Nächste Reise: Kanada

Bei meinem letzten Housesitting-Auftrag überlebte die Katze bzw. die Katzen, und das Haus brannte auch nicht ab. So bekam ich einen neuen Auftrag, auf ein Haus und eine Katze aufzupassen, diesmal in Calgary. Damit komme ich endlich mal nach Kanada.

Jeder erzählt immer, dass alle Kanadier super freundlich und nett und höflich sind, und ich bin neugierig, wie es ist, in so einem Paradies zu leben. Für einen Deutschen kann so etwas allerdings auch einen ziemlichen Schock bedeuten.

Die beste Zeit für Kanada ist natürlich der Winter. Ja, ja, ich weiß schon, es wird kalt sein und manchmal sogar ein bisschen schneien, aber seit ich vor fünf Jahren in Litauen den härtesten Winter er- und überlebt habe, sehne ich mich nach dieser Erfahrung zurück. Für jemanden, der gerne liest, studiert und schreibt, ist das nämlich perfekt. Man sitzt neben dem Kaminfeuer, trinkt eine heisse Schokolade, während draussen der Schneesturm die Flocken sanft hin und her wirbelt, und in Calgary wird zudem noch eine Katze auf meinem Schoß schnurren.

Am 11. Dezember werde ich in Vancouver kanadischen Boden betreten.

Allerdings kann ich nur bis zum 14. Dezember in der Stadt am Pazifik bleiben, denn dann geht schon der Zug nach Edmonton. Es hätte zwar einfachere Wege gegeben, um von Vancouver nach Calgary zu kommen, aber ich mag nun mal die Eisenbahn. Und eine Fahrt durch die Rocky Mountains wollte ich mir nicht entgehen lassen. Schade, dass es auch in Kanada nachts dunkel ist.

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Die 27 Stunden im Zug werden eine gute Prüfung dafür sein, ob ich für die Transsibirische Eisenbahn bereit bin.

In Edmonton bleibe ich dann nur ganz kurz, bevor ich in Calgary eintreffe, wo ich bis Ende März 2019 auf das Haus und die Katze eines vertrauensvollen kanadischen Ehepaares aufpassen werde. Passenderweise wird die Arbeit also gerade dann zu Ende gehen, wenn die Temperaturen steigen, die Blumen sprießen, die Vögel wieder zwitschern und die Mädchen Röcke tragen.

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Nach Beendigung des Auftrags bleibt noch ein ganzer Monat in Kanada. Das einzige fixe Datum ist der 27. April 2019; an jenem Tag muss ich von Toronto nach London fliegen.

Ein Monat, um etwas mehr als 3.000 km zu überwinden, da bleiben mir mehrere Optionen:

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a) Zu Fuß ist die ganze Strecke zu lang, das sehe selbst ich ein. Aber es gibt tatsächlich einen Wanderweg durch ganz Kanada und ich könnte ein Stück wandern, ein Stück per Anhalter fahren, wie es sich gerade ergibt. Wenn ich mir allerdings die Landkarte näher ansehe, bedeutet „Wanderweg“ in Kanada anscheinend, dass man auch mal ein paar hundert Kilometer mit dem Kanu oder Kajak befahren oder berudern muss. Da ich nicht mal den Unterschied zwischen den beiden Bootstypen kenne, ist das wohl nichts für mich.

b) Ich könnte den Zug nehmen, natürlich mit etlichen Zwischenhalten in Holzfällerstädten. Teilweise wurde ich schon gewarnt, dass die tagelange Fahrt durch die Prärie langweilig sei, aber das kommt wohl von Menschen, die nicht anerkennen wollen, dass Zugfahren an sich die höchstvergnügliche Art der Fortbewegung ist. Was gibt es Schöneres, als Büffel zu beobachten, während man im Speisewagen ein Buch liest und eine Zigarre raucht?

c) Ich könnte versuchen, so weit wie möglich nach Norden zu kommen und von dort einfach nach Toronto fliegen. Dann sähe ich zwar keine Blumen und Mädchen mit Röcken, aber eigentlich mag ich Bären sowieso lieber. Das größere Problem ist, dass Flüge von Kugluktuk oder Ulukhaktok aus prohibitiv teuer sind.

d) Ich war schon immer fasziniert von den nördlichen Bundesstaaten der USA, wie Montana, Wyoming und den Dakotas. Das wäre auch eine mögliche Route nach Toronto.

Gerne nehme ich Eure Vorschläge auf. Aber bevor Ihr abstimmt, seht Euch unbedingt mal Fotos aus Montana und Wyoming an! 😉

Links:

  • Mehr Artikel über Housesitting. Bald werde ich die häufigsten Fragen und natürlich die Antworten dazu veröffentlichen, denn immer wieder werde ich gefragt, wie man an solche Jobs kommt.
  • Möchtest Du eine Postkarte aus Kanada? Je mehr Spenden so eingehen, umso näher komme ich an den Nordpol. (Wie ich zurückkomme, bleibt vorerst ungeklärt.)
  • Mehr Artikel über Reisen mit der Eisenbahn.
  • Read this article in English.
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Armenischer Patriotismus

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Diesen Sommer war ich während der Fußball-Weltmeisterschaft in Krakau, wo ich eine Freundin aus Armenien traf, die in Polen studiert.

Als sie sagte, dass sie nach Hause müsse, um ein Fußballspiel anzusehen, nahm ich natürlich an, dass sie die polnische Mannschaft unterstützen würde. Wie immer bei Sportarten, die mehr Anstrengung verlangen, als Holzstücke über ein Brett zu bewegen während man das Café vollqualmt, hatte sich Armenien nicht qualifiziert.

„Wir stehen geschlossen hinter Kolumbien“, korrigierte sie mich. Ratlos suchte ich nach einem Grund, aber es wollte mir kein schlagkräftiger einfallen.

Sie erklärte: „Wenn man die kolumbianische Flagge umdreht, sieht sie fast wie die armenische aus. Immer wenn Kolumbien spielt, stellen wir also den Fernseher auf den Kopf und sind mächtig stolz.“

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Links:

  • Mehr Artikel über Fußball.
  • Eines Tages werde ich hoffentlich die Zeit finden, Euch ausführlich aus Polen, Armenien und Kolumbien zu berichten. Es waren alles faszinierende Reisen, aber Armenien war definitiv am lustigsten.
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Ver*%&§$“# Übersetzungstools

Mit dieser dämlichen Digitalisierung wird alles komplizierter als notwendig. Die jetzt aus Bundesmitteln beglückten Schulen können einem leid tun, ebenso wie die darin sitzenden Schüler, die zwischenzeitlich „Leid tun“ und jetzt „leidtun“ schreiben mussten bzw. müssen.

