Auf den Spuren des Königs (Tag 1) Starnberger See

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KLW-Uebersicht

In Starnberg steige ich aus dem Zug, bereit trotz dröhnender Sonne und 30 Grad Mittagshitze, die etwa 5 km nach Berg, zum Anfang des König-Ludwig-Weges zu wandern. Jedes Jahr ziehe ich mich zu meinem Geburtstag zurück, am liebsten in die Ferne, gerne in die Natur, jedenfalls in die Unerreichbarkeit von geheuchelten Glückwunschtelegrammen. Im Juli 2020 wütet ein Virus, das weite Reisen wenn nicht unmöglich, so doch unpraktisch macht.

Also habe ich mich entschieden, mal ein Stück von Bayern zu erkunden, was ja immerhin meine Heimat wäre, wenn ich mit dem Begriff etwas anfangen könnte. Auf den Spuren König Ludwigs II. werde ich ungefähr 110 km vom Starnberger See, südlich von München, bis nach Füssen, direkt an den Alpen, zu wandern. Wie immer schlecht bis gar nicht geplant, aber offen für alles, was da kommen mag.

Wenn Ihr Zeit habt, kommt doch mit!

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In Starnberg liegt, direkt wenn man aus dem Bahnhof heraustritt, schon die erste Planänderung in Form eines Schiffes im Hafen. In wenigen Minuten wird es nach Berg tuckern, ich muss mich also schnell entscheiden. Na gut, sogar Patrick Leigh Fermor fuhr das erste Stück seiner Europawanderung mit dem Schiff.

Starnberg Bahnhof mit Schiff
Starnberg Schiff (1)
Starnberg Schiff (2)

Außerdem ist das hier keiner jener Wanderblogs, auf denen Kilo- und Höhenmeter gezählt, Durchschnittsgeschwindigkeiten errechnet und Rekorde aufgestellt werden. Hier geht es eher um das, was links und rechts am Wegesrand liegt. Und ob man zu Fuß, mit dem Fahrrad, im Zug, auf dem Schiff, per Anhalter oder im Heißluftballon hinkommt, ist dabei egal.

Im Süden erspähe ich schon die fernen Berge, die mein Ziel sind. Eine verlockende Vorstellung, einfach bis dorthin auf dem Schiff sitzen zu bleiben.

Starnberger See Berge am Horizont

„Ertönt das bei jedem Halt?“ fragt eine Frau erschrocken, als das Schiffshorn beim Ablegen laut tutet. Sie hat, wie die meisten Passagiere, ein Ticket für die volle Rundfahrt gebucht. Ich aber muss in Berg schon wieder von Bord, weil Ihr alles über die bayerischen Könige und insbesondere über Ludwig II. erfahren wollt. In Berg steht nämlich eines der Schlösser, das im Leben und vor allem beim mythenverhangenen Tod Ludwigs II. eine Rolle spielte.

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Besuchen kann ich das Schloss nicht, denn es gehört noch immer der Königsfamilie der Wittelsbacher, die darin wohnt. Niemand öffnet das Tor für mich.

Schloss Berg

Die Revolution von 1918 verlief in Bayern eher halbherzig, weshalb hier Leute, die glauben, etwas Besonderes zu sein, noch immer Schlösser besetzen, die schon längst im Volkseigentum sein sollten. Ähnlich auf Reichsebene: Weil man damals nicht richtig enteignet hat, haben wir jetzt noch Rechtsstreite mit den gierigen Hohenzollern an der Backe.

Was die Wittelsbacher, die Bayern seit 1180 undemokratisch regierten, für Leute waren, kann man anhand ihrer Nutzung von Schloss Berg erahnen. Sie haben die Bayern in Bergwerken schuften lassen, um sich eine Flotte von 35 rudersklavengetriebenen Galeeren und Gondeln für bis zu 2000 Gäste zu kaufen, mit denen sie auf dem Starnberger See dekadente Feste feierten.

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Wenn ihnen die Sauf- und Seegelage mit Feuerwerk und Feuerwasser zu langweilig geworden waren, dann gingen sie auf Jagd. Und zwar so, dass sie die Rehe und Hirschen ins Wasser trieben und dort abknallten. Keine besonders sympathischen Leute also.

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Ins Wasser getrieben (und abgeknallt?) haben sie auch Ludwig II., der seine letzten traurigen Tage auf Schloss Berg verbrachte.

Ein Kreuz im See markiert die Stelle, wo die Leiche des Königs am 13. Juni 1886 gefunden wurde. Unzureichend bekleidete Mädchen in einem kleinen Boot gedenken gerade seiner Majestät und zerstören die Gravität des Ortes und meines Fotos.

Kreuz für König Ludwig II Starnberger See (1)
Kreuz für König Ludwig II Starnberger See (2)

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13. Juni MDCCCLXXXVI, so steht das Sterbedatum auf einer Säule vor der angeblich byzantinisch-romanischen Votivkapelle, und die Ausflügler versuchen es zu entziffern.

Votivkapelle für Ludwig II Berg am Starnberger See (1)

„1776“, sagt einer.

„Aber der König hat doch achtzehnhundertirgendwas gelebt,“ wirft eine Frau ein, „schließlich hatte er schon ein Telefon auf seinem Schloss.“ Dieses moderne Gerät zückt dann auch jemand aus seiner Tasche, kalkuliert ein bisschen herum und verkündet 1886, das richtige Jahr. Hocherfreut ziehen sie weiter.

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Ich hingegen erlebe schon den ersten Schock der Wanderung: Von den Stufen der Votivkapelle gleitet eine Schlange herab, und zwar eine tiefschwarze, riesengroße. So eine, die einen erwürgen kann.

Und damit ist eine Sache klar: Ich werde keinesfalls irgendwo auf dem Boden schlafen, sondern immer eine Bank oder einen Jägersitz suchen.

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Geographisch konsequent müsste ich jetzt vom Ende Ludwigs II. erzählen, aber da wir ihn noch gar nicht kennengelernt haben, finde ich das verfrüht. Auch verzogene Könige sollen ein bisschen am Leben bleiben.

Geographisch konsequent muss ich nach Norden, weshalb ich mir den Umweg nach Süden nicht erlauben kann und den Bismarckturm verpasse. Dass der preußische Reichskanzler einen enormen Turm in Bayern spendiert bekam, ist schon überraschend. Dass dieses Monument nur ein paar Kilometer von dem Ort errichtet wurde, an dem König Ludwig II. so schmählich das Leben ausgelöscht wurde, ist unverfroren. Denn, was viele nicht wissen, aber im Laufe dieses Artikels zu ihrem großen Entsetzen erfahren werden, Bismarck war nicht unschuldig am Tod des bayerischen Königs. Ja, man kann mit Fug und Recht sagen, dass Bismarck den Märchenkönig fast so auf dem Gewissen hat, wie wenn er ihn eigenhändig ertränkt hätte.

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Die Strände in Starnberg sind proppenvoll. Das sind wahrscheinlich die Millionen Münchner, die jetzt nicht in den Urlaub fliegen können. Es herrscht ein Verkehr wie am Stachus. Und auf den Wanderwegen muss man sich vor den Radfahrern in Acht nehmen. Insbesondere wenn man stehenbleibt, um mit anderen Spaziergängern zu parlieren, werden die so in ihrem Ausdauertraining Unterbrochenen manchmal missmutig.

Man könnte sich ins Museum Starnberger See retten, was ich sowieso vorhatte, weil hier eine Kommilitonin aus dem Geschichtsstudium arbeitet. Aber, und das wird der rote Faden auf dieser Wanderung sein, ich bin zu langsam unterwegs und komme erst nach 17 Uhr in Starnberg an. Am nächsten Morgen muss ich leider früh aufbrechen und werde das Museum deshalb verpassen, was mich aber nicht daran hindert, es Euch als Nichtschwimmeroption für den Starnberg-Besuch zu empfehlen.

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Starnberg ist ein Millionärsort. Hier wohnen Drogenschmuggler, Immobilienspekulanten und der sich in der Tradition der bayerischen Monarchen wohlfühlende König von Thailand. Wahrscheinlich hat der auch die Königskobra mitgebracht, die mich vorhin so erschreckt hat.

Apropos Herrscher, die nicht im eigenen Land leben, weil sie wissen, dass sie gar nicht so beliebt sind: Wusstet Ihr, dass Ludwig II., der wie kein anderer Monarch das Bild Bayerns geprägt hat, eigentlich auswandern wollte und nur in Bayern blieb, weil er kein Visum bekam? Aber dazu mehr in späteren Teilen dieser Saga, damit Ihr gespannt bei der Stange bleibt.

Vor den Häusern stehen Porsches und Segelyachten. Die Jungs unterhalten sich darüber, ob sie sich lieber den Maserati Quattroporte oder eine Villa auf Formentera zum Geburtstag schenken lassen sollen. (Ich habe mir zum Geburtstag diese einwöchige Wanderung geschenkt.) Die Mädchen diskutieren, ob ein Zahnarzt oder ein plastischer Chirurg der bessere Bräutigam sei.

Auch die Lebenserwartung ist in Starnberg höher als im Rest des Landes. Im Durchschnitt sind es 4 bis 5 Jahre zusätzlicher Lebenszeit, denn Armut ist eines der großen Krankheitsrisiken, auch in unserem reichen Land. Wer genau hinguckt, wird über die kommenden Tage ein paar Gründe erahnen können, warum dem so ist.

Aber heute habe ich Glück. Zum Übernachten in Starnberg hat mich ein Paar eingeladen, von dem ich noch gar nichts weiß. Mich beschleicht die dunkle Vorahnung, dass es sich bei ihnen um so Millionärsschnösel handelt, wo der Diener das Abendessen serviert und die Koi mit Kaviar gefüttert werden.

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Als ich am See sitze, fragt mich ein älteres Paar nach dem Weg zum Hafen. Ich bin zwar neu hier, aber so gut kenne ich mich schon aus.

Starnberg Blick auf Berge

„Oh, das ist einfach: Sie gehen immer an der Uferpromenade entlang, und nach spätestens 300 Metern sehen Sie links Holzstege, wo die Schiffe anlegen. Wenn Sie Glück haben, ist gerade eines da.“

„Dankeschön.“

„Der erste Halt des Schiffes ist in Berg, das ist der Ort, wo Ludwig II. gestorben ist. Dort müssen Sie allerdings vom Hafen noch etwas nach Süden laufen, erst durch den Ort und dann durch einen schönen Park, eher einen Wald, bis Sie auf eine Kapelle stoßen oder auf das Kreuz im See. Das markiert den Ort, wo Ludwig II. am 13. Juni 1886 gestorben ist.“

„Oh“, sagt die Frau.

„Ist er ertrunken?“ fragt der Mann.

„Das ist die Frage“, gebe ich zu. „Es ist schon ein wenig suspekt. Denn der König war zum Zeitpunkt seines Todes nicht allein. Sein psychiatrischer Gutachter Dr. Gudden war bei ihm. Und beide sind tot aufgefunden worden.“

„Oh“, sagt die Frau.

„Wer geht denn mit seinem Psychiater schwimmen?“ fragt der skeptische Mann.

„Nicht schwimmen. Die beiden gingen spazieren. Ich weiß, das hört sich alles dubios an, aber es wird noch verwirrender, wenn ich Ihnen sage, dass Ludwig II. gar nicht freiwillig am Starnberger See war. Er wurde aus Neuschwanstein entführt, und zwar auf Befehl der Bayerischen Regierung, die ihn zuvor entmündigt hatte. § 11 der Bayerischen Verfassung von 1818 gab dem Ministerrat zwar das Recht zur Entmündigung, so ähnlich wie der 25. Verfassungszusatz der US-Regierung das Recht gäbe, nur dass die bayerische Regierung mehr Eier in der Hose hatte als irgendjemand in der Trump-Regierung. Aber es bleiben viele offene Fragen, weil die meisten Akten vernichtet wurden oder in einem Geheimarchiv verborgen sind.“

„Oh“, sagt die Frau.

Der Mann guckt nervös auf seine Uhr.

Da ertönt das Tuten des Schiffshornes.

„Oh“, sage ich.

Nicht nur, weil das Paar wegen meiner ausschweifenden Erklärungen das letzte Schiff für heute verpasst hat, sondern weil ich aus Versehen einen Teil der Geschichte vorweggenommen habe, die ich eigentlich später erzählen wollte. Aber die Frage, ob es Mord oder Selbstmord war, werden wir erst über die nächsten Tage klären.

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Maisingerschlucht ist ein etwas großspuriger Name für das von einem kleinen Bach durchzogene Tal. Aber schön ist es.

Maisingerschlucht (4)
Maisingerschlucht (1)
Maisingerschlucht (5)

Anscheinend ist beiderseits der Schlucht etwas Militärisches, aber andererseits nichts wirklich wichtiges Militärisches, falls es so etwas überhaupt gibt. Denn die Schilder schmettern dem Wanderer kein strenges „Betreten verboten“ entgegen, sondern schlagen vor, dass man halt ein bisschen aufpassen solle, wenn man in die Schusslinie läuft.

Maisingerschlucht (2)

Die Regeln, die die autoritären Kinder von der Anti-Montessori-Schule aufgehängt haben, sind demgegenüber strenger.

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„Sind Sie Pilger?“

„Ein atheistischer Pilger.“

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Gleich außerhalb von Söcking haben die zurückziehenden Gletscher eine Anhöhe mit einem einzelnen Baum zurückgelassen. Ein wunderbarer Aussichtspunkt mit Blick auf die Alpen. Ein junges Paar sitzt auf der einzigen Bank. Das Mädchen liest ihrem Freund aus einem Buch vor.

Ich will sie nicht stören und setze mich weit abseits in die Wiese (so hoch werden die Schlangen schon nicht klettern), so dass ich leider nicht erfahre, welches Werk das junge Glück verbindet. Schade, denn dem Autor würde diese Anerkennung wahrscheinlich mehr bedeuten als schnöde Verkaufszahlen oder ein geschönter Platz auf der Bestsellerliste.

