Hiiumaa, die Insel der Abenteuer

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Ich war schon auf vielen Inseln, manche davon so weit entfernt wie Australien oder wie die Osterinsel. Nachdem die Reisen dorthin eine Menge Geld kosteten und eine Menge Luft verpesteten, stellte sich irgendwann die Frage, ob es das überhaupt wert ist. Und als Europäer bin ich geneigt, zu sagen: Eher nicht. Denn um unseren eigenen Kontinent herum liegen Tausende von Inseln, die wir leichter und günstiger erreichen können, und die auch nicht weniger interessant sind.

Leider kennen die meisten Europäer Inseln wie Sark oder Caprera nicht einmal. Und deswegen gehen sie jahrelang in ein langweiliges Büro, um sich einmal eine Reise auf die Galapagos-Inseln zu leisten, obwohl sie einfach aus der Wohnungstür treten und nach Hiiumaa trampen könnten.

Hiiumaa?

Seht, auch Ihr habt noch nie von der zweitgrößten Insel Estlands gehört!

Aber ich will ehrlich sein: Bis ich 2012 im Baltikum lebte, hatte ich auch noch keine Ahnung davon. Rasmus, ein junger Mann aus Estland, wollte seine Großtante auf der Insel Hiiumaa besuchen. Er fragte herum, ob jemand Lust hätte, für ein Wochenende mitzukommen. Wie das so ist bei Ausflügen auf unbekannte Inseln in den kälteren Breitengraden während der kälteren Jahreszeit (es war Ende Oktober), gab es nur wenige Interessenten. Ich war der eine. Der andere war Rolando aus Costa Rica, der ganz sicher ein Spion war, weil er Estnisch sprach. „Was gibt es auf so einer Insel zu spionieren?“ fragt Ihr Euch, aber Ihr werdet überrascht sein.

Die beiden Jungs fuhren mit der Fähre. Ich war damals noch nicht so ein Öko wie jetzt und hatte einen Flug von Tallinn nach Hiiumaa für weniger als 20 Euro gefunden. Aber just am Tag des Fluges kam der Wintereinbruch. Ein richtiger Schneesturm, der einfach nicht nachlassen wollte. Auf keinen Fall könnte das Flugzeug bei so einem Wetter abheben. „Das war’s dann mit der Reise“, dachte ich enttäuscht.

Aber ich war in Estland, und der Flughafen war bestens vorbereitet. Vor dem startenden Flugzeug fuhr einfach ein Schneepflug und räumte die Startbahn frei.

Als wir, schon im Dunkeln, auf das Rollfeld gingen, erfror ich fast und wurde gleichzeitg fast vom Wind hinweggefegt. Es war ein kleines Flugzeug, für 17 Passagiere. Ich war anscheinend der einzige Ausländer, so dass die Stewardess nach jeder Durchsage zu meinem Sitz kam und für mich persönlich übersetzte. Das Flugzeug wackelte und wankte und sprang durch die Luft. Ich musste mich mit beiden Händen am Sitz vor mir festhalten. Normalerweise blicke ich in solchen Situationen auf die anderen Passagiere und denke mir: „Die fliegen diese Route öfter als ich, und sie sind vollkommen ruhig. Also ist das nichts Ungewöhnliches.“ An diesem Tag sahen die estnischen Passagiere aber genauso verängstigt aus.

Aber wir kamen an.

Der Flughafen auf Hiiumaa bestand aus nur einem Gebäude, in dem die Familie, die den Flughafen betrieb, anscheinend auch wohnte. Denn als ich mein Gepäck abholte, kam es mir vor, wie wenn ich durch ihr Wohnzimmer lief. Sie hatten eine schöne Katze, die herumstreunte, dick und orange, wie Garfield. Vor dem Flughafen wartete ein Bus, und der Fahrer brachte jeden genau dorthin, wo man hinwollte.

Rasmus‘ Großtante hatte nicht genug Platz für all die Besucher, also hatte ich woanders ein Zimmer gebucht. Eine Familie in Kärdla, was man als die Hauptstadt der Insel bezeichnen könnte, obwohl diese Bezeichnung den Ort größer erscheinen lässt als er ist, hatte ein zweites Gebäude neben ihrem Haus und zeigte mir mein Bett im Obergeschoss. Als ich nach dem Schlüssel fragte, sagten sie: „Du brauchst keinen Schlüssel. Wir schließen die Häuser hier nicht ab.“ Dafür liebe ich Inseln.

Früh am nächsten Morgen traf ich Rasmus und Rolando.

„Wie war der Flug?“ fragte Rasmus.

Ich erzählte es ihm, vor allem, dass alle anderen genauso angsterfüllt ausgesehen hatten wie ich.

„Natürlich hatten sie Angst. Denn sie erinnern sich noch an letztes Jahr, als der Flug in der ersten Nacht des Schneefalls abstürzte.“

Dankenswerterweise hatte die dolmetschende Stewardess diese Information für sich behalten. Und zum Glück hatte ich für die Rückfahrt schon vereinbart, dass ich zusammen mit Rasmus und Rolando das Auto und die Fähre nehmen würde. Nur keine Flüge mehr.

Über die Flugzeugabstürze hinaus schien es auf Hiiumaa eine Vielzahl an mysteriösen Todesfällen zu geben, denn in jedem Wald waren Friedhöfe, weit von der Straße weg und gut versteckt. Rasmus, der seine Kindheit auf der Insel verbracht hatte, fand den Weg anhand bestimmter Bäume, die für mich aussahen wie all die anderen Millionen Bäume.

Damals fiel es mir nicht auf, aber eines der Kreuze markierte das Grab für einen ähnlichen Ausflug nach Hiiumaa zwei Jahre zuvor. Hätte ich es bemerkt, so hätte ich eine Menge Fragen gehabt. Und ich wäre vorsichtiger gewesen.

Während der Sowjetunion war Hiiumaa militärisches Sperrgebiet. Ausländer und sogar die meisten sowjetischen oder estnischen Bürger durften also nicht auf die Insel. Diejenigen, die schon auf der Insel lebten, konnten jedoch dort wohnen bleiben. Zumindest theoretisch, denn praktisch wurden viele Esten nach Sibirien deportiert.

Es gab noch genug Anzeichen aus der sowjetischen Zeit.

Wie bei den meisten Häusern auf der Insel standen auch bei den Bunkern die Türen offen, was wir als herzliche Einladung interpretierten. Rasmus, ein Organisationstalent, hatte uns aufgetragen, Taschenlampen mitzubringen.

Mir gelangen keine guten Fotos da unten, aber in manchen Bunkern stiegen wir bis zu vier Stockwerke hinab, zwängten uns durch schmale Öffnungen im Beton und klettertern rostige Leitern hinab. „Vorsicht, dass Ihr Euch keinen Nagel einreißt. Sonst könnt Ihr Tetanus bekommen“, warnte uns Rasmus, und ich fragte mich: „Besteht nicht viel mehr Gefahr, dass wir uns verlaufen? Oder dass wir steckenbleiben? Oder dass die Decke herunterfällt? Oder dass wir ersticken?“ Ich hatte keine Ahnung, dass dies alles nichts war im Vergleich zu den Situationen, in die wir uns später begeben würden.

Aber zuerst ein paar Leuchttürme.

Bei denen stand die Tür leider nicht offen.

Ebensowenig beim Militärmuseum. Aber Rasmus kannte den zuständigen Herrn und holte den Schlüssel bei ihm zuhause ab. Wir führten uns selbst durchs Museum und hinterließen ein paar Münzen auf dem Tresen. Wie fast jeder Ort in Europa war Hiiumaa zweimal von der deutschen Armee besetzt worden, einmal im Ersten Weltkrieg und einmal im Zweiten Weltkrieg. Und wie jeder dieser unglücklich zwischen Deutschland und der Sowjetunion gelegenen Landstriche war es während des Zweiten Weltkrieg immer wieder Kriegsschauplatz. Weil die zweite der sowjetischen Besatzungen viel länger dauerte und noch im aktuellen Gedächtnis war, hatte ich den Eindruck, dass die Zeit der Besatzung durch die Nazis (und insbesondere die estnische Kollaboration beim Holocaust) manchmal etwas zu bereitwillig übersehen wurde.

Aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs ist das Meer rund um die Insel noch voller versunkener Schiffe, U-Boote und wahrscheinlich auch Schätze, aber es sind die Geister eines jüngeren Seeunglücks, die noch am Strand spuken. 1994 sank die Fähre MS Estonia nordwestlich von Hiiumaa, und 852 Menschen starben. „Für einige Jahre nach dem Unfall kam es immer wieder vor, dass Leichen an Land gespült wurden“, erinnerte sich Rasmus. In der Richtung des maritimen Massengrabes steht eine einfache Gedenkstätte.

Am Abend gingen Rasmus und Rolando in die Sauna, was ich, nachdem sie mir das Konzept erklärt hatten, für eine eher zweifelhafte Art der Freizeitgestaltung hielt. Also ging ich allein und durch die kalte Nacht zu meiner Unterkunft, geführt vom leuchtenden Vollmond, was andere Menschen für eine eher zweifelhafte Art der Freizeitgestaltung halten mögen.

Es passiert mir selten, aber an jenem Abend war mir der Lesestoff ausgegangen. Als ich wach lag und nichts zu tun hatte, schrieb ich meine erste Geschichte mit einem etwas kreativen Anspruch. Und so erfuhr ich, dass ein abgeschiedener Ort, kaltes Klima und Mangel an Ablenkung wichtige Faktoren beim Schreiben sind, eine Lektion, die ich seither viel zu selten angewendet habe.

Nachdem wir am Tag vorher im Untergrund gewesen waren, wollten die zwei jungen, energiegeladenen Herren irgendwelche Türme besteigen. Sie konnten ja nicht wissen, dass ich Höhenangst habe. Auf der Insel muss jemand eine Menge Zeit (und Holz) gehabt haben, denn er hatte eine Replik des Eiffelturms gebaut. Er war nicht zuhause, aber am Eingang stand ein Glas, in das wir jeweils einen Euro warfen.

Sieht ein bisschen wackelig aus, oder? Und dazu blies ein heftiger Wind. Aber dann dachte ich mir, dass diese Konstruktion hunderte, wenn nicht tausende von Kilos wiegen müsse, und dass drei schlanke Jungs wohl kaum einen Unterschied ausmachten.

Je höher wir kletterten, umso mehr dämmerte mir, dass der kreative Holzfäller nicht nur den Eiffelturm, sondern ein ganzes Disneyland aus Holz nachbaute.

Ich wollte schon zu einer Tirade gegen den Raubbau an den Wäldern ansetzen, bis ich, endlich ganz oben, sah, dass ich mir diesbezüglich keine Sorgen zu machen brauchte. Da standen noch genügend Bäume.

Dieser Turm war weder der letzte, den wir bestiegen, noch der furchteinflössendste.

Nein, der war ganz in Ordnung.

Aber der nächste, der Betonturm, der hatte sein Mindesthaltbarkeitsdatum weit überschritten und stand kurz vor dem Zusammenbruch.

Große Teile der inneren Treppe fehlten, und wir mussten über Abgründe springen oder mit Hilfe von herumliegenden Brettern auf die nächste Stufe gelangen. Dann mussten wir durch ein Fenster ins Freie kriechen, außen von einer Holzplanke zur nächsten hüpfen, um schließlich an einer rostigen Metallleiter nach oben zu klettern, wo wir vom „Balkon“ die Aussicht genossen.

Ich kann immer noch nicht fassen, wie ich da hoch gekommen bin. Aber wenn ich jetzt, acht Jahre später, diese Fotos sehe, kann ich wenigstens sagen, dass ich erwachsener und vorsichtiger geworden bin.

Eigentlich lernte ich diese Lektion ziemlich schnell, denn schon beim nächsten Turm, am Meer, weigerte ich mich, bis ganz nach oben zu klettern. Der sah wirklich zu fragil aus.

Und der Ausblick aus dem Bunker war schön genug.

Wo wir schon beim Meer sind, kann ich Euch ganz unerwartet mit etwas Geschichte erschrecken. Wenn man den Eisernen Vorhang erwähnt, denken Leute immer an die Berliner Mauer. Aber auch hier verlief der Eiserne Vorhang, durch die Ostsee.

Und das ist ein Grund, weshalb die ganze Insel durchzogen ist von Schützengräben, Bunkern, Aussichts- und Wachtürmen und Kasernen, die jetzt alle leer stehen.

Ebenso findet man Überbleibsel von Dörfern, aber auch ohne Volkszählung hatte ich das Gefühl, dass die Bevölkerung eher im Schrumpfen begriffen war.

Einige der Kirchen waren aber ganz gut erhalten.

Na gut, das letzte Foto zeigt keine Kirche, aber dieses nützliche Gebäude war auf einem Friedhof neben der Kirche untergebracht.

Seit dem letzten Besuch von Rasmus hatte auch die Tankstelle geschlossen.

Aber, wie bei allen anderen Einrichtungen auf der Insel, bedeutete das nur, dass wir in einem Glas neben der Zapfsäule etwas Geld hinterließen. Und schon konnten wir weiterdüsen, auf die Fähre zum Festland, in Gedanken bei der MS Estonia.

„Wenn Ihr in ein paar Monaten wieder kommt, können wir das Geld für die Fähre sparen“, sagte Rasmus zur Verwirrung seiner Freunde aus wärmeren Klimazonen. Im Winter gefriert das Meer, und die Fähren werden nutzlos. Die 26 km zwischen Hiiumaa und Estland bilden dann die längste Eisstraße in Europa.

„Wenn man ein bisschen vorsichtig ist, sollte nichts passieren“, erklärte Rasmus. „Radio abschalten, nicht anschnallen, Rucksack auf dem Schoß und die Fenster offen. Man hört auf das Eis, und wenn man ein Knacken hört oder das Gefühl hat, dass man einsinkt, schnappt man sich seine Tasche und rennt vom Auto weg.“

„Passiert es wirklich, dass Autos versinken?“ fragte ich ungläubig.

„Ja, klar“, sagte Rasmus, wie wenn er über eine nebensächliche Unannehmlichkeit spräche.

„Und was dann?“

„Dann meldest du den Verlust bei der Versicherung.“

Zurück auf dem Festland tobte noch immer der Schneesturm.

Aber unser Gastgeber hatte noch eine letzte Idee während des Wegs nach Hause: „In Haapsalu war eine sowjetische Luftwaffenbasis, die wurde genauso verlassen wie alles, was Ihr auf Hiiumaa gesehen habt. Ich will nur mal nachsehen, ob das Tor offen ist.“

Natürlich war es offen, und im Schutz der Dunkelheit und des dichten Schneetreibens nutzte Rasmus das Rollfeld, um Beschleunigung und Höchstgeschwindigkeit seines Autos auszutesten. Auf dem Glatteis. Es war unmöglich, weiter als ein paar Meter durch den Vorhang aus Schneeflocken zu sehen, aber ich glaube, es ging so bis 180 km/h.

„Keine Sorge, Jungs“, sagte er, „ich weiß, dass die Startbahn genau 2500 Meter lang ist, und ich habe ein Auge auf den Kilometerzähler.“ Es funktionierte, aber es war knapp.

Wir fuhren noch ein paar Runden, eine mit ausgeschalteten Scheinwerfern, und Rasmus erklärte, was jedem sowieso schon aufgefallen war:

„Eigentlich wollte ich immer Rennfahrer werden.“

„Und was arbeitest du stattdessen?“ fragte ich den turmbesteigenden, tunnelerforschenden, autorennfahrenden, eisbrechenden, todesmutigen und risikobereiten jungen Mann und erwartete, dass er Stuntman oder Kampftaucher bei den Spezialkräften war.