Aber wir wollen beim Thema Technik bleiben, wenn auch im Zusammenhang mit Sprache. Wie manche wissen, verdiene ich mein karges Brot als Übersetzer für Englisch und Deutsch, übrigens eine aufgrund der Konkurrenzsituation die Kargheit garantierende Sprachkombination. Und da geschieht es immer öfter, dass Kunden den Einsatz eines sogenannten Übersetzungstools wünschen, womit sie, wie ich verdattert feststellen musste, keines der schönen, schweren, gelben oder grünen Wörterbücher meinen, die jeden Bildungsbürgerhaushalt zieren. Alle Nichtübersetzer und meinetwegen auch Nichtübersetzerinnen können jetzt übrigens abschalten, denn dieser Beitrag ist außerhalb der Linguistenlandschaft wirklich von keinerlei Interesse oder Relevanz.

Eine der Übersetzungsagenturen, für die ich manchmal arbeite, beziehungsweise, wie ich es jetzt wohl leider formulieren muss, um die Realität nicht zu beschönigen, zu arbeiten pflegte, verlangt seit einiger Zeit die Verwendung einer solchen Übersetzungssoftware, namentlich Across. Warum das notwendig sei, wo man doch jahrelang mit meinen Übersetzungen höchstzufrieden war, konnte mir nur höchst unzufriedenstellend erklärt werden. Effizienz und Qualitätssicherung und so Bla-Bla. Da hat wohl mal wieder jemand BWL studiert und muss sich jetzt beweisen.

Na gut, ich gucke mir also dieses CAT, wie es großspurig für „Computer-Assisted Translation“ heisst, an und will ihm großzügig 15 unbezahlte Minuten meiner Zeit widmen, obwohl ich in eben jener Viertelstunde auch eine Kurzgeschichte hätte lesen können, die meinen sprachlichen Fähigkeiten einen größeren Kreativitätsschub injiziert hätte. (Das ist übrigens mein Geheimtipp: Vor dem Übersetzen etwas richtig gute Literatur in der Zielsprache lesen, im deutschen Fall also Thomas Mann oder Max Goldt, und die Arbeit flutscht ganz vergnügt aus den Fingern.)

Diese Software sieht gar schrecklich aus:

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Wie soll man da arbeiten? Ich bin ein Freund des einfachen, anfangs weißen und sich dann langsam füllenden Blatts. Ohne Dutzende von Knöpfen, Schaltern, Tabellen und Spalten.

Technik kann ich nicht, aber schnelle Entscheidungen kann ich. Also habe ich umgehend folgenden, immerhin elektronischen, Brief an die Übersetzungsagentur geschrieben:

Sehr geehrte Frau X,

endlich habe ich mir mal einen Nachmittag freigenommen, um mich mit Across vertraut zu machen.

Um es vorwegzunehmen: Ich werde mich diesem Across nicht anschließen.

Gründe:

– Ich finde das Programm extrem kompliziert im Erlernen und in der Handhabung. Wenn schon die „Kurzeinführung“ 16 Seiten umfasst, dann fühle ich mich wie vor einem Handbuch für einen Atomreaktor: erschlagen und eingeschüchtert, sowie ganz sicher, dass irgendwann etwas Schlimmes passieren wird.

– Und dann diese Hunderte an Funktionen, die ich bisher nicht benötigt habe. Ich komme ganz gut damit zurecht, ein englisches MS-Word-Dokument in ein deutsches MS-Word-Dokument zu übertragen. Ich verstehe nicht den Vorteil darin, das Dokument zu zerstückeln, kompliziert hochzuladen und in einem komplizierten Interface mit Dutzenden von Fenstern herumzuhantieren.

– In der gleichen Zeit hätte ich in einer einfachen Textdatei schon mehrere Sätze übersetzt.

– Gänzlich unerträglich wird das Ganze durch die langsame Geschwindigkeit der Texterkennung. Während in anderen Programmen die Buchstaben genauso schnell auf dem Monitor erscheinen, wie ich sie tippe, hängt Across bis zu mehrere Sekunden hinterher.

– Möglicherweise hängt dies mit der ständig notwendigen Internetverbindung zusammen, die für mich auch nicht sinnvoll ist, weil ich gerne offline arbeite (entweder weil ich dabei im Garten oder im Zug sitze oder weil ich so alle Ablenkungen wie Facebook o.ä. ausschalte). Außerdem wohne ich manchmal in Ländern mit sehr schlechter Internetverbindung (z.B. Peru, Deutschland).

Ich nehme an, dass man Across mit der Zeit erlernen kann, so wie alles, was anfänglich kompliziert aussieht. Aber wie es mir als Übersetzer Zeit erspart, kann ich beim besten Willen nicht erkennen (außer ich wäre nur mit Texten beschäftigt, die schon übersetzten Texten sehr gleichen). Dazu kommt, dass die Arbeit auf diese Weise weniger Spass macht und stattdessen wirklich frustrierend ist.

Ich würde sehr gerne weiterhin für Sie arbeiten. Aber mit Across werde ich so in meiner Arbeitsgeschwindigkeit und meiner Arbeitsfreude gebremst, dass es sich für mich nicht mehr lohnen würde.

Seither habe ich von jener Übersetzungsagentur keinen Auftrag mehr bekommen. Bin ich jetzt ein Opfer dieser Digitalisierung? Ich habe ja nie geglaubt, dass Maschinen den Übersetzern die Arbeit wegnehmen können, aber vielleicht vergällen sie sie uns ausreichend, dass wir von selbst die Feder ins Korn werfen. So schreite ich mit fortschrittskritisch erhobenem Haupt in Richtung Arbeitslosigkeit.

Wie machen andere Übersetzer das?

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Frauenhaus oder Männerhaus?

Zum heutigen Welttag gegen Gewalt an Frauen hagelt es neben den üblichen Schlägen auch Vorschläge zur Errichtung von mehr Frauenhäusern.

