie sagt, tut und denkt”, schloß ich von mir auf ihn. “Vielleicht von der Art, wie sie küsst”, dachte ich, erwähnte es aber nicht, weil mir schien, dass es bei den beiden noch nicht so weit gekommen war.

“Und schießlich könntest du das weiße Mädchen fragen, ob es nicht genauso rassistisch gegenüber allen anderen Farben wäre, wenn du ihr Freund würdest. Wenn wir uns für eine Person entscheiden, enttäuschen wir immer Dutzende von anderen. Beziehungen sind nicht der Anwendungsbereich für Antidiskriminierungsgesetze.”

“Sag mal, möchtest du ein Stück von der Pizza?” fragte ich, viel zu spät.

“Oh, vielen Dank, aber ich sollte schon auf dem Weg sein. Ich übernachte in einem Wohnheim für obdachlose Veteranen und muss um 22 Uhr dort sein.” Es war schon zehn nach zehn. Er dankte mir nochmals, sichtbar erleichtert.

Die Nacht war mild, und ich war wieder hungrig geworden. Während ich den Rest der Pizza vertilgte, wälzte ich Gedanken über Rassismus, über Liebe und darüber, wie ein reiches Land seine Kriegsveteranen behandelt.

reading park Chisinau

Ich weiß nicht, was aus dem jungen Mann und den Mädchen aus Boston wurde, und die Chancen, dass jemand von ihnen über diesen Artikel stolpert, sind gering. (Außer Ihr schickt die englische Fassung an all Eure Freunde dort.) Aber noch jetzt, zehn Jahre später, wo wir Couchsurfing und Tinder und Facebook und all diese Programme haben, um Menschen kennenzulernen, bin ich noch immer dankbar für diese zufällige Begegnung. Denn sie erteilte mir eine Lektion, die ich zu einer regelrechten Strategie entwickelt habe.

Seitdem gehe ich immer, wenn ich etwas länger in einer Stadt weile (und wenn das Wetter es zulässt), in einen Park, lasse mich für ein paar Stunden nieder und warte offen und gespannt auf die Überraschungen, die das Schicksal meines Weges schicken wird. Ich lese dann gerne ein Buch oder eine Zeitung, so dass die Leute sehen, dass ich nicht in Eile bin. Man sieht das nicht mehr oft, dass Menschen in der Öffentlichkeit lesen, also macht mich das auch ein bisschen interessanter, kann ich mir vorstellen. Und wenn jemand neugierig ist, dann ist ein Buch oder eine Zeitung ein guter Aufhänger für ein Gespräch.

In Belgrad saß ich mal im Studentski Park, genoß ein paar sonnige Stunden und die Süddeutsche Zeitung, die ich bei dem gut-sortierten Zeitschriftenladen auf der anderen Straßenseite erworben hatte, der immer mein erster Anlaufpunkt ist, wenn ich nach ein zwei nachrichtenlosen Wochen im Sandschak oder im Durmitor in die Zivilisation zurückkehre. Miro und Maia, zwei Chemieingenieure, beide in den 60ern und miteinander verheiratet, erkannten so, dass ich Deutsch sprach, und begannen mit der Erzählung der gemeinsamen Lebensgeschichte, einschließlich ihrer Arbeitsaufenthalte im sozialistischen Deutschland. Sie waren so froh, auf jemanden zu treffen, der ihnen zuhörte, dass sie fast darum stritten, wer von ihnen welche Geschichte erzählen durfte. (Sie waren sich auch sehr uneinig, was den genauen Inhalt ihrer Erinnerungen anging, sowie über die Industriepolitik der DDR.)