„Ich arbeite bei einer Bank, ich bin da zuständig für die Einschätzung von Risiken.“

Da fühlte ich mich nachträglich gleich viel sicherer.

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„Dimensionen der Mittäterschaft: Die europäische Kollaboration mit dem Dritten Reich“ von Klaus Kellmann

Endlich ein umfangreiches Buch, das die lokale Kollaboration mit Nazi-Deutschland bei der Durchführung des Holocaust darstellt, unterteilt in 24 Länderkapitel, so dass man sich – insbesondere vor Reisen, auf denen man manchmal erschreckend wenig (oder Verharmlosendes) über die Kollaboration erfährt – einlesen kann.

Dachte ich mir.

Aber die Enttäuschung begann schon bei den ersten beiden Sätzen des Vorwortes.

Dieses Buch hätte eigentlich von einem Franzosen, Norweger, Litauer oder Kroaten geschrieben werden müssen. Aber sie schrieben es nicht.

Es mag stimmen, dass noch niemand ein Gesamtwerk über die Kollaboration ganz Europa geschrieben hat – wobei auch Kellmann einige Länder auslässt -, aber gerade die Erwähnung von Litauen lässt den informierten Leser sofort an Rūta Vanagaitės Buch „Mūsiškiai“ (Die Unsrigen“) denken, das in dem baltischen Land ab 2016 eine enorme Debatte losgetreten hat. Kellmann erwähnt es am Ende des Kapitels über Litauen kurz, geht aber nicht auf den Inhalt ein, wahrscheinlich weil zum Zeitpunkt seiner Drucklegung 2018 die englische Übersetzung „Our People“ noch nicht erschienen war.

Das zeigt das erste Problem des Buches: Hier schreibt ein deutscher Historiker über 24 Länder, wozu er sich anscheinend nur deutsch- und englischsprachiger Literatur bedient, anstatt mit Kolleginnen und Kollegen in den jeweiligen Ländern (die dort oft genug allein gelassen und verfemt werden) zusammenzuarbeiten. Damit muss dieses Buch die westeuropäische Vernachlässigung von Osteuropa fast notwendigerweise perpetuieren.

Obwohl wahrscheinlich überflüssig, sei dennoch lobend erwähnt, dass Kellmann ganz eindeutig klarstellt, dass jegliche örtliche Kollaboration mit dem NS-Regime zu keinerlei „Verlagerung, Relativierung oder Abschwächung der Ausmaße und Formen des nationalsozialistischen Terrors“ führt. Egal wie viele Polen, Litauer oder Kroaten am Holocaust partizipiert haben; ohne Deutschland hätte es ihn nicht gegeben.

Die Befürchtung solcher untauglicher Entlastungsversuche mag auch der Grund gewesen sein, weshalb die Kollaboration in der deutschen Holocaust-Forschung zeitweise etwas stiefmütterlich behandelt wurde. Aber gerade das ist eben auch ein Grund dazu, solche Forschungsvorhaben in internationaler Kooperation anzugehen.

Aber richtig enttäuschend wird das Buch, wenn man sich in die Länderkapitel einliest. Diese umfassen zwischen 5 und 60 Seiten Text, und selbst das längste davon (über Frankreich) ist weder systematisch, noch zeitlich, noch örtlich strukturiert. Wer eine bestimmte Information sucht, ist verloren wie ein Partisan im Durmitor-Gebirge, der als einziger seiner Gruppe überlebt hat.

Man wünscht sich Zwischenkapitel zur Geschichte des Antisemitismus und Antiziganismus in dem betreffenden Land, der Lage während der deutschen Besatzung, der Kollaboration durch Behörden, Kirchen, Unternehmen, Privatleute, ein Kapitel zu örtlichen Wehrmachts- und SS-Verbänden, und etwas zur Aufarbeitung nach 1945. Allermindestens.

Stattdessen beginnen viele Kapitel bei Adam und Eva, wie Schulaufsätze, die den Platz füllen müssen und am Thema vorbei schreiben. Im Kapitel zu Österreich begegnen wir Kaiser Barbarossa, und das Burgtheater wird vorgestellt. Das Kapitel über die Ukraine beginnt im 10. Jahrhundert. Ja, wenn es wenigstens um Antisemitismus zu jener Zeit ginge! Aber Fehlanzeige. Es sieht ein bisschen aus wie von Wikipedia abgeschrieben, nur dass sogar dort einigermaßen gegliedert wird.

Im Kapitel „Tschechoslowakei“ werden Tschechien und die Slowakei zusammen behandelt, obwohl die Slowakei ab 1939 ein eigener, mit Deutschland verbündeter Staat war. Das faschistische Kroatien erhält kein eigenes Kapitel, sondern wird im Jugoslawien-Kapitel behandelt, obwohl sowohl Kollaboration als auch Aufarbeitung in Kroatien nun wirklich ganz andere Probleme bereiteten und bereiten als beispielsweise in Montenegro oder Mazedonien.

Hier wurde durchaus eine Menge an Informationen zusammengetragen, aber die Art der Präsentation macht es fast unmöglich, einen Nutzen daraus zu ziehen. Wenn man sich in der Geschichte eines Landes nicht schon auskennt, wird man viel mehr verwirrt als erhellt. Das Standardwerk, das Kellmann vorlegen wollte, kann dieses Buch nicht werden.

Insbesondere die Kapitel zu Osteuropa sind teilweise einfach nur ärgerlich, weil von typisch westeuropäischer Überheblichkeit und Unkenntnis geprägt.

Über Rumänien schreibt Kellmann, es sei „trotz seines EU-Beitritts 2007 immer noch nicht in Europa angekommen.“ Was das mit der Nazi-Kollaboration zu tun hat? Natürlich nichts, aber er gibt eben gerne zu jedem Land ein ungefragtes und unfundiertes Fazit zur aktuellen Lage. „Bulgarien ist ein instabiles, ökonomisch nicht gerade erfolgreiches Land.“

Ein Kapitel habe ich mir ganz angetan, weil es nur fünf Seiten umfasst, nämlich das zu Albanien. Im Resümee schreibt Kellmann, wieder vollkommen das Thema des Buches verfehlend, von Blutrache, „infrastruktureller Rückständigkeit“, „grassierender Korruption“ und „gewaltsamer Auseinandersetzung auf der Straße“.

Und zur deutschen Besatzung von Albanien? Ein bisschen etwas zur SS-Division Skanderberg und ansonsten, wer wann wen auf welchen Posten berufen hat. Holocaust in Albanien? Fehlanzeige. Juden in Albanien? Fehlanzeige? Wirklich: null!

Und gerade bei Albanien macht mich das absolut fuchtig, denn hier gab es eine einmalige Besonderheit: Das angeblich so rückständige und gefährliche Albanien war das einzige von Deutschland besetzte Land, in dem am Ende des Zweiten Weltkriegs mehr Juden lebten als am Beginn. Warum? Weil der Kanun, das Gewohnheitsrecht (dem Kellmann, wahrscheinlich basierend auf Karl May, die Blutrache entnimmt), das Konzept der Besa enthält, dem Schutz für den Gast. Und so fanden während der deutschen Besatzung in Albanien fast alle Juden des Landes bei muslimischen Nachbarn Unterschlupf. Die albanischen Behörden und Zivilisten weigerten sich, mit den Nazis zu kooperieren. Und da sich das herumsprach, flohen sogar noch Juden aus Jugoslawien nach Albanien.

Dass diese Geschichte Albaniens nicht allgemein bekannt ist, ist traurig, aber wenn sich jemand anschickt, ein Buch zu schreiben, dann könnte man schon ein bisschen Recherche erwarten. Dieses Beispiel allein zeigt, wie nutzlos, wie schlecht, wie geradezu unverschämt dieses Buch ist. Es gäbe sogar eine Ausstellung auf Deutsch zur Besa. Oder man könnte einen albanischen Kollegen fragen. Oder, wie ich es gemacht habe, einfach nach Albanien fahren. Ich mietete in Tirana ein Zimmer bei einer gebildeten Dame, die im Wohnzimmer einen Bildband über das Konzept der Besa liegen hatte. Ich wusste schon, worum es sich handelte, und blätterte interessiert darin. Sie öffnete auf den Seiten 88/89 und sagte: „Das ist mein Vater.“

„Ihre Eltern haben Juden vor den Deutschen verborgen?“ fragte ich, tief bewegt, so jemanden persönlich kennenzulernen.

„Wieso? Das ist doch normal, dass man anderen Menschen hilft. Das hätte jeder so gemacht“, sagte sie. Mir fielen auf Anhieb Millionen von Menschen ein, die es nicht gemacht haben.

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Auf den Spuren des Königs (Tag 4) Der längste Tag

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Zwei Angler stechen in See, und ich habe das gesamte Ufer für mich allein.

Um 8 Uhr habe ich mich aus dem gemütlichen Haus geschlichen, ohne meine Gastgeber zu wecken, denn ich wollte das erste Schiff erreichen, das von Breitbrunn abdampft.

Ob es für einen einzigen Passagier überhaupt kommen wird?

Es kommt, zuverlässiger als die Eisenbahn, und der Kapitän erlaubt mir über den Bordlautsprecher, die Antivirenmaske abzunehmen, da ich der einzige bin, der am Bug im Fahrtwind sitzt.

55

Von Bord hat man einen schönen Blick auf Dießen. Der Kirchturm des Münsters aus Kapitel 42 sticht hervor. Und dahinter erkenne ich den Hohen Peißenberg, den höchsten Punkt auf der Wanderung, den ich morgen erklimmen muss. Der Gedanke gefällt mir gar nicht.

56

Noch etwas fällt mir auf, während ich am Ausguck stehe und froh darüber bin, kein Kapitän zu sein, weil ich mich ständig verfahren würde wie Kolumbus: In der Morgensonne glitzern außerhalb von Dießen mehrere verdächtige, riesige Anlagen, die eigentlich streng geheim sind, deren Geheimnis ich jedoch in Kapitel 60 unter Inkaufnahme aller sich daraus ergebenden Konsequenzen enthüllen werde.

57

Dießen ist auch beim zweiten Besuch sehr schön, aber das Wetter ist noch schöner, und so zieht es mich weiter bis Süden. Mal sehen, wie weit, denn für heute habe ich keinerlei Unterkunft eingeplant.

Am Ortsausgang, kurz vor dem Schacky-Park, steht eine Mitfahrbank mit mehreren ausklappbaren Schildern, mittels derer man sein Fahrtziel angibt. Ich klappe die Kelle für Raisting, den nächsten Ort, um. Da führt der König-Ludwig-Weg eigentlich gar nicht hin, aber ich bin neugierig, ob es funktioniert.

Das Schild fällt gerade in Position, schon bremst das erste Auto scharf. Es ist ein junger Mann, der diese Mitfahrgelegenheit selbst oft nutzt. Wann immer er kann, nimmt er Anhalter mit. Sein kleiner Sohn hat sich schon so daran gewöhnt, dass er das ganz toll findet. Selbst wenn das Auto voll ist, findet das Kind, dass man anderen Menschen helfen muss. Er bietet dann an, in den Kofferraum zu klettern, um Platz zu schaffen.

„Und wohin soll ich dich bringen?“ fragt er.

„Wohin fährt du in Raisting?“

„Zum Metzger.“

„Da komme ich einfach mit, ich muss mir sowieso ein Frühstück kaufen.“ Und ich mag es, wenn Zufälle meinen Weg leiten statt Pläne oder Landkarten.

58

Die Metzgerei Weichart, gegründet 1923, als es in Bayern mit Ausnahmezustand und Hitlerputsch drunter und drüber ging, ist sehr populär, denn es warten schon sechs hungrige Kunden vor dem Laden. Das wird ein schlechter Tag für die kleinen Schweinchen, die im Hinterhof quieken.

Aber so kommt man ins Gespräch, das sich natürlich bald um meine Wanderung dreht. Als ich auf die Frage nach der Übernachtung bekannt gebe, dass ich das für heute Abend selbst noch nicht weiß, bietet eine Frau an: „Wenn Sie nach Dießen müssen, können Sie bei mir übernachten. Das ganze Obergeschoss ist frei, da haben Sie einen wunderbaren Blick auf die Sterne.“

Wenn ich jede Einladung hier annehme, komme ich nie weg vom Ammersee. Aber wieder bin ich berührt von der herzlichen Hilfsbereitschaft. Ist das nur hier so? Oder nur dieses Jahr, womöglich als positiver Nebeneffekt einer tödlichen, aber dafür alles entschleunigenden Seuche? Haben die Menschen gemerkt, dass es wichtigeres gibt als Arbeit und Geld und Wettbewerb und Leistung? Fehlen die regulären Sozialkontakte, so dass man Fremden gegenüber offener ist?

59

Auf dem weiteren Weg durch Raisting folgen mir Fotografen mit Teleobjektiven, wie wenn sich meine Durchreise schon herumgesprochen hat oder in der Ammersee-Zeitung angekündigt war.

Bis ich merke, dass sie wegen Störchen hier sind.

60

Das Dorf Raisting sagt Euch bisher wahrscheinlich nichts, obwohl von hier Euer Internet, Eure Telefonverbindungen und Euer Fernsehen kommen. Zwischen den Feldern stehen Dutzende von Riesenantennen mit Durchmessern von bis zu 32 Metern, die außerdem noch nach Aliens suchen und Raketen und Satelliten steuern. Wenn ein Meteorit auf die Erde zurast, erfahren es die Leute hier zuerst. Und wenn der Meteorit genau hier einschlägt, dann müsst Ihr ohne Facebook und die Heute-Show auskommen, bis Internet und Fernsehen wieder von neuem aufgebaut worden sind (was man sich hoffentlich sparen wird).

Ein Bauer tuckert auf einem alten Traktor vorbei, wie um den Kontrast zwischen Landwirtschaft und Moderne zu verstärken.

Mitten unter den 5G-Maschinen steht – vielleicht zur Tarnung, vielleicht war es schon vorher da – ein kleines Kirchlein, das mit schattigen Bäumen, etlichen Bänken und einem Blick auf die Berge zum Verweilen einlädt. Viele Radfahrer kommen vorbei, die meisten davon elektrifiziert, wie in so einer High-Tech-Region zu erwarten.

Ein alter Mann kommt auf seinem Rollator hinterher. Seine Familie war mit den Fahrrädern voran gefahren und hatte wahrscheinlich gehofft, dass er sich im Weltraumfunkantennendschungel verfährt und von der Spionageabwehr für immer nach Guantanamo verfrachtet wird. Aber wer einst den Weg von der Ostfront nach Hause fand, der lässt sich nicht so leicht abschütteln.

61

Im Verlauf des Tages erblicke ich immer wieder Scheunen, die auf einer Seite offen sind. Hier gibt es anscheinend keine Diebstähle, vielleicht überhaupt keine Kriminalität. In solchen Unterkünften könnte ich eine trockene Nacht verbringen.

Aber es ist noch zu früh.

Also weiter.

62

Während ich an die offenen Scheunen, die offenen Häuser, die offenen Autos und die offenen Menschen denke, die mich einfach so einladen, frage ich mich, warum andere Menschen Angst haben.