Söcking (1)

Vor mir die Alpen, hinter mir die ebenso hohen Kumulonimbuswolken. Der Ort ist schön, aber zum Schlafen wohl zu exponiert.

Söcking (2)
Söcking (3)

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So ziehe ich weiter zu meinem Nachtquartier bei Yasmin und Basti, die eine absolut positive Überraschung sind. Es gibt selbstgemachte Pizza, Bier aus der Flasche und eine Menge Geschichten. Lustigerweise hat sich Yasmin auch schon den ganzen Tag Sorgen gemacht, wer da abends eintreffen wird: „Jedes Mal, wenn vor dem Büro ein ungewaschener Hippie in Marihuana-Nebelwolke vorbeiging, dachte ich: Oje, hoffentlich ist das nicht dieser Andreas!“

Die beiden geben mir sofort das Gefühl, zuhause zu sein. Sie sind so Leute, die für jeden Tramper anhalten, die sich über diese spontanen Begegnungen freuen, die demnächst Couchsurfing im Iran machen wollen und die wochenlang mit einem kleinen Rucksack auskommen. Mit meinem viel zu großen mit Büchern vollgepackten Rucksack fühle ich mich richtig uncool.

Draußen zucken die Blitze, und ich bin froh, für diese Nacht eine Unterkunft gefunden zu haben. Die exponierte Stelle unter dem einzelnen Baum würde jetzt zwar ein meteorologisch-elektrostatisches Spektakel bieten, mich aber auch mindestens komplett durchnässen, vielleicht sogar entzünden.

Für die morgige Nacht am Ammersee hat sich über Couchsurfing ebenfalls schon ein Gastgeber gefunden, aber die Nächte danach sind bisher noch beherbergungslos. Das wird eventuell ungemütlich. Ich könnte mir angesichts des tosenden Sturms Sorgen darüber machen, bin aber so erschöpft, dass ich sofort nach dem Zubettgehen einschlafe.

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Fliegerangriff auf die Orthographie

An der alten Bahnstrecke zwischen Ursensollen und Lauterhofen steht ein Kreuz, das laut Inschrift „Zum Gedenken an die Opfer des Fliegerangriff’s auf den Personenzug (Amberg – Ursensollen – Lauterhofen) am 20. 02. 1945 um 12:15 Uhr“ dient.

Leider kann ich der Opfer nie still gedenken, weil mich der Angriff des unangebrachten Genitiv-Apostrophs so in Rage bringt, dass ich mir einen erneuten Fliegerangriff wünsche, der den Fehler ausmerzt. Mit der Entnazifizierung hätten die Alliierten auch die Grammatifizierung nach Deutschland bringen müssen.

Neben dem Kreuz steht eine Tafel mit einer Zeitungsseite der Amberger Zeitung vom 19. Februar 2005, aus deren Zeilen ganz deutlich der in jener Zeit verstärkt auftretende Wunsch trieft, dass die Deutschen auch mal Opfer sein dürfen. „Schrecken und Tod“ kamen „ganz nahe in unsere Heimat.“ „Eine Woche nach dem verheerenden Feuersturm auf Dresden …“ Der „Angriff auf die Lokalbahn“ sei „von langer Hand geplant“ gewesen. „Der Tod kam um die Mittagszeit.“ Tja, das ist schon ungeheuerlich, dass die Deutschen, die ganz Europa in Schutt und Asche legten, Millionen ermordeten und Millionen versklavten, nun beim Mittagessen gestört wurden.

Dazu sollte man erklären, dass im Februar 1945 ein Weltkrieg am Laufen war und in Bayern noch heftig gekämpft wurde. Das nur 50 km entfernte Nürnberg wurde erst zwei Monate später nach einer fünf Tage dauernden Schlacht eingenommen. Das war also nicht die richtige Zeit für einen Ausflug mit der Eisenbahn. Außerdem sind Züge, so sie nicht erkennbar mit einem roten Kreuz markiert sind, ein vollkommen legitimes Angriffsziel. (Zur Einordnung für die entsetzten Angehörigen: Selbst die Versenkung der Wilhelm Gustloff im Januar 1945 war kein Kriegsverbrechen.)

Der Bericht in der Lokalzeitung insinuiert mit dem in Lokalzeitungen üblichen Lokalpatriotismus, dass die US-amerikanischen Bomber und Kampfflugzeuge extra wegen der Bummelbahn nach Ursensollen geflogen wären. Eine kurze Recherche ergibt, dass am 20. Februar 1945 zur Mittagszeit insgesamt 1191 schwere Bomber der US-Luftwaffe Angriffe auf Nürnberg und Umgebung flogen. Hauptziele der Angriffe in diesen Tagen waren Bahnanlagen. Dass dabei die Kleinbahn durch den Wald nicht übersehen wurde, ist in meinen Augen kein Gund für lokale Larmoyanz, sondern für Bewunderung ob der Gründlichkeit und Präzision.

Und weil in anekdotischen Erzählungen immer wieder die Geschichten aufkommen, dass alliierte Tiefflieger sogar auf Pferdefuhrwerke oder gar Radfahrer geschossen hätten: Auch das war vollkommen legitim und verständlich. Die Wehrmacht war 1944/45 so ausgezehrt, dass der Krieg auf dem Heimatboden hauptsächlich zu Fuß oder mit beschlagnahmten Fuhrwerken stattfand. Insbesondere der Volkssturm hatte selten bessere Vehikel als Fahrräder zur Verfügung. Wer kaum als Kombattanten erkennbare Kinder auf Fahrrädern in den Krieg schickt, darf sich nicht wundern, wenn der Gegner Nichtuniformierte auf Fahrrädern beschießt.

Dazu gibt es ein hervorragendes Interview mit John Zimmermann über die Kriegsführung 1944/45, in dem er immer wieder auf Ursache und Wirkung hinweist und die deutsche Mythen- und Legendenbildung in der Nachkriegszeit zu diesem Thema dekonstruiert.

Der Personenverkehr auf dieser Bahnstrecke fiel übrigens nicht dem allierten Beschuss, sondern 1962 der Rationalisierung zum Opfer. Deshalb stehe ich jetzt, wenn ich Richtung Kastl oder Neumarkt muss, nicht mehr am Bahnhof mit den Einschusslöchern, sondern mit erhobenem Daumen neben der Bundesstraße 299.

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„Tausend Zeilen Lüge“ von Juan Moreno

Der Skandal um Claas Relotius ist bekannt, und der Spiegel hat einen umfangreichen Abschlussbericht veröffentlicht. Was muss man dazu noch ein Buch lesen?

Muss man nicht, aber mich hat interessiert, was Juan Moreno, der Journalist, der den Skandal aufgedeckt hat, dazu sagt. „Tausend Zeilen Lüge“ ist ein sehr detaillierter, aber auch ziemlich spannender Bericht, der Schritt für Schritt aufzeigt, wie der freie Mitarbeiter dem preisgekrönten Star-Journalisten auf die Schliche kam – und wie er immer wieder gegen Mauern rannte, weil ihm niemand glaubte.

Wenn sich das Buch teilweise zu minutiös liest und ganze E-Mail-Wechsel abgedruckt anstatt zusammengefasst werden, dann spricht daraus eben immer noch die Verzweiflung von jemandem, der weiß, dass sein Kollege lügt, dass der Spiegel vor einer großen Blamage steht (Moreno wollte die Veröffentlichung der Reportage, an der die beiden gearbeitet haben, noch verhindern), und sehen muss, dass alle anderen Beteiligten in der Redaktion mit Karacho auf die Katastrophe zusteuern.

Moreno hätte jeden Grund, sauer zu sein auf den Spiegel. Insofern ist sein Buch von bewundernswerter Ausgewogenheit. Zum Beispiel die Dokumentation, die Abteilung, die beim Spiegel die Artikel auf sachliche Fehler überprüft. Die Dokumentation hat im Fall Relotius versagt, ganz klar. Aber Moreno weist darauf hin, dass sich der Spiegel als eines der ganz wenigen Medienhäuser überhaupt eine Dokumentationsabteilung leistet. Grundsätzlich ist die Überprüfung von Fakten in deutschsprachigen Medien viel weniger verbreitet als in Großbritannien oder den USA. Es gibt dazu ein wunderbares Buch, das US-amerikanisches „fact-checking“ anhand nur eines Artikels zeigt, der sieben Mal zwischen Reporter und Dokumentar hin- und hergeht.

Aber dazu braucht man eben Zeit. Moreno spricht den Zeitdruck an, weil die fragliche (und fragwürdige) Geschichte über den Flüchtlingstrek aus Guatemala und Honduras erscheinen sollte, bevor er die Grenze mit den USA erreichen würde. Aber meiner Meinung nach stellt er diesen Punkt nicht genug heraus. Andererseits erscheinen auch ständig Bücher mit sachlichen Fehlern, wo eine Menge Zeit zum Nachprüfen oder Nachfragen gewesen wäre, und gewinnen trotz erheblicher Mängel Preise.

Und Moreno stellt klar, dass Claas Relotius ein ganz besonderer Einzelfall ist, der keinesfalls für den Journalismus und nicht einmal für den Spiegel steht. Relotius ist ein notorischer Lügner, der sich aus jeder Lüge mit weiteren Lügen herausredet. Es scheint normal für ihn zu sein, auch wenn es ihm gar keinen Vorteil bringt. Das krasseste Beispiel: Als der Spiegel Relotius zum ersten Mal eine Festanstellung anbot, lehnte Relotius mit der Begründung ab, er müsse seine kranke Schwester pflegen. Nur: Relotius hatte nie eine Schwester. Wenn ihm der Spiegel Reisen in die Südsee bezahlt, lässt er die Tickets verfallen und bleibt lieber zuhause, von wo aus er angebliche Reportagen aus Kiribati schreibt.

Für „Lügenpresse“-Vorwürfe liefert dieses Buch also keine Nahrung.

Und jetzt wird es persönlich: Mich hat der Skandal beim Spiegel auch deshalb erschüttert, weil ich schon mit vielen Medien zu tun hatte. Von allen Zeitungen und Magazinen, Radiostationen und Fernsehsendern, die mich bisher interviewt haben, war der Spiegel mit Abstand das professionellste Medium. Der Reporter des Spiegel, Sven Röbel, hatte sich gut vorbereitet, nahm sich einen ganzen Tag Zeit für das Gespräch, fragte kritisch nach, überprüfte, wollte Unterlagen sehen. In den Tagen nach dem Gespräch meldete er sich mit Rückfragen. Vor Redaktionsschluss rief er mich an und gab mir den geplanten Text, soweit er mich betraf, Satz für Satz durch. So konnten wir noch zwei missverständliche Kleinigkeiten ausbessern. Das war alles höchst professionell!

Ach so, hier ist die Geschichte, um die es damals ging.

Links:

  • Mehr zum Thema Journalismus.
  • „Tausend Zeilen Lüge“ bei Amazon.
  • Mehr Bücher, einschließlich meiner bescheidenen Wunschliste (für den nächsten Aufenthalt im Gefängnis).
  • Und mehr aus dem Iran, falls der Bericht Euer Interesse geweckt hat. Da fällt mir ein, dass noch irgendwo das Manuskript rumliegt, das ich damals unmittelbar nach der Rückkehr aus dem Iran angefertigt habe…
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Leicht zu verwechseln (41) Sturm auf den Reichstag

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„Was seid Ihr nur für lächerliche Anfänger“, denkt sich Marschall Schukow.

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Stein-, Schotter- und Trümmergärten

Wenn man in Deutschland durch Dörfer und Kleinstädte geht, sieht man immer öfter Gärten, die nicht mehr aussehen wie Gärten, sondern wie KZ-Gedenkstätten. Ganz grau und trist. Viel Stein und Beton. Wie wenn jede Pflanze und jedes Tier ausgemerzt werden müssen, ganz im Einklang mit dem beliebten germanischen Gartenratgeber „Mein Kampf gegen das Unkraut“. Absoluter Vernichtungswille, wie er die deutsche Nation von Zeit zu Zeit kollektiv befällt.

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Das ist hässlich. Potthässlich. Grauenhaft.

Schottergarten vor einem Einfamilienhaus. Schottergärten sind in Baden-Württemberg eigentlich bereits verboten jetzt sol

Solche Gärten, die den Namen nicht mehr verdienen, sind lebensfeindlich. Hier singen keine Vögel. Hier summen keine Bienen. Und wer in so einem Garten der Grauens eine Katze hält, darf sich nicht wundern, wenn diese alsbald abskondiert oder sich suizidiert. Aufgehängt am Alibi-Bonsaibäumchen.

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Deprimierend ist dieser hortikulturelle Horror obendrein. Wer will denn so etwas sehen, wenn er aus dem Fenster sieht? Das können doch nur absolute Spießer sein, wahrscheinlich solche, bei denen die Wohnung zu jeder Zeit frischgeputzt und aufgeräumt aussieht. Da wohnen wahrscheinlich die Leute, die die Polizei rufen, wenn in der Nachbarschaft jemand grillt.

Aber eins muss ich zugestehen: Steingärten haben Tradition. Sie gehen zurück auf das Frühjahr 1945, als in Deutschland die Vorgärten so aussahen:

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Und diese historische Referenz kann kein Zufall sein. Denn die Steinmauern oder Gabionen, die man ohne dieses Hintergrundwissen leicht als das hässlichste Element dieser hässlichen Projekte abtäte, sind in Wirklichkeit Gedenkstätten für die Trümmerfrauen.

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Das Problem dabei ist jedoch, liebe Freunde des Steinbruchs, dass die Geschichte von den Trümmerfrauen weitgehend ein Mythos ist. Die Trümmerräumung war eine hoch stigmatisierte Arbeit, die während der NS-Zeit Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge verrichten mussten. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg überlebte die negative Konnotation dieser Arbeit, so dass die Alliierten deutsche Kriegsgefangene und NSDAP-Mitglieder zum Schuttwegräumen zwangen. Wenn Oma stolz erzählte, dass sie ganz allein Köln oder Nürnberg aufgebaut hat, dann war sie also wahrscheinlich ein Nazi.

Nur 1945/46 und nur ganz regional begrenzt, vor allem in Berlin und in der sowjetischen Besatzungszone, wurden teilweise Frauen zum Wegräumen des tausendjährigen Schutts verpflichtet. Meist nutze man dafür, was ja auch irgendwie Sinn ergibt, Maschinen.

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Die Geschichte, dass die Frauen nach 1945 praktisch allein und freiwillig ganz Deutschland aufgeräumt und aufgebaut hätten, ist arg übertrieben. Sie entstammt dem Wunschdenken, die Zeit des Nationalsozialismus und der Niederlage möglichst schnell mit einer positiven Erzählung zu übertünchen. Die Konfrontation mit den Fakten zeigt, dass nicht alles stimmt, was Oma und Opa erzählt haben. Andererseits sind auch die nachfolgenden Generation nicht ganz unschuldig, glauben sie doch gerne das, was die Familie in besserem Licht dastehen lässt.

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„Secondhand-Zeit“ von Swetlana Alexijewitsch

Manchmal hat das Kommittee für den Literaturnobelpreis etwas komische Ideen. So ging 2016 der Preis an einen Sänger, der gar keine Bücher geschrieben hat. 2018 wurde die Preisverleihung ganz vergessen. Aber 2015, das war ein völlig berechtigter Preis für Swetlana Alexijewitsch.

Dabei könnte man auf den ersten Blick denken, dass die Schritstellerin aus Weißrussland/Belarus selbst kaum schreibt. Denn ihre Bücher sind Collagen aus Erzählungen anderer Leute, ziemlich langen Erzählungen, immer über das ganze Leben, oft auch noch das der Eltern oder der Kinder. Aber Alexijewitsch hört zu, vor allem Menschen, denen sonst niemand zuhört, für die sich niemand interessiert, die vergessen und abgeschrieben wurden. Wie eine der alten Damen fragt: „Ich weiß gar nicht, wieso Sie zu mir kommen. Was soll ich ihnen schon erzählen?“ Und dann erzählt sie vom Zweiten Weltkrieg, von Stalin, von der Verbannung nach Sibirien, vom Kommunismus, von der Perestroika, von Hoffnungen und Enttäuschungen.

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Die Leistung von Alexijewitsch besteht darin, diese Menschen ausfindig zu machen, zum Sprechen zu bringen, auch über persönlichste Dinge, und auch den richtigen Mix aus Alt und Jung, Parteikadern und Dissidenten, Politischen und Unpolitischen, Männern und Frauen herzustellen. Ich habe mir als erstes Buch Secondhand-Zeit: Leben auf den Trümmern des Sozialismus vorgenommen, in dem das Ende der Sowjetunion und die Zeit der Perestroika erzählt werden.

Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass ich beginne, die Zeit zu verstehen. Denn so unterschiedlich die Erfahrungen und Perspektiven der Hunderten von Stimmen sind, so kristallisiert sich doch ein weitgehender Konsens heraus. Allerdings ein Konsens, der auf Außenstehende verstörend wirkt.

Fast keiner der Gesprächspartner verklärt die Sowjetunion, aber alle sind nostalgisch.

Interessant, auch für die deutsche Ostalgie/Unrechtsstaat-Diskussion, finde ich, dass auch diejenigen mit nostalgischen Gefühlen überhaupt nicht leugnen, dass die Sowjetunion die Bevölkerung unterdrückte. Aber dennoch (S. 111):

Vielleicht war das ja ein Gefängnis, aber mir war in diesem Gefängnis wärmer.

Oder, ganz explizit auf den KGB bezogen (S. 58), betont einer, dass es zumindest allen gleich (schlecht) ging:

Alle hatten vor etwas Angst, auch diejenigen, vor denen man Angst hatte.

Fast alle Gesprächspartner haben gelitten in der Sowjetunion, manche waren selbst im Gefängnis oder im Arbeitslager, viele hatten Verwandte oder Eltern im Arbeitslager. Immer wieder fällt dann der Satz: „Aber wir haben Hitler besiegt.“ Aus dem Westen fällt es leicht, zu spotten über die Paraden am 9. Mai. Aber aus den Gesprächen mit den alten Menschen wird deutlich, wie sinnstiftend der Große Vaterländische Krieg und der Sieg über Nazi-Deutschland war. Von dieser kollektiven Anstrengung konnte die Sowjetunion anscheinend noch 45 Jahre lang zehren, obwohl die Gesprächspartner nicht verschweigen, wie grausam die sowjetischen Kriegsgefangenen nach der Rückkehr behandelt wurden (S. 52 f.) oder wie Zivilisten noch 40 Jahre lang dafür bestraft wurden, auf einstmals deutsch besetztem Gebiet gelebt zu haben (S. 100).

Manche verstehen ihre nicht rundherum ablehnende Haltung selbst nicht (S. 113/114):

Sie werden fragen … Sie müssen fragen, wie das alles zusammenpasst: unser Glück und dass nachts Leute abgeholt wurden. Manche verschwanden, manche weinten hinter der Tür. Daran kann ich mich irgendwie nicht erinnern. Ich erinnere mich nicht!

Oder eine Frau über ihre Eltern (S. 116):

Im Gefängnis hatten sie ihm die Zähne ausgeschlagen, ihm fast den Schädel zertrümmert. Und trotzdem blieb er sich treu, ist Kommunist geblieben … Erklären Sie mir das … Meinen Sie, sie waren Dummköpfe? Naiv? Nein, das waren kluge, gebildete Menschen. Meine Mutter las Shakespeare und Goethe im Original, und mein Vater hat an der Timirjasew-Akademie studiert.

Überhaupt, die Bildung, die Bücher, die Literatur, deren Bedeutung zieht sich wie ein roter Faden durch die Sowjetleben. Das macht sogar den Gulag akzeptabel (S. 56):

Im Lager hat Vater viele gebildete Menschen kennengelernt. Nirgendwo sonst hat er so interessante Menschen getroffen.

Hauptsache, nicht kleinbürgerlich-spießig (S. 169):

Mir vorzustellen, dass meine Mutter mit einem Stickrahmen dasitzt oder unsere Wohnung irgendwie schmückt – mit Vasen, Porzellanfigürchen – nicht doch! Das war sinnlose Zeitverschwendung. Kleinbürgerlich! Die Hauptsache war das Geistige … Bücher … Einen Anzug konnte man zwanzig Jahre lang tragen, und zwei Mäntel reichten fürs ganze Leben, aber ohne Puschkin oder ohne eine vollständige Gorki-Ausgabe konnte man nicht leben.

Mir ist das auf Reisen in Osteuropa überall begegnet. Man kommt in eine Plattenbauwohnung oder in ein windschiefes Holzhaus, wo man das Wasser aus dem Brunnen pumpen muss. Aber jeder hat eine tadellose Bibliothek. Und die Bücher wurden auch gelesen.

Die Bücher ersetzten uns das Leben. Das war unsere Welt. (S. 182)

Wenn jemand ein neues Buch beschafft hatte, konnte er damit zu jeder Tages- und Nachtzeit zu seinen Freunden kommen, auch nachts um zwei oder drei, er war ein willkommener Gast. (S. 70)

Sogar die tadschikischen Bauarbeiter, die jetzt im Moskau in der Kanalisation leben, schwärmen der Autorin von Omar Khayam vor (S. 468). Ich fühle mich deshalb in Osteuropa oft wohler als in Westeuropa, weil ich lieber über Bulgakow als über Bausparverträge spreche, lieber über Ilja Ilf als über Instagraph.

Die Größe der Sowjetunion war nicht nur eine historische, sondern auch eine geographische (S. 107):

Es war alles ein Land – fahr, wohin du willst! Damals gab es keine Grenzen … keine Visa und Zollstationen.

Das erinnerte mich an einen Besuch in Transnistrien, wo mich ein älterer Mann freundlicherweise zur Migrationsbehörde begleitete, um mein Visum zu beantragen und auch gleich mitzunehmen. Ich fragte ihn (ganz naiv), ob er seit dem Fall des Eisernen Vorhangs mehr reise. „Ach, das geht ja nicht mehr“, seufzte er. „Früher, ja, da konnte ich nach Estland, nach Litauen, nach Armenien, ans Kaspische Meer, an die Ostsee, nach Kirgistan, nach Samarkand. Aber jetzt brauche ich ein Visum für jedes dieser Länder, überall sind neue Grenzen.“

Die Interviewpartner sind erstaunlich offen, reden wie ein Wasserfall. Man kann sich richtig vorstellen, wie Swetlana Alexijewitsch auf dem Sofa in der Plattenbauwohnung sitzt, stundenlang zuhört und immer wieder Kekse und Tee serviert bekommt.

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Fast jeder war für die Perestroika, wollte mehr Freiheit, einen anderen Sozialismus, aber alle sind enttäuscht von dem, was sie bekommen haben, nämlich eine Marktwirtschaft, in der die Banditen regieren.

Kaum jemand von uns ist geblieben, wie er war. Die anständigen Leute sind irgendwie verschwunden. Überall Ellenbogen und Zähne. (S. 35)

Das Ende der relativen Gleichheit stößt vielen sauer auf (S. 60):

Der „kleine“, der „einfache“ Mensch ist heute ein Nichts, eine Null.

Und auch der Materialismus, für den immer wieder die Wurst als Symbol herhalten muss.

Jetzt sind auch bei uns die Läden voll. Im Überfluss. Aber Berge von Wurst haben nichts mit Glück zu tun. (S. 57)

Gesiegt hat ihre Majestät die Wurst! (S. 192)

Viele wollen noch heute die Sowjetunion zurück, aber mit jeder Menge Wurst. (S. 542)

Das Gespräch mit einem Kreml-Insider ist auch ganz spannend, zum Beispiel als er davon berichtete, dass er kompromittierendes Material über Gorbatschow sammelte. Das Schlimmste, was zu finden war: Bei einem Besuch in London hatte Gorbatschow es versäumt, das Grab von Karl Marx zu besuchen (S. 149).

Dadurch, dass einzelne Gespräche wiedergegeben werden, stehen die Kapitel für sich, und man kann die Lektüre über einen längeren Zeitraum strecken. Das ist vielleicht auch besser, denn jede Lebensgeschichte für sich ist ein Drama, nach dem man eine längere Pause benötigt. Insbesondere nach 1990 scheint es in jeder Familie Suizidgedanken gegeben zu haben. Immer wieder springen Menschen aus dem Fenster. Einer zündet sich im Garten an. Andere drehen den Gasherd auf. Und viele Gesprächsfetzen hat die Autorin auf der Beerdigung eines Frontsoldaten aufgeschnappt, der sich vor den Zug geworfen hatte.

Oft sind es Kleinigkeiten, die im Gedächtnis bleiben, die aber das Ausmaß des Schreckens beschreiben. Aus der Erzählung einer Frau, die im Arbeitslager geboren wurde (S. 292):

Ich erinnere mich daran, wie die Jungen mich einmal gerufen haben, sie hätten eine Katze zum Spielen, und ich nicht wusste, was eine Katze ist. Die Katze hatte jemand von draußen mitgebracht, im Lager gab es keine Katzen, sie überlebten dort nicht, weil es nie Essensreste gab, wir sammelten alles auf. […] Wir aßen Gräser und Wurzeln und leckten Steine ab. Wir wollten die Katze gern füttern, aber wir hatten nichts […]

Im zweiten Teil, der die Zeit nach der Auflösung der Sowjetunion in den verschiedenen neuen Staaten behandelt, wird es nochmal richtig deprimierend. Berichte aus Tschetschenien, vom Kriegsbeginn zwischen Georgien und Abchasien lassen einen ratlos zurück. Im letzten Kapitel schreibt die weißrussische Autorin über die Niederschlagung der (früheren) Proteste in Belarus, aber zumindest da gibt es zur Zeit einen Hoffnungsschimmer. Falls die Revolution in Minsk gelingt, wird sie ihr Heil hoffentlich nicht im Kapitalismus und in der Wurst suchen.

Und die Jelzin-Jahre, als Stellenangebote wie „Putzfrau mit Hochschulabschluss gesucht“ am Zaun hingen. Als der Klempner einen Doktortitel hatte. Als Kriminelle mit der Entführung der Tochter drohten, falls man die Plattenbauwohnung nicht „verkaufte“. Als die Polizei nutzlos war.

„Secondhand-Zeit“ ist ein gewaltiges Buch. Nur auf den ersten Blick ist es ein Buch über die Sowjetunion und ihr Ende. In Wahrheit ist es ein Buch über die Menschheit. Der politische Umbruch hat nur das zutage befördert, was in uns allen schlummert.

Ich habe hier viel Leid zitiert, aber es gibt auch schöne Geschichten von Hilfsbereitschaft, wobei es meist die Ärmsten sind, die den anderen Ärmsten helfen. So wie die Frau, die zusammen mit ihrer Mutter obdachlos ist, die nicht einmal einen Schlafsack haben und die gegen den Hunger tagelang nur heißen Tee trinken. Aber wenn sie irgendwo Geld bekommen, geben sie es einer alten, irren Frau am Bahnhof, weil sie Mitleid mit ihr haben.

Und Geschichten von Liebe, wie die zwischen der Armenierin und dem Aserbaidschaner, die während des Kriegs zwischen Armenien und Aserbaidschan heiraten und eine Tochter bekommen. Gegen das, was sie durchmachen, war Romeo und Julia ein Kasperltheater.

Ich wünsche dem Buch v.a. viele westeuropäische Leser, die allzu gerne auf Osteuropa hinabblicken und es nur als Reservoir von billigen Arbeitskräften sehen. Vielleicht täte uns so ein Buch über die DDR gut, auch wenn die Umbrüche in Ostdeutschland nicht so dramatisch waren wie in der Sowjetunion.

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Per Anhalter gegen die Skeptiker

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„Niemand wird dich mitnehmen, schon wegen des Coronavirus.“

„Ich glaube nicht, dass das klappt.“

„Heutzutage fährt niemand mehr per Anhalter.“

„Ist das überhaupt erlaubt?“

So die skeptischen Stimmen, als ich verkündete, von Ammerthal nach Wien, also eine Strecke von über 500 km, zu trampen.

Ammerthal ist ein kleines Dorf in Bayern, abseits aller Verkehrsströme. Diejenigen, die hier ihre Häuschen bauen und sich gerade das ausgiebige Wochenendfrühstück zubereiten, freuen sich über die Ruhe, die damit einhergeht. Diejenigen, die gerne in die weite Welt wollen, leiden darunter. Wie soll man je nach Timbuktu, Tiflis oder Tiraspol kommen, wenn die Straßen hier nach Götzendorf oder Weiherzant führen?

Karte Trampen Ammerthal-Wien

Und heute ist noch weniger los, weil Samstag ist. Samstagmorgen um 8 Uhr. Nicht irgendein Samstag, sondern Maria Himmelfahrt. In der Süddeutschen Zeitung habe ich am Morgen noch ein sehr schwurbeliges Interview mit einem Pfarrer gelesen, der Maria Himmelfahrt als „Sieg der Individualisierung über jeden Versuch der Entindividualisierung“ erklären wollte.

Die Leute, die an der Straße nach Ursensollen, wo eine Bundesstraße die Verbindung zur Außenwelt verspricht, nicht anhalten, haben das mit der Individualisierung wohl zu ernst genommen. Oder ganz falsch verstanden. Mehr als eine halbe Stunde stehe ich in dem Dorf, in das mich das böse Schicksal verschlagen hat, und niemand hält an. Manche Fahrer winken. Manche tun, wie wenn sie so blind sind, dass man ihnen eigentlich die Fahrerlaubnis entziehen sollte.

„Was machst du, wenn niemand anhält?“ wird man als Tramper manchmal gefragt. Die Standardantwort: „Wenn man lange genug wartet, hält immer jemand.“ Auch aus Ammerthal würde ich irgendwann wegkommen, da bin ich mir sicher. Aber die Bundesstraße ist nur 6 km entfernt, also mache ich mich zu Fuß auf den Weg. Natürlich halte ich unterwegs immer wieder den Daumen raus, aber hohe christliche Feiertage scheinen die Hilfsbereitschaft der überwiegend katholischen Landbevölkerung nicht zu fördern.

Sogar im Regen lassen sie mich stehen beziehungsweise gehen. Als ich durch ein Dorf namens Kotzheim laufe, fühle ich mich genauso. Das ist kein guter Start in den Reisetag.

Andreas Moser hitchhiking B299

Auch an der B299 fahren die Autos Richtung Kastl oder Neumarkt an mir vorbei. Nur die polnischen Fahrer bremsen ab und deuten entschuldigend auf die mit Kindern und Reisetaschen gefüllten Rücksitze. Ich winke dankend zurück. Niemand hat die Pflicht, für mich anzuhalten, das ist mir schon klar. Aber etwas Kommunikation von Mensch zu Mensch, das tut einfach besser als all die Fahrer, die stur geradeaus blicken, wie wenn sie mich nicht sehen. Das sind so Menschen, die wahrscheinlich auch an Obdachlosen vorbeigehen oder Katzen überfahren.

Eine junge Frau fährt vorbei, ohne anzuhalten. Dafür habe ich sogar volles Verständnis. Ich kenne zwar auch Frauen, die alleine trampen, aber man sollte die zusätzlichen Gefahren nicht kleinreden. Das gilt insbesondere in Amberg und Umgebung, wo die Ermordung der Tramperin Sophia Lösche im Jahr 2018 noch besonders im Gedächtnis ist.

Aber da passiert etwas Ungewöhnliches: Die junge Frau, die eben vorbeigefahren ist, hat umgekehrt. „Entschuldigung, aber ich war so überrascht, dass ich nicht sofort angehalten habe.“ Ich halte vielen Fahrern zugute, dass sie einfach nicht schnell genug reagieren. Ein weiterer Grund für Geschwindigkeitsbeschränkungen.

Seit das Trampen nicht mehr so verbreitet ist, denkt man als Autofahrer natürlich auch nicht daran, dass plötzlich Menschen mit Rucksack neben der Straße stehen. „Sie sind der erste Anhalter, den ich jemals gesehen habe“, sagt auch die junge Frau verwundert.

Sie ist Redakteurin beim örtlichen Fernsehsender Oberpfalz TV und fährt bis nach Neumarkt, wo ich hoffe, auf die A3 zu gelangen. Sie schwärmt regelrecht von der Corona-Zeit, weil die Journalisten endlich mal eigene Themen setzen können, anstatt Terminen und Einladungen und Veranstaltungen hinterherzuhetzen. Mehr Reportagen, mehr Hintergründe, weniger Vereinssitzungen. „Aber jetzt, wo sich alles wieder lockert, merke ich, dass wir schon wieder in den alten Trott zurückfallen. Leider.“ Das geht vielen so, scheint mir, sowohl beruflich als auch privat. Ich wünsche mir deshalb fast eine richtig lange und heftigere Pandemie, damit es die Chance auf ein richtiges Umdenken gibt. Weg vom Konsum, weg von der Geschwindigkeit, hin zum bewussten Leben.

In Neumarkt fährt sie mich noch extra zum Autohof in Berg, der direkt an der Autobahnauffahrt liegt. Ein Umweg für sie, aber eine große Hilfe für mich. Nach dem deprimierenden Morgen bin ich nun frohen Mutes für den weiteren Tag. Eine erfolgreiche, freundliche Fahrt hebt das ganze Gemüt. Sogar der Regen hat aufgehört. Und wenn auf Oberpfalz-TV mal eine Reportage übers Trampen kommt, dann wisst Ihr, wer den Anstoß dazu gegeben hat.

Ich packe das zuhause höchst professionell und artistisch vorbereitete Schild aus und stelle mich an die Ausfahrt des Rasthofes. Hier ist richtig viel los, zumindest im Vergleich zu den Feldwegen, die mein Dorf allenfalls notdürftig mit der Zivilisation verbinden.

Fahrer aus Rumänien und der Türkei halten an, nur um mir zu sagen, dass sie leider in die falsche Richtung fahren. Eine Familie aus Polen hält an, um mir zu sagen, dass leider das Auto voll sei. Es ist tatsächlich proppenvoll. Eine attraktive Frau aus Großbritannien hält und ist sichtlich enttäuscht, dass ich nach Südosten anstatt nach Nordwesten will. (Nächster Plan nach der Corona-Krise: Trampen ohne festes Ziel.)

Bald hält ein junges Paar. Die Beifahrerin kurbelt das Fenster herunter: „Du willst nach Österreich? Wir auch. Steig ein!“

Na, so ein Zufall! Zuerst geht eineinhalb Stunden gar nichts, und dann kommt gleich jemand, die ebenfalls Urlaub in unserem sympathischen Nachbarland machen und mich den ganzen Weg mitnehmen können. Jule und Chrissi fahren für ein paar Tage an einen Ort, dessen Namen ich schon wieder vergessen habe, von dem ich aber sowieso nicht weiß, wo er liegt. Ich kenne mich in österreichischer Geographie schlechter aus als in australischer. Keine Ahnung, wo Innerschmirn oder Sellrain liegen.

„Und wo musst du hin?“

„Nach Linz.“ Also eigentlich nach Wien, aber aus Linz hatte sich ein niederländisches Paar gemeldet, das meinen Blog liest und mich eingeladen hat, bei ihnen ein paar Tage Pause zu machen. Es gibt wirklich gute, selbstlose Menschen auf dieser Welt.

„Wo ist das?“

„So zwischen Passau und Wien. Ich denke, da werden wir schon vorbeikommen. Wenn wir erst in Österreich sind, können wir ja mal auf der Karte nachsehen.“

Jule nimmt die Geographie zum Glück nicht so auf die leichte Schulter und sieht gleich nach. Zum Entsetzen aller, die Österreich bisher als kompakten Kleinstaat abgetan haben, ist Österreich auch nach dem Vertrag von Saint Germain noch immer ziemlich groß und unübersichtlich. Linz ist überhaupt nicht in der Richtung vom Brenner, die die beiden einschlagen müssen. Stattdessen trennen sich die für uns jeweils sinnvollen Autobahnen schon in Regensburg, so dass sie mich in Parsberg am Autohof rauslassen.

Jule und Chrissi

Hui, das war knapp. Fast wäre ich so falsch gefahren wie jemand, der nach Bayreuth möchte und in Beirut landet.

In Parsberg ist etwas weniger Verkehr, aber die Stimmung lockerer. Die Leute wachen langsam auf. Ein Motorradfahrer hält an und fragt, ob ich einen Helm dabei habe. Leider nicht. Eine LKW-Fahrerin macht ein Foto von mir fürs Trucker-Instagraph. Die Polizei fährt vorbei, ohne mich zu verhaften. (So wie Männlichsein die Gefahr verringert, beim Trampen ermordet oder vergewaltigt zu werden, so reduziert weiße Hautfarbe die Gefahr, von der Polizei erschossen zu werden. Es schadet nicht, sich seiner unverdienten Privilegien bewusst zu werden.)

Zwei indische Frauen mit einem Auto voller Kinder halten und bieten an, mich bis nach Regensburg mitzunehmen. Weil ich dann in der Stadt stehe und stattdessen auf eine Fahrt mindestens bis nach Passau hoffe, lehne ich dankend ab.

Schon als sie wegfahren, bereue ich es. Das war der Fehler des Tages.

Auf eine Fahrt in einem indischen Auto zu verzichten, nur weil man auf ein zügigeres Fortkommen hofft, das darf nicht passieren. Vor allem nicht, wenn man über die Reise schreibt. Ich könnte mich grün und blau ärgern, Euch diesen Kulturkontakt vorenthalten zu haben.

Und ich ärgere mich noch länger, weil ab diesem Zeitpunkt, wie um mich zu bestrafen, gar niemand mehr hält. Wird sich Parsberg als ein ähnliches Provinznest wie Ammerthal herausstellen, aus dem ich nicht mehr herauskomme? Ich bin schon seit drei Stunden unterwegs und gerade erst im Nachbarlandkreis.

Erst nach 20 Minuten hält ein junger Mann, der trotz meiner gegenteiligen Aufforderung beim Sie bleibt. Er fährt schon vor Regensburg von der Autobahn, kann mich aber an einem Parkplatz an der Autobahn rauslassen. Mangels Tankstelle ist hier nicht so viel los, aber dafür kann man Leute ansprechen, wenn sie Dehnübungen machen oder von der Toilette kommen.

Aber wie Ihr schon wisst, bin ich schüchtern, so dass ich mich erst einmal stumm mit meinem Schild neben den Parkplatz stelle. Ich inspiziere die Autokennzeichen, eines ist aus Passau. Das liegt genau auf dem Weg und würde mich bis an die Grenze bringen. Die Fahrerin erblickt mich, steigt aus und ruft mir zu:

„Wo wollen’s denn hin?“

„Passau wäre super.“

„Na, dann steigen’s halt ein.“

So einfach geht das.

Die ältere Frau ist auf dem Rückweg aus Metz in Lothringen, wo ihr französischer Mann wohnt. Manchmal lebt das Paar dort, manchmal in Passau, manchmal gönnen sie sich etwas Ruhe voneinander, und einmal im Jahr fahren sie in den Urlaub nach Italien, seit 20 Jahren in das gleiche Hotel. „Nicht immer zusammen zu wohnen macht die Ehe erträglich“ gibt sie mir und damit den Leserinnen und Lesern einen wichtigen Rat fürs Leben mit.

Um 12 Uhr fahren wir durch Regensburg, etwa 70 km von dem Ort entfernt, von dem ich um 8 Uhr aufgebrochen bin. „Da sind Sie aber nicht weit gekommen heute“, stellt die Frau gnadenlos fest. Aber jetzt geht es gut voran, immer entlang der Donau, die für die Frau aus Passau eine zwiespältige Sache ist. Dort laufen Donau, Inn und Ilz zusammen, was regelmäßig zu Hochwasser und Überschwemmungen führt.

„2013 war am schlimmsten“, erzählt sie fast stolz. „Das Erdgeschoss war komplett überflutet, und im ersten Stock stand das Wasser 1,80 Meter hoch. Die Bücher waren verklebt wie Beton, absolut unbrauchbar. Nur die Schallplatten konnte ich wieder trocknen, die funktionieren noch immer.“

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Im Autoradio läuft gerade „Life is live“. Sie dreht lauter und klopft mit den Händen auf dem Lenkrad den Takt mit.

„Wer hatte denn die Idee, an so einem Ort eine Stadt zu bauen?“ wundere ich mich, aber sie weiß es auch nicht. Mir scheint das ein ähnlich trotziges Projekt wie Manaus am Amazonas. Am Rückspiegel baumelt ein Holzkreuz aus Altötting, vielleicht ruht darauf alle unbegründete Hoffnung.

Sie lässt mich raus am Rastplatz Donautal, der gerade nicht überflutet ist. Hier muss ich mein Schild ändern, das unkonkrete „Ö“ in „LINZ“ konkretisieren. Gerade nehme ich diese Arbeit in Angriff, da kommt ein Mann in zerschlissener Kleidung und mit großer Einkaufstüte mit wenigen leeren Flaschen darin. Er fragt mich, ob ich ihm nicht einen Euro geben können.

Linz

„Sehen Sie, ich bin ganz zerschlissen“, sagt er, wie wenn ich das übersehen hätte können. Er arbeite den ganzen Tag auf dem Parkplatz, aber heute habe er erst sechs Flaschen gesammelt. (Oder er hat seine bisher gefundenen Schätze schon in seinem Auto deponiert.)

Ich öffne das Portemonnaie, wo nur 2-Euro-Münzen drin sind, was mir etwas viel erscheint.

„Das passt schon. Zwei Euro sind üblich hier“, sagt er gewitzt und so selbstsicher, wie wenn irgendwo eine Satzung mit seinen Gebühren aushinge.

„Ich habe selbst nicht allzu viel“, sage ich. „Sonst wäre ich doch nicht per Anhalter unterwegs.“

„Sie haben sicher mehr als ich“, entgegnet er, zurecht etwas angesäuert über den gar nicht zerlumpten Schreiberling, der auf mittellos macht, um Material für eine Geschichte zu sammeln, während er Flaschen zum Überleben sammelt.

„Da haben Sie wahrscheinlich Recht“, gestehe ich und überlege noch, ob ich ihm die absolut angebrachte Zurechtweisung mit zwei Euro vergüten soll.

Aber er denkt schon weiter: „Wo wollen Sie denn hin?“

„Nach Linz.“

„Da, der junge Mann in dem roten Auto, der fährt nach Linz. Der nimmt Sie sicher mit.“

Ich gehe zu dem jungen Mann in dem roten Auto, einem alten Opel Corsa oder so.

„Fährst du nach Linz?“

„Ja.“

„Könntest du mich mitnehmen?“

„Ja klar.“

Ich will mich noch bei dem hilfsbereiten Flaschensammler bedanken, aber er ist schon weitergegangen und spricht mit neuen Kunden.

„Wieso sucht der sich keine Arbeit?“ werden viele denken, wenn sie einen Mann im löchrigen gelben T-Shirt sehen, der tief in Mülleimer greift. Aber seine Recycling-, Gesprächs- und Vermittlungsdienstleistungen sind wertvoller als die sogenannte Arbeit von Marketing Key Account Executive Assistants oder Handyhüllenhändlern.

Der junge Mann, der aus Bonn nach irgendwo in Österreich zu seiner Freundin fährt, braucht sich hingegen seit der Explosion im Hafen von Beirut keine Sorgen mehr machen, dass jemand den Wert seiner Arbeit geringschätzt. Er ist Chemiker und forscht und promoviert zu Detektionsmethoden für gefährliche Stoffe in Schiffscontainern.

Es ist schön, auf einen Naturwissenschaftler zu treffen, der ebenso skeptisch wie ich gegenüber technischen Lösungen für die Probleme der Menschheit ist, von Energie bis zum Klimawandel.

Zweimal rammen fette SUVs fast das kleine rote Auto, wie wenn deren Fahrer ahnen, dass wir uns über die Naivität derjenigen echauffiert haben, die glauben, dass ein Elektro- oder gar ein heuchlerischer Hybridantrieb etwas an der Energieineffizienz ändert, ein 2-Tonnen-Gefährt zum Bewegen einer 80-kg-Person zu verwenden.

Leute mit kleinem Auto ohne Klimaanlage, wo bei Regen die Fenster von innen beschlagen, weil es irgendwo undicht ist, nehmen übrigens öfter Tramper mit als Leute in SUVs, die alles außerhalb ihrer Blechkiste als feindliche Welt betrachten und mit ihren Tanks am liebsten über die Schützengräben in Westflandern wälzen würden.

Ich bin fast traurig, als wir am Rasthof in Ansfelden südlich von Linz ankommen, weil es so eine interessante Unterhaltung war, von Recycling bis zu Rechtsextremismus, von Vielfliegerei bis zum Völkermord. Darüber habe ich ganz vergessen, nach dem Namen des jungen Mannes zu fragen, der unsere Seehäfen sicherer und unsere Straßen sympathischer macht. Aber seine Buchempfehlung habe ich mir gemerkt: „Die Menschheit schafft sich ab“ von Harald Lesch, sicherlich besser als das ähnlich lautende Buch von Thilo Sarrazin.

In Ansfelden warte ich nur 5 Minuten, bis mich zwei Schüler die restlichen 10 km in die Innenstadt von Linz mitnehmen. Sie fahren zur Wohnung der urlaubenden Oma, um die Pflanzen zu gießen. Schade, dass nicht mehr Leute wissen, dass es dafür Profis wie mich gibt, so dass sich die Enkel stattdessen auf die Matura vorbereiten könnten.

Louise und Luuk, die beiden Niederländer, die mich nach Linz eingeladen haben, hatten auch angeboten, mich von unterwegs abzuholen. Auch sie waren ein wenig skeptisch, was das Autostoppen anbelangt, wie es in Österreich heißt. Gar nicht skeptisch hingegen sind sie bezüglich Gastfreundschaft. Obwohl sie von mir nur ein paar Artikel kannten, laden sie mich in ihr Haus ein, verbringen das Wochenende mit mir, gewähren mir ein eigenes Zimmer mit eigenem Bad, und kochen auch noch von früh bis spät.

Dabei hätten sie eigentlich genug zu tun, denn sie sind (auch) Autoren und Übersetzer. Luuk hat unter anderem die Graphic Novel „Jeden Tag Sterben“ über den Ersten Weltkrieg gezeichnet und geschrieben, beziehungsweise aus Originaldokumenten von Soldaten exzerpiert. Louise hat sie ins Deutsche übersetzt. Sie schreiben und editieren die Seiten www.HoeVrouwenDenken.nl und www.HoeMannenDenken.nl. Außerdem hängt noch das ganze Haus voll selbstgefertigter Kunst.

„Ist das nicht komisch, wenn man einfach bei fremden Menschen auftaucht?“ werde ich manchmal gefragt. Theoretisch könnte es das sein, aber auch diesmal stellt sich nach wenigen Minuten das unerklärliche Gefühl ein, wie wenn man sich schon ewig kennt. Manche Gastgeber haben ein Talent dafür. Und so sitzen wir lange Abende im Garten, reden, rauchen, und ich trinke mir mit Chili-Schnaps heftige Kopfschmerzen an. Außerdem nehme ich einige Kilo zu, weil Louise nicht nur gut und viel kocht, sondern mir auch noch die Reste für unterwegs einpackt.

Nur mit Hinweis auf den anstehenden Besuch in Mauthausen, wo ich wahrscheinlich nicht so viel Appetit haben werde, kann ich verhindern, Lasagne, fünf Tafeln Schokolade, belegte Brote und einige frisch gebratene Souvlakispieße, komplett mit Pommes und Salat, eingepackt zu bekommen.

Aber sie bestehen darauf, mich nach Mauthausen zu fahren, worum ich ehrlich gesagt ganz dankbar bin, denn aus der Großstadt (wozu wir Linz gnädig zählen wollen) rauszutrampen ist immer das Schwierigste.

Obwohl sich dieser Blog sonst nicht scheut, vollkommen Unzusammenhängendes in einen konstruierten Zusammenhang zu bringen, ist hier eine Grenze erreicht, die nicht überschritten werden sollen. Der Besuch der KZ-Gedenkstätte in Mauthausen bleibt deshalb einem separaten, ernsten Artikel vorbehalten. Hier muss genügen, dass Louises und Luuks Einschätzung, dass man in der Gedenkstätte locker einen halben Tag verbringen könne, absolut richtig lag. Den ganzen Vormittag war es passend grau und trüb, und wie immer an solchen Orten gleichzeitig schockierend und erhellend. Egal, wie viel man zu wissen glaubt, man lernt doch immer noch eine Menge dazu.

Erst als ich mich nachmittags wieder auf den Fußweg runter in die Kleinstadt Mauthausen mache, kommt die Sonne hervor, und zwar so kräftig, wie wenn sie den verpassten Vormittag mit aller Kraft nachholen möchte. Die mich überholenden Fahrradfahrer sehen mein WIEN-Schild am Rucksack und rufen „Viel Glück!“

Wien

Gleich an Mauthausen fließt die Donau vorbei. Da das Autostoppen fast keine Herausforderung mehr darstellt, kommt mir die Idee, stattdessen eine nautische Mitfahrgelegenheit zu ergattern. Tatsächlich biegt gerade ein Kahn um die Kurve. Leider fährt er in die falsche Richtung, stromaufwärts. Danach ist Flaute auf dem Fluss.

Na gut, dann bleibe ich eben doch wieder neben der Straße stehen. Das Thermometer vor der Apotheke zeigt 36º an. Die Eisdiele, bei der das Thermometer mehr Sinn ergäbe, ist geschlossen. Ich schmelze so schnell wie die Polkappen, nur dass man unter mir keine Bodenschätze finden wird.

Nach etwa 5 Minuten hält ein älterer Herr mit Brille und weißem Kurzarmhemd, Typ pensionierter Lehrer, und sagt: „Ach, junger Mann, hier stehen Sie noch ewig.“ Er mag Recht haben, denn Mauthausen ist nördlich der Donau, aber die A1 nach Wien verläuft südlich der Donau. „Da bringe ich Sie doch besser zur Autobahnauffahrt.“

Wir unterhalten uns darüber, wo ich herkomme und wohin ich will. Der Herr kennt Amberg, war schon ein paarmal dort und lobt die große Kirche auf dem Marktplatz. Er musste übrigens gar nicht zur Autobahn und fährt die 40 km Umweg nur wegen mir.

„Aber jetzt sind Sie doch mal ehrlich“, fordert er mich auf: „Sie hören sich so an, wie wenn Sie studiert haben.“ Anscheinend ist er schockiert, dass auch Akademiker trampen, und ich gestehe, dass ich Jus und Philosophie studiert habe und derzeit Geschichte studiere.

„Jus, Philosophie und Geschichte!“ entfährt es ihm anerkennend. „Da könnten Sie ja eigentlich Minister werden.“

„Ich warte auch schon die ganze Zeit auf den Anruf“, gebe ich vor, wobei das Telefon in Wirklichkeit ausgeschaltet im Rucksack liegt, weil ich nicht so scharf auf Büro- und Gremienarbeit bin.

„Wenn Sie Geschichte studieren, dann wird Sie interessieren, wo wir gerade vorbeifahren. Hier haben die Römer einen großen taktischen Fehler begangen. In Albing war ein römisches Legionslager und ein großes Kastell, so ab 170 nach Christus. An der Donau verlief ja der Limes, die Grenze des Römischen Reiches. Und nördlich davon lauerten die Germanen, eigentlich die Markomannen. Aber in der Donau liegt an dieser Stelle eine Insel, auf die die Markomannen heimlich vordrangen, und von dort das römische Lager angreifen konnten. Ein großer Fehler! Die Römer hätten eben auch diese Insel sichern müssen.“

Seine Sympathien sind auf Seiten der italienischen Invasoren, soviel wird klar.

„Die Römer haben sich dann letztendlich zurückgezogen und errichteten mit Lauriacum einen neuen Standort. Neben Carnuntum war das die bedeutendste Römersiedlung im jetzigen Österreich. Daraus entstand dann schließlich die Stadt Enns.“

Limes Österreich

„Auf diesem Weg wurden Österreich und Bayern christianisiert“, fährt er fort, ohne mir Zeit für mehr als ein anerkennendes „oh“ zu gestatten. „Das Christentum kam von Rom nach Norden, dann über Lauriacum nach Passau, was einst die größte Diözese im Heiligen Römischen Reich war. Sogar Oberösterreich gehörte damals zu Passau.“

Auf meine Frage, ob er ebenfalls Geschichte studiert hat, erklärt er: „Nicht richtig studiert, aber früher war ich viel mit meinem Bruder unterwegs. In ganz Europa“, und fügt träumend an: „Ach, es gibt so viele schöne und interessante Orte!“ Und während der Reisen hat er sich immer in die örtliche Geschichte eingelesen.

Das beschreibt meinen Modus Operandi ganz gut, nur dass ich nicht über solch ein gutes Gedächtnis wie der Privatgelehrte verfüge und die Details schnell wieder vergesse. Da ich während der Fahrten keine Notizen mache, ist auch die hiesige Vorlesung nur bruchstück- und vielleicht sogar fehlerhaft wiedergegeben.

„Da vorne sehen Sie eine schöne romanische Kirche. Das ist Rems.“ Er spricht es aus wie das französische Reims.

Er fährt mich direkt zur Auffahrt auf die A1, die nach Wien führt. In Österreich ist die Straßenplanung noch am Menschen, nicht nur am Auto orientiert, und ein breiter Seitenstreifen bietet Platz für Tramper und anhaltende Fahrer.

Auffahrt A1

Ich warte nur etwa 5 Minuten, bis ein Ehepaar aus der Slowakei anhält. Marko ist Maschinenbauingenieur, hat in der Slowakei und in Deutschland studiert und war gerade zu einem Vorstellungsgespräch in Österreich. Für ihn war es gar keine Frage, dass er für mich anhielt: „Als ich in Magdeburg studierte, bin ich immer per Anhalter aus der Slowakei und zurück gefahren. Normalerweise habe ich zwei Tage für die Strecke gebraucht.“ Und mit der Präzision eines Ingenieurs: „An einem Tag schafft man zwischen 350 und 600 km.“

Seine Frau ist Anwältin. „Aber die letzten 6 Jahre habe ich nicht gearbeitet, weil wir in China lebten.“ Wie ich zu meinem Leidwesen selbst erlebt habe, verliert ein Jura-Abschluss mit Grenzübertritt schlagartig an Nützlichkeit.

Der Ingenieur ist ganz begeistert von China, von der Organisation, von der Infrastruktur. Auch die Ein-Kind-Politik findet der zweifache Vater aus ökonomischen und ökologischen Gründen richtig.

Die Anwältin hingegen bemängelt den Mangel an Freiheit und bedauert, dass sie in China nicht offen über Politik oder Menschenrechte sprechen konnte.

Er: „Aber schau mal, wie effizient China auf das Coronavirus reagiert hat.“

Sie: „Und sie kontrollieren effizient jegliche Berichterstattung darüber.“

Er: „Unsere Politiker reden immer über Menschenrechte und so, aber die sollen erst einmal Straßen und Krankenhäuser und Flughäfen wie in China bauen.“ (Mir persönlich ist unterwegs allerdings nicht aufgefallen, dass es zu wenig Straßen gäbe.)

Sie: „Man kann doch auch bauen, ohne die Uiguren einzusperren.“

Er: „Das stört in China aber niemanden.“

„Ja, so sind die Chinesen“, sagt die Frau traurig und im Bemühen, einen Konsens herzustellen. „Das Wichtigste für sie ist, dass es der Familie gut geht und dass sie genug verdienen. Für Politik interessieren sie sich überhaupt nicht.“

„Das ist aber nichts spezifisch Chinesisches“, mische ich mich ein. „Ich war gerade in Mauthausen, und genauso haben die Deutschen und Österreicher vor 80 Jahren auch gedacht. Und ich fürchte, die meisten würden es wieder tun.“

Vielleicht sind doch die Menschen das Problem, nicht die Chinesen oder die Deutschen.

Damit habe ich die Stimmung im Artikel und im Auto auf den Gefrierpunkt gebracht, und weil ich keine Schokolade zum Verteilen dabei habe, schlage ich einen radikalen Themenwechsel ein: „Marko, konntest du schon Deutsch, bevor du zum Studium nach Magdeburg gegangen bist?“

„Nein“, lacht er und erzählt die Geschichte seines Fremdsprachenerwerbs.

„Ich konnte weder Englisch noch Deutsch. Wir waren auf dem Gymnasium, als die Tschechoslowakei aufgelöst wurde und der Sozialismus endete. Bis dahin hatten wir Russisch als Fremdsprache gelernt. Nach den Sommerferien waren die Russischlehrer plötzlich Englischlehrer. Sie hatten sich irgendwo ein Buch besorgt, vielleicht auch Tonbänder, und sollten uns nun etwas beibringen, was sie selbst nicht konnten. Sie waren uns im Buch immer nur ein oder zwei Lektionen voraus.“

„Ich habe in der Schule null Englisch gelernt, wusste aber, dass ich es brauchen würde. Also bin ich nach dem Abitur mit einem Klassenkameraden in die USA geflogen, wo wir bei McDonalds gearbeitet haben. So wollten wir Englisch lernen.“

Ach ja, die wilden 1990er Jahre!

„Wir arbeiteten am Grill, Hunderte von Hamburgern am Tag, vielleicht Tausende. Und dann wurde mein Freund vom Grill an die Kasse befördert. Oh, ich war so neidisch, weil er sich nun mit den Kunden unterhalten konnte und sein Englisch viel schneller verbessern konnte.“

„Aber weißt du, was passiert ist? Es hat ihm gar nichts gebracht, weil man an der Kasse immer nur die gleichen fünf Sätze sagt: ‚Wie geht’s Ihnen?‘ ‚Zum hier Essen oder zum Mitnehmen?‘ und so weiter. Da lernt man gar nichts. Aber ich war am Grill und hatte keinen slowakischen Kollegen mehr, also musste ich mit allen auf Englisch sprechen, mit den Negern, mit den Brasilianern, mit den Mexikanern. Und deshalb ist mein Englisch jetzt so gut.“ Selbstbewusstsein hat er, auch wenn er Begriffe verwendet, die ein wenig aus der Mode gekommen sind.

„Und dein Deutsch?“ frage ich, denn das spricht er tatsächlich sehr gut.

„Mit Deutsch war es genauso. Die Europäische Union schrieb Stipendien aus, und ich wurde nach Magdeburg zugeteilt. Also machte ich in den Sommerferien einen Deutschkurs, aber verzweifelte an der Grammatik. Wirklich, ich habe null kapiert. Ich dachte mir, ach, in Deutschland kommt man sicher auch mit Englisch durch, das ist ja ein westliches Land. Aber Magdeburg war erst seit kurzem Westen. Die konnten noch kein Englisch, und ich hatte nie richtig Russisch gelernt. Ich ging also in alle Deutschkurse, die es gab: an der Fachhochschule, an der Otto-von-Guericke-Universität, an der Volkshochschule, ich hörte mir alles dreimal an, und weil ich die Sprache überall las und hörte, hat es schon langsam geklappt.“ Da ist er jetzt aber bescheiden, denn anscheinend war sein Deutsch innerhalb eines halben Jahres gut genug für eine Stelle am Fraunhofer-Institut.

Als mich die lustigen Slowaken in Wien am Bahnhof Perchtoldsdorf absetzen, kann ich selbst kaum glauben, aber: Es hat geklappt!

All die Zweifler und Skeptiker, die sagten, dass man während der Pandemie nicht trampen kann, dass so etwas sowieso nicht funktioniert, dass es das gar nicht mehr gäbe oder dass es verboten sei, die müssen sich etwas anderes zum Zweifeln oder Skeptizieren aussuchen. Oder einfach mal selbst probieren.

Louise aus Linz sagte, als ich vom Trampen erzählte: „Das hört sich nach einer guten Therapie für ängstliche Menschen an. Wer immer nur Schreckensmeldungen liest und glaubt, dass die ganze Menschheit schlecht und böse sei, und dass an jeder Ecke das Verbrechen lauert, der muss eigentlich nur mal einen Tag mit dir unterwegs sein.“ Eine gute Idee!

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Bomben, Explosionen und mein Besuch in Beirut

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Die Explosion im Hafen von Beirut letzte Woche weckte nicht nur die Leute, die gerade ihren Mittagsschlaf machten, sondern auch Erinnerungen an meinen Besuch in jener Stadt. Es war eine kurze Visite, kaum ausreichend für einen ersten Eindruck, und sie liegt viele Jahre zurück. Damals machte ich weder Fotos noch Notizen. Es war in der dunklen, alten Zeit bevor ich das Schreiben entdeckte, und noch als Rechtsanwalt schuftete und schwitzte. Aber lasst mich versuchen, ein paar Fragmente aus der Erinnerung zu reaktivieren.

Es war im Jahr 2005, und Beirut, oder eigentlich der ganze Libanon, war gerade von einer anderen massiven Explosion erschüttert worden, die Rafik Hariri, den Premierminister getötet hatte. Zu jener Zeit explodierte im Libanon alle paar Wochen etwas, und damit war es das perfekte Reiseziel für mich. Ich bin einfach nicht der Typ für einen langweiligen Strandurlaub.

Raketenangriff
Das war in Israel, aber vielleicht kam die Rakete aus dem Libanon.

Ich habe noch den Lonely-Planet-Reiseführer für Libanon und Syrien, 2. Auflage von 2004, und ich blättere ihn jetzt durch. Ich hätte den Ort meiner Unterkunft im Stadtplan markieren sollen. Da ich das nicht habe, nehme ich an, dass ich damals ziemlich optimistisch bezüglich meiner Orientierungsfähigkeit war. Weil ich das System der Busse nicht auf Anhieb verstand, ging ich überall hin zu Fuß. Außerdem ist zielloses Herumschlendern die beste Art, eine Stadt zu erkunden.

Nur bei der Ankunft hatte ich ein Taxi vom Flughafen genommen. Es war schon dunkel, und entweder es gingen an dem Abend keine Busse mehr oder einer der Taxifahrer war zu schnell und geschickt darin, mich von der Straße wegzufangen. Ich erinnere mich an eine Menge Schlaglöcher, so groß, dass sie kaum von normaler Abnutzung entstanden sein konnten, und an Panzer am Straßenrand.

Es gibt so ein bestimmtes Reisegefühl, das ich liebe: Zum ersten Mal in einem Land ankommen, ohne jemanden zu kennen, ohne die Sprache zu sprechen, nicht zu wissen, wo ich unterkommen werde, und keine Ahnung, was als nächstes passiert. Und aufsteigender Rauch, Panzer in den Straßen, Gewehrsalven, die den Nachthimmel erleuchten. Es herrscht eine gewisse Anspannung, klar, vielleicht ist man auch ein bisschen besorgt, aber Aufregung und Neugier gewinnen mit großem Vorsprung. Wahrscheinlich musste ich die ganze Fahrt über grinsen.

„Wohin soll ich Sie fahren, Sir?“

„Ich suche nach einer günstigen Unterkunft, vielleicht so um die 20 $ pro Nacht.“ Das war die Grenze zwischen billig und nicht billig im Lonely-Planet-Reiseführer, zumindest damals. Und weil alles neu für mich sein würde, war es mir eigentlich egal, in welchem Viertel ich unterkommen würde.

Ich erinnere mich, dass wir die ganze Zeit geradeaus fuhren, was zeigte, dass es sich um einen fairen Taxifahrer handelte, und dann bog er rechts ab, und wir waren schon da. Er brachte mich in den zweiten oder dritten Stock eines Wohnblocks, läutete an der Tür und erklärte mein Anliegen.

„Für wie viele Nächte?“ fragte ein älterer Herr.

„Drei Nächte“, sagte ich spontan. Ich hatte insgesamt nur eine Woche, und den Rückflug hatte ich aus Damaskus gebucht, so dass ich noch nach Syrien musste. Ich empfehle grundsätzlich, Flüge so zu buchen, weil man dann eine grobe Route hat. Aber alles dazwischen würde ich frei lassen und einfach mit dem füllen, was so auf dem Weg liegt.

Es muss schon nach 23 Uhr gewesen sein, denn der Eigentümer der Herberge brachte mich sofort zu Bett, für das er nur 6 $ pro Nacht veranschlagte. Ich teilte das Zimmer mit 5 anderen Männern. Nun stört mich die nahöstliche Geräuschkulisse aus Sirenen, Muezzin und Scharfschützen nicht, aber wenn jemand schnarcht, dann bekomme ich kein Auge zu. Die Männer sahen alle aus wie Bauarbeiter, und sie schnarchten wie Bären. Ich schlief wirklich schlecht, falls überhaupt, außer in den letzten Morgenstunden, weil die Zimmergenossen ganz früh gehen mussten, um ein Gebäude zu reparieren, das explodiert war. Als ich endlich aufstand, merkte ich, dass ich in einer ganz gewöhnlichen Wohnung war, die zu einem Hostel umfunktioniert worden war. Das war AirBnB vor dem Computerzeitalter. Es geht also auch ohne den ganzen Technikschnickschnack.

Am nächsten Tag begann ich mit dem ziellosen Herumstreunen. Ich kam an den Platz, wo Rafik Hariri ermordet worden war und sah, was für eine enorme Bombe das gewesen sein musste.

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Überall in der Stadt hatten die Gebäude noch Narben vom libanesischen Bürgerkrieg, über den ich als Kind so viel in der Tagesschau gesehen hatte, ohne jemals etwas davon zu verstehen. Außer dass es gefährlich und kompliziert war, was wahrscheinlich meine Faszination für Beirut begründet hatte.

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Wenn man an der Corniche, der Strandpromenade, entlang ging, fühlte man sich wie in einer normalen Mittelmeerstadt. Die Leute schlenderten auf und ab, die Wellen überschlugen sich, Männer verkauften geröstete Nüsse, Kinder schrien vor Vergnügen, Jugendliche sahen so attraktiv wie möglich aus. „Paris des Ostens“ war die Stadt vor dem Bürgerkrieg genannt worden. Wenn ich mir die Gebäude ansah, konnte ich nichts davon erblicken. Aber wenn ich die Leute ansah, dann erkannte ich es.

Ich hatte keine Zeit gehabt, um mich auf die Reise vorzubereiten. Am Flughafen in Istanbul war ich am Flugsteig nach Beirut der einzige Weiße unter lauter Orientalen, wie man vor Edward Said gesagt hätte. Einer von ihnen fragte mich ganz besorgt: „Sind Sie sicher, dass Sie nach Beirut wollen?“ Nun ja, einen Ersatzplan hatte ich nicht. Eine junge Frau, sehr attraktiv, die für die UNO in Wien arbeitete und wegen Weihnachten nach Hause flog, gab mir eine Menge Tipps und Ratschläge, wohin ich gehen solle. Ich schrieb alles auf, aber sie empfahl nur Bars, Diskotheken und andere Party- und Paarungsplätze. Als sie aufstand, sagte einer der Männer: „Ich glaube, die junge Dame hat den Zweck Ihrer Reise nach Beirut missverstanden“, und lächelte vielsagend verschwörerisch. Ich warf die Notizen später weg, obwohl ihr Name und ihre Telefonnummer darauf standen. Aber was soll’s, ich hatte ja sowieso kein Telefon.

Die fehlende Vorbereitung führte wahrscheinlich dazu, dass ich eine Menge schöner Orte verpasste. Aber einen, den ich nicht übersehen konnte, war der Campus der Amerikanischen Universität in Beirut. Mit einem eigenen Strandabschnitt sah es wie an einer Universität in Kalifornien auf. Vielleicht sollte ich mir diese Universität für ein Auslandssemester aussuchen. Ich meine die in Beirut, nicht in Kalifornien. In den USA sind mir die Leute zu verrückt, und alle tragen Waffen.

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Ich erinnere mich auch, wie ich die Grüne Linie entlang spaziert bin, die während des Bürgerkriegs von 1975 bis 1990 zeitweise als Demarkationslinie gedient hatte. Jetzt war es einfach nur eine gewöhnliche Straße. Nichts daran war gefährlich, obwohl die Leute sagten, dass im südlichen Abschnitt die Hisbollah wohne. Ich hatte denjenigen meiner Pässe ohne Stempel aus Israel dabei, also machte ich mir keine Sorgen. Woran ich merken würde, wo die Hisbollah-Zone beginne, fragte ich. „Mehr Typen mit Waffen“, sagte jemand. „Du wirst es daran erkennen, dass dort die Müllabfuhr funktioniert“, scherzte ein anderer, und ich verstand, warum Menschen eine Partei wählen, die anderswo als Terrororganisation eingestuft wird.

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Jetzt ist es nicht mehr so grün. Frieden ist schlecht für die Natur.

Immer wenn ich einen Laden betrat, wünschten mir die Menschen „Frohe Weihnachten“, und ich hatte echt Probleme, das mit der Abwesenheit jeglichen Schnees, mit den warmen Temperaturen und mit den arabischen Schriftzeichen in Einklang zu bringen. Viele Leute, die noch nicht im Nahen Osten waren, stellen sich die Region als monoreligiös muslimisch vor, aber so ist es nicht. Es gab eine Reihe von Kirchen, die die Tore weit offen hatten, so dass ich im Vorbeigehen die Chöre und Gesänge hörte. Und vor jeder Kirche stand mindestens ein Panzer mit Soldaten.

Weil ich damals noch nicht schrieb, machte ich vieles anders als ich es jetzt tun würde. Anstatt in die Kirche zu gehen, ging ich ins Kino und guckte „Lord of War“, einen Film über einen Waffenhändler. Kein besonders guter Film, aber ich fand ihn irgendwie passend für den Ort.

Wenn ich mit Leuten ins Gespräch kam, fragten sie mich natürlich, woher ich kam und was ich beruflich machte. Als ich, ganz der Wahrheit verpflichtet, sagte, dass ich ein Rechtsanwalt aus Deutschland sei, weiteten sich die Augen, die Menschen wurden noch höflicher und einmal sagte eine Frau in einem Falafel-Laden darauf: „Für Sie kostet es nichts. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg!“

Erst am zweiten oder dritten Tag, als ich die örtliche Zeitung Daily Star las, verstand ich, warum ich mit so unangebrachter Ehrfurcht behandelt wurde. Ihr erinnert Euch an den libanesischen Premierminister, der ein paar Monate vorher ermordet worden war? Die Untersuchung der libanesischen Behörden verlief im Sand, und deshalb ernannte die UNO einen Sonderermittler. Dieses Amt übernahm Detlev Mehlis, ein deutscher Staatsanwalt, und seine Untersuchung war zu dem Zeitpunkt noch im Gange. Er wurde im Libanon hochgeschätzt, und die Menschen setzen große Hoffnung in die internationale Untersuchung. Und wenn sie in Beirut einem deutschen Juristen begegneten, nahmen sie anscheinend automatisch an, dass dieser zu seinem Team gehörte.

Aber die Menschen waren überhaupt sehr freundlich. Als ich am Abend in die Wohnung zurückkam, fragte mich der Sohn des Eigentümers, ob alles in Ordnung sei. Ich sagte, halb im Scherz, dass ich besser tagsüber schlafen und nachts spazieren gehen sollte, um den schnarchenden Männern in meinem Zimmer zu entgehen.

„Oh, das tut mir leid!“ entschuldigte er sich für etwas, wofür er nichts konnte. „Lass mich mit meinem Vater sprechen, vielleicht finden wir ein separates Zimmer für dich.“

Das waren gute Nachrichten, und ich sagte ihm, dass ich dafür natürlich mehr zahlen würde.

Er sprach kurz mit seinem Vater und informierte mich: „Wir hätten für die nächsten zwei Nächte ein privates Zimmer für dich. Das kostet allerdings 20 $ pro Nacht, wäre das akzeptabel?“

Es war äußerst akzeptabel.

Und als er mir das Zimmer zeigte, merkte ich, dass es das Schlafzimmer des Vaters war, der für zwei Nächte auf die Couch im Wohnzimmer umzog, nur damit ich mich richtig ausruhen konnte. Ich fühlte mich nicht gut darüber, einen Greis aus seinem Bett verdrängt zu haben, und wollte schon anbieten, dass stattdessen ich im Wohnzimmer schlafen könne. Aber auch da lagen schon mehrere Leute, und vielleicht hätte ich wieder keinen Schlaf bekommen.

Die Wohnung war in der Nähe des Busbahnhofes Charles Helou, nur 300 Meter von dem Hafen, der letzte Woche vollständig zerstört wurde. Natürlich frage ich mich jetzt, was aus den Leuten geworden ist, bei denen ich damals wohnte. Wenn sie überlebt haben, räumen sie wahrscheinlich gerade auf, so wie es die ganze Bevölkerung macht und damit das staatliche Vakuum füllt.

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Wenn Ihr an den Libanon denkt, vergesst übrigens nie, dass dieses von Kriegen, Bürgerkriegen, Währungsverfall, Inflation und Lebensmittelknappheit geplagte Land pro Kopf die größte Zahl an syrischen Flüchtlingen aufgenommen hat. Wenn dieses kleine Land mit so vielen Problemen einen Flüchtenden für vier seiner Einwohner aufnehmen kann, dann können auch wir Europäer ein bisschen großzügiger sein.

Aber 2005 sah das niemand kommen. Ganz im Gegentum, am letzten Tag ging ich zum Busbahnhof Charles Helou und fragte nach einem Bus, der mich nach Syrien bringen würde. „Zahl auf keinen Fall mehr als 10 $“, hatte mich mein Gastgeber angewiesen, besorgt, dass mich jemand übervorteilen würde. Aber der Busbahnhof war gespenstisch leer und windig.

„Die Busse fahren nicht mehr, weil in den Bergen zwischen dem Libanon und Syrien ein Schneesturm tobt.“ Das war schlecht, denn in drei Tagen musste ich den Flug aus Damaskus erwischen. Aber die abenteuerliche Geschichte, ob und wie ich es nach Syrien geschafft habe, hebe ich für ein anderes Mal auf…

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Der dümmste Plan aller Zeiten

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Deutsche schmieden gerne große Pläne. Weltherrschaft, Flughafen in Berlin, Weltraumbahnhof im Kongo, und so weiter. Unter all den schiefen Schlieffen-Plänen ist es schwer, eine Rangfolge zu erstellen, weil einer dümmer als der andere ist. Aber hiermit nominiere ich einen überraschend unbekannten Kandidaten als den dümmsten Plan aller Zeiten. Wobei ich andererseits vollstes Vertrauen in die anekdotenreiche Belesenheit meiner Leserschaft habe und deshalb auf Eure Nominierungen gespannt bin.

Aber zuerst zur Kattara-Senke.

Noch nie gehört?

Gut, denn so geht Ihr schlauer aus diesem Blog raus als Ihr hineingegangen seid.

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Also, die Kattara-Senke ist eine Absenkung in der Libyschen Wüste, die verwirrenderweise nicht in Libyen sondern in Ägypten liegt. Aber Wüste ist Wüste, und auf der willkürlichen Grenzziehungskonferenz von 1884/85 konnten sich die gutmeinenden Europäer schließlich nicht in die Untiefen eines jeden Details hinabziehen lassen. Insbesondere nicht, wenn das Detail wie die Kattara-Senke 133 Meter unter dem Meeresspiegel liegt.

Das ist eine ziemliche Delle. Dieser erhebliche Produktionsfehler des Planeten fiel nur niemandem auf, weil er so weit weg von der nächsten Qualitätskontrolle in Kairo war. Klein ist die Senke allerdings nicht. Sie ist 120 km lang und 80 km breit. Wenn man da beim Wüstenspaziergang reinstolpert, krabbelt man nicht so leicht wieder heraus. Mit 18.000 km² ist die Senke etwa so groß wie Niederösterreich oder wie Sachsen, was Raum für tiefe und dunkle Senkenvergleiche böte, die jedoch nicht nur unterhalb des Meeresspiegels, sondern auch unter dem Niveau dieses Blogs lägen.

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Tja, was macht man nun mit so etwas?

„Ignorieren“, sagte der Stoiker.

„Geführte Kameltouren anbieten“, sagte der ägyptische Tourismusminister.

„Eine geheime Chemiewaffenfabrik bauen“, sagte der benachbarte libysche Diktator.

„Einen Kanal vom Mittelmeer graben und Wasser in die Senke einleiten, das wegen des Gefälles mehrere Turbinen antreibt, die so Strom erzeugen. Außerdem wird damit ein künstlicher See erschaffen [etwa 33 Mal so groß wie der Bodensee], dessen Verdunstung dann abregnet und die Wüste ergrünen lässt. Hier können Tabak- und Bananenplantagen entstehen, wo die Afrikaner doch viel sinnvoller für uns Kolonialherren arbeiten können, anstatt flüchtend im Mittelmeer zu ertrinken“, sagte Professor Albrecht Penck, ein deutscher Geograph, Geologe und Experte für Mulden und Talkessel, der 1916 auf dem Rückweg von Australien in Ägypten Station machte und durch die lange Schiffsreise anscheinend nach Tatendrang lechzte.

Nun wütete zu jener Zeit der Erste Weltkrieg und jede Schaufel und Spitzhacke wurde für das Ausheben von Schützengräben und das Erschlagen von Feinden im Nahkampf gebraucht. Friedliche Kanalbuddelei am Sandstrand des Mittelmeeres galt demgegenüber als nachrangig.

Und dann verlor Deutschland durch den Versailler Vertrag von 1919 jeglichen Zugriff auf Afrika. Projekt zu Ende, könnte man denken. Aber Professor Penck gab nicht auf. Er begründete die Theorie vom Volks- und Kulturboden, von der Notwendigkeit eines größeren Lebensraums und Kolonialbesitzes für Deutschland. Den Deutschen gefiel das, sie wählten die Nazis und schickten Soldaten und Panzer in die ägyptische Wüste. Alles für das Projekt Kattara-See.

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Aus jener Zeit stammt übrigens die Unsitte, dass deutsche Männer bis ins hohe Alter kurze Hosen tragen.

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Aber für Modekritik gibt es andere Blogs. Ihr seid hier, weil Ihr endlich wissen wollt, wieso man 1942 bei El-Alamein eine riesige Panzerschlacht veran- und damit die Wüste verunstaltete.

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Wie Ihr seht, liegt El-Alamein (ganz rechts auf der Karte) genau da, wo der Kanal zur Kattara-Senke beginnen würde.

Nur ein Zufall? Das glaubt wohl niemand.

Und überhaupt: Wieso standen etliche britische Divisionen bei El-Alamein, obwohl sie sich auf die Landung in der Normandie vorbereiten hätten sollen?

Kairo war damals ein Nest der Spione, und so erfuhr der britische Geologe, Geograph und Geheimagent John Ball, der dank Erasmus-Semestern in Freiburg und Zürich gute Kontakte zur deutschen Gesteinsszene hatte, von den deutschen Plänen zur Flutung der Senke. Zuerst bot er sich an, mitzuarbeiten, vielleicht aus echtem Interesse, vielleicht von Anfang an mit perfiden Hintergedanken. Jedenfalls, als 1933 der Ruf Deutschlands durch einen gewissen Reichskanzler etwas zu leiden begann, sprang Ball ab und veröffentlichte noch im Herbst des gleichen Jahres seinen „eigenen“ Vorschlag zum Kanalbau und zur Energiegewinnung.

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Und damit dürfte klar sein, warum sich 1942 Hunderttausende von deutschen, italienischen, britischen, südafrikanischen, französischen, griechischen, indischen, australischen und neuseeländischen Soldaten gerade bei El-Alamein trafen. Dank der wüstenerprobten Australier gebührte der Sieg der britischen Seite, und die Deutschen zogen ab Richtung Tunesien. Dort gründeten sie Feriendörfer, in die sie aus Reminiszenz an welterobernde Zeiten noch immer regelmäßig einfallen.

Aber, um den Hauptstrang dieser Geschichte nicht im Wüstensand versickern zu lassen wie das aus einem von einer Landmine abgefetzten Fuß sprudelnde Blut, was geschah mit der Kattara-Senke und dem verrückten Plan?

Geschichte wiederholt sich, könnte man hier meinen, denn Deutschland gab nicht auf.

Professor Friedrich Bassler, ein Wasserbauingenieur, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg der treibende Kopf. Weil Kolonialismus nicht mehr so toll klang, sprach er von einem „hydrosolaren Depressionskraftwerk“, was Wissenschaftlichkeit vortäuschte. Westdeutschland lebte bekanntlich unter dem Clausewitzschen Motto „Wirtschaft ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln“, und so förderte das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie die Pläne, Explorationen und Machbarkeitsstudien. Ägypten dachte sich wahrscheinlich „blöde Idee“, aber ließ die Deutschen gewähren. Wegen der von den gleichen Deutschen vorher großzügig um El-Alamein verlegten Minenfelder konnten die Ägypter diesen Teil des Landes sowieso nicht nutzen. (Die Idee, dass Deutschland und Großbritannien zuerst einmal die Minen räumen könnten, erscheint uns heute naheliegend, aber damals waren Kilowatt wichtiger als Kinderbeine.)

Der Plan war, wie gesagt, einen Kanal oder einen Tunnel vom Mittelmeer bis zur Kattara-Senke zu bauen, um dazwischen mit vom Wasser betriebenen Turbinen Strom zu erzeugen.

„Aber was, wenn die Senke vollgelaufen ist?“ fragt Ihr.

„Die Senke wird nie voll,“ antwortet Professor Bassler, „denn es ist so heiß in der Wüste, dass das Wasser genauso schnell verdunstet wie neues zufließt.“ Ein Perpetuum mobile, der Traum eines jeden Wissenschaftlers.

„Aber wenn die Senke nie voll wird, versickert das Wasser nicht schneller als es verdunstet?“

„Das haben wir alles berechnet, junger Mann. In den ersten zehn Jahren lassen wir mehr Wasser einlaufen, bis sich die Senke auf einen Spiegel von 60 Metern unterhalb des Meeresspiegel füllt. Dadurch steigt langsam die Oberfläche des Sees und damit die Verdunstung. Wenn wir dieses gewünschte Niveau erreicht haben, dann halten wir den Wasserkreislauf im Gleichgewicht. Damit gewinnen wir nicht nur Energie, sondern schaffen einen künstlichen See für Fischfang, Schifffahrt u.s.w. Es werden sich neue Städte und Siedlungen bilden, und Afrika wird so reich wie Europa.“

Etwa 80 hauptsächlich deutsche Wissenschaftler und Ingenieure arbeiteten an dem Projekt.

„Das ist aber doch Salzwasser“, wirft jemand vorsichtig ein, auf die wenigen Süßwasseroasen in der Senke verweisend.

„Salzwasser ist besser als gar kein Wasser“, antwortet der Wasserwissenschaftler, denn es geht ja nicht um seine Oasen. Außerdem war er wirklich fortschrittsgläubig, wie man damals, in den 1960er und 1970er Jahren eben so war.

Das einzige Problem war der Kanalbau. Die Länge von 55 bis 80 km wurde gar nicht als problematisch angesehen, schließlich hatte man den 164 km langen Sueskanal vor Augen. Nein, das Problem war ein bis zu 200 m hohes Gebirge zwischen dem Mittelmeer und der Kattara-Senke. Einen Tunnel zu bohren anstatt einen Kanal zu graben, das würde Jahrzehnte dauern. Außerdem war es zu teuer.

Aber auch dafür hatte Professor Bassler eine Idee: „Ich habe das alles schon ausgerechnet, und es ist ganz einfach. Wir bohren 213 Bohrlöcher entlang der Strecke, die der Wasserlauf nehmen soll. In jedes dieser Bohrlöcher stecken wir eine Atombombe mit einer Sprengkraft von 1,5 Megatonnen.“

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Das entspricht dem Hundertfachen der Hiroshima-Bombe. In jedem einzelnen der 213 Bohrlöcher. In der Nähe eines tektonischen Grabenbruchs. Gefördert vom Bundeswirtschaftsministerium.

„Würde das nicht zur atomaren Kontamination des Wassers führen, Herr Professor? Da kann doch niemand mehr leben, weder Fisch noch Mensch.“

„Dagegen werfen wir Jodtabletten ins Wasser.“

Und dann starb dieses Projekt einen sang- und klanglosen Tod. Niemand weiß, ob es am Friedensabkommen von Camp David, an der Kernschmelze auf Three Mile Island oder an der Ermordung von Anwar as-Sadat lag. Vielleicht fiel der Bundesregierung einfach nur ein, dass man mit dem Geld eigentlich auch das BAföG erhöhen könnte.

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Komet verpasst

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Nein, ich meine nicht Neowise, den aktuellen, die durch die Coronaviruspandemie erzeugte Langeweile ausnützenden, aufdringlich und mit Superlativen wie „extra hell“, „supersize“ und „nur für kurze Zeit im Angebot“ um Aufmerksamkeit heischenden Himmelskörper, der die Erdenbewohner in diesen Tagen kurz vom Telefon in den Himmel aufsehen lässt, nicht jedoch ohne dass sie vorher eben jenes Telefon zur Bestimmung bzw. Fremdbestimmung der optimalen Zeit und des optimalen Standorts für das himmlische Rendezvous hervorholen, währenddessen eifriger fotografieren als genießen und unmittelbar danach posten, sharen und liken. Denn für die meisten Menschen heutzutage zählt ein Komet nichts, wenn sie ihn nicht fotografisch gefangen nehmen und sie niemand für die Fotos lobt, die so oder besser schon dreizehntausendmal im Internet stehen.

Ich will Euch von einem anderen Kometen erzählen und Euch dabei mit in die Zeit nehmen, als Kameras noch Luxus und Telefone noch zu Hause angebunden waren. Eine Zeit, in der man sich ohne jegliche Ablenkung mit allen Sinnen auf die Natur einließ, einfach beobachtete, genoss, ungläubig staunte und in der man in der Einmaligkeit und Vergänglichkeit solcher Momente andächtig aufging.

Das Jahr war 1986, und der Vorbeiflug des Halleyschen Kometen stand an. Im Vergleich zu Neowise sagt dieser wesentlich öfter „Hallo, Erde“, aber damals war die Lebenserwartung noch so gering (numerisch und qualitativ), dass selbst das 75-jährige Intervall des rasenden Sterns als einmalige Chance verkauft wurde. Ich war damals 10 Jahre alt und konnte mit solch enormen Zeitspannen sowieso nichts anfangen. Oder ich war einfach schlecht in Mathematik.

Jedenfalls begab es sich zu jener Zeit, nach konkreter Berechnung durch Kopernikus und seine Kosmonautenkollegen, dass irgendwann der nächtliche und damit sichtbare Überflug von Captain Halley über unser kleines Dorf in Bayern errechnet, prophezeit und angekündigt worden war.

Es müssen ereignisarme Zeiten gewesen sein, denn seit Monaten war der Komet das große Medienthema. Wir kauften uns Wissenschaftsmagazine wie PM, kapierten gar nichts und hatten kein Geld mehr für Disneys lustige Taschenbücher übrig. Im Fernsehen, das damals nur drei nicht einmal rund um die Uhr werktätige Sender hatte, erklärten Physiker im Rollkragenpullover anhand von erbärmlich wackelnden Pappmachémodellen die Planeten und Kometen. Kapiert habe ich da auch nichts, aber ich erinnere mich, dass am Ende immer irgendein Pulver in einer Schale entzündet wurde und explodierte. Die Sendung hieß „Piff Paff Poff“ oder so. Die Bundespost schmeichelte sich bei der Bevölkerung für die bevorstehende Änderung der Postleitzahlen durch Herausgabe einer Sonderbriefmarke für den Halleyschen Kometen ein.

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Für 80 Pfennig konnte man damals übrigens einen Brief von Bayern bis nach Bremen, Buxtehude oder Berlin (West) schicken, nicht aber nach Berlin (Ost), weil er da von der Stasi abgefangen wurde, was wir aber noch nicht wussten, weshalb wir immer dachten, die Verwandten in der DDR seien zu schofelig, zurückzuschreiben. Nur eines von vielen West-Ost-Missverständnissen.

Seit Monaten hatten sich die Leute, die anders als wir 10-Jährigen zu viel Geld hatten, Binokulare und Teleskope gekauft, Dachluken ausgebaut und für den Jahrhunderttag trainiert, geübt und manövriert wie es sonst nur die NATO tat, die alljährlich kanadische Soldaten die Grundschule in Ammerthal besetzen und damit für eine Woche den in meiner Erinnerung nur aus Völkerball bestehenden Sportunterricht ausfallen ließ. (Danke, Kanada!)

Aber ich schweife ab wie der ausgeleierte Schwanz eines seit Jahrmillionen ohne GPS durchs All irrenden Kometen. Zurück zu dem ereignisreichen Tag im Frühjahr 1986, den ich nicht mehr genau datieren kann, den ich aber auf März oder April verorte, zum einen weil es nicht mehr zu kalt war, um stundenlang in der nächtlichen Kälte auszuharren, zum anderen aus einem ereignisvollen, einschneidenden und epochalen Grund, den ich aus Gründen der Dramaturgie erst später in dieser Erzählung in Erscheinung treten lassen werde, so ich dies nicht vergessen sollte, wie ich andere Dinge vergessen habe, die jedoch davon unbeirrt den Kern dieser Geschichte ausmachen und deshalb unbedingt vorzuziehen sind.

Ich weiß aber ganz sicher, dass es ein Freitag war. Denn Freitagabend war Schachklub, und zwar ohne Konkurrenz durch irgendwelche anderen Freitagabendklubs. (Mittlerweile gibt es nicht einmal mehr das Schach, wie wenn der Komet nicht nur an unserem Dorf vorbeigezogen wäre, sondern hier eingeschlagen und jedes gesellschaftliche Leben ausgelöscht hätte). In der vierten Klasse waren eines Vormittags (damals gab es nachmittags noch keine Schule, weil Eltern weder davor Angst hatten, dass Kinder nachmittags alleine sind, noch davor, dass sie keine drei Fremdsprachen und zwei Musikinstrumente beherrschen) zwei Herren in Anzügen in die Klasse gekommen und hatten uns für das sowjetkommunistische Brettspiel, dass sie kaltkriegerisch konsequent das königliche Spiel nannten, zu begeistern versucht. Sie fanden Anklang vor allem bei denen, die sich nichts aus Fußball, der einzigen örtlichen Sportalternative, machten. Ich konnte das damals noch nicht so fundiert untermauern wie jetzt, hatte aber eine instinktive Abneigung gegen faschistoide Körperlichkeitskulte.

Zu guter Letzt erwähnten die schwarz-weißen Brettspielenthusiasten noch, dass Schach irgendwie gut für die Intelligenz sei. Als 10-Jähriger hielt ich mich für wahnsinnig intelligent, vielleicht eine der wenigen sympathischen Konstanten in meinem Leben. Also meldete ich mich mit ein paar weiteren Jungs freiwillig an die Schachfront. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob Mädchen explizit ausgeschlossen waren oder sich deren Teilnahme einfach nicht ergab.

Es schien nur die Wahl zwischen Schienbeinschoner und Schachbrett zu sein, aber schon nach wenigen Wochen verwendeten wir Schachschüler Begriffe wie Gambit, en passant und Rochade, während die Fußballer „hey, gib den Ball rüber, du Wichser“ riefen. Damals dachte ich nicht so weit, und es würde mich wundern, wenn die Erwachsenen es taten, aber jetzt erscheint es mir frappierend, mit welcher Präzision die Entscheidung der Schüler zwischen Schach und Fußball die Trennlinie zwischen denen markierte, die einerseits auf Gymnasium, Universität und in die weite Welt gingen und andererseits auf der Hauptschule und im Dorf verblieben.

„Was hat das mit dem Kometen zu tun?“ fragt sich die astronomisch höchstgespannte Leserschaft, und das zurecht. Also, lasst mich noch die Ellipse kriegen: Eines Freitagabends ging ich mit einem Klassen- und Schachkameraden vom uns auf das Turm-, Königs- oder Tigerdiplom vorbereitet habenden Schachklub nach Hause. Das heißt, wir gingen, geschickt wie reisekostenerstattungshungrige Landvermesser, die Strecke in die vage Richtung unserer jeweiligen Zuhauses, die uns den möglichst langen gemeinsamen Weg erlaubte. Denn wir wollten uns noch unterhalten. Schach war möglicherweise intelligent, aber auch sehr ernst. Einer der Vorsitzenden des Schachklubs war auch Vorsitzender der JVA. Man durfte da keine Scherze machen. Nach eineinhalb Stunden, angereichert mit viel zuckerreicher Cola, hatten wir lebhaften Nachholbedarf.

Und dieser Freitagabend im Frühjahr 1986 war ein Besonderer. Seit Monaten hatte das Volk den Kometen erwartet, Fernrohre, Bier und Kartoffelchips bereitgestellt und Fenster geputzt. Aber für just jenen Abend hatte sich der Halleysche Komet für unseren Landstrich angekündigt, was die Lokalpresse zuverlässig verbreitet hatte. Oder vielleicht war der Komet die ganze Woche zu sehen, aber an jenem Freitagabend waren Ozon- und Wolkenlöcher so weit aufgerissen wie die staunenden Münder der Menschheit.

Jedenfalls verharrten wir dort, wo sich unsere Wege sonst trennten, und trennten uns nicht, sondern setzen uns abwechselnd auf einen Stromverteilerkasten, der nur Platz für einen bot, während der jeweils andere hin- und herstapfte. Wie alle Menschen warteten wir auf den Kometen. Anders als die meisten Menschen hatten wir jedoch keine Uhr, denn die erhielten junge Menschen damals traditionell erst zur Firmung oder Jugendweihe, bis wohin wir uns noch nicht vorgearbeitet hatten. Ich bin mir allerdings sicher, dass wir nicht einmal wussten, um welche Uhrzeit der Komet vorbeizischen würde.

Wahrscheinlich unterhielten wir uns auch über den Kometen, möglichst wichtig und ohne jede Spur von Selbstzweifel.

„Hey Mann, wir sind so klein im Universum, das ist voll krass.“

„Und das Teil ist so weit weg, selbst wenn du mit dem Auto von deinem Papa da volle Pulle hinbretterst, der Komet ist immer schneller.“

„Und er ist so sauheiß, wenn du eine Atomrakete auf den Kometen schießt, dann schmilzt die schon beim Anflug. Der ist unverwundbar.“

Mein geschätzter Kollege konnte zu jedem Thema ad hoc eine These aufstellen und diese so glaubwürdig vortragen, dass ich alles glaubte. Dass es hinten und vorne nicht stimmte, merkte ich erst Jahre später am Gymnasium, als ich gelernt hatte und er nicht. Aber er wurde an die Tafel gerufen und trug mit solcher Überzeugung vollkommenen Stuss vor, dass ihm der überforderte Wirtschaftslehrer schließlich eine gutmütige Drei gab.

Der Halleysche Komet ließ sich nicht sehen, und so kamen wir von einem Thema zum nächsten. Von Kometen zur Raumfahrt. Im Januar waren die Challenger-Astronauten verbrannt, die den Halleyschen Kometen erkunden wollten. Von der Raumfahrt zu Filmen wie Top Gun, Karate Kid und Crocodile Dundee. Von Filmen zu giftigen Pilzen, weil wir keine logischen Überleitungen brauchten. Dann diskutierten wir, welches Gymnasium in Amberg das beste sei und ob Latein oder Französisch leichter oder nützlicher sei. Weiter dachten wir nicht, denn es war die unbeschwerte Kindheit, wo man nachts stundenlang draußen bleiben konnte, ohne irgendwo anzurufen und sich sowieso niemand Sorgen machte. Wenn einer von uns erst am nächsten Morgen nach Hause gekommen wäre und erklärt hätte, dass er beim jeweils anderen übernachtet hatte, hätten die Eltern nur gesagt: „Das haben wir uns schon gedacht. Aber ruf das nächste Mal doch an und gib uns Bescheid.“

Dabei gab es damals viel mehr Kriminalität. Oh ja, wahrscheinlich sprachen wir sogar über Terroristen, Mörder, Bankräuber und Flugzeugentführer, denn deren Fahndungsplakate hingen am Postamt und wir prägten uns die bärtigen Gesichter genau ein, um die 50.000 DM Belohnung zu kassieren.

Über diesen weitreichenden Unterhaltungen verflog so viel ungemessene Zeit, dass wir immer seltener in den Himmel schauten und das einmalige Spektakel vergaßen. Wir wussten ja nicht einmal, ob der Komet im Norden oder im Süden vorbeifliegen sollte. Und selbst wenn, dann wussten wir nicht, wo in unserem Dorf Norden oder Süden war. Wer nimmt schon einen Kompass mit zum Schachspielen?

„Ich glaube, wir haben so lange gelabert, wir haben den Kometen verpasst.“

„Kein Ahnung, wie spät es ist, aber mich friert schon.“

„Und ich muss pinkeln.“

„Wann kommt der wieder vorbei?“

„In 75 Jahren.“

Wir waren beide zu faul, das Jahr auszurechnen, auch weil uns diese Zeitspanne so undenkbar weit weg erschien. Damals wurde niemand so alt, außer Japaner, von denen wir jedoch keinen kannten, außer den einen in dem Film, wo er noch Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg auf einer Insel ausharrt und sich auf die Invasion vorbereitet. Aber:

„Wenn wir dann noch leben, treffen wir uns hier wieder. Aber nächstes Mal passen wir besser auf.“

„Abgemacht.“

„Tschüss.“

„Tschüss.“

Wenige Wochen darauf explodierte das Kernkraftwerk in Tschernobyl, und die Kindheit war zu Ende.

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