Manchmal hat das Kommittee für den Literaturnobelpreis etwas komische Ideen. So ging 2016 der Preis an einen Sänger, der gar keine Bücher geschrieben hat. 2018 wurde die Preisverleihung ganz vergessen. Aber 2015, das war ein völlig berechtigter Preis für Swetlana Alexijewitsch.
Dabei könnte man auf den ersten Blick denken, dass die Schritstellerin aus Weißrussland/Belarus selbst kaum schreibt. Denn ihre Bücher sind Collagen aus Erzählungen anderer Leute, ziemlich langen Erzählungen, immer über das ganze Leben, oft auch noch das der Eltern oder der Kinder. Aber Alexijewitsch hört zu, vor allem Menschen, denen sonst niemand zuhört, für die sich niemand interessiert, die vergessen und abgeschrieben wurden. Wie eine der alten Damen fragt: „Ich weiß gar nicht, wieso Sie zu mir kommen. Was soll ich ihnen schon erzählen?“ Und dann erzählt sie vom Zweiten Weltkrieg, von Stalin, von der Verbannung nach Sibirien, vom Kommunismus, von der Perestroika, von Hoffnungen und Enttäuschungen.
Die Leistung von Alexijewitsch besteht darin, diese Menschen ausfindig zu machen, zum Sprechen zu bringen, auch über persönlichste Dinge, und auch den richtigen Mix aus Alt und Jung, Parteikadern und Dissidenten, Politischen und Unpolitischen, Männern und Frauen herzustellen. Ich habe mir als erstes Buch Secondhand-Zeit: Leben auf den Trümmern des Sozialismus vorgenommen, in dem das Ende der Sowjetunion und die Zeit der Perestroika erzählt werden.
Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass ich beginne, die Zeit zu verstehen. Denn so unterschiedlich die Erfahrungen und Perspektiven der Hunderten von Stimmen sind, so kristallisiert sich doch ein weitgehender Konsens heraus. Allerdings ein Konsens, der auf Außenstehende verstörend wirkt.
Fast keiner der Gesprächspartner verklärt die Sowjetunion, aber alle sind nostalgisch.
Interessant, auch für die deutsche Ostalgie/Unrechtsstaat-Diskussion, finde ich, dass auch diejenigen mit nostalgischen Gefühlen überhaupt nicht leugnen, dass die Sowjetunion die Bevölkerung unterdrückte. Aber dennoch (S. 111):
Vielleicht war das ja ein Gefängnis, aber mir war in diesem Gefängnis wärmer.
Oder, ganz explizit auf den KGB bezogen (S. 58), betont einer, dass es zumindest allen gleich (schlecht) ging:
Alle hatten vor etwas Angst, auch diejenigen, vor denen man Angst hatte.
Fast alle Gesprächspartner haben gelitten in der Sowjetunion, manche waren selbst im Gefängnis oder im Arbeitslager, viele hatten Verwandte oder Eltern im Arbeitslager. Immer wieder fällt dann der Satz: „Aber wir haben Hitler besiegt.“ Aus dem Westen fällt es leicht, zu spotten über die Paraden am 9. Mai. Aber aus den Gesprächen mit den alten Menschen wird deutlich, wie sinnstiftend der Große Vaterländische Krieg und der Sieg über Nazi-Deutschland war. Von dieser kollektiven Anstrengung konnte die Sowjetunion anscheinend noch 45 Jahre lang zehren, obwohl die Gesprächspartner nicht verschweigen, wie grausam die sowjetischen Kriegsgefangenen nach der Rückkehr behandelt wurden (S. 52 f.) oder wie Zivilisten noch 40 Jahre lang dafür bestraft wurden, auf einstmals deutsch besetztem Gebiet gelebt zu haben (S. 100).
Manche verstehen ihre nicht rundherum ablehnende Haltung selbst nicht (S. 113/114):
Sie werden fragen … Sie müssen fragen, wie das alles zusammenpasst: unser Glück und dass nachts Leute abgeholt wurden. Manche verschwanden, manche weinten hinter der Tür. Daran kann ich mich irgendwie nicht erinnern. Ich erinnere mich nicht!
Oder eine Frau über ihre Eltern (S. 116):
Im Gefängnis hatten sie ihm die Zähne ausgeschlagen, ihm fast den Schädel zertrümmert. Und trotzdem blieb er sich treu, ist Kommunist geblieben … Erklären Sie mir das … Meinen Sie, sie waren Dummköpfe? Naiv? Nein, das waren kluge, gebildete Menschen. Meine Mutter las Shakespeare und Goethe im Original, und mein Vater hat an der Timirjasew-Akademie studiert.
Überhaupt, die Bildung, die Bücher, die Literatur, deren Bedeutung zieht sich wie ein roter Faden durch die Sowjetleben. Das macht sogar den Gulag akzeptabel (S. 56):
Im Lager hat Vater viele gebildete Menschen kennengelernt. Nirgendwo sonst hat er so interessante Menschen getroffen.
Hauptsache, nicht kleinbürgerlich-spießig (S. 169):
Mir vorzustellen, dass meine Mutter mit einem Stickrahmen dasitzt oder unsere Wohnung irgendwie schmückt – mit Vasen, Porzellanfigürchen – nicht doch! Das war sinnlose Zeitverschwendung. Kleinbürgerlich! Die Hauptsache war das Geistige … Bücher … Einen Anzug konnte man zwanzig Jahre lang tragen, und zwei Mäntel reichten fürs ganze Leben, aber ohne Puschkin oder ohne eine vollständige Gorki-Ausgabe konnte man nicht leben.
Mir ist das auf Reisen in Osteuropa überall begegnet. Man kommt in eine Plattenbauwohnung oder in ein windschiefes Holzhaus, wo man das Wasser aus dem Brunnen pumpen muss. Aber jeder hat eine tadellose Bibliothek. Und die Bücher wurden auch gelesen.
Die Bücher ersetzten uns das Leben. Das war unsere Welt. (S. 182)
Wenn jemand ein neues Buch beschafft hatte, konnte er damit zu jeder Tages- und Nachtzeit zu seinen Freunden kommen, auch nachts um zwei oder drei, er war ein willkommener Gast. (S. 70)
Sogar die tadschikischen Bauarbeiter, die jetzt im Moskau in der Kanalisation leben, schwärmen der Autorin von Omar Khayam vor (S. 468). Ich fühle mich deshalb in Osteuropa oft wohler als in Westeuropa, weil ich lieber über Bulgakow als über Bausparverträge spreche, lieber über Ilja Ilf als über Instagraph.
Die Größe der Sowjetunion war nicht nur eine historische, sondern auch eine geographische (S. 107):
Es war alles ein Land – fahr, wohin du willst! Damals gab es keine Grenzen … keine Visa und Zollstationen.
Das erinnerte mich an einen Besuch in Transnistrien, wo mich ein älterer Mann freundlicherweise zur Migrationsbehörde begleitete, um mein Visum zu beantragen und auch gleich mitzunehmen. Ich fragte ihn (ganz naiv), ob er seit dem Fall des Eisernen Vorhangs mehr reise. „Ach, das geht ja nicht mehr“, seufzte er. „Früher, ja, da konnte ich nach Estland, nach Litauen, nach Armenien, ans Kaspische Meer, an die Ostsee, nach Kirgistan, nach Samarkand. Aber jetzt brauche ich ein Visum für jedes dieser Länder, überall sind neue Grenzen.“
Die Interviewpartner sind erstaunlich offen, reden wie ein Wasserfall. Man kann sich richtig vorstellen, wie Swetlana Alexijewitsch auf dem Sofa in der Plattenbauwohnung sitzt, stundenlang zuhört und immer wieder Kekse und Tee serviert bekommt.
Fast jeder war für die Perestroika, wollte mehr Freiheit, einen anderen Sozialismus, aber alle sind enttäuscht von dem, was sie bekommen haben, nämlich eine Marktwirtschaft, in der die Banditen regieren.
Kaum jemand von uns ist geblieben, wie er war. Die anständigen Leute sind irgendwie verschwunden. Überall Ellenbogen und Zähne. (S. 35)
Das Ende der relativen Gleichheit stößt vielen sauer auf (S. 60):
Der „kleine“, der „einfache“ Mensch ist heute ein Nichts, eine Null.
Und auch der Materialismus, für den immer wieder die Wurst als Symbol herhalten muss.
Jetzt sind auch bei uns die Läden voll. Im Überfluss. Aber Berge von Wurst haben nichts mit Glück zu tun. (S. 57)
Gesiegt hat ihre Majestät die Wurst! (S. 192)
Viele wollen noch heute die Sowjetunion zurück, aber mit jeder Menge Wurst. (S. 542)
Das Gespräch mit einem Kreml-Insider ist auch ganz spannend, zum Beispiel als er davon berichtete, dass er kompromittierendes Material über Gorbatschow sammelte. Das Schlimmste, was zu finden war: Bei einem Besuch in London hatte Gorbatschow es versäumt, das Grab von Karl Marx zu besuchen (S. 149).
Dadurch, dass einzelne Gespräche wiedergegeben werden, stehen die Kapitel für sich, und man kann die Lektüre über einen längeren Zeitraum strecken. Das ist vielleicht auch besser, denn jede Lebensgeschichte für sich ist ein Drama, nach dem man eine längere Pause benötigt. Insbesondere nach 1990 scheint es in jeder Familie Suizidgedanken gegeben zu haben. Immer wieder springen Menschen aus dem Fenster. Einer zündet sich im Garten an. Andere drehen den Gasherd auf. Und viele Gesprächsfetzen hat die Autorin auf der Beerdigung eines Frontsoldaten aufgeschnappt, der sich vor den Zug geworfen hatte.
Oft sind es Kleinigkeiten, die im Gedächtnis bleiben, die aber das Ausmaß des Schreckens beschreiben. Aus der Erzählung einer Frau, die im Arbeitslager geboren wurde (S. 292):
Ich erinnere mich daran, wie die Jungen mich einmal gerufen haben, sie hätten eine Katze zum Spielen, und ich nicht wusste, was eine Katze ist. Die Katze hatte jemand von draußen mitgebracht, im Lager gab es keine Katzen, sie überlebten dort nicht, weil es nie Essensreste gab, wir sammelten alles auf. […] Wir aßen Gräser und Wurzeln und leckten Steine ab. Wir wollten die Katze gern füttern, aber wir hatten nichts […]
Im zweiten Teil, der die Zeit nach der Auflösung der Sowjetunion in den verschiedenen neuen Staaten behandelt, wird es nochmal richtig deprimierend. Berichte aus Tschetschenien, vom Kriegsbeginn zwischen Georgien und Abchasien lassen einen ratlos zurück. Im letzten Kapitel schreibt die weißrussische Autorin über die Niederschlagung der (früheren) Proteste in Belarus, aber zumindest da gibt es zur Zeit einen Hoffnungsschimmer. Falls die Revolution in Minsk gelingt, wird sie ihr Heil hoffentlich nicht im Kapitalismus und in der Wurst suchen.
Und die Jelzin-Jahre, als Stellenangebote wie „Putzfrau mit Hochschulabschluss gesucht“ am Zaun hingen. Als der Klempner einen Doktortitel hatte. Als Kriminelle mit der Entführung der Tochter drohten, falls man die Plattenbauwohnung nicht „verkaufte“. Als die Polizei nutzlos war.
„Secondhand-Zeit“ ist ein gewaltiges Buch. Nur auf den ersten Blick ist es ein Buch über die Sowjetunion und ihr Ende. In Wahrheit ist es ein Buch über die Menschheit. Der politische Umbruch hat nur das zutage befördert, was in uns allen schlummert.
Ich habe hier viel Leid zitiert, aber es gibt auch schöne Geschichten von Hilfsbereitschaft, wobei es meist die Ärmsten sind, die den anderen Ärmsten helfen. So wie die Frau, die zusammen mit ihrer Mutter obdachlos ist, die nicht einmal einen Schlafsack haben und die gegen den Hunger tagelang nur heißen Tee trinken. Aber wenn sie irgendwo Geld bekommen, geben sie es einer alten, irren Frau am Bahnhof, weil sie Mitleid mit ihr haben.
Und Geschichten von Liebe, wie die zwischen der Armenierin und dem Aserbaidschaner, die während des Kriegs zwischen Armenien und Aserbaidschan heiraten und eine Tochter bekommen. Gegen das, was sie durchmachen, war Romeo und Julia ein Kasperltheater.
Ich wünsche dem Buch v.a. viele westeuropäische Leser, die allzu gerne auf Osteuropa hinabblicken und es nur als Reservoir von billigen Arbeitskräften sehen. Vielleicht täte uns so ein Buch über die DDR gut, auch wenn die Umbrüche in Ostdeutschland nicht so dramatisch waren wie in der Sowjetunion.
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„Niemand wird dich mitnehmen, schon wegen des Coronavirus.“
„Ich glaube nicht, dass das klappt.“
„Heutzutage fährt niemand mehr per Anhalter.“
„Ist das überhaupt erlaubt?“
So die skeptischen Stimmen, als ich verkündete, von Ammerthal nach Wien, also eine Strecke von über 500 km, zu trampen.
Ammerthal ist ein kleines Dorf in Bayern, abseits aller Verkehrsströme. Diejenigen, die hier ihre Häuschen bauen und sich gerade das ausgiebige Wochenendfrühstück zubereiten, freuen sich über die Ruhe, die damit einhergeht. Diejenigen, die gerne in die weite Welt wollen, leiden darunter. Wie soll man je nach Timbuktu, Tiflis oder Tiraspol kommen, wenn die Straßen hier nach Götzendorf oder Weiherzant führen?
Und heute ist noch weniger los, weil Samstag ist. Samstagmorgen um 8 Uhr. Nicht irgendein Samstag, sondern Maria Himmelfahrt. In der Süddeutschen Zeitung habe ich am Morgen noch ein sehr schwurbeliges Interview mit einem Pfarrer gelesen, der Maria Himmelfahrt als „Sieg der Individualisierung über jeden Versuch der Entindividualisierung“ erklären wollte.