„Aber das ist doch gefährlich!“

„Das würde ich mich nicht trauen.“

„Oje, hoffentlich passiert da nichts.“

Das waren manche Reaktionen auf die Ankündigung dieser Wanderung. Die Menschen assoziieren Wald und Natur und draußen mit Gefahren, obwohl sich viel mehr in Büros totarbeiten, in Gaststätten totsaufen oder an Kreuzungen totfahren.

Einige Bekannte aus anderen Kontinenten kommen gar nicht mehr nach Deutschland, weil sie irgendwo gelesen haben, dass uns wilde Horden überrannt haben und hier Scharia-Gesetze gelten würden. (Was die Schweinchen aus Kapitel 58 übrigens begrüßen würden.) Diese Leute glauben, dass ein Land, das zweimal Europa in Schutt und Asche gelegt hat, plötzlich gefährlich wird, weil es jetzt auch Menschen unter uns gibt, die Ali oder Samira heißen statt Hans und Dampf.

Vielleicht sollte man sich überhaupt erst Urteile über Länder erlauben, wenn man sie wandernd durchquert hat. Aber beim Wandern immer schön auf den Wegen bleiben! Sonst reißt Euch der wilde Stier in Stücke.

62

Der Weg nach Wessobrunn zieht sich, die Sonne sticht, und das lange Stück auf der geteerten Straße ist eine Tortur für die Füße.

Zeit zum Trampen.

Aber diesmal klappt es nicht. Auto für Auto rauscht an mir vorbei, die Fahrer blicken stur nach vorne, wie wenn sie mich nicht bemerkt hätten. Bis nach 20 Minuten ein freundliches Ehepaar anhält, zwei Landschaftsgärtner auf dem Weg zu einem Termin: „Wir halten immer für Anhalter, das ist doch selbstverständlich.“ Eine Selbstverständlichkeit, von der sich die vorangegangenen 57 Fahrerinnen und Fahrer eine Scheibe abschneiden könnten. Das auch am Wochenende arbeitende Ehepaar setzt mich in Wessobrunn direkt vor dem Kloster ab.

63

Die kleinen Dörfer hier haben Klöster, größer als kleine Städte. Beziehungsweise hatten Klöster, denn die Säkularisation von 1803 hat einiges zerstört. Habe ich schon erklärt, was die Säkularisation war? „Jaaa, zur Genüge!“ schallt es entnervt aus der Leserschaft, unter Verweis auf die Kapitel 49 und 50.

So sah die Anlage früher aus:

Nur ein Drittel der ursprünglichen Gebäude ist noch übrig, aber selbst das Überbleibsel passt nicht auf ein Foto.

Wessobrunn war nicht nur groß, sondern auch eine der großen Kunst- und Kulturstätten des deutschen Mittelalters. Zum einen wegen der hier entwickelten Stuckkunst, die in etwa 3000 Kirchen und Paläste in ganz Europa getragen wurde. Höhepunkt dieser Schaffensperiode ist die weltbekannte Wieskirche, die auf dem weiteren Weg liegt. Zum anderen wegen eines Sprachdokuments, aber dazu komme ich beim späteren Mittagsschlaf unter den Linden (Kapitel 65).

Wegen der Akkumulation ungünstiger Umstände bin ich eine Stunde zu spät für die Führung durch den Klostertrakt gekommen, weshalb es hiervon nur ein frech geklautes Foto gibt:

Anscheinend war das 2012 aufgelassene Kloster aber billig zu haben, denn es wurde von einer Naturkosmetikfabrikantin gekauft, die darin ihren überdimensionierten Laden betreut. Andere Klöster, zum Beispiel das Malteserschloss in Heitersheim, verkaufen die Nonnen auch gerne mal an Mitglieder des Chinesischen Volkskongresses, die darin eine Kaderschmiede einrichten wollen.

Eine Herberge wäre besser, denn noch immer halte ich nach einem Schlafplatz Ausschau.

64

Jedes Kloster hat eine absurde Gründungslegende.

In Wessobrunn soll sich im Jahr 753 angeblich Herzog Tassilo III. während der Jagd durstig unter einen Baum gelegt haben. Im Traum hätten ihm dann Engel den Weg zu drei Quellen gewiesen. Als er aufwachte, hörte er tatsächlich das Wasser rauschen und fand die Quellen.

Naja, den Teil mit dem Rausch glaube ich, den Rest weniger.

Aber ich probiere es aus und lege mich unter die drei Linden vor dem Kloster.

65

Der erste Teil des Planes geht auf: Ich nicke sogleich ein. Allerdings erscheint unter den jahrhundertealten Bäumen kein Bier, kein Wasser, sondern ein Stein.

Der Hinkelstein mit dem Wessobrunner Gebet lenkt mich immer wieder vom Schlafen ab:

Dat gafregin ih mit firahim firiuuizzo meista
Dat ero ni uuas noh ufhimil
noh paum noh pereg ni uuas
ni […] nohheinig noh sunna ni scein
noh mano ni liuhta noh der mareo seo

Es ist einer der frühesten althochdeutsche Texte und das älteste christliche Gedicht in deutscher Sprache. Ich verstehe so wenig von dem Althochdeutsch, dass ich jegliche Verwandtschaft mit dem gegenwärtigen Deutsch rundherum bestreiten möchte. Hoffentlich erlebe ich keine linguistische Regression mehr, denn so möchte ich wirklich nicht sprechen.

Do dar niuuiht ni uuas enteo ni uuenteo
enti do uuas der eino almahtico cot
manno miltisto enti dar uuarun auh manake mit inan
cootlihhe geista enti cot heilac

Wie Athanasius Kirchner vor den ägyptischen Hieroglyphen liege ich unter dem grünen Blätterdach. Meine untauglichen Entzifferungsversuche sind wahrscheinlich nur ein Vorwand, nicht mehr weiterwandern zu müssen. Aber es ist erst nachmittags, zu früh für die Nachtruhe.

66

Dann gehe ich eben die Quellen suchen, denn, wie mir angesichts der trüben Legende einfällt, Wasser könnte ich auch gebrauchen.

Hinter dem Kloster steht ein schmuckes Häuschen und überdacht die drei heiligen Quellen. (Hier kommt das Weihwasser her, und vielleicht finanziert sich so der klosterkonfiszierende Kosmetikkonzern.) Aber schwer zu finden waren die nun wirklich nicht. Ich weiß nicht, wieso man dazu von Engeln und göttlichen Fingerzeigen alpträumen muss.

67

Das nächste Ziel ist der Eibenwald bei Paterzell, das hört sich irgendwie mystisch und verlockend an.

Aus Wanderersicht stellt er sich aber eher als ein mühsamer Aufundabwald mit tiefen Einschnitten und Bachtälern heraus.

Und die versprochenen Eiben?

Mir fällt nichts Besonderes auf. Ich bin allerdings auch kein Botaniker. Schöner oder weniger schön als die Buchenwälder, durch die ich bisher oft marschiert bin, ist dieser Wald auch nicht. Den Umweg hätte ich mir ersparen können. Außerdem sind Eiben giftig.

Am Ausgang des toxischen Waldes lädt eine Bank zum Nachtlager ein. Ich liege schon mal Probe, aber noch immer ist es zu früh.

68

Das nächste Gasthaus wäre der „Bayerische Hiasl“ in Forst. Die paar Kilometer sollte ich noch schaffen, wenn ich mich beeile. Und wenn mich die Bande des Bayerischen Hiasl nicht vorher abknallt. Das war nämlich eine ziemlich brutale aber auch teilweise freigiebige Räuber- und Wilderergang im 18. Jahrhundert, deren Anführer Matthias Klostermayr, eben jener sogenannte Bayerische Hiasl, das Vorbild für Karl Moor, Robin Hood und den kugelsicheren Mönch war.

Die Leserschaft profitiert davon, dass ich schreibend abkürzen kann, was ich zu Fuß nicht abkürzen konnte, und so versetze ich uns etwa eine Stunde später nach Forst.

Das Gasthaus steht tatsächlich da, groß, eckig, massiv, unübersehbar.

Aber nicht mehr aktiv. Aus den Fenstern der oberen Etage wachsen schon die Bäume. Oder ist das eine Fata Morgana, wie sie müde Wanderer verwirrt?

Vielleicht ist das Gasthaus schon seit 1771 geschlossen, als der Bayerische Hiasl mit übertriebener Penibilität hingerichtet, nämlich erdrosselt, zerquetscht, geköpft und gevierteilt wurde.

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Immer wieder stoße ich bei Wanderungen auf solche Zeugnisse einst aktiven Lebens, die jetzt verfallen. Die Wirtshäuser okkupieren einen prominenten Platz in der Dorfmitte oder eine besonders schöne Stelle an einem rauschenden Bach. Große Linden spenden noch Schatten und Gemütlichkeit. Man kann das Bier noch zischen und das Schnitzel dampfen hören. Aber die Fensterläden sind zu, die Küche bleibt geschlossen, der Magen bleibt leer.

Das ist nicht nur wegen des ausbleibenden kulinarischen Genusses schade. Zum einen war es auf Reisen beruhigend zu wissen, dass man fast überall Rast machen und oft auch übernachten konnte. Der AirBnB-Generation mag das unglaublich erscheinen, aber früher wanderte oder fuhr man einfach, bis man nicht mehr konnte oder wollte, und dann hielt man Ausschau nach einem Nachtlager. Dort fragte man nach einem freien Zimmer. Es war immer etwas frei. Das ganze Reisen war freier.

Zum anderen bieten Gasthäuser dem Alleinwanderer die Möglichkeit, mit den Menschen vor Ort ins Gespräch zu kommen. Hier sitzen ja oft jeden Abend die gleichen Leute zusammen, die sich freuen, wenn jemand mit großem Rucksack auftaucht und neue Geschichten auspackt. Einmal setzte sich, ungefragt, der Wirt zu mir an den Tisch und erzählte, ebenfalls ungefragt, warum immer mehr Gasthäuser schließen. Ausbleibende Kunden seien nicht das Problem. Es mangele am Personal.

„Niemand will mehr 16 Stunden am Tag arbeiten“, beklagte er sich.

„Ist ja auch verboten“, dachte ich mir, sagte aber nichts.

„Die jungen Leute wollen feste Freizeit. Die wollen am Montag wissen, wann sie am Freitagabend frei haben“, war er verwundert.

Ich wusste nicht, was ich denken sollte, denn ich war zwiegespalten zwischen Freude über die zunehmende Emanzipation der Arbeiterklasse, die sich nicht mehr als freie Verfügungsmasse des Kapitals sieht, aber andererseits enttäuscht davon, wie die Jugendlichen vermutlich ihren freien Freitagabend verbringen würden. Wahrscheinlich verallgemeinere ich unzulässig die punktuell gemachten Erfahrungen mit dörflicher Jugend, aber ich konnte mir die jungen Serviererinnen und Köche eher dabei vorstellen, dass sie sich betranken und anschließend gegen einen Baum fuhren, als dass sie mit ihren Freunden über Marx und Hegel diskutierten.

„Und die Gesetze werden gemacht von Leuten, die keine Ahnung haben. Nehmen Sie doch mal die Frau Nahles“, die damals Arbeitsministerin war, „die hat 32 Semester studiert, aber kein einziges Mal richtig gearbeitet.“

Ich hätte darauf hinweisen können, dass Studieren auch ziemlich anstrengend sein kann. Oder dass die Überbewertung von körperlicher gegenüber geistiger Arbeit ein Überbleibsel aus faschistischen Zeiten ist. Oder dass Gesetze vom Bundestag, nicht von Bundesministerinnen gemacht werden.

Aber ich sagte lieber nichts, denn der Wirt hatte auf der Speisekarte gerade das Zigeunerschnitzel durchgestrichen und in Paprikaschnitzel umbenannt, war also grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber Änderungen. Und er bemühte sich, bot höhere als Tariflöhne, bot Übernachtungsmöglichkeiten für auswärtige Bewerber, aber dennoch: „Die jungen Leute wollen alle im Büro arbeiten, mit Computern und so.“ Und in der Geringschätzung von Leuten, die glauben, dass Social-Media-Content-Feeder oder Instagraph-Influencer-Datenanalysten wichtiger sind als Wirte und Köche, waren sich der alte Gastwirt und ich dann doch wieder einig.

Ich hätte einen Vorschlag gegen das Wirtshaussterben, aber es ist halt auch nur die theoretische Lösung von jemandem, der schon so lange studiert, dass er die Semester nicht mehr zählt. Gaststätten als Räume öffentlicher Zusammenkunft könnten zur kommunalen Daseinsvorsorge im Sinne von Art. 57 Abs. 1 der Bayerischen Gemeindeordnung (oder ähnlicher Vorschriften in anderen Bundesländern) gerechnet werden, so dass bei fehlenden privaten Einrichtungen die Gemeinde im Sommer einen Biergarten und im Winter eine Stube mit Kachelofen betreiben und Currywurst und Kaiserschmarrn anbieten muss.

Der Freistaat Bayern hat das Problem erkannt, hat aber seit der Räterepublik von 1919 so viel Angst vor Wirtschaften im Allgemeineigentum, dass er lieber 30 Millionen Euro vergeudet, um bestehenden Wirten Geld zuzuschieben.

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Die Sonne senkt sich, die Suche nach einem Schlafplatz sollte das revolutionäre Gedankengut in den Hintergrund drängen. Enttäuscht von der mangelnden Begeisterungsfähigkeit der Volksmassen in Forst, die gerade zuhause sitzen und die Sportschau sehen (Fernsehen und Internet haben die Gaststättenkultur viel mehr zerstört als Arbeitszeitregelungen), fasse ich ein neues Ziel ins Auge. Ein hohes und weites Ziel, den höchsten Punkt der Wanderung, den Hohen Peißenberg, fast 1000 m hoch.

Da oben gibt es einen Gasthof, und bei meinem Glück hat der sicher noch ein freies Zimmer.

10 km sind es noch bis auf den Gipfel. Die Sonne macht sich schon auf den Weg ins Bett. Das wird knapp. Jedenfalls darf ich nicht mehr trödeln.

Ohne Energie, dafür mit umso mehr Verbissenheit kämpfe ich mich voran, im Kampf gegen Kilometer, im Gefecht gegen das Gewicht, im Manöver gegen die Müdigkeit, im Streit mit der Schwerkraft, im Zweikampf gegen alle Zweifel. Immer wieder ein besorgter Blick zurück: Was macht die Sonne?

Sie sinkt. Ohne Unterlass, ohne Gnade, ohne Erbarmen. Im Wald ist es schon stockdunkel, die Sonne glüht ihr letztes Rot durch die Äste und das Nadel- und Blattwerk. Meine Lunge birst fast als ich die letzten zwei Kilometer nur bergauf laufe. Wahnsinn, was man noch für Reserven aus sich herausholen kann!

Und da verglüht die Sonne endgültig, kurz bevor ich es zum Gipfel geschafft habe.

In einer Kapelle brennt eine Kerze, wie um mich zu locken: Schlaf doch hier!

Das ist zwar unheimlich, aber wenn ich hier schon gewusst hätte, wo ich die Nacht letztendlich verbringen werde, hätte ich mich vielleicht in dem spärlich beleuchteten Tempel niedergelassen. Aber noch weiß weder ich noch Ihr von dem drohenden Mitternachtsspuk.

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Die Hoffnung auf den Gipfelgasthof treibt mich weiter. Wie lange er wohl noch geöffnet sein wird? Seit der Wurstsemmel in Raisting am Morgen habe ich nichts gegessen, und dieser verdammte Berg wird immer steiler.