Frauenhäuser sind diese meist verschämt in Hinterhöfen gelegenen und überbelegten Wohnungen, wo Frauen und Kinder sich vor ihren prügelnden (und, wenn es nach Friedrich Merz, Horst Seehofer und anderen ginge, auch heute noch straffrei vergewaltigenden) Männern, Freunden und Ex-Freunden verstecken, bevor sie nach zwei Tagen das Drama und Geheule im Frauenhaus nicht mehr aushalten und zu der großen Liebe ihres Lebens, die sich mittlerweile natürlich vollkommen geläutert hat, zurückkehren.

Das ist leider kein Witz. Aus meiner Erfahrung als Fachanwalt für Familienrecht kann ich berichten, dass mehr als die Hälfte der Opfer häuslicher Gewalt, die überhaupt den Schritt zum Rechtsanwalt wagen, innerhalb eines Monats wieder naiv und hoffnungsvoll zum Täter zurückkehrt.

Nun aber zu einer Sache, bei der sich Frauen und Männer einig sind: Reisen bildet. Deshalb – und ich will das ausdrücklich erwähnen, damit keine Frau anruft und sich Hilfe erhofft, womöglich noch im Austausch gegen nichts mehr als einen für den Rechtsanwalt völlig unlukrativen Beratungshilfeschein – habe ich den Anwaltsberuf aufgegeben und zum Weltreisenden umgeschult. Und so präsentiere ich Euch etwas, das ich in Chile, seit jeher ein Hort des Fortschritts, gesehen habe: Ein Männerhaus.

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Und zwar „ein Haus für Männer, die Gewalt gegen ihre Partnerin ausüben“.

Was auf den ersten Blick wie eine Belohnung für Gewalttäter aussehen mag, ist meiner Meinung nach die bessere Lösung. So können Frau und Kinder in der gewohnten Umgebung verbleiben. Eigentlich hat sich der Grundsatz „wer schlägt, der fliegt“ basierend auf dem österreichischen Vorbild seit 2002 auch im deutschen Recht durchgesetzt (§ 2 I Gewaltschutzgesetz). Die Forderung nach mehr Frauenhäusern erscheint mir deshalb ein bisschen in die falsche Richtung gehend.

Spätestens jetzt werden die ersten Kommentare von Männern eintrudeln, die darauf hinweisen, dass auch Männer Opfer häuslicher Gewalt werden. Natürlich gibt es das, aber seltener und vor allem weniger gravierend, wie man an der Zahl der in Partnerschaften getöteten Frauen ersehen kann. An dieser Stelle folgt gewöhnlich der Verweis auf die Dunkelziffer, worauf ich nur sagen kann: „Jungs, wenn Ihr keine Dunkelziffer haben wollt, dann geht halt zum Rechtsanwalt.“ Das sollte man sowieso regelmäßig machen.

Häusliche Gewalt ist auch der Spiegel eines Machtgefälles. Ein wichtiger Parameter dafür, wie lange das Opfer trotz fortgesetzter Gewalt beim Täter bleibt, ist (a) das soziale Umfeld des Opfers und (b) die Disparität der Macht. Wenn das Opfer über ausreichendes eigenes Einkommen und/oder Freunde und Familie verfügt, kann es wesentlich schneller die Koffer packen oder traut sich zügiger zum Rechtsanwalt als die einkommenslose Hausfrau, die keinen Freundeskreis und keine unterstützende Familie im näheren Umfeld hat. Die krassesten Fälle häuslicher Gewalt, mit denen ich zu tun hatte, waren alle ähnlich gelagert: Alleinverdienender deutscher Ehemann und einkommenslose ausländische Ehefrau. Hier kann die Frau keine eigene Wohnung mieten, ihre Familie ist weit weg, und sie fühlt sich abhängig vom Mann, um die Aufenthaltserlaubnis nicht zu verlieren. § 31 II 1, 2 Hs. 2 Aufenthaltsgesetz bietet diesbezüglich zwar einen gewissen Schutz, aber das weiß die Frau nicht, wenn sie nicht zum Rechtsanwalt geht (was Arme wiederum seltener tun als Reiche). Und der Mann redet ihr auch ständig ein, dass sie zurück nach Thailand muss, wenn sie aufmuckt.

Deshalb glaube ich, dass alles, was wirtschaftliche und gesellschaftliche Teilhabe von Frauen fördert, notwendiger und hilfreicher ist als ein paar weitere Frauenhäuser.

Und noch ein ganz persönlicher Tipp. Wenn Ihr einen potentiellen Partner kennenlernt, fragt ihn/sie, ob er/sie öfter in die Bibliothek oder ins Fitnessstudio geht. Falls letzteres, würde ich die Anbahnungsversuche sicherheitshalber beenden. Außerdem: Worüber will man mit jemandem reden, der/die nicht regelmäßig in die Bibliothek geht?

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Leben in einer Höhle

Als ich Euch die Höhlenwohnungen in der Gegend um Venta Micena vorgestellt habe, versprach ich einen Blick in eine davon. Zum Glück lernte ich Florence und Bruno kennen, die mich in ihre Höhle in Fuente Nueva einluden. Es war viel geräumiger und gemütlicher, als ich mir so eine Höhle vorgestellt hätte. Weil Florence und Bruno aus Frankreich sind, war sogar das Abendessen spitze.

Hier sind ein paar ihrer Fotos:

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Deutsche Auswanderung in die USA

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Bei Debatten um Migration geht es oft darum, ob diese gut oder schlecht sei. Ich finde hingegen, dass Migration als etwas ganz Normales angesehen werden muss. Migration ist ein fester Bestandteil der Menschheitsgeschichte.

Deutschland bzw. das, was später Deutschland werden sollte, war dabei über Jahrhunderte weniger ein Einwanderungs- als vielmehr ein Auswanderungsland. (Auch die aktuelle Auswanderung aus Deutschland dürfte von den meisten unterschätzt werden. Und dabei ist die Statistik ganz sicher zu niedrig angesetzt, weil sich viele Auswanderer aus Deutschland nicht abmelden.)

Vergangenes Wochenende besuchte ich an der Fernuniversität in Hagen ein Seminar über „Deutsche Auswanderung in die USA von 1815 bis 1914“. Am interessantesten fand ich dabei nicht die Zahlen (es waren Millionen) oder die Migrationsgründe (hauptsächlich die Hoffnung auf wirtschaftliche Verbesserung, aber auch die Vorstellung von einem freieren Land), sondern Fragen der Integration bzw. Assimilierung der Deutschen in den USA.