Die Leute, die an der Straße nach Ursensollen, wo eine Bundesstraße die Verbindung zur Außenwelt verspricht, nicht anhalten, haben das mit der Individualisierung wohl zu ernst genommen. Oder ganz falsch verstanden. Mehr als eine halbe Stunde stehe ich in dem Dorf, in das mich das böse Schicksal verschlagen hat, und niemand hält an. Manche Fahrer winken. Manche tun, wie wenn sie so blind sind, dass man ihnen eigentlich die Fahrerlaubnis entziehen sollte.
„Was machst du, wenn niemand anhält?“ wird man als Tramper manchmal gefragt. Die Standardantwort: „Wenn man lange genug wartet, hält immer jemand.“ Auch aus Ammerthal würde ich irgendwann wegkommen, da bin ich mir sicher. Aber die Bundesstraße ist nur 6 km entfernt, also mache ich mich zu Fuß auf den Weg. Natürlich halte ich unterwegs immer wieder den Daumen raus, aber hohe christliche Feiertage scheinen die Hilfsbereitschaft der überwiegend katholischen Landbevölkerung nicht zu fördern.
Sogar im Regen lassen sie mich stehen beziehungsweise gehen. Als ich durch ein Dorf namens Kotzheim laufe, fühle ich mich genauso. Das ist kein guter Start in den Reisetag.
Auch an der B299 fahren die Autos Richtung Kastl oder Neumarkt an mir vorbei. Nur die polnischen Fahrer bremsen ab und deuten entschuldigend auf die mit Kindern und Reisetaschen gefüllten Rücksitze. Ich winke dankend zurück. Niemand hat die Pflicht, für mich anzuhalten, das ist mir schon klar. Aber etwas Kommunikation von Mensch zu Mensch, das tut einfach besser als all die Fahrer, die stur geradeaus blicken, wie wenn sie mich nicht sehen. Das sind so Menschen, die wahrscheinlich auch an Obdachlosen vorbeigehen oder Katzen überfahren.
Eine junge Frau fährt vorbei, ohne anzuhalten. Dafür habe ich sogar volles Verständnis. Ich kenne zwar auch Frauen, die alleine trampen, aber man sollte die zusätzlichen Gefahren nicht kleinreden. Das gilt insbesondere in Amberg und Umgebung, wo die Ermordung der Tramperin Sophia Lösche im Jahr 2018 noch besonders im Gedächtnis ist.
Aber da passiert etwas Ungewöhnliches: Die junge Frau, die eben vorbeigefahren ist, hat umgekehrt. „Entschuldigung, aber ich war so überrascht, dass ich nicht sofort angehalten habe.“ Ich halte vielen Fahrern zugute, dass sie einfach nicht schnell genug reagieren. Ein weiterer Grund für Geschwindigkeitsbeschränkungen.
Seit das Trampen nicht mehr so verbreitet ist, denkt man als Autofahrer natürlich auch nicht daran, dass plötzlich Menschen mit Rucksack neben der Straße stehen. „Sie sind der erste Anhalter, den ich jemals gesehen habe“, sagt auch die junge Frau verwundert.
Sie ist Redakteurin beim örtlichen Fernsehsender Oberpfalz TV und fährt bis nach Neumarkt, wo ich hoffe, auf die A3 zu gelangen. Sie schwärmt regelrecht von der Corona-Zeit, weil die Journalisten endlich mal eigene Themen setzen können, anstatt Terminen und Einladungen und Veranstaltungen hinterherzuhetzen. Mehr Reportagen, mehr Hintergründe, weniger Vereinssitzungen. „Aber jetzt, wo sich alles wieder lockert, merke ich, dass wir schon wieder in den alten Trott zurückfallen. Leider.“ Das geht vielen so, scheint mir, sowohl beruflich als auch privat. Ich wünsche mir deshalb fast eine richtig lange und heftigere Pandemie, damit es die Chance auf ein richtiges Umdenken gibt. Weg vom Konsum, weg von der Geschwindigkeit, hin zum bewussten Leben.
In Neumarkt fährt sie mich noch extra zum Autohof in Berg, der direkt an der Autobahnauffahrt liegt. Ein Umweg für sie, aber eine große Hilfe für mich. Nach dem deprimierenden Morgen bin ich nun frohen Mutes für den weiteren Tag. Eine erfolgreiche, freundliche Fahrt hebt das ganze Gemüt. Sogar der Regen hat aufgehört. Und wenn auf Oberpfalz-TV mal eine Reportage übers Trampen kommt, dann wisst Ihr, wer den Anstoß dazu gegeben hat.
Ich packe das zuhause höchst professionell und artistisch vorbereitete Schild aus und stelle mich an die Ausfahrt des Rasthofes. Hier ist richtig viel los, zumindest im Vergleich zu den Feldwegen, die mein Dorf allenfalls notdürftig mit der Zivilisation verbinden.
Fahrer aus Rumänien und der Türkei halten an, nur um mir zu sagen, dass sie leider in die falsche Richtung fahren. Eine Familie aus Polen hält an, um mir zu sagen, dass leider das Auto voll sei. Es ist tatsächlich proppenvoll. Eine attraktive Frau aus Großbritannien hält und ist sichtlich enttäuscht, dass ich nach Südosten anstatt nach Nordwesten will. (Nächster Plan nach der Corona-Krise: Trampen ohne festes Ziel.)
Bald hält ein junges Paar. Die Beifahrerin kurbelt das Fenster herunter: „Du willst nach Österreich? Wir auch. Steig ein!“
Na, so ein Zufall! Zuerst geht eineinhalb Stunden gar nichts, und dann kommt gleich jemand, die ebenfalls Urlaub in unserem sympathischen Nachbarland machen und mich den ganzen Weg mitnehmen können. Jule und Chrissi fahren für ein paar Tage an einen Ort, dessen Namen ich schon wieder vergessen habe, von dem ich aber sowieso nicht weiß, wo er liegt. Ich kenne mich in österreichischer Geographie schlechter aus als in australischer. Keine Ahnung, wo Innerschmirn oder Sellrain liegen.
„Und wo musst du hin?“
„Nach Linz.“ Also eigentlich nach Wien, aber aus Linz hatte sich ein niederländisches Paar gemeldet, das meinen Blog liest und mich eingeladen hat, bei ihnen ein paar Tage Pause zu machen. Es gibt wirklich gute, selbstlose Menschen auf dieser Welt.
„Wo ist das?“
„So zwischen Passau und Wien. Ich denke, da werden wir schon vorbeikommen. Wenn wir erst in Österreich sind, können wir ja mal auf der Karte nachsehen.“
Jule nimmt die Geographie zum Glück nicht so auf die leichte Schulter und sieht gleich nach. Zum Entsetzen aller, die Österreich bisher als kompakten Kleinstaat abgetan haben, ist Österreich auch nach dem Vertrag von Saint Germain noch immer ziemlich groß und unübersichtlich. Linz ist überhaupt nicht in der Richtung vom Brenner, die die beiden einschlagen müssen. Stattdessen trennen sich die für uns jeweils sinnvollen Autobahnen schon in Regensburg, so dass sie mich in Parsberg am Autohof rauslassen.
Hui, das war knapp. Fast wäre ich so falsch gefahren wie jemand, der nach Bayreuth möchte und in Beirut landet.
In Parsberg ist etwas weniger Verkehr, aber die Stimmung lockerer. Die Leute wachen langsam auf. Ein Motorradfahrer hält an und fragt, ob ich einen Helm dabei habe. Leider nicht. Eine LKW-Fahrerin macht ein Foto von mir fürs Trucker-Instagraph. Die Polizei fährt vorbei, ohne mich zu verhaften. (So wie Männlichsein die Gefahr verringert, beim Trampen ermordet oder vergewaltigt zu werden, so reduziert weiße Hautfarbe die Gefahr, von der Polizei erschossen zu werden. Es schadet nicht, sich seiner unverdienten Privilegien bewusst zu werden.)
Zwei indische Frauen mit einem Auto voller Kinder halten und bieten an, mich bis nach Regensburg mitzunehmen. Weil ich dann in der Stadt stehe und stattdessen auf eine Fahrt mindestens bis nach Passau hoffe, lehne ich dankend ab.
Schon als sie wegfahren, bereue ich es. Das war der Fehler des Tages.
Auf eine Fahrt in einem indischen Auto zu verzichten, nur weil man auf ein zügigeres Fortkommen hofft, das darf nicht passieren. Vor allem nicht, wenn man über die Reise schreibt. Ich könnte mich grün und blau ärgern, Euch diesen Kulturkontakt vorenthalten zu haben.
Und ich ärgere mich noch länger, weil ab diesem Zeitpunkt, wie um mich zu bestrafen, gar niemand mehr hält. Wird sich Parsberg als ein ähnliches Provinznest wie Ammerthal herausstellen, aus dem ich nicht mehr herauskomme? Ich bin schon seit drei Stunden unterwegs und gerade erst im Nachbarlandkreis.
Erst nach 20 Minuten hält ein junger Mann, der trotz meiner gegenteiligen Aufforderung beim Sie bleibt. Er fährt schon vor Regensburg von der Autobahn, kann mich aber an einem Parkplatz an der Autobahn rauslassen. Mangels Tankstelle ist hier nicht so viel los, aber dafür kann man Leute ansprechen, wenn sie Dehnübungen machen oder von der Toilette kommen.
Aber wie Ihr schon wisst, bin ich schüchtern, so dass ich mich erst einmal stumm mit meinem Schild neben den Parkplatz stelle. Ich inspiziere die Autokennzeichen, eines ist aus Passau. Das liegt genau auf dem Weg und würde mich bis an die Grenze bringen. Die Fahrerin erblickt mich, steigt aus und ruft mir zu:
„Wo wollen’s denn hin?“
„Passau wäre super.“
„Na, dann steigen’s halt ein.“
So einfach geht das.
Die ältere Frau ist auf dem Rückweg aus Metz in Lothringen, wo ihr französischer Mann wohnt. Manchmal lebt das Paar dort, manchmal in Passau, manchmal gönnen sie sich etwas Ruhe voneinander, und einmal im Jahr fahren sie in den Urlaub nach Italien, seit 20 Jahren in das gleiche Hotel. „Nicht immer zusammen zu wohnen macht die Ehe erträglich“ gibt sie mir und damit den Leserinnen und Lesern einen wichtigen Rat fürs Leben mit.
Um 12 Uhr fahren wir durch Regensburg, etwa 70 km von dem Ort entfernt, von dem ich um 8 Uhr aufgebrochen bin. „Da sind Sie aber nicht weit gekommen heute“, stellt die Frau gnadenlos fest. Aber jetzt geht es gut voran, immer entlang der Donau, die für die Frau aus Passau eine zwiespältige Sache ist. Dort laufen Donau, Inn und Ilz zusammen, was regelmäßig zu Hochwasser und Überschwemmungen führt.
„2013 war am schlimmsten“, erzählt sie fast stolz. „Das Erdgeschoss war komplett überflutet, und im ersten Stock stand das Wasser 1,80 Meter hoch. Die Bücher waren verklebt wie Beton, absolut unbrauchbar. Nur die Schallplatten konnte ich wieder trocknen, die funktionieren noch immer.“
Im Autoradio läuft gerade „Life is live“. Sie dreht lauter und klopft mit den Händen auf dem Lenkrad den Takt mit.
„Wer hatte denn die Idee, an so einem Ort eine Stadt zu bauen?“ wundere ich mich, aber sie weiß es auch nicht. Mir scheint das ein ähnlich trotziges Projekt wie Manaus am Amazonas. Am Rückspiegel baumelt ein Holzkreuz aus Altötting, vielleicht ruht darauf alle unbegründete Hoffnung.
Sie lässt mich raus am Rastplatz Donautal, der gerade nicht überflutet ist. Hier muss ich mein Schild ändern, das unkonkrete „Ö“ in „LINZ“ konkretisieren. Gerade nehme ich diese Arbeit in Angriff, da kommt ein Mann in zerschlissener Kleidung und mit großer Einkaufstüte mit wenigen leeren Flaschen darin. Er fragt mich, ob ich ihm nicht einen Euro geben können.
„Sehen Sie, ich bin ganz zerschlissen“, sagt er, wie wenn ich das übersehen hätte können. Er arbeite den ganzen Tag auf dem Parkplatz, aber heute habe er erst sechs Flaschen gesammelt. (Oder er hat seine bisher gefundenen Schätze schon in seinem Auto deponiert.)
Ich öffne das Portemonnaie, wo nur 2-Euro-Münzen drin sind, was mir etwas viel erscheint.
„Das passt schon. Zwei Euro sind üblich hier“, sagt er gewitzt und so selbstsicher, wie wenn irgendwo eine Satzung mit seinen Gebühren aushinge.
„Ich habe selbst nicht allzu viel“, sage ich. „Sonst wäre ich doch nicht per Anhalter unterwegs.“
„Sie haben sicher mehr als ich“, entgegnet er, zurecht etwas angesäuert über den gar nicht zerlumpten Schreiberling, der auf mittellos macht, um Material für eine Geschichte zu sammeln, während er Flaschen zum Überleben sammelt.
„Da haben Sie wahrscheinlich Recht“, gestehe ich und überlege noch, ob ich ihm die absolut angebrachte Zurechtweisung mit zwei Euro vergüten soll.
Aber er denkt schon weiter: „Wo wollen Sie denn hin?“
„Nach Linz.“
„Da, der junge Mann in dem roten Auto, der fährt nach Linz. Der nimmt Sie sicher mit.“
Ich gehe zu dem jungen Mann in dem roten Auto, einem alten Opel Corsa oder so.
„Fährst du nach Linz?“
„Ja.“
„Könntest du mich mitnehmen?“
„Ja klar.“
Ich will mich noch bei dem hilfsbereiten Flaschensammler bedanken, aber er ist schon weitergegangen und spricht mit neuen Kunden.