Zu den Schmerzen in der Lunge tritt Kopfweh, aber ich fühle mich wie der erste Marathonläufer, derjenige aus der Schlacht zwischen Athener und Persern, der um jeden Preis das „νενικήκαμεν“ übermitteln musste, weil die griechische Telegraphenbehörde gerade auf Streik, in den Sommerferien oder bei der Siesta war.

Endlich auf dem Gipfel kann ich verschnaufen und werde mit grandiosen Ausblicken belohnt.

Jetzt aber schnell zum Bayerischen Rigi.

„Haben Sie noch ein Zimmer frei?“

„Wir haben gar keine Zimmer.“

„Oje. Haben Sie noch etwas zu essen?“

„Tut mir leid, aber wir sperren gleich zu.“

„Hm. Könnten Sie meine Flasche mit Leitungswasser füllen, damit ich etwas zum Zähneputzen habe, wenn ich draußen schlafe?“

Die Dame kommt der Bitte nach, aber der dezente Hinweis auf meine drohende Obdachlosigkeit lässt sie nicht erweichen, mir irgendwelche Essensreste zuzuschustern.

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Es ist kalt geworden und der Wind pfeift. Klar, hier ist ja auch eine Wetterstation, da will das Wetter etwas bieten. Und nicht irgendeine Wetterstation. Auf dem Hohen Peißenberg steht das älteste Bergobservatorium der Welt, errichtet 1781, als Bayern noch nicht einmal Königreich war. (Apropos: Ist Euch aufgefallen, dass ich heute von der Wanderung so erschöpft bin, dass die langen Monologe über bayerische Geschichte ausfallen? Ich werde das morgen nachholen, versprochen!)

Mittlerweile geht es weniger um das Wetter, sondern um das Klima. Wegen der 240-jährigen Geschichte eignen sich die gesammelten Daten besonders gut für langfristige Vergleiche. Außerdem ist die Lage exponiert und weit weg von Ballungsräumen, die durch verstärkte Bebauung und erhöhtes Verkehrsaufkommen die Temperaturen bei anderen Messstationen verfälschen können.

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Müde und etwas verzweifelt lasse ich mich auf eine Bank fallen. Da erst erblicke ich den Vollmond.

Er lässt das Voralpenland mit seinen grünen Hügeln im Silberschein glänzen. Wie ein Nachtwächter auf seinem letzten Rundgang, der sich an der Schönheit der Landschaft und der Ruhe, die er selbst verordnet, ergötzt.

Aber auf der exponierten Bank bläst der Wind wie ein Orkan, und die Jugendlichen aus der Umgebung finden Vollmond anscheinend romantisch und kommen zum Händchenhalten. Hier ist nachts mehr los als tagsüber in manchen Städten. Eine Gruppe von blonden, also wahrscheinlich russischen, Jugendlichen hat eine große Antenne aufgebaut und sitzt mit Funkgeräten und Kopfhörern im VW Polo, um den Bundeswehrfunk abzuhören. Der KGB wird immer dreister.

Ich ziehe umher auf der Suche nach einem Schlafplatz, wenn ich schon kein Essen finde. (Die drei Pizzakartons im Mülleimer neben der Parkbank waren alle ratzefatz leer.)

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Der windgeschützteste Platz ist, so leid es mir für Freunde der ungestörten Totenruhe tut, der Friedhof. Da sogar um 22:30 noch zwei Trauernde im Kerzenschein Blumen auf einem Grab anbringen, muss ich noch eine Runde durch die Kälte drehen. Aber um 23 Uhr haben sie ihren Versuch, den Verstorbenen wieder zum Leben zu erwecken, aufgegeben, und ich habe die endgültige Ruhestätte allein für meine temporäre Rast.

Ich ziehe beide Jacken an, lege mich auf eine Bank, nutze den Rucksack als Kopfkissen und decke mich mit einer vom Hund schon löchrig gebissenen Decke zu. Schlafsack habe ich keinen, weil die Pilger vorangegangener Jahrhunderte es auch ohne dieses moderne Plastikzeug geschafft haben. Außerdem bin ich nicht gerne eingeengt, wenn plötzlich Menschen mit Schuss-, Hieb- oder Stichwaffen um mich herumstehen.

Bequem ist es nicht. Warm auch nicht. Die roten Grablichter flackern wie Geister, die mich warnen. Der fette Mond scheint mir wie ein Suchscheinwerfer ins Gesicht. „Du bist hier nicht sicher!“ scheint das blasse Mondgesicht zu signalisieren, und ich wundere mich, wie ein Himmelskörper ohne Helium so hell und heiter strahlen kann.

Aber ich schlafe ein. Bis mich ein herunterfallender Zapfen weckt.

Ich schlafe wieder ein. Bis mich mein eigenes Schlottern weckt.

Ich schlafe erneut ein. Bis mir Wassertropfen ins Gesicht fallen.

Ich drehe mich um und schlafe wieder ein.

Sogar der Mondschein weckt mich auf. Ich schlafe wieder ein.

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Werde ich die Nacht überleben? Wer besucht einen nachts auf dem Friedhof? Kommen zuerst die Wölfe oder die Grabräuber? Gibt es Geister?

Schaltet auch für die nächste Folge ein! Da geht es dann durch die Ammerschlucht, das angeblich spektakulärste Stück des König-Ludwig-Wegs. Und ich werde nicht mehr alleine wandern, soviel sei schon verraten.

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Auf den Spuren des Königs (Tag 3) Ammersee

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Auf langen Wanderungen breche ich gerne früh auf. Die Luft ist noch kühl, es herrscht weniger todbringender Autoverkehr, und es bleibt mehr Muße für Pausen unterwegs.

Aber Reinhard schläft lange, und ich will mich nicht aus dem Staub machen, ohne mich zu verabschieden. Ein paar Stunden nach mir wacht er auf, geht zum Bäcker, macht ein Frühstück, und die Diskussion vom Vorabend geht weiter, so dass ich erst um 10:45 die Stiefel schnüre. Meine Ziele heute waren eigentlich Dießen, Raisting, Wessobrunn und Paterzell. Das ist nicht mehr zu schaffen.

Andererseits habe ich sowieso keine Übernachtungen mehr fixiert, kann also so langsam pilgern wie ich möchte und abends einfach umfallen, wo es mir der Heilige Geist gerade befiehlt.

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Außerdem kann ich ein wenig schummeln. In Fischen habe ich kaum meinen Rucksack von den Schultern genommen und den Daumen rausgestreckt, um die 4 km nach Dießen abzukürzen, schon hält das erste Auto. Zwar nicht wegen mir, sondern weil der Tochter des Fahrers der Schnuller rausgefallen ist. Aber als er sieht, wie dankbar ich bin, dass er gehalten hat, bittet er mich, neben dem Baby auf dem Rücksitz Platz zu nehmen.

„Wo soll ich Sie absetzen?“ fragt der Papa.

Ich brauche erst einmal Zeit zum Schreiben, um die Erlebnisse des Vortages zu Papier zu bringen, bevor sich neue in mein Gedächtnis drängen und sich womöglich noch vermengen, verblassen oder gar verloren gehen.

„Gibt es einen schönen Park in Dießen?“ frage ich deshalb.

„Einen Park? Nein. Dießen ist ein kleines Nest.“

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Na gut, dann eben zum Hafen am Ammersee, da kann man auch entspannt schreiben.

Hier weht ein blauer Punkt auf weißem Grund, die „One World Flag“, ein weltumspannendes Projekt, dessen Flaggen in Dießen genäht werden. Das passt zu meinem Blog, der auch auf allen Kontinenten gelesen wird.

Außer mir sitzt hier ein älteres Ehepaar, das die Schwäne mit Hundefutter anlockt, während ihr kleiner Hund traurig herumstreunt und sich fragt, wieso er nicht so viel Aufmerksamkeit bekommt. Wenn die Schwäne nicht schnell genug Futter bekommen, fauchen sie ganz fuchtig. Nur die Beobachtung durch die Passanten hält sie davon ab, ihre eigenen flauschigen Jungen zu verspeisen. Um diese barbarischen Bestien für tolle Tiere zu halten, muss man schon so durchgeknallt sein wie Ludwig II.

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Ein kleiner Spaziergang offenbart, dass Dießen durchaus kein langweiliges Nest, sondern ein stilvolles Städtchen mit einer Unmenge an Kunst und Kultur ist.

Die Gärten, ja selbst die Hinterhöfe, wirken wie Freiluftmuseen. Ein Holzkasten zum Deponieren von Haikus steht bereit. Sogar das ehemalige Bahn-Stellwerk wurde zur Kunstgalerie umgewidmet. Viele Bewohner sind anscheinend gerade im Sommerurlaub und haben holzgeschnitzte Stellvertreter im Garten platziert, die derweil auf die Katzen aufpassen. (Viele Leute wissen nicht, dass ich diese systemrelevante Dienstleistung ganz professionell, aber auch ganz unbezahlt anbiete, und insbesondere in einem schönen Städtchen wie Dießen jederzeit zur Verfügung stehe.)

Schon seit Jahrhunderten ist Dießen bekannt für Kunst und Handwerk. Früher waren es die Hafner, Glaser, Zinngießer, Kunstschmiede und Töpfer. Aber auch Komponisten wie Carl Orff oder Maler wie Carl Spitzweg lebten und arbeiteten hier. Hier ist mehr Kunst als in manchen Weltstädten.

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Dießen hat erkennbar eine ganz andere Bevölkerung als Starnberg. Normaler. Angenehmer. Sozialer auch, denn statt Versace-Läden gibt es hier Second-Hand-Basare des Roten Kreuzes und anderer gemeinnütziger Einrichtungen. Hier wird gespendet. Bei den Millionären in Starnberg wird betrogen und steuerhinterzogen.

Der Ammersee wurde oft abwertend „Bauernsee“ genannt, im Gegensatz zu dem als „Fürstensee“ titulierten Starnberger See. Ich kann zwar selbst kaum eine Kartoffel von einem Kürbis unterscheiden, aber ich fühle mich bei den Bauern wohler.

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Auch der Circus William, der für ein paar Tage in der Stadt gastiert, bittet um Spenden: „Tierfutter für 40 Kamele“ steht an Zäunen und Laternenpfosten, jeweils mit einer Spendenbox.

Die Dönermeister wetzen schon die Messer für den Fall, dass eines der Kamele verendet.

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Die britische Telefonzelle, die zu einem Bücherschrank umfunktioniert wurde, ist wahrscheinlich eine Spende der Partnerstadt Windermere. Das hübsche Städtchen am Ammersee und der schnuckelige Ort im Lake District, das ist endlich mal eine Städtepartnerschaft, die Sinn ergibt. Nicht so verzweifelt wie Rostock, das sich an Rijeka ranschmeißt. Oder Saarbrücken, das glaubt, in der gleichen Liga wie Tiflis zu spielen.

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Dießen erkennt man schon von weitem an dem auf einem Hügel thronenden Marienmünster. Die Kirche ist bekannt als eine der prächtigsten in Bayern, also fühle ich gegenüber den bildungshungrigen Lesern die Verpflichtung, mich bergauf zu schieben.

Na gut, prächtig ist sie wirklich, aber stilvoll ist etwas anderes.

Die deutsch-nationalen Sprüche über den Listen der im Ersten Weltkrieg Gefallenen verstören mich zudem.

„Denn es ist uns besser, daß wir fallen im Kampfe, als daß wir sehen unseres Volkes Unglück.“

Nein, das ist nicht besser, denn es ist eine falsche Alternative. Vielleicht hat die Kirche es noch nicht gemerkt, aber das mit dem Kämpfen und Sterben war das Unglück. Und übrigens: Andere Völker haben auch ein Recht auf Glück, einschließlich der Verschonung vor dem Einmarsch deutscher Truppen, die in Belgien und anderswo wirklich nichts zu suchen hatten.

„Den Gefallenen zum Gedächtnis, den Lebenden zur Anerkennung, den kommenden Geschlechtern zur Nacheiferung!“

Nein danke, ich erkenne da überhaupt nichts Nacheifernswertes.

Überall wird derzeit über Statuen von Sklavenhändlern, Kolonialherren, Konföderiertengenerälen und Kaiser Wilhelm II. diskutiert, aber in den Kirchen hängt so ein Stuss, dass einem schlecht wird. Da könnte man mit dem Aufräumen anfangen.

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Dann finde ich doch einen Park. Und was für einen! Der Schacky-Park ist mehr als hundert Jahre alt, und so sieht er aus. Treppenstufen sind abgebrochen und versinken im Boden. Pflanzenarme umranken Säulen. Die Springbrunnen sind versiegt.

Wunderbar! Viel besser als so piekfeine Pfriemelparks. Für mich ist das hier ein Paradies. Gut, dass der königliche Kämmerer Freiherr von Schacky ausreichend Taler für die Privatschatulle abgezweigt hat, um diese 18 Hektar zu erwerben, zu bebauen und anschließend romantisch verwildern, verwuchern und verfallen zu lassen.

Der Park am Stadtrand scheint tatsächlich vollkommen vergessen zu sein. Ich sehe keine anderen Spaziergänger, geschweige denn andere Vagabunden. Und damit ist der Schlafplatz für heute gefunden. Wenn ich erzähle, dass ich in Parks schlafe, stellen sich die Leute grausam kalte Nächte vor. Aber in manchen Parks fühlt man sich wie in einem Schloss. Einem Schloss nur für mich allein.

Aber was, wenn es regnet, fragen die besorgten Leser und Leserinnen, die sich noch an die gestrige Nacht (Kapitel 32) erinnern.

Da wird sich schon etwas finden, antworte ich sorglos und erkunde weiter den Park, bis sich tatsächlich etwas findet. Ein Monopteros!

Und sogar mit Vorhängen an allen Seiten, die man im Falle eines Sturmes oder sonstiger störender Ereignisse herunterlassen kann.

Diese Stadt ist so sozial, hier ist wirklich an alles gedacht, sogar für mittellose Durchreisende. Dankeschön!

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Auch an mittel- und elternlose Kinder ist gedacht. Gleich hinter dem Schacky-Park wurde 1958 das erste SOS-Kinderdorf in Deutschland eröffnet. Hier können die Waisenkinder leben, die es geschafft haben, sich aus den kindesmissbrauchenden Klosterschulen (siehe Kapitel 27) zu befreien.

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Ich verstaue meinen Rucksack in einem Gebüsch, wahrscheinlich eine vollkommen übertriebene Vorsichtsmaßnahme, gehe mir einen Kameldöner holen und lustwandele durch den Park, mich an die Geschichte der Schmuckeremiten erinnernd. Früher, als zu solchen Parks noch Schlösser gehörten, hielten es manche Schlossherren für schmuck (daher der Name), sich im Park einen Eremiten, also einen Einsiedler zu halten. Der sollte dann in einer (meist künstlichen) Höhle oder einer Hütte wohnen, durfte sich nicht rasieren und sorgte für Exotik und Gesprächsstoff bei Gartenpartys (also das, wozu man sich heutzutage Hunde oder Kinder hält).

Tja, früher, da gab es noch Arbeit für Menschen wie mich.

Aber jetzt, alles wegrationalisiert. Traurig.

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In meine Träumereien von alten Zeiten platzen ein Telefonanruf und die modernen Zeiten. Ein bisher nur aus dem Internet Bekannter, Michael aus Amberg, hat auf meinem Blog von der Wanderung gelesen und macht gerade Urlaub am Ammersee.

„Willst du mal vorbeikommen?“

„Gerne!“

Er wohnt allerdings in Breitbrunn und damit auf der anderen Seite des Ammersees, in vollkommen entgegengesetzter Richtung von der geplanten Wanderung.