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In Targu Mures saß ich draußen, wieder lesend, Auf der Bank gegenüber war ein älterer Mann, der so aussah, wie wenn er gerade einen langen Arbeitstag im Kombinat hinter sich gebracht hatte. Anstatt eines Buches hielt er eine Bierflasche in den Händen. Nach einer Weile, in der er mich anscheinend als Ausländer erkannt hatte, fragte er, ob ich Rumänisch, Ungarisch, Englisch, Französisch oder Russisch spräche, weil er mir gerne eine Frage stellen würde, falls ich dies zuließe. Wir einigten uns auf Englisch, und er sagte: “Mich hat eigentlich nur interessiert, welches Buch Sie lesen, weil mir aufgefallen ist, dass Sie immer mal wieder lächeln oder schmunzeln.” Das Buch war “Scoop” von Evelyn Waugh, eine wahrhaft amüsante Lektüre.

Der Herr stellte sich als sympathischer und humorvoller Ingenieur im Ruhestand heraus, der selbst einen Band mit Erzählungen veröffentlicht hatte. (Rumänen lieben Bücher und Schreiben so sehr wie Amerikaner Pizzas und Waffen.) Wir unterhielten uns prächtig, fanden heraus, dass wir fast Nachbarn waren, und als wir, wie altmodische Menschen es zu tun pflegen, Visitenkarten austauschten, erfuhr ich erst, dass Vasile zudem der Vorsitzende der örtlichen Jüdischen Gemeinde war. Er bemerkte mein Interesse und sagte ohne zu zögern: “Wenn Sie diesen Samstag Zeit haben, kommen Sie doch um 10 Uhr morgens zu unserer Synagoge. Ich gebe Ihnen eine Führung durch das Gebäude, es ist gerade neu restauriert worden, und dann können Sie Schabbat mit uns feiern.” Ich hielt es für angebracht, darauf hinzuweisen, dass ich kein Jude bin, aber er unterbrach mich sofort, “Und warum sollte uns das stören?”, wie wenn es die dümmste Ausrede war, die er je gehört hatte.

Ich ging natürlich hin und traf auf eine sehr gastfreundliche Gemeinschaft überwiegend älterer Herren sowie auf eine junge Familie aus den USA, die damals in Rumänien lebte. Um diese wendungsreiche Geschichte abzukürzen, diese Familie zog später nach Wien und sie heuerte mich als Haus- und Katzenhüter an. Wenn ich also an jenem Sommerabend in Targu Mures zuhause geblieben wäre, oder mit meinem Telefon gespielt hätte anstatt ein Buch zu lesen, oder wenn ich die Frage des Herrn ignoriert hätte, dann hätte ich niemals die Chance gehabt, zwei wunderbare Sommer in Wien zu verbringen und meine neue Lieblingsstadt kennenzulernen.

Eine Stadt, die übrigens auch ein paar nette kleine Parks aufweist.

Brunnen von oben mit Figur Schönbrunn

Die Menschen, die mich ansprechen, sind meist älter und alleine, manchmal mit Hund, eben die Leute, die Zeit zum Reden haben. Aber ich habe auf diese Art und Weise auch schon junge Menschen kennengelernt. Es sind oft intelligente Zeitgenossen, die den Anblick von jemandem schätzen, der liest oder schreibt. Und dann gibt es natürlich noch die Obdachlosen und die Bettler, aber das sind sowieso die interessantesten Menschen.

Nur die Zeugen Jehovas können nervig werden. Als ich in Cochabamba lebte, unterhielt ich mich jedoch sogar mit den Jesus-Freaks und nutze sie als Spanischtutoren, die der Himmel geschickt hatte, so sehr sie mir auch mit der Hölle drohten.

14 Septiembre lively evening

Es gibt einen Grund, weshalb ich mich jetzt an all das erinnere. Wahscheinlich werden wir für die nächsten ein oder zwei Jahre nicht mehr kreuz und quer durch die Welt reisen können. Aber, wie Ihr gesehen habt, man muss gar nicht kreuz und quer durch die Welt reisen. Wenn die Parks wieder offen sind, nehmt Euch doch mal ein paar Stunden Zeit und hört den Menschen zu. Vielleicht werdet Ihr überrascht davon, was für interessante Menschen und Geschichten die ganze Zeit in Eurer unmittelbaren Nachbarschaft auf Euch gewartet haben.

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