„Wieso sucht der sich keine Arbeit?“ werden viele denken, wenn sie einen Mann im löchrigen gelben T-Shirt sehen, der tief in Mülleimer greift. Aber seine Recycling-, Gesprächs- und Vermittlungsdienstleistungen sind wertvoller als die sogenannte Arbeit von Marketing Key Account Executive Assistants oder Handyhüllenhändlern.
Der junge Mann, der aus Bonn nach irgendwo in Österreich zu seiner Freundin fährt, braucht sich hingegen seit der Explosion im Hafen von Beirut keine Sorgen mehr machen, dass jemand den Wert seiner Arbeit geringschätzt. Er ist Chemiker und forscht und promoviert zu Detektionsmethoden für gefährliche Stoffe in Schiffscontainern.
Es ist schön, auf einen Naturwissenschaftler zu treffen, der ebenso skeptisch wie ich gegenüber technischen Lösungen für die Probleme der Menschheit ist, von Energie bis zum Klimawandel.
Zweimal rammen fette SUVs fast das kleine rote Auto, wie wenn deren Fahrer ahnen, dass wir uns über die Naivität derjenigen echauffiert haben, die glauben, dass ein Elektro- oder gar ein heuchlerischer Hybridantrieb etwas an der Energieineffizienz ändert, ein 2-Tonnen-Gefährt zum Bewegen einer 80-kg-Person zu verwenden.
Leute mit kleinem Auto ohne Klimaanlage, wo bei Regen die Fenster von innen beschlagen, weil es irgendwo undicht ist, nehmen übrigens öfter Tramper mit als Leute in SUVs, die alles außerhalb ihrer Blechkiste als feindliche Welt betrachten und mit ihren Tanks am liebsten über die Schützengräben in Westflandern wälzen würden.
Ich bin fast traurig, als wir am Rasthof in Ansfelden südlich von Linz ankommen, weil es so eine interessante Unterhaltung war, von Recycling bis zu Rechtsextremismus, von Vielfliegerei bis zum Völkermord. Darüber habe ich ganz vergessen, nach dem Namen des jungen Mannes zu fragen, der unsere Seehäfen sicherer und unsere Straßen sympathischer macht. Aber seine Buchempfehlung habe ich mir gemerkt: „Die Menschheit schafft sich ab“ von Harald Lesch, sicherlich besser als das ähnlich lautende Buch von Thilo Sarrazin.
In Ansfelden warte ich nur 5 Minuten, bis mich zwei Schüler die restlichen 10 km in die Innenstadt von Linz mitnehmen. Sie fahren zur Wohnung der urlaubenden Oma, um die Pflanzen zu gießen. Schade, dass nicht mehr Leute wissen, dass es dafür Profis wie mich gibt, so dass sich die Enkel stattdessen auf die Matura vorbereiten könnten.
Louise und Luuk, die beiden Niederländer, die mich nach Linz eingeladen haben, hatten auch angeboten, mich von unterwegs abzuholen. Auch sie waren ein wenig skeptisch, was das Autostoppen anbelangt, wie es in Österreich heißt. Gar nicht skeptisch hingegen sind sie bezüglich Gastfreundschaft. Obwohl sie von mir nur ein paar Artikel kannten, laden sie mich in ihr Haus ein, verbringen das Wochenende mit mir, gewähren mir ein eigenes Zimmer mit eigenem Bad, und kochen auch noch von früh bis spät.
Dabei hätten sie eigentlich genug zu tun, denn sie sind (auch) Autoren und Übersetzer. Luuk hat unter anderem die Graphic Novel „Jeden Tag Sterben“ über den Ersten Weltkrieg gezeichnet und geschrieben, beziehungsweise aus Originaldokumenten von Soldaten exzerpiert. Louise hat sie ins Deutsche übersetzt. Sie schreiben und editieren die Seiten www.HoeVrouwenDenken.nl und www.HoeMannenDenken.nl. Außerdem hängt noch das ganze Haus voll selbstgefertigter Kunst.
„Ist das nicht komisch, wenn man einfach bei fremden Menschen auftaucht?“ werde ich manchmal gefragt. Theoretisch könnte es das sein, aber auch diesmal stellt sich nach wenigen Minuten das unerklärliche Gefühl ein, wie wenn man sich schon ewig kennt. Manche Gastgeber haben ein Talent dafür. Und so sitzen wir lange Abende im Garten, reden, rauchen, und ich trinke mir mit Chili-Schnaps heftige Kopfschmerzen an. Außerdem nehme ich einige Kilo zu, weil Louise nicht nur gut und viel kocht, sondern mir auch noch die Reste für unterwegs einpackt.
Nur mit Hinweis auf den anstehenden Besuch in Mauthausen, wo ich wahrscheinlich nicht so viel Appetit haben werde, kann ich verhindern, Lasagne, fünf Tafeln Schokolade, belegte Brote und einige frisch gebratene Souvlakispieße, komplett mit Pommes und Salat, eingepackt zu bekommen.
Aber sie bestehen darauf, mich nach Mauthausen zu fahren, worum ich ehrlich gesagt ganz dankbar bin, denn aus der Großstadt (wozu wir Linz gnädig zählen wollen) rauszutrampen ist immer das Schwierigste.
Obwohl sich dieser Blog sonst nicht scheut, vollkommen Unzusammenhängendes in einen konstruierten Zusammenhang zu bringen, ist hier eine Grenze erreicht, die nicht überschritten werden sollen. Der Besuch der KZ-Gedenkstätte in Mauthausen bleibt deshalb einem separaten, ernsten Artikel vorbehalten. Hier muss genügen, dass Louises und Luuks Einschätzung, dass man in der Gedenkstätte locker einen halben Tag verbringen könne, absolut richtig lag. Den ganzen Vormittag war es passend grau und trüb, und wie immer an solchen Orten gleichzeitig schockierend und erhellend. Egal, wie viel man zu wissen glaubt, man lernt doch immer noch eine Menge dazu.
Erst als ich mich nachmittags wieder auf den Fußweg runter in die Kleinstadt Mauthausen mache, kommt die Sonne hervor, und zwar so kräftig, wie wenn sie den verpassten Vormittag mit aller Kraft nachholen möchte. Die mich überholenden Fahrradfahrer sehen mein WIEN-Schild am Rucksack und rufen „Viel Glück!“
Gleich an Mauthausen fließt die Donau vorbei. Da das Autostoppen fast keine Herausforderung mehr darstellt, kommt mir die Idee, stattdessen eine nautische Mitfahrgelegenheit zu ergattern. Tatsächlich biegt gerade ein Kahn um die Kurve. Leider fährt er in die falsche Richtung, stromaufwärts. Danach ist Flaute auf dem Fluss.
Na gut, dann bleibe ich eben doch wieder neben der Straße stehen. Das Thermometer vor der Apotheke zeigt 36º an. Die Eisdiele, bei der das Thermometer mehr Sinn ergäbe, ist geschlossen. Ich schmelze so schnell wie die Polkappen, nur dass man unter mir keine Bodenschätze finden wird.
Nach etwa 5 Minuten hält ein älterer Herr mit Brille und weißem Kurzarmhemd, Typ pensionierter Lehrer, und sagt: „Ach, junger Mann, hier stehen Sie noch ewig.“ Er mag Recht haben, denn Mauthausen ist nördlich der Donau, aber die A1 nach Wien verläuft südlich der Donau. „Da bringe ich Sie doch besser zur Autobahnauffahrt.“
Wir unterhalten uns darüber, wo ich herkomme und wohin ich will. Der Herr kennt Amberg, war schon ein paarmal dort und lobt die große Kirche auf dem Marktplatz. Er musste übrigens gar nicht zur Autobahn und fährt die 40 km Umweg nur wegen mir.
„Aber jetzt sind Sie doch mal ehrlich“, fordert er mich auf: „Sie hören sich so an, wie wenn Sie studiert haben.“ Anscheinend ist er schockiert, dass auch Akademiker trampen, und ich gestehe, dass ich Jus und Philosophie studiert habe und derzeit Geschichte studiere.
„Jus, Philosophie und Geschichte!“ entfährt es ihm anerkennend. „Da könnten Sie ja eigentlich Minister werden.“
„Ich warte auch schon die ganze Zeit auf den Anruf“, gebe ich vor, wobei das Telefon in Wirklichkeit ausgeschaltet im Rucksack liegt, weil ich nicht so scharf auf Büro- und Gremienarbeit bin.
„Wenn Sie Geschichte studieren, dann wird Sie interessieren, wo wir gerade vorbeifahren. Hier haben die Römer einen großen taktischen Fehler begangen. In Albing war ein römisches Legionslager und ein großes Kastell, so ab 170 nach Christus. An der Donau verlief ja der Limes, die Grenze des Römischen Reiches. Und nördlich davon lauerten die Germanen, eigentlich die Markomannen. Aber in der Donau liegt an dieser Stelle eine Insel, auf die die Markomannen heimlich vordrangen, und von dort das römische Lager angreifen konnten. Ein großer Fehler! Die Römer hätten eben auch diese Insel sichern müssen.“
Seine Sympathien sind auf Seiten der italienischen Invasoren, soviel wird klar.
„Die Römer haben sich dann letztendlich zurückgezogen und errichteten mit Lauriacum einen neuen Standort. Neben Carnuntum war das die bedeutendste Römersiedlung im jetzigen Österreich. Daraus entstand dann schließlich die Stadt Enns.“
„Auf diesem Weg wurden Österreich und Bayern christianisiert“, fährt er fort, ohne mir Zeit für mehr als ein anerkennendes „oh“ zu gestatten. „Das Christentum kam von Rom nach Norden, dann über Lauriacum nach Passau, was einst die größte Diözese im Heiligen Römischen Reich war. Sogar Oberösterreich gehörte damals zu Passau.“
Auf meine Frage, ob er ebenfalls Geschichte studiert hat, erklärt er: „Nicht richtig studiert, aber früher war ich viel mit meinem Bruder unterwegs. In ganz Europa“, und fügt träumend an: „Ach, es gibt so viele schöne und interessante Orte!“ Und während der Reisen hat er sich immer in die örtliche Geschichte eingelesen.
Das beschreibt meinen Modus Operandi ganz gut, nur dass ich nicht über solch ein gutes Gedächtnis wie der Privatgelehrte verfüge und die Details schnell wieder vergesse. Da ich während der Fahrten keine Notizen mache, ist auch die hiesige Vorlesung nur bruchstück- und vielleicht sogar fehlerhaft wiedergegeben.
„Da vorne sehen Sie eine schöne romanische Kirche. Das ist Rems.“ Er spricht es aus wie das französische Reims.
Er fährt mich direkt zur Auffahrt auf die A1, die nach Wien führt. In Österreich ist die Straßenplanung noch am Menschen, nicht nur am Auto orientiert, und ein breiter Seitenstreifen bietet Platz für Tramper und anhaltende Fahrer.
Ich warte nur etwa 5 Minuten, bis ein Ehepaar aus der Slowakei anhält. Marko ist Maschinenbauingenieur, hat in der Slowakei und in Deutschland studiert und war gerade zu einem Vorstellungsgespräch in Österreich. Für ihn war es gar keine Frage, dass er für mich anhielt: „Als ich in Magdeburg studierte, bin ich immer per Anhalter aus der Slowakei und zurück gefahren. Normalerweise habe ich zwei Tage für die Strecke gebraucht.“ Und mit der Präzision eines Ingenieurs: „An einem Tag schafft man zwischen 350 und 600 km.“
Seine Frau ist Anwältin. „Aber die letzten 6 Jahre habe ich nicht gearbeitet, weil wir in China lebten.“ Wie ich zu meinem Leidwesen selbst erlebt habe, verliert ein Jura-Abschluss mit Grenzübertritt schlagartig an Nützlichkeit.
Der Ingenieur ist ganz begeistert von China, von der Organisation, von der Infrastruktur. Auch die Ein-Kind-Politik findet der zweifache Vater aus ökonomischen und ökologischen Gründen richtig.
Die Anwältin hingegen bemängelt den Mangel an Freiheit und bedauert, dass sie in China nicht offen über Politik oder Menschenrechte sprechen konnte.
Er: „Aber schau mal, wie effizient China auf das Coronavirus reagiert hat.“
Sie: „Und sie kontrollieren effizient jegliche Berichterstattung darüber.“
Er: „Unsere Politiker reden immer über Menschenrechte und so, aber die sollen erst einmal Straßen und Krankenhäuser und Flughäfen wie in China bauen.“ (Mir persönlich ist unterwegs allerdings nicht aufgefallen, dass es zu wenig Straßen gäbe.)
Sie: „Man kann doch auch bauen, ohne die Uiguren einzusperren.“
Er: „Das stört in China aber niemanden.“
„Ja, so sind die Chinesen“, sagt die Frau traurig und im Bemühen, einen Konsens herzustellen. „Das Wichtigste für sie ist, dass es der Familie gut geht und dass sie genug verdienen. Für Politik interessieren sie sich überhaupt nicht.“
„Das ist aber nichts spezifisch Chinesisches“, mische ich mich ein. „Ich war gerade in Mauthausen, und genauso haben die Deutschen und Österreicher vor 80 Jahren auch gedacht. Und ich fürchte, die meisten würden es wieder tun.“
Vielleicht sind doch die Menschen das Problem, nicht die Chinesen oder die Deutschen.
Damit habe ich die Stimmung im Artikel und im Auto auf den Gefrierpunkt gebracht, und weil ich keine Schokolade zum Verteilen dabei habe, schlage ich einen radikalen Themenwechsel ein: „Marko, konntest du schon Deutsch, bevor du zum Studium nach Magdeburg gegangen bist?“
„Nein“, lacht er und erzählt die Geschichte seines Fremdsprachenerwerbs.
„Ich konnte weder Englisch noch Deutsch. Wir waren auf dem Gymnasium, als die Tschechoslowakei aufgelöst wurde und der Sozialismus endete. Bis dahin hatten wir Russisch als Fremdsprache gelernt. Nach den Sommerferien waren die Russischlehrer plötzlich Englischlehrer. Sie hatten sich irgendwo ein Buch besorgt, vielleicht auch Tonbänder, und sollten uns nun etwas beibringen, was sie selbst nicht konnten. Sie waren uns im Buch immer nur ein oder zwei Lektionen voraus.“
„Ich habe in der Schule null Englisch gelernt, wusste aber, dass ich es brauchen würde. Also bin ich nach dem Abitur mit einem Klassenkameraden in die USA geflogen, wo wir bei McDonalds gearbeitet haben. So wollten wir Englisch lernen.“
Ach ja, die wilden 1990er Jahre!
„Wir arbeiteten am Grill, Hunderte von Hamburgern am Tag, vielleicht Tausende. Und dann wurde mein Freund vom Grill an die Kasse befördert. Oh, ich war so neidisch, weil er sich nun mit den Kunden unterhalten konnte und sein Englisch viel schneller verbessern konnte.“
„Aber weißt du, was passiert ist? Es hat ihm gar nichts gebracht, weil man an der Kasse immer nur die gleichen fünf Sätze sagt: ‚Wie geht’s Ihnen?‘ ‚Zum hier Essen oder zum Mitnehmen?‘ und so weiter. Da lernt man gar nichts. Aber ich war am Grill und hatte keinen slowakischen Kollegen mehr, also musste ich mit allen auf Englisch sprechen, mit den Negern, mit den Brasilianern, mit den Mexikanern. Und deshalb ist mein Englisch jetzt so gut.“ Selbstbewusstsein hat er, auch wenn er Begriffe verwendet, die ein wenig aus der Mode gekommen sind.
„Und dein Deutsch?“ frage ich, denn das spricht er tatsächlich sehr gut.
„Mit Deutsch war es genauso. Die Europäische Union schrieb Stipendien aus, und ich wurde nach Magdeburg zugeteilt. Also machte ich in den Sommerferien einen Deutschkurs, aber verzweifelte an der Grammatik. Wirklich, ich habe null kapiert. Ich dachte mir, ach, in Deutschland kommt man sicher auch mit Englisch durch, das ist ja ein westliches Land. Aber Magdeburg war erst seit kurzem Westen. Die konnten noch kein Englisch, und ich hatte nie richtig Russisch gelernt. Ich ging also in alle Deutschkurse, die es gab: an der Fachhochschule, an der Otto-von-Guericke-Universität, an der Volkshochschule, ich hörte mir alles dreimal an, und weil ich die Sprache überall las und hörte, hat es schon langsam geklappt.“ Da ist er jetzt aber bescheiden, denn anscheinend war sein Deutsch innerhalb eines halben Jahres gut genug für eine Stelle am Fraunhofer-Institut.
Als mich die lustigen Slowaken in Wien am Bahnhof Perchtoldsdorf absetzen, kann ich selbst kaum glauben, aber: Es hat geklappt!
All die Zweifler und Skeptiker, die sagten, dass man während der Pandemie nicht trampen kann, dass so etwas sowieso nicht funktioniert, dass es das gar nicht mehr gäbe oder dass es verboten sei, die müssen sich etwas anderes zum Zweifeln oder Skeptizieren aussuchen. Oder einfach mal selbst probieren.
Louise aus Linz sagte, als ich vom Trampen erzählte: „Das hört sich nach einer guten Therapie für ängstliche Menschen an. Wer immer nur Schreckensmeldungen liest und glaubt, dass die ganze Menschheit schlecht und böse sei, und dass an jeder Ecke das Verbrechen lauert, der muss eigentlich nur mal einen Tag mit dir unterwegs sein.“ Eine gute Idee!
Die Explosion im Hafen von Beirut letzte Woche weckte nicht nur die Leute, die gerade ihren Mittagsschlaf machten, sondern auch Erinnerungen an meinen Besuch in jener Stadt. Es war eine kurze Visite, kaum ausreichend für einen ersten Eindruck, und sie liegt viele Jahre zurück. Damals machte ich weder Fotos noch Notizen. Es war in der dunklen, alten Zeit bevor ich das Schreiben entdeckte, und noch als Rechtsanwalt schuftete und schwitzte. Aber lasst mich versuchen, ein paar Fragmente aus der Erinnerung zu reaktivieren.
Es war im Jahr 2005, und Beirut, oder eigentlich der ganze Libanon, war gerade von einer anderen massiven Explosion erschüttert worden, die Rafik Hariri, den Premierminister getötet hatte. Zu jener Zeit explodierte im Libanon alle paar Wochen etwas, und damit war es das perfekte Reiseziel für mich. Ich bin einfach nicht der Typ für einen langweiligen Strandurlaub.
Das war in Israel, aber vielleicht kam die Rakete aus dem Libanon.
Ich habe noch den Lonely-Planet-Reiseführer für Libanon und Syrien, 2. Auflage von 2004, und ich blättere ihn jetzt durch. Ich hätte den Ort meiner Unterkunft im Stadtplan markieren sollen. Da ich das nicht habe, nehme ich an, dass ich damals ziemlich optimistisch bezüglich meiner Orientierungsfähigkeit war. Weil ich das System der Busse nicht auf Anhieb verstand, ging ich überall hin zu Fuß. Außerdem ist zielloses Herumschlendern die beste Art, eine Stadt zu erkunden.
Nur bei der Ankunft hatte ich ein Taxi vom Flughafen genommen. Es war schon dunkel, und entweder es gingen an dem Abend keine Busse mehr oder einer der Taxifahrer war zu schnell und geschickt darin, mich von der Straße wegzufangen. Ich erinnere mich an eine Menge Schlaglöcher, so groß, dass sie kaum von normaler Abnutzung entstanden sein konnten, und an Panzer am Straßenrand.
Es gibt so ein bestimmtes Reisegefühl, das ich liebe: Zum ersten Mal in einem Land ankommen, ohne jemanden zu kennen, ohne die Sprache zu sprechen, nicht zu wissen, wo ich unterkommen werde, und keine Ahnung, was als nächstes passiert. Und aufsteigender Rauch, Panzer in den Straßen, Gewehrsalven, die den Nachthimmel erleuchten. Es herrscht eine gewisse Anspannung, klar, vielleicht ist man auch ein bisschen besorgt, aber Aufregung und Neugier gewinnen mit großem Vorsprung. Wahrscheinlich musste ich die ganze Fahrt über grinsen.
„Wohin soll ich Sie fahren, Sir?“
„Ich suche nach einer günstigen Unterkunft, vielleicht so um die 20 $ pro Nacht.“ Das war die Grenze zwischen billig und nicht billig im Lonely-Planet-Reiseführer, zumindest damals. Und weil alles neu für mich sein würde, war es mir eigentlich egal, in welchem Viertel ich unterkommen würde.
Ich erinnere mich, dass wir die ganze Zeit geradeaus fuhren, was zeigte, dass es sich um einen fairen Taxifahrer handelte, und dann bog er rechts ab, und wir waren schon da. Er brachte mich in den zweiten oder dritten Stock eines Wohnblocks, läutete an der Tür und erklärte mein Anliegen.
„Für wie viele Nächte?“ fragte ein älterer Herr.
„Drei Nächte“, sagte ich spontan. Ich hatte insgesamt nur eine Woche, und den Rückflug hatte ich aus Damaskus gebucht, so dass ich noch nach Syrien musste. Ich empfehle grundsätzlich, Flüge so zu buchen, weil man dann eine grobe Route hat. Aber alles dazwischen würde ich frei lassen und einfach mit dem füllen, was so auf dem Weg liegt.
Es muss schon nach 23 Uhr gewesen sein, denn der Eigentümer der Herberge brachte mich sofort zu Bett, für das er nur 6 $ pro Nacht veranschlagte. Ich teilte das Zimmer mit 5 anderen Männern. Nun stört mich die nahöstliche Geräuschkulisse aus Sirenen, Muezzin und Scharfschützen nicht, aber wenn jemand schnarcht, dann bekomme ich kein Auge zu. Die Männer sahen alle aus wie Bauarbeiter, und sie schnarchten wie Bären. Ich schlief wirklich schlecht, falls überhaupt, außer in den letzten Morgenstunden, weil die Zimmergenossen ganz früh gehen mussten, um ein Gebäude zu reparieren, das explodiert war. Als ich endlich aufstand, merkte ich, dass ich in einer ganz gewöhnlichen Wohnung war, die zu einem Hostel umfunktioniert worden war. Das war AirBnB vor dem Computerzeitalter. Es geht also auch ohne den ganzen Technikschnickschnack.
Am nächsten Tag begann ich mit dem ziellosen Herumstreunen. Ich kam an den Platz, wo Rafik Hariri ermordet worden war und sah, was für eine enorme Bombe das gewesen sein musste.
Überall in der Stadt hatten die Gebäude noch Narben vom libanesischen Bürgerkrieg, über den ich als Kind so viel in der Tagesschau gesehen hatte, ohne jemals etwas davon zu verstehen. Außer dass es gefährlich und kompliziert war, was wahrscheinlich meine Faszination für Beirut begründet hatte.
Wenn man an der Corniche, der Strandpromenade, entlang ging, fühlte man sich wie in einer normalen Mittelmeerstadt. Die Leute schlenderten auf und ab, die Wellen überschlugen sich, Männer verkauften geröstete Nüsse, Kinder schrien vor Vergnügen, Jugendliche sahen so attraktiv wie möglich aus. „Paris des Ostens“ war die Stadt vor dem Bürgerkrieg genannt worden. Wenn ich mir die Gebäude ansah, konnte ich nichts davon erblicken. Aber wenn ich die Leute ansah, dann erkannte ich es.
Ich hatte keine Zeit gehabt, um mich auf die Reise vorzubereiten. Am Flughafen in Istanbul war ich am Flugsteig nach Beirut der einzige Weiße unter lauter Orientalen, wie man vor Edward Said gesagt hätte. Einer von ihnen fragte mich ganz besorgt: „Sind Sie sicher, dass Sie nach Beirut wollen?“ Nun ja, einen Ersatzplan hatte ich nicht. Eine junge Frau, sehr attraktiv, die für die UNO in Wien arbeitete und wegen Weihnachten nach Hause flog, gab mir eine Menge Tipps und Ratschläge, wohin ich gehen solle. Ich schrieb alles auf, aber sie empfahl nur Bars, Diskotheken und andere Party- und Paarungsplätze. Als sie aufstand, sagte einer der Männer: „Ich glaube, die junge Dame hat den Zweck Ihrer Reise nach Beirut missverstanden“, und lächelte vielsagend verschwörerisch. Ich warf die Notizen später weg, obwohl ihr Name und ihre Telefonnummer darauf standen. Aber was soll’s, ich hatte ja sowieso kein Telefon.
Die fehlende Vorbereitung führte wahrscheinlich dazu, dass ich eine Menge schöner Orte verpasste. Aber einen, den ich nicht übersehen konnte, war der Campus der Amerikanischen Universität in Beirut. Mit einem eigenen Strandabschnitt sah es wie an einer Universität in Kalifornien auf. Vielleicht sollte ich mir diese Universität für ein Auslandssemester aussuchen. Ich meine die in Beirut, nicht in Kalifornien. In den USA sind mir die Leute zu verrückt, und alle tragen Waffen.
Ich erinnere mich auch, wie ich die Grüne Linie entlang spaziert bin, die während des Bürgerkriegs von 1975 bis 1990 zeitweise als Demarkationslinie gedient hatte. Jetzt war es einfach nur eine gewöhnliche Straße. Nichts daran war gefährlich, obwohl die Leute sagten, dass im südlichen Abschnitt die Hisbollah wohne. Ich hatte denjenigen meiner Pässe ohne Stempel aus Israel dabei, also machte ich mir keine Sorgen. Woran ich merken würde, wo die Hisbollah-Zone beginne, fragte ich. „Mehr Typen mit Waffen“, sagte jemand. „Du wirst es daran erkennen, dass dort die Müllabfuhr funktioniert“, scherzte ein anderer, und ich verstand, warum Menschen eine Partei wählen, die anderswo als Terrororganisation eingestuft wird.
Jetzt ist es nicht mehr so grün. Frieden ist schlecht für die Natur.
Immer wenn ich einen Laden betrat, wünschten mir die Menschen „Frohe Weihnachten“, und ich hatte echt Probleme, das mit der Abwesenheit jeglichen Schnees, mit den warmen Temperaturen und mit den arabischen Schriftzeichen in Einklang zu bringen. Viele Leute, die noch nicht im Nahen Osten waren, stellen sich die Region als monoreligiös muslimisch vor, aber so ist es nicht. Es gab eine Reihe von Kirchen, die die Tore weit offen hatten, so dass ich im Vorbeigehen die Chöre und Gesänge hörte. Und vor jeder Kirche stand mindestens ein Panzer mit Soldaten.
Weil ich damals noch nicht schrieb, machte ich vieles anders als ich es jetzt tun würde. Anstatt in die Kirche zu gehen, ging ich ins Kino und guckte „Lord of War“, einen Film über einen Waffenhändler. Kein besonders guter Film, aber ich fand ihn irgendwie passend für den Ort.
Wenn ich mit Leuten ins Gespräch kam, fragten sie mich natürlich, woher ich kam und was ich beruflich machte. Als ich, ganz der Wahrheit verpflichtet, sagte, dass ich ein Rechtsanwalt aus Deutschland sei, weiteten sich die Augen, die Menschen wurden noch höflicher und einmal sagte eine Frau in einem Falafel-Laden darauf: „Für Sie kostet es nichts. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg!“
Erst am zweiten oder dritten Tag, als ich die örtliche Zeitung Daily Star las, verstand ich, warum ich mit so unangebrachter Ehrfurcht behandelt wurde. Ihr erinnert Euch an den libanesischen Premierminister, der ein paar Monate vorher ermordet worden war? Die Untersuchung der libanesischen Behörden verlief im Sand, und deshalb ernannte die UNO einen Sonderermittler. Dieses Amt übernahm Detlev Mehlis, ein deutscher Staatsanwalt, und seine Untersuchung war zu dem Zeitpunkt noch im Gange. Er wurde im Libanon hochgeschätzt, und die Menschen setzen große Hoffnung in die internationale Untersuchung. Und wenn sie in Beirut einem deutschen Juristen begegneten, nahmen sie anscheinend automatisch an, dass dieser zu seinem Team gehörte.
Aber die Menschen waren überhaupt sehr freundlich. Als ich am Abend in die Wohnung zurückkam, fragte mich der Sohn des Eigentümers, ob alles in Ordnung sei. Ich sagte, halb im Scherz, dass ich besser tagsüber schlafen und nachts spazieren gehen sollte, um den schnarchenden Männern in meinem Zimmer zu entgehen.
„Oh, das tut mir leid!“ entschuldigte er sich für etwas, wofür er nichts konnte. „Lass mich mit meinem Vater sprechen, vielleicht finden wir ein separates Zimmer für dich.“
Das waren gute Nachrichten, und ich sagte ihm, dass ich dafür natürlich mehr zahlen würde.
Er sprach kurz mit seinem Vater und informierte mich: „Wir hätten für die nächsten zwei Nächte ein privates Zimmer für dich. Das kostet allerdings 20 $ pro Nacht, wäre das akzeptabel?“
Es war äußerst akzeptabel.
Und als er mir das Zimmer zeigte, merkte ich, dass es das Schlafzimmer des Vaters war, der für zwei Nächte auf die Couch im Wohnzimmer umzog, nur damit ich mich richtig ausruhen konnte. Ich fühlte mich nicht gut darüber, einen Greis aus seinem Bett verdrängt zu haben, und wollte schon anbieten, dass stattdessen ich im Wohnzimmer schlafen könne. Aber auch da lagen schon mehrere Leute, und vielleicht hätte ich wieder keinen Schlaf bekommen.
Die Wohnung war in der Nähe des Busbahnhofes Charles Helou, nur 300 Meter von dem Hafen, der letzte Woche vollständig zerstört wurde. Natürlich frage ich mich jetzt, was aus den Leuten geworden ist, bei denen ich damals wohnte. Wenn sie überlebt haben, räumen sie wahrscheinlich gerade auf, so wie es die ganze Bevölkerung macht und damit das staatliche Vakuum füllt.
Wenn Ihr an den Libanon denkt, vergesst übrigens nie, dass dieses von Kriegen, Bürgerkriegen, Währungsverfall, Inflation und Lebensmittelknappheit geplagte Land pro Kopf die größte Zahl an syrischen Flüchtlingen aufgenommen hat. Wenn dieses kleine Land mit so vielen Problemen einen Flüchtenden für vier seiner Einwohner aufnehmen kann, dann können auch wir Europäer ein bisschen großzügiger sein.
Aber 2005 sah das niemand kommen. Ganz im Gegentum, am letzten Tag ging ich zum Busbahnhof Charles Helou und fragte nach einem Bus, der mich nach Syrien bringen würde. „Zahl auf keinen Fall mehr als 10 $“, hatte mich mein Gastgeber angewiesen, besorgt, dass mich jemand übervorteilen würde. Aber der Busbahnhof war gespenstisch leer und windig.
„Die Busse fahren nicht mehr, weil in den Bergen zwischen dem Libanon und Syrien ein Schneesturm tobt.“ Das war schlecht, denn in drei Tagen musste ich den Flug aus Damaskus erwischen. Aber die abenteuerliche Geschichte, ob und wie ich es nach Syrien geschafft habe, hebe ich für ein anderes Mal auf…
Spenden für Beirut. Nein, wartet, die brauchen Millionen, das bekommen wir nicht zusammen. Aber um diesen Blog am Leben zu halten, da hilft jeder Euro. Danke!
Deutsche schmieden gerne große Pläne. Weltherrschaft, Flughafen in Berlin, Weltraumbahnhof im Kongo, und so weiter. Unter all den schiefen Schlieffen-Plänen ist es schwer, eine Rangfolge zu erstellen, weil einer dümmer als der andere ist. Aber hiermit nominiere ich einen überraschend unbekannten Kandidaten als den dümmsten Plan aller Zeiten. Wobei ich andererseits vollstes Vertrauen in die anekdotenreiche Belesenheit meiner Leserschaft habe und deshalb auf Eure Nominierungen gespannt bin.
Aber zuerst zur Kattara-Senke.
Noch nie gehört?
Gut, denn so geht Ihr schlauer aus diesem Blog raus als Ihr hineingegangen seid.
Also, die Kattara-Senke ist eine Absenkung in der Libyschen Wüste, die verwirrenderweise nicht in Libyen sondern in Ägypten liegt. Aber Wüste ist Wüste, und auf der willkürlichen Grenzziehungskonferenz von 1884/85 konnten sich die gutmeinenden Europäer schließlich nicht in die Untiefen eines jeden Details hinabziehen lassen. Insbesondere nicht, wenn das Detail wie die Kattara-Senke 133 Meter unter dem Meeresspiegel liegt.
Das ist eine ziemliche Delle. Dieser erhebliche Produktionsfehler des Planeten fiel nur niemandem auf, weil er so weit weg von der nächsten Qualitätskontrolle in Kairo war. Klein ist die Senke allerdings nicht. Sie ist 120 km lang und 80 km breit. Wenn man da beim Wüstenspaziergang reinstolpert, krabbelt man nicht so leicht wieder heraus. Mit 18.000 km² ist die Senke etwa so groß wie Niederösterreich oder wie Sachsen, was Raum für tiefe und dunkle Senkenvergleiche böte, die jedoch nicht nur unterhalb des Meeresspiegels, sondern auch unter dem Niveau dieses Blogs lägen.
Tja, was macht man nun mit so etwas?
„Ignorieren“, sagte der Stoiker.
„Geführte Kameltouren anbieten“, sagte der ägyptische Tourismusminister.
„Eine geheime Chemiewaffenfabrik bauen“, sagte der benachbarte libysche Diktator.
„Einen Kanal vom Mittelmeer graben und Wasser in die Senke einleiten, das wegen des Gefälles mehrere Turbinen antreibt, die so Strom erzeugen. Außerdem wird damit ein künstlicher See erschaffen [etwa 33 Mal so groß wie der Bodensee], dessen Verdunstung dann abregnet und die Wüste ergrünen lässt. Hier können Tabak- und Bananenplantagen entstehen, wo die Afrikaner doch viel sinnvoller für uns Kolonialherren arbeiten können, anstatt flüchtend im Mittelmeer zu ertrinken“, sagte Professor Albrecht Penck, ein deutscher Geograph, Geologe und Experte für Mulden und Talkessel, der 1916 auf dem Rückweg von Australien in Ägypten Station machte und durch die lange Schiffsreise anscheinend nach Tatendrang lechzte.
Nun wütete zu jener Zeit der Erste Weltkrieg und jede Schaufel und Spitzhacke wurde für das Ausheben von Schützengräben und das Erschlagen von Feinden im Nahkampf gebraucht. Friedliche Kanalbuddelei am Sandstrand des Mittelmeeres galt demgegenüber als nachrangig.
Und dann verlor Deutschland durch den Versailler Vertrag von 1919 jeglichen Zugriff auf Afrika. Projekt zu Ende, könnte man denken. Aber Professor Penck gab nicht auf. Er begründete die Theorie vom Volks- und Kulturboden, von der Notwendigkeit eines größeren Lebensraums und Kolonialbesitzes für Deutschland. Den Deutschen gefiel das, sie wählten die Nazis und schickten Soldaten und Panzer in die ägyptische Wüste. Alles für das Projekt Kattara-See.
Aus jener Zeit stammt übrigens die Unsitte, dass deutsche Männer bis ins hohe Alter kurze Hosen tragen.
Aber für Modekritik gibt es andere Blogs. Ihr seid hier, weil Ihr endlich wissen wollt, wieso man 1942 bei El-Alamein eine riesige Panzerschlacht veran- und damit die Wüste verunstaltete.
Wie Ihr seht, liegt El-Alamein (ganz rechts auf der Karte) genau da, wo der Kanal zur Kattara-Senke beginnen würde.
Nur ein Zufall? Das glaubt wohl niemand.
Und überhaupt: Wieso standen etliche britische Divisionen bei El-Alamein, obwohl sie sich auf die Landung in der Normandie vorbereiten hätten sollen?
Kairo war damals ein Nest der Spione, und so erfuhr der britische Geologe, Geograph und Geheimagent John Ball, der dank Erasmus-Semestern in Freiburg und Zürich gute Kontakte zur deutschen Gesteinsszene hatte, von den deutschen Plänen zur Flutung der Senke. Zuerst bot er sich an, mitzuarbeiten, vielleicht aus echtem Interesse, vielleicht von Anfang an mit perfiden Hintergedanken. Jedenfalls, als 1933 der Ruf Deutschlands durch einen gewissen Reichskanzler etwas zu leiden begann, sprang Ball ab und veröffentlichte noch im Herbst des gleichen Jahres seinen „eigenen“ Vorschlag zum Kanalbau und zur Energiegewinnung.
Und damit dürfte klar sein, warum sich 1942 Hunderttausende von deutschen, italienischen, britischen, südafrikanischen, französischen, griechischen, indischen, australischen und neuseeländischen Soldaten gerade bei El-Alamein trafen. Dank der wüstenerprobten Australier gebührte der Sieg der britischen Seite, und die Deutschen zogen ab Richtung Tunesien. Dort gründeten sie Feriendörfer, in die sie aus Reminiszenz an welterobernde Zeiten noch immer regelmäßig einfallen.
Aber, um den Hauptstrang dieser Geschichte nicht im Wüstensand versickern zu lassen wie das aus einem von einer Landmine abgefetzten Fuß sprudelnde Blut, was geschah mit der Kattara-Senke und dem verrückten Plan?
Geschichte wiederholt sich, könnte man hier meinen, denn Deutschland gab nicht auf.
Professor Friedrich Bassler, ein Wasserbauingenieur, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg der treibende Kopf. Weil Kolonialismus nicht mehr so toll klang, sprach er von einem „hydrosolaren Depressionskraftwerk“, was Wissenschaftlichkeit vortäuschte. Westdeutschland lebte bekanntlich unter dem Clausewitzschen Motto „Wirtschaft ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln“, und so förderte das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie die Pläne, Explorationen und Machbarkeitsstudien. Ägypten dachte sich wahrscheinlich „blöde Idee“, aber ließ die Deutschen gewähren. Wegen der von den gleichen Deutschen vorher großzügig um El-Alamein verlegten Minenfelder konnten die Ägypter diesen Teil des Landes sowieso nicht nutzen. (Die Idee, dass Deutschland und Großbritannien zuerst einmal die Minen räumen könnten, erscheint uns heute naheliegend, aber damals waren Kilowatt wichtiger als Kinderbeine.)
Der Plan war, wie gesagt, einen Kanal oder einen Tunnel vom Mittelmeer bis zur Kattara-Senke zu bauen, um dazwischen mit vom Wasser betriebenen Turbinen Strom zu erzeugen.
„Aber was, wenn die Senke vollgelaufen ist?“ fragt Ihr.
„Die Senke wird nie voll,“ antwortet Professor Bassler, „denn es ist so heiß in der Wüste, dass das Wasser genauso schnell verdunstet wie neues zufließt.“ Ein Perpetuum mobile, der Traum eines jeden Wissenschaftlers.
„Aber wenn die Senke nie voll wird, versickert das Wasser nicht schneller als es verdunstet?“
„Das haben wir alles berechnet, junger Mann. In den ersten zehn Jahren lassen wir mehr Wasser einlaufen, bis sich die Senke auf einen Spiegel von 60 Metern unterhalb des Meeresspiegel füllt. Dadurch steigt langsam die Oberfläche des Sees und damit die Verdunstung. Wenn wir dieses gewünschte Niveau erreicht haben, dann halten wir den Wasserkreislauf im Gleichgewicht. Damit gewinnen wir nicht nur Energie, sondern schaffen einen künstlichen See für Fischfang, Schifffahrt u.s.w. Es werden sich neue Städte und Siedlungen bilden, und Afrika wird so reich wie Europa.“
Etwa 80 hauptsächlich deutsche Wissenschaftler und Ingenieure arbeiteten an dem Projekt.
„Das ist aber doch Salzwasser“, wirft jemand vorsichtig ein, auf die wenigen Süßwasseroasen in der Senke verweisend.
„Salzwasser ist besser als gar kein Wasser“, antwortet der Wasserwissenschaftler, denn es geht ja nicht um seine Oasen. Außerdem war er wirklich fortschrittsgläubig, wie man damals, in den 1960er und 1970er Jahren eben so war.
Das einzige Problem war der Kanalbau. Die Länge von 55 bis 80 km wurde gar nicht als problematisch angesehen, schließlich hatte man den 164 km langen Sueskanal vor Augen. Nein, das Problem war ein bis zu 200 m hohes Gebirge zwischen dem Mittelmeer und der Kattara-Senke. Einen Tunnel zu bohren anstatt einen Kanal zu graben, das würde Jahrzehnte dauern. Außerdem war es zu teuer.
Aber auch dafür hatte Professor Bassler eine Idee: „Ich habe das alles schon ausgerechnet, und es ist ganz einfach. Wir bohren 213 Bohrlöcher entlang der Strecke, die der Wasserlauf nehmen soll. In jedes dieser Bohrlöcher stecken wir eine Atombombe mit einer Sprengkraft von 1,5 Megatonnen.“
Das entspricht dem Hundertfachen der Hiroshima-Bombe. In jedem einzelnen der 213 Bohrlöcher. In der Nähe eines tektonischen Grabenbruchs. Gefördert vom Bundeswirtschaftsministerium.
„Würde das nicht zur atomaren Kontamination des Wassers führen, Herr Professor? Da kann doch niemand mehr leben, weder Fisch noch Mensch.“
„Dagegen werfen wir Jodtabletten ins Wasser.“
Und dann starb dieses Projekt einen sang- und klanglosen Tod. Niemand weiß, ob es am Friedensabkommen von Camp David, an der Kernschmelze auf Three Mile Island oder an der Ermordung von Anwar as-Sadat lag. Vielleicht fiel der Bundesregierung einfach nur ein, dass man mit dem Geld eigentlich auch das BAföG erhöhen könnte.
Ein Spiegel-Artikel über das Kattara-Projekt von 1976. (Dachte hier jemand, ich hätte das alles erfunden?)
Ich habe von dem Projekt durch Niklas Maaks Buch „Technophoria“ erfahren.
Gerne würde ich Euch mal direkt aus El-Alamein berichten, aber selbst wenn ich per Anhalter dorthin reise, so bräuchte ich noch ein klein wenig Unterstützung für diesen Blog. Vielen Dank!
Nein, ich meine nicht Neowise, den aktuellen, die durch die Coronaviruspandemie erzeugte Langeweile ausnützenden, aufdringlich und mit Superlativen wie „extra hell“, „supersize“ und „nur für kurze Zeit im Angebot“ um Aufmerksamkeit heischenden Himmelskörper, der die Erdenbewohner in diesen Tagen kurz vom Telefon in den Himmel aufsehen lässt, nicht jedoch ohne dass sie vorher eben jenes Telefon zur Bestimmung bzw. Fremdbestimmung der optimalen Zeit und des optimalen Standorts für das himmlische Rendezvous hervorholen, währenddessen eifriger fotografieren als genießen und unmittelbar danach posten, sharen und liken. Denn für die meisten Menschen heutzutage zählt ein Komet nichts, wenn sie ihn nicht fotografisch gefangen nehmen und sie niemand für die Fotos lobt, die so oder besser schon dreizehntausendmal im Internet stehen.
Ich will Euch von einem anderen Kometen erzählen und Euch dabei mit in die Zeit nehmen, als Kameras noch Luxus und Telefone noch zu Hause angebunden waren. Eine Zeit, in der man sich ohne jegliche Ablenkung mit allen Sinnen auf die Natur einließ, einfach beobachtete, genoss, ungläubig staunte und in der man in der Einmaligkeit und Vergänglichkeit solcher Momente andächtig aufging.
Das Jahr war 1986, und der Vorbeiflug des Halleyschen Kometen stand an. Im Vergleich zu Neowise sagt dieser wesentlich öfter „Hallo, Erde“, aber damals war die Lebenserwartung noch so gering (numerisch und qualitativ), dass selbst das 75-jährige Intervall des rasenden Sterns als einmalige Chance verkauft wurde. Ich war damals 10 Jahre alt und konnte mit solch enormen Zeitspannen sowieso nichts anfangen. Oder ich war einfach schlecht in Mathematik.
Jedenfalls begab es sich zu jener Zeit, nach konkreter Berechnung durch Kopernikus und seine Kosmonautenkollegen, dass irgendwann der nächtliche und damit sichtbare Überflug von Captain Halley über unser kleines Dorf in Bayern errechnet, prophezeit und angekündigt worden war.
Es müssen ereignisarme Zeiten gewesen sein, denn seit Monaten war der Komet das große Medienthema. Wir kauften uns Wissenschaftsmagazine wie PM, kapierten gar nichts und hatten kein Geld mehr für Disneys lustige Taschenbücher übrig. Im Fernsehen, das damals nur drei nicht einmal rund um die Uhr werktätige Sender hatte, erklärten Physiker im Rollkragenpullover anhand von erbärmlich wackelnden Pappmachémodellen die Planeten und Kometen. Kapiert habe ich da auch nichts, aber ich erinnere mich, dass am Ende immer irgendein Pulver in einer Schale entzündet wurde und explodierte. Die Sendung hieß „Piff Paff Poff“ oder so. Die Bundespost schmeichelte sich bei der Bevölkerung für die bevorstehende Änderung der Postleitzahlen durch Herausgabe einer Sonderbriefmarke für den Halleyschen Kometen ein.
Für 80 Pfennig konnte man damals übrigens einen Brief von Bayern bis nach Bremen, Buxtehude oder Berlin (West) schicken, nicht aber nach Berlin (Ost), weil er da von der Stasi abgefangen wurde, was wir aber noch nicht wussten, weshalb wir immer dachten, die Verwandten in der DDR seien zu schofelig, zurückzuschreiben. Nur eines von vielen West-Ost-Missverständnissen.
Seit Monaten hatten sich die Leute, die anders als wir 10-Jährigen zu viel Geld hatten, Binokulare und Teleskope gekauft, Dachluken ausgebaut und für den Jahrhunderttag trainiert, geübt und manövriert wie es sonst nur die NATO tat, die alljährlich kanadische Soldaten die Grundschule in Ammerthal besetzen und damit für eine Woche den in meiner Erinnerung nur aus Völkerball bestehenden Sportunterricht ausfallen ließ. (Danke, Kanada!)
Aber ich schweife ab wie der ausgeleierte Schwanz eines seit Jahrmillionen ohne GPS durchs All irrenden Kometen. Zurück zu dem ereignisreichen Tag im Frühjahr 1986, den ich nicht mehr genau datieren kann, den ich aber auf März oder April verorte, zum einen weil es nicht mehr zu kalt war, um stundenlang in der nächtlichen Kälte auszuharren, zum anderen aus einem ereignisvollen, einschneidenden und epochalen Grund, den ich aus Gründen der Dramaturgie erst später in dieser Erzählung in Erscheinung treten lassen werde, so ich dies nicht vergessen sollte, wie ich andere Dinge vergessen habe, die jedoch davon unbeirrt den Kern dieser Geschichte ausmachen und deshalb unbedingt vorzuziehen sind.
Ich weiß aber ganz sicher, dass es ein Freitag war. Denn Freitagabend war Schachklub, und zwar ohne Konkurrenz durch irgendwelche anderen Freitagabendklubs. (Mittlerweile gibt es nicht einmal mehr das Schach, wie wenn der Komet nicht nur an unserem Dorf vorbeigezogen wäre, sondern hier eingeschlagen und jedes gesellschaftliche Leben ausgelöscht hätte). In der vierten Klasse waren eines Vormittags (damals gab es nachmittags noch keine Schule, weil Eltern weder davor Angst hatten, dass Kinder nachmittags alleine sind, noch davor, dass sie keine drei Fremdsprachen und zwei Musikinstrumente beherrschen) zwei Herren in Anzügen in die Klasse gekommen und hatten uns für das sowjetkommunistische Brettspiel, dass sie kaltkriegerisch konsequent das königliche Spiel nannten, zu begeistern versucht. Sie fanden Anklang vor allem bei denen, die sich nichts aus Fußball, der einzigen örtlichen Sportalternative, machten. Ich konnte das damals noch nicht so fundiert untermauern wie jetzt, hatte aber eine instinktive Abneigung gegen faschistoide Körperlichkeitskulte.
Zu guter Letzt erwähnten die schwarz-weißen Brettspielenthusiasten noch, dass Schach irgendwie gut für die Intelligenz sei. Als 10-Jähriger hielt ich mich für wahnsinnig intelligent, vielleicht eine der wenigen sympathischen Konstanten in meinem Leben. Also meldete ich mich mit ein paar weiteren Jungs freiwillig an die Schachfront. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob Mädchen explizit ausgeschlossen waren oder sich deren Teilnahme einfach nicht ergab.
Es schien nur die Wahl zwischen Schienbeinschoner und Schachbrett zu sein, aber schon nach wenigen Wochen verwendeten wir Schachschüler Begriffe wie Gambit, en passant und Rochade, während die Fußballer „hey, gib den Ball rüber, du Wichser“ riefen. Damals dachte ich nicht so weit, und es würde mich wundern, wenn die Erwachsenen es taten, aber jetzt erscheint es mir frappierend, mit welcher Präzision die Entscheidung der Schüler zwischen Schach und Fußball die Trennlinie zwischen denen markierte, die einerseits auf Gymnasium, Universität und in die weite Welt gingen und andererseits auf der Hauptschule und im Dorf verblieben.
„Was hat das mit dem Kometen zu tun?“ fragt sich die astronomisch höchstgespannte Leserschaft, und das zurecht. Also, lasst mich noch die Ellipse kriegen: Eines Freitagabends ging ich mit einem Klassen- und Schachkameraden vom uns auf das Turm-, Königs- oder Tigerdiplom vorbereitet habenden Schachklub nach Hause. Das heißt, wir gingen, geschickt wie reisekostenerstattungshungrige Landvermesser, die Strecke in die vage Richtung unserer jeweiligen Zuhauses, die uns den möglichst langen gemeinsamen Weg erlaubte. Denn wir wollten uns noch unterhalten. Schach war möglicherweise intelligent, aber auch sehr ernst. Einer der Vorsitzenden des Schachklubs war auch Vorsitzender der JVA. Man durfte da keine Scherze machen. Nach eineinhalb Stunden, angereichert mit viel zuckerreicher Cola, hatten wir lebhaften Nachholbedarf.
Und dieser Freitagabend im Frühjahr 1986 war ein Besonderer. Seit Monaten hatte das Volk den Kometen erwartet, Fernrohre, Bier und Kartoffelchips bereitgestellt und Fenster geputzt. Aber für just jenen Abend hatte sich der Halleysche Komet für unseren Landstrich angekündigt, was die Lokalpresse zuverlässig verbreitet hatte. Oder vielleicht war der Komet die ganze Woche zu sehen, aber an jenem Freitagabend waren Ozon- und Wolkenlöcher so weit aufgerissen wie die staunenden Münder der Menschheit.
Jedenfalls verharrten wir dort, wo sich unsere Wege sonst trennten, und trennten uns nicht, sondern setzen uns abwechselnd auf einen Stromverteilerkasten, der nur Platz für einen bot, während der jeweils andere hin- und herstapfte. Wie alle Menschen warteten wir auf den Kometen. Anders als die meisten Menschen hatten wir jedoch keine Uhr, denn die erhielten junge Menschen damals traditionell erst zur Firmung oder Jugendweihe, bis wohin wir uns noch nicht vorgearbeitet hatten. Ich bin mir allerdings sicher, dass wir nicht einmal wussten, um welche Uhrzeit der Komet vorbeizischen würde.
Wahrscheinlich unterhielten wir uns auch über den Kometen, möglichst wichtig und ohne jede Spur von Selbstzweifel.
„Hey Mann, wir sind so klein im Universum, das ist voll krass.“
„Und das Teil ist so weit weg, selbst wenn du mit dem Auto von deinem Papa da volle Pulle hinbretterst, der Komet ist immer schneller.“
„Und er ist so sauheiß, wenn du eine Atomrakete auf den Kometen schießt, dann schmilzt die schon beim Anflug. Der ist unverwundbar.“
Mein geschätzter Kollege konnte zu jedem Thema ad hoc eine These aufstellen und diese so glaubwürdig vortragen, dass ich alles glaubte. Dass es hinten und vorne nicht stimmte, merkte ich erst Jahre später am Gymnasium, als ich gelernt hatte und er nicht. Aber er wurde an die Tafel gerufen und trug mit solcher Überzeugung vollkommenen Stuss vor, dass ihm der überforderte Wirtschaftslehrer schließlich eine gutmütige Drei gab.
Der Halleysche Komet ließ sich nicht sehen, und so kamen wir von einem Thema zum nächsten. Von Kometen zur Raumfahrt. Im Januar waren die Challenger-Astronauten verbrannt, die den Halleyschen Kometen erkunden wollten. Von der Raumfahrt zu Filmen wie Top Gun, Karate Kid und Crocodile Dundee. Von Filmen zu giftigen Pilzen, weil wir keine logischen Überleitungen brauchten. Dann diskutierten wir, welches Gymnasium in Amberg das beste sei und ob Latein oder Französisch leichter oder nützlicher sei. Weiter dachten wir nicht, denn es war die unbeschwerte Kindheit, wo man nachts stundenlang draußen bleiben konnte, ohne irgendwo anzurufen und sich sowieso niemand Sorgen machte. Wenn einer von uns erst am nächsten Morgen nach Hause gekommen wäre und erklärt hätte, dass er beim jeweils anderen übernachtet hatte, hätten die Eltern nur gesagt: „Das haben wir uns schon gedacht. Aber ruf das nächste Mal doch an und gib uns Bescheid.“
Dabei gab es damals viel mehr Kriminalität. Oh ja, wahrscheinlich sprachen wir sogar über Terroristen, Mörder, Bankräuber und Flugzeugentführer, denn deren Fahndungsplakate hingen am Postamt und wir prägten uns die bärtigen Gesichter genau ein, um die 50.000 DM Belohnung zu kassieren.
Über diesen weitreichenden Unterhaltungen verflog so viel ungemessene Zeit, dass wir immer seltener in den Himmel schauten und das einmalige Spektakel vergaßen. Wir wussten ja nicht einmal, ob der Komet im Norden oder im Süden vorbeifliegen sollte. Und selbst wenn, dann wussten wir nicht, wo in unserem Dorf Norden oder Süden war. Wer nimmt schon einen Kompass mit zum Schachspielen?
„Ich glaube, wir haben so lange gelabert, wir haben den Kometen verpasst.“
„Kein Ahnung, wie spät es ist, aber mich friert schon.“
„Und ich muss pinkeln.“
„Wann kommt der wieder vorbei?“
„In 75 Jahren.“
Wir waren beide zu faul, das Jahr auszurechnen, auch weil uns diese Zeitspanne so undenkbar weit weg erschien. Damals wurde niemand so alt, außer Japaner, von denen wir jedoch keinen kannten, außer den einen in dem Film, wo er noch Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg auf einer Insel ausharrt und sich auf die Invasion vorbereitet. Aber:
„Wenn wir dann noch leben, treffen wir uns hier wieder. Aber nächstes Mal passen wir besser auf.“
Manche Leute freuen sich auf ihren Geburtstag, weil sie dann im Mittelpunkt stehen und wichtig sind. Ich habe diesen Blog und kann mich deshalb jeden Tag des Jahres wichtig und mittelpunktig machen. Zum Geburtstag muss ich also nicht zuhause sitzen und zählen, wie viele Gratulanten anrufen.
Aus virologischen und ökologischen Gründen geht es diesmal nicht so weit weg. Ab dem 1. Juli werde ich den König-Ludwig-Weg in Bayern wandern. Obwohl ich ein strikter Antimonarchist bin und liebend gerne bei den Revolutionen von 1848 und 1918 mitgemacht hätte, finde ich den Wanderweg ganz reizvoll. Es sind nur etwa 110 km, was ich durch absichtliche Abstecher und unbeabsichtigte Umwege sicher steigern werde.
Die Strecke führt von Berg über Starnberg, Kloster Andechs, Herrsching, Raisting, Dießen, Wessobrunn, Paterzell, Hohenpeißenberg, Rottenbuch, Wildsteig, die Wieskirche, Steingaden, Halblech und Hohenschwangau nach Füssen.
Die Orte sagen Euch wahrscheinlich nichts, deshalb ein paar Fotos zur Vorfreude:
Und spätestens das Schloss Neuschwanstein, das schon von Weitem sichtbare Ziel der Wanderung, kennt dann doch wieder jeder:
Mindestens eine Woche werde ich unterwegs sein. Falls jemand von Euch entlang der Route wohnt und ein Sofa frei hat, freue ich mich natürlich über eine Einladung. Und wenn das nicht klappt, dann werde ich halt unter Bäumen schlafen und mich im Fluss waschen. Es gibt Schlimmeres als sich am Abend erschöpft in eine weiche Wiese fallen zu lassen und mit den ersten Sonnenstrahlen mit dem Blick auf ein Königsschloss aufzuwachen.
Falls jemand eine Postkarte von unterwegs oder von Schloss Neuschwanstein möchte, gebt Bescheid! Und falls/wenn ich zurückkomme, gibt es natürlich einen ausführlichen Bericht mit Wandertipps, Fotos, hoffentlich interessanten Begegnungen und seitenlangen Ausführungen zum Königreich Bayern und insbesondere zu König Ludwig II.
Gibt es unter den Lesern eigentlich auch welche, die am Geburtstag immer unbedingt weg wollen?
Von Beileidsbekundungen bitte ich abzusehen. Stattdessen freut sich der wandernde Reporter über jede Unterstützung, die diesen Blog ein weiteres Jahr am Laufen halten würde.
Die erste gute Nachricht in dieser vor guten Nachrichten nur so strotzenden Geschichte ist, dass man wieder per Anhalter fahren kann. Die Angst vor dem Coronavirus geht sichtbar zurück, zumindest wenn man nicht direkt vor einem Tönnies-Schlachthof den Daumen rausstreckt. Aber Leute, die da arbeiten, haben sowieso keine Daumen mehr. Deshalb sind manchmal so eklige Knorpel in der Wurst.
Ich hingegen stand zwischen Feldern an einer Landstraße und wollte eine sowieso schon kurze Wanderung abkürzen. Gleich das erste Auto hielt. „Früher habe ich immer Anhalter mitgenommen“, sagte der Fahrer, „aber in den letzten Jahren, ich weiß nicht, alles ist viel gefährlicher geworden.“ Ich bin zwar anderer Meinung, könnte das auch mit der Kriminalstatistik belegen, aber als dankbarer Gast im Auto diskutiert man nicht mit dem Fahrer.
Wie es heutzutage so ist, kamen wir irgendwann auf das Coronavirus zu sprechen und ich befürchtete, wie von so vielen, Geschichten von Kurzarbeit, Auftragsrückgang, Arbeitslosigkeit und Insolvenz zu hören.
„Bei mir ist das Gegenteil der Fall“, sagte er, „ich muss mehr arbeiten als vorher.“
„Oh“, ich war neugierig geworden, „was arbeiten Sie?“ Ich vermutete schon Totengräber oder Virologe oder Pizzalieferant, aber der Herr arbeitete bei einem Flugzeughersteller.
„Das wundert mich“, tat ich kund, „ich dachte die Luftfahrt steckt in einer großen Krise?“
„Nur die zivile Luftfahrt“, klärte er mich auf, „aber ich arbeite in der Sparte für Kampfflugzeuge. Seit dem Coronavirus gehen die Bestellungen durch die Decke. Bei den Staaten sitzt das Geld wieder locker.“ Gut zu wissen für das Pflegepersonal, das mit dieser Information doch mal nach besserer Bezahlung fragen könnte.
Diejenigen, die das Coronavirus schon langweilig finden, brauchen sich also nicht zu grämen. Denn wer Bomber kauft, will irgendwann auch Bomben werfen. Es wird also bald wieder spannend auf der Welt.
An meinem letzten Tag in Bolivien hatte ich ein Busticket von La Paz nach Puno in Peru gekauft. Als der Bus in Copacabana seine Mittagspause machte und der Fahrer ankündigte „wir fahren um 13:30 Uhr zwei Blocks von hier weiter“, dachte ich mir: „Wunderbar, so bleiben mir zwei Stunden, um ein bisschen durch die Stadt zu spazieren.“ In Copacabana kann man zur Mittagsstunde lustige Zeremonien beobachten.
Natürlich ließ ich all mein Eigentum und Besitz im Bus. Zum einen ist Bolivien das sicherste Land in Südamerika. Zum anderen bezweifle ich, dass jemand zwei Taschen klaut, die 30 kg wiegen und hauptsächlich mit Büchern, Notizbüchern und Landkarten gefüllt sind.
Um 13:20 Uhr kehre ich zu dem beschriebenen Abfahrtsort zurück, kann den Bus jedoch nicht sehen. Na gut, denke ich mir, vielleicht ist er irgendwo anders.
Den Lesern, die noch keine Bekanntschaft mit Busstationen in Copacabana, Karachi oder Kathmandu gemacht haben, muss ich die Lage vor Ort ein wenig näherbringen: Es gibt eigentlich keine richtigen Haltestellen, die Busse fahren einfach alle auf den Marktplatz. Weil es viel mehr Busse als Marktplatz gibt, füllt sich der Platz schnell, und die Busse quellen über in die Seitenstraßen und von dort in die kleinen Gassen, die von den Seitenstraßen wegführen. Dazwischen sind Hunderte von Fahrscheinverkäufern, kleinen Kiosken, Taxis, Reisebüroangestellte, Musiker, Leute die Lotterielose und die Hoffnung auf Glück verkaufen, Aymara-Priester, ein entlaufenes Lama, ein hinter dem Lama herjagender Metzger, und ein kleiner verlorener Reisender wie ich.
Ich dachte, ich würde den Bus leicht erkennen, weil er bunt war, aber nun muss ich feststellen, dass alle Busse in Bolivien so aussehen, wie wenn sich Friedensreich Hundertwasser an ihnen ausgetobt hätte.
Die Minuten unter der sengenden Sonne schreiten erbarmungslos voran, und ich werde ernsthaft unruhig.
Ich frage einen der vielen Busfahrer, ob er weiß, wo der 13:30-Uhr-Bus nach Puno abfährt. „Das ist mein Bus. Springen Sie rein, wir fahren gleich ab“, sagt er und verwendet das Wörtchen ahorita für gleich. Im südamerikanischen Spanisch kann das alles bedeuten von „ich wollte gerade die Tür schließen“ bis „zuerst muss ich aber noch zu Mittag essen und dann meine Kinder anrufen, um sie an die Erledigung der Hausaufgaben zu erinnern, bevor ich mich mit den anderen Busfahrern zusammensetze, um zu besprechen, ob der Fonds der Busfahrergewerkschaft etwas an die Witwe eines verunglückten Fahrers ausbezahlen soll, obwohl der mit seinen Beiträgen im Rückstand war und manche Fahrer erzählen, dass er seine Frau sowieso nicht leiden konnte, aber dann geht es wirklich los nach Puno“. Mich stört das nicht, denn ich bin nicht in Eile. Während meiner Zeit in diesem sympathischen Land bin ich bolivianisiert worden und lebe seither viel entspannter.
Was mich jedoch beunruhigt, ist die Tatsache, dass es ein anderer Fahrer mit einem anderen Bus ist. Selbst verwirrt und Verwirrung stiftend frage ich ihn, ob mein Gepäck schon im Bus sei.
„Ich verstehe nicht, was Sie meinen“, erwidert er, so höflich wie möglich.
„Ich habe mein Gepäck in dem grünen Bus gelassen, mit dem ich diesen Morgen aus La Paz kam, weil ich dachte, der Bus fährt nach Puno weiter“, erkläre ich.
„Oh, nein. Der Bus ist schon wieder auf dem Rückweg nach La Paz.“
Verdammt.
All meine Sachen, mein vollständiges Hab und Gut, mit dem ich ausgewandert bin, alles ist in diesen zwei Taschen. Leuten, die Häuser und Küchengeräte und Wintermäntel und so haben, erscheint das wenig. Aber mein Ziel ist es, die Habe noch weiter zu reduzieren, so dass alles in einen Rucksack passt. Leider mag ich aber keine E-Books.
„Ich muss jetzt abfahren. Möchten Sie einsteigen?“ drängt mich der Fahrer.
Ich habe schon für die Fahrt bezahlt, aber wenn ich erst einmal in Peru bin, wird es noch schwieriger, mein Gepäck wiederzufinden.
„Nein danke.“
Der Fahrer blickt mich an, wie wenn ich etwas dämlich wäre. Und vielleicht bin ich heute wirklich nicht der hellste Stern am Firmament.
Als sich der Bus langsam dem Gewusel der unterschiedlichen Nah- und Fernverkehrsoptionen in Richtung der nahen Grenze entwindet, beginne ich darüber nachzudenken, was ich alles verloren habe. Kleidung habe ich nicht viel, und nichts davon ist etwas wert. Nur der Verlust meines Gabor-Hutes, den ich von einem Roma-Händler in Transsylvanien erworben habe, würde schmerzen. Nicht einmal der Verlust von Computer, Telefon und Kamera würde mich zu sehr aufregen. Schlau wie ich bin, kaufe ich immer den billigsten Elektroschrott.
Nein, worüber ich wirklich trauere, was ich wirklich verfluche, was mich wütend macht, ist der Verlust meiner Notizbücher. Schon seit vielen Jahren sammle ich Gedanken, entwerfe Gedichte und schreibe Geschichten. Vieles davon wurde vor Ort geschrieben, in einem Schloss in Rumänien, auf einem Schiff mitten im Ozean, oder am Ufer des Titicaca-Sees. Situationen, Erinnerungen und Gedanken, die sich beim besten Willen nicht mehr rekonstruieren lassen.
Es ist ein herber Verlust, aber ich würde nicht behaupten, dass alles umsonst war. Denn mir bereitet das Schreiben so viel Freude, fast unabhängig davon, ob es jemals jemand lesen wird. Andererseits erzähle ich gerne von meinen Reisen, vor allem weil ich weiß, dass nicht alle von Euch selbst an all diese Orte kommen. Und wenn, dann werdet Ihr nicht die gleichen Abenteuer erleben, schon aus dem einfachen Grund, dass Ihr nicht ganz so doof seid wie ich.
Weit weniger wichtig für mich, aber wahrscheinlich umso begehrter bei den Lesern dieses Blogs, sind die fast 10.000 unveröffentlichten Fotos vom Iran bis zu den Kanalinseln, alle auf der Festplatte des Computers, der jetzt auf dem Weg zurück nach La Paz ist.
Zum Glück war ich diesen Morgen sehr gesprächig und habe mich mit dem Busfahrer unterhalten. Ich erinnere mich an seinen Namen: Victor. Auf dem Platz, wo all die Busse ankommen und sich vermischen, suche ich nach einem Bus derselben Spedition und frage den Fahrer, ob er Victor kennt.
„Der Kleine mit dem Bauch?“ fragt er.
„Kein außergewöhnlich großer Bauch.“
„Ja, ich kenne ihn.“
Ich erkläre die Situation, und der äußerst freundliche und hilfsbereite Busfahrer ruft Victor an. Der ist schon jenseits der Fähre über die Straße von Tiquina, wo er mein Gepäck leicht an einen anderen Fahrer hätte übergeben können, der in meine Richtung fährt. Aber er wird sich etwas einfallen lassen, verspricht er.
Der Retter in der Not erkennt, dass ich noch immer nervös bin, und befiehlt mir regelrecht: „Machen Sie sich keine Sorgen! Uns wird schon eine Lösung einfallen. Gehen Sie erst einmal Mittag essen oder Spazieren und kommen Sie um 15 Uhr wieder hierher.“
Von Sorgen geplagt, dass ich mein Schreiben und Fotografieren wieder bei Null beginnen muss – und die verlorene Zahnbürste vermissend -, kann ich die Mittagspause nicht wirklich genießen. Was die Busfahrer nicht wissen, was Ihr noch nicht wisst, und was überhaupt niemand wissen sollte, ist dass der Verlust all meines Besitzes nur eines meiner Probleme an diesem Tag ist: Die letzten paar Monate habe ich ohne gültiges Visum und damit illegal in Bolivien gelebt. Die bevorstehende Grenzkontrolle macht mich also schon nervös genug. Am Ende dieses Tages, wenn die Sonne hinter der Sonneninsel in den Titicaca-See tauchen wird, werde ich vielleicht schon im Gefängnis sitzen und die Sonne für viele Jahre nicht mehr zu Gesicht bekommen. Aber das ist eine andere Geschichte.
Um 15 Uhr begrüßt mich der hilfsbereite Fahrer an der Busstation: „Haben Sie etwas zu Schreiben?“ Unter den wenigen Dingen, die ich aus dem Bus mitgenommen habe, sind professioneller- oder wohl doch eher glücklicherweise ein Notizbuch und ein Kugelschreiber, sowie mein Reisepass, Bargeld und In Patagonien von Bruce Chatwin.
„Schreiben Sie sich den Namen auf: José Luis Velasco. Aber niemand kennt ihn unter dem Namen. Wenn Sie nach ihm fragen, fragen Sie nach El Cupo.“ Und: „Er ist klein und hat einen dicken Bauch“, womit er anscheinend all seine Kollegen beschreibt. Er sagt, dass der Mann, der als El Cupo bekannt ist, um 16:30 Uhr in Copacabana eintreffen solle. In seinem Bus sollte sich mein Gepäck befinden, denn alle Fahrer im westlichen Bolivien sind die letzte Stunde an ihren Telefonen gehangen, um herauszufinden, wer wann wohin fährt. Als Victor einen Kollegen fand, der von La Paz nach Copacabana fuhr, hielten sie mitten auf der Autobahn in der Wüste an, trugen zwei schwere Taschen, voll mit Büchern, wobei sie wohl etwas Verdächtigeres vermuteten, von einem Bus zum anderen.
Und Punkt 16:30 Uhr fährt tatsächlich ein Bus der gleichen Busgesellschaft auf den Marktplatz. Ich frage den Fahrer (der weder besonders klein, noch besonders fett ist), ob er El Cupo sei. Er nickt und bedeutet mir, dass ich einfach in den leeren Bus steigen und mein Gepäck holen soll. Es ist alles da.
El Cupo und der hilfsbereite Mittelsmann sitzen zusammen am Marktplatz und trinken Kaffee. Ich bedanke mich ausgiebig und biete eine Einladung zum Abendessen oder eine andere Anerkenntnis an. „Nein, nein, machen Sie sich keine Gedanken“, wischen sie das beiseite und wünschen mir eine schöne Reise.
Bevor ich nach Südamerika zog, wurde ich immer wieder gewarnt, dass ich dort ständig überfallen und ausgeraubt würde. Stattdessen war ich dumm genug, meinen gesamten Habseligkeiten selbst zu verlieren, und vollkommen Fremde taten sich zusammen, telefonierten den ganzen Nachmittag hin und her, nicht nur um meine Taschen zu lokalisieren, sondern sie mir sogar zurückzubringen.
Wann immer Ihr einen Zug nehmen könnt, nehmt den Zug. Züge verschwinden nicht so schnell wie ein Bus. Und Bahnhöfe sind viel organisierter als Busterminals.
In Südamerika müsst Ihr wirklich nichts vorab buchen. Ich hatte natürlich den Bus nach Puno verpasst, aber nachdem ich mein Gepäck erhalten hatte, ging der nächste in einer halben Stunde oder so.
Viele Reisende machen den Fehler, im Internet nach Bussen zu suchen, wo nur wenige aufgeführt sind. Geht einfach zum Busbahnhof und fragt. Fast immer gibt es einen Bus, der ahorita zu Eurem Wunschziel fährt.
Je weniger Gepäck, desto weniger Stress.
Wenn ich mich mit dem Busfahrer nicht unterhalten hätte, hätte ich seinen Namen nicht gekannt, und vielleicht hätte ich ihn niemals wieder gefunden. Unterhaltet Euch mit den Menschen! In Euer Handy könnt Ihr auch noch starren, wenn Ihr wieder zuhause seid.
Von den etwa 30 autobiographischen Anekdoten aus der DDR-Zeit des Autors hatte ich mir einen Einblick in das Leben in jenem der beiden deutschen Staaten erhofft, den ich nie persönlich kennenlernen durfte. Dafür sind die meisten jedoch zu unergiebig, viele kaum erzählenswert und etliche ziemlich eitel. Nach ein paar Kapiteln ist mir schon klar geworden, wie toll und wichtig Christoph Hein war, das müsste er nicht immerfort betonen. Auch die Abrechnungen mit Kollegen müsste man nicht unbedingt öffentlich machen.
Am interessantesten fand ich den Einblick in den Literaturbetrieb und in die Zensur sowie die geschilderten Auflösungserscheinungen Ende der 1980er.
So schreibt Hein über Johannes R. Becher, den er anscheinend nicht ausstehen kann:
Und dieser bewunderte Lyriker Becher war nun Kulturminister der DDR geworden und hatte sich 1948 geweigert, in das „polnisch okkupierte Breslau“ zu fahren.
Das Problem daran ist, dass Becher erst 1954 Kulturminister wurde. Außerdem, und das hätte dem Suhrkamp-Lektor nun wirklich auffallen müssen, konnte es im August 1948 noch gar keinen DDR-Kulturminister geben, weil es noch keine DDR gab.
Oder ein Besuch in München im November 1989 (natürlich „auf Einladung eines Verlegers, der mich sprechen wollte“ und überhaupt, weil alle sich immer mit Christoph Hein treffen wollten), an den er sich erinnert:
Zu jener Zeit gab es in Deutschland weder EC-Karten noch Geldautomaten […]
Nun ja, 1989 gab es in Westdeutschland 7.000 Geldautomaten, von denen sicher der eine oder andere in München stand.
Dass Menschen Erinnerungslücken haben oder sich Geschichten zusammen fabulieren, das ist nichts Neues. Als Schriftsteller darf man auch kürzen und straffen und kombinieren, finde ich. Aber bei einem ausdrücklich autobiographischen Buch dürfen solche Schnitzer nicht passieren.
Ganz arg polemisiert Hein gegen die Kirchensteuer, die durch den Einigungsvertrag auch in Ostdeutschland eingeführt wurde:
Diese Goebbels-Anordnung ist nach wie vor geltendes Recht in Deutschland, doch bei den geistlichen und Kirchenführern beider christlichen Konfessionen umstritten.
Dazu wäre im Einzelnen vieles zu sagen, von Art. 137 VI der Weimarer Reichsverfassung bis zu den Staatsverträgen mit den Bundesländern, aber ich mache es kurz: Das stimmt hinten und vorne nicht. Dass die Kirchen selbst sich vehement gegen die Kirchensteuer sträuben, habe ich auch noch nicht vernommen.
Aber Hein wettert faktenresistent weiter:
Gewonnen hat bei diesem Streit nur der Staat, da er nun auch im Osten zusätzliche dreißig Prozent einnehmen kann.
Woher diese astronomisch-abstruse Zahl kommt, bleibt unbegründet.
Zum wiederholten Mal frage ich mich, was Lektoren eigentlich machen. Lassen die das Manuskript nur mehr durch die automatische Rechtschreibkontrolle laufen und glauben, damit sei ihr Job getan?
Ich warte also noch immer auf ein gutes Buch über das Leben in der DDR. Nur her mit Euren Empfehlungen, Genossinnen und Genossen!
Boyan Stoyanov ist ein Alpinist aus Bulgarien, der sich zum Ziel gesetzt hat, die höchsten Gipfel aller europäischen Länder zu erklimmen. Darunter sind harte Brocken wie der Mont Blanc, der Triglav oder der Elbrus. Zum Glück besucht mich Boyan, als ich in Litauen wohne. Die höchste Erhebung des Landes ist weniger als 300 Meter hoch. Zu dieser Mission kann ich mich gerade noch aufraffen.
Es ist der 18. März 2013. Seit mehr als vier Monaten hat es fast jeden Tag geschneit, die Temperatur lag nie höher als null Grad. Entsprechend weiß und winterlich sieht es aus, als wir in einem kleinen Bus von Vilnius in Richtung Osten fahren. Die Dörfer werden immer kleiner, der Schnee immer tiefer und der Bus immer leerer.
Wir fahren bis nach Medininkai, dem letzten Dorf vor der Grenze zu Weißrussland. Hier ist das Ende der Europäischen Union, das Ende des Schengenraums. Wenn es irgendwo noch ein Überbleibsel des Eisernen Vorhangs in Europa gibt, dann liegt es 2 km von hier. Herüben die Freiheit, drüben die letzte Diktatur Europas. F-16-Kampfflugzeuge der Dänischen Luftwaffe fliegen Patrouille. Litauen hat nur ein einziges Jagdflugzeug, also greifen die NATO-Partner unterstützend ein.
Keine Wolke trübt den blauen Himmel. Die Sonne spiegelt sich in Eis und Schnee. Bilderbuchwetter. Wenn man das Gesicht direkt in die Sonne wendet, kann man auch die minus 10 Grad aushalten. Kein Mensch ist auf den Straßen. Medininkai hat nur 500 Einwohner, ein Bergsteigertourismus hat sich bisher nicht entwickelt.
Kurz nach dem Ortsausgang weist ein Schild schon den Weg: 2 km zum Aukštojo kalnas, 1 km zum Juozapinės kalnas. „Kalnas“ ist das litauische Wort sowohl für Berg als auch für Hügel. Der weitere Verlauf der Expedition wird zeigen, weshalb sich diese mehr als Tausend Jahre alte Sprache mit einem einzigen Wort für geographische Erhebungen unterschiedlicher Ausprägung zufrieden gibt.
Im Abstand von nur einem Kilometer werden wir also gleich zwei Gipfel besteigen können. Den ersten Berg, den Juozapinės, sehen wir schon:
„Was, welcher Berg?“ höre ich die enttäuschte Leserschaft aufschreien. Aber seht genau hin und Ihr erkennt ein Holzkreuz auf dem Gipfel. Nach ein paar Minuten stehen wir schon am Fuße des Berges. Hier ist er, in seiner ganzen majestätischen Größe:
Ich könnte der spürbaren Enttäuschung entgegenzuwirken versuchen, indem ich darauf hinweise, dass dies nicht der höchste Berg Litauens ist. Der Ehrlichkeit halber muss ich aber hinzufügen, dass der Juozapinės bis 2004 als höchster Berg Litauens galt und erst seitdem auf den zweiten Platz relegiert wurde.
Boyan und ich bemühen uns, den Aufstieg möglichst langsam anzugehen, um wenigstens ein bisschen was von einem gebirgigen Gefühl zu bekommen, aber für einen Bulgaren und einen Bayern ist das, was vor uns liegt, nun mal nicht mehr als ein Feld, das etwas höher liegt als die umliegenden Felder. Bei uns würden das allenfalls schlittenfahrende Kinder einen Hügel nennen.
Damit man den Gipfel auch ja nicht übersieht wenn man über die Felder reitet, wurden ein schwerer Stein hinaufgerollt und einer dieser Totempfähle, die man überall in Litauen sieht, in den Boden gerammt.
Jetzt endlich, von diesem erhöhten Standort, sehen wir ihn: den Aukštojas, den höchsten Punkt Litauens. Mit einem überdimensionierten Hochsitz wurde etwas nachgeholfen.
Das ist also unser Ziel. Ein langer, beschwerlicher Aufstieg steht uns bevor. Zeit, um die Geschichte dieser beiden konkurrierenden Berge zu rekapitulieren. Seit Menschengedenken galt der Juozapinės als der höchste Punkt Litauens, bis 1985 (also noch zu Zeiten der Sowjetunion) der Geograph Rimantas Krupickas wagemutig Bedenken anmeldete. Es folgten akademische Auseinandersetzungen zwischen den geographischen Fakultäten der Universitäten Litauens. An der Universität in Vilnius bildete sich die Aukštojas-Fraktion, während die landvermessenden Kollegen in Kaunas überwiegend dem Juozapinės die Treue hielten. Seminare wurden veranstaltet, Magister- und Doktorarbeiten geschrieben, Aufsätze in Fachzeitschriften publiziert. Der Streit eskalierte so sehr, dass sich die Sowjetische Kommission für Gebirgsgeographie seiner annehmen wollte, doch dann zerbrach die UdSSR und Litauen wurde 1991 unabhängig.
Mit der Unabhängigkeit kam der Fortschritt und mit dem Fortschritt kam das GPS. 2004 wurde neu vermessen, und der Aukštojas ging ganz knapp als Sieger hervor. Geographiestudenten sahen sich eines ergiebigen Themas beraubt und mussten sich wieder der Kurischen Nehrung zuwenden. Dafür traten jetzt die Philologen auf den Plan, denn der später so genannte Aukštojas trug damals noch keinen Namen. Schließlich war er noch kein Berg, sondern ein Niemand, ein namenloser Fleck am Waldrand. Ein Wettbewerb zur Benennung des neugefundenen Punktes, auf den sich der Stolz der Nation konzentriert, wurde ausgerufen. Wieder wurde diskutiert, geforscht, gestritten und geschrieben. Sieger dieses Wettbewerbs war Libertas Klimka, Geschichtsprofessor an der Pädagogischen Universität Vilnius, dessen Vorschlag Aukštojas sich von Aukštėjas ableitet, so etwas wie dem litauischen Zeus. Litauen war das letzte Land in Europa, das christianisiert wurde, und das sich durch die Zögerlichkeit seiner Konvertierung einen Kreuzzug einhandelte. Heidnische Kulte sind noch immer weit verbreitet, was man zum Beispiel an den Holzschnitzereien auf dem obigen Totempfahl sieht. Aber ich schweife ab.
Auch der Aukštojas bekam einen Stein verpasst.
Dazu den Turm, dessen Besteigung fast genauso lang dauert wie die Besteigung des Berges, den er ziert. Endlich packen wir unsere Thermoskanne mit Tee und Schokoladenkekse aus. Wir sind nur mäßig hungrig, und selbst das bisschen Hunger ist eher auf der Busfahrt als während der kurzen Wanderung aufgebaut worden.
Dieser Aussichtsturm schafft aber auch eine verzerrte Wahrnehmung, denn von dort oben sieht man auf den Juozapinės hinab wie vom Matterhorn auf Zermatt.
Jetzt kann ich die Lösung des größten geographischen Rätsels der Neuzeit aber nicht mehr länger hinauszögern. Der interessierte Leser hat bereits seit mehreren Absätzen Stift und Notizblock zurecht gelegt, um sich das genaue Ausmaß der vieldiskutierten Erhebungen zu notieren.
Man halte sich fest, bevor man einen Blick auf die nach aktuellen wissenschaftlichen Methoden gewonnenen Werte werfe:
293,84 m schlägt 293,60 m, aber ein Höhenunterschied von 24 cm lässt die jahrelangen Diskussionen genauso lächerlich erscheinen, wie sie Euer reisender Reporter zu porträtieren versucht hat. Vierundzwanzig Zentimeter! In Nepal oder der Schweiz kennt kein Mensch die Dezimalstellen der höchsten Berge. Vierundzwanzig Zentimeter, das ist weniger als der Höhengewinn beim Umstellen eines Buchs in die nächsthöhere Regalreihe. Wenn einer der Berge sich einen Irokesen wachsen lässt (der Totempfahl ist schließlich schon da) oder einen Hut aufsetzt, muss die Rangliste wieder umgeschrieben werden.