„Dann nimm doch den Dampfer“, schlägt er vor. Der geht um 16 Uhr in Dießen und fährt im eineinhalbstündigen Zickzack über Riederau, Herrsching und Utting nach Breitbrunn. Das hört sich verlockender an, als um den ganzen See herumzuwandern. Und außerdem, so kann ich die Entscheidung rechtfertigen: Die Leserschaft will doch auch eine romantische Schiffsfahrt erleben und nicht nur meinen langweiligen Trippelschritten auf irgendwelchen Waldwegen folgen. Nicht wahr?

Allerdings geht an dem Tag kein Schiff mehr zurück. Also muss ich Michael, der sich wahrscheinlich nur auf ein Bier treffen wollte, frech um ein Nachtquartier fragen.

„Da wird uns schon etwas einfallen“, beruhigt er mich.

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Als ich außer Atem wenige Minuten vor der pünktlichen Abfahrt am Hafen eintreffe, bin ich sehr froh über diese Entscheidung. Denn sie erlaubt mir, Euch die Fahrt auf einem Schaufelraddampfer zu präsentieren.

Ein bildschönes Schiff, angetrieben von zwei hölzernen Rädern wie auf den Mississippi-Dampfern. Auch innen viel Holz. Die Wasserhähne im Bad sind vergoldet.

Nach 70 Jahren Pause ist es das erste Schaufelradschiff, das vom Stapel lief, verkündet der Kaleu stolz. Schade, was die Beschränkungen des Versailler Vertrags so alles an maritimer Innovation zum Maschinenstopp gebracht haben. Allerdings, gibt er zu, sieht das Schiff nur aus wie ein Dampfschiff. In Wirklichkeit werden die Schaufelräder von zwei Dieselmotoren mit je 520 PS angetrieben. Wenn man die Kapazität von 500 Passagieren bedenkt, ist das aber immer noch ein besseres Verhältnis von Aufwand und Ertrag als all die übermotorisierten fetten Fahrzeuge an Land.

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Über den Lautsprecher ertönen Informationen, wie man sie auf Schiffsausflügen eben bekommt und wie sie die täglichen Pendler schon nerven müssen: Drittgrößter See in Bayern. Bis zu 81 Meter tief. Irgendwas breit, irgendwas lang, 47 Quadratkilometer groß. Es gibt also Staaten, die sind kleiner als der Ammersee (Sint Maarten, Tuvalu, Nauru, Monaco und natürlich der Vatikan, aber das erzählt der Unterhaltungsoffizier nicht, vielleicht weil dieses Jahr keine Gäste aus Übersee an Bord sind.)

Weil weder ich noch Ihr etwas über die Würmeiszeit oder über endemische Kilche hören wollt, hole ich mir einen imaginierten Bierkrug aus dem geschlossenen Bordrestaurant und mache mich bereit, endlich die historischen Fragen zu beantworten, die Euch schon seit der ersten Etappe unter den Nägeln brennen und die mit jeder zusätzlichen Etappe wie Blasen unter den Füßen mehr drängen und drücken.

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Vom Schiff aus erblicke ich das Kloster Andechs, dem ich erst gestern einen Besuch abgestattet habe, und erinnere mich an das dort (Kapitel 24-26) gegebene Gelübde, etwas aus der guten alten Zeit der Säkularisation zu berichten.

Säkularisation bezeichnet die staatliche Einziehung kirchlichen Eigentums, meist von Grundbesitz und Klöstern, aber auch von Kunstschätzen oder Bibliotheken. Das ging bis zur Annexion und Einverleibung ganzer kirchlicher Fürstentümer.

Einzelne Bestrebungen dazu gab es schon vorher, aber ab 1802 machte Bayern richtig Tabula rasa. Fast alle Klöster, Hochstifte, Reichsabteien und Fürststifte wurden aufgelöst, ihr Eigentum wurde verstaatlicht. (Das war die Erfindung des Kommunismus, noch weit vor Marx und Lenin!) Nur einige Klöster wurden als sogenannte Aussterbeklöster belassen. Dort durften die bisherigen Mönche noch ergebnislos beten, aber das Kloster war vom Transfermarkt ausgeschlossen und konnte keine neuen Mitspieler aufnehmen.

Das Projekt wurde generalstabsmäßig durchgezogen. Zuerst waren die Klöster der Bettelorden dran, für die sich natürlich niemand einsetze. („Selbst schuld, dass sie arm sind“, denken Reiche oft über Arme.) In die reichen Prälatenorden entsandte Bayern Kommissare, die auflisteten, was alles an Gold, Weihrauch und Myrrhe da war. 1803 kam es zu dem zumindest dem Namen nach bekannten Reichsdeputationshauptschluss, in dem das Heilige Römische Reich den Gliedstaaten freie Hand gegenüber den Klöstern ließ. Bayern schlug sofort zu und enteignete gnadenlos wie das Landgewinnungskomitee zum Bau der Baikal-Amur-Magistrale. Ein Beweis, dass Beten nicht hilft.

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Nur leider hatte diese Säkularisation zwei Mängel:

Zum einen wurden nur die selbständigen Klöster und Fürstbischöfe enteignet, nicht aber die katholischen oder protestantischen Kirchen als solche. Die gewöhnlichen Pfarrkirchen und Kathedralen blieben also bestehen. Eine verpasste Chance.

Zweitens haben sich die Kirchen mittlerweile fette Entschädigungszahlungen für die einstigen Enteignungen gesichert. Ich könnte jetzt viel verwirren mit dem Konkordat zwischen dem Königreich Bayern und dem Heiligen Stuhl von 1817, warum Bayern die Bischöfe besoldet, dem Konkordat des Freistaats Bayern von 1924, der Einführung der Kirchensteuer, dem Konkordat des Deutschen Reichs von 1933, den Konkordatslehrstühlen, sowie der Frage, warum auch heute noch die Religionsverfassungsartikel der Weimarer Reichsverfassung gelten.

Artikel 138 der Weimarer Reichsverfassung von 1919 verlangte, dass die Länder die Entschädigungszahlungen durch einmalige Zahlung ablösen, wofür das Deutsche Reich aber die Rahmengesetzgebung verabschieden sollte. Das geschah nie. Als 1949 das Grundgesetz die Möglichkeit zum Neuanfang gegeben hätte, war die Sache schon so unübersehbar kompliziert geworden, dass man in Artikel 140 des Grundgesetzes einfach die teilweise Weitergeltung der Weimarer Reichsverfassung anordnete und hoffte, dass es niemandem auffallen würde. Es scheint tatsächlich nie jemandem aufgefallen zu sein, denn auch in der Geschichte der Bundesrepublik kam es nie zu der geforderten Ablösung.

Und so zahlen deutsche Steuerzahler seit mehr als 100 Jahren Staatsleistungen an die katholischen und protestantischen Kirchen wegen der Säkularisation von vor 200 Jahren. Wohlgemerkt aus dem allgemeinen Steueraufkommen; das hat nichts mit der Kirchensteuer zu tun. Hier zahlen auch die Atheisten mit. Aber gut, in diesem Jahr sind es nur 656 Millionen Euro, und die Kirche revanchiert sich dafür, indem sie staatliche Behörden nicht mit Anzeigen wegen Kindesmissbrauchs belastet, sondern die kriminellen Angelegenheiten kostengünstig intern klärt.

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Als das Schiff in Herrsching zum Zwischenstopp anlegt, sticht das Kurparkschlösschen ins Auge, das einem italienischen Adelspalast nachempfunden ist.

Heute beherbergt es die Volkshochschule, in der die Schlauen noch schlauer werden, und einen Trauungssaal, in dem sich die nicht so Schlauen ihr Leben versauen.

Ich könnte noch viel Schlaues erzählen, aber ich bin schlau genug, zu erkennen, wann die Aufnahmebreitschaft der schlauen Leserschaft erschöpft ist. Gucken wir also lieber auf den See, auf die Berge und in die Sonne, genießen das sanfte Tuckern auf diesem Wunderwerk deutscher Ingenieurskunst, und freuen uns über die Einladung nach Breitbrunn.

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Michael lässt es sich nicht nehmen, mich schon am Bootssteg in Empfang zu nehmen, wo er mir eröffnet: „Meine Frau war gar nicht begeistert von der Idee, einen wildfremden Vagabunden einzuladen.“

Oje, das Paar ist selbst auf Urlaub, und jetzt funke ich mit meiner Landstreicherei dazwischen. Aber als die Frau des Hauses mich wenig später sieht, weicht ihre Furcht sogleich dem mütterlichen Instinkt, und sie bereitet Bratkartoffeln mit Spiegelei zu. Den ganzen Abend werde ich so viel Käse, Wurst und Brot gereicht bekommen, dass ich noch Tage davon zehren kann.

Ebenso zehren kann ich von der Unterhaltung mit Michael. Er hat ein vollgepacktes Leben, begutachtet Entwicklungshilfeprojekte in aller Welt, war als Kameramann bei der Fremdenlegion in Französisch Guyana, unterrichtet Fotografie auf Sri Lanka, hilft bei der Eingliederung von Geflüchteten in Amberg und fährt Essen für die Tafel aus. Alles mit der Effizienz eines Managers.

Die Stunden auf der Terrasse verrinnen, während wir uns in Erzählungen aus New York, Lagos und Wien verlieren. Michaels Frau hat sich schon zurückgezogen. Sie ruft ihn noch ein paarmal an, vorgeblich, um zu fragen, ob wir kulinarischen oder alkoholischen Nachschub benötigen, in Wirklichkeit wahrscheinlich, um zu sagen, dass wir endlich ruhig sein sollen, weil wir das ganze Haus wachhalten.

Apropos Haus: Auf dem Grundstück sind gleich zwei davon, so dass ich trotz meines ungeplanten Auftauchens eines für mich allein bekomme. Und zwar das ältere und schönere. Rustikal-stilvoll ist es eingerichtet, mit Holzboden, Eichenschränken und einer Terrasse mit Blick auf den See. Im Kühlschrank stehen Veuve Moreaux Champagner und Bombay Gin.

Und vor ein paar Stunden dachte ich noch, ich würde die Nacht im Park verbringen.

Eines der Bücher, die ich auf der Reise wieder lese, ist „Die Zeit der Gaben“ von Patrick Leigh Fermor, der auf seiner Wanderung durch Europa manchmal auf Fürstensitze und Schlösser eingeladen wurde. Zumindest heute ist mir das gleiche Glück hold.

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Morgen wird es nicht so locker.

Stattdessen erwarten Euch: Der härteste Tag der Wanderung, ein spukiger Friedhof und die Wahrheit über 5G.

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Auf den Spuren des Königs (Tag 2) Kloster Andechs

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Yasmin und Basti leben vegan-gesund und haben anscheinend nur gesundheitsbewussten Besuch. Denn als ich zum Frühstück frage, ob sie eine Cola haben, freuen sie sich: „Oh, endlich kommt die Flasche Cola weg, die wir noch im Keller haben.“ Sie ist seit Mai 2018 abgelaufen, vor mehr als zwei Jahren. Wahrscheinlich war sie noch von der Abiturfeier übrig.

Den Rest der Flasche packen sie mit Bananen und Äpfeln zu einem Päckchen zusammen, das mich unterwegs stärken soll, und so verabschiede ich mich ausgeruht, gut gerüstet und frohen Mutes von den neuen Freunden.

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In Maising, dem nächsten Ort, wohnen Yasmins Eltern. Sie haben ihr schon erzählt, dass seit dem Coronavirus wesentlich mehr Wanderer unterwegs sind. „Anfangs trauten sie sich gar nicht mehr aus dem Haus. Sie dachten, all die Fremden brächten die Viren.“

Vielleicht sollte ich mit Mundschutz durchs Dorf gehen. Aber der Regenschutz ist dann doch wichtiger, wenn auch immer nur für ein paar Minuten zwischendurch.

Maising ist so ein unbedeutendes Dorf, dass es eine Tafel aufgestellt hat, die unter Verweis auf die erste urkundliche Erwähnung im Jahr 1182, also zur Zeit der Kreuzzüge und des Gempei-Krieges, eine Bedeutung zu konstruieren versucht, die dem Dorf bei aller wohlmeindenen Gutmütigkeit einfach nicht zukommen will.

Immerhin erfahre ich anhand dieser Tafel, dass die General-Fellgiebel-Kaserne jetzt die Schule Informationstechnik der Bundeswehr beherbergt, was den sorglosen Umgang des Militärs mit den Spaziergängern in Kapitel 11 erklärt. Die größte Gefahr ist dort wahrscheinlich, dass man von computerspielenden Soldaten für ein Pokemon gehalten und kurzzeitig festgenommen wird.

17

Hinter einer Reiterin auf einem Pferd trabt ein Hund hinterher, erschöpft, hechelnd, humpelnd. Und treu. Denn er könnte ja eigentlich zuhause bleiben. Er weiß doch, dass die Frau nach einer Stunde wieder zurückkommt.

Oder sind Hunde doch nicht so schlau wie Katzen?

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„Sind Sie Pilger?“

„Ein säkularer Pilger.“

19

„Nimma lang“, Bayerisch für „nicht mehr lange“, verspricht ein Schild, dauere der Weg zum Kloster Andechs.

Aber heftig bergauf geht es. Ich komme so langsam voran auf den verbleibenden 5,8 km, dass ich wieder direkt in die Mittagshitze laufe. Wenn ich an das Kloster denke, habe ich keine Kirchen oder Mönche, sondern nur einen schattigen Biergarten im Kopf.

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Aber zuerst kommt ein Kapitel aus der beliebten Reihe „Der Schein trügt“. Seht Euch diese Fotos an:

JVA Rothenfeld (2)

Das ist doch idyllisch, oder?

Es ist ein Gefängnis.

In den Gebäuden der ehemals klösterlichen Erziehungsanstalt wohnen jetzt Hühner, Ziegen und Gefangene hinter den Gittern der JVA Rothenfeld.

Sehr unüberwindlich wirken die Zäune allerdings nicht. Wärter sind gar keine zu sehen. Das ist hier wohl nicht gerade der Hochsicherheitstrakt des bayerischen Justizvollzugs. Vielleicht für die Millionäre aus dem nahen Starnberg, die mit Betrug, Steuerhinterziehung und Untreue reich geworden sind, vermute ich.

Ein Fotografierverbot hindert mich an Nahaufnahmen. Obwohl, wenn man so ein Gefängnis sieht, will man fast Straftaten begehen, um dann in der Landsitzatmosphäre Bücher zu schreiben.

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Am Rande des Prisonsperimeters finde ich auch gleich den perfekten Schlafplatz: Eine Bank unter einem vor Sonne und Regen schützenden Blätterdach.

Leider ist es noch zu früh zum Schlafen. Aber Ausruhen vor dem Anstieg auf den Berg Andechs muss sein. In der kurzen Zeit der Pause erlebe ich tatsächlich alles von Sonne bis Regen. So wechselhaft wird sich das Wetter noch den ganzen Tag austoben.

Ein Paar kommt vorbei und leint seinen Hund freundlicherweise an, damit er mich weder frisst noch abschleckt.

Ich nütze die Gelegenheit, um zu fragen: „Wissen Sie, welche Sorte von Gefangenen in dem Gefängnis da drüben einsitzt?“

Sie wissen es: „Solche wie der Hoeneß.“

Na, da lag ich mit meiner Vermutung nicht weit daneben. Uli Hoeneß, der Präsident und Aufsichtsratsvorsitzende des FC Bayern München, hatte 28,5 Millionen Euro an Steuern hinterzogen. Ein anderer prominenter Häftling war Uwe Woitzig, ein Bankier, der wegen Betrugs in Höhe von mehreren hundert Millionen verurteilt wurde und über die Zeit in der Haft ein Buch schrieb.

In die JVA Rothenfeld kommen die Strafgefangenen gewöhnlich am Ende der Haftzeit, wenn sie schon Freigänger sind. Das bedeutet, dass sie tagsüber einer Arbeit nachgehen, zum Beispiel bei Fußballclubs, Banken oder anderen kriminellen Vereinigungen, und abends zum Schlafen ins Gefängnis zurückkehren. Für den Gerechtigkeitssinn wollen wir hoffen, dass diese Möglichkeit nicht nur Millionären offensteht. (Das kommt auf meine Liste von Dingen, die ich persönlich ausprobieren muss, um Euch zu berichten.)

22

Der Weg nach Andechs ist am Ende einfach zu finden. Erstens thront das Kloster weit sichtbar auf einem Hügel, der wohl den Durst produzieren soll, der dann mit dem berühmten Klosterbier gestillt werden kann.

Zweitens wird der Weg durch einen Kreuzweg theologisch begleitet.

Der Kreuzweg ist fast so logisch durchnummeriert wie dieser Blog. Bei Station VII sinkt Jesus danieder. Erst der Hund, jetzt der Heiland, lauter erschöpfte Geschöpfe.

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Neben der Biermanufaktur betreibt das Kloster Andechs zwei teure Gaststätten, einen Laden, ein Drogengeschäft („Klosterapotheke“). Tja, wenn nicht so viele Leute aus der Kirche austräten, müssten sich die Mönche nicht so merkantilistisch betätigen.

Allerdings waren sie auch früher schon ziemlich materialistisch unterwegs. Im 9. Jahrhundert brachte der raffgierige Rasso Reliquien, also Raubkunst, aus dem Heiligen Land auf den Berg Andechs: ein Stück vom Kreuz Jesu, einen Teil der Dornenkrone und die Heiligen Drei Hostien. Spätestens seit 1128 sind Wallfahrten belegt, übrigens nicht freiwillig, sondern auf Befehl der Grafen von Andechs.

Damals gab es nämlich das Kloster noch nicht, sondern die Burg der Grafen von Andechs, die nicht nur über die Felder der Umgebung, sondern als Herzöge von Meranien, Dalmatien, Istrien und Kroatien bis zur Adria herrschten. Weil dort die Winter wärmer waren, wurden die uns schon aus Kapitel 3 bekannten Wittelsbacher neidisch, zerstörten 1246 die Burg und schnappten sich die Besitzungen.

Wenn nicht jemand die Alpen dazwischen gestellt hätte, könnte man vom Klostergarten noch immer bis nach Rijeka, zur diesjährigen Europäischen Kulturhauptstadt, gucken.

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Erst 1455 wurde Andechs zum Benediktinerkloster, allerdings schon bald sehr geschäftstüchtig, mit Brauerei, Biergarten und 100.000 Bratwurstpilgern pro Jahr.

Dreißigjähriger Krieg und Säkularisation dämpften den Zustrom und den Profit ein wenig. Und noch immer sieht der Klosterkomplex überdimensioniert aus. Ein Teil der Gebäude steht leer, traurig darüber, dass sich Menschen keinen Mumpitz von Heiligen Dornenkränzen mehr erzählen lassen. Der Biergarten, von dem ich schon stundenlang geträumt hatte, ist geschlossen. Auf dem Veranstaltungskalender für das Jahr 2020 kleben kleine Zettel: „Verschoben!“ und „Abgesagt!“

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Ach ja, manche Leute kommen wegen der Kirche hierher. Ich selbst bin eher ein Säkularisations- als ein Kirchenfreund, aber ich habe gehört, dass es Christen unter der Leserschaft gibt. Deshalb ein paar Fotos von und aus dem Haus mit dem Heiligen Turm.

Weil ich mich da nicht auskenne, erzähle ich nichts über Fresken und Rokoko und Hochaltäre. (Ein erleichtertes Aufatmen bei den Leserinnen und Lesern. – Aber ich habe nicht vergessen, dass ich zu passender Gelegenheit mal über die Säkularisation erzählen muss!)

Mich interessieren die Pilgertafeln, die frühere Wanderer mitgebracht haben. Diese Ecke in der Kirche ist sozusagen ein visuelles Gästebuch. Und, wie das bei Gästen so ist, keiner kommt ohne Hintergedanken. Sie wollen von Krankheiten geheilt werden. Sie wollen eine fette Ernte einfahren. Sie wollen die Lottozahlen im Voraus wissen.

Aber die Gäste werden geiziger und/oder ungeduldiger. Niemand bemalt mehr Holztäfelchen. Von den Pilgern des 20. Jahrhunderts hängen ein paar billige Holzkreuze hinter der Kirche.

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Im Eingangsbereich der Kirche fällt mir noch etwas auf.

In der ganzen Welt tobt zur Zeit die Diskussion, wie man mit nicht mehr zeitgemäßen Denkmälern umgehen soll. Statuen werden gestürzt, Straßennahmen geändert, und Menschen behaupten, zu verhungern, wenn sie statt eines Zigeunerschnitzels ein Paprikaschnitzel bestellen müssen.

Und wer mogelt sich wieder durch? Die Kirchen. Wie immer. Wie bei der Raubkunst aus Kapitel 23 halten die Kirchen einfach still und hoffen, dass gesellschaftliche Diskussionen an ihnen vorüberziehen. Sollen sich die Museen doch entschuldigen oder restituieren, die Kirche hält die Krallen auf dem geklauten Krempel. (Gut, wenn alle ihre Stücke vom angeblichen Kreuz Jesu zurück nach Jerusalem brächten, würde man auch schnell merken, dass die ganzen Holzsplitter hundert Kreuze ergeben, und die Scharlatanerie wäre entlarvt.)

Hier steht auf einem Kriegerdenkmal tatsächlich noch etwas von „Heldentod“ und „in Treue fest bis in den Tod“, anscheinend ein christlicher Märtyrerkult. Wenn so etwas in einer Moschee stünde, wäre schon lange der Verfassungsschutz da.

Klar, so war das halt nach dem Ersten Weltkrieg, aber muss man das deshalb ewig unkommentiert stehen lassen? Interessant finde ich auch, dass von „den lieben Kameraden, die als tapfere Bayern des Deutschen Namens Ehre und Bestand schützten“ die Rede ist. Ich weiß gar nicht, wie ich es mir bisher entgehen habe lassen können, von Bayerns Rolle in den deutschen Kriegen des 19. und 20. Jahrhunderts zu sprechen.

Aber zuerst wird es noch verstörender in dieser Kirche der Geschichtsrevisionisten. Springen wir zum Zweiten Weltkrieg:

Aha. Der christliche Gott war also 1943 auf Seiten der Wehrmacht und half bei den Angriffskriegen, Massakern und Deportationen in Konzentrationslager. Oder was sonst soll „sichtbare Hilfe in Feindesland“ bedeuten? Und wenn es das Land „des Feindes“ ist, wieso bleibt man dann nicht einfach zuhause? Die Mönche können angeblich Bier brauen, aber Denken ist nicht ihre Stärke.

Lesen wir, was das Kloster selbst dazu schreibt:

„Die wirtschaftlich schwierigen 20er Jahre, Drittes Reich und Nachkriegszeit lasteten auf Abt Bonifaz Wöhrmüller (1919-1951).“

Ach ja, die armen deutschen Christen, so viel gelitten haben sie im 20. Jahrhundert!

„Die Wirtschaftsbetriebe waren neu zu strukturieren, Wallfahrt und Seelsorge forderten Kräfte und Aufmerksamkeit. Gleichzeitig ging die Zahl der Mönche und Mitarbeiter zurück.“

Ja, ja, die Wirtschaft! Nur ja nicht Nachdenken oder Reflektieren über Partizipation am Holocaust, über Mitschuld am Antisemitismus, über Arisierungsgewinne. Jammern über weniger Mönche, aber die Augen zugedrückt haben zum Konzentrationslager in Dachau mit seinen 169 Außenlagern, darunter welchen in dieser lieblichen Landschaft des Landkreises Starnberg.

Aber die Mönche hatten damals einfach Wichtigeres zu tun, das muss man verstehen:

„Trotz des Zweiten Weltkrieges wurden 1941/42 Stuck und Fresken der Wallfahrtskirche restauriert.“

Da wünscht man sich doch eine erneute Säkularisation!

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Während ich im Klostergarten eine Zigarre rauche und lese, die zwei Hauptgründe für mein langsames Vorankommen, sehe ich anscheinend wie ein wirklich armer Pilgerlandstreicher aus, denn eine Familie „vergisst“ demonstrativ aber unaufdringlich zwei Bananen auf der gegenüberliegenden Bank. Das rettet mich vor den wucherischen Wirtshäusern. Außerdem verspüre ich wenig Neigung, die Benediktiner zu alimentieren, damit die davon Schweigegelder an Opfer sexuellen Missbrauchs bezahlen.

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Beim Abstieg vom Kloster ins Kiental treffe ich zum ersten Mal auf eine echte Pilgerin. Sie geht zwar nicht ganz bis nach Spanien, aber so erfahre ich, dass der Münchner Jakobsweg sich weitgehend mit dem von mir beschrittenen König-Ludwig-Weg deckt, nur die profanen Schlösser am Ende auslässt und stattdessen nach Lindau abbiegt. Das ist ein ganzes Stück weiter als meine bescheidene Geburtstagswanderung, aber dafür ist sie schlauer, weil sie nur einen kleinen Rucksack hat und jetzt um 3 Uhr nachmittags ihre Tagesetappe schon beendet hat.

Wenn ich für die kommenden Tage keine Couchsurfing-Gastgeber mehr finde, werde ich frei von Zwängen und Absprachen, wirklich frei wie ein Vagabund sein und meinen Schritt wahrscheinlich auch verlangsamen. Es gibt hier so viele Orte, wo ich einfach stundenlang sitzen oder zufrieden einschlafen könnte. Das Kiental mit den hohen das Sonnenlicht abschirmenden aber gleichzeitig im saftigen Grün erglitzern lassenden Buchen und dem ewig rauschenden Bach in der bis zu 70 m tiefen Schlucht gehört dazu.

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Herrsching ist womöglich ganz hübsch, bezieht seinen ganzen Stolz aber aus einem S-Bahn-Anschluss nach München (praktisch für Leute, die die Wanderung wegen politisch-weltanschaulicher Differenzen jetzt abbrechen möchten) sowie aus der exakten Lage auf dem 48. nördlichen Breitengrad, womit sich die Stadt selbst in einer Reihe mit Ulan Bator, Le Mans und Donezk sieht.

Ach ja, einen See gibt es hier auch. Aber das ist der Ammersee und dazu morgen mehr.

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Als ich am Ortsrand von Herrsching vor Schloss Mühlfeld stehe und mich wundere, was das ist, verdunkelt sich der Himmel rasend schnell. (Später lese ich, dass es die Mönche von Andechs als Sommer-, Bade- und Partyschloss nutzten. Der Unterschied zwischen Adel und Klerus war gar nicht so groß.)

Anstatt die restlichen 6 km zu gehen, halte ich also den Daumen raus. Innerhalb von weniger als einer Minute hält ein Auto. Der junge Mann muss zwar eigentlich nicht nach Aidenried, aber er freut sich so, mal wieder einen Tramper zu sehen, dass er darauf besteht, mich dorthin zu fahren. Er ist früher selbst regelmäßig per Anhalter nach Innsbruck gefahren, weil er da eine Freundin hatte, und die Begegnung mit wildfremden Leuten hat ihm riesigen Spaß gemacht.

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Reinhard, mein Couchsurfing-Gastgeber, ist noch nicht zu Hause, also deponiere ich den Rucksack im Garten und gehe auf Erkundungstour durch das kleine Dorf. Falls er gar nicht mehr auftauchen sollte, muss ich mir schließlich einen alternativen Schlafplatz suchen.

Vor einem Bauernhaus steht eine luxuriöse Schlafschaukel, die wäre sicher gemütlich. Aber zu nahe am Haus.

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Oh, da drüben steht eine Kapelle unter einem großen Baum.

Und sogar eine große Bank ist da. Perfekt.

Wenn nur nicht just in diesem Moment alle Wolken sich öffnen würden. Eine Weile hält mich das Blätterdach trocken, doch nach wenigen Minuten ist es an hundert Stellen leck geschlagen.

In einem Garten unterhalb der Kapelle räumt eine Frau Schuhe und Wäsche in Sicherheit vor der Sintflut. Sie erblickt mich, ich winke, und sie ruft, dass ich doch runter auf die Terrasse kommen soll. Das ist aber nett! Sie bringt mir sogar noch ein Handtuch.

So sitze ich schon länger auf der Terrasse und hoffe, dass die Markise dem Unwetter standhält, als zwei kleine Mädchen um die Ecke kommen und mich erblicken.

„Hallo“, begrüße ich sie in ihrem eigenen Garten.

„Brauchen Sie etwas?“ fragt eine von ihnen ganz hilfsbereit.

„Oh, dankeschön,“ wiegele ich ab, „Eure Mutter hat mir schon so viel geholfen, indem sie mir erlaubt hat, hier den Regen zu überstehen.“

„Ach, unsere Mama weiß schon, dass Sie da sind?“

Es gibt also Familien, die ihre Kinder so erziehen, dass diese beim Anblick eines fremden Mannes in ihrem Garten nicht erschrecken, sondern Hilfe anbieten. Und so hat diese Familie aus Aidenried mich an diesem Tag nicht nur vor Durchnässung, Unterkühlung und dem Tod gerettet, sondern meinen Glauben an die Menschheit auf ein neues Niveau gehoben.

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Als die tiefhängenden und tiefschwarzen Wolken eine Verschnaufpause einlegen, laufe ich schnell zum Haus von Reinhard, das halb Baustelle, halb Museum ist.

Er hat noch zwei andere Gäste zu Besuch, so dass mir das Sofa im Wohnzimmer bleibt. Aber von hier aus habe ich einen wunderbaren Blick über den Ammersee, direkt auf den Sonnenuntergang, wenn es nicht noch grau und wolkig wäre. Hunderte von Büchern säumen das Zimmer. Hier könnte ich auftanken, wenn ich die mitgeschleppte Literatur schon verschlungen hätte.

Mit 78 Jahren ist Reinhard der älteste Couchsurfing-Gastgeber, bei dem ich je übernachtet habe. Er war Urologe und hat im Ruhestand sein schon in der Jugend entdecktes Talent zum Beruf gemacht. Er ging zur Ausbildung nach Indien und in die Marmorsteinbrüche von Da Nang in Vietnam, lernte neue Techniken, und seither bearbeitet der alte Mann, der in seiner Drahtigkeit an Clint Eastwood erinnert, Marmor, Granit und Quarzit zu Shivas, Sphinxen und Schwänen, letzteres eine nie abgeholte Bestellung von König Ludwig II. für Hohenschwangau oder Neuschwanstein.

Ältere Gastgeber sind toll, weil sie schon viel erlebt haben. Als ich vom Iran erzähle, springt er auf und holt ein Amulett aus dem Esszimmer: „Das ist für Imam Ali, das habe ich aus Isfahan mitgebracht.“ Noch zur Zeit des Königreichs Persien war er mit dem VW-Bus im Iran. Begeistert erlebt er wieder die frühe Reise, von den in Istanbul aufgegabelten Schwedinnen, die nach Indien wollten, und die er mitnahm, bis zu dem Überfallversuch im Hostel, wo sich die Diebe unter den Betten versteckt hatten und nachts hervorsprangen. Am Ende amüsierten sich Räuber und Überfallene zusammen über den unbewaffneten und harmlos verlaufenen Versuch der Vermögensverschiebung.

Als wir auf Vulkane zu sprechen kommen, springt er wieder auf und holt einen kanonenkugelgroßen Brocken vom Balkon: „Ein Lava-Auswurf vom Ätna. Ich bin mit dem Auto bis zum Kraterrand gefahren, um Lava für geologisch-bildhauerische Experimente abzuschöpfen.“ Dazu hatte er sich von einem Schmied extra eine Kelle mit einem mehrere Meter langen Stiel anfertigen lassen, die ihm dann von den Carabinieri mit vorgehaltener Waffe entwendet wurde, weil der Lavahandel in Sizilien anscheinend in festen und korrupten Händen liegt.

Wir sind nicht immer einer Meinung, weder politisch, noch was das Frauenbild angeht, bei dem der hauptsächlich an Formen und am Formen interessierte Bildhauer durchscheint, aber wir unterhalten uns bis spät in die Nacht.

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Vor der Wanderung wurde aus der fürsorglichen Fangemeinde Vorsicht vor Bären, Kälte, Hunger und Blasen angemahnt. Aber das gefährlichste passiert an jenem Abend, als ich ziemlich zügig in eine zu sauber geputzte Glastür laufe.

Zum Glück ist ein Arzt im Haus. „Nicht-dislozierte Nasenbeinkontusion“ diagnostiziert Reinhard und gibt mir auf, die kommenden Wochen nicht auf dem Bauch oder auf der Seite zu schlafen. Nach ein paar Tagen verging der Schmerz dann tatsächlich und ich trage die Nase noch immer unverwundet wie ein Boxer, dessen Stärke die Defensive ist.

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Auf den Spuren des Königs (Tag 1) Starnberger See

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KLW-Uebersicht

In Starnberg steige ich aus dem Zug, bereit trotz dröhnender Sonne und 30 Grad Mittagshitze, die etwa 5 km nach Berg, zum Anfang des König-Ludwig-Weges zu wandern. Jedes Jahr ziehe ich mich zu meinem Geburtstag zurück, am liebsten in die Ferne, gerne in die Natur, jedenfalls in die Unerreichbarkeit von geheuchelten Glückwunschtelegrammen. Im Juli 2020 wütet ein Virus, das weite Reisen wenn nicht unmöglich, so doch unpraktisch macht.

Also habe ich mich entschieden, mal ein Stück von Bayern zu erkunden, was ja immerhin meine Heimat wäre, wenn ich mit dem Begriff etwas anfangen könnte. Auf den Spuren König Ludwigs II. werde ich ungefähr 110 km vom Starnberger See, südlich von München, bis nach Füssen, direkt an den Alpen, zu wandern. Wie immer schlecht bis gar nicht geplant, aber offen für alles, was da kommen mag.

Wenn Ihr Zeit habt, kommt doch mit!

2

In Starnberg liegt, direkt wenn man aus dem Bahnhof heraustritt, schon die erste Planänderung in Form eines Schiffes im Hafen. In wenigen Minuten wird es nach Berg tuckern, ich muss mich also schnell entscheiden. Na gut, sogar Patrick Leigh Fermor fuhr das erste Stück seiner Europawanderung mit dem Schiff.

Starnberg Bahnhof mit Schiff
Starnberg Schiff (1)
Starnberg Schiff (2)

Außerdem ist das hier keiner jener Wanderblogs, auf denen Kilo- und Höhenmeter gezählt, Durchschnittsgeschwindigkeiten errechnet und Rekorde aufgestellt werden. Hier geht es eher um das, was links und rechts am Wegesrand liegt. Und ob man zu Fuß, mit dem Fahrrad, im Zug, auf dem Schiff, per Anhalter oder im Heißluftballon hinkommt, ist dabei egal.

Im Süden erspähe ich schon die fernen Berge, die mein Ziel sind. Eine verlockende Vorstellung, einfach bis dorthin auf dem Schiff sitzen zu bleiben.

Starnberger See Berge am Horizont

„Ertönt das bei jedem Halt?“ fragt eine Frau erschrocken, als das Schiffshorn beim Ablegen laut tutet. Sie hat, wie die meisten Passagiere, ein Ticket für die volle Rundfahrt gebucht. Ich aber muss in Berg schon wieder von Bord, weil Ihr alles über die bayerischen Könige und insbesondere über Ludwig II. erfahren wollt. In Berg steht nämlich eines der Schlösser, das im Leben und vor allem beim mythenverhangenen Tod Ludwigs II. eine Rolle spielte.

3

Besuchen kann ich das Schloss nicht, denn es gehört noch immer der Königsfamilie der Wittelsbacher, die darin wohnt. Niemand öffnet das Tor für mich.

Schloss Berg

Die Revolution von 1918 verlief in Bayern eher halbherzig, weshalb hier Leute, die glauben, etwas Besonderes zu sein, noch immer Schlösser besetzen, die schon längst im Volkseigentum sein sollten. Ähnlich auf Reichsebene: Weil man damals nicht richtig enteignet hat, haben wir jetzt noch Rechtsstreite mit den gierigen Hohenzollern an der Backe.

Was die Wittelsbacher, die Bayern seit 1180 undemokratisch regierten, für Leute waren, kann man anhand ihrer Nutzung von Schloss Berg erahnen. Sie haben die Bayern in Bergwerken schuften lassen, um sich eine Flotte von 35 rudersklavengetriebenen Galeeren und Gondeln für bis zu 2000 Gäste zu kaufen, mit denen sie auf dem Starnberger See dekadente Feste feierten.

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Wenn ihnen die Sauf- und Seegelage mit Feuerwerk und Feuerwasser zu langweilig geworden waren, dann gingen sie auf Jagd. Und zwar so, dass sie die Rehe und Hirschen ins Wasser trieben und dort abknallten. Keine besonders sympathischen Leute also.

4

Ins Wasser getrieben (und abgeknallt?) haben sie auch Ludwig II., der seine letzten traurigen Tage auf Schloss Berg verbrachte.

Ein Kreuz im See markiert die Stelle, wo die Leiche des Königs am 13. Juni 1886 gefunden wurde. Unzureichend bekleidete Mädchen in einem kleinen Boot gedenken gerade seiner Majestät und zerstören die Gravität des Ortes und meines Fotos.

Kreuz für König Ludwig II Starnberger See (1)
Kreuz für König Ludwig II Starnberger See (2)

5

13. Juni MDCCCLXXXVI, so steht das Sterbedatum auf einer Säule vor der angeblich byzantinisch-romanischen Votivkapelle, und die Ausflügler versuchen es zu entziffern.

Votivkapelle für Ludwig II Berg am Starnberger See (1)

„1776“, sagt einer.

„Aber der König hat doch achtzehnhundertirgendwas gelebt,“ wirft eine Frau ein, „schließlich hatte er schon ein Telefon auf seinem Schloss.“ Dieses moderne Gerät zückt dann auch jemand aus seiner Tasche, kalkuliert ein bisschen herum und verkündet 1886, das richtige Jahr. Hocherfreut ziehen sie weiter.

6

Ich hingegen erlebe schon den ersten Schock der Wanderung: Von den Stufen der Votivkapelle gleitet eine Schlange herab, und zwar eine tiefschwarze, riesengroße. So eine, die einen erwürgen kann.

Und damit ist eine Sache klar: Ich werde keinesfalls irgendwo auf dem Boden schlafen, sondern immer eine Bank oder einen Jägersitz suchen.

7

Geographisch konsequent müsste ich jetzt vom Ende Ludwigs II. erzählen, aber da wir ihn noch gar nicht kennengelernt haben, finde ich das verfrüht. Auch verzogene Könige sollen ein bisschen am Leben bleiben.

Geographisch konsequent muss ich nach Norden, weshalb ich mir den Umweg nach Süden nicht erlauben kann und den Bismarckturm verpasse. Dass der preußische Reichskanzler einen enormen Turm in Bayern spendiert bekam, ist schon überraschend. Dass dieses Monument nur ein paar Kilometer von dem Ort errichtet wurde, an dem König Ludwig II. so schmählich das Leben ausgelöscht wurde, ist unverfroren. Denn, was viele nicht wissen, aber im Laufe dieses Artikels zu ihrem großen Entsetzen erfahren werden, Bismarck war nicht unschuldig am Tod des bayerischen Königs. Ja, man kann mit Fug und Recht sagen, dass Bismarck den Märchenkönig fast so auf dem Gewissen hat, wie wenn er ihn eigenhändig ertränkt hätte.

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8

Die Strände in Starnberg sind proppenvoll. Das sind wahrscheinlich die Millionen Münchner, die jetzt nicht in den Urlaub fliegen können. Es herrscht ein Verkehr wie am Stachus. Und auf den Wanderwegen muss man sich vor den Radfahrern in Acht nehmen. Insbesondere wenn man stehenbleibt, um mit anderen Spaziergängern zu parlieren, werden die so in ihrem Ausdauertraining Unterbrochenen manchmal missmutig.

Man könnte sich ins Museum Starnberger See retten, was ich sowieso vorhatte, weil hier eine Kommilitonin aus dem Geschichtsstudium arbeitet. Aber, und das wird der rote Faden auf dieser Wanderung sein, ich bin zu langsam unterwegs und komme erst nach 17 Uhr in Starnberg an. Am nächsten Morgen muss ich leider früh aufbrechen und werde das Museum deshalb verpassen, was mich aber nicht daran hindert, es Euch als Nichtschwimmeroption für den Starnberg-Besuch zu empfehlen.

9

Starnberg ist ein Millionärsort. Hier wohnen Drogenschmuggler, Immobilienspekulanten und der sich in der Tradition der bayerischen Monarchen wohlfühlende König von Thailand. Wahrscheinlich hat der auch die Königskobra mitgebracht, die mich vorhin so erschreckt hat.

Apropos Herrscher, die nicht im eigenen Land leben, weil sie wissen, dass sie gar nicht so beliebt sind: Wusstet Ihr, dass Ludwig II., der wie kein anderer Monarch das Bild Bayerns geprägt hat, eigentlich auswandern wollte und nur in Bayern blieb, weil er kein Visum bekam? Aber dazu mehr in späteren Teilen dieser Saga, damit Ihr gespannt bei der Stange bleibt.

Vor den Häusern stehen Porsches und Segelyachten. Die Jungs unterhalten sich darüber, ob sie sich lieber den Maserati Quattroporte oder eine Villa auf Formentera zum Geburtstag schenken lassen sollen. (Ich habe mir zum Geburtstag diese einwöchige Wanderung geschenkt.) Die Mädchen diskutieren, ob ein Zahnarzt oder ein plastischer Chirurg der bessere Bräutigam sei.

Auch die Lebenserwartung ist in Starnberg höher als im Rest des Landes. Im Durchschnitt sind es 4 bis 5 Jahre zusätzlicher Lebenszeit, denn Armut ist eines der großen Krankheitsrisiken, auch in unserem reichen Land. Wer genau hinguckt, wird über die kommenden Tage ein paar Gründe erahnen können, warum dem so ist.

Aber heute habe ich Glück. Zum Übernachten in Starnberg hat mich ein Paar eingeladen, von dem ich noch gar nichts weiß. Mich beschleicht die dunkle Vorahnung, dass es sich bei ihnen um so Millionärsschnösel handelt, wo der Diener das Abendessen serviert und die Koi mit Kaviar gefüttert werden.

10

Als ich am See sitze, fragt mich ein älteres Paar nach dem Weg zum Hafen. Ich bin zwar neu hier, aber so gut kenne ich mich schon aus.

Starnberg Blick auf Berge

„Oh, das ist einfach: Sie gehen immer an der Uferpromenade entlang, und nach spätestens 300 Metern sehen Sie links Holzstege, wo die Schiffe anlegen. Wenn Sie Glück haben, ist gerade eines da.“

„Dankeschön.“

„Der erste Halt des Schiffes ist in Berg, das ist der Ort, wo Ludwig II. gestorben ist. Dort müssen Sie allerdings vom Hafen noch etwas nach Süden laufen, erst durch den Ort und dann durch einen schönen Park, eher einen Wald, bis Sie auf eine Kapelle stoßen oder auf das Kreuz im See. Das markiert den Ort, wo Ludwig II. am 13. Juni 1886 gestorben ist.“

„Oh“, sagt die Frau.

„Ist er ertrunken?“ fragt der Mann.

„Das ist die Frage“, gebe ich zu. „Es ist schon ein wenig suspekt. Denn der König war zum Zeitpunkt seines Todes nicht allein. Sein psychiatrischer Gutachter Dr. Gudden war bei ihm. Und beide sind tot aufgefunden worden.“

„Oh“, sagt die Frau.

„Wer geht denn mit seinem Psychiater schwimmen?“ fragt der skeptische Mann.

„Nicht schwimmen. Die beiden gingen spazieren. Ich weiß, das hört sich alles dubios an, aber es wird noch verwirrender, wenn ich Ihnen sage, dass Ludwig II. gar nicht freiwillig am Starnberger See war. Er wurde aus Neuschwanstein entführt, und zwar auf Befehl der Bayerischen Regierung, die ihn zuvor entmündigt hatte. § 11 der Bayerischen Verfassung von 1818 gab dem Ministerrat zwar das Recht zur Entmündigung, so ähnlich wie der 25. Verfassungszusatz der US-Regierung das Recht gäbe, nur dass die bayerische Regierung mehr Eier in der Hose hatte als irgendjemand in der Trump-Regierung. Aber es bleiben viele offene Fragen, weil die meisten Akten vernichtet wurden oder in einem Geheimarchiv verborgen sind.“

„Oh“, sagt die Frau.

Der Mann guckt nervös auf seine Uhr.

Da ertönt das Tuten des Schiffshornes.

„Oh“, sage ich.

Nicht nur, weil das Paar wegen meiner ausschweifenden Erklärungen das letzte Schiff für heute verpasst hat, sondern weil ich aus Versehen einen Teil der Geschichte vorweggenommen habe, die ich eigentlich später erzählen wollte. Aber die Frage, ob es Mord oder Selbstmord war, werden wir erst über die nächsten Tage klären.

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Maisingerschlucht ist ein etwas großspuriger Name für das von einem kleinen Bach durchzogene Tal. Aber schön ist es.

Maisingerschlucht (4)
Maisingerschlucht (1)
Maisingerschlucht (5)

Anscheinend ist beiderseits der Schlucht etwas Militärisches, aber andererseits nichts wirklich wichtiges Militärisches, falls es so etwas überhaupt gibt. Denn die Schilder schmettern dem Wanderer kein strenges „Betreten verboten“ entgegen, sondern schlagen vor, dass man halt ein bisschen aufpassen solle, wenn man in die Schusslinie läuft.

Maisingerschlucht (2)

Die Regeln, die die autoritären Kinder von der Anti-Montessori-Schule aufgehängt haben, sind demgegenüber strenger.

Maisingerschlucht (3)

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„Sind Sie Pilger?“

„Ein atheistischer Pilger.“

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Gleich außerhalb von Söcking haben die zurückziehenden Gletscher eine Anhöhe mit einem einzelnen Baum zurückgelassen. Ein wunderbarer Aussichtspunkt mit Blick auf die Alpen. Ein junges Paar sitzt auf der einzigen Bank. Das Mädchen liest ihrem Freund aus einem Buch vor.

Ich will sie nicht stören und setze mich weit abseits in die Wiese (so hoch werden die Schlangen schon nicht klettern), so dass ich leider nicht erfahre, welches Werk das junge Glück verbindet. Schade, denn dem Autor würde diese Anerkennung wahrscheinlich mehr bedeuten als schnöde Verkaufszahlen oder ein geschönter Platz auf der Bestsellerliste.

Söcking (1)

Vor mir die Alpen, hinter mir die ebenso hohen Kumulonimbuswolken. Der Ort ist schön, aber zum Schlafen wohl zu exponiert.

Söcking (2)
Söcking (3)

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So ziehe ich weiter zu meinem Nachtquartier bei Yasmin und Basti, die eine absolut positive Überraschung sind. Es gibt selbstgemachte Pizza, Bier aus der Flasche und eine Menge Geschichten. Lustigerweise hat sich Yasmin auch schon den ganzen Tag Sorgen gemacht, wer da abends eintreffen wird: „Jedes Mal, wenn vor dem Büro ein ungewaschener Hippie in Marihuana-Nebelwolke vorbeiging, dachte ich: Oje, hoffentlich ist das nicht dieser Andreas!“

Die beiden geben mir sofort das Gefühl, zuhause zu sein. Sie sind so Leute, die für jeden Tramper anhalten, die sich über diese spontanen Begegnungen freuen, die demnächst Couchsurfing im Iran machen wollen und die wochenlang mit einem kleinen Rucksack auskommen. Mit meinem viel zu großen mit Büchern vollgepackten Rucksack fühle ich mich richtig uncool.

Draußen zucken die Blitze, und ich bin froh, für diese Nacht eine Unterkunft gefunden zu haben. Die exponierte Stelle unter dem einzelnen Baum würde jetzt zwar ein meteorologisch-elektrostatisches Spektakel bieten, mich aber auch mindestens komplett durchnässen, vielleicht sogar entzünden.

Für die morgige Nacht am Ammersee hat sich über Couchsurfing ebenfalls schon ein Gastgeber gefunden, aber die Nächte danach sind bisher noch beherbergungslos. Das wird eventuell ungemütlich. Ich könnte mir angesichts des tosenden Sturms Sorgen darüber machen, bin aber so erschöpft, dass ich sofort nach dem Zubettgehen einschlafe.

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Fliegerangriff auf die Orthographie

An der alten Bahnstrecke zwischen Ursensollen und Lauterhofen steht ein Kreuz, das laut Inschrift „Zum Gedenken an die Opfer des Fliegerangriff’s auf den Personenzug (Amberg – Ursensollen – Lauterhofen) am 20. 02. 1945 um 12:15 Uhr“ dient.

Leider kann ich der Opfer nie still gedenken, weil mich der Angriff des unangebrachten Genitiv-Apostrophs so in Rage bringt, dass ich mir einen erneuten Fliegerangriff wünsche, der den Fehler ausmerzt. Mit der Entnazifizierung hätten die Alliierten auch die Grammatifizierung nach Deutschland bringen müssen.

Neben dem Kreuz steht eine Tafel mit einer Zeitungsseite der Amberger Zeitung vom 19. Februar 2005, aus deren Zeilen ganz deutlich der in jener Zeit verstärkt auftretende Wunsch trieft, dass die Deutschen auch mal Opfer sein dürfen. „Schrecken und Tod“ kamen „ganz nahe in unsere Heimat.“ „Eine Woche nach dem verheerenden Feuersturm auf Dresden …“ Der „Angriff auf die Lokalbahn“ sei „von langer Hand geplant“ gewesen. „Der Tod kam um die Mittagszeit.“ Tja, das ist schon ungeheuerlich, dass die Deutschen, die ganz Europa in Schutt und Asche legten, Millionen ermordeten und Millionen versklavten, nun beim Mittagessen gestört wurden.

Dazu sollte man erklären, dass im Februar 1945 ein Weltkrieg am Laufen war und in Bayern noch heftig gekämpft wurde. Das nur 50 km entfernte Nürnberg wurde erst zwei Monate später nach einer fünf Tage dauernden Schlacht eingenommen. Das war also nicht die richtige Zeit für einen Ausflug mit der Eisenbahn. Außerdem sind Züge, so sie nicht erkennbar mit einem roten Kreuz markiert sind, ein vollkommen legitimes Angriffsziel. (Zur Einordnung für die entsetzten Angehörigen: Selbst die Versenkung der Wilhelm Gustloff im Januar 1945 war kein Kriegsverbrechen.)

Der Bericht in der Lokalzeitung insinuiert mit dem in Lokalzeitungen üblichen Lokalpatriotismus, dass die US-amerikanischen Bomber und Kampfflugzeuge extra wegen der Bummelbahn nach Ursensollen geflogen wären. Eine kurze Recherche ergibt, dass am 20. Februar 1945 zur Mittagszeit insgesamt 1191 schwere Bomber der US-Luftwaffe Angriffe auf Nürnberg und Umgebung flogen. Hauptziele der Angriffe in diesen Tagen waren Bahnanlagen. Dass dabei die Kleinbahn durch den Wald nicht übersehen wurde, ist in meinen Augen kein Gund für lokale Larmoyanz, sondern für Bewunderung ob der Gründlichkeit und Präzision.

Und weil in anekdotischen Erzählungen immer wieder die Geschichten aufkommen, dass alliierte Tiefflieger sogar auf Pferdefuhrwerke oder gar Radfahrer geschossen hätten: Auch das war vollkommen legitim und verständlich. Die Wehrmacht war 1944/45 so ausgezehrt, dass der Krieg auf dem Heimatboden hauptsächlich zu Fuß oder mit beschlagnahmten Fuhrwerken stattfand. Insbesondere der Volkssturm hatte selten bessere Vehikel als Fahrräder zur Verfügung. Wer kaum als Kombattanten erkennbare Kinder auf Fahrrädern in den Krieg schickt, darf sich nicht wundern, wenn der Gegner Nichtuniformierte auf Fahrrädern beschießt.

Dazu gibt es ein hervorragendes Interview mit John Zimmermann über die Kriegsführung 1944/45, in dem er immer wieder auf Ursache und Wirkung hinweist und die deutsche Mythen- und Legendenbildung in der Nachkriegszeit zu diesem Thema dekonstruiert.

Der Personenverkehr auf dieser Bahnstrecke fiel übrigens nicht dem allierten Beschuss, sondern 1962 der Rationalisierung zum Opfer. Deshalb stehe ich jetzt, wenn ich Richtung Kastl oder Neumarkt muss, nicht mehr am Bahnhof mit den Einschusslöchern, sondern mit erhobenem Daumen neben der Bundesstraße 299.

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„Tausend Zeilen Lüge“ von Juan Moreno

Der Skandal um Claas Relotius ist bekannt, und der Spiegel hat einen umfangreichen Abschlussbericht veröffentlicht. Was muss man dazu noch ein Buch lesen?

Muss man nicht, aber mich hat interessiert, was Juan Moreno, der Journalist, der den Skandal aufgedeckt hat, dazu sagt. „Tausend Zeilen Lüge“ ist ein sehr detaillierter, aber auch ziemlich spannender Bericht, der Schritt für Schritt aufzeigt, wie der freie Mitarbeiter dem preisgekrönten Star-Journalisten auf die Schliche kam – und wie er immer wieder gegen Mauern rannte, weil ihm niemand glaubte.

Wenn sich das Buch teilweise zu minutiös liest und ganze E-Mail-Wechsel abgedruckt anstatt zusammengefasst werden, dann spricht daraus eben immer noch die Verzweiflung von jemandem, der weiß, dass sein Kollege lügt, dass der Spiegel vor einer großen Blamage steht (Moreno wollte die Veröffentlichung der Reportage, an der die beiden gearbeitet haben, noch verhindern), und sehen muss, dass alle anderen Beteiligten in der Redaktion mit Karacho auf die Katastrophe zusteuern.

Moreno hätte jeden Grund, sauer zu sein auf den Spiegel. Insofern ist sein Buch von bewundernswerter Ausgewogenheit. Zum Beispiel die Dokumentation, die Abteilung, die beim Spiegel die Artikel auf sachliche Fehler überprüft. Die Dokumentation hat im Fall Relotius versagt, ganz klar. Aber Moreno weist darauf hin, dass sich der Spiegel als eines der ganz wenigen Medienhäuser überhaupt eine Dokumentationsabteilung leistet. Grundsätzlich ist die Überprüfung von Fakten in deutschsprachigen Medien viel weniger verbreitet als in Großbritannien oder den USA. Es gibt dazu ein wunderbares Buch, das US-amerikanisches „fact-checking“ anhand nur eines Artikels zeigt, der sieben Mal zwischen Reporter und Dokumentar hin- und hergeht.

Aber dazu braucht man eben Zeit. Moreno spricht den Zeitdruck an, weil die fragliche (und fragwürdige) Geschichte über den Flüchtlingstrek aus Guatemala und Honduras erscheinen sollte, bevor er die Grenze mit den USA erreichen würde. Aber meiner Meinung nach stellt er diesen Punkt nicht genug heraus. Andererseits erscheinen auch ständig Bücher mit sachlichen Fehlern, wo eine Menge Zeit zum Nachprüfen oder Nachfragen gewesen wäre, und gewinnen trotz erheblicher Mängel Preise.

Und Moreno stellt klar, dass Claas Relotius ein ganz besonderer Einzelfall ist, der keinesfalls für den Journalismus und nicht einmal für den Spiegel steht. Relotius ist ein notorischer Lügner, der sich aus jeder Lüge mit weiteren Lügen herausredet. Es scheint normal für ihn zu sein, auch wenn es ihm gar keinen Vorteil bringt. Das krasseste Beispiel: Als der Spiegel Relotius zum ersten Mal eine Festanstellung anbot, lehnte Relotius mit der Begründung ab, er müsse seine kranke Schwester pflegen. Nur: Relotius hatte nie eine Schwester. Wenn ihm der Spiegel Reisen in die Südsee bezahlt, lässt er die Tickets verfallen und bleibt lieber zuhause, von wo aus er angebliche Reportagen aus Kiribati schreibt.

Für „Lügenpresse“-Vorwürfe liefert dieses Buch also keine Nahrung.

Und jetzt wird es persönlich: Mich hat der Skandal beim Spiegel auch deshalb erschüttert, weil ich schon mit vielen Medien zu tun hatte. Von allen Zeitungen und Magazinen, Radiostationen und Fernsehsendern, die mich bisher interviewt haben, war der Spiegel mit Abstand das professionellste Medium. Der Reporter des Spiegel, Sven Röbel, hatte sich gut vorbereitet, nahm sich einen ganzen Tag Zeit für das Gespräch, fragte kritisch nach, überprüfte, wollte Unterlagen sehen. In den Tagen nach dem Gespräch meldete er sich mit Rückfragen. Vor Redaktionsschluss rief er mich an und gab mir den geplanten Text, soweit er mich betraf, Satz für Satz durch. So konnten wir noch zwei missverständliche Kleinigkeiten ausbessern. Das war alles höchst professionell!

Ach so, hier ist die Geschichte, um die es damals ging.

Links:

  • Mehr zum Thema Journalismus.
  • „Tausend Zeilen Lüge“ bei Amazon.
  • Mehr Bücher, einschließlich meiner bescheidenen Wunschliste (für den nächsten Aufenthalt im Gefängnis).
  • Und mehr aus dem Iran, falls der Bericht Euer Interesse geweckt hat. Da fällt mir ein, dass noch irgendwo das Manuskript rumliegt, das ich damals unmittelbar nach der Rückkehr aus dem Iran angefertigt habe…
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Leicht zu verwechseln (41) Sturm auf den Reichstag

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„Was seid Ihr nur für lächerliche Anfänger“, denkt sich Marschall Schukow.

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Stein-, Schotter- und Trümmergärten

Wenn man in Deutschland durch Dörfer und Kleinstädte geht, sieht man immer öfter Gärten, die nicht mehr aussehen wie Gärten, sondern wie KZ-Gedenkstätten. Ganz grau und trist. Viel Stein und Beton. Wie wenn jede Pflanze und jedes Tier ausgemerzt werden müssen, ganz im Einklang mit dem beliebten germanischen Gartenratgeber „Mein Kampf gegen das Unkraut“. Absoluter Vernichtungswille, wie er die deutsche Nation von Zeit zu Zeit kollektiv befällt.

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Das ist hässlich. Potthässlich. Grauenhaft.

Schottergarten vor einem Einfamilienhaus. Schottergärten sind in Baden-Württemberg eigentlich bereits verboten jetzt sol

Solche Gärten, die den Namen nicht mehr verdienen, sind lebensfeindlich. Hier singen keine Vögel. Hier summen keine Bienen. Und wer in so einem Garten der Grauens eine Katze hält, darf sich nicht wundern, wenn diese alsbald abskondiert oder sich suizidiert. Aufgehängt am Alibi-Bonsaibäumchen.

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Deprimierend ist dieser hortikulturelle Horror obendrein. Wer will denn so etwas sehen, wenn er aus dem Fenster sieht? Das können doch nur absolute Spießer sein, wahrscheinlich solche, bei denen die Wohnung zu jeder Zeit frischgeputzt und aufgeräumt aussieht. Da wohnen wahrscheinlich die Leute, die die Polizei rufen, wenn in der Nachbarschaft jemand grillt.

Aber eins muss ich zugestehen: Steingärten haben Tradition. Sie gehen zurück auf das Frühjahr 1945, als in Deutschland die Vorgärten so aussahen:

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Und diese historische Referenz kann kein Zufall sein. Denn die Steinmauern oder Gabionen, die man ohne dieses Hintergrundwissen leicht als das hässlichste Element dieser hässlichen Projekte abtäte, sind in Wirklichkeit Gedenkstätten für die Trümmerfrauen.

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Das Problem dabei ist jedoch, liebe Freunde des Steinbruchs, dass die Geschichte von den Trümmerfrauen weitgehend ein Mythos ist. Die Trümmerräumung war eine hoch stigmatisierte Arbeit, die während der NS-Zeit Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge verrichten mussten. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg überlebte die negative Konnotation dieser Arbeit, so dass die Alliierten deutsche Kriegsgefangene und NSDAP-Mitglieder zum Schuttwegräumen zwangen. Wenn Oma stolz erzählte, dass sie ganz allein Köln oder Nürnberg aufgebaut hat, dann war sie also wahrscheinlich ein Nazi.

Nur 1945/46 und nur ganz regional begrenzt, vor allem in Berlin und in der sowjetischen Besatzungszone, wurden teilweise Frauen zum Wegräumen des tausendjährigen Schutts verpflichtet. Meist nutze man dafür, was ja auch irgendwie Sinn ergibt, Maschinen.

Trümmerräumung München

Die Geschichte, dass die Frauen nach 1945 praktisch allein und freiwillig ganz Deutschland aufgeräumt und aufgebaut hätten, ist arg übertrieben. Sie entstammt dem Wunschdenken, die Zeit des Nationalsozialismus und der Niederlage möglichst schnell mit einer positiven Erzählung zu übertünchen. Die Konfrontation mit den Fakten zeigt, dass nicht alles stimmt, was Oma und Opa erzählt haben. Andererseits sind auch die nachfolgenden Generation nicht ganz unschuldig, glauben sie doch gerne das, was die Familie in besserem Licht dastehen lässt.

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