Integrationsweltmeister waren die Deutschen nämlich keineswegs. Schon 1753 beschwerte sich Benjamin Franklin über die deutschen Einwanderer, „die niemals unsere Sprache und Gewohnheiten übernehmen werden, sondern uns germanisieren werden“. Im 19. Jahrhundert, als etwa 5 Millionen Deutsche in die USA auswanderten, wurde das nicht besser. Sie konzentrierten sich in einigen Bundesstaaten und in einigen Städten, betrieben deutsche Schulen, hielten deutschsprachige Gottesdienste ab und hatten deutsche Zeitungen. Eine Parallelgesellschaft.

Deutsche Zeitungen in Nordamerika

In Wisconsin, Minnesota und Illinois waren noch 1900 mehr als ein Fünftel der Einwohner deutsch oder deutschstämmig. Überfremdung würden das manche nennen. Selbst in Berlin-Kreuzberg liegt der Ausländeranteil heute niedriger als in der US-amerikanischen Durchschnittsstadt um 1870.

Von den alteingesessenen US-Amerikanern wurden die Deutschen misstrauisch beäugt, zum einen weil etwa die Hälfte von ihnen katholisch war. Dass jemand, der anderer Religion als man selbst ist und die Gottesdienste in anderer Sprache zelebriert, der gleichen Nation gegenüber loyal sein könnte, übersteigerte das Vorstellungsvermögen – und tut es bei vielen immer noch. Wie es Professor Hochgeschwender im Spiegel-Gespräch sagt:

Den deutschen Katholiken wurde nachgesagt, religiöse Fanatiker zu sein. Sie müssen in antikatholischen Texten des 19. Jahrhunderts nur das Wort ‚katholisch‘ durch das Wort ‚muslimisch‘ ersetzen, und Sie haben die heutige antimuslimische Propaganda: Die Einwanderer seien illoyal und einer fremden Macht verpflichtet. Sie wollten die Verfassungsordnung unterhöhlen, sie rammelten wie die Karnickel, um mit ihren Nachkommen die Aufnahmegesellschaft zu überfluten.

Die Lebensweise der Deutschen wurde als verstörend wahrgenommen. Sie errichteten Biergärten, tranken Unmengen an Alkohol – vor allem am heiligen Sonntag! – und sangen lautstark „Die Wacht am Rhein“. Nach der Reichsgründung 1871 hissten sie schwarz-weiß-rote Fahnen vor ihren Häusern. Integrationsverweigerung würde man das heute nennen.

Eine interessante Quelle, die wir im Seminar behandelten, sind Briefe deutscher Auswanderer. In dem Buch Briefe aus Amerika stellen die Herausgeber 20 Briefserien deutscher Landwirte, Arbeiter und Dienstbotinnen vor, die übrigens nicht nur für die Migrationsforschung interessant sind, sondern überhaupt einen seltenen Einblick in das Leben der deutschen Unterschicht im 19. Jahrhundert bieten. Wenn diese Menschen nicht ausgewandert wären, hätten sie kaum ausführlich über ihr Leben geschrieben, und wir hätten nur schriftliche Quellen aus der Mittel- und Oberschicht.

In den Briefen ging es viel um Löhne, Grundstückspreise und um die Weizenernte. Die Zurückgebliebenen wollten immer wieder wissen, ob sie nachreisen sollten. Die Auswandererbriefe dürften diese Entscheidungen weit mehr beeinflusst haben als die Reklame der Reedereien und Auswanderungsagenturen.

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Auch über kulturelle Unterschiede berichteten die Auswander nach Hause, zum Beispiel schrieb der Landwirt Christian Lenz im Januar 1868 an seinen Bruder:

wer seine Frau in Deutschland gerne schlägt der bleibe beser in Deutschland hir geht das nicht oder er hat balt keine Frau mir

und zum Thema Alkohol

das sind fast ale Deutsche die die Saufhäuser haben und ich sage Dir es sind Teufelshäuser

Es ist zwar ein Klischee, aber das Bier war für die Deutschen anscheinend wirklich wichtig. Und genauso für die anti-deutsche Propaganda. Es wurde die Befürchtung geschürt, dass bei Wahlen Einwanderstimmen mit Freibier (bei Deutschen) bzw. Whiskey (bei Iren) erkauft würden.

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Als 1855 der Bürgermeister von Chicago den Bierausschank am Sonntag verbot, kam es zu Straßenschlachten, die sich so ähnlich auch in anderen Städten abspielten. In Louisville stürmte im gleichen Jahr ein protestantisch-nativistischer Mob das deutsche Viertel, deutsche Kneipen und eine deutsche Kirche. 20 Menschen wurden getötet. Mehr als 10.000 Einwohner flohen aus der Stadt.

Eine einschneidende Wende brachte der Erste Weltkrieg und insbesondere der Kriegseintritt der USA 1917. Plötzlich waren alle Deutschamerikaner Feinde, Spione und Saboteure. Wer sein Deutschtum nicht 100% aufgab und hinter sich ließ, wurde mit äußerstem Argwohn, ja gar mit Verachtung, betrachtet. Wenn man sein Land verlassen hatte, wieso wollte man noch Deutsch sprechen oder Beethoven hören? Deutschamerikaner waren keine richtigen Amerikaner. Alles Argumente, an deren Qualität sich bis heute nichts verbessert hat, was leider nicht zu ihrem Verschwinden führt.

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Amerikanische Schulen strichen Deutsch aus dem Stundenplan, obwohl es bis dahin die beliebteste Fremdsprache gewesen war. Es gab eine regelrechte anti-deutsche Hysterie. Sauerkraut wurde in liberty cabbage umbenannt, aus dem Hamburger wurde das liberty steak, Straßen und Geschäfte wurden umbenannt, deutsche Komponisten nicht mehr gespielt. Deutsche Bücher wurden öffentlich verbrannt. In South Dakota war es verboten, Telefongespräche auf Deutsch zu führen. Deutsche wurden geteert, gefedert und aus der Stadt gejagt. Robert Prager, ein dreißigjähriger Bergarbeiter aus Dresden, wurde 1917 von einem Mob gehängt. Mehr als 2.000 deutsche Zivilisten wurden bis zum Kriegsende in zwei Lagern interniert.

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Eine Privatorganisation aus etwa 200.000 Amateuerdetektiven und Möchtegern-Blockwarten, die American Protective League, spionierte deutschen Nachbarn und Kollegen nach, um mögliche Spione zu enttarnen. Deutschamerikaner wurden aufgefordert, ihre Loyalität zu den USA zu beweisen, indem sie Kriegsanleihen zeichneten und die Nationalhymne sangen. Der Druck zum öffentlichen Singen kommt uns doch bekannt vor.

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Differenziert wurde nicht. Wer nicht für die USA und deren Kriegseintritt war, war ein Verräter. So traf der Hass sogar die Mennoniten, aus Russland eingewanderte deutschsprachige Pazifisten, die mit dem preussischen Militarismus nun wirklich nichts am Hut hatten.

Die Zeit des Ersten Weltkriegs baute einen enormen Assimilationsdruck auf, so dass innerhalb weniger Jahre nach Kriegsende die meisten deutschen Zeitungen und andere Einrichtungen geschlossen hatten und die Deutschamerikaner weitgehend im US-amerikanischen Völkergemisch aufgingen. 1931 schrieb der Arbeiter Ludwig Dilger an seinen Bruder in Deutschland:

Wie ich den Zeitungen ersehe, wollen die Europäischen Mächte ihre Schulden nicht bezahlen, sie schulden uns 11 Billionen Dollar, haben aber stets Geld für Kriegsvorbereitung. Deutschland schuldet den Ver. Staaten 2 1/2 Billionen Dollar, die es für Kriegsentschädigung geborgt hat. Warum sollen wir doppelte Steuern bezahlen, um die Europäer zu helfen einen neuen Krieg anzufangen.

Hier erkennt man schon die Identifikation mit dem Aufnahmestaat (und ein treffendes Gespür für die Entwicklung in Europa). Andererseits gab es natürlich auch in den USA eine Menge begeisterte Nazis.

Die deutschen Biergärten, die einst so viel Anstoß erregten, werden mittlerweile weltweit als Kulturgut geschätzt. Wenn heute Abgeordnete mit Namen wie Fleischmann oder Sensenbrenner im Parlament der USA sitzen, bezweifelt niemand deren Loyalität. Und Amerikaner mit deutschen Vorfahren nützen diese Tatsache gerne, um eine begehrte EU-Staatsbürgerschaft zu erlangen. So gibt es eine generationenübergreifende Rückwanderung, allerdings zahlenmäßig auf weit geringerem Niveau. Von den europäischen Auswanderern im 19. Jahrhundert kehrte noch etwa ein Drittel wieder zurück, vor allem seit die Einführung der Dampfschiffe die Fahrt schneller, günstiger und weniger angsteinflößend machte.

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Warum gibt es so viele griechische Restaurants in Deutschland?

In Ammerthal, dem Dorf, in dem ich mich zwischen meinen Reisen ausruhe und dem Studium widme, gibt es einen Gasthof, der ganz kreativ „Ammerthaler Hof“ heißt. So heißt er wohl schon seit dem Mittelalter.

Vor ein oder zwei Jahren geschah jedoch etwas Wunderbares, denn eine griechische Familie übernahm die Pacht und versorgt seitdem das Dorf mit griechischem Essen, bekanntermaßen dem besten und gesündesten Essen der Welt. Ihr kennt ähnliches vielleicht aus anderen Landesteilen: Selbst in den kleinsten Dörfern in Deutschland findet man oft ein griechisches Restaurant, während man in Millionenstädten anderer Länder vergeblich nach einem Tempel des gut gegrillten und gewürzten Fleisches sucht. Warum ist das so?

Alles begann, wie Thomas Mann es formulierte, mit „dem großen Kriege, mit dessen Beginn so vieles begann, was zu beginnen wohl kaum schon aufgehört hat.“

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Während des Ersten Weltkriegs geriet Griechenland durch irgendein Kuddelmuddel mitten in die Kampfhandlungen. Bulgarische Truppen marschierten 1916 in Griechenland ein. Mit den Bulgaren kamen deutsche Verbindungsoffiziere, die aus der Klatschpresse wussten, dass der griechische König Konstantin I. vor der Königskarriere als Gastarbeiter in Deutschland tätig gewesen war und dort, wie das halt so passiert, die Schwester des deutschen Kaisers Wilhelm II. geheiratet hatte. Die Deutschen dachten sich, „vielleicht müssen wir ausnahmsweise mal nicht die gesamte Zivilbevölkerung massakrieren, sondern können uns irgendwie arrangieren.“ Das traf sich sehr gut mit der Weigerung der griechischen Armee, zu kämpfen. Wahrscheinlich ein Streik um das 16. Monatsgehalt oder die Rente mit 27.

Jedenfalls einigte man sich für einen Weltkrieg erstaunlich friedlich. Der Kommandeur des IV. Griechischen Armeekorps wandte sich an Generalfeldmarschall Hindenburg und schlug vor, die griechischen Soldaten nach Deutschland zu transportieren, wo sie das Ende des Weltkriegs abwarten könnten. Sie wollten aber keine Kriegsgefangenen sein, sondern ihre Waffen behalten und sich frei bewegen dürfen. Außerdem müsse Deutschland die Unterkunft und Verpflegung bereitstellen.

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Hindenburg dachte, „das ist ein fairer Vorschlag“ und willigte ein. So fuhren im September 1916 zehn Eisenbahnzüge mit über 6.000 griechischen Soldaten von Thessaloniki nach Görlitz (Fahrtzeit: 12 Tage), das Hindenburg als Ort für die Flüchtlinge auserkoren hatte. Denn, so Hindenburg in einer seiner vielen Fehleinschätzungen, „die Ossis sind gastfreundlich“.

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Aus Protest gegen die Aufnahme der „Pleitegriechen“ gründete sich sogleich die AfD-Vorläuferorganisation NSDAP, die auch heute noch in Görlitz eine ihrer Hochburgen hat. Offiziell wurden die Griechen allerdings herzlichst willkommen geheißen, mit Musikkappelle, mit Parade zum Flüchtlingsheim und mit „Χαίρετε“-Transparenten. Das Lager der Griechen erhielt sogar exterritorialen Status mit griechischer Gerichtsbarkeit. Die Griechen erhielten ihren Sold fortan von Deutschland, bekamen Sprachunterricht und durften kostenlos Post nach Griechenland versenden. (Anfang Januar 1917 warf ein deutscher Zeppelin über Larissa 15 Säcke mit Post von Görlitzer Griechen ab, um die Zensur an den Grenzen zu umgehen.)

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So konnte man den Krieg aushalten.

Die Griechen integrierten sich schnell, fanden Arbeit, eröffneten Geschäfte und natürlich Restaurants. Zuerst nur für sich selbst, weil man nur mit Gaststättenerlaubnis Ouzo importieren durfte, aber bald fanden Souvlaki und Bifteki auch bei den hungrigen und im weiteren Verlauf des Krieges zunehmend ausgehungerten Deutschen Gefallen.

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Das griechische Futter wurde so beliebt, dass Vertreter aus ganz Deutschland nach Görlitz kamen, um Griechen abzuwerben. Auch die polnischen Nachbarn blickten neidisch über den Fluss und wollten ebenfalls griechische Restaurants haben. Ihre Chance erhielten sie ab 1946, als Polen etwa 15.000 griechische Bürgerkriegsflüchtlinge aufnahm, von denen die meisten nach Görlitz-Ost (Zgorzelec) kamen.

Und so kam es, dass auch in Eurer Kleinstadt mindestens ein griechisches Restaurant auf Euch wartet. Guten Appetit! καλή όρεξη!

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„Wie ich fälschte, log und Gutes tat“ von Thomas Klupp

Man merkt, dass man in der Provinz lebt, wenn man sich über jedes Buch freut, das in der Region, der man entstammt, und die Provinz zu nennen sich die hier mit unangebrachtem Stolz verwurzelten Zeitgenossen verwehren würden, angesiedelt ist. Ich bin mir sicher, in New York, Berlin und Hildesheim kräht kein Hahn, wenn dort mal wieder ein Roman oder eine Fernsehserie spielt. Da kräht wahrscheinlich gar kein Hahn, weil die Menschen schon Funkwecker haben, die sich sogar von selbst auf Sommer- und Winterzeit umstellen, wobei ihnen dieser Spaß bald genommen wird und man dann eigentlich auch wieder auf die Sonnenuhr vertrauen kann. „Wia hamsa scho imma gwusst, dass ma des neimodische Zeig ned bracha“, werden die Leute in der Oberpfalz dann sagen, und damit wird jedem klar, wieso ich als Sprachästhetiker schon immer weg wollte.

Aber heute geht es um ein in der Oberpfalz angesiedeltes Buch, nämlich Wie ich Fälschte, log und Gutes tat von Thomas Klupp. Der Autor verbrachte seine Kindheit oder Jugend in Weiden, der meiner Heimatstadt Amberg im ewigen Wettstreit verbundenen nächstgelegenen Ansiedlung, die gerade noch die Bezeichnung Stadt verdient. Eben dort lässt er den 15-jährigen Benedikt Jäger als Ich-Erzähler vom Kepler-Gymnasium, vom Tennis, von seinen Eltern und von zu vielen Drogen erzählen.

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Wie im Leben von wohlbehütet aufwachsenden Kindern der gehobenen Mittelschicht üblich, passiert da nichts Besonderes, außer Stress in der Schule, Verwunderung über die Eltern, andere Erwachsene und Mädchen, sowie die ersten kritischen Beobachtungen zur Gesellschaft.

Was mich allerdings verwundert hat, ist die Ubiquität von Drogen. Ich weiß nicht, ob das früher auch so war. Mir hat jedenfalls nie jemand etwas angeboten. Vielleicht gibt es in Weiden aber auch mehr Drogen als in Amberg, weil dort die Lage noch aussichtsloser ist. Die im Roman auf die Schippe genommene Anti-Drogen-Initiave „Need no Speed“ wurde nach Veröffentlichung von Wie ich fälschte, log und Gutes tat übrigens eingestellt, wie der im Buch als „kulturlos wirkend“ bezeichnete Neue Tag berichtet.

Das ist sehr flott erzählt, unterhaltsam und amüsant, aber durchaus mit bösem und meist treffendem Humor. Benedikt ist, wie der Titel nahelegt, gewieft und gerissen. Er fälscht, lügt, klaut und betrügt, wobei die Kriminalität mehr dem Durchmogeln dient als der langfristigen Bereicherung. Trotz allem bleibt er ein liebenswürdiger Charakter.

Etwas zu offensichtlich fand ich die Anleihen, die Thomas Klupp beim Fänger im Roggen genommen hat, dem Buch, das wohl unübertreffbar die Welt aus der Sicht eines Jugendlichen beschreibt. Zum einen bei der betont lockeren Sprache, aber auch das Entlarven der Erwachsenenwelt als verlogen.

Ich habe das Buch mit großem Vergnügen und ruckzuck ausgelesen, vielleicht weil ich ähnlichen Alters wie der Autor bin und mich an meine Schulzeit zurückerinnert habe. Es war ein bisschen so, wie wenn um 23 Uhr plötzlich ein paar alte Klassenkameraden vor der Tür stünden und sagten, „komm, wir fahren zum Burger King“. Auch wenn man am nächsten Morgen früh raus müsste oder noch das erwachsene Äquivalent von Hausaufgaben zu erledigen hätte, würde man keine Sekunde zögern. Manchmal nützt man Lebenszeit am Besten, indem man sie genüsslich verschlumst. Dieses Buch eignet sich dazu hervorragend.

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Eine Wanderung entlang der Semmeringbahn

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Auf den ersten Blick sieht die Landschaft in den Wiener Alpen idyllisch aus.

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Aber das Auge des Kenners sieht sofort, dass etwas fehlt: eine Eisenbahn!

Denn wie soll das Volk diese Bilderbuchlandschaft genießen, wenn es nicht vom Hauptbahnhof in Wien dorthin gelangen kann? Es war auch diese Unzufriedenheit mit der Verkehrssituation, die 1848 zum Ausbruch der Revolution führte. Kaiser Ferdinand I., selbst ein Eisenbahnfreund, vernahm den Ruf gerne und veranstaltete einen Ingenieurswettbewerb. Das Glückslos zog Carl von Ghega, ein albanisch-stämmiger, in Venedig geborener, bereits mit 17 Jahren graduierter und promovierter und damit typischer Multikulti-Titelhuberei-Österreicher. Das Problem war nur, er hatte noch nie eine Eisenbahn gebaut. Aber dazu später mehr.

Nun könnte ich als Eisenbahnfreund diese wunderschöne Strecke aus dem Luxus und Komfort des Zugs genießen, aber für fitte Menschen, die den ganzen Tag Zeit haben, gibt es eine bessere Option: einen Wanderweg entlang der Bahnstrecke. Wer sich jetzt denkt, „so eine blöde Idee, immer am Bahndamm entlang zu laufen und am Ende noch überfahren zu werden“, der wird hier hoffentlich eines Besseren belehrt.

Ich beginne die Wanderung in Semmering, dem namensgebenden Ort, der für seine Bedeutung erstaunlich klein ist. Aber früher war hier wohl mehr los, wie die überdimensierten Hotels im Zauberberg-Stil nahelegen. Jetzt werden sie als Senioren- und Pflegeheime oder überhaupt nicht genutzt.

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Die Anzeige am Bahnhof Semmering verspricht Abfahrten nach Mürzzuschlag, Payerbach, Graz, Wien, Ljubljana (Laibach) und Prag. Für ein Dorf mit etwas über 500 Einwohnern sind Zugverbindungen in drei europäische Hauptstädte doch ganz gut.

Aber die Hochzeit des Tourismus scheint Semmering mit einer einfachen Fahrkarte verlassen zu haben, denn als ich mich dem Kurhaus Semmering nähere, merke ich, dass es verwaist und menschenleer ist.

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Im Salon gaibt es weder heiße Schokolade, noch Almdudler. Nur ein paar Mäuse huschen davon.

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Ganz vom Fortschritt geprägt ist hingegen die Eisenbahn. Die alten Züge wurden schon längst ausgetauscht und stehen nur mehr aus musealen Gründen neben der Strecke.

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Wie um zu bestätigen, dass der ambitionierte Fahrplan keine Schimäre ist, rauscht schon der erste hypermoderne Zug vorbei, als ich, einen letzten Schluck aus dem Brunnen genommen habend, Semmering verlasse.

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Bald merke ich, dass der Bahnwanderweg keinesfalls immer an den Gleisen entlang geht. Im schnellen Wechsel finde ich mich mal unter den Gleisen, mal verlaufen diese auf der anderen Seite des Tals, und mal sehe ich von einem Berg oder Aussichtspunkt auf die Eisenbahn hinab, wie Peter Rosegger in seiner Erzählung Als ich das erste Mal auf dem Dampfwagen saß:

Wir gingen über das Stuhleckgebirge, um ja dem Tale nicht in die Nähe zu kommen, in welchem nach der Leut‘ Reden der Teufelswagen auf und ab ging. Als wir aber auf dem hohen Berge standen und hinabschauten auf den Spitalerboden, sahen wir einer scharfen Linie entlang einen Wurm kriechen, der Tabak rauchte.

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Die Orientierung habe ich schon voll verloren, denn die Semmeringbahn verläuft wie ein verknotetes Wollknäuel. Grund dafür ist die schon erwähnte mangelnde Eisenbahnerfahrung des Chefplaners. Ghega wusste nicht, dass man Eisenbahnstrecken am besten gerade baut oder zumindest in weiten Kurven, bei denen die Lokomotive eine hohe Geschwindigkeit beibehalten kann. Er war fasziniert von der Landschaft und wollte den Streckenverlauf in diese einpassen, um ein Gesamtkunstwerk zu schaffen. Sein erklärtes Ziel war es, als erste Eisenbahn zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt zu werden.

So beansprucht die Semmeringbahn eine Länge von 42 km, obwohl die beiden Endpunkte nur 21 km Luftlinie voneinander entfernt sind. Auf dieser Strecke befinden sich 14 Tunnel, 16 Viadukte und über 100 Brücken und Durchlässe. Manche Kurven sind eng wie Haarnadelkurven auf einem Alpenpass. Die Kombination aus Steigung und engem Bogenradius wurde damals von den meisten anderen Ingenieuren als unüberwindbar gehalten.

Aber schön sieht es aus.

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Die Bauarbeiten begannen 1848 und wurden 1854 abgeschlossen. Das sind sechs Jahre, für so ein Großprojekt fast schon ein chinesisches Tempo. Umso beeindruckender ist diese Leistung angesichts dessen, dass der verschlafene Alfred Nobel sein Dynamit erst 1866 und damit viel zu spät für die Semmeringbahn erfand. (Wegen des verlorenen Wettlaufs mit Ghega musste er den Nobelpreis stiften.) Die Tunnel wurden noch mit Schwarzpulver gesprengt. Das so gewonnene Ausbruchmaterial wurde dann gleich für Brücken, Viadukte, Bahnhofsgebäude und Trafiken verwendet. Damit erfand Ghega nicht nur das Recycling, sondern baute die Gebäude entlang der Strecke mit dem aus der Landschaft gewonnen Material und verstärkte so das Zusammenspiel von Natur und Baukunst. (Das wäre eines Architekturnobelpreises würdig gewesen, aber Nobel war so fies, gerade für diese Disziplin keinen Preis auszuloben.)

In einem dieser Streckenwärterhäuschen ist jetzt das Ghega-Museum, aber leider habe ich mir so eine lange Wanderung vorgenommen, dass ich nicht einkehren kann.

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Die Wanderung ist übrigens landschaftlich wunderschön, abwechslungsreich, aber auch eine ziemliche Herausforderung. Ganz ohne Dampfwagen muss ich bergauf, bergab, bergauf, bergab. Jede Station ist eine Versuchung, denn ich könnte einfach den nächsten Zug zurück nach Wien nehmen. Andererseits fürchte ich, schöne Ausblicke zu verpassen, denn immer wieder erspähe ich durch die Bäume oder auf gegenüberliegenden Hügeln schmucke kleine Häuschen.

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Na gut, vielleicht auch etwas größere Häuschen. Die Lage entlang der Handelsroute zwischen Venedig und Wien schien sich für die hier ansässigen Raubritter ausgezahlt zu haben. Man kennt das ja von der Autobahnmaut.

Apropos Verkehr: Ich hatte eigentlich erwartet, den ganzen Tag über nur ein paar Bummelbahnen zu sehen, aber stattdessen zischt alle 15 Minuten ein Zug vorbei. Personen- und Güterzuge am laufenden Band. Die Verkehrswende hin zur Schiene ist im vollen Gang.

Am 20-Schilling-Blick treffe ich einen fotografisch bestens ausgestatteten Herrn aus Japan, der extra für dieses Fotos aus Salzburg angereist ist. Um irgendetwas anderes zu sagen, als dass ich das für übertrieben halte, bemerke ich: „Hier kommen ganz schön viele Züge vorbei, nicht wahr?“ Unbeeindruckt gibt er zurück: „Meinen Sie?“ Naja, wenn man aus Tokio kommt, ist man natürlich anderes gewöhnt.

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Der Ort heißt übrigens 20-Schilling-Blick, weil er auf der Rückseite des entsprechenden Scheines stolz zur Schau gestellt wird, beziehungsweise wurde. Wegen dieser beliebten Banknote bestand Österreich bei der Euro-Einführung darauf, dass auf den Rückseiten der Euroscheine ebenfalls Brücken abgebildet werden.

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20 Alpendollar ist auch etwa der Preis für ein Ticket zurück nach Wien, was ich mir natürlich gerne ersparen würde. Da kommt mir die Topographie entgegen. Weil der Wanderweg immer wieder oberhalb des Schienenstrangs verläuft und weil die Züge in den engen Kurven langsam fahren müssen, sollte es möglich sein, auf einen Güterzug aufzuspringen, wie bei Jack London.

Am einfachsten wäre das Aufsteigen natürlich während eines Halts, aber die Güterzüge rauschen alle durch vom österreichischen Adriahafen in Triest bis nach Wien. Wenn man von einer Brücke auf den fahrenden Zug springt, muss man das richtig gut timen, um nicht exakt zwischen den Waggons zu landen und zermalmt zu werden. Das Dach oder die Ladefläche ist das Ziel.

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Erfahrung damit habe ich bisher keine, aber ich hatte mal Physik in der Schule. Mit Matura kommt man wirklich leichter durchs Leben. Von Galilei, Brecht und Newton weiß ich, dass Objekte unabhängig vom Gewicht gleich schnell fallen, wenn der Luftwiderstand gleich ist. Also sammle ich ein paar Steine ein und lasse sie von der Brücke auf den durchfahrenden Zug fallen, um zu sehen, wo genau der Waggon beim Absprung sein muss, damit der Stein oder ich sicher in der Mitte des Waggons landet.

Weil ich noch schlauer als ein Physiker bin, kalkuliere ich zusätzlich ein, dass ich zwar einen ähnlichen Luftwiderstand wie ein Stein habe, aber einen höheren mentalen Widerstand. Ich werde also nicht ganz ohne Zögern springen, was die Gefahr erhöht, dass ich erst nach der erwünschten Wagenladung von kuscheligen Matratzen oder slowenischen Weihnachtsbäumen aufschlage.

Und dann ist der Zug weg.

Ich bin wohl doch eher ein Theoretiker als ein Praktiker. Wieso gibt es eigentlich für uns keine Baumarktkette? Da könnte man dann stundenlang diskutieren und überlegen, und am Ende geht man doch wieder nur zum Kiosk auf dem Parkplatz und gönnt sich eine Currywurst.

Der Gedanke an ein Abendessen ist es dann auch, der mich Abstand von dem tollkühnen Plan nehmen und ganz konventionell die letzten Kilometer nach Gloggnitz gehen und dort ein Billett nach Wien-Meidling erwerben lässt. „Aber irgendwann springe ich auf einen Güterzug und fahre quer durch Mexiko, ich schwöre es“, denke ich mir noch, als ich zuhause ins Bett falle, ganz erschöpft von tatsächlichen und imaginären Abenteuern.

Praktische Hinweise:

  • Der Bahnwanderweg von Semmering nach Gloggnitz ist gut ausgeschildert, und es gibt eine Menge an lehrreichen Informationstafeln (auf Deutsch und Englisch) und Aussichtspunkten.
  • Eine Alternativroute verläuft von Semmering nach Payerbach oder in die andere Richtung von Semmering nach Mürzzuschlag. Alle Orte sind logischerweise mit dem Zug zu erreichen. Auch zwischendrin könnte man die Wanderung abbrechen und am nächsten Bahnhof in den Zug steigen.
  • Hier gibt es die wesentlichen Informationen und eine Karte. Wer mehr Informationen mit sich tragen will, ist bei diesem Wanderführer an einer guten Adresse.
  • Für die Strecke von Semmering nach Gloggnitz (23 km) habe ich 9 Stunden gebraucht, allerdings mit etlichen und langen Pausen. Wer es kürzer haben will, könnte in Klamm, also nach nur 15 km, aufhören. Damit hättet Ihr auch den schönsten Teil der Wanderung abgedeckt, denn nach Klamm kommen eigentlich keine richtig spektakulären Stellen mehr.
  • Es gibt wenige Orte, wo es Essen und Trinken gibt, also besser ausreichend mitnehmen. Wenn Ihr beim Blunzenwirt in Breitenstein vorbeikommt, bestellt nur etwas zu Trinken. Das Essen dort war das schlechteste, das mir in Österreich untergekommen ist. (Obwohl ich schon selbst hier gekocht habe.)

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Auswanderungsberatung

Einfach so Auswandern? Das geht in Deutschland nicht. Zuerst muss man sich beraten lassen.

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Zumindest bis 1924 war die Beratung obligatorisch. Verhindert konnte die Auswanderung aber nicht werden, da Artikel 112 der Weimarer Reichsverfassung Auswanderungsfreiheit gewährte.

Das Reichswanderungsamt sollte nicht nur neutral beraten, sondern die Auswanderungswilligen von ihrem Plan abbringen. Insbesondere beruflich Qualifizierte wurden versucht, zum Verbleib in Deutschland zu überreden. Außerdem wollte das Deutsche Reich Einfluss auf die Auswandererströme nehmen und diese vorwiegend nach Südamerika lenken, wo geschlossene Siedlungen von Deutschen und damit die Sicherung des „Deutschtums“ der Auswanderer möglicher als in den USA erschienen.

Tatsächlich gibt es zum Beispiel in Brasilien Städte, die so aussehen. Leicht zu erraten, welche Einwanderergruppe für diesen Kitsch verantwortlich ist. Die Deutschen waren immer die größten Integrationsverweigerer.

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Im Volksmund wurde das Reichswanderungsamt „Amt der verlorenen Worte“ genannt, und Hunderttausende stürmten trotzdem auf die Schiffe nach Nord- und Südamerika.

(Quellen: Good bye Bayern, Grüss Gott America: Auswanderung aus Bayern nach Amerika seit 1683 und Migration und Politik in der Weimarer Republik